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Full text of "Stachowiak ( 1973): Allgemeine Modelltheorie"

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Herbert Stachowiak 



Allgemeine i 
Modeütheork 



m ^ 



SpringerVerlag 

Wien Newlcbrk 




Prof. Dr. phil. Herbert Stachowiak 
Berlin — Paderbo rn 

o.Professor und Honorarprofessor 

Direktor des Instituts für Wissenschafts- und Planungstheorie 

des Forschungs- und Entwiddungszentrums für objektivierte Lefax- und 

Lernverfahren GmbH. 



Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. 

Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, 

des Nachdruckes, der Entnahme von Abbildungen, 

der Funksendung, der Wiedergabe auf photomechanischem 

oder ähnlichem Wege und der Speiche mng in Datenverarbeitungsanlagen, 

bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. 

© 1973 by Springer- Verlag/Wien 

Library of Congress Cataiog Card Number 73-75910 

Printed in Austria 



Technische ijnivarsHiil Ger'tr, 
Facht ibl. Irttemraük 



ISBN 3-211-81106-0 Springer- Verlag Wien — New York 
ISBN 0-387-81106-0 Springer- Verlag New York— Wien 



Meinem Vater 
Adalbert Stachowiak 
zum Gedächtnis 



Vorwort 

Die vorliegende Untersuchung ist das Ergebnis langjähriger Studien 
im Umkreis des Modellbegriffs. Sie begannen 1957 mit einem ersten 
systematischen Orientierungs versuch („Über kausale, konditionale 
und strukturelle Erklärungsmodelle", Philosophia Naturalis, Bd. IV, 
H. 4, 1957, p. 403 — 433) und führten über mehrere Stufen fort- 
schreitender Systematisierung zu dem 1965 vorgelegten modell- 
theoretischen Konzept („Gedanken zu einer allgemeinen Theorie der 
Modelle", Studium Generale, 18. Jg., H. 7, 1965, p. 432—463), das 
ich schließlich auf die Fassung der jetzt vorliegenden „Allgemeinen 
Modelltheorie" erweitern und präzisieren konnte. Ende 1969 folgte 
ich einer Einladung der UNESCO, Paris, eine Studie über den 
Mcdcllbcgnff abzufassen Diese Arbeit ist inzwischen erschienen in 
dem Sammelwerk „Scientific Thought", Band 9 der Reihe New 
Babylon (Mouton/Unesco, Paris -The Hague, 1972). Sie ist zum Teil 
als Voreotwurf des dritten Kapitels der „Allgemeinen Modell theo rie" 
zu betrachten. Andere eigene Veröffentlichungen, insbesondere auf 
erkenntnispsychologischem und Wissenschafts theo retischem Gebiet, 
sind durch die erwähnten modefhheoretischen Untersuchungen be- 
einflußt. An ihren Ergebnissen ist auch mein Buch „Denken und 
Erkennen im kybernetischen Modell" (Wien — New York: Springer, 
2. Aufl., 1969) orientiert. 

Mit vielen meiner Leser — kritische Rezensenten inbegriffen — 
betrachte ich mich als in einem umfassenden Gesprächs- und Arbeits- 
zusammenhang verbunden. Daher sei auch zu dem vorliegenden 
Werk die Bitte um Hinweise auf systemarische Fehler, Disproportio- 
nalitäten, bedenklich scheinende Wensetzungen und sonstige tatsäch- 
liche oder mögliche Mängel des Buches vorgetragen. Nur in solcher 
Kommunikation kann auf einem Felde, zu dessen weiterer Bearbei- 
tung die Kräfte eines einzelnen nicht ausreichen, der vorgelegte An- 
satz bereinigt, vertieft und erweitert werden. Allen Helfern hieran 
Dank im voraus. 



VIII Vonvorr 

Bei der Abfassung des Manuskripts haben mir in der Anfangs- 
phase meiner modelltheorerischen Überlegungen Gespräche mit den 
Herren P. Gang und Prof. Dr. D. Wunderlich wertvolle Anregun- 
gen gegeben. Hierfür sei beiden Genannten herzlich gedankt. Herrn 
Wunderlich bin ich darüber hinaus für >cine oft bis ins formale 
Detail reichende Hilfe bei der Erarbeitung des logisch-explikativen 
Teils des dritten Kapitels und der darin vorkommenden Maßbestim- 
mungen zu besonderem Dank verpflichtet, Den Herren Prof. Dr. 
H. Pachale, Dipl.-Math. Srudienrat W.Krüger und Dipl.-Math. 
R.-B. LÜSChott dünke ich für kritische Durchsicht des Manuskripts, 
Herrn Krüger darüber hinaus für gründliches Korrekturlesen. Die 
Anlage des Namenverzeichnissen sowie die sorgfältige Fehlerdurch- 
sicht des Literaturverzeichnisses und der Bibliographie verdanke ich 
Herrn H. Radlmersky. Herr Dr. G.Wersig hat mir dankenswerter- 
weise seine sich über ein Jahr erstreckende Hilfe in bibliographischen 
Recherchen zureit werden lassen. Dankbar hervorzuheben habe ich 
endlich erneut die unentbehrliche technisch-organisatorische Unter- 
Stützung durch meine langjährige Mitarbeiterin Frau H. Stranz und 
meine Frau B. Stachowi AK-Prä STEL. 

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat meine modeil theore- 
tischen Bemühungen in einer (aus persönlichen Gründen kritisch 
gewordenen) wichtigen Arbeitsphase amerstützr, wofür ihr hier auf- 
richtig Dank gesagt sei. 

Dem Springer- Verlag bin ich für Verständnis, Geduld und stets 
freundliches Entgegenkommen treu verbunden. 

Berlin, im Sommer 1973 

Herbert Stachowlak 



> 



Inhaltsverzeichnis 

Verzeichnis der Schaubilder, Photographien und Tafeln XIV 
Einleitung 1 

1. Das „modellisiische" Erkenntniskonzept 8 

1.1 Denkgeschichtliches 8 

1.1.1 Die klassischen Formen 5 

1.1.2 Positivismus und systemarische Philosophie 12 
U.3 Neuere Strömungen 13 

1.1.4 Neoempirismus 16 

1.1.5 Logischer Positivismus 18 

1.2 Säkularisierung der Erkenntnis 20 

1.2.1 Älterer Pragmatismus 20 

1.2.2 Konventionalisnius 23 

1.2.3 Poppers Kritischer Rationalismus 26 

1.2.3.1 Kritik am Neoempirismus 26 

1.2.3.2 Basissätze 27 

1 .2.3.3 Kritik an den verifizierenden Verfahren 1~ 

1.2.3.4 Die „kom-entionalisttsehe Wendung" 28 

1.2.3.5 FalsÜizierbarkcir und Falsifiziercheir 28 

1.2.3.6 Befahrbarkeit und Bewährung 30 

1.2.3.7 Poppers ^asIs-Konvenrinnalismiis^ 30 

1.2.3.8 Foppers „Pragmatismus" 31 

1.2.3.9 Wahrscheinlichkeit und Reichhaltigkeit 
von Theorien 33 

1.2.3.10 Verdeutlichungsversuche und Wetterführungen 34 

1.2.4 Das neopragmatische Erkenntniskonzept 36 

1.2.4.1 Die logisch-linguistische Basis des Whiteschen 
Neopragmatismus 37 

1.2.4.2 White s „Dezisionspragmatismus" 38 



X Inhaltsverzeichnis 

13 „Modellismus" 40 

1.3.1 Kritik an Poppers Erkenntnistheorie 41 

1.3.1.1 Das Leitlinien problem 41 

1.3.1.2 Das Basisproblem 43 

1.3.1.3 Die Unmöglichkeit von entscheidungsfreien 
Letztbegründungen 45 

1.3.1.4 Zusammenfassung der kritischen Würdigung 
Poppers 47 

1.3.2 Der pragmatische Entschluß und seine Supplemente 50 

1.3.3 Das Modellkon2ept der Erkenntnis 56 

1.3.3.1 Weite des Modellbegriffs 56 

1.3.3.2 Modell-Operarionalität 57 

1.3.3.3 Empirische Theorien als Modelle 57 

1.3.3.4 Verfahren der Theorieprüfung 58 

1.3.3.5 Empirisch relevante metaphysische Theorien 
als Modelle 59 

1.3.3.6 Liberalität und Strenge des Modellkonzepts 
der Erkenntnis 60 

1.3.3.7 Erkenntnisaxiologie und neopragmatischer 
Humanismus 60 

1.3.3.8 Modellismus, Aufklärung und Emanzipation 63 

1.3.3.9 Modellismus und Marxismus 65 

1.4 K- Systeme 67 

1.4.1 Voraussetzungen 68 

1.4.2 Das Ausgangsmodell 69 

1.4.2.1 Mensch- Außenwelt-System 69 

1.4.2.2 Prozeßablauf 70 
1.4X3 Funktionseinheiten 72 

1.4.2.4 Kybernetische Deutung 73 

1.4.2.5 Rationalitä «annahmen 74 

1.4.3 Übertragung auf Gruppen und Organisationen 82 

1.4.3.1 Systemgruppen 82 

1.4.3.2 Rationale Gruppen 83 

1.4.3.3 K-Gruppen 86 

1.4.3.4 K- Organisationen 92 



Inhaltsverzeichnis XI 

1.5 Erkenntnis in K-Systemeo und für K- Systeme 96 

1.5.1 Erfahrungs Wissenschaftler 96 

1.5.2 Forschungsgruppe 97 

1.5.3 Forsdiungsorganisation 99 

1.5.4 Voraussagefunktion und K-Strukttir 99 

1.5.4.1 Theoretische Voraussagen 100 

1.5.4.2 Operative Voraussagen 100 

1.5.4.3 Prospektive Voraussagen 101 

1.5.5 Erkenntnis und Aktion 104 

1.5.6 Erkenntnis und Planung 108 

1.5.7 Ausblick auf eine konstruktive Erkenntnisanthropologie 114 

2. Der allgemeine Modellbegriff 128 

2.1 Allgemeine Eigenschaften von Modellen 
und erste Begriffsfixierungen 128 

2.1.1 Die drei Hauptmerkmale des allgemeinen Modellbegriffs 131 

2.1.1.1 Abbildungsmerkmal 131 

2.1.1.2 Verkürzungsmerkmal 132 

2.1.1.3 Pragmatisches Merkmal 132 
21.2 Attributklassen 134 

2.1.2.1 Attribute beliebiger Stufe 134 

2.1.2.2 Prädikate 135 

2.1.2.3 Attribut- und Prädikatklassen 136 

2.1.2.4 Systeme 137 

2.1.3 Modelle und Modelloperationen 138 

2.1.4 Einführung modelltheorcrischer Ordnungsbegriffc 140 

2.1.4.1 Strukturelle Angleidmng 141 

2.1.4.2 Materiale Angieichung 144 

2.1.4.3 Kopierungen und Kopien 153 

2.1.4.4 Raummetriken der Original-Modell-Abbildung 154 

2.1.4.5 Prätention, Abundanz und Kontrastierung 155 

2.2 Graphische und technische Modelle 159 
2.2.1 Graphische Modelle 159 

2.2.1.1 Fbotographische Modelle 160 

2.2.1.2 Verallgemeinerung: Bildmodelle 163 

2.2.1.3 Darstellungsmodelle 165 

2.2.1.4 Anwendung modelkheoretischer Ordnungs- 
begriffe 168 



XII Inhaltsverzeichnis 

2.2.2 Vorbemerkungen zum Begriff und zur Einteilung 
der technischen Modelle 174 

2.2.3 Physikotechnische Modelle 175 

2.2.3.1 Statisch-mechanische Modelle 176 

2.2.3.2 Dynamisch -mechanische Modelle 181 

2.2.3.3 Elektromechanische Modelle 185 

2.2.3.4 Elektronische Modelle 187 
2.23.5 Elektrochemische Modelle 1S9 

2.2.4 Bio-, psycho- und soziotechnische Modelle 190 

2.2.4.1 Biotechnische Modelle 190 

2.2.4.2 Psycho- und soziotechnische Modelle 192 

2.3 Semantische Stufen und semantische Modelle 196 

2.3.1 Die Theorie der semantischen Stufen 199 

2.3.1.1 Die nullte semantische Stufe 200 

2.3.1.2 Haupteinheiten der verallgemeinerten 
Linguistik 201 

2.3.1.3 Die erste semantische Stufe 207 

2.3.1.4 Die zweite semantische Stufe 214 
23.1.5 Die dritte semantische Stufe 216 
2,3.1.6 Verallgemeinerung 217 

2.3.2 Semantische Modelle 219 

2.3.2.1 Testkreis und Diskussionskreis 219 
2.3-2.2 Mode 11 -Original- Vergleiche und Ordnungs- 
eigenschafter» 222 

2.3.2.3 Sernologische Einteilung der semantischen 
Modelle 229 

2.3.3 Nicht-szientifische semantische Modelle 234 

2.3.3.1 Vorwissenschaftlich -deklarative Modelle 234 

2.3.3.2 Poetische Modelle 235 

2.3.3.3 Metaphysische Modelle 238 

2.3.4 Szienri fische semantische Modelle 242 

2.3.4.1 Das Verhältnis der sziemif Ischen zu den nicht- 
szientifischen nairativen Modellen 242 

2.3.4.2 Formale Modelle (Formal Wissenschaft) 243 

2.3.4.3 Empirisch- theo retische Modelle 
(Erfahrungswissenschaft) 254 

2.3.4.4 Operative und prospektive Modelle 
(Aktionswissenschaft, Planung) 269 

2.3.4.5 Programmarischer Exkurs über Gesduchts- 
modelle 281 



Inhaltsverzeichnis XIII 

2.4 Zur Problematik des Originals 2S5 

2.4.1 Neopragmatisch-modeLlisriseher Standpunkt 285 

2.4.2 Dialektisch-materialistischer Standpunkt 
{Exkurs zur Erkenntnistheorie von G. Klaus) 289 

3. Explikationen und Fomaa!isierimgsansär.2e 304 

3.1 Vorbemerkungen 304 

3.1.1 Explikationskrirerien 304 

3.1.2 Formale Vora u s Setzungen 305 

3.2 Prädikatklassen, Systemaggregate und Systeme 305 

3.2.1 Prädikatklassen 305 

3.2.2 Systemaggregate und Systeme 308 

3.3 Der explizierte Modellbegriff 312 
3.3.1 Ikostrukrurclle Abbildung 313 
33.2 Kodierte Prä dikatk lassen 313 

3.3.3 Der allgemeine Modellbegriff 315 
3.3.3.1 Vorbemerkungen 315 

3 3.32 Grundrelationen der pragmatischen 

Sprachstufe 317 
3.33.3 Explikation des Modellbegriffs 322 
3.3.3.4 Erklärungen und Ergänzungen 324 

3.4 Maßbestimmungen 327 

3.4.1 Strukturelle Maße 327 

3.4.2 Kodemaße 332 

3.43 Ausblick auf weitere Maßbestirnmungen 333 

3.5 Wichtige Modellarten 339 

3.5.1 Dynamische Modelle 340 

3.5.2 Kybernetische Modelle 341 

3.5.3 Simulationsmodelle 341 

Anhang I {zu Abschnitt 1.4): Glossarium zum K-Modell 343 
Anhang II (zu den Abschnitten 2.1.2 und 3.2.1): 

Eine Korrespondenz zur Attrsbutenabschätzung 352 
Literatur 363 

Ausgewählte Bibliographie (B) zur System- und Modelltheorie 384 
Namenverzeichnis 413 
Sachverzeichnis 420 
Verzeichnis der Symbole und Abkürzungen 491 



Verzeichnis 

der Schaubilder, Photographien und Tafeln 

Scbaubilder 

1 Grundschema des K-Systems 73 

2 Grundschema eines adaptiven Planungssystems 110 

3 Die Kategorien der Bedeutung und des Sinnes nach G. Frege 148 f. 

4 Die Original-Modell- Abbildung 157 

5 Extensionaler Graph zu Tafel 2 159 

6 Vollständiges Schaltbild und Blockschaltbild einer Zählvorrichtung 
für Lichtblitze 167 

7 Einteilung der graphischen Modelle 168 

8 Einteilung der Fluidograrome 168 

9 Zum modeil theoretischen Isomorphiebegriff 169 

10 Einteilung der physiko technischen Modelle 190 

11 Übersichts scbema zur Theorie der semantischen Stufen 218 

12 Testkreis. Denk-Sprech-Kommunikation zwischen Versuchsperson 
und externem Beobachter 220 

13 Diskussions kreis. Denk-Sprech-Kommunikation 
zwischen zwei Außenweltperzipienten 223 

14 Schematische Darstellung der Denkbewegung und ihrer begleitenden 
Zeichen modeile 230 

15 Zum Technologie -Technik • Verhältnis: 
Basis- und Reflexionsbereiche 277 

16 Zur Problematik des „Originals" in der Sichtweise 
des dialektischen Materialismus 291 

17 Konvergente und divergente Modelffolgen bezüglich desselben 
Originals 293 

18 Zum Reversenbegriff 321 

Schauhild zum Glossariumsstichwort „Motivator" 347 



Verzeichnis der Schaubilder, Photographien und Tafeln XV 

Photographien 

1 Röntgenbild eines menschlichen Schädels mit elektronischem 
Kontrastmodell 177 

2 Starisch-mechanisches Modell des tiranium-235-Atoms 178 



Tafeln 

1 Beispiel zu Schaubild 3 149£, 

2 Die modeil theoretischen Haupt begriffe 157 f. 

3 Analogiebereiche physiko technischer Modelle 186 

4 Haupteinheiten der verallgemeinerten Linguistik 203 

5 Die Modelle der ersten semantischen Stufe 213 

6 Zur Zuordnung der operativen und prospektiven Modelle zu den 
Bereichen technikbezogener Planung 272 

7 Zur Klassifikation und Bewertung von Geschichtsmodellen 282 

8 Basale Systemtypen 312 



Einleitung 



Im wissenschaftlichen wie außerwissenschaftlichen Sprachgebrauch 
hat gegenwärtig der Modellbegriff zunehmend Relevanz erlangt. 
Bei zahlreichen passenden — leider auch unpassenden — Gelegen- 
heiten ist von „Modellen" die Rede, Das Wort Modell wird eben- 
so gedankenlos fehl verwendet, wie man es als bewußt gewählten 
wissenschaftlichen Terminus in Zusammenhängen findet, die das 
Bestreben erkennen lassen, es mit einer streng explizierten oder 
wenigstens explizier baren Bedeutung zu verbinden. In der Mathe- 
matik und Logik ist dies unter starker Einschränkung seines Bedeu- 
tungsgehaltes realisiert, und einige Autoren, die diese Einschränkung 
nicht für fruchtbar hielten, haben versucht, das Spezifische des 
Modellbegriffs so zu charakterisieren, daß erkennbat wird, in wel- 
chem Sinne sie diesen Begriff verstanden und verwendet wissen 
wollen. Auch Ansätze taxionomischer Klassifikation von Modellen 
sind hier und dort zu finden. Bei den meisten Autoren jedoch, die 
in mannigfaltigsten Bezügen von Modellen sprechen, vermißt man 
weitgehend, wenn nicht gänzlich, wtssenschafts theoretisch-methodo- 
logische Reflexion über den von ihnen zugrunde gelegten Modell- 
begriff. Dessen Charakteristika können in solchen Fällen nur indirekt 
aus den gebotenen Kontexten erschlossen werden. 

Gerade hier aber, wo noch der mehr intuitive Zugriff des Schrei- 
benden und Sprechenden die Funktion normierender terminologi- 
scher Verwendungsregeln innehat, pflegt nicht selten der Wandel 
der Sprachgewohnheit, indem diese sich fast unmerklich an einen 
bestimmten Stil der Betrachtung und des Denkens adaptiert, zum 
Indiz neu sich gestaltender allgemeiner Haltungen und Einstellungen 
zu werden. Die zunehmende Neigung zeitgenössischer Forscher, so- 
gar Erkenntnisgebilde von der Qualität hochkomplexer erfahrungs- 
wissenschaftlicher Theorien als ..Modelle" aufzufassen oder sie zu- 
mindesr kurzweg so zu nennen, dürfte in diesem Sinne eine tief- 
liegende Wandlung wissenschaftlich-philosophischen Denkens sicht- 

I Siicbowisk. ModeJhheorie 



2 Einleitung 

bar werden lassen. Es ist dies fraglos eine Wandlung nicht zuletzt 
der Ansprüdie, die der Wissenschaftler und der wissenschaftlich 
orientierte Philosoph an ihre Tätigkeit und deren Ergebnisse stellen 
zu dürfen glauben: 

Mit den wachsenden Anforderungen an die instrumentale, ins- 
besondere prognostische Qualität und die wertbezogene Funktio- 
nalität der Erkenntnisgebilde ist ein rasches Dahinschwinden der 
klassisch-erkenntnistheoretischen Auffassung verbunden, die am Ideal 
der inten tionslos- wertfreien, auf objektive „Realitätsabbildung" zie- 
lenden Erkenntnis orientiert war. Die Forschergeneration, aus der 
heraus dieses Ideal noch in den Beginn der zweiten Hälfte unseres 
Jahrhunderts hineinwirken konnte, ist fast ausgestorben. Die meisten 
jungen Wissenschaftler unserer Tage begreifen gar nicht mehr jene 
Mühe um Wahrheit und Ewigkeit, um Letzrbegründung und Objek- 
tivität, die für die meisten der Älteren schlechterdings leitend und 
maßgebend war. 

[Nicht, daß es jetzt keine „metaphysischen" Bedürfnisse mehr in 
Dingen des Wissens gäbe! Aber diese Bedürfnisse und Antriebe sind 
««zentriert. Der menschferne rationalistische Dogmatismus und 
Objektivismus ist, auch noch in seinen kriti(zisti)schen und (quasi-) 
pragmatischen Fortsetzungen von Kant bis Popper, zerfallen. Das 
neue Zentrum einer total säkularisierten „metaphysischen" Sehnsucht 
ist die Gesellschaft oder vielmehr das vergesellschaftete Ich, und das 
Grundthema dieser Sehnsucht lautet „Emanzipation". Damit ist der 
Kampf gegen die Leiden der tatsächlich oder vermeintlich „Unter- 
priviligierten" gemeint, der in der Hauptsache Kampf ist gegen 
das jeweilige „Establishment". Erklärt parteilich, stützt sich die 
neue „Metaphysik" auf soziale Gerechtigkeit. Dieser will sie alles 
unterordnen, auch den Grundwert der individuellen Selbstverwirk- 
lichung. Ihre empirischen Evidenzen sind im Grunde Hoffnungen, 
und die Starre der Unbelehrbarkeit macht sie gegenüber ihrer klassi- 
schen Vorgängerin gleichsam zum Dogmatismus höherer Ordnung. 
Sie ist bereit, auch noch das kleine Einmaleins zum Ausdruck falschen 
Bewußtseins und damit zur Unwissenschaft zu erklären, wenn es 
sich als „repressives Instrument der Etablierten" erweist. — Wahr- 
scheinlich wird die bemerkenswerte Affinität einer offenbar wach- 
senden Zahl von Intellektuellen zu solch „metaphysisch" verabsolu- 
tiertem Engagement bestimmend oder doch wesentlich mitbestim- 
mend werden für die soziokulturelle Entwicklung noch der näch- 
sten Jahre. Auf längere Sicht dürften jedoch zwangsläufig die ge- 



Einleitung 3 

schidulidi gewachsenen liberalen Formen der philosophischen Dis- 
kussion gegcnüba stii 01 htatx weithin als unerträglich HUp£imdeo.äa 
kollekri visuschen Tendenzen überdauern. Dabei ist natürlich voraus- 
gesetzt, daß die gegenwärtige Menschheit aus verantwortlicher Ratio- 
nalität entwickelte und durchsetzbare Rezepte gegen eine Reihe selbst- 
zerstörerischer Krankheiten, nicht zuletzt gegen die Ideologie des per- 
manenten technisch- wirtschaitlichen Wachstums, zu linden vermag.] 

Das erste Kapitel dieses Buches beschäftigt sich vor allem mit 
der erkenntnistheoretischen Problematik des Modellbegriffs. Die da- 
bei offenbar werdende philosophische Grundeinstellung ist die des 
Pragmatikers wahrheitsphilosophiseher Provenienz. Sublime Pragma- 
tiker ähneln oft Atheisten, die ihren Gott gesucht, aber nicht gefun- 
den haben; oder deren Gott sich ihnen vielleicht in beglückend ver- 
fremdeter Gestalt offenbart. Enttäuschung kann allerdings in Be- 
freiung ausmünden, Ent-bergung in neue Geborgenheiten führen. — 

Es ist notwendig, einleitend festzustellen, daß die im zweiten 
und dritten Kapitel In Angriff genommene Modelltheorie nicht mit 
der von A. Tarski geschaffenen semantischen Modelltheorie iden- 
tisch ist. Sie ist auch kein Teilgebiet derselben. Der hier verwendete 
Modellbegriff ist erheblich weiter gefaßt. Er schließt auf der formal- 
wissenschaftlichen Seite die durch Äquivalenzklassenbildung gewon- 
nenen sogenannten abstrakten Strukturen der Mathematik und an- 
dere „formale Absrraktionsmodelie" ebenso ein wie auf der erfah- 
rungswissenschaftlichen Seire die in großer Vielfalt auftretenden em- 
pirischen Modelle, Unter ihn fallen auch iKe technischen Modelle. 
Als was immer sonst alle diese Modelle betrachtet werden, sie 
erweisen sich als sowohl abbildungstheoretisch wie auch in ihren 
pragmatischen Bezügen ein hei dich erfaßbar. 

Darin, daß hier der — außerhalb der formalen Wissenschaften 
bisher fast nur intuitiv, ohne strenge Definition, verwendete — 
Modellbegriff in der angedeuteten Allgemeinheit abbildungstheore- 
tisch expliziert wird, unterscheidet sich die Allgemeine Modelltheorie 
bereits im Grundansatz auch van denjenigen wissenschaftstheoreti- 
schen Versuchen, die die empirischen Modelle, soweit sie diese über- 
haupt m die Betrachtung einbeziehen, ausschließlich der (meta-) ma- 
thematischen und semantischen Modellkonzeption unterwerfen. Die 
in Frage stehenden Modelle werden nach der Auffassung der betref- 
fenden Wissenschaftstheoretiker als „Belegungsmodelle" oder „Reali- 
sationen" präexistenter Theorien, d. h. als nicht-linguistische, näm- 



4 Einleitung 

lieh mengentheoretisch erfaßbare Interpretationen linguisti sehet 
Formgebilde aufgefaß t 1 . 

Gegen die Übertragung des lpgisch- se mimischen Mo de) Ibegrif f s 
auf die Erfahrungswissenschaften, so logisch befriedigend sie immer 
sein mag, ist einzuw enden; daß sie dem weithin geübten wissen- 
schaftlichen Sprachgebrauch_in_kejner_W r ejs^^ejechr_jvird. So wür- 
den zahlreiche Erkennmisgebilde, die im abbildungstheoretischcn 
Sinne durchaus als Modelle gelten, ausgeklammert, nur weil für sie 
eine strenge Theorie, deren Belegungsmodelle sie wären, nicht oder 
noch nicht explizit angegeben werden kann. Ja, in vielen Fällen 
dienen derartige empirische (ucid__technischej ModeUkpnstruktionen 
gerade dem Aufbau und der Entwicklung von Theorien. Hierin liegt 
vornehmlich ihr großer heuristischer Wert . Scheint jene gegenständ- 
liche Beschränkung mithin wenig ratsam, so ist doch andererseits 
bei dem hier bevorzugten Vorgehen die Gefahr einer Ȇberhomo- 
genisierung" unterschiedlichster^ Modellbegjifie und damit der star- 
ken Bedeutungsentle erung des resultierenden _ai]gejm£iüJin_Alod£]k 
begriff s vorerst nicht von der Hand zu weisen. Dieses mögliche 
Manko wird hier ausdrücklich in_ Ka.ui..genojnm£n. 

Bezüglich der letzterwähnten außerordentlichen Extension des 
Modellbegriffs steht nun die Allgemeine Modelltheorie keineswegs 
allein da. L.Apostel 2 hat schon 1961 3 ein gleichfalls umfassendes, 
und zwar ebenfalls abbildungstheoretisches Modellkonzept entwik- 
kelt. Seine vom algebraischen Isomorphiebegriff ausgehenden suk- 
zessiven „Liberalisierungen", die schließlich zu seinem allgemeinen 
Modellbegriff führen, sind indes nicht ohne Künsdichkeiten. Auch 
scheint sich Apostel ohne zwingende Gtiinde bereits im Ausgangs- 
punkt zu stark am mathematischen „Relationengebilde" (vgl. den Ab- 
schnitt 2,3.4.2, S. 243ff.) zu orientieren. Das v orliegende Buch geht 
eher einen umgekeh rten "We_g . In ihm sind nichtsdestoweniger wett- 
volle Einzelinformationen aus der ArosTELSchen Arbeit berücksichtigt. 

Was Apostel gegen Ende seiner Darlegungen 4 bezüglich der 
Verwendung einer formalen Pragmatik andeutet, ist in dem vor- 



1 Repräsentativ für diese Gruppe von Forschern: P. Suppes, 1961, 
1965. Vgl. hier und im folgenden das Literaturverzeichnis, S. 365 ff. 

2 L. Apostel, 1961. 

3 Leider ist mir die in Anm. 2 zitierte Arbeit erst nach Erscheinen 
meines Aufsatzes „Gedanken zu einer allgemeinen Theorie der Modelle" 
(H. Stachowiak, 1965) bekanntgeworden. 

4 A. a. O., Anm. 2, p. 36. 



Einleitung 5 

liegenden Buch in gewissem Umfang ausgeführt worden. Der hierfür 
bislang wohl einzige brauchbare Ansatz stammt von R. M. Martin 5 , 
der vor fast fünfzehn Jahren das inzwischen allerdings wenig bear- 
beitete Forschungsgebiet einer streng formalisierten Pragmatischen 
Logik überhaupt ins Leben gerufen hat. Einige jähre später konnte 
er in Anlehnung an jüngere werttheoretische Forschungen ansatz- 
weise seine klassifikatorische „Akzeptionspragmatik" zu einer kom- 
parativen und auch bereits quantitativen Pragmatik erweitern 8 . 
Diese Untersuchungen sind noch nicht besonders ausgereift, ihre vor- 
läufigen Ergebnisse eignen sich jedoch nichtsdestoweniger für die 
hier verfolgten modelttheo retischen Zwecke. Der ganze Forschungs- 
komplex im Umkreis von formaler Pragmatik und Allgemeiner 
Modelltheorie bedarf natürlich noch eingehender Bearbeitung. Auch 
das vorliegende Buch ist eigentlich nur Wegweiser in ein noch kaum 
betretenes Neuland. 

Dementsprechend bewegen sich auch die im dritten Kapitel die- 
ses Buches unternommenen logischen Formatierungen, verglichen 
etwa mit dem hohen Formalisierungsstajid der logisch- semantischen 
und mathematischen Modelldieorie, nur in sehr engen Grenzen. Der 
verbale und deskriptive Anteil der Darstellung überwiegt insgesamt 
mxh stark. Dies hat allerdings seinen Grund nicht allein in sach- 
lichen Schwierigkeiten. Das vorwiegend verbale Gewand der Dar- 
stellung erklärt sich auch aus der Rücksichtnahme auf solche der 
Mathematischen Logik fernerstehende Leser, die sich ohne den recht 
aufwendigen formallogischen Apparat in die Gedanken des Buches 
einarbeiten wollen. In der Tagesarbeit stehend Erfahrungswissen- 
schaftler und andere modelltheoretisch Interessierte, die sich nicht 
überwiegend mit wissenschaftstheoretisch -logischen und linguistisch- 
analytischen Fragen beschäftigen, sollen ohne großen Zeitaufwand 
förderlichen Zugang zu den behandelten Gegenständen finden. Da- 
her geht die Darstellung auch nicht überwiegend deduktiv, sondern 
gleichsam in induktiver Approximation vor. Dies kommt insbeson- 
dere darin zum Ausdruck, daß die zu explizierenden Begriffe, auch 
und vor aUem der allgemeine Modell begriff, auf verbaler Ebene 
erörtert, exemplifiziert und geklärt werden, bevor darangegangen 
wird, sie, wo es möglich und vorteilhaft scheint, einer strengeren 
logischen Explikation zu unterwerfen. Der zweite und der dritte 



5 R. M. Martin, 1959. 

6 R. M. Martin, 1964. 



6 Einleitung 

Hauptabschnitt des Buches unterscheiden sich voneinander in genau 
dem angegebenen Sinne: jener bereitet in allgememverständlich-yer- 
baler Wejg c. die Exp ljeaii d a ai^ während dieser die zugehörigen 
Explikationen zu leisten sucht. 

Ob der Reifegrad des hier vorgelegten Versuches den im Buch- 
titel verwendeten Terminus „Theorie" rechtfertigt, sei dahingestellt. 
Er mag im Blick auf die nur in Ansätzen deduktive Darstellung 
reichlich hochgegriffen sein. Das Wort „Theorie" wird hier in eben- 
dera nicht strengen Sinne verwendet, wie von „Wissenschaftstheorie", 
„Erkenntnistheorie", oft auch „System theorie" usw. gesprochen wird. 
Eine andere Frage ist es, ob sich der außerformaie, „materiale" Be- 
reich der Allgemeinen Modelltheorie überhaupt in einer pünktlichen, 
stringenten Weise wird theoretisieren hissen. Ins Extrem getrieben, ist 
hiermit angesichts des verwendeten globalen Modellbegriffs nach 
nichts Geringerem gefragt als nach der Möglichkeit einer hypothe- 
tisch-deduktiven Theoriedes Erkennens überhaupt. Es ist dies ein 
altes_ p,hjlo^o^hJs^ejJErj^]gin_ T ■ 

Auch ohne derart tiefliegende Erörterungen erweisen sich die 
Dinge, mit denen es die Allgemeine Modelltheorie zu tun hat, als 
äußerst kompliziert. Hiermit scheint zusammenzuhängen, daß sich 
der in_diesem Buch .2Ugrunde^eJegte_.abbiJdungstheorerisch 
begriff trotz inzwischen weltweiter Verwendung bi slang kaum der 
wissenschaftstheoretischen Analyse erschlossen hat. Als Beleg hierfür 
kann auf zwei große mod elltheoretische Tagungen, das Utrechter 
Kolloquium i960 8 und das Symposion in Berkeley 1963 fl , hingewie- 
sen werden. Unter den Teilnehmern an den genannten Veranstal- 
tungen befanden sich diejenigen Forscher, die sich mit Modellen 
überhaupt oder mit empirischen Modellen ohne disziplingebundene 
Einschränkungen auf bestimmte Modelltypen beschäftigten (nämlich 
L. Apostel und P. Suppes), in auffälliger Minderheit. Dies dürfte 
bei dem Utrechter Kolloquium besonders ins Gewicht fallen, da 
dort ausdrücklich vom Thema her nicht- formale Modelle einbegrif- 
fen waren. Bei dem Berkeleyschen Symposion waren Modelle dieser 
Art wenigstens nicht ausgeschlossen, und auch hier hätte man ein 
reiches Feld von Untersuchungen zumal zu einer „materialen", d.h. 



7 Vgl. H. Stachottcak, 1971. 

8 Vgl. L. Apostel, et al., 1961, 

9 J. W. Addison, L. Henkin und A. Tarski, 1965, 



Einleitung 7 

mit empirischen Originalen befaßten Theorie der Modelle oder auch 
nur zur logischen Fundierung einer solchen Theorie vermuten dürfen. 
Tatsächlich aber befaßten sich von den 46 gedruckten Abhandlun- 
gen genau zwei mit der Anwendung logisch- modelltheoretisch er 
Methoden auf Erfahrungswissenscbaften, davon eine noch mit spe- 
zieller Thematisierung auf quantenmechanische Strukturprobleme. 
Hierfiir waren sicher weniger mangelndes Interesse an nicht-logi- 
schen Forschungen im Umkreis modell theo retisch er Überlegungen 
oder gar puristische Scheu vor Grenzüberschreitungen in außer- 
logische Bereiche als vielmehr wohl die erheblichen Sc hwierig keiten 
verantwortlich, die sich dem Bemühen entgegensetzen, mit_ hinr 
reichend strengen logischen Mitteln ein so wdteSjJnhqmogenes^ und 
komplexes Feld wie dasjenige der erf ah rungs wissenschaftlichen und 
technischen Modetlbildungen in genügender Allgemeinheit in den 
Griff zu bekommen. 

Hiernach ist offenbar, daß man von den nachfolgenden Aus- 
führungen nur das wird verlangen und erwarten können, was ein 
einzelner im Stadium des Erstentwurfs einer Theorie zu leisten ver- 
mag, zumal methodologisch die Bemühung um angemess ene Exakt - 
heit der Begtiffsentwicklun gen im Vo rdergrund steht; dies schließt 
weitgehend den Kunstgriff aus, durch Manipulation vager Begriffe 
vorgefaßten Zielen entgegenzuargumentieren. 



1. Das „modellistische" Erkenntniskonzept 

Die ersten beiden Teile des vorliegenden Hauptabschnitts behandeln 
auf eTkenrnTusrfiejjreti scher und phi los ophiegeschichtlicher Ebene den 
wissenschaftuch-philosophischen ^Forschungsprpzjsß,. inso wei t er in 
die Allgemeine_Mod^lItheorie._e_inzHniüßdeii_s.chei.nt: i . Der dntteJTeil 
soll die pragmatische Basis der Allgemeinen Modelltheorie bloßlegen. 
Schließlich wird versucht, die Prozesse des Wissens- und Erkenmnis- 
gewinns unter Verwendung anderweitig entwickelter Modell Vorstel- 
lungen kybernetisch zu beschreiben und mit Blickrichtung auf eine 
kybernetische Erkenntnis anthropologie auf überindividuelle Erkenn t- 
nissubjekte zu übertragen. 



1.1 Denkgeschichtliches 

„Wo gar keine angebbare Methode mehr vorliegt, da ist eigendich 
keine Philosophie. "Wo gar keine Beziehung auf das letzte Sein oder 
den letzten Sinn waltet, da ist ebenfalls keine Philosophie 10 ." Hier- 
mit ist herkömmliches Philosophieren gekennzeichnet. Es sucht sich 
nach der einen Seite gegen sein Zerfließen in eine Metaphysik des 
Schweigens, des Unverständlichen oder des Paradoxen abzusichern; 
es will sich nach der anderen Seite Absolutheit und Universalität 
wenigstens als Möglichkeit bewahren. Der Weg, der „zum Grund 
von Sein und Sinn" führen soll, darf die ganze Weite der äußeren 
und der inneren Erfahrung, speziell der metaphysischen, in sich 
schließen. Er soll dabei prinzipiell der Forderung nach folgerichtiger 
und einsichtiger Allgemeingültigkeit unterworfen sein. Gerade hierin 
will sich Philosophie abheben von Kunst und Religion. 

Die Kraft, die auf Erfüllung ebendieser Forderung drängte, hat 
das philosophische Denken dem Mythos mehr und mehr entfremdet 
und es in oft verschütteten, aber immer wieder aufbrechenden Linien 



10 E. Spranger, 1955, p. 409 f. 



Die klassischen Formen 9 

selbstkritisch-rationaler Besinnung bis hin zur wissenschaftlichen 
Philosophie der Gegenwart geführt. Jedes Stadium dieser Entwick- 
lung verfiel der Aporetik, stets wurde ein einst „Kritisches" zum 
doch nur „Naiven geringeren Grades". Philosophiegeschichte ist in 
diesem Sinne (entgegen anderslautender Meinung) durchaus ein Weg 
zur geistigen Mündigkeit des Menschen. Verschlungen genug aller- 
dings und merkwürdig muß dieser Weg dem an greifbaren Erfolgen 
Orientierten erscheinen. 



1.1.1 Die klassischen Formen 

Da ist, wenn man zuriickblicktj das so jähe und überaus vielfältige 
Beginnen in der antiken Spekulation. Vorsokratik, Blütezeit und 
Reifung, schließlicher Zerfall in Skepsis und Lebensphilosophie. 
Lebensphilosophie: das heißt Zurücktreten der ursprünglich-natür- 
lichen Welt als Erkenntnisgegenstand hinter das menschliche Leben 
mit seinen Werten und Zielen. 

Weiter dann die langen Zeiten des Verlustes der Selbständigkeit 
dieses Philosophierens. Endlich der zweite Anlauf: Descartes. Eine 
neue, konstruktive Metaphysik blüht auf, orientiert zum einen an 
der inzwischen erstandenen mechanistischen Physik, zum anderen an 
der deduktiven Geometrie der Alten mit der Idee der Geltungsgewiß- 
heit der Axiome. Es ist der Beginn einer kritischen Philosophie der 
Exaktheit und Systematik, des Methodenbewußtseins, einer Philo- 
sophie aber auch, die gerade in ihrer kritischen Komponente bereits 
den Keim ihrer eigenen Infragestellung enthält. 

Tatsächlich wird diese konstruktive Metaphysik, in deren Zusam- 
menhang Hobbes, Spinoza, Leibniz gehören, alsbald durch Erkennt- 
niskritik aufgezehrt. Einen Anfang hatte Locke gemacht. Seine em- 
piristische Erkenntnis an alyse war teils ins Materialistische, teils zum 
Sensualismus und Spiritualismus weiterentwickelt worden. Der ex- 
treme Sensualismus führte dabei in die solipsistische Vereinsamung 
des Einzel-Ichs, so daß es zur Erklärung der unleugbaren Korre- 
spondenzen zwischen den „fensterlosen" Einzel-Ichen weit hergehol- 
ter, künstlicher Interaktionshypothesen bedurfte. 

Vor allem aber weisen Hume und Kant den Weg. Sie zeigen, 
daß und wie die äußere Welt dem Menschen immer nur Phänomen 
sein kann, und sie erst rücken überhaupt den Menschen als Erkennt- 
nissubjekt ins Licht. Unbeschadet der Fortschritte der neuen Physik, 
gemessen an der Voraussagekraft dieser seienäa nuova, gelangt 



10 J Denkgeschich tliches 

Hume zu einer skeptischen Beurteilung der Möglichkeit, Erfahrungs- 
wissen in logischer Strenge zu begründen. Sein theoretischer Skepti- 
zismus hindert ihn indes nicht, bestärkt ihn vielmehr darin, die zu- 
nehmende Sicherheit und Verläßlichkeit der prognostizierenden Wis- 
senschaft aus bio -psychischen Determinanten des Menschen, eines 
vor allem auf Überleben angelegten Wesens, zu begreifen, Humes 
biologische Erkenntnistheorie, die erste ihrer Art, wird so gleich- 
zeitig zur Absage an die philosophische Spekulation. 

Die Erfolge der Physik beeindrucken auch Kant. Aber für diesen 
Denker ist weder der erkenntnistheoretische Skeptizismus Hömes 
unvermeidlich, noch auch scheint ihm andererseits die konstruktive 
und rationalistische Metaphysik annehmbar, wie sie noch kurz zu- 
vor in Wolffs eklektizistischem System ihren Höhepunkt und Ab- 
schluß erreicht hatte. Indem Kant jeglichem Dogmatismus, und das 
heißt für ihn: jeglichem „Verfahren der reinen Vernunft ohne voran- 
gehende Kritik ihres eigenen Vermögens", zu Leibe rückt, findet er 
seinen denkwürdigen und folgenreichen transzendentalphilosophi- 
schen Ansatz. Zwar sucht er den Einsichten der empiristischen Skep- 
tiker Rechnung zu tragen, indem er vom Bewußtseinsgegebenen aus- 
geht und angesichts der nur in ihren Erscheinungen faßbaren Welt 
das Erkennen als Erzeugen und Erschaffen der Gegenstände auffaßt. 
Aber er übersieht nicht das Dogmatische auch des empiristisch-sub- 
jekbvistischen Agnostizismus, und er stellt dem letzteren den Ver- 
such rein begrifflicher Analyse der Erkenntnis als solcher gegenüber 
mit dem Ziel, möglichst voraussetzungslos die „a priori objektiven" 
Bedingungen dieser reinen Erkenntnis aufzuhellen. 

Sicher unbeabsichtigt legt Kant mit diesem seinem „subjektiven 
Idealismus", der immerhin noch ein realistisches Fundament hat, 
den Grund für neue metaphysische Spekulationen: der „deutsche 
Idealismus" gewinnt Gestalt. Kants erkenntnistheoretisches Subjekt 
(die „synthetische Einheit der transzendentalen Apperzeption") wird 
von Fichte aufgebläht zum sogenannten „absoluten Ich", einem an- 
geblich letzthin Ursprünglichen, dem, allerdings in wechselseitiger 
Verklammerung, das Nicht-Ich, die Welt, entspringt. Ähnlich bei 
Schelling. Hegel läßt das Bewußtsein stufenweise aufsteigen von 
der „sinnlichen Gewißheit" über das „allgemeine Selbstbewußtsein" 
bis zum „absoluten Geist". Alles Wirkliche entwickelt sich ihm aus 
der „Idee", einer schlechthin (nicht zeitlich, sonder strukturell-wesen- 
haft) ursprünglichen Gegebenheit, in der Denken und Sein in eins 
zusammenfallen. Dieses Ursprüngliche ist „reale Möglichkeit", seine 



Die klassischen Formen 11 

Entwicklung Verwirklichung dieser realen Möglichkeit nach system- 
immanenten Zwecken und Zielen. Den Motor der Bewegung stellt 
eine Dialektik, die in vielfältigen Triaden (Ausgangsbestimmung — 
Negation derselben — Negation der Negation) voran schreitet. Sie 
soll bewirken, daß aus gegensätzlichen, einander widerstreitenden 
Elementen jeweils Neues entspringt. In den vielfältig verschlungenen 
Wechselwirkungen eines hyperkomplexen Systemzusammenhanges 
entfaltet sich so die menschlich -geschichtliche wie letzthin auch die 
natürliche Welt. 

Dieses — zunächst — in Hegel gipfelnde Philosophieren bleibt 
trotz oder gerade wegen seiner höchsten Ansprüche besonders im 
Ausland weitgehend unverstanden. Fortsetzende Linien bilden sich 
vorerst nur im deutschen Sprachgebiet. Zumal das dialektische Den- 
ken widerstreitet dem gewöhnlichen Vernunftgebrauch, der „linear"- 
aristotelischen Denkweise aller bisherigen Erkenntnistheorien und 
erst recht dem tatsächlichen Vorgehen der positiven Wissenschaften. 
Hegels esoterische Philosophie, mißverstanden und bekämpft (Scho- 
penhauer!), entfremdet sich mehr und mehr der Zeit, Indes bleibt 
ihr der „dialektische Triumph", Ausgangspunkt eines die politische 
Physiognomie des 20. Jahrhunderts wesentlich mitbestimmenden 
philosophischen Materialismus zu werden. 

Zunächst jedoch, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, sind 
weithin und zunehmend bestimmend die gewaltigen sichtbaren und 
spürbaren Erfolge der sich in immer neue Bereiche ausdehnenden 
wissenschaftlichen Forschung. Allen Wissenschaften voran die Phy- 
sik. Die mittels der Differential- und Integralrechnung durch La- 
Grange aufgebaute und analytisch ausformulierte Newton sehe Me- 
chanik hatte zwar schon 1834, mit Hamilton, in den wesentlichen 
Zügen ihren klassischen Abschluß gefunden. Aber andere Diszipli- 
nen drängen nach vorn, 1824 hatte Carnot die wissenschaftliche 
Thermodynamik begründet, nachdem bereits eine auch wirtschaidich 
bedeutsame Technik der Wärmekraftmaschinen entstanden war. 
Clausius, Maxwell und Boltzmann, letzterer mit Einführung der 
mathematisch-statistischen Wahrscheinlichkeitsbetrachtung, führen 
das Werk zu hoher Reife fort. In der Lehre von den magnetischen 
und elektrischen Vorgängen gelingt es Maxwell 1856, die geometri- 
sche Feldtheorie Faradays mathematisch geschlossen darzustellen 
und fünfzehn Jahre später die bis dahin getrennt erarbeitete Optik 
mit der Theorie des elektromagnetischen Feldes zu einem höchst 
eindrucksvollen mathematischen Ableitungssystem zu verschmelzen. 



12 Dertkgeschichtücbes 

Als zudem Hertz 1887 die ersten elektromagnetischen Wellen im 
Labor erzeugt, ist der Weg endgültig frei zu einer das Leben der 
Menschen von Grund auf wandelnden Technik. Dieser Weg wird 
rasch und immer rascher beschritten, und er eröffnet alsbald teils 
lang entbehrte, teils völlig ungeahnte — zumindest äußere — 
Daseinssicherungen. Ein allgemeiner, fast ins Euphorische gesteiger- 
ter Wissenschaftsoptimismus kommt auf. 



1.1.2 Poskiwsmus und systematische Philosophie 

Der wachsend optimistischen Lebe ns eins teil ung immer größerer 
Bevölkerungsteile der wissenschaftlich-technisch entwickelten Welt 
entspricht, man kann in gewissem Sinne sagen: entspringt, die anti- 
metaphysisch-positivistische Philosophie der Zeit des ausgehenden 
19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts, geknüpft vor allem an 
Namen wie Mach und Avenarius. Auch der zu Unrecht vergessene 
Ernst Laas, einer der ersten deutschen Positivisten, und der „ener- 
getische Monist" Ostwald sind hier zu nennen. Es ist dies, wenn 
man so will, bereits ein Neo-Positivismus, denn der in Deutschland 
aufkommenden „antiphilosophischen Philosophie" war in Frankreich 
der „klassische", enzyklopädische Positivismus Comtes vorausgegan- 
gen, von seinem Begründer zu einer Art Diesseitsreligion erhoben. 

Der andere wichtige Bezugspunkt: Mills empiristisch-psycholo- 
gistische Erkenntnistheorie mit einer induktiven Logik der Erfah- 
rungswissenschaften als Kernstück. Auch Darwin und Spencer ge- 
hören unbedingt in den Entwicklungszusammenhang. Weitere Ein- 
flüsse gehen vom frühen amerikanischen und englischen Pragmatis- 
mus aus. In ihm werden zur Entfaltung drängende Kräfte spürbar. 
In Deutschland, wo das traditionale Philosophieren inzwischen die 
Stadien des Neukantianismus und, zuletzt, der Phänomenologie er- 
reicht hatte, stößt er, von wenigen Denkern wie Jerusalem und 
Vaihinger abgesehen, philosophischerseits auf erstaunlich starke 
Ablehnung. Zumal sein „Psychologismus" gilt in hiesigen Univer- 
sitätsseminaren geradezu als antiphilosophisches Teufelswerk. 

In dem angedeuteten weltanschaulichen Spannungsfeld jener 
Jabxe wird der eingangs erwähnte österreichisch -deutsche Positivismus 
naturwissenschaftlicher Provenienz zur Hauptrichtung wissenschafts- 
nahen philosophischen Forschens. Er behauptet sich auch in dem 
weiteren Rahmen der sogenannten systematischen Philosophie, die 



Neuere Strömungen 13 

zu jener Zeit von Männern wie etwa Dilthey, Wundt, Eucken, 
Lipps, EbbinghaüS repräsentiert wird. Die denkerischen Leistungen 
jenes Positivismusj der mehr „ naturalistische" Theorie des Erken- 
nens als Wissenschaftstheorie und Wissenschaftslogik ist, sind 
trotz mancher recht grober Simplifikationen und Dilettantismen 
(Haeckel!) unbestritten. Man denke an die Linie Mach-Boltz- 
mann- Schlick und den sich aus ihr später entwickelnden Wiener 
Kreis. 



1 .1 .3 Neuere Strömungen 

Im ganzen jedoch erweist sich derselbe Positivismus, der gegen jed- 
wede philosophische Dogmatik aufgestanden war, als selbst viel 
zu dogmatisch und als viel zu vordergründig und einseitig zudem, 
um die Umwälzungen überstehen zu können, die nun in unerwar- 
teter Plötzlichkeit und in eigentümlicher zeitlicher Parallelität in die 
Scheinsicherheit sowohl der bis dahin so glänzend bewährten wis- 
senschaftlichen Gmndüberzeugungeti und Erkenn tnisprinzipien als 
auch der außerwissenschaftlichen Daseinserfahrungen des Menschen 
einbrechen. 

Relativitäts- und Quantentheorie erzwingen die Revision der 
Grundlagen der Physik. Die Überzeugungen insbesondere von der 
streng determinierenden Kausalität, der lückenlosen Stetigkeit, dem 
absoluten Raum -Zeit -Schematismus und der wenigstens im Prinzip 
durchgängig anschaulichen Begreifbarkeit des Naturgeschehens wer- 
den zutiefst fraglich, wo nicht aufgegeben. Und was die übrigen 
Erkenn tnisbereiche betrifft, so gerät auch der Glaube an die prin- 
zipiell uneingeschränkte physikalische Deutbarkeit der Strukturen 
und Funktionen des Lebendigen, des Psychischen und des Sozialen 
ins Wanken; zu einem Physikalismuskonzept der wissenschaftlichen 
Erkenntnis kommt es erst wieder in neuer, sprachkritischer Fassung 
in den dreißiger Jahren, 

Von den Menschen jener Zeit werden, verglichen mit bisherigen 
Anpassungserford ernissen, schnelle Um- und Neuorientierungen ver- 
langt. Darauf ist niemand vorbereitet. Auch die sogenannten Gebil- 
deten nicht. Gerade auf sie wirkt das Geschehen traumarisierend, 
und viele unter ihnen finden Zuflucht in wissenschaftsfeindlichem 
Irrationalismus. Hinzu kommt nach dem ersten Weltkrieg der gesell- 
schaftlich-politische und wirtschaftliche Sicherheitsveriust. Der aus 



14 DenkgesdiichtÜches 

wissenschaftlich- technischem Fortschritt genährte Optimismus schlägt 
um in sein Gegenteil: in einen neuromantischen Eskapismus. Diesem 
kommt, als Medium seiner literarisch-philosophischen Artikulation, 
die „Philosophie der Existenz" entgegen, dominant gewordene Ver- 
neinung des wissenschaftlichen Sachlichkeitsprinzips. Diese Philoso- 
phie geht charakteristischerweise auf Denker zurück — Kierkegaard 
und Nietzsche — , die an ihrer Zeit zerbrochen waren. Inzwischen 
drängen sich die vielen Einzelnen in die Eremitage neurotisch über- 
steigerter Realitätsentfremdung. 

Aus der Tradition deutschen Philosophierens war eine andere 
Linie hervorgegangen, die sich bald teilt und verästelt. Ihr Ausgangs- 
punkt war die Evidenzphilosophie Brentanos, die ihrerseits an 
ältesten Aristotelismus angeknüpft hatte. Sie läßt sich über die 
„Zu-den- Sachen- selb st" -Philosophie Husserls mit ihrer Absage an 
„Künstlichkeiten" der „methodischen" Erkenntnistheorie zunächst 
verfolgen bis hin zur phänomenologischen Ontologie Schelers, einer 
auf Intuition beruhenden Metaphysik der „Wesensschau". 

Dem Umkreis dieses eidetisch-phänomenologischen Denkens 
waren entsprungen einerseits, mit bald vollzogener Wendung zu 
schärferem Methodenbewußtsein, die kritisch-realistische Ontologie 
N. Hartmanns, zum anderen die existenziale SeinsJehre Heideg- 
gers, gleichfalls eine „Ontologie", aber eine solche, die im Erschlie- 
ßen von „Eigentlichkeit' 1 hinter alle bisherige „Dingmetaphysik" zu- 
rückzugreifen sucht. Die Wortmagie, der man sich voll öffnen muß, 
um der „fundamentalontologischen" Bloßlegung des Seins teilhaftig 
zu werden, erscheint vielen als der womöglich einzige und „letzte" 
Ausweg aus den immer wiederkehrenden Zirkeln und sonstigen 
Unzulänglichkeiten des überwiegend rational-diskursiven Philoso- 
phierens. Die meisten Philosophen aber, von den in der Tagesarbeit 
der Forschung stehenden Wissenschaftlern ganz zu schweigen, sind 
nicht bereit, für diesen Ausweg, gesetzt, er sei in der Tat philoso- 
phisch wünschenswert, den hohen Preis des Verlustes der Eindeutig- 
keit, logischen Kontrollierbarkeit und strengen Nach vollzieh barkeit 
der gedanklichen Operationen zu zahlen. So bleibt dieses Philoso- 
phieren im Grunde auch im eigenen Lande esoterisch, gelegentlich 
verblaßt es zur bloßen facon de parier. 

Dagegen gewinnt ein „ Existenz ialismus", in welchem sich vieler- 
lei Denkströmungen, von der christlichen Neosokratik Marcels bis 
hin zur SA&TREschen Provokation, in gewisser gemeinsamer Grund- 
gestimmtheit vereinigen, zunehmend an Popularität. Vor allem „Exi- 



Neuere Strömungen 15 

stenzialismus" ist gemeint, wenn bald von einer typischen Form 
„westlicher" Philosophie die Rede ist. Ihr stellt sich, als „östlicher" 
Antipode, ein inzwischen zur Partei- und Staatsphilosophie erhobe- 
ner dialektischer Materialismus gegenüber. 

Dieser Materialismus ist ebenso starr wie gleichzeitig beweglich. 
Er hat auf der einen Seite seine feste Axiologie, sein unverrückbares 
Dogma, zu dem vornehmlich eine realistische Seinsmetaphysik ge- 
hört. Abweichungen von diesem Dogma erwachsen aus anmaßend 
erklärtem „falschem Bewußtsein". Das „«icfo-falsche", das soge- 
nannte „objektive" und „wahre" Bewußtsein ist nach systemimma- 
nentem Gebot schlechterdings nicht durch Kritik antastbar. Anderer- 
seits hält sich die dialektisch-materialistische „Philosophie" mit der 
positiven Wissenschaft in gutem Einklang; Widersprüche zur vor- 
anschreitenden Forschung treten (wie im Kybernetik- Streit der fünf- 
ziger Jahre) nur vorübergehend auf. Die Anpassung wird „dialek- 
tisch" vollzogen, wobei der „Kampf der Gegensätze' 5 , der die Denk- 
motorik dieser Dialektik ist, in einer an prästabilierte Harmonie 
erinnernden Weise das philosophisch rechtfertigende Denken in die 
wesentlich gleiche Richtung treibt, in die der Fortschritt der positiven 
Wissenschaften weist. Insoweit ist der dialektische Materialismus 
eine Rechtfertigungsideologie des wissenschaftlichen Fortschritts. 
Wiederum dialektisch wird dabei die zugestandene Subjektivität und 
damit Relativität aller Erkenntnis geradezu als deren eigentliche 
Wahrheitsbedingung aufgefaßt, soweit nämlich Erkenntnis in den 
Totalzusammenhang ihrer unauflösbaren Subjekt-Objekt- Verflech- 
tung gesehen und auf den Totalkontext des Entwicklungsprozesses 
des Menschheits wissens überhaupt bezogen wird. Wahrheitserkennt- 
nis scheint in das Gesamtfaktische eben dieses — singulären — 
Prozesses eingebettet oder gar mit ihm identisch. Erkenntnistheorie 
wird so zur Geschichtsschreibung des Menschheitswissens. Worte 
wie „Wahrheit", „Objektivität", „Erkenntnis" sind ihres ursprüng- 
lichen Sinnes beraubt. Sie bezeichnen etwas holistisch ineinander 
Zerfließendes. Dieser dynamische Holismus ist zusammen mit der 
Dialektik Hegels Erbe. 

Wenn sie ihre Denkgebilde als nicht-dogmatische, absolute Lehre 
ausgeben: müssen sich die Schöpfer solcher Philosophie dann selbst 
nicht außerhalb dessen wissen, worüber sie urteilen, was sie lehren? 
Rekurrieren sie als „Meta-Theoretiker" der „obersten Stufe" nicht 
wieder auf denselben objektivistischen Etkenntnis- und Wahrheits- 
begriff, den sie aufzuheben beabsichtigen? 



16 Denkgeschichtliches 

1.1.4 Neoempirismus 

Keine der letztbesprochenen beiden Weisen des Philosophierens fin- 
det indes irgendeinen direkten Einfluß auf die tatsächliche wissen- 
schaftliche Forschung in ihrer zumal nach dem zweiten Weltkrieg 
einsetzenden jähen Aufwärtsentwicklung. Zwei Richtungen wissen- 
schaftsbezogenen Philosophierens ■ — streckenweise eng miteinander 
verflochten — gewinnen inzwischen Dominanz: 

Erstens ein Empirismus, für den es eine reale Welt gibt, die ohne 
Schlußverfahren, nur vermittels Wahrnehmung und Erinnerung, in 
ihren Einzeltatsachen prinzipiell erkennbar ist. In seiner Aufgeklärt- 
heit, Orientiertheit an den neuen, revolutionären Entwicklungen der 
Wissenschaft und in dem Bemühen, seiner Grenzen philosophisch 
eingedenk zu bleiben, ist dieser Empirismus ein kritischer Neo-Empi- 
rismus zu nennen. Einer seiner Hauptvertreter ist B. Russell. Wei- 
tere Neoempiristen finden sich im früheren Wiener Kreis, dessen 
philosophisches Programm zum wesentlichen Teil ein empirisrisebes 
Programm ist; es schließt eine Theorie der Konstitution empirischer 
Begriffe, eine Theorie der empirisch-statistischen Wahrscheinlichkeit 
und eine Theorie der empirischen Verifikation ein. 

Auch das philosophische Denken vieler Er felirungswissenscha frier 
bewegt sich in den Bahnen des Neoempirismus; man versteht diesen 
als moderne Fortsetzung eines wissenschaftlichen kritischen Realis- 
mus. Der theoretisch nachzuvollziehenden Realität des gegenständ- 
lich Gegebenen soll wenigstens in dem indirekten und uneigentlichen 
Sinne der intersubjektiven Beobachrungsgewißheit ein Dasein ge- 
sichert werden. Wie sollte sonst die „wissenschaftliche" Legitimität 
eines Erkenn tnisbildes nachgewiesen werden können? Irgend etwas 
Letzhin-Verläßliches muß schließlich „iberische" Kraft ausströmen, 
Orientierung geben, Norm setzen. Es kann nicht alles dem subjek- 
tiven, bestenfalls konventionalisierten Für-richtig-halten ausgeliefert 
sein. Dieser Empirismus als „sinnvoll gemäßigter" Realismus findet 
seine Anhänger unter all denen, für die der Gedanke einer nicht in 
Raum und Zeit wenigstens auf der Ebene der „unmittelbaren" Wahr- 
nehmung konstatierbaren Objektwelt absurd, sinnleer und unerträg- 
lich ist, die es mit der „Erkenntnis" noch wörtlich nehmen. 

Auf jener Ebene findet manj im Kreise der Philosophen um 
Schlick, Wittgensteins „Elementarsätze 11 , die den unmittelbaren 
Vergleich des Erkenntnisgebüdes mit der äußeren Realität ermög- 
lichen sollen. Später übernehmen diese Funktion die »Protokoll- 



Neoempirismus 17 

sätze", gedacht als Bezeichnungen von unmittelbar Erlebnisgegebe- 
nem. Auch das bleibt unbefriedigend. Schlick führt dann die „Kon- 
statierungen" ein, die angeblich mit ihrem Sinn gleich auch ihr 
Wahrsein garantieren, so daß sie, wie Jumos in seiner empiristischen 
Verifikationstheorie betont, nur falsch sein können, wenn sie Lügen 
sind. Diese Konstatierungen, selbst nicht protokollierbar, sollen 
ihrerseits objektive Protokolle ermöglichen. Aber sie bleiben an das 
subjektive Perzeptionserlebnis gebunden, sind außerhalb der momen- 
tanen Gegenwärtigkeit im Einzelbe wußtsein gar nicht fixierbar ohne 
Verlust ihres wesentlich verifizierenden Sinnes. 

Mancherlei Ungereimtheiten fördert hier die Kritik zutage. Da 
jedoch den meisten Philosophen, soweit sie noch von der Problema- 
tik der erkennmis theo retischen Transzendenz im Bann gehalten wer- 
den, der konsequente agnostizistische Erkenntnis verzieht unzumut- 
bar scheint, wird die Vorstellungsgesamtheit „Realität", verstanden 
als neutral und objektiv Vorgegebenes, weithin verdrängt, als gleich- 
sam un bewältigter Problemkomplex ins philosophische Unterbewußt- 
sein abgeschoben — nicht ohne (um in der psychoanalytischen Rede- 
weise zu bleiben) von hier aus vielleicht als unreflektierte Antriebs- 
struktur auf Befriedigung des Bedürfnisses nach „ eigen dicher" Er- 
kenntnis zu drängen. 

In den Vordergrund tritt, wie sich zeigt, umso stärker der logisch - 
methodologische Apparat, den man zunehmend besser beherrscht — 
gemessen am Erfolg, an der praktischen Verfügbarm achung von 
Wissen. In dem Maße, wie dieser Apparat zum künstlichen, gut 
übersehbaren, fast beliebig manipulierbaren Organon wird, wächst 
das vom ursprünglichen Erkenntnis- und Wahrheitsstreben immer 
weniger unterschwellig belästigte „operationale Selbstbewußtsein" 
des Wissenschaftlets wie des wissenschaftlichen Philosophen. Die 
Objektwelt wird in fast totale Abhängigkeit vom Erkenntnisinstru- 
mentarium gebracht. Die Methode wird „erkenntnis-autonom"; sie 
gerät mehr und mehr in die Abhängigkeit praktischer Zielsetzungen. 
Immer mehr materielle Gegenstände der Außenwelt, mit denen es 
die wissenschaftliche, insbesondere die experimentelle Beobachtung 
zu tun hat, werden selbst zu Konstrukten nach Maßgabe des metho- 
dologischen Apparats als des Primärkonstmkts. Die materielle 
Gegenständlichkeit der Dinge in ihrem vermeintlich festliegenden 
Sosein, wie es die Annahme des sogenannten gesunden Menschen- 
verstandes ist, wird zum Mythos — vergleichbar dem Mythos der 
altgriechischen Götterwelt. Die Frage nach der Natur der Dinge 

Z Swchowimk. Model) tbeorii 



18 Denkgeschichtliches 

wandelt sich so zur Frage nach den Beziehungen zwischen Konstruie- 
ren, zwischen hypothetischen Postulaten, und dies relativ zu je be- 
stimmten, vorgängig definierten Bezugssystemen. Die Realität ent- 
rückt dabei ins Schemen hatte. — Läßt sie sich aber in Gänze 
leugnen? 



1.1. 5 Logischer Positivismus 

Mit dieser problemgeschichtlichen Situation hängt zusammen, daß 
stärker noch als der Neoempirismus zweitens eine Denkrichtung zum 
Zuge kommt, die charakteristischerweise den formalen, speziell den 
formal-logischen Aspekt jenes wissenschaftsmethodischen Instrumen- 
tariums hervorhebt: der Sogische (Neo-) Positivismus. Er ist vorzüg- 
lich dadurch gekennzeichnet, daß er die vor allem für Zwecke der 
formalwissenschaftlichen Grundlagenforschung aufgebaute Mathe- 
matische Logik ganz allgemein wissenschaftstheoretisch zur Anwen- 
dung bringt; eine Aufgabe, der sich besonders Carnap unterzieht. 
Tatsächlich wird hierdurch bald eine neue Exaktheitsstufe in der 
Darstellung nicht nur mathematischer, sondern auch empirischer 
Theorien metatheo retisch vorbereitet, die später von einzelnen erfah- 
rungs wissens chafdichen Disziplinen wenigstens partiell erreicht wird. 

Hervorzuheben sind die fließenden Übergänge zwischen dem, was 
schlagwortartig der nicht glücklich gewählte Name „Logischer Posi- 
tivismus" einerseits, und dem, was der Name „Neoempirismus" 
andererseits bezeichnen soll. Die Zusammenhänge zwischen beiden 
Denkströmungen sind eng und vielfältig. Das kritische Element des 
Neoempirismus war ja gerade erwachsen aus dem Bedürfnis nach 
logisch-sprachlicher Aufhellung jener Probleme, die es mit der Ab- 
sicherung von Erfahrungs wissen zu tun hatten. Indes gewinnt aus 
zum Teil schon angedeuteten Gründen Schritt .für Schritt die logisch- 
analytische Komponente der sich jetzt etablierenden „Wissenschafts- 
theorie" (im angloamerikanischen Sprachgebiet: „Philosophy of 
Science") innerhalb des wissenschaftlichen Philosophierens das Über- 
gewicht. 

Die Entwicklung der kalkülisierten, mathematischen Logik von 
Leibniz bis Russell und Whitehead ist hier die entscheidende 
Vorleistung. Die ihr folgenden, sich an die „Principia mathematica" 
anschließenden Logikforschungen weisen alsbald in mannigfache 
Richtungen, untereinander und mit anderen wissenschaftlichen 



Logischer Positivismus 19 

Trends in vielfältiger Weise verknüpft. Wichtige Aufgaben eröffnen 
sich der neuen Logik vor allem auf dem weiteren Felde der Sprach- 
analyse. Anhand einfacher Modellsprachen werden die Aufbau- 
regeln einer Syntax für künstliche Sprachen entwickelt, die der Dar- 
stellung wissenschaftlicher Sachverhalte dienen können. Der Schwer- 
punkt dieser Untersuchungen verlagert sich allmählich von dem 
sprachkritisch versuchten {aber nicht gelungenen) Nachweis der 
Sinnlosigkeit metaphysischer Sätze bis hin zu dem erfolgreich in 
Angriff genommenen und bereits weit vorangetriebenen Forschungs- 
gebiet der formalen Semiotik mit den Stufen Syntaktik, Semantik, 
Pragmatik. Die formale Semantik wird ein besonders ertragsreiches 
Feld der Logikforschung. Darüber hinaus kommt es zum Aufbau 
einer exakten Stufen- und Typenlogik; erfolgreich bearbeitet werden 
Modallogik, mehrwertige Logikkalküle, Metalogik, Kalkültheorie 
und andere logische Subdisziplinen. Im Rahmen seiner induktiven 
Logik schafft Carnap (dem ein großer, wenn nicht der größte An- 
teil an dieser durch viele Forscher vorangetriebenen Gesamtentwick- 
lung zukommt) eine formal -quantitative Theorie des Bestätigungs- 
grades erfahrungs wissen schaftlicher Hypothesen einschließlich einer 
Theorie der Schätzung, beides allerdings für zunächst noch extrem 
strukturarme Sprachsysteme. Von hier aus ergeben sich Beziehungen 
zu einer Theorie der semantischen Information, eines logisch-lin- 
guistischen Pendants zur statistischen Informationstheorie Shan- 
nons u . 

Dieser „Logische Positivismus" lebt kräftig auch noch in der 
unmittelbaren Gegenwart. Als logisch-serniotische Bewegung zumin- 
dest wird ihm zweifellos noch Zukunft bescbieden sein. Dies gilt 
auch für seine weiteren wissenschaftlich-philosophischen Funktio- 
nen, die ihn zu einer umfassenden „Mathematik der Erkenntnis" 
machen, wie immer man „Erkenntnis" versteht. 

Aber es gibt seit einiger Zeit kultui- und sozialgeschichtlich 
noch nicht bis ins letzte durchschaubare, jedoch merkliche Wand- 
lungen des Denkens, die wissenschafts theo retisch weit über den 
Logischen Positivismus als „Positivismus" hinausweisen, und zwar 
hinausweisen in Richtung auf eine pragmatische Umdeutung seiner 
basalen Ideologie. Vor allem aber scheint es, daß die im Logischen 
Positivismus betriebenen Forschungen insgesamt in einen philoso- 
phisch erweiterten Anwendungszusammenhang gestellt werden, der 



11 Vgl. 1.2.3.10, S. 34. 



20 J Säkularisierung der Erkenntnis 

mehr und mehr bestimmt wird durch pragmatische, speziell nutzen-, 
spiel- und entscheidungstheoretische Interessen. 

Der hiermit im geschichtlichen Moment der Gegenwart in Er- 
scheinung tretende Pragmatismus, und es ist ganz fraglos ein solcher, 
ist im Blick auf den PEiRCESchen Pragmatismus und dessen Fortbil- 
dung bis in den Anfang des 20. Jahrhunderts als ein sublim-reflek- 
torischer Neo -Pragmatismus zu bezeichnen. 



1.2 Säkularisierung der Erkenntnis 

Welche Entwicklungen fuhren in die zuletzt angedeutete pragma- 
tische und entscheidungsbetonte Fassung von Wissen und Erkennt- 
nis? Auch hierzu einige denkgeschichtliche Notizen. 



1 ,2.1 Älterer Pragmatismus 

Da ist zunächst das geistige Potential des älteren Pragmatismus, 
die Lehren von Peirce, James, Schiller und Dewey, Denkresultate, 
auf die zurückgegriffen werden kann. Ihre wesentlichen Gehalte 
seien angedeutet r 

In der in sich und mit anderen Lehren vielfältig verflochtenen 
PEiRCESchen Philosophie, die weit entfernt ist von Vulgärpragmatis- 
mus und -utilitarismus, vereinigen sich Züge des KANTscben Kriti- 
zismus, des HEGELschen universaien Rationalismus, der Schelling- 
schen Identitätsphilosophie, ja des spätmittelalterlichen Universalien- 
realismus. Das „Pragmatische" dieses Pragmatismus (in späterer Na- 
mensgebung durch Peirce; Pragmatizismus) offenbart sich in einer 
tiefgründigen Einbeziehung des Nicht-Kontemplativen in das Denken: 
Die Begriffe sollen uns hell werden wesentlich aus der Betrachtung 
der ihren Gegenständen zukommenden Wirksamkeiten, die zumeist 
in Beziehung zu den Regulativen unseres Handelns stehen. Denken ist 

■ letzthin mögliches Handeln. Es hat die Funktion, jene Handlungs- 
regulat ive, Gewohnheiten, „habits" aufzubauen. Von hier bis zur 
These, daß „alles Denken sein letztes Ziel im Handeln" habe, und 
endlich gar bis zur Gleichsetzung von Wahrheit und Nützlichkeit 
führt kein Weg, den Peirce je beschritten hätte. 

J? Wohl aber James war in diese Richtung gegangen. Er hatte allen 
Anspruch auf objektive Wahrheitserkenntnis aufgegeben zugunsten 
nicht einer empiristischen, sondern einer aktiv istischen Lehre, „deren 



Alterer Pragmatismus 21 " 

ganzer Sinn die Umsetzung in die Tat ist" 12 . Seine pragmatische Phi- 
losophie sucht sich über die Widcrsprlichlichkeiten der realistischen 
wie der idealistischen Erkenntnistheorien einerseits und die unge- 
gelösten Probleme des Empirismus wie des Radonalismus anderer- 
seits hinwegzusetzen. Sie gibt sich betont liberal-pluralistisch: jeder 
philosophische Denkansatz, wenn er zu gewissen Motiverfüllungen 
führt, ist sinnvoll und berechtigt. Diesen Pragmatismus interessieren 
nicht primäre Setzungen, Kategorien und Prinzipien des Denkens, 
sondern dessen Resultate und Konsequenzen, Man versteht, daß eine 
solche Auffassung zu einem bewertungsorientierten Wahrheks begriff 
gelangt, zu einer auf dem Wert der Brauchbarkeit beruhenden Wahr- 
heitstheorie. In diesem Sinne wird ein Wahrheitskriterium aufgestellt: 
Ein Satz ist wahr, wenn er uns das mit Befriedigung verbundene 
Erlebnis seiner für uns nützlichen Folgen vermittelt, wobei (in dem 
allein betrachteten nicht-analytischen, also „empirischen" Bereich) 
die Übergänge fließend sind: Es gibt nur mehr oder weniger brauch- 
bare Theorien, besser: Hypothesen, und es kann vorkommen, daß 
zwei sonst sehr unterschiedlichen Hypothesen gleiche Brauchbarkeit 
zuzusprechen ist, daß sich nämlich aus der Annahme der einen wie 
der anderen gleiche Folgen ihres Gebrauchs ergeben. Den inneren 
Schwierigkeiten der angedeuteten Lehre soll hier nicht nachgegan- 
gen werden. 

-.' Es bleiben Schiller und Dewey. Der erstere hatte den Pragma- 
rismus von James systematisch fortgesetzt und in seinen Konsequen- 
zen aufs Äußerste getrieben. Neu hinzugekommen war vor allem eine 
vom Darwinismus beeinflußte biologisch-anthropologische und so- 
ziologische Grundfassung der jAMESschen Wahrheitstheorie, Wahr- 
heit ist auch für Schiller in Brauchbarkeit und Nützlichkeit gegrün- 
det, aber es gilt, den „Selektionsmechanismus" sowie besonders die 
sozialen Determinanten des „Wahrheitsprozesses" aufzuzeigen 13 . Es 



12 G. Jacobv, 1909, p. 8. 

13 Charakrerisüsch hierfür F. C. S. Schiller, 1911, p. 194 in der 
Übersetzung von R. Eisler): „Denn mag auch jede Wahrheit in einem 
Einzelbewußtsein entspringen, so ist doch ihr Bestand so lange ein sehr 
prekärer, als es ihr nicht gelingt, in größerem Ausmaß Würdigung zu fin- 
den. Die Wahrheit ist eins von den seltenen Dingen, nadi deren Allein- 
besitz niemand strebt. Jene, welche das Unglück hatten, eine ihnen eigen- 
tümliche Auffassung der Wahrheit zu gewinnen und zu bewahren, pflegen 
in Gefängnissen oder Irrenhäusern eingesperrt zu werden, es sei denn, daß 
ihre ^Wahrheit' so harmlos abstrus ist, daß sie nicht zum Handeln führt 
und sie sich dann zuweilen als Philosophen ausgeben dürfen. Die Wahr- 



22 J Säkularisierung der Erkenntnis 

sind gleichsam statistische Filterungs- und Mittelungsprozesse im 
Gesamtsystem der gesellschaftlichen Wertungen, die zu intersubjek- 
tiver Geltung und schließlich sozialer Anerkennung bestimmter, vor- 
mals vielleicht im Besitz eines einzelnen befindlich gewesener Wahr- 
heiten führen. Solche Einzel Wahrheiten tragen grundsätzlich die 
Chance in sich, es bis zum bestmöglichen Anerkennungsgrad ver- 
meintlicher Objektivität zu bringen. Erkennen und Handeln, Wissen 
und Glauben, Denken und Fühlen sind im Erkenntnisprozeß zudem 
untrennbar miteinander verbunden. Denn es sind immer die Men- 
schen in ihrer körperl ich- geistig-seelischen Totalität, die sich, suchend 
und findend, in einer Welt sehen, die ihnen im Leben wie in der 
Wissenschaft fortwährend Entscheidungen abnötigt. 

Von hier aus mögen noch kurz die frühen Erscheinungen konti- 
nentaleuropäischen pragmatischen Denkens ins Licht gerückt wer- 
den. Der zu philosophischen Lehren verdichtete, weithin manifest 
gewordene anglo- amerikanische Pragmatismus hatte gerade in sei- 
nen Überverdeutlichungen und Überspitzungen den Blick geschärft 
für die aus ihrer Latenz allmählich hervorgetretenen pragmatischen 
Züge der nachkantischen europäischen Philosophie. Von Kants epo- 
chaler Subjektzuwendung hatte ein Weg weitergeführt, dessen Nach- 
verfolgung Varianten pragmatischer Weltperspektion immer deut- 
licher offenbar werden läßt. Hier sind vor allem zu nennen: Scho- 
penhauer, Nietzsche, des weiteren Simmel, Vathtnger und 
Bergson 14 . 

Der europäische Pragmatismus hebt sich in seinem überwiegend 
polemisch-pathetischen Denkstil besonders von derjenigen Form des 
amerikanischen Pragmatismus ab, die mit Dewey aufgekommen 
war. Dieser vielseitige Philosoph und Pädagoge, dessen Einfluß auf 
den amerikanischen „way of Üfe" kaum hoch genug veranschlagt 
werden kann, hatte dem jAMESschen Pragmatismus eine Wendung 
zum „Experimentalismus" gegeben: Wahrheit sei nichts fertig Vor- 
liegendes; die Wahrheit einer Hypothese muß sich vielmehr aus 
selbstgewonnenen Erfahrungen, aus eigenem experimentierendem 
Tun erweisen J Auch für die aktivistische Philosophie Deweys ist 
ider Primat des Handelns gegenüber dem Denken tragend. Denken 



heit muß somit, um gesichert zu sein, mehr als individuelle Wertung sein; 
sie muß soziale Anerkennung finden und sich in ein gemeinsames Gut 
verwandeln." 

14 Vgl. L. Marcuse, 1955. 



Konventionalismus 23 •» 

ist nur oder doch vor allem Instrument der Daseinsbewältigung. 
Es richtet sich daher weniger auf Vergangenes als auf Gegenwärtiges 
und Künftiges. Es soll helfen, gemäß den Wünschen und Zielen der 
Menschen in ihrer großen Mehrheit ein freies, vernünftiges, demo- 
kratisches Leben aufzubauen, wobei die gesellschaf dich -politischen 
Zielsetzungen im Interessenausgleich der vielen einzelnen bestehen, 
die ein Interakrionsfeld Intel ligent experimentierender Individuen . 
und Gruppen büden-i Hier hat auch die "Wissenschaft ihren funk- 
tionellen Ort. Wo dogmatische Verhärtung, Vorurteile, Autoritäts- 
glaube solchem Systemverhalten widerstreiten, gilt es, nicht Gewalt 
zu üben, sondern rational zu argumentieren, nötigenfalls zu refor- 
mieren. Man begreift, daß die — zwar nicht tiefschürfende, aber 
sozial wirkungskräftige — Philosophie Deweys dem Lebensoptimis- 
mus und der elastischen Kompromißbereitschaft der Menschen der 
jungen, geschichtlich noch unbelasteten amerikanischen Demokratie 
voll kongruent war. Sie spricht aus, was bislang mehr gefühlt als 
rational reflektiert wurde. 

Noch eines ist hervorzuheben. Bei Dewey hatte sich zum ersten 
Mal innerhalb des älteren Pragmatismus deutlich ein normativ- 
ethisches Element konstituiert. Deweys Lehre schließt ja bestimmte 
sittliche Forderungen ein, die zum Teil auch in die Grundlagen wis- 
senschaftlichen Denkens und Forschens eingehend sollen und {in nur 
scheinbarem Widerspruch zu der später von M. Weber erhobenen 
Forderung der sogenannten Wertfreiheit der Wissenschaft) in sie tat- 
sächlich eingegangen sind. 

Es wird später zu zeigen sein, daß und wie dieser „wissenschafts- 
ethische" Gesichtspunkt im modernen Pragmarismus zum Tragen 
kommt. 



1.2.2 Konventionalismus 

Ein zweites im Zusammenhang der Konstituierung des modernen 
Pragmatismus anzuführendes entwicklungsgeschichtliches Moment 
bildet der Konventionalismus. Er war im Vollzug eines vor-linguis ti- 
schen, jedoch kritischen Positivismus in Europa kurz nach der Jahr- 
hundertwende aufgekommen, und zwar im Zusammenhang mit der 
erkenntnistheoretischen Grundlagenproblematik der mathematischen 
Physik. Als sein Hauptvertreter gilt der französische Mathematiker 
H. Po INC ARE, ein Forscher, den man of zu den Pragmatisten gezählt 
hat, obgleich er sich deutlich genug zumindest von dem extrem 



24 Säkularisierung der Erkenntnis 

konventionalistisch-antiintellektualistischen Pragmatismus seines von 
Bergson beeinflußten Zeitgenossen Le Roy distanziert Karte: ihm, 
Poincare, war das Handeln nicht Wissenschaftszre/, sondern Er- 
kenn tn i s m ittel 1S . 

Das Wesentliche sei in wenigen Zügen skizziert: Die zweitausend- 
jährige mathematische Evidenzaxiomatik war mit Hilberts Grund- 
legung der Geometrie 16 einem formalistisch-relativistischen Axio- 
matikkonzept gewichen, Ungeahnte fi&äieftsspieJnktttM Waren da- 
mit der Mathematik erschlossen, ungeahnte Erweiterungen der ma- 
thematischen Begriffsbildung eröffnet. Ein folgerichtiger Weg führt 
hier von C. F. Gauss, der als erster die Möglichkeit einer nicht- 
euklidischen Geometrie gesehen hatte, über D. Htlbert bis zur 
gegenwärtigen „Strukturmathematik" N. Bourbakis. Es ist, wie man 
heute klar erkennt, ein Weg wachsender Wahlfreiheit in der Ge- 
staltung besonders der mathemanschen Grundlagen. 

Die Auffassung der mathematischen Axiome als willkürlich än- 
derbarer, nur dem Zwang der Vermeidung des Widerspruchs unter- 
worfener Konventionen laßt sich philosophisch und philosophie- 
geschichtlich deuten als Absage einerseits an eine platonisierende 
Teilhabe-Ontologie des Mathematischen sowie auch an ein axio- 
matisches Apriori im Sinne Kants, andererseits als Erklärung der 
Unmöglichkeit einer empirischen (aposteriorischen) Begründung ma- 
thematischer Axiome bzw. Axiomensysteme. Zumal die geometri- 
schen Axiome sind als „auf Übereinkommen beruhende Festsetzun- 
gen" (Poincare) deutbar. Dies hat weittragende Konsequenzen auch 
für die in mathematischen Begründungszusammenhängen dargestell- 
ten erfahrungswissenschaftlichen Theorien: 

Gibt es nämlich keine empirische, außerformale Begründung von 
Axiomen und Axiomensystemen, ist also die Mathematik eine gleich- 
sam „freischwebende" Gedankenkonstruktion s so ist es auch unmög- 
lich, einem empirischen Sachverhalt ein mathematisches System ein- 
deutig dergestalt zuzuordnen, daß es als einziges unter allen mög- 
lichen mathematischen Systemen jenen Sachverhalt strukturell be- 
schreibt, 

Tatsächlich hatten die von Poincare zur Untermauerung seiner 
Überlegungen aus der Physik herangezogenen Beispiele eindringlich 
gezeigt, daß dieselben Beobachtungsmannigfaltigkeiten in verschie- 
denen mathematischen Systemen widerspruchsfrei interpretiert wer- 



15 H. Poincare, übers, v. E, Weber, 1921, p. 164 f. 

16 D. Hilbert, 1899. 



Konventi onalism us 2$ 

den können, daß es mithin außerlogischer wie außerempirischer 
Selektionskriterien füt das jeweils zu verwendende Syi-rern bedarf '■'■ . 
Diese Kriterien aber können nach Poincare nur auf konventionel- 
len Festsetzungen beruhen. Dem mathematischen Konventionalismus 
war so ein physikalischer, ja, naturwissenschaftlicher Konventionalis- 
mus gefolgt, der die Grundlagen der Erkenntnis als Wahl- und Ent- 
scheidungsakte deklariert. 

Als wichtigstes, selbst weithin konvemionalisicrtes Auswahlkrite- 
rium für mathematische Beschreibungssysteme von Beobachtungs- 
mannägfaltigkeiten hatte sich dabei im Fortgang det Wissenschaft 
das folgende erwiesen: Man greift unter mehreren verfügbaren Sy- 
stemen, deren jedes sich zur Darstellung desselben Sachverhaltes 
eignet, das einfachste heraus — „einfach" als teils ästhetische, teils 
pragmatisch-operationale Kategorie verstanden 18 . 

Der im Konventionalismus erkenntnistheoretisch relevant gewor- 
dene Einfachheitsbegriff ist bemerkenswert unscharf, und die Schwie- 
rigkeiten, die seiner Explikation entgegenstehen, hatten es verhindert, 
daß man ihn der intuitiven Ebene entheben konnte. Lediglich als 
Ad-hoc- Verschärfung war er von Fall zu Fall bestimmbar. Seine 
entscheidende Präzisierung gelingt erst durch Gleichsetzung von 
„Einfachheit" einer Theorie mit ihrem „Falsifizierbarkeitsgrad" i9 . 

Wie immer die Schwierigkeiten einzuschätzen sind: Gerade die 
Theorien aus wähl nach dem Einfachheitskriterium läßt den Men- 
schen in seinen „erkennenden" Funktionen als ein Wesen etscheinen, 
das abhängig ist von ptagmatjschen Determinanten und von einem 
in seiner Natur verankerten Ökonomieprinzip, das bis hinein in 
seine ästhetischen Funktionen wirksam ist. 

Wie schon angedeutet, hatte der Konventionalismus im Blick 
auf das allgemeine Problem der Wissenschaftsgrundlegung seine 
stärkste Stützung durch die moderne Physik erfahren. Er hatte fort- 
an eine wichtige Stimme in der wissenschaftlichen Philosophie des 
20. Jahrhunderts, und sein Einfloß auf die Denkhaltung der Wissen- 
schaftler im Zeitalter der Relativitäts- und Quantenphysik kann 



17 Wie ernst in der Tat die konvecrionaHsri sehen Argumente zu 
nehmen sind, zeigt z. B. der Umstand, daß das Ergebnis des Michelson- 
Experimems durch zwei einander ausschließende Theorien interpretierbar 
ist. Vgl. K. Hübner, 1963, p. 12f. 

18 M. Schlick, 1931, p. 148: „Einfachheit ist aber ein halb pragma- 
tischer, halb ästhetischer Begriff''; vgl. auch K. Popper, 1966, p. 47 f. 

19 Vgl. S. 29 f. Näheres bei K, Popper, 1966, p, 100 ff. 



2£ Säkularisierung der Erkenntnis 

kaum Koch genug veranschlagt werden. Hierunter fällt auch der 
hohe Anteil des Konventionalismus am Zustandekommen der neuen 
pragmatischen Bewegung im Gesamtraum der Erfahrungswissen- 
schaften. Der Konventionalismus hatte dem Subjekt im Zugeständ- 
nis fundamentaler Wahlfreiheiten Entscheidungen und damit auch 
„meta-theoretische" Verantwortlichkeiten aufgebürdet, die weder 
wissenschaftstheoretisch rückverlegbar noch überhaupt an rein intel- 
lektuelle Instanzen delegierbar sind. 

1.2.3 Poppers Kritischer Rationalismus 

Ein drittes entscheidendes Moment auf der zu verfolgenden Linie 
tritt hinzu: der sogenannte Kritische Rationalismus Poppers, eine 
Lehre, die ausgereift war in der Auseinandersetzung mit dem Neo- 
empirismus einerseits und dem Logischen Positivismus andererseits. 
Sie hatte Impulse erhalten vom Pragmatismus ebenso wie vom Kon- 
ventionalismus. 

1.2.3.1 Kritik am Neoempirismus 

Gerade Popper *° war es, der die {in 1.1.4 und 1.1.5 angedeuteten) 
Einwände gegen die empiristische Erkenntnis- und Wissenschafts- 
auffassung vorgebracht hatte, wie sie im Wiener Kreis zur Zeit 
Schlicks vertreten war. Gewichtige Argumente waren dabei gegen 
die Behauptung der Gewißheit der „Konstatierungen" laut gewor- 
den. Popper hatte betont, daß jeder erfahrungswissenschaftliche 
Satz, schon wegen der in ihm verwendeten empirisch nicht konsti- 
tuierbaren Allgemeinbegriffe, von hypothetischem Charakter ist. Von 
ebendem Charakter seien mithin auch die angeblich den erfahrungs- 
wissenschaftlichen Theorien basal zugrunde liegenden singularen 
Erlebnisaussagen oder elementaren Erfahrungssätze. Diese seien 
grundsätzlich derselben Art von Kontrolle zu unterwerfen, die sie 
in bezug auf das zu „verifizierende" Erkenntnisgebilde ermöglichen 
sollen 1 '. 



20 K. Popper, 1966, 

21 Vgl. K. Popper, 1966, p. 20 f.: „Wenn wir daran festhalten, daß 
die wissenschaftlichen Sätze objektiv sind, so müssen auch jene Sätze, 
die wir zur empirischen Basis zählen, objektiv, d. h. tmersubjektiv nach- 
prüfbar sein. Nun besteht aber die intersubjektive Nachprüfbarkrit dann, 
daß aus den zu prüfenden Sätzen andere nachprüfbare Sätze deduziert 
werden können; sollen auch die Basissätzc intersubjekriv nachprüfbar sein, 



Poppers Kritischer Rationalismus 27 

1.2.3.2 Basissätze 

Popper hatte in seiner deduktmstischen Theorie der Theorienprü- 
fung jene „singulären Säue" durch „Basissätze" ersetzt in dem be- 
wußten Verzicht auf deren empirische Verifizier barkeit auf Grund 
von vorgeblichen Wahrnehmungsgewißheiten. Diesen Basiss ätzen, 
deren jeder die Gestak eines singulären Es-gibt-Saczes oder einer 
Konjunktion solcher Sätze hat (zuzüglich gegebenenfalls des Negats 
einer aus der Theorie abgeleiteten Prognose 22 ), kommt die Rolle 
von lediglich denkbaren und möglichen Aussagen über Tatsachen 
zu; sie sind Interpretationen von Tatsachen „im Lichte von Theo- 
rien". 

Ob ein System solcher Basissat2e einer erfahrungswissenschaft- 
lichen Theorie als Kontrollinstanz zugrunde gelegt werden darf, be- 
stimmt nicht „objektive" oder wenigstens „intersubjektive" Erfah- 
rung. Bestimmend hierfür ist vielmehr die Übereinkunft unter den 
beteiligten Wissenschaftlern. Ein Moment der Entscheidung des ein- 
zelnen spielt also wesentlich mit. Dies soll natürlich nicht besagen, 
daß sich die Konventionen über die Auswahl der Basissätze gewisser- 
maßen aus det Summation einzelner Stimmen auf Grund ausdrück- 
licher Willensbekundung ergeben; vielmehr wird man komplizierte 
kommunikative und soziale Interdependenzen annehmen und dabei 
auch den häufigen Fall stillschweigenden Übeteinstimmens der Mei- 
nungen einbeziehen müssen, letzteres überall dort, wo sich konforme 
intersubjektive Lernprozesse vollzogen haben, die nicht nachträglich 
kritischer Reflexion unterworfen wurden 23 . Das hier zur Subjektivi- 
tät und implicite zur sozial kulturellen Relativität des Tatsachen- 
begriffs Gesagte dürfte für zahlreiche Normierungen und für alle 
sogenannten „kulturellen Selbstverständlichkeiten" plausibel sein. 

1.2.3.3 Kritik an den verifizierenden Verfahren 

Bei Popper ist die Kritik an der empirischen Validität von „Tat- 
sachenaussagen" eng verbunden mit der Kritik an den induktivisti- 



so kann es in der Wissenschaft keine ,absoIut letzten' Sätze geben, d. h. 
keine Sätze, die ihrerseits nicht mehr nachgeprüft und durch Falsifikation 
ihrer Folgesätze falsifiziert werden können." 

22 K. Popper, 1966, p. 68. 

23 K. Popper) 1966, p. 379, hierzu: „ . . . was die Menschen vor 
Erreichung eines bestimmten kritischen Alters gelernt haben, das betrach- 
ten sie gern als Tatsache, als gewöhnlich*, und was sie später erfahren, 
als theoretisch oder auch als ,b!oßes Instrument'". 



28 Säkularisierung der Erkenntnis 

sehen Lösungsversuchen des Erkenn tnisproblems, das sich hier spe- 
ziell als Verifikationsproblem gestellt hatte. Wichtige Argumente 
Poppers zielen dahin zu zeigen, daß die empiristisch-induktiven 
Erkenntnistheorien nicht einmal das er/afcrwng^wissenschaftliche 
"Wissen vom /orwa/wissenschaftlichen Wissen (insbesondere von der 
Mathematik und Mathematischen Logik) einerseits sowie von „Meta- 
physik" andererseits abzugrenzen vermögen. Zu nachweislich richti- 
gen Gesetzen führende Induktionsschlüsse, die auf dem Primat des 
Grundsatzes der Wiederholung beruhen, kann es vor allem deshalb 
nicht geben, weil die psychische Verarbeitung von Wiederholungen 
nur unter der Voraussetzung bereits eines je bestimmten vorgängig 
eingenommenen Standpunktes möglich ist 24 . Standpunkt und Sicht- 
weise gehen ebenso logisch wie zei dich -kausal der Wiederholung 
voraus. 

1.2.3.4 Die „konventional istische Wendung" 

Einen Ausweg aus den induktionslogisch-verifikationstheoretischen 
Schwierigkeiten bietet zwar der Konventionalismus Poincares (vgl. 
1.2.2). Aber diese Lösung ist nach Popper verbunden mit einer nicht 
akzeptierbar scheinenden Gleichgültigkeit gegenüber der Frage nach- 
prüfbaren Erkenntnisfortschrittes. Wer nämlich Unstimmigkeiten 
zwischen Erfahrung und Theorie durch geschickte Variation der letz- 
teren! u nd zwar auf der Ebene der allgemeinen Prämissen dieser 
Theorie, beseitigt (oder die verläßliche Sachkunde der an der Theo- 
rienkonstruktion und -kontrolle Beteiligten in Frage stellt, um auf 
diese Weise die bedrohte Theorie zu retten), begibt sich jeder Mög- 
lichkeit einer empirisch-rational fundierten methodischen Bestim- 
mung von Entwicklung*- und Leitlinien der Theorienbildung. Soöte 
man nicht demgegenüber, wegen der Unaufweisbarkeit von Wahr- 
heits- bzw. Verifikationslinien, wenigstens versuchen, „Bewäbrungs- 
linien" in einem präzisen erkenntnis methodischen Sinne zu finden? 

1.2.3.5 Falsifizierbarkeit und Falsitizierrheit 

Einen solchen Versuch unternimmt Popper in Gestalt seiner Falsi- 
fikations- oder besser Falsifizierbarkeitstheorie, die wesentlich vom 
Begriff der Basissätze getragen wird (vgl. 1.2.3.2). Popper nennt 
eine Theorie „falsifizierbar" oder „empirisch", wenn sich aus der 



24 K. Popper, 1966, p.375. 



Poppers Kritischer Rationalismus 29 

Gesamtklasse aller zu dieser Theorie überhaupt denkbaren Basis- 
sätze (die also auch einander widersprechende Sätze enthält) eine 
nicht leere Teilklasse solcher Basissätze abgrenzen läßt, die zur Theo- 
rie in "Widerspruch stehen. Die Theorie heißt „falsifiziert", wenn 
wenigstens ein im konvemional-pragmatischen Sinne anerkannter 
Basissatz existiert, der mit der Theorie in Widerspruch steht. Da 
Basissätze Au ssagen sein sollen, die Beobachtbares betref fem. jedoch. 
auf der Ebene de r "Beobachtungen nur reproduzierbare Ereignisse 
(sogenannte Effekte) wissenschaftlich relevant sind, kommen als jn-_ 
erkan n te B a sissätze vor a llem Hypothesen mit lehr niedrigem All- 
gemein h ei t sgrad in Be trach t. 

Die Gesamtklasse möglicher Basissätze einer Theorie nennt Pop- 
per auch die »Klasse der Falsifikationsmöglicbkeiten" der Theorie. 
Diese Klasse kennzeichnet einerseits den Priifbarkeitsgrad der Theo- 
rie, so daß Prüfbarkeit und Falsifizierbarkeit zusammenfallen. Sie 
kennzeichnet andererseits dasjenige, was intuitiv unter dem empiri- 
schen Gehalt der Theorie verstanden wird. Da die Klassen von Fal- 
sifikationsmöglichkeiten (abzählbar) unendlich sind, bedarf es, um 
sie, womöglich metrisch, vergleichbar zu machen, recht subtiler Ver- 
fahren, zu denen Popper die Grundlagen erörtert. Danach erweisen 
sich Priifbarkeitsgrad, Falsifizierbatkeitsgrad und empirischer Gehalt 
eines metaphysischen Satzes, dessen Klasse von Falsifikationsmög- 
lichkeiten leer ist, als Null. Dieselbe Bewertung erhält eine Tautolo- 
gie, also ein aus lagischen Gründen wahrer Satz. Der zwischen Null 
und Eins hegende Falsifizierbarke ttsgrad einer empirischen Aussage 
dagegen wachst ebenso wie der empirische Gehalt dieser Aussage 
mit zunehmendem Umfang der zu der Aussage gehörenden Klasse 
von Falsifikationsmöglichkeiten. Geht man mit Popper davon aus, 
daß ein Satz desto mehr aussagt, je mehr er verbietet, so läßt sich 
im Grenzfall der alles verbietenden Kontradiktion (die jedoch per 
definitionem kein empirischer Satz mehr ist) als Falsifikarionsgrad 
der "Wert Eins zuordnen. 

Popper bringt den Falsifizierbatkeitsgrad eines Satzes mit dessen 
(logischer) Wahrscheinlichkeit in — konverse — Verbindung: je 
falsifizierbarer, je besser prüf bar er ist, desto geringer seine Wahr- 
scheinlichkeit, und umgekehrt. Auch der für den Konventionalismus , 
so wichtige Einfachheitsbegriff wird jetzt explizierbar. Wird nämlich 
eine Theorie als desto einfacher betrachtet, je mehr „Gesetzmäßig- 
keit" sie der „empirischen Wirklichkeit" zuspricht, und ist „Gesetz- 
mäßigkeit" etwas, das vor allem im Verbieten möglicher Fälle be- 



30 Säkularisierung der Erkenntnis 

steht, so läßt sich der Einfachheitsbegriff als Explikandum des quan- 
titativen Falsifizierbarkeitsbegriffs auffassen. 

Alle diese Überlegungen sind in sich wie zur Forschungspraxis im 
wesentlichen stimmig — ein Grund für die breite Anerkennung der 
Lehre Poppers. Sie sind andererseits so prinzipiell gehalten und 
durch ihre überwiegend verbale Fassung vor zu großer Enge der 
Auslegung bewahrt, daß Popper heute } 39 Jahre nach der Erstver- 
öffentlichung seiner „Logik der Forschung", kaum einen Teilkom- 
plex seiner Theorie zu revidieren braucht. 

1.2.3.6 Bewährbarkeit und Bewährung 

Das gleiche gilt für die PoppERschen Überlegungen zu den Begriffen 
der „Bewährbarkeit" und der „Bewährung" einer erfahrungs wissen- 
schaftlichen Theorie. Den Bewährbarkeitsgrad einer solchen Theo- 
rie setzt Popper umgekehrt proportional dem Grad ihrer (logischen), 
Wahrscheinlichkeit (der seinerseits dem Falsifizierbarkeitsgrad der 
Theorie konvers ist). Der Begriff der Bewährung der Theorie ist ver- 
wickelter. Popper läßt den Bewährungsgrad einer Theorie desto 
größer sein, je größer ihr Falsifizierbarkeitsgrad ist und je strenger 
die auf die Theorie angewendeten Prüfverfahren sind. Dabei sind der 
Strengegrad der Prüfungen der Theorie und ihr Bewährbarkeitsgrad 
nicht voneinander unabhängig. Denn die höher falsifizierbare und 
damit höher bewährbare Hypothese ist auch immer diejenige, die 
den strengsten Widerlegungs versuchen unterworfen werden kann — 
und in der Regel unterworfen wird. 

"Wegen der Schwierigkeit, wenn nicht Unmöglichkeit, ein Maß 
der Strenge von Theorienprüfungen (für die es unübersehbar viele 
Möglichkeiten geben mag) zu finden, bleibt allerdings die Einfüh- 
rung eines allgemeinen Bewährungsmaßes für erfahrungs wissen - 
schaftliche Theorien wahrscheinlich ein unerfüllbares Desiderat der 
PoppERschen Forschungslogik. 

1.2.3.7 Poppers „Basis-Konventionalismus" 

Das „philosophisch Unhintergehbare" innerhalb der als Forschungs- 
logik ausgegebenen Erkenntnistheorie Poppers liegt ersichtlich vor 
allem in der Wahl der tatsächlich anerkannten falsifizierenden Basis- 
sätze, die den Ausschluß bestimmter Theorien bzw. bestimmter ein- 
zelner Hypothesen zur Folge haben sollen, damit schließlich so etwas 
wie Leitlinien der Theorienbildung, von denen oben die Rede war, 



Poppers Krittscher Rationalismus 31 

sichtbar wird. Die tragende Rolle der Konvention, das Prius eines 
konventionalistiscben Erkenntniskonzepts in dieser Auffassung ist 
unverkennbar. 

Allerdings setzt Poppers konsensualer Faktor der Theorien kon- 
trolle, im Unterschied zu Pchncares Konventionalismus, nicht an 
den allgemeinsten Sätzen des jeweils untersuchten theoretischen Ab- 
leitungszusammenhanges an, sondern umgekehrt an den verhältnis- 
mäßig unmittelbar auf das Beobachtbare bezogenen Basissätzen der 
Theorie, über die es einig zu werden gilt. Poppers „Basis-Konven- 
tionalhmus" erscheint als das vom Standpunkt einer sich am realisti- 
schen Objektivitätsideal orientierenden Erkenntnistheorie als größt- 
mögliches Zugeständnis an die subjektive "Wahlfrei he it in der Theo- 
rienkontrolle. Und es erscheint andererseits, vom Standpunkt eines 
kritischen Rationalismus, als MiWßiitzugeständnis an eben diese 
Wahlfreiheit. 

1.2.3.8 Poppers „Pragmatismus" 

Und der Pragmatismus Poppers? Man findet ihn ersichtlich weniger 
im PoppERschen Bewährungsbegriff. Um die Ersetzung von „Wahr- 
heit" durch „Bewährung" in dem aktivistischen Sinne von James 
etwa oder dem experimenta listischen von Dewey geht es hier gar 
nicht. Popper glaubt an die »intellektuelle Aufgabe" der Wissen- 
schaft, er will das menschliche Erkenntnisstreben nicht biologisch 
oder instrumental deuten. 

"Wenn der Empirismus vor Popper davon gesprochen hatte, daß 
sich die Geltung einer er fahrungs wissenschaftlichen Theorie aus den 
sie stützenden Beobachtungen erweisen müsse, so ist dies jetzt dahin 
zu ergänzen, daß es Konventionen der vorgenannten Art sind, die 
dieser Geltungsprüfung oder, schwächer ausgedrückt, der Motivie- 
rung der Theorienauswahl zugrunde liegen. Und eben hier ist natür- 
lich eine pragmatische Komponente zumindest impliziert. Denn wo- 
nach soll sich die für die Theorienauswahl entscheidende Wahl der 
Basissätze richten? Doch wohl, wenn sonst keinerlei Anhaltspunkte 
vorliegen, nach der Bequemlichkeit ihrer Handhabung in der Proze- 
dur der Theorienprüfung. Daher wohl auch stets solche Sätze als 
Basissätze gewählt werden, die das gleichbleibende Erlebnis hoher 
intersubjektivet Evidenz auslösen. Über solche Basissätze gelangt 
man leicht zur Einigung. 

Natürlich läßt sich nun weiterfragen nach dem Woher dieser 
Evidenz. Sie mag ihren Grund haben in der praktischen — intuitiv 



32 Säkularisierung der Erkenntnis 

erlebten, kaum reflektierten — Bewährung der Basissätze (bzw. ihrer 
Bedeutungsdesignata) unter Bedingungen erfolgreichen Handelns 
oder, so könnte man auch sagen, in den Gewohn hei tsfixationen, zu 
denen es im Verlauf wiederholter solcher Bewährungserlebnisse 
kommt. Scheint nicht alle Theorienkonstruktion und alles Beobach- 
ten durchtränkt von solchen vorausgegangenen, mehr oder weniger 
naiv- intuitiven Bewährungserlebnissen und ihnen folgenden Ge- 
wohnheitsbildungen? Ein faktisches Prtus, das etwas mit Leben, An- 
passung, mit „homöostatischen Adaptationsprozessen" zu tun hat, 
scheint der konventionalen Anerkennung der je als rheorie-falsifizie- 
rend betrachteten Basissätze voranzugehen. Dieses Prius mag seiner- 
seits einzel wissen schaftlich erklärt werden; vielleicht in geschickter 
Verknüpfung von Methoden und Ergebnissen mehrerer Disziplinen. 
Im erkenntnistheoretischen Sinne begründet werden kann es natür- 
lich nicht, will man nicht das Fundament intersubjektiv pünkdich 
nachvollziehbarer Rationalität aufgeben. Die hier angedeutete Pro- 
blematik wird sich alsbald erneut stellen. 

Folgt man Popper, so gibt es jedenfalls keinen empirischen Satz, 
der nicht als grundsätzlich widerruflich zu gelten hat; gleiches gut 
dann auch für alle erfahrungswissenschaftlichen Theorien. Entschei- 
dend für die letzteren ist, was Popper ihre „Bewährung" genannt 
hat: Die Theorien, die sich in einer Art „Konkurrenzkampf" schließ- 
lich behaupten, bilden den im jeweiligen geschichtlichen Erkenntnis- 
stadium bis dahin erarbeiteten Inhalt menschlichen Wissens von der 
wirklichen Welt. 

Solches Wissen kann niemals absolut sein, es bleibt letzdich ein 
Raten, geleitet von oft phantastischen Entwürfen. Dieser Mangel an 
Sicherheit muß jedoch als VorteÜ betrachtet werden. Denn er erhält 
das forschende Denken beweglich und bewahrt es vor unfruchtbarer 
Überheblichkeit. Tatsächlich hatte dieses Denken noch stets die Kri- 
sen gefährlicher Selbst Versteinerung überwunden, in die es geraten 
war, wenn es sich der selbsterrichteten Tyrannis starrer Prinzipien 
unterworfen hatte. 

Auch in seiner Selbstkritik, so darf man im Sinne Poppers hinzu- 
fügen, soll indes das auf Wissensvermehrung zielende Denken nicht 
in Sei bstzer Störung umschlagen, Alle kritische Reflexion soll in ge- 
wissem Sinne auch pragmatisch effektiv sein, sie soll auf dem Felde 
wissenschaftlicher Forschung zu ständig verbesserten, immer lei- 
stungsfähigeren Theorien mit zunehmend erweiterten Anwendungs- 
möglichkeiten führen. 



Poppers Kritischer Rationalismus 33 

Man erkennt die weitreichenden Konsequenzen eines so verstan- 
denen semi -pragmatischen Kritischen Ratio nah' smus. Die Kritik am 
Neoempirismus hatte jedenfalls mit Popper, einen vorläufigen Höhe- 
punkt erreicht, von dem aus die philosophischen Bemühungen um 
„ Letztbegründung " von Erfahrungswissen, soweit sie im streng Nach- 
vollziehbar-Rationalen verbleiben, entweder als Apriorismen, als 
reine Denkbestimmtheiten, betrachtet werden mußten, für die kein 
„fundamentum in re" erweisbar ist, oder als ein merkwürdig unkri- 
tisches Festhalten an dem empiristischen Mythos, Teile oder Züge 
der sogenannten realen Welt seien auf Grund von Beobachtungen 
erschließbar unabhängig von vorgängigen, nicht ihrerseits aus Beob- 
achtungen zu rechtfertigenden Bestimmungen. 

1,2.3.9 Wahrscheinlichkeit und Reichhaltigkeit von Theorien 

Poppers Empirismus-Kritik ist, wie schon im Zusammenhang mit 
dem als nicht zutreffend erwiesenen «Primat des Grundsatzes der 
Wiederholung" (1,2.3.3) angedeutet, vor allem auch eine Kritik an 
der Induktionsmethode und am Induktionsprinzip. Ganz besonders 
gegen dessen einseitige Überbewertung im Wissenschaftsprozefi wen- 
det sich Popper, und er betont, daß die mit dem Induktionsprinzip 
eng zusammenhängende These, es seien erfahrungswissenschaftliehe 
Theorien mit möglichst hoher Wahrscheinlichkeit zu erstreben, dem 
Sinn und Zweck der Wissenschaft widerspreche. Nicht nur nämlich, 
daß wissenschaftliche Theorien im allgemeinen auf viel verwickei- 
tere Weise entstehen als nach dem Vorstellungsschema schrittweiser 
induktiver Verallgemeinerungen. Auch die induktive Logik, wie sie 
Carnap seiner Bestätigungstheorie 25 zugrunde gelegt harte, beruhe 
auf der unzutreffenden Auffassung, es käme bei einer erfahrungs- 
wissenschaftlichen Theorie besonders auf deren hohe Wahrschein- 
lichkeit oder Bestätigtheit an. Eher sei das Gegenteil richtig. Was 
eine Theorie wertvoll mache, sei ihre inhaltliche Reichhaltigkeit, das, 
was sie an Information hergibt. Information und Wahrscheinlich- 
keit stehen aber, quantitativ oder auch nur komparativ betrachtet, 
in konversem Verhältnis zueinander. Eine absolut sichere^ unter allen 
denkbaren Umständen wahre Aussage ist informationsleer, und eine 
Aussage, die einen hohen Informationsgehalt besitzt, ist immer auch 
mit entsprechend hoher Unsicherheit und Unwahrscheinlichkeit be- 
haftet. 



25 R. Carnap, 1950; vgl. auch R. Carnap und W. Stegmüller, 1959. 

3 5[Jthowläk, Modclhheoric 



34 Säkularisierung der Erkenntnis 

1.2.3.10 Verdeutlichungsversuche und Weiterführungen 

Später, Anfang der fünfziger Jahre t ist es gerade Carnap, der zusam- 
men mit Bar-Hillel (unabhängig von dem halbintuitiven Popper- 
schen Begriff der Klasse von Falsifikat! onsmÖglichkeiten eines Satzes) 
ein Inhaltsmaß bzw. ein Maß der „semantischen Information" von 
Sätzen wenigstens für einfachste formalisierte Modell sprachen defi- 
niert 26 , so daß es jetzt möglich wird, die Gegenläufigkeit der beiden 
für die Beurteilung einer Theorie fundamentalen Parameter, der 
Wahrscheinlichkeit und des Informationsgehalts der Theorie, exakt 
zu formulieren. Die Theorie von Bar-Hillel und Carnap ist auf 
Carnaps Induktionslogik aufgebaut und formal, insbesondere ohne 
Bezug auf Kommunikationsstrukturen, an der statistischen Informa- 
tionstheorie von C. E. Shannon orientiert. Es ist eine Theorie der 
semantischen Information im uneigentlichen, extensionalen, die syn- 
taktische Stufe der Semiotik nicht überschreitenden Sinne. Ihre man- 
nigfachen Schwierigkeiten und Unzulänglichkeiten, die zum erheb- 
lichen Teil mit Mängeln bereits der CARNAPschen Induktionslogik 
zusammenfallen 27 , sollen hier unerörtert bleiben. Es mag der gene- 
relle Hinweis auf die immense Applikationsferne dieses Explika- 
tionsversuches genügen. 

Ihn führen Überlegungen weiter, die im vorliegenden Zusammen- 
hang wegen der Einbeziehung pragmatischer Gedankengänge von 
Interesse sind. Hierzu gehört die im Rahmen der Spieltheorie* 8 ent- 
wickelte Nutzentheorie, die der finnische Logiker Hintikka in der 
Absicht verwendet, die PoppERsche Falsifizierbarkeitstheorie mit der 
CARNAPschen Induktionslogik und der Theorie der semantischen In- 
formation von Bar-Hillel und Carnap zu einem adäquaten Ver- 
fahren der Hypothesenauswahl zu vereinigen 59 . Hintikka definiert 
für den von Carnap verwendeten einstelligen Prädikatenkalkül einen 
Typus von Aussagen, die er Konstituenten nennt, und legt für diese 
letzteren einen Informationsbegriff derart fest, daß Information als 
zu maximierender Nutzen gedeutet werden kann. Dabei wird auch 
die falsifikationstheoretische Wendung, die Popper dem Problem der 
Theorienprüfling gegeben hatte, zusätzlich verständlich. Hintikka 
weist nach, daß die informationsreichsten neuen Beobachtungen im 



26 Y. Bar-Hillel und R. Carnap, 1953. 

27 Vgl. H. Vetter, 196S. 

28 J. von Neumann und O. Morgenstern, 1961. 

29 J. Hintikka, 1966. 



Poppers Kritischer Rationalismus 35 

Zusammenhang mit der Theorienkon trolle stets solche sind, die bis- 
lang bevorzugte induktive Generahsationen falsifizieren. Die für 
Poppers Methodologie der Theorienprüfung entscheidende Falsifi- 
kationsmethode ist mithin nicht nur für die Aufdeckung falscher 
Hypothesen von Bedeutung; sie erweist sich darüber hinaus als ein 
Verfahren zum Auffinden solcher Beobachtungen, die in einem wohl- 
definierten Sinne am informationsreichsten sind. 

Die von Hintikka vorgeschlagene nutzentheoretische Version des 
Problems der Theorienauswahl, über die des näheren zu referieren 
nicht Aufgabe des vorliegenden Abrisses ist, zeigt modellhaft Denk- 
möglichkeiten auf, die über Poppers „Semt-Fragmatismus" hinaus- 
weisen in Richtung auf eine sich noch weiter vom realistisch-empiri- 
stischen Erkenntnisbemühen entfernende pragmatische Position. Indes 
bleibt auch der HiNTTKKASche Formalismus immer noch gebunden 
an eine klassisch-epistemologisch orientierte, auf „Information als 
solche" spezialisierte Entscheid ungstheorie. Werthafte Interessen der 
auf Entscheidungen angewiesenen Subjekte gehen in diese Theorie 
nicht unmittelbar und nicht explizit ein. Sicher ist sie diesbezüglich 
parametrisierbar. Andere Schwierigkeiten jedoch (die vor allem mit 
der Abhängigkeit des zu maximierenden Nutzens von der Regulari- 
tät der Welt zusammenhängen) haften der Theorie wesentlich an. 
So wird Carnaps Induktionslogik zu einem sprachrelativen zwei- 
parametrigen (l, «) Unbestimmtheitssystem (da auch Allaussagen von 
Null verschiedene Wahrscheinlichkeiten zugeordnet werden). Über- 
dies auch hier wieder: die durch das primitive Sprachmodell bedingte 
immense Applikationsferne, gegen die sich mit Popper viele Erkennt- 
nis- und Wissens cbaftstheoretiker besonders des gesellschaftswissen- 
schaftlichen Bereichs wenden 30 . 



30 In diesem Zusammenhang darf auf Philosophen hingewiesen wer- 
den, die die zeitgenössische formal-semantische und linguistisch-analyti- 
sche Bewegung, in welcher sich die Hauprvariante des sehr wesentlich 
durch Wittgenstein inaugurierten logisdien Positivismus fortzusetzen 
scheint, in toto als eine Art spezialistischer, bludeerer Scholastik ablehnen 
und ein wirklichkeitsnahes, universales, umgangssprachliches Philosophie- 
ren vertreten. Der Erleuchtung, die dem philosophischen Denken und nicht 
zuletzt auch der Analyse erkennmistheoretischer Probleme durch den Re- 
kurs des Fragens auf die Ebene exakt-kritischer Untersuchung des Spracli- 
gebraudis zu danken ist, wird diese Einstellung wohl nicht gerecht. Viele 
in der rationalen Diskussion stehende Erkennmistheoretiker sehen jeden- 
falls — im besonderen Blick auf die verdeutlichende Rolle der formalen 
Model] sprachen und der in ihnen liegenden Erweiterungsmöglichkeiten — 



36 Säkularisierung der Erkenntnis 

12.A Das neopragmatische Erkenntniskonzept 

Auch bereits in Poppers Forschungslogik war ein Entscheidung- 
faktor explizit geworden. Alle tatsächlichen Basissatz- Konventionen 
machen Entscheidungen notwendig. Ähnlich bei Cärnap, dessen 
Bestätigungstheorie überabzählbar viele induktive Methoden zur 
Wahl stellt: diese je zu treffende Wahl setzt Entscheidungen vor- 
aus 81 . In dem Zusammenrücken von „Erkenntnis" und „Entschei- 
dung" äußert sich eine nicht- kontemplative, Subjekt- und interessen- 



keinen Anlaß, den von den Sprachanalytikern eingeschlagenen Weg zu 
verlassen. 

Carnap selbst hat einer Mitteilung von W. Stegmüller, 1971, 
p. 62 — 70, zufolge in seinen letzten Lebensjahren eine merkwürdige Ab- 
wendung von der linguistischen Fixierung seiner induktionslogischen 
Theorie zugunsten der Rückkehr zu ..vorlinguistischen" begrifflichen Sy- 
stemen vollzogen und dadurch der Reichhaltig skeitsf orderung, die seine 
induktionslogische Modellsprache nicht zu erfüllen vermochte, Rechnung 
getragen. Mit dieser Wendung korrespondiert nach Stegmüller die Ab- 
kehr Carnaps von der ursprünglichen Auffassung der Induktionslogik als 
einer Theorie der Hypothesenbestärigung zugunsten einer Neuinterpreta- 
tion dieser Logik als normativer Theorie. Carnap sei es jetzt (in seinem 
unveröffentlichten Manuskript » Abasie System for induetive logtc" , 1968- — 
1970) um „die Begründung von Normen für rationales Handeln bei Ent- 
scheidungen unter Risiko" (W. Stegmüller, 1971, p, 68) gegangen. Es 
darf wenigstens im Rahmen dieser Anmerkung auf die gegenwärtige Ten- 
denz zur Praktikabilisierung und Pragmatisierung der Darstellung und 
Kontrolle empirischer Theorien hingewiesen werden. Ohne das Ideal der 
formalen Exaktheit im geringsten anzutasten, werden hereingenommen: 
dynamische (zejtbezogene), rationalitäts-, relevanz- und entscheidungstheo- 
rensche Momente, Subjektbezogenheit, Wünschbarke it. Normativität. Mit 
diesen jüngsten Entwicklungen hangen die — vor allem nutzen theoretische 
(Hintixka) — Überwindung der gewohnten Frontalstellung der Popper- 
schen zur CARNAPschen Theorie sowie zahlreiche weitere in die Richtung 
fortschreitender Pragmatisierung weisende meta theoretische Vereinigungen 
und Fortsetzungen von Standpunkten und Denkansätzen zusammen, von 
denen man zuvor glaubte, sie hätten wenig miteinander zu tun oder seien 
gar miteinander unverträglich. Im gleichen Trend scheinen die mehr und 
mehr zunehmenden Kontakte sich vormals als voneinander unabhängig 
oder als antagonistisch erlebender philosophischer Richtungen und Schulen 
unter zeitge schieb tüchen Bedingungen 2u liegen, die ich wesentlich der 
generellen Pragmatisierung des gegenwärtigen Denkens zuzuschreiben nicht 
umhin kann. In diese Entwicklung gehört auch das Denken gegenwärtiger 
"Wissenschaftler und Philosophen in „Modellen". 

31 Vgl. auch L. Kraüth, 1970, p. 175—180. 



Das neopragmatische Erkenntniskonzept 37 

bezogene Wissenschaftsauffassung, die ihren vielleicht bedeutendsten 
Ausdruck in der „normativen Erkenntnistheorie" Morton Whites 32 
gefunden hat. 

1.2.4.1 Die logisch-linguistische Basis des WHiTEschen 
Neo pragmati smus 

Um die Entwicklungsbedingungen dieses neopragmatischen Erkennt- 
niskonzepts anzudeuten, sei vorerst ein logisch-linguistisches Argu- 
ment genannt: Nicht zuletzt unter dem Einfluß der Empirismuskritik 
Poppers war erkannt worden, daß etwa Fragen nach der Existenz 
von Eigenschaften, Zahlen, Klassen, Univetsalien (Designata von 
Gattungsnamen) u. dgl. immer nur innerhalb in je bestimmter Weise 
(mit den Mitteln der Mathematischen Logik) konstruierter und kon- 
ventionaltsierter begrifflicher Rahmen- und Bezugssysteme sinnvoll 
gestellt und behandelt werden können. Insbesondere bieten erst die 
formalisierten „conceptual frameworks" 3 * ein gegenüber dem ja 
weit überwiegend umgangssprachlich formulierten Falsifizierbarkeits- 
und Bewähningskriterium Poppers wesentlich stringenteres, wenn 
auch auf vergleichsweise noch ausdrucksarme Sprachen beschränktes 
Kriterium der Abgrenzung empirischer Fragen (und Antworten!) von 
nicht-empirischen, insbesondere metaphysischen. Es war dies nach 
Carnap eine Unterscheidung zwischen „internen", d. h, innerhalb 
des betreffenden conceptual framework gestellten Fragen einerseits 
und externen Fragen andererseits. 

Hier tritt erneut die PoppERsche Problematik der Abgrenzung 
der empirischen von den nicht- empirischen Aussagen — Popper be- 
vorzugt charakteristischerweise Ausdrücke, die den sprachlichen Cha- 
rakter der Erkenntnisgebilde nicht betonen — - in Erscheinung, aller- 
dings in folgender Abwandlung. Die sprachanalytischen Philosophen 
wenden nämlich derjenigen wichtigen Unterklasse von externen Fra- 
gen ihre Hauptaufmerksamkeit zu, die sich auf die Konstituierung 
des conceptual framework beziehen, desjenigen Systems also, das 
seinerseits die Gesamtheit des je möglichen wissenschaftlichen Fra- 
gens konstituiert. Solche speziellen externen Fragen, z. B. nach der 
Art der Realität von Dingen, sind, obgleich nicht möglich im Rah- 
men der betreffenden empirischen Wissenschaft, für diese basal ent- 



32 M. White, 1956. 

33 R. Carnap, 1950a. 



38 Säkularisierung der Erkenntnis 

scheidend. Aber ihnen wird nichtsdestoweniger der Charakter quasi- 
empirischer metaphysischer Fragen abgesprochen. Sie werden als 
pragmatische Fragen aufgefaßt, über die zu beschließen ist. 

1.2.4.2 Whites „Dezisionspragmatismus" 

Während Poppers „uneigen tlicher" Pragmatismus durch einen Be- 
währungsbegriff charakterisiert war, in den ein rational noch eben 
vertretbar scheinender, wenn auch gleichsam nur schattenhafter Rest 
von Empirismus (und damit Realismus) eingeht, ist der sprach analy- 
tische, speziell der implizite CARNAPSche Pragmatismus, wie er in 
der „externalen Problem atik* der conceptual frameworks zum Aus- 
druck kommt, ein eigentlicher:, aktivistischer und normativer Prag- 
matismus. In dem Raum der Freiheit, den dieser inhaltlich zunächst 
und primär unfixierte Pragmatismus schafft, kann es „Bewährungs- 
linien des Theorien auf baues", wovon oben die Rede war, nicht oder 
nur zufällig oder lediglich nach Maßgabe pragmatischer Kriterien 
geben. Vom Standpunkt dieses eigentlichen Pragmarismus aus scheint 
die „intellektuelle Aufgabe" einer „erkennenden" "Wissenschaft im 
POPPERschen Sinne prinzipiell unlösbar, vermag mithin Erfahrungs- 
wissenschaft ihre pragmatische Funktion nicht zu ttanszendieren. 

Von der Einsicht in die Unvermeidbarkeit des dezisionären 
Erkenntnisfaktors gelangt White konsequenterweise zum Postulat 
einer „normativen Erkenntnistheorie* Si . Es sollen ja nicht beliebige, 
sondern je „angemessene" frameworks konstruiert werden — - „ange- 
messen" in einem werthaft-zielbezogenen Sinn. Flieraus folgt das 
Erfordernis einer hinter alle bisherigen positivistischen und pragma- 
tistischen Denkansätze zurückgehenden Analyse ethischer bzw. quasi- 
ethischer Probleme. Bislang scharf auseinandergehaltene philosophi- 
sche Disziplinen, Ethik und Erkenntnistheorie, müssen miteinander 
vereinigt werden, damit auf der Grundlage jener Analyse ^gute* 1 , 
„vernünftige" Basis entscheid ungen getroffen werden können. Aus 
der Bedeutungsanalyse von „Wissenschaft", „Ethik" usw. „letzte" 
Prinzipien zu gewinnen, sei hoffnungsloses Bemühen: „Is rhere any 
principle for selecting the class of terminal sentences? What is its 
composition?", fragt White. Er anwortet: „L know of no principle 
for selecting it and therefore I cannot speeify its composition. I can- 
not produce a necessary and sufficient condition for being a pinned 
down Statement nor for those that I or anyone eise ought to pin 



34 M. White, 1956, insbesondere p. 251— 263, 272—288. 



Das neopragma tische Erkenntniskonzept 39 

rjown" 85 . Und er betont, daß entgegen den einseitigen Konzeptionen 
der verschiedenen „-ismen", insbesondere des Positivismus und des 
Pragmatismus, das Schiff der Wissenschaft ebenso wie dasjenige der 
Moral nicht in „any easily specified set of beliefs or sentences" ver- 
ankert werden kann. Immer obliegen uns letztlich nicht hintergeh- 
bare Entscheidungen. Auf der Seite der Erkenntnistheorie etwa haben 
wir die Gewichte zu verteilen, die wir Faktoren zuerkennen wollen 
wie „the power to predict experience, the capacity to guide action, 
the capacity to organize our moral feeling, the degree to which the 
older truths are respected, and the simplicity of our system". 

Whites normative Erkenntnistheorie greift damit zwar ausdrück- 
lich auf ältere pragmatistische Gedankengänge zurück. Aber sie di- 
stanziert sich ebenso ausdrücklich von der besonders für James cha- 
rakteristisch gewesenen Gleichsetzung dessen j was „geglaubt" oder 
„akzeptiert" werden soll, mit dem, was „nützlich" ist. Insbesondere 
dadurch, daß der unfruchtbare und schwierige, weil äußerst vage 
Nützlichkeitsbegriff ausgeräumt wird, gewinnt der WfflTESche holi- 
stische Dezisionspragmatismus diejenige philosophische Reflexions- 
stufe, die ihn zu einem aufgeklärten und kritschen N«o Pragmatis- 
mus macht. 

Vermöge seiner integralen Einbeziehung pragmatisch-ethischer 
Momente in die Theorie des wissenschaftlichen Erkennens rückt der 
WHiTEsche Neopragmatismus in den Kreis derjenigen Erkenntnis- 
theorien ein, die die Interessenbezogenheit aller Erkenntnis betonen. 
Verwechslungen mit der sogenannten Kritischen Theorie der Frank- 
furter Schule oder mit originären Formen des Marxismus sind indes 
nicht zu befürchten. Von der „Kritischen Theorie" ist der Neoprag- 
matismus vor allem durch die Abwesenheit post-HEGELscher Verbal- 
dialektik, vom „nicht-kritischen" orthodoxen oder auch vom „Neo"- 
Marxismus vor allem durch sein Bemühen um Nichtparteilichkeit un- 
terschieden. Whites „normative Erkenntnistheorie" sucht, von allen 
ihren sonstigen Eigentümlichkeiten abgesehen, dasjenige Maß sowohl 
an Rationalität als auch an Liberalität offenzuhalten, das erforder- 
lich scheine, um einerseits pünktliche NaehvoHziehbarkeit der philo- 
sophischen Gedanken zu gewährleisten, andererseits perennierendes 
Weiterforschen nach jeder rationalen Weise kritischen Infragestellens 
zu ermöglichen. Während für diese Metatheorie des Erkennens Nicht- 
parteilichkeit unabdingbar scheint — was insbesondere die Absage 



35 Alle Zitierungen dieses Abschnitts bei M. "White, 1956, p. 284. 



40 „Modellismus" 

an die AWemgültigkeitsbehauptung der marxistischen Entfremdungs- 
theorie mit ihrem Implikat der Notwendigkeit revolutionärer Praxis 
einschließt — , ist nicht zu sehen, daß sie „dialektischen Innovatio- 
nen" ablehnend gegenübersteht. Allerdings muß der dialektische 
Evolurionismcs und Relationalismus wenigstens die Chance der Ex- 
plizierbarkeit mittels rationaler, insbesondere systemanalytischer Me- 
thoden erkennen lassen 86 . 

Ein dergestalt Erkenntnis und Interesse miteinander verbinden- 
der Neopragmatismus, der sich bei gl eich zeitiget Innovationsoffen- 
heit gegen brachiale — Kritik unmöglich machende — Manipulier- 
barkeit absichert, kann als basal-epistemologisches Einbettungs- 
gebilde auch der Allgemeinen Modelltheorie gelten. Deren spezielle 
Epistemologie behandelt der folgende Abschnitt. 



1.3 „Modellismus" 

Wie in der Geschichte des philosophischen Denkens weiterführende 
Impulse fast stets von der Kritik an bisherigen vermeintlichen Gewiß- 
heiten her gekommen sind, so ist auch die Erkenntniskonzeption der 
Allgemeinen Modelltheorie primär aus der Kritik an anderen Er- 
kenntnisauffassungen erwachsen. Hiermit verbunden ist permanente 
Se/festkritik, insbesondere Kritik an den Prämissen des eigenen — kri- 
tischen — Voran schieitens, sowie das Bemühen um möglichst weit- 
gehende Vorurteilslosigkeit und die grundsätzliche Bereitschaft, auch 
sogenannte „letzte" eigene Voraussetzungen in Frage zu stellen. 

Ein „universaler Kritizismus" ist hiermit nicht gemeint. AlIe_Kri- 
tikfin det ihr Ende ..in — wodurch immer bedingt gewesenen und 
verursachten — persöriJichkeitsimmanent£n_ Grundhaltungen und 
Grün deinstellungen , deren in endloser „aporetischet Selbstaufhe- 
bung" sich endedigen zu wollen nichts anderes bedeuten würde als 
auf die Ordnung des eigenen Denkens überhaupt zu verzichten. Kri- 
tisches Philosophieren muß daher immer gewärtig sein, In seinem 
Infrages teilen dessen, was gewiß oder selbstverständlich ist, neues 
Gewisses und neues Selbstverständliches zu setzen. Frei vo n_Gl.au- 
her_. 5gph3lr.pn, . Giufidgjltscheidunge n) „letzten" P räm issen ist keine 



36 Idi denke z. B. an die sysrem- bzw. „konrexturalitäts" theoretischen 
Bemühungen von O. Lange, 1969, und G. Günther, 1970, um die Auf- 
hellung der Strukrureigenrümlichkeiten dialektischen Entwicklungsgesche- 
hens. 



Kritik an Poppers Erkenntnistheorie 41 

philosophische Positi on, und auch der zur Methode erhobene Zweifei 
„bedarf der Gesichertheit des vor- und übergeordneten Ausgangs- 
systems. Wo selbst dies vom expandierenden partiellen Zweifel an- 
gerührt wird, muß die Gewißheit der nächsthöheren Ordnung das 
Zweifelswagnis stabilisieren" 1 S1 . 

Die wert basalen Besümmungsstücke^des_ H Mocfp//isffltts" - — wie 
hier und im folgenden die Epistemologie der Allgemeinen Modell- 
theorie genannt werden mag — werden im vorliegenden Abschnitt 
schrittwe ise aufgeh ellt. Der Leser wird bemerken, daß sie zwar zu- 
nächst großenteils mit denen des PopPERSchen Rationalismus über- 
einstimmen, letzteren jedoch zugunsten einer neopragm arischen Ver- 
sion der Aufklamngsideologie des Kritischen Rationalismus über- 
schreiten und korrigieren. Diese Version ist ihrerseits an dem White- 
schen Dezis ionspra gm atismus orientiert. 



1.3.1 Kritik an Poppers Erkenntnistheorie 

Die im Sinne dieser einleitenden Bemerkungen zu verstehende Kritik 
rückt noch einmal die Forschungslogik und die dieser inhärente Er- 
kenntnistheorie Poppers ins Licht. 



1.3.1.1 Das Leidinienproblem 

Zunächst die folgende denkwürdige Ambivalenz: 

Popper vergleicht die Regeln seiner Methodenlehre mit denen 
eines Schachspiels, er spricht geradezu von den „Spielregeln des 
Spiels ,empirische Wissenschaft" 1 , die definieren sollen, was „Erfah- 
rungswissenschafc" ist 38 . Und Popper anerkennt den Konventiona- 
lismus (Poincares und Duhems) als eine durch sachliche Argumente 
nicht widerlegbare Theorie der Erkenntnis: Es sei immer korrekt 
möglich, durch eine sogenannte „konventionalisrische Wendung" 
eine Theorie zu retten, d. h. ihre „Übereinstimmung mit der Wirk- 
lichkeit" herzustellen. Nur durch einen gegen diese „ konv endo n ausfi- 
sche Wendung" gerichteten „Entschluß" könne man dem Konven- 
tionalismus entgehen 39 . 



37 E. Herutzius, 1965, p. 195. 

38 K. Popper, 1966, p. 25. 

39 K. Popper, 1966, p. 50. 



42 „Modellisnrns" 

Trotz dieser sich selbst eingeräumten Freiheit der Definition von 
„Erfahrungswissenschaft" und trotz des Zugeständnisses der Un- 
möglichkeit, dem Konventionalismus anders als durch einen selbst 
erst durch Konvention intersubjektiv vollziehbaren Entschluß zu 
entgehen, hält POPPER jedoch einen Nachweis von Leitlinien der 
Tbeorienbildung im Sinne einer „traMjpragmatischen", einer „theore- 
tisch-intellektuellen" 40 Funktion der Wissenschaft für möglich. Er 
glaubt, prinzipiell jene Leitlinien als „Bewährungslinien" nachweisen 
zu können. Es müsse möglich sein, die zu einer Klasse von bis zu 
einem bestimmten Zeitpunkt vorliegenden, miteinander konkurrie- 
renden Theorien über denselben Beobachtungsbereich nach dem 
Grad ihrer Bewährung anordnen zu können a . Und zwar soll in der 
so angeblich realisierbaren Rangordnung der Theorienbewährung 
natürlich mehr zum Ausdruck kommen als eine Graduierung ledig- 
lich nach Gesichtspunkten pragmatisch-konvcntionaler Konstruktivi- 
tät bezüglich der Bearbeitung des „Materials der Erfahrung". Wie 
aber kann dieses „Mehr" gedeutet werden? Doch nur als Glaube an 
ein transsubjektives Leitmoment der Theorienbildung (bzw. der 
Theorienkontrolle, was hier im wesentlichen auf dasselbe hinaus- 
läuft), d, h. letztlich als ein Empirismus, als wie kritisch rationali- 
stisch „entdogmatisiert" dieser immer auftreten mag. 

Bereits früher (S. 30) war davon die Rede, daß es Popper tat- 
sächlich nicht gelungen ist, ein allgemeines Maß der Bewährung 
von Theorien zu definieren. Die später von Popper eingeführte Be- 
währungsfunktion C (h, e) 4a , worin h eine Hypothese und e das 
diese Hypothese stützende empirische Tatsachenmaterial bezeichnet, 
entspricht zwar zunächst dem PopPERschen Bewährungsbegriff. 
C {h } e) hängt jedoch wesentlich ab von dem Strengegrad der Theo- 
rienprüfungen, über die e berichtet, und damit von der von Popper 
geforderten „Ernsthaftigkeit" der Bemühungen, b zu widerlegen. 
Wie aber diesen „Strengegrad" und diesen „Emsthaftigkeitsgrad" 
formalisieren und quantitativ erfassen 48 ? Popper selbst hält eine 



40 K Popper, 1966, p. 225. 

41 K. Popper, 1966, Neuer Anhang IX, insbesondere p. 348 ff. 

42 Vgl. Anm. 4L 

43 Ahnliche Sdiwierigkeiten bietet im Zusammenhang mit der CaR- 
NAPschen Theorie der Hypothesenbestätigung das Problem, Kriterien für 
die Relevanz von Erfahrungsdaten im Hinblick auf die zu bestätigende 
Hypothese zu finden, oder das Problem der Unterscheidung zwischen 
Gesetzesaussagen und kontin genten Aussagen. 



Kritik an Poppers Erkenntnistheorie 43 

solche Fotmalisierung für unmöglich". Er halt es damit letzthin für 
unmöglich, auf Grund ein« numerischen Vergleichs imh Bewäh- 
rungsgraden, in die kein Moment intuitiven Scbätzens als wesent- 
licher Faktor eingebt, jene Leidinien der Theorien bil düng (bzw. 
Theorienkontrolle) nachweisen zu können. Diesem intuitiven Schät- 
zungsraktor dürften aber wesentlich subjektiv -pragmatische, keines- 
wegs von der „Erfahrung" her bestimmte Entschlüsse und Entschei- 
dungen zugrunde liegen. 

1.3.1.2 Das Basisproblem 

Bleibt es jedoch hinsichtlich der Theorienbewertung bei der Bestim- 
mung des sehr viel schwächeren Bewährfrar&eirsgrades, der ja als 
Funktion des Falsifizierbarkeitsgrades der betreffenden Theorie ein- 
geführt worden war, so erhebt sich unmittelbar die Problematik 
der Auswahl der Basissätze. Diese Auswahl bewegt sich ganz auf 
pragmatisch-konventionater Ebene, Eine erkenntnisfundierende Ab- 
sturz ung dieser Ebene ist grundsätzlich nicht aufweisbar, denn jede 
Theorie, die es unternimmt, jene Basissatz-Entscheidungen erklärend 
begründen zu wollen, gerät natürlich in die Verlegenheit der Begrün- 
dung ihrer selbst 45 . 



44 K. Popper, 1966, p. 372. Vgl. in diesem Zusammenhang spätere 
Fortnalisierungsversuche, insbesondere bei K. Popper, 1963, p. 390. 

45 Hierzu die charakteristische Bemerkung Poppers (1966, p. 70 — 71), 
mit der er im Zusammenhang mit der selbst gestellten Frage nach dem 
FaiESschen Trilemma („Dogmatismus — unendlicher Regreß — Psycholo- 
gismus") die Natur seiner Basissätze beschreibt; 

„Die Basissätze, bei denen wir jeweils stehenbleiben, bei denen wir 
uns befriedigt erklären, die wir als hinreichend geprüft anerkennen — sie 
haben wohl insofern den Charakter von Dogmen, als sie ihrerseits nicht 
weiter begründet werden. Aber diese Art von Dogmatismus ist harmlos, 
denn sie können ja, falls doch noch ein Bedürfnis danach auftreten sollte, 
weiter nachgeprüft werden. "Wohl ist dabei die Kette der Deduktion 
grundsätzlich unendlidi, aber dieser ,unendlidie Regreß' ist unbedenklich, 
weil durch ihn [nach unserer Theorie] keine Sätze bewiesen werden sollen 
und können. Und was schließlich die psychologis tische Basis betrifft, so ist 
es sicher richtig, daß der Beschluß, einen Basissatz anzuerkennen, sich mit 
ihm zu begnügen, mit Erlebnissen zusammenhängt — etwa mit Wahr- 
nehmungserlebnissen; aber der Basissatz wird durch diese Erlebnisse nicht 
begründet; Erlebnisse können Entschlüsse, also auch Festsetzungen, moti- 
vieren, aber sie können einen Basissafz ebensowenig begründen wie ein 
Faustsehlag auf den Tisch.* 



44 „Modellismus" 

Nun lassen sich zweifellos die Basissatz- Konventionen sowie die 
ihnen vorangegangenen Entschlüsse und Erlebnisse aus den Bedin- 
gungen vor allem des Sozia/prozesses begreifen, in den fraglos alles 
wissenschaftliche Denken und Tun eingefügt ist. Trotz der Hoch- 
komplexität und Aosgedehntheit dieses Prozesses und obgleich er im 
großen ein epochal -geschichtlicher Prozeß ist mit allen Unvorher- 
sehbarkeiten eines solchen, sind in Grenzen Bedingungen jener Art 
analysierbar. Sicher steht die „soziale Wirklichkeit" „hinter" den 
Übereinkünften, zu denen die in den geschichtlich-gesellschaftlichen 
Gesamtkontext gestellten wissenschaftlichen Experten 48 gelangen, so 
daß man sagen könnte, dieser Gesamtkontext ist es, der in „letzter 
Instanz" über Bewertung und Schicksal des einzelnen Erkenntnis- 
gebildes, der einzelnen wissenschaftlichen Theorie, und damit auch 
über die Entwicklungslinien der Theorienbildung entscheidet; ihm 
kann sich keine vermeintliche Erfahrungsgegebenheit auf der Ebene 
der Basissätze entziehen. Im Blick auf Carnaps „conceptual frame- 
work": Die empirische Basis einer Theorie wird von einem vor- 
gegebenen begrifflichen Rahmensystem bestimmt; Rahmensysteme 
dieser Art aber, deren Fundierung „beyond positivism and pragma- 
tism" iT sich Morton White zum Problem gemacht hatte, sind ihrer- 
seits abhängig von den tragenden Ideen des jeweiligen Theorien- 
entwurfs; sie sind damit gespeist aus einer Fülle von einander wech- 
selseitig bedingenden Zielen, Absichten, Motiven, gleich, ob man 
diesem Gesamtprozeß sozialgeschichtliche Schicksalshaftigkeit unter- 
legt oder ihn aus Antriebspotentialen, die dem arbeitenden Menschen 
als Gattungssubjekt immanent sind, sich zielgerichtet entfalten läßt. 

Die hier in Frage stehenden Konventionen, Entscheidungen, Er- 
lebnisse und die hinter den Theorieentwiirfen und ihren wissen- 
schaftssprachlichen Determinanten stehenden tragenden Ideen auf 
die Dimension des Geschichtlich-Gesellschartlichen zurückzuführen, 
also sozialgcschichtlich-soziologisch zu betrachten und zu deuten, ist 
wissenschaftlich legitim. Diese Deutung jedoch „aufzuwerten" zu 
einer erkenntnisfundierenden Theorie, hieße einem Historismus und 
Soziologismus gegenüber anderen Erkenntnisaspekten den Vorrang 
geben, ohne dies aus „tiefer liegenden" (quasi stufentheoretisch: 



46 Ganz zu schweigen von den Mcfaexperten, denen in grundlegen- 
den wissenschaftlichen Fragen, zumindest auf der Ebene politischer For- 
sch ungsplanung, Entscheidungsbefugnisse zukommen. 

47 M. White, 1956, p. 279 ff. 



Kritik an Poppers Erkenntnistheorie 45 

als Begründung der Begründung) Erkenntnisfundamenten rechtferti- 
gen zu können. Muß nicht jeder Sozialprozeß seinerseits als ein 
Gefüge von Bedingungen und Faktoren erscheinen, die erst kraft 
ihrer Interdependenzen mit solchen Bedingungen und Faktoren wirk- 
sam sind, die nicht dem sozialen und sozialgeschichtlichen Bezie- 
hungsfeld angehören, und pflegen nicht diese Bedingungen und Fak- 
toren in mannigfaltigen Erkenntnisbereichen nach unterschiedlichsten 
Gesichtspunkten und Methoden ausgewählt, „zurechtgemacht" und 
in diesen ihren jeweiligen „Artefakt-Eigenschaften" untersucht zu 
werden? Was ist hier wem erkenntnismäßig vorgeordnet? Würde 
nicht eine jede wie immer herausargumentierte Rangordnung angeb- 
lich erkenntnisbegründender Faktorengefüge auf die Betonung eines 
je bestimmten Aspekts hinauslaufen, einseitig in einen bestimmten 
,,-ismus" ausmünden? 

Dem Historismus und Soziologismus würden zur Seite treten: ein 
Physikalismus, Biologismus, Psychologismus, Anthropologismus usf. 
Alles dies hat es hinlänglich gegeben. Auch Misch- und Kombinations- 
formen jener Bedingungs- und Faktorengefüge bzw. der sie erzeugen- 
den Perspektiven sowie Verallgemeinerungen solcher Perspektiven 
(man denke etwa and die „Erweiterung" des MARXschen Ökonomis- 
mus zum Wissenssoziologismus Karl Mannheims) haben die per- 
spektivischen Einseitigkeiten als solche nicht aufheben, das Präferenz- 
problem nicht lösen können. Und was schließlich jenes Bemühen 
„absolutistischer Philosophen" betrifft, über alle sich in Teil Wahr- 
heiten erschöpfenden einzelwissenschaftlichen Perspektiven hinaus zu 
philosophischer Standortfreiheit", zu einer totalen und insoweit wie- 
der absoluten Perspektion zu gelangen: sofern dieser Höhenflug nicht 
überhaupt ein Flug lediglich in die „Höhen" gedanklicher und 
sprachlicher Verschwommenheit und damit Unverbindlichkeit ist, 
mußte er doch wieder auf die Inkraftsetzung eines neuen Prinzips 
insistieren — man mag es das Prinzip der erkenntnisbegründenden 
Methoden pluralität oder wie sonst immer nennen. Seine eigene Be- 
gründung leistet es natürlich nicht. 

1.3.1,3 Die Unmöglichkeit von entsdieidungs freien 
Letztbegründungen 

Die an die kritische Analyse der PoppERschen Erkenntnistheorie an- 
knüpfenden Überlegungen lassen sich zu der These zusammenfassen, 
daß jeder mit rationalen Mitteln unternommene Versuch, die zur 



46 „Modell ismus" 

Kontrolle einer erfahrungswissensdiaftlichen Theorie erforderlichen 
Entscheidungen über die Basissätze dieser Theorie in gleichsam tief er- 
liegenden erkenntnisbegründenden Prinzipien zu verankern, zum 
Scheitern verurteilt ist. Hiermit sind nicht mir die „letztbegründen- 
den" Bemühungen auf dem Felde des im engeren Sinne wissenschaft- 
lichen Philosophierens gemeint, sondern gerade auch solche Versuche 
der Erkenntnisfundierung, die sich an originäre absolutistische Er- 
kenntnistheorien anlehnen oder anlehnen könnten. Keine dieser Er- 
kenntnistheorien hat ein Endgültiges, Nicht-Hintergehbares erweisen 
können. 

Das Fragen bricht nicht an irgendeiner Stelle ab. Es verstummt 
nicht angesichts der vermeintlichen Ursprünglichkeit z. B. des Han- 
delns oder des Willens zum Handeln (wie etwa Dinglir in seinem 
operativistisch-voluntaristischen Fundierungsversuch behauptet hat- 
te); denn man muß nach dem Woher, zumindest nach den Bedingt- 
heiten, jenes Willens fragen dürfen, und man muß fragen dürfen vor 
allem nach den philosophischen Voraussetzungen des vermeintlich 
sicheren Wissens oder absoluten Uberzeugtseins vom Primat des 
Willens vor dem Erkennen. Da dieses Wissen oder Überzeugtsein, 
wenn es kritisch sein soll, auf dem Erkennen von etwas beruht, ist 
man sogleich wieder im Zirkel — oder im unendlichen Regreß. 
Es bleibt die Wahl zwischen Apriorismus und Skeptizismus 48 . 



48 Zur Logik (und Widerspruchsfreiheit) der philosophischen „Uni- 
versalskepsis" vgl. W. Stegmüller, 1954. — In die angedeutete erkennt- 
nistheoretische Notlage hat sich das philosophische Denken seit Kant 
mehr und mehr hineinmanövriert. Man könnte so konstatieren: Die Natur 
ist sparsam. Sie hat ihre lebenden Wesen mit den Werkzeugen ausgestattet, 
derer sie bedürfen, um sich irn Dasein zu halten, und zumeist nur mit 
diesen Werkzeugen. Den Menschen hat sie reichlich mit Fähigkeiten aus- 
gestartet, die seine technische Dasemsbewäitigung bewirken. Sie hat ihn 
dagegen offensichtlich hoffnungslos unterversorgt mit Mitteln zur erfolg- 
reichen Bearbeitung philosophischer Probleme. Mündigwerden der Men- 
schen ist hiernach: sich illusionslos der philosophischen Insuffizienz seiner 
Gattung bewußt zu werden und in solchem Bewußtsein nach pragmati- 
schen Gesichtspunkten sein Leben zu gestalten. Dies schließt, was die 
innere Daseinsemi öglichung (wenigstens des freiheitlich-abendländischen 
Menschen) betrifft, die Öffnung zu überpragmatischen Wertungen und 
gel stig-seeli sehen Bindungen nicht nur nicht aus, sondern umgekehrt in 
dem Maße ein, wie der naive Glaube, Offenbarungstranszendenz ließe 
sich durch vernunftimmanente Erkenn tnisformen „ersetzen" oder auch nur 
stützen, besseren Einsichten in die menschlichen Möglichkeiten weicht. 



Kritik an Poppers Erkenntnistheorie 47 

1.3.1.4 Zusammenfassung der kritischen Würdigung Poppers 

Popper hat deudic h gemacht, daß es in zeitlosem Sin ne ..w ahres" 
Wissen n icht geb en kann, daß es sogar unmöglich ist, erfahrungs- 
wissenschaftliche Theorien auch nur als „wahrscheinlich" zu erwei- 
sen* 9 . Seine Argumente gegen deD verifikationstheoretischen „Induk- 
tivismus" — auch und gerade in seiner exakten, formalisierten 
Gestalt bei Carnap — sind zutreffend. Von hier aus ist keine be- 
friedigende Lösung des Problems der Sicherung oder Rechtfertigung 
von Erfahrungs wissen oder der Begründung von Leitlinien der 
Theorienbildung zu erwarten (und zwar grundsätzlich auch dann 
nicht, wenn es gelingen sollte, die Best ätigungs theo rie Carnaps auf 
genügend reichhaltige Logiksprachen zu beziehen). 

Poppers eigener Versuch indes, falsifizierbarkeit s - un d bewah- 
rungstheorerisch der „inte llektuellen Aufgabe" der Wissenschaf t ge- 
recht zu werden, muß selbst ebenfalls als gescheitert betrachtet wer- 
den. Gerade die Konsequenz, mit der Popper seine Idee einer mög- 
lichst kritisch -illusionslosen Theorie der empirischen Erkenntnis als 
Methodologie der Theorienprüfung durchführt, zieht unausweichlich 
die eklatante Widerlegung — nicht seiner Theorie als Methoden- 
lehre,, wohl aber der an sie geköpften, sie tragenden optimistischen 
Erkenntnistheorie nach sich. Wo soll hier noch ein Ort für eine 
„science pour la science" sein, wie soll gerade nach Poppers Kritik 
noch Wissen als Ziel einer „Erkenntnis" gelten dürfen, die sich un- 
abhängig weiß von pragmatischer Intentionalität? Wie kann hier 
noch von „Objektivität" gesprochen werden? (Wer, wie Popper, 
ein geistes- und vor allem philosophiegeschichtlich so belastetes Wort 
wie dieses zur „intellektuellen Ehrenrettung" der Wissenschaft ver- 
wendet, verweist damit doch ausdrücklich auf etwas, das über „bloße 
[ntersubjektivität der wissen seh aftlidhßn Methode" hinausgeht; dem 
schwebt fraglos mehr vor als nur der konventionale Zusammen- 
schluß einer Anzahl „psychologischer Subjekte" zu mehr oder weni- 
ger einheitlichen Verfahrensweisen; der meint letztlich, daß es der 
Wissenschaft möglich sei, nicht nur intenrional-konstruierend, son- 
dern enthüllend und nachvollziehend der einen überbegrifflichen 
Wirklichkeit näherzukommen.) Noch viel zu wenig, so scheint es, 
hat Popper Ernst gemacht mit dem, was gerade er betont hat: in 



49 Dies ist hier nicht des näheren darzulegen; es sei verwiesen auf 
R. Carnap und W. Steg Müller, 1959, ferner auf W. Stegmüller, 1954; 
K. Popper, 1966; H.Vetter, 1965; H. Stachowiak, 1969. 



48 „ModeUismus" 

welchem Ausmaß, in welch determinativer Basishafugkeit und Selbst- 
unbegr und barkeit nämlich es Übereinkünfte und damit persönliche 
Meinungen, subjektiv wertende Entschlüsse sind, die letztlich 30 das 
entscheidende Wort in jedem Verfahren der Theorieprüfung spre- 
chen. 

Es ist nicht nur so, daß unser Wissen von der Welt ein Raten ist 
und daß den Ergebnissen dieses Ratens nidrt einmal Wahrscheinlich- 
keit zuerkannt werden kann 51 . Auch aus den von Popper ent- 
sprechend wissenschaftlichem Vorgehen empfohlenen methodischen 
Nachprüfungen der Theorien, aus den systematisch angestellten Ver- 
suchen ihrer Widerlegung kann, wie gerade Popper zeigt, im Sinne 
einer absolutistischen (nicht-inrentional- pragmatisch relativierten) 
Erkenntnistheorie nicht mehr herausspringen als eine Theorie-Bewer- 
tung auf der Grundjage des Vertrauens in die Gültigkeit, Richtigkeit, 
wenigstens Regelhafrigke.it der tatsächlich getroffenen Basis -Entschei- 
dungen und deren Konvenrionalisierungen, wobei hier Ausdrücke 
wie „Gültigkeit", „Richtigkeit", „Rcgelhaftigkcit" gemeint sind mit 
Bezug auf ihre Funktion, Lettlinien der Theorienbildung bzw. Theo- 
rienkontrolle zu ermöglichen, die irgendwie in ein überinrenrionales 
und vielleicht auch überzeitliches Zielobjekt der Erkenntnis münden. 

Theorie-Bewertungen, die sich wesentlich, basal, auf Gemüts- 
zustände wie „vertrauen", „hoffen", „Zuversicht haben", „glauben, 
daß man sich darauf verlassen kann" usw. berufen, dürften unbe- 
schadet der Bedeutung dieser Zustände für das praktische Leben 
wie vielleicht auch für eine pragmatisch aufgefaßte Wissenschaft, für 
ein Wissen fragwürdig sein, für das der Anspruch auf eine wie weit- 
gehend immer abgeschwächte intellektuelle oder wfcer-pragmatische 
oder „reine" Erkenntnisfunktion noch aufrechterhalten wird. Die 
faktische Existenz von Fortsdirittsünien oder (BAViNKschen) Konver- 
genzlinien der Forschung ändert an diesen Feststellungen nichts. Die 
oft anzutreffende Übereinstimmung von auf verschiedene Weisen 
gewonnenen Forschungsresultaten mag als ein praktisches Indiz da- 
für betrachtet werden, daß man sich „auf dem richtigen Wege" be- 
finde; dem Erkenntnis theo retiker bietet sie keinerlei Begründungs- 
möglichkeit für Basis-Entscheidungen. Schon gar nicht kann solche 
Begründung durch Verweis auf ein unreflekoertes, unspezifbiertes 



50 Marxistische Erkcnntnistheoreriker seien auf die Ausführungen 
in 1.3.1.2, insbesondere S. 44 f., rückverwiesen. 

51 K. Popper, 1966, p. 223. 



Kritik an Poppers Erkenntnistheorie 49 

Gesamtfaktisches geleistet werden; gilt es doch gerade umgekehrt, 
den faktischen Wissenschaftsprogreß aus der spezifizierten Weise 
seines Zustandekommens und aus seinen Spezifizierren Entwick- 
lungsbedingungen zu begreifen und hieraus methodische Anweisun- 
gen zu geben, wie künftiger Wissenschaftsprogreß gesichert werden 
kann. 

"Wie schon zu Beginn des vorliegenden Teilabschnitts betont, 
ruhen die hier vorgelegten Argumente auf ihren eigenen, nicht elimi- 
nierbaren Grundannahmen. Unter diesen Grundannahmen muß je- 
denfalls bei sonst starken Zugeständnissen an die Lehre Poppers der 
mit dieser Lehre verbundene realistisch-empiristische Glaubensrest 
als rational unbegründet abgewiesen werden. Auch noch der Schat- 
ten eines erkenntnistheoretischen Absolutheitsanspruchs (der letzt- 
lich ein Anspruch auf Rea/geltung der Erkenn tmsresul täte ist), ist 
störendes Beiwerk, psychologisch erklärbar, aber unvertretbar vor 
dem Forum der Kritik 52 . 



52 Vgl. hierzu audi W. Stegmüller. 1371, p. 20 — 52. — Hier ist 
ferner der Ort, auf A. Wellmer, 1967, hinzuweisen. Weix.me.rs Darlegun- 
gen, die ich wie die vorgenannte Arbeit Stegmüllers erst nach Fertig- 
stellung meines Buchmanuskripts zu Gesicht bekommen habe, scheinen 
mir zwar {wie ich hier nicht nähet ausfuhren kann) in manchen Einzel- 
heiten Popper nicht gerecht zu werden, ihn zumindest in der Akzent- 
serz ung nicht unerheblich zu verfehlen. Wohl aber, und wesentlich hier- 
auf kommt es mir mit der liier atigeführten Bemerkung an, finde ich in 
einigen Hauptpunkten der WFLLMERschen Kritik meine eigenen Bedenken 
gegen die PöPPERsche Lehre bestätigt, so wichtig diese Lehre in ihrer 
Berichtigung und kritischen Weiterführung des jüngeren Positivismus und 
kritischen Empirismus ist. Dies gilt besonders für die Unnahbarkeit der 
im Text hervorgehobenen remanenten PoFPERschen Ontotogie, für jenen 
Rest von empirischem Realismus, den Popper in seinem Bestreben, das 
Anliegen der „reinen" Wissenschaft nicht instrumentaiistisch zu verfälschen 
(vgl. z, B. K. Popper, 1963, p. 114), beibehalten zu müssen glaubt und det 
seine Erkenntnistheorie mit erheblichen Schwierigkeiten belastet. 

Wie dicht WellmER hierbei, wenn man von der KANT-HEGELschen 
Grundorientierung der gebotenen PoppER-Kritik absieht, an meine neo- 
pragmatisch-modellistisehen Überlegungen herankommt, scheinen mit be- 
sonders die folgenden zusammenfassenden Ausführungen des Autors zum 
grundsätzlichen Vorgehen Poppers zu zeigen (A.Wei i.mer, 196", r. 2.34 f. : 
„Nachdem durch methodische Entscheidungen festgelegt ist, daß als empi- 
risches Faktum nur gelten solle, was seine Faktizität den Ermittlungstech- 
niken der experimentellen Wissenschaft oder elementaren Handlungskon- 
trolJen gegenübet zur Geltung bringen könne, was also dem Zugriff der 
experimentellen Methode als Faktura steh anpaßt, werden die methodolo- 

4 Stachowjak, Mode]]rbeork 



50 „Modellismus" 

1.3.2 Der pragmatische Entschluß und seine Supplemente 

Die aus der dargelegten Situation gezogene Hauptkonsequenz soll 
ein Entschluß sein. Es ist dies der Entschluß zur Umzentrierung des 
auch von Popper noch verteidigten, wenn auch in gewisser pragma- 



gischen Entscheidungen selbst und damit der ihnen korrespondierende 
Theoriebegriß ontologiscfa überhöht. Der Abbruch der transzendentalen 
Reflexion verschleiert dabei nur den Subjektivismus einer Ontoiogie, die, 
was wirklich sein kann, danach bemifir, was wirklich sein darf, d. h, nach 
dem Maßstab einer vorgefaßten Norm. Der methodologische Dezisionis- 
mus gibt sich am Ende wieder als ontologischer Dezisionismus zu erken- 
nen." Wenig später (p, 235) zu Poiters Ablehnung der instrumentalisti- 
schen Erkennmisposition; „Und als Posjdvist kritisiert Popper den Instru- 
mentalismus nur deshalb, weil dieser ein technisches Erkennen! sinteresse 
nicht durch eine Ontologie empirischer Fakten verschleiert. Popper entzieht 
dieses technische Erkenntnis in teresse der Reflexion, wenn er positivistisch 
darauf beharrtj daß es mir dem Interesse schlechthin identisch sei; viel- 
mehr: er bricht die Reflexion auf den Zusammenhang zwischen Erkenntnis 
und Interesse ab, indem er das der empirisch-analytischen Wissenschaft 
zugrunde liegende Erkenntnisinteresse — tauto logisch — als theoretisches 
identifiziert." 

Die Tocalgegebcnheit des wissen schaftskon saturierenden „background 
knowledge" zu einer „transzendentalen Bedingung der Möglichkeit eines 
wissenschaftlichen Fortschritts" {A- Wellmer, 1967, p. 216) zu hyposta- 
sieren, sehe ich mich allerdings außerstande, ebenso wie ich die von 
Wellmer nur sporadisch angedeutete dialektische Form der Reflexion 
des Verhältnisses von „Erkennen und Interesse" (p. 218 ff. sowie p, 236) 
vor allem wegen der Vieldeutigkeit und Manipuüerbarkdt des „dialekti- 
schen Schlußprozesses" ablehne. Zwar sieht Wellmer ebenso wie ich Wis- 
senschaft und Erkenntnis im funktionellen Zusammenhang mit ihrem tech- 
nischen Erfolg, und zwar nicht nur dem faktischen, sondern schon dem 
möglichen (p. 225 f.): „Popper unterscheidet zu Recht die kritische Ein- 
stellung des Wissenschaftlers, der problematische Theorien überprüft, von 
der praktischen Einstellung des Ingenieurs, der bewährte Theorien anwen- 
det; und zweifellos hat ja die kritisdve Einstellung des Wissenschaftlers, 
der systematisch die möglichen Gegenstände überprüft, eine entscheidende 
Bedeutung für den Fortschritt der Wissenschaft. Aber das ändert doch 
nichts an dem funktionellen Zusammenhang zwischen theoretischer Wahr- 
heit und technischem Erfolg; vielmehr steht die kritische Einstellung des 
Wissenschaftlers selbst in einem funktionellen Zusammenhang mit mög- 
lichen technischen Erfolgen. Noch die Tatsache, daß die funktionelle Be- 
ziehung zwischen der theoretisch- kritischen Einstellung des Wissenschaftlers 
und dem möglichen technischen Erfolg im subjektiven Bewußtsein des 
Wissenschaftlers ausgeblendet wird, hat ihre funktionelle Bedeutung: die 
theoretische Phantasie gedeiht nur in einem von unmittelbaren Zwecken 
freien Spielraum; erst die erfolgreiche theoretische Phantasie ermöglicht 



Der pragmatische Entschluß und seine Supplemente 51 

tisch -konventionaler Weise abgeschwächten klassischen, unitären, 
rezeptiv-passiven, "Wissen irgendwie noch als ein Seins Verhältnis auf- 
fassenden Erkenntnisbegriffs (mit seinen spezifischen, den Menschen 
intellektuell überfordernden Implikationen) in einen multiplen, prag- 
matischen, intentionalen Erkenntnisbegriff, das Wort „pragmatisch" 
aufgefaßt in dem ausdrücklich „liberalen" Sinne des Neopragmatis- 
mus (1.2.4): 

An die Stelle einer bestimmten pragmatischen, z, B. utilitaristi- 
schen, instrumentalistisch-prognostizistischen usw. Fassung von „Er- 
kenntnis" soll ein Repertoire solcher Fassungen und Deutungen tre- 
ten, d. h. formal geprochen, eine auf einem Bereich definierte, „inter- 
nal" oder systemimmanent ««abhängige Variable, über deren jewei- 
lige spezielle Belegung, falls eine solche in concreto gewünscht wird, 
zu beschließen ist 53 . Solche Beschlüsse können und sollten in Abhän- 
gigkeit von „externalen" — etwa einer sozialen Ethik, einer poli- 
tisch-ökonomischen Wertlehre, einer planungswissenschaftlichen 
„Antizipatorik" 34 entnommenen — Bewertungen erfolgen. 



es am Ende auch, mm Zwecke zu formulieren und zu realisieren," Gegen 
das Paus des funktionalen Gesamtzusammenhanges, worin Theorie und 
Praxis in wechselseitiger Vcrkopplnng unlösbar miteinander verbunden 
sind, wird der Modellist gewiß nichts einzuwenden haben. Er wird aber 
auch dieses Pnus nicht als ein absolutum äecrettmt einer ihrerseits ins 
„Trans-Pragmatische" überhöhten transzendentalen Reflexion verstehen 
wollen. Wellmer wendet den erfahrungsennöglidienden KAxrisehcn 
iranszendentalistischen Apriorismus in einen sich dialektisch schlechthin 
unbegrenzt wissenden HuGEtschen (kritischen) Rationalbmus, der zwar 
natürlich nicht wie der PoppERsebe „positivistisch halbiert" (J. Habermas, 
1964) ist, der aber in merkwürdiger Betonung einer bestimmten Aus- 
prägungsform europäischen Philosophierens die unmittelbarste Erlebnis- 
dimension des Menschen unterbewertet: diejenige der „Bedürfnisse und 
Interessen verges eil sdiafrercr Subjekte" (A.Wfu.mer, 1967, p. 218). An 
diesen Bedürfnissen und Interessen — dies ist, wenn man will, das neo- 
pTjgmatisdi-niodeüisüsche Prhts — ist noch am ehesten menschliches Han- 
deln und Denken orientiert. Dem Prtus der transzendentalen Reflexion 
kann ich lediglich eine Stelle im modcllisrischcn Repertoire der philoso- 
phisch-weltanschaulichen Denkvoraussetzungen einräumen, Vgl, hierzu den 
folgenden Abschnitt. 

53 Akzeptionslogisch sind bezüglich der je in Frage stehenden Per- 
sonengruppe die beiden Extremalverteilungen möglich; 1. nicht zwei der 
Akzeptoren haben den gleichen Erkenntnisbegriff, 2. alle Akzeptoren haben 
den gleichen Erkenntnisbegriff. 

J4 Letztere etwa auf der Ebene der normativen Planung im Sinne von 
E. Jantsch, 1970, insbesondere p. 35 f. 



52 „Modellismus" 

Das Gesamfrepertoire jener Fassungen von „Erkenntnis", das ein 
von der historischen Zeit abhängiges und bereits insofern offenes 
System darstellt, mag dabei durch eine „Operationale" Regel etwa 
folgenden Inhalts bestimmt sein: „Beschließe über dasjenige, was 
du unter ,Erkermtnis : verstehen willst, immer nur bezüglich der In- 
tentionen (Absichten, Zwecke, Ziele), die du dir als einzelner oder 
als Mitglied einer oder mehrerer hinreichend intentionshomogener 
Gruppen für eine gewisse Zeitspanne gesetzt hast. Versuche also 
nicht, auf Inten tionslosigkeit des Erkennens, auf eine Erkenntnis, 
die nicht ein „Wissen wozu" erzeugt, zu intendieren. 

Solches Intendieren wäre (gemäß 1.3.1) nichts als „Haschen nach 
Wind". Denn die Möglichkeit von in tentions losem Erfahrungswissen, 
von „Erkenntnis um ihrer selbst willen", einer Erkenntnis also, für 
die z. B. die Voraussagefunktion von Theorien zufälliges Neben- 
produkt ist, steht und fällt mit der Möglichkeit des stringenten 
Nachweises intern ionsHJMfoka«giger Leitlinien der Theorienbildung. 
Weder verifikationstheoretisch, wie besonders Popper gezeigt hat, 
noch auch falsifikations- und bewährungstheoretisch im Sinne des 
Poppe Rschen Erkenntniskonzepts kann dieser Nachweis erbracht 
werden. Daher bleibt, um es nochmals zu sagen, eine Theorien- 
„Bewährung" ohne pragmatisch -intenttonalen Bezug in das Land der 
erkenntnistheoreri sehen Träume verwiesen, die noch erfüllt sind vom 
alten Absolutheirszauber der Adäquationstheorien des vorkantischen 
Dogmaris m us. 

Aber man muß bei den Beschlüssen, zu denen der pragmatische 
Entschluß auffordert, der neopragmatischen Wertbasis eingedenk 
bleiben. Dies fordert ein erstes Supplement zum pragmatischen Ent- 
schluß. Die Intention ahtät der Erkenntnis und damit die ad-hoc- 
Fassung des Erkenntnisbegriffs darf nicht ins Uneigentlich -Pragma- 
tische entgleiten. Legt man etwa Schelers bekannte Einteilung des 
Wissens in Leistungs-, Bildungs- und Erlösungs wissen zugrunde, so 
können selbstverständlich Erkenntnis weisen, die auf ein Heils- und 
Erlösungswissens im ScHELERschen Sinne zielen, nicht in die mög- 
lichen Grenzen jenes Repertoires fallen, das der pragmatische Ent- 
schluß meint. Wesendich empfangene Teilhabe an einem total Fremd- 
bestimmten ist, wenn sie rationalisiert wird, Ontologie und fällt als 
solche noch vor das Konzept des Kritischen Rationalismus zurück. 
Ihre Einbeziehung in das Erkenntnisformen -Repertoire würde den 
pragmatischen Entschluß gleichsam „horizontal" entarten lassen. 



Der pragmatische Entschluß und seine Supplemente 53 

Nicfo-ontologisch dagegen ist Erkenntnis, die darauf intendiert, 
Menschen oder Menschengruppen oder Gesellschaften bis hin zur 
Weitgesellschaft zur „Einigung mit sich selbst" zu verhelfen, sie zur 
„stileinheitlichen Selbstverwirklichung" zu führen u. dgl. Solche Er- 
kenntnisweisen eines säkularisierten Heils-, Erlösungs- und Bildungs- 
wissens, deren Verwirklichung zumindest potentiell pragmatisch im 
eigentlichen Sinne ist, da sie das absolutistische Erkenntniskonzept 
kritisch-rationalistisch transzendieren, sprengen unter den Bedingun- 
gen der geschichtlichen Gegenwart ersichtlich die entsprechenden 
Scheler sehen Kategorien bereits in Ansehung des individuellen 
Menschen. Denn dessen Interessen, soweit diese erkenntnismäßig 
realisierbar sind, gruppieren sich weniger z. B. um ein „Bildungs- 
anliegen" als vielmehr um die Befriedigung mehr oder weniger 
vitaler und aktiver Bedürfnisse. Der Hunger nach Information, 
nach Wahrheit und auch Schönheit in einem machbaren, relativen 
Sinne; das Immun werden wollen gegen verdummende Propaganda; 
das Verständlichmachenwollen der Welt aus der Einsicht in kon- 
krete Wechselverhältnisse von Regularität und Irregularität; die Be- 
friedigung des natürlichen Kausal- und Ordnungsbedürfnisses und 
was dergleichen mehr ist: all dies braucht noch keineswegs die 
Grenzen zum SCHELERschen Leistungswissen zu überschreiten, wenn 
auch de facto die Intentionen des Bildungs- oder besser vielleicht: 
Erfüll ungswissens, jener mehr inneren DaseinsieJder des Menschen in 
diejenigen des .,Herrscharts- oder Lei stungs Wissens" fließend Über- 
gehen. — Die Erkenntnisweisen des letzteren brauchen hier nicht 
näher angeführt zu werden. Sie bilden die Domäne eines wesentlich 
instnirnentalistisch vet ein seitigten pragmatischen Erkenntnisformen- 
Repenoires. Gencralintenrionen sind hier: äußere Daseinsbewälti- 
gung, Beherrschung der Natur, Umbildung der Welt zur Lebensdiert- 
lichkeir einerseits, planerische Gestaltung gesellschaftlicher Innova- 
tionen in der Auseinandersetzung mit den Umweitgegebenheiten 
andererseits. 

Besonders die Repertoireisierung der Erkenntnisform des »Lei- 
stungswissens" eröffnet einen Pluralismus von inrentionalen Er- 
kenntnisdeutungen. Abgrenzungs- und Strukturierungskriterien müß- 
ten selbst wieder auf nicht begründbare Entscheidungen rekurrieren. 
Aber solche Freiheitsspielräume bereits auf der konstituierenden 
Ebene der erkenntnistheoretischen oder besser: erkenntnispragm ari- 
schen Entscheidungen sind vom Standpunkt einer „dynamisch -ak- 
tionsbezogenen und inte res senhaften Wissenschaftsauffassung, hinter 



54 „ModeUismus" 

der eine ebensolche Auffassung menschlicher Lebensfunktionen über- 
haupt steht, eher wünschenswert als bedenklich. Oder sollte man 
diese „pragmatische Freiheit", die Teil einer umfassenderen, tief 
erlebten, oft auch rief vermißten Entscheidungsfreiheit des Menschen 
ist, gegen die Unterwerfung unter die Autorität eines Phantoms rück- 
eintauschen, als welches ein absolutistischer Begriff der Erkenntnis 
mit seiner Inaussichtstellung von „subjektfrei -objektivem" Wissen 
dem ebenso kritisch wie entschlossen auf Sinnerfüllung dieses 
Erkenntnisbegriffs Drängenden erscheinen muß? Sicher ist „pragma- 
tische Freiheit" in ihrem epistemologischen oder auch in einem um- 
fassenderen Sinne eine — intentional — begrenzte Freiheit. Aber 
wo soll es absolute Freiheit geben? In den Seinsspekulationen der 
sich über die pragmatische Selbstbindung der Entscheidungsfreiheit 
erhaben dünkenden Philosophen, deren momenta causae beabsich- 
tigter oder unbeabsichtigter Selbstfixierung an eine Grundnorm, ein 
prius, ein Selbstverständliches nur den Vorzug der Künstlichkeit, der 
Entfern theit vom gemeinhin und alltäglich Erleb baren besitzen? Die- 
ses Märchenland der Sriitzpunktlosigkeit ist selber ein Seinsmythos. 

Der „pragmatische Entschluß" bedarf noch eines Zweiten Sup* 
plements, Dieses betrifft die Absicherung gegen einen unendlichen 
Stufen-Regreß der Erkenntnis: Es soll, außer in einem erkennt- 
nismäßig unverbindlichen Modellenttvurf — nur als solcher will die 
neopragmatische Erkenntnistheorie des Modellismus verstanden wer- 
den — , das Repertoire der pragmatisch-intentionalen Fassungen des 
Erkermmisbegriffs niäit metatheoretisch transzendiert werden. Das 
heißt: es soll nicht in einer Weise, die, wo sie nicht wieder pragma- 
tisch intentionalisiert wird, mehr Verbindlichkeit für sich bean- 
sprucht als intuitive und dabei gleichsam spielerische Gedankenkon- 
struktivität (bei innerer Widerspruchsfreiheit der die gedanklichen 
Konstrukte darlegenden Aussagesysteme), in erkennenwollender Ab- 
sicht über Erkenntnis gesprochen werden. Ohne diese zweite Ab- 
sicherung des pragmatischen Entschlusses würde das durch diesen 
konstituierte pragmatische Erkenntniskonzept, um in dem schon auf 
S. 52 verwendeten Bild zu bleiben, »vertikal" entarten. 

Jenes mögliche metatheoretische Zerfließen des modellistisch- 
neopragmatischen Erkenntnisbegriffs ins Intuitive, Außerpragmati- 
sche, Unverbindlich-Spielerische ist dabei ein im Sinne des „pragma- 
tischen Entschlusses" durchaus legitimer Prozeß, Die Freisetzung von 
konkret-pragmatischen Modellienmgskriterien kann sich als notwen- 
dig erweisen für übergreifende, höhere Formen pragmatischer Er- 



Der pragmatische Entschluß und seine Supplemente 55 

kenntnis besonders im Bereich der Aufbereitung von Zielakernati- 
ven. Zudem verwirklicht sich im Spielerischen eine Form persön- 
licher Entscheidungsfreiheit, die zumal in der Leistungsgesellschaft 
hohe pragmatische Relevanz gewinnt. Der persönliche Wille durch- 
bricht, jederzeit, den ihn bedingenden Kausalkontext und wird zur 
originären Schöpfungskraft. Er läßt seine eigenen Verursachungen 
hinter sich — wie der Bergsteiger im Gipfel erlebnis die Mühen des 
Aufstiegs und die Öde Erlebnisfülle des Tais. 

Die angedeutete Rekursion pragmatischer Erkenntnis auf spiele- 
rische Konsrruktivität, das Bestehen auf Unverbindlichkeit des jewei- 
ligen „Letzt"urteils muß Wert-Dogmatikern ein Dom im Auge 
ihrer Gewißheitseinsichten sein. Und sie werden vielleicht geneigt 
sein, rational notwendig scheinende Zurückhaltung in Fragen der 
erreichbaren Wahrheirserkenntnis mit Wertskeptizismus und — 
neuen Dogmatismus gebärender — Wertindifferenz zu verwechseln. 
Bedeutet aber Entfaltung zum Menschsein soviel wie Mündigwerden 
gegenüber Fremdsteuerung und Freisein von unnötigen und unwür- 
digen Zwängen, so ist Mensch im ausgeprägtesten Sinne nur das 
sich immer erneut hier und jetzt vermeintlicher Notwendigkeiten be- 
gebende Individuum als Bewußtseinsatom. Für diesen Menschen ist, 
idealtyp isch extrapoliert, letzthin die Haltung des Spielerischen ge- 
radezu wesentlich gattungsbildendes Charakteristikum, und es ist 
gleichzeitig Grundbedingung für Kultur und Fortschritt in allen sei- 
nen — technischen, ökonomischen, gesellschaftlichen —Dimensio- 
nen 55 . 

Die mittels des pragmatischen Entschlusses und seiner beiden 
Supplemente getroffene neopragmatische Parametrisierung des unitä- 
ren klassisch-absolutistischen Erkenn tnisbegriffs kann als Stück „Ent- 
zauberung der Welt" betrachtet werden in dem über das von Max 
Weber Gemeinte hinausgehenden Sinne, daß diese Entzauberung 
auch noch das Instrumentarium der Weltentzauberung einschließt. 
Das Infragestellen von Gewißheiten, Selbstverständlichkeiten, Über- 
zeugungen ist damit bis in jenen Grenzbereich vorangetrieben, wo 
die Srrw&rMrtheorie der Erkenntnis endet und die ethischen Inhalte, 
konkrete Erkenntnisinterpretationen beginnen. Mit den De-facto- 



S5 Vgl. das Homo-ludens-Konzept bei J. Huizinga, 1956. — Das im 
Text Gesagte hat natürlich nichts mit der hedonistiseh-ästherisierenden 
„Spielgeseilschaft" H. Marcuses, 1970, zu tun, die als „Paradiesesillusion" 
von H. Lenk, 1971, zutreffend kritisiert wird. 



56 „ Modeliis mus" 

Belegungen der Erkenntnisvariablen ist eine neue Entscheidungs- 
ebene erreicht, von der aus sich alle im Sinne des Neopragmatismus 
denkbaren erkenntnis mäßigen — insbesondere wissenschaftlichen — 
Modellierungen bestimmen. Hier ist der neo pragmatische Spring- 
bereich der Erkenntnis. 

Inwieweit jedoch diese Erkenntnis sich in Modellbildungen voll- 
zieht, soll im nächsten Abschnitt betrachtet werden. 

1.3.3 Das Modellkonzept der Erkenntnis 

Die neopragmatische Erkenntnis lehre des Modellismus leitete sich 
einmal ab aus dem pragmatischen Entschluß (13.2), zum anderen 
aus dem Modellkonzept der Erkenntnis. Beide Basismomente bedin- 
gen einander komplementär. 

Das Modellkonzept der Erkenntnis greift den Abbildgedankcn 
der klassischen Erkenntnistheorie auf, relativiert ihn jedoch im Sinne 
des pragmatischen Entschlusses. Hiernach ist alle Erkenntnis Er- 
kenntnis in Modellen oder durch Modelle, und jegliche menschliche 
Weltbegegnung überhaupt bedarf des Mediums „Modell": indem sie 
auf das — passive oder aktive — Erfassen von etwas aus ist, vollzieht 
sie sich relativ zu bestimmten Subjekten, ferner selektiv — intentio- 
nal selektierend und zentrierend — und In je zeitlicher Begrenzung 
ihres Original-Bezuges. 

1.3.3.1 "Weite des Modellbegriffs 

Modell in jenem mehrfach zu relativierenden Sinne ist ebenso die 
„elemen tarste* Wahrnehmung; „gegebenhek" wie die komplizierteste, 
umfassendste Theorie. Modell ist das vermeindich objektive Erkennt- 
nisgebilde ebenso wie die Gedankenkonstruktion, die ihre Subjek- 
tivität und Pefspeknvität,_betont. Modell ist Newtons Partiket- 
mechanik ebenso wie Rankes Weltgeschichte oder Hölderlins Hy- 
perion. Oft verblaßt d ie subjektive K om ponente, ohn e jedoch elimi- 
nierbar zu sein; oft aber auch trägt das Modell durchgängig die Züge 
seines Erschaff ers ss . Auch das umfassende philosophische System, 



56 So kann F. Nietzsches im Blick auf die Historie ausgesprochenes 
Wort (1908, p. 73): „ Jeder große Mensch hat eine rückwirkende Kraft: 
alle Geschichte wird seinetwegen wieder auf die Waage gestellt, und tau- 
send Geheimnisse der Vergangenheit kriechen aus ihren Schlupfwinkeln — 
hinein in seine Sonne" sicherlich zutreffend auf den die geschichtlichen 
Ereignisse modellierenden großen Historiker übertragen werden. 



Das Modellkonzept der Erkenntnis 57 

zumal als beschreibende und erklärende Metaphysik auf einem das 
fraglich Gewordene tragen wollenden Seinsgrund sowie die macht- 
liebe dienerisch- verschleiernde oder der Rechtfertigung von Vorurtei- 
len dienende Ideologie: alles dies ist „Modell'*, hinsichtlich seiner 
„Objektivität" von der exakten naturwissenschaftlichen Theorie nur 
graduell unterschieden. 

1.3.3.2 Modell-Operation alitat 

Besonders in den jüngeren Erfahrungs wissen scharten hat gerade die 
Frejheitjm Herausheben der je abbildungsrelevanten OrigmaI-Merk : 
male (und im Vernachlässigen der übrigen Merkmale) zu einer un- 
gemeinen Belebung der Forschungstätigkeir geführt. Aus der Not 
der Unmöglichkeit von „Wirk!ichkeits i 'erkennrnis, die zu wahrem 
oder auch nur wahrscheinlichem Wissen sollte führen können, ist 
die Tugend der Zweckangepaßtheit und operationalen Beweglichkeit 
pragmatischer Wissenschaft geworden. Dies gilt auch und gerade 
für die neue, in ihrem Reichtum überströmende Welt mathemati- 
scher Denkarbeit, zu der Hilbert nach zweitausend) ähriger klassi- 
scher Absolutheits- Axiom atik das Tor hatte aufstoßen können. 

Besonders aber empirische Erkenntnis ist stets „Erkenntnis für 
wen" und „Erkenntnis wozu ", wenngleich zumal die Wozu-Kompo- 
nente oft un reflektiert blieb. Sie ist stets konstruktive, bewußt oder 
unbewußt: operationale, d. h. dem Antrieb von Motiven unterlie- 
gende, mehr oder weniger von zielorientierten Entscheidungen abr 
hängige Erkerintnis., Wenn sich Fortsetzungs- und Fortschrittslinien 
solcher Erkenntnis aufzeigen lassen, so sind diese Linien nicht durch 
„Objektivität", sondern durch schöpferische. Konstruktiv! tat be- 
stimmt, Die Beurteilung von Fortschritt ist daher immer auch bela- 
stet mit tragischer Ambivalenz: die Konstrukte können gewollt oder 
blind zerstören. 

1.3.3.3 Empirische Theorien als Modelle 

Im PoppERSchen Sinne falsifizierte Theorien können sich mit dem 
Modellkonzept der Erkenntnis durchaus in Einklang befinden. Die 
Aufweisung einer „falsifizierenden Hypothese" 87 muß noch nicht 
die Außerkraftsetzung der durch sie falsifizierten Theorie bewirken. 
Auch ein theoriewi der legend er Effekt gewinnt seine Validität aus 



57 K. Popper, 1966, p.54. 



58 „Modellismus" 

bestimmten Konventionen, deren Relevanzgrad sich radikal ändern 
kann. Die Geschichte der Wissenschaft zeigt, daß manche Erkennt- 
nisgebilde gegen „unerwünschte" Falsifikation immunisiert wurden. 
Nicht immer dient die Pop per sehe Forderung möglichst strenger 
Theorienkontrolle dem Fortschritt der (neopragmatisch, nicht-abso- 
lutistisch verstandenen) Erkenntnis. Schon gar nicht würde etwa 
wahnhafte Übersteigerung der an diese Kontrolle gestellten Strenge- 
anforderungen der Entfaltung fruchtbarer und interessanter wissen- 
schaftlicher Konstrukte dienlich sein. 

Andererseits ist es mit dem modellisti sehen Erkenniskonzept ver- 
träglich, daß fcoc&bewährte Theorien mehr oder minder aus dem 
Verkehr gezogen oder für wesentlich erweiterungsbedürftig erklärt 
werden, wenn die an ihren Fundamenten ansetzende spekulative 
„Laune" eines einzelnen Forschers genügend viele Fachkollegen fin- 
det, die sich der neuen „Tatsachen"-Interpretation anschließen. Die 
falsifizierenden Effekte, wie im Falle der EiNSTEiNschen Kritik an 
den Grundannahmen der klassischen Mechanik der Michelson- 
MORLEY-Effekt, gehen dann der Theorierevision nicht voran; eher 
folgen sie ihr nach, wenn überhaupt angesichts der oft außerordent- 
lichen Verschlungenheit der heuristischen Prozesse Zeitfolgen der an- 
gedeuteten Art konstatierbar sind. 

1.3.3.4 Verfahren der Theorieprüfung 

Das Modellkonzept der Erkenntnis folgt in vielem den kritischen 
Einsichten der PoppERSchen „Forschungslogik". Es läßt nichtsdesto- 
weniger neben dem falsifizierbarkeitstheoretischen Verfahren der 
Theorienkontrolle andere Prüfungsverfahren für erfahrungswissen- 
sch ältliche Theorien gelten, Audi die von Poi'i'ER abgelehnt« „ Con- 
vention a listische Wendung" zur Rettung einer Theorie (vor allem 
ad hoc eingeführte Hypothesen bzw. Zuordnungsdefinitionen) sol- 
len nicht unbedingt und für immer ausgeschaltet werden. Auch 
kommt es auf die jeweilige Grundentscheidung bezüglich der inhalt- 
lichen Belegung der Erkenntnis variablen an sowie darauf, als wie 
fruchtbar sich — relativ zu jener Variablenbelegung — das resul- 
tierende Erkenntnisgebilde erweist. Es muß nicht gleich alles „ideolo- 
gieverdächtig" sein. Auch läßt sich faktisch eine scharfe Grenze zwi- 
schen wissenschaftlichen und ideologischen Systemen nicht ziehen. 
Insbesondere soll eine durch intuitiv-ästhetische Einfachheit aus- 
gezeichnete Theorie nicht unbedingt deshalb verworfen oder auch 



Das Modellkonzept der Erkenntnis 59 

nur minderbewertet werden, weil — vielleicht nur probeweise oder 
nur für eine gewisse Forschungsphase — an einem bestimmten 
Grundkonzept ihres Aufhaus konsequent festgehalten wird. Ein sol- 
ches Festhalten kann ja andere Gründe haben als gewollte Immuni- 
sierung der Theorie gegen „unerwünschte Erfahrungen". Allgemein 
sollen nicht grundsätzlich Erkenntnisgebilde aus der Klasse der erfah- 
rungswissenschaftlichen Theorien ausgeschlossen werden, die zwar 
einem im engeren Sinne [/£n//fedriOMstheoretischen } nicht aber dem 
falsififattions- oder vielmehr falsifizierbarkeitstheotetischen Verfah- 
ren Poppers unterworfen wurden. Der JuHOSsche Glaube an die 
Unbezweifelbarkeit der verifizierenden „Konstatierungen" ist als sol- 
cher zwar mit dem modellisrischen Konzept unvereinbar, das von 
Juhos 58 entwickelte, an physikalischen Methoden orientierte Verfah- 
ren der Theorien Verifikation dagegen ist rnod_ellis tisch legitim. Ganz 
ähnlich verhält es sich mit einer — künftigen, von ihren derzeitigen 
Unzulänglichkeiten befreiten — Methode der Hypothesenbestätigung 
auf der Grundlage der induktiven Logik Carnaps 5 *, ganz zu schwei- 
gen von Hintikkas nutzentheoretischem Verfahren 60 . Die Bevor- 
zugung des einen oder anderen Vorgehens außerhalb pragmatischer 
Gesichtspunkte scheint wenig sinnvoll; sie dürfte auch der tatsäch- 
lichen Situation der modernen Forschung wenig angemessen sein. 

1.3.3,5 Empirisch relevante metaphysische Theorien als Modelle 

Popper äußert sich zutreffend darüber, daß „manche metaphysischen 
Theorien rational vertretbar und trotz ihrer Unwiderlegbarkeit kri- 
tisierbar sind" M . Es sind wesentlich Konventjonenj^die überjiie 
Grenzzi ehung_z.wisdi en empirischen und_m e tap hy ri sehen The orien 
entscheiden . Nimmt man die zumindest heuristische Fruchtbarkeit 
mancher „metaphysischer" Theorien hinzu, so kann es nicht ver- 
wundern, daß ein die PoppERsche Empirismuskritik weiterführendes 
modelhstisches Erkenntnis konzept auch in der Frage der Abgren- 
zung der auf mögliche Erfahrungswelten bezogenen Theorien von 
denjenigen Theorien, die sich überhaupt mögliche Welten zum 
Gegenstand machen, denkbar tolerant ist. 



58 B. Juhos, 1950. 

59 R, Carnap, 1950; vgl. auch S. 34. 

60 Vgl. S.34f. 

61 K. Popper, 1966, p. 159. 



60 „Modellismus" 

Das modellistische Erkenntniskonzept bleibt dem Umstand ein- 
gedenk, daß alles wissenschaftliche Erkennen unabgeschlossen, .^auf 
dem Wege", ist. Auf allen seinen Entwickl.ungsstnfeaJjkibt es im 
Blick auf das Ganze des Theorienbildungsprozesses immer nur Heu- 
ristik. Darüber, ob eine Theorie, die überlicherweise „metaphysisch" 
genannt wird, dennoch als wissen schftli che Theorie zu werten ist, 
entscheiden neopragmatiscke Gesichtspunkte. 

1.3.3.6 Liberalität und Strenge des Modell konzepts der Erkenntnis 

Mit solcher modellistischer Liberalität sind höchste wissenschaftliche 
Strengeanfotderungen aufs beste vereinbar. Exaktheits3nf orderun- 
gen werden sogar gerade desto gewichtiger, je un dogmatischer, ela- 
stischer und diskussionsoffener die Grundbaupläne der im einzelnen 
durch Verarbeitung des Materials der Erfahrung zu errichtenden 
Theorien gestaltet sind. Manche jüngere E rf ah rungs wissen Schäften 
{wie z. B. die Wirtschaftswissenschaften) geben ein Beispiel für die 
fruchtbare Komplementarität von Gestaltungsfreiheit und mathe- 
matischer Stringenz. Erfahrungs wissen schaftliche Theorien können 
etwas von der Eigentümlichkeit formalwissenschaftlicher Systeme 
gewinnen, bei denen höchste Freiheit der Axiomenauswahl und 
strengste Bindung an die Deduktions vor Schriften komplementär exi- 
stieren. 

1.3.3.7 Erkenntnis axiotogie und neopragmatischer Humanismus 

Das Modellkonzept der Erkenntnis eröffnet der Theorienbildung 
einen Raum „neopragmatischer Freiheit", der für vor-modellistische 
Epistemologen beängstigend sein mag. Wer indes weder will, daß 
dieser Raum von einem undifferenzierten Gesamtfaktischen oder 
einem modeil pluralistischen „laisser faire" beherrscht wird, noch für 
gut hält, daß unter dem Intersubjektivitatsargument experrokrausch 
bestimmt wird, was „echte" und „eigentliche" Wissenschaft und was 
„Wahrheit" sei, der wird die perennierende Diskussion über die sich 
wandelnden Zielsetzungen wissenschaftlichen Modellierens suchen. 
Diese Diskussion, deren eigene Theorie und Technik auf Meta- 
Ebene zu diskutieren ist, hat die Verbundfrage nach dem, was isl, 
was sein wird und was sein soll, aus gemeinsamen Anstrengungen 
auf der Wertgrundlage eines an tidogmati sehen und nicht-autoritären 
Humanismus immer erneut zu stellen und Antworten zu erarbeiten. 
In den konkreten Fällen beteiligt sind nicht nur Wissenschaftler und 



Das Modellkonzept der Erkenntnis 61 

Politikerj sondern alle, die unter der Forderung gesellschaftlicher 
Verantwortung eigene Interessen zu -vertreten haben. Sie müssen 
gemeinsam und nach Spielregeln fairer Auseinandersetzung 63 den 
Möglichkeitsraum dessen, was wissenschafdich machbar ist — und 
was bisher auch unbekümmert gemacht wurde — , auf den Sollens- 
raum dessen einengen, was nach gesell seh ahi ich wünsch ens werten, 
weil der Selbstentfaltung möglichst vieler einzelner dienenden Priori- 
täten tatsächlich zu machen ist 83 . 

In unserer Zeit ist aus der potentiellen Wertemasse überhaupt 
ebenso wie aus den zum nicht geringen Teil kontroversen aktuellen 
Wertesystemen der Grundwert der sozialen Gerechtigkeit dominant 
geworden. In den meisten modernen Großgcs ellschaften steht die 
Forderung nach Beseitigung sozialer Not, nach Chancengleichheit 
und nach Emanzipation bislang „Unterprivilegierter" usw. an erster 
Stelle des Innovationsbemühens. Dies verweist auf eine zunehmend 
soziale Ausformung des zeitgenössischen Humanismus. Sie ist mit 
dem hier vertretenen neopragmatischen Hunnanismuskonzept in dem 
Maße verträglich, ja stellt eine der wahrscheinlich befriedigendsten 
allgemeinen Inhaltsgebungen dieses Konzepts dar, wie sie nicht ins 
Extrem entartet oder orthodox und damit ihrerseits repressiv wird 61 . 

Jedes nur denkbare Konzept eines neopragmatischen Humanis- 
mus hat seine Basis in der Vergewisserung der weitgehend überein- 
stimmenden Grundmotive des Menschen: Deckung des unerläßlichen 
vitalen Bedarfs, darüber hinaus Bedürfnisbefriedigung unter dem 
Gesichtswinkel maximaler Selbstverwirklichung. 

Solche Überlegungen beziehen biologische, medizinische, psycho- 
analytische und psychiatrische sowie wissen s soziologische Betrach- 
tungsweisen ein; sie sind operational orientiert in dem Sinne, daß 



62 Zur Diskussionstheorie vgl. das Schriftenverzeichnis bei H. Sta- 
CHOXPIAK, 1970, p. 15. 

63 Hierzu G. Ropohl, 1971, p. 20, der auf J. Habermas, 1968, ver- 
weist. 

64 Mir scheint, daß ein «jefet-dogmatischer Marxismus (wie ihn z. B. 
L. KOLAKOWSKi vertritt) der neopragmatisch-modellisttschen Forderung 
nach Offenheit gegenüber ideologie- und utopickritischer Hinterfragung 
sowie nach Innovationsbereitschaft auch in basalen Bestimmungen noch 
durchaus zu genügen vermag. Die Grenze zum dogmatischen Marxismus 
ist dort gezogen, wo von einem verabsolutierten, diesseits-eschatologischen 
Endmodell des Geschichtsablaufs her vorgeschrieben wird, wie Menschen 
zu denken und zu handeln haben. — Zur Ideologie- und Utopiekritik vgl. 
das Humanismuskonzept von K, Mannheim, 1929. 



62 „Modellismus" 

das Denken des Menschen, insbesondere seine an tizipa torische Lei- 
stung, als im Dienste handelnder Lebensbewältigung stehend betrach- 
tet wird. Gesellschaftlich bedeutet dies: immer aufs neue nach 
Ordnungs- und Organisaiionsformen suchen, welche die Bedarfs- 
deckung und die Bedürfnisbefriedigung möglichst vieler Menschen 
optimieren. Auch sind hier wieder die Bedingungen einer die indi- 
viduellen Interessen und Gruppenegoismen übersteigenden sozialen 
Ethik zu beachten. Daß sich hinter diesen lapidaren Aussagen Pro- 
blemfüllen verbergen, bedarf keiner Erwähnung. 

Das neopragmatische Modellkonzept der Erkenntnis erfordert 
eine Ethik-Diskussion, die sich immer wieder abzusichern hat gegen 
den besonderen Absolutismus der ausschließenden Zieldetermination. 
Freiheit, Mündigkeit, Emanzipation sind Synonyme für die Wahl- 
und Entscheidungsfähigkeit des einzelnen Menschen. Voraussetzun- 
gen hierfür sind einerseits offene, genügend reichhaltige Ziel- und 
Mittel rep ertoires 6S . Andererseits hat die Wissenschaft die alternati- 
ven Strategien gesell schaftspl an erischer Handlungsantizipationen auf 
ihre Folgen bezüglich der Frage der Motiverfüllung des einzelnen 
Menschen zu untersuchen und ihm zu helfen, sich des Wechsel Verhält- 
nisses seiner Motivdynamik mit seiner Umwelt bewußt zu werden 
und zu motivationalen Präferenz Ordnungen zu gelangen, die ihm 
eine je optimale Entfaltung seiner Persönlichkeit gewähren. Hierzu 
gehört auch, die aus den unterschiedlichen motivationalen Präferenz- 
ordnungen erwachsenden Konflikte rational zu analysieren und 
Lösungsalcernativen anzubieten. 

Der Zirkel, der darin gesehen werden kann, daß jene Motiv- 
Vergewisserungen, PräferierungshÜfen und sonstigen Wissenschafts- 
leistungen, die ja insgesamt erkenntnisfundierende Funktion haben 
sollen, selbst der Erkenntnisfundierung bedürfen, fällt nicht beson- 
ders ins Gewicht. Einmal braucht ethisch-politisch fundierte Wert- 
erkenntnis als solche nicht notwendig die durch starke Voraussetzun- 
gen erkaufte exakte Methodengestalt wissenschaftlicher Erkenntnis 
zu besitzen, wenn sie auch mit der letzteren einen genügenden Ratio- 
nalitätsgrad gemeinsamen haben sollte; zum anderen, und dies ist 
der wichtigere Gesichtspunkt, ist das Fundierungsverhalenis zwischen 
wissenschaftlicher Erkenntnis und erkenntnisbegründender ethischer 
Axiologie stets in seiner kreis relationalen Entwicklungsdynamik zu 
begreifen, derart, daß sich die Bedingungen, unter denen es zu For- 



65 Hierzu A. Rapoport, 1970, insbesondere p. 1 53 — 171. 



Das Modeilkonzept der Erkenntnis 63 

schungsergebnissen kommt, selbst auf Grund dieser Ergebnisse wan- 
deln. Es ist dies, systemtheoretiseh gesprochen, einem ergodischen 
Prozeß vergleichbar, dessen Fiihrungsfunktion sich aus rationaler 
Diskussion bestimmt. 

1.3.3.8 Modellismus, Aufklärung und Emanzipation 

Modell ismus versteht sich als Fortsetzung d^s_ratiojiaLeirmirisdieri 
Hauptstranges der Entwicklung des p hilosoph is chen Den kens. Sein 
kritisches Anknüpfen an die Erkenumislehre Poppers verdeutlicht, 
daß die erkenntnistheoretisch vollzogene neopragmatische Wendung 
letztlich der Auseinandersetzung mit dem klassisch-transzendenten, 
Aristotelischen Wahrheitsbegriff entspringt. Alle auf der in Poppers 
Theorie gipfelnden Entwicklungslinie kritisch vollzogenen Abschwä- 
chungen dieses Wahrheitsbegriffs — Wahrscheinlichkeit, Bestätigbar- 
keit, Falslfizierbarkeit, Bewährbarkeit — stehen sozusagen noch im 
Licht des „absoluten Sinnes von Wahrheit". Sogar noch die Liberali- 
tät und Pluralität des formal Operation alisierten Etkenntnisbegriffs 
des Modellismus drückt den Grad aus, in welchem rationale Kritik 
nötigt, von der Objektivitätsideologie des klassischen Wahrheits- 
begriffs abzuweichen, ihn zu ent-ontologisieren und zu säkularisieren. 
Ein Stück „aufgehobener" Ontologie und damit Theologie haftet 
auch noch der säkularisierten Wahrheit und der mit ihr korrespon- 
dierenden pragmatisch pluralisierten Erkenntnis an. 

Nicht zuletzt in der Rückverbundenheit der neopragmatischen 
Lehre des Modellismus mir den Quellen rationalen PhiiosophiiTirnr 
will sich der aufklärerisch-emanzipatorische Charakter dieser Lehre 
äußern. Befreiung von aktivitätslähmender Autoriät kann immer nur 
im orientierenden Rückbezug auf solche Autorität erfolgen. Sogar 
Revolution wird als solche erst bedeutsam aus den Prinzipien, die 
sie aufhebt. 

Zwei geschichtlich gestaffelte Haupt quellberei che des aufkläre- 
risch- emanzipatqri sehen Modellismus sind zu unterscheiden: ein pri- 
märer im klassisch -griechischen Abbild-Rationalismus, ausgewiesen 
vor allem durch das Aristotelische Wahrheitskonzept, und ein sekun- 
därer, dessen Ort im deutschen Idealismus liegt. Kant hatte als er- 
ster das passiv-rezeptive, gegenstands» erfassende" Philosophieren 
verabschiedet zugunsten eines Welterkennens, das vom gestaltenden, 
gegenstands,, erzeugenden" Menschen her verständlich werden sollte, 
und mit dieser Wende war über Fichte, den „idealistischen Prag- 



64 „Modellismus" 

matisten" 1 wie Scheler ihn nannte, femer über Schopenhauer, 
Marx, Nietzsche, Cohen, Simmel die Idee einer von den Bewußt- 
seinstatsachen ausgehenden, sich in personaler Spontaneität verwirk- 
lichenden pragmatischen Emanzipation des Menschen weitergetra- 
gen worden. Der amerikanische Pragmatismus hatte diesen emanzi- 
patorischen Impuls ins Unpathetische, Praktisch-Soziale, unmittelbar 
Lebens dienliche gewandelt und die zwecksetzende Komponente im 
Subjekt stärker hervorgehoben. In den Wissenschaften hatte mehr 
und mehr ein „ an ti autoritäres" und dabei Operationales Konzept 
Denken und Handeln zusammengerückt. Poppers kritischer Ratio- 
nalismus erscheint als Position des Ausgleichs zwischen dem aktiven 
und dem meditativen Bewußtseinsanteil im erkennenden Subjekt. 
Der Neopragmatismus Morton Whites und der sich ihm verbin- 
bindende ModelÜsmus stellen erneut den aktiven Subjekts an teil der 
aus der Macht der Freiheit erwachsenden Verartwortlichkeit heraus. 
Neopragma tisch -modell istische Emanzipation bedeutet hiemach 
Abbau von Fremdbestimmtheit menschlichen Denkens und Tuns so- 
wie Zunahme der Selbstbestimmung des Menschen, beides in viel- 
leicht bis dahin theoretisch noch nicht erreichten Graden. Dabei 
wird, eingedenk der dargelegten Rückverbundenheit neo-pragma- 
tisch-modellis tisch er Emanzipation, der radikale, revolutionäre 
Sprung ins Unbestimmbare und Unplanbare vermieden. Insbeson- 
dere entlassen auch denkbar höchste Grade von Selbstbestimmung 
den Menschen, will er sich nicht in erneute Fremd bestimmung bege- 
ben, nicht aus den Bedingungen von Rationalität. Allerdings ist 
„Rationalität", gemessen an H. Marcuses 66 Rational itätskonzept, 
durchaus „klassisch" gemeint, nämlich positiv bandlungs- und ziel- 
orientiert und auf motivierte Aktionssubjekte bezogen* 1 . Auch für 
den Fall, daß solche Rationalität partiell repressive Herrschaft er- 
zeugt* 9 , aufrechterhält oder nicht verhindert, bleibt sie unabding- 
bar für eine mit Selbstverwirklichung verbundene Zukunftsbewälti- 
gung des Menschen — nicht nur des starken, von Narur und Gesell- 
schaft begünstigten, sondern gerade auch des schwachen mensch- 
lichen Individuums: Wie sollte dieses anders als durch motivierte 



66 Verstreut über H. Marcuse, 1970. Auch diese „Analyse" wie ein 
Großteil des Marcus Eschen Werkes zeigt einmal aufs neue, daß Nieder- 
reißen leichter als Aufbauen ist. 

67 Zum formalen Aspekt dieses Radonali catsbegriffs vgl, 1.4.2.5, 
S.74Ö. 

68 Vgl. H. Marcuse, 1970, p. 247. 



Das Modellkonzept der Erkenntnis 65 

Zielsetzungen und zweck-mittel- orientierte Handlungen seiner selbst 
oder anderer auch nur die Chance der Verbesserung seiner Lebens- 
urnstände gewinnen? 

1.3.3.9 Modellismus und Marxismus 

Die Betonung der Arbeit des vergesellschafteten Menschen, die Her- 
vorhebung der gesellschaftlichen Praxis, das Relevantwerden der 
Natur für den Menschen aus der menschlichen Arbeit und weitere 
Charakteristika des MARXschen geschichtsphilosophischen Modells 
sind mit dem neopragmatischen Modellismuskonzept nicht nur nicht 
unverträglich; sie scheinen vielmehr dieses Konzept (das sich zu- 
nächst lediglich aus dem negativen Prinzip des pragmatischen Ent- 
schlusses formal konstituiert) zumindest in einzelnen Bestimmungs- 
s rücken durchaus inhaltlich stützen zu können. Indes bestehen zur 
marxistischen Lehre anderweitig fundamentale Divergenzen, von 
denen einige angedeutet seien: 

Unannehmbar für den Modellisten ist einmal natürlich die abso- 
lutistische Selbsteinschätzung der Marx sehen Geschichtsphilosophie, 
zum anderen der unbestreitbare erkenntnistheoretische Realismus, 
auf den Marx, trotz dialektischer Neufassung des Erkenntnis- und 
Wahrheitsbegriffs, seine Mensch -Natur- Analyse gründet, sowie end- 
lich die These von der Totalabhängigkeit des „Bewußtseins" von 
materiellen Lebensbedingungen wie überhaupt der ökonomische 
Soziologismus — der, wie gesagt, nicht einem zur Diskussion gestell- 
ten Modell inhärent ist, sondern als schlechthin „wahre Lehre" ge- 
boten wird. 

Ebenso steht die marxistische Dialektik in ihrer verbalen Hegel- 
schen Rohform außerhalb des model listischen Erkenn tniskonzepts. 
Sie disqualifiziert sich in der von Marx und Engels und ihren par- 
teilichen Nachfolgern gezeigten Verwendungs weise vor allem da- 
durch, daß sie es auf ebenso iogisch- methodologisch un reflektierte 
wie äußerst schwer komm unikable Weise gestattet, von Möglichkeit 
zu Möglichkeit fortzuschreiten ohne geringste Abstützung auf spezi- 
fizierbare Regulative. Viele um Nachvollzug Bemühte haben sich 
daher der Vermutung nicht erwehren können, daß sie lediglich der 
Gedankenmanipulation nach der Richtschnur einer ihrerseits nicht 
mehr in Frage gestellten vorgefaßten Überzeugung dient. Ihre Ver- 
wendung weckt zudem den Verdacht, als sollen die Heterogenität 
ineinander versch ich teter Gedankenkomplexe und die Schwierigkei- 

5 Scichowi&k, Modelltheorie 



6f „Modellismus" 

ten ihres Wechselbezuges verschleiert werden. So durfte es ohne 
„Dialektik" schwer möglich sein, die kausaldeterministischen, mate- 
rialistischen, teleologischen, m oral philosophischen, sozialutopisch- 
prophetischen usw. Komponenten des marxistischen Gesdüdits- 
modells zu einem nicht in sich mannigfach gebrochenen, ja wider- 
sprüchlichen System zu verbinden und dieses heterogene Gebilde in 
innerer Srimmigkeit zu halten. Gerade in Zusammenhängen, die am 
dringendsten der Aufklärung bedürfen, finden sich schwierige und 
dunkle Gedanken und Gedankenkontexte. Ein erkenntnismäßiger 
Anti-Liberalismus nimmt sich hier selbst alle nur denkbaren gedank- 
lichen Freiheiten. 

Zumal die „Gesetze" der marxistischen Dialektik wie „die Nega- 
tion der Negation", „das Umschlagen von Quantität in Qualität", 
„die Aufhebung des Widerspruchs" (der selbst als Motor aller Ent- 
wicklung dem objektiv Seienden anhaften soll}, „die Selbstentwick- 
lung der Materie" und anderes mehr bleiben ohne jede exakt- 
eindeutige, rational kommunikable Explikationshilfe. Die Bedeu- 
tungserhellung dieser „Gesetze" aber aus dem Ganzen der marxi- 
stisch-dialektischen Philosophie (oder auch nur eines ihrer tragenden 
Werke) führt zu bekann dich äußerst mannigfaltig divergierenden 
Auffassungen. Die Unmöglichkeit pünktlich-rationaler Kommunika- 
tion gerade im Basisbereich der Theorien Bildung läßt die Exakt- 
heitsforderung des Modellismus eklatant unerfüllt. 

Dabei besteht seitens der wissenschaftlichen Philosophie durch- 
aus Interesse an der Nutzung von logisch-methodologischen Inno- 
vation möglichkei ten, die auch und vielleicht gerade der Hegel- 
MARXschen Dialektik innewohnen können. Diese Möglichkeiten sind 
jedoch nur durch exakt nachvollziehbare exegierende Analyse er- 
schließbar, d. h, mittels Mathematik und Mathematischer Logik, 
Vorversuche hierzu gibt es seit mindestens vierzig Jahren fl8 . Sie sind 

69 Vgl. die Arbeiten G. Günthers, der sich seit 1930 mit der Erwei- 
terung der klassischen Logik zu einer exakten dialektischen Logik befaßt: 
der klassische „Logozentrismus" in seiner zeit- und vermittlungsfreien, rem 
seins strukturell monothemati sierten Form soll „aufgehoben" werden zu 
einer „ konnex turellen" Logik mit zeitbezogener, (subjekt-objekt-)vermk- 
relnder Reflex ionsstruktur. 

Der hiermit verbundenen — wenn auch relations theoretisch abge- 
schwächten — Ontologisierung des Logischen (die der HEGEtschen Theorie 
des objektiven Geistes folgt) braucht man nicht zuzustimmen. Es würde 
genügen, exakte Modelle der „Gesetze" dialektischen Denkens zu ethalten, 
die zwar in gewisser Weise wieder ihre Explikanda „Imearisieren", „logo- 



K- Systeme 67 

durch die kybernetische Bewegung neu belebt worden und werden 
gegenwärtig auf verbreitertet Basis in Angriff genommen. Auch der 
im dritten Kapitel vorgelegte formale Entwurf einer Allgemeinen 
Modelltheorie hält sich offen für innovative Erweiterungen der 
klassischen (= wesentlich zweiwertigen} Logik in Richtung auf Ver- 
mehrung ihres Strukturreichtums. Ehrfurcht vor einem logischen 
Aristo telism us zählt hier nicht, und übrigens war Aristoteles selbst 
undogmatisch genug, gelegentlich das Zweiwertigkeitsprinzip (z. B. 
im Organon, Peri hermenias, 9. Kap.) zu liberalisieren. 



1.4 X-Systeme 

In den letzten beiden Hauptabschnitten des ersten Kapitels soll das 
neopragmatische Erkenntniskonzept des fclodellismus an praxeolo- 
gischen Systemen aufgewiesen werden. Diese Ausführungen ver- 
stehen sich gleichzeitig als Vorldstung für eine kybernetische Er- 
kenntnisanthrop^logiel , die selbst die Gesamtheit der wissensver- 
mehrenden Aktivitäten des Menschen nach generellen Zielen, fakti- 
schen Vorgehensweisen und noch nicht genutzten Möglichkeiten 



zentrieren", diese jedoch ohne unerträgliche Vieldeutigkeiten, wie sie der 
rein verbalen dialektischen Argumenta rions weise eigentümlich sind, auf ihre 
philosophische und wissenschaftliche Brauchbarkeit hin zu prüfen gestatten. 
Bei dieser Brauchbarkeit geht es nicht um den Gegensatz von Praxis und 
Theorie, aktiver und kontemplativer Denkeinstellung, Intenuonalität und 
(vermeintlicher) Inten tionslosigkeit des Erkennen s, sondern um das für 
jede rationale Kommunikation schlicht und einfach notwendige Maß an 
Eindeutigkeit und begrifflicher Fixierthcit der Zeichenverwendung (vgl. 
H. Stachowiak, 1969, p. 116, D.l). Ohne ein derartiges Mindestmaß an 
Exaktheit der Gedanken und des Ausdrucks, die auf dem Felde dialekti- 
scher Operationen die Verwendung formallogischer Mittel voraussetzt, 
wird Philosophie zur Dichtung oder zum Manipulations Werkzeug — derer 
zumal, die sie als kritische Instanz abschaffen mochten. Solche „Philoso- 
phie" würde hoffnungslos ihre hinterfragende, enrdogmatisierende und zur 
Vermeidung von entmenschlichender Selbstentfremdung emanzipatorisdhe 
Aufgabe verfehlen. 

Der an dem hier angeschnittenen Fragenkomplex interessierte Leser 
sei auf die im Literaturverzeichnis des vorliegenden Buche* enthaltenen 
Veröffentlichungen G. Günthers sowie auf Anm. 302, S. 302, verwiesen, 

70 Ich beabsichtige, in Fortsetzung und Erweiterung der hier vor- 
gelegten Untersuchungen alsbald eine kybernetische Anthropologie zu un- 
terbreiten, die unter dem Titel „Der Mensch vom Standpunkt der Kyber- 
netik" im Verlag Duncker und Humblot erscheinen soll. 



68 K-Sy steine 

aus allgemeinen Lebensbedingungen des Gattungswesens Mensch 
verständlich zu machen sucht. 

Der vorgelegte Entwurf ist „modellistisch" zu verstehen. Er 
beansprucht keine „Realgeltung" im erkenntnisabsolutistiscrien Sinne. 
Er will seine Inten tionali tat nicht verschleiern. Seine Intention ist 
neopragmatischer Art: Orientierungshilfen für gesellschaftliche Pla- 
nung zu geben, künftige Lebensbewältigung unter neuartigen glo- 
balen Gefährdungen sichern zu helfen. 

1.4.1 Voraussetzungen 

Die fol gende D arstellun g bevor zugt hierzu einmal fermabstruktu- 
relle Mitt el; sie benutzt zum anderen Ergebnisse aus mehreren Er- 
fahiujigswjsssöichafterL 

Ausgangspunkt ist der vom Verfasser anderweitig 71 unternom- 
mene Versuch, den Derd^Erkenntmsj^undWissens^r^eßjdes^Mes* 
schen unter Betonung der operationalen Seite dieses Prozesses im 
Modell darzustellen. Der Ausdruck „ operational" jiiarakterisiert 
primär somatische und psychische. Aktivitäten, die auf Bedarfs- 
deckung, Bedürfnisbefriedigung, Motiv erfüll ung intendieren, also 
Gleichgewichtszustände ansteuern. K ein Opera tionales System kommt 
dabei bezüglich aller seiner aquilibralen und allgemeiner seiner ergo- 
dischen Bewegungen je zum Stillstand, es sei denn in dem Grenz- 
fall seiner Auflösung infolge gänzlich geschwundener Widerstands- 
fähigkeit gegen Störungen Ts . Vielmehr werden zur Gewährfdstung 
d er Multist abilität (W. R. Ashby) des jeweils betrachteten umfas- 
sendsten Systems fortwährend erreichte oder fast erreichte Gleich- 
gewichtszustände auf verschiedenen Ebenen der Systemhierarchie so- 
wie in den mannigfaltigsten Kontexten wieder aufgelöst und neue 
Gleichgewichtszustände _ angestrebt. Das umfassendste System des 
hier betrachteten Aasgawgsmodells ist das auf den individuellen 
Menschen bezogene Syrern ^emch := ^ußenwelt. In dem umfas- 
sendsten System des erkenntnis- anthropologischen EWmodells steht 
das gattungsmäßige Subsystem „Menschheit" in Interaktion mit sei- 
ner teils gegebenen, teils selbst produzierten und organisierten 



71 H. Stacbowiak, 1969. Wertvolle Ergänzungen in F. H. George, 
1970. 

72 Vgl. O. Lange, 1969, p. 71: In diesem Fall wird die Geschwindig- 
keit der Störungsbeseitigung an der oberen Grenze der Ergodizitätsdauer 
Null. — Zum Begriff der ergodi sehen Entwicklung vgl. Anm. 80, S. 72. 



Das Ausgangsmodeli 69 

Außenwelt. (Wie schon angedeutet, wird im folgenden allerdings 
nur eine erste Teilstrecke auf dem Weg zu jenem Endmodell zu- 
rückgelegt; vgl, 1,5.7). 

Operationales Denken steht im Dienst menschlichen Handelns. 
einer Aktivität, die die lehens dienliche, primär motiverfüllende An- 
passung (zunächst) des individuellen Menschen an seine Außen- 
welt leistet. Diese Bedeutung von „operational" bleibt bei der sozio- 
logischen und philosophischen Verwendung des Terminus erhalten: 
Auch hier geht es um Leiscungsanteile, die bestimmten „Führungs- 
größen", „Leitsystemen" u. dgl. innerhalb dynamischer Gesamt- 
systeme folgen. Jene Führungs- und Leitparameter konstituieren sich 
ihrerseits aus entwicklungsdynamischen Kontexten innerhalb des 
Gesamtsystems Mensch — Außenwelt. 

1.4.2 Das AusgangsmodeU 

Das Ausgangsmodell hat das operationale Denken im allgemeinen 
wie dessen erkenntnismäßige, auf systematischen Wissenserwerb ge- 
richtete Sonderform zum Gegenstand. Es berücksichtigt den auto- 
matentheorerischei] _ Ziejas^ekt^kybmietischer Modellierungen. Die 
Möglichkeit physikorechnischer Realisierung der Grundfunktionen 
des Modells (als K-Schaltstruktur™) sol! offen bleiben. 

Es genügt im vorliegenden Zusammenhang, einige Grundcharak- 
teristika des Modellentwurfs zu rekapitulieren. Der dabei notwen- 
dige oder doch vorteilhafte Vorgr iff auf die in den folgenden beiden 
Kapiteln entwickelte Terminologie der Allgemeinen Modelltheorie 
sucht sich dabei in möglichst engen Grenzen zu halten. 

1.4.2.1 Mensch -Außenwelt-System 

Modelliert wird das Interaktions- und Kommunikationsverhalten 
des individuellen Menschen zu seiner Außenwelt. Das Mensch- 
Außenwelt-System wird vorbehaltlich weiterer funktioneller Diffe- 



73 Vgl. H. Stachowiak, 1964. — „K" steht abkürzend für ^Kybiak". 
Dieser (ursprünglich nicht von mir eingeführte, hier und im folgenden 
aber der Einfachheit halber verwendete) Name bezeichnet einen allgemei- 
nen, also nicht notwendig menschlichen Operateur in dem gemäß Schau- 
bild 1, S. 73, angedeuteten Interaktions Zusammenhang mit seiner Außen- 
welt. Hierbei ist besonders an die automaten technische Simulation des 
Regelungssystems Operateur — Außenwelt gedacht, die unter gewissen 
Modell-Analogien (zwischen psych o-physiologischen und nachrichten- 



70 K-Systerae 

renzierungen wesentlich ^alsJleiz-Reaktionssystem" R = / (O, S) jmf^ 
gefaßt, wo „O" für „Organismus", „S" für „Stimulus-Situation" 
und „R" für „Reaktion" steht. Das Argument O wird dabei so aus- 
differenziert, daß die für menschliches Verhalten spezifische Motiv- 
abbängigkeit der Reiz Verarbeitung und damit auch der (Re-) Aktion 
ins Spiel kommt. Die S-Eingaben für O werden als wesentlich infor- 
mationelle EntJtäten aufgefaßt, die Reiz Verarbeitung wird Infor- 
mation S theoretisch beschrieben. Für das S- R- Verhalten des Menschen 
ist dabei dessen — eng mit der Motivdynamik zusammenhängende 
— Lernfähigkeit sowie überhaupt die Adaptivirät der Informations- 
verarbeitungsprozesse charakteristisch. Dies gilt vor allem für die 
Prozesse der zentral (nervös) en Informationsverarbeitung, die den 
Handlungsantizipationen des Menschen und damit seinen außen- 
weltverändemden Aktivitäten zugrunde liegen. Diese Anpassungs- 
leistungen werden ermöglicht durch die hohe Speicherfähigkeit und 
die hohe funktionelle Komplexität des menschlichen Gehirns, weiter 
steigerbar vermittels elektronischer Systeme. Das adäquate Rahmen- 
instrument zur Beschreibung der adaptiven Prozesse und Verhaltens- 
formen bildet die Theorie der rückgekoppelten Systeme. 

1.4.2.2 Prozeßablauf 

Als Eingabe-Ausgabe-System (S-R-Sysrem) empfängt der Mensch 
vermöge seiner Sinnesorgane Informationen aus der Außenwelt* 75 , 
die er registriert und in einem noch etwas näher zu betrachtenden 
Prozeß zu Handlungsantizipationen*' verarbeitet. Letztere bilden zen- 
tralnervöse Output-Meldungen an das menschliche Effektorensystem, 
welches das je antizipierte motorische Programm* realisiert und da- 
mit die Außenwelt verändert. Die veränderte Außenwelt wird Quelle 
neuer Informationen, die die Kontrolle der vorangegangenen Hand- 
lungsantizipationen ermöglichen und gegebenenfalls neue Operatio- 
nen auslösen usw.' e . 

Die Außenweitperzeption beruht auf dem Merkmalsvergleieh 
zwischen den empfangenen Signalkonstellarionen und den bereits im 



technischen Attributen) einschließlich der Nachahmung des motivationalen 
Geschehens möglich ist. 

74 Vgl. R. B. Cattell, 1957, p. 283. 

75 „*" verweist hier und im folgenden auf das Glossarium, Anhang I, 
S. 343 ff, 

76 Ausführlich bei H. StachowiäK, 1969. 



Das AusgangsmodeÜ 71 

Perzipienten vorhandenen, von ihm vorangehend aufgebauten Per- 
zeptionsformen. Diese Parti almodelle der Außenweltperzeption bil- 
den das strukturierte Baumaterial für die umfassenderen inneren 
Modelle, an denen die motiv abhängigen Denkoperationen vollzogen 
werden. 

Die Abhängigkeit der Operationen von der Motivdynamik ist in 
dem hier angedeuteten Modell unter Verwendung der CATTELLschen 
Motivationstheorie 77 so darstellbar: Zunächst führt die stimulie- 
rende Außenweltsituation zur Aufladung eines Je persönlichkeits- 
spezifischen internen Erg-Engramm-Spektrums (eines motivationalen 
„Persönlichkeitsprofils") 78 . Hierdurch wird ein Ladungsvektor, auch 
Motivationsereignis genannt, aufgebaut, der aus einem in Lern- 
prozessen gebildeten Repertoire von gespeicherten Motivationsfor- 
men die ähnlichste auswählt. Die ausgewählte Motivationsform ist 
mit dem resultierenden Motivationsvektor identisch. Dem Motiva- 
tionsvektor ist ein bestimmtes Superprogramm* zugeordnet, das die 
Informationsverarbeitung im operativen Zentrum steuert. Letztere 
ist beim operatfonalen Denken wesentlich ein Kombinieren von 
Unterprogrammen, die in Lernprozessen aufgebaut wurden und in 
großer Zahl gespeichert sind. Operationales Denken beruht in die- 
sem Sinne auf der menschlichen Lernfähigkeit. Ihr liegt insbesondere 
das. Verm ögen zu grunde, A ktionen und Akttonspläne, die sich un ter 
bestimmten Außen weltbed ingun gen zwe cks E rreichu ng bestimmte r 
Ziele bewährt haben, zu selektieren und aufzubewahren. „Bewäh- 
rung" ist dabei motivational zu verstehen; sie ist abhängig von dem 
Grad der „Motivdruck" -Reduktion durch Stimulusaufladungen aus 
den neuerlangten Außenweltkonstellationen. 

Alle motivabhängigen Operationen vollziehen sich im K-Modell 
an den Gebilden, die auf dem Wege der Außenweltperzeption dem 
operativen Zentrum (ZNS) durchgemeldet wurden und fortlaufend 
durch neue Meldungen korrigiert und ergänzt werden. Dies sind 
die internen Außenweltmodetle*. In ihnen sind die perzipierten 
Signalkonstellationen auf bedeu tu ngs tragende Zeichensysteme abge- 
bildet, die ihre Außenwelt-Designate repräsentieren. Operationates 
Denken — und allein diese Form des Denkens wird hier betrachtet 
— ist ein „Manipulieren" solcher objektreprasentierender Teilsyste- 



77 R. B. Cattell, 1957. 

78 Zu den in diesem Abschnitt verwendeten motivarionstheoretischen 
Termini vgl. das Stichwort Mottvator* (Anhang I). 



72 K-Systeme 

me innerhalb der internen Außenweltmodelle. Diese Operationen 
sind auf die nur zum Teil perzeptorisch bestimmten kogitativen 
Modelle zu erweitern. 

1.4.2.3 Funktionseinheiten 

Die perzeptuellen, motivationalen und operativen Funktionen las- 
sen sich zu den Funktionseinheiten des Perzeptors*, des Motivators* 
und des Operators* zusammenfassen Alle drei Funktionseinheiten 
besitzen offene, sich in Lernprozessen wandelnde Speidiersysteme: 
der Perzeptor das Speichersystem der Perzeptionsformen, der Moti- 
vator dasjenige der Motivationsformen und der Operator das Dop- 
pelsystem erstens der (auf Grund ihrer motiverfüllenden Funktion) 
bewerteten Voraus sagemodellej zweitens der operationalen Program- 
me 78 . Letztere leisten die zielgerichtete Verwertung der Voraussage- 
modelle zur Gewinnung der Handlungsantizipationen. Im Speicher- 
systern des Operators lassen sich bereits für den gewöhnlichen Fall 
der Interaktion eines Einzelakteurs mit seiner Außenwelt die opera- 
tionalen Srufen der Voraussage und der Handlungsantizipation un- 
terscheiden. Weiter unten werden die Differenzierungen und Erwei- 
terungen deutlich, die die hier dargelegten Verhältnisse für den Fall 
des wissenschafdichen bzw. des sich wissenschaftlicher Mittel bedie- 
nenden Akteurs erfahren. 

Nimmt man als vierte Funktionseinheit noch den die tatsäch- 
lichen Außenweltverhältnisse bewirkenden Effektor* hinzu, so er- 
gibt sich der im Schaubild 1 in einer ersten Näherung dargestellte 
Rückkopplun gszusammenhang. 

Im vorliegenden Abschnitt war mehrfach von „Funktion" und 
„Funktionseinheit 11 die Rede, Funktion ist als Leistung oder Lei- 
stungsbeitrag für die zweck- bzw. zielgerichtete Entwicklung eines 
dynamischen, insbesondere ergodischen Systems 80 zu verstehen. 
Funktionseinheiten sind Subsysteme eines solchen Systems. Sie' ver- 
halten sich zum Gesamtsystem wie die Organe eines Organismus 
zum Gesamtorganismus. Die Analogie zwischen dem bionomischen 81 



79 Vgl. H, Stachowiak, 1964, p. 130, sowie die von F. H. George, 
1970, p. 144, angegebene generelle Program mstruktur. 

80 Die Entwicklung eines solchen Systems tendiert auf Übereinstim- 
mung mit einem vom Anfangszustand des Systems unabhängigen Entwick- 
lungsgesetz. Vgl. O. Lance, 1969, p. 62 ff. 

81 K. E. Rothschuh, 1959, p. 302: „Biono?n nennen wir die allen 
normalen Bildungen, Reaktionen und Lebensvorgängen eigene, objektiv 



Das Ausgangs modelt 



73 



und dem allgemein kybernetischen Entwicklungssystem auf der Stufe 
des Ausgangsmodells ist beabsichtigt. Die kybernetische Natur des 
Ausgangsmodells ist wesendich an den Kategorien „Leben" und 
„Entwicklung" orientiert. Dies bedeutet nicht, daß die über'mdivi- 
duellen Fortserzungen dieses Modells, mit denen es die meisten der 









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Schau bild 1. Grundschema des K-Syuems. Das ScbaubEd gibt dtn Rikk- 

kopplungszusammenhang der Funktionseinheiten des Systems nur grob- 

sthematisch wieder. Detaillierte Darstellungen in H. Stachowiak, 1964, 

p. 130; 1969, p, 14 und p. 45 

folgenden Abschnitte des vorliegenden Kapitels zu tun haben, bio- 
nom- H funktionalistisch" zu interpretieren sind. Keineswegs ist auf 
Erhaltung, Stabilisierung u. dgl. Mfcenndividueller Systeme schlecht- 
hin — mit Ausnahme vielleicht des Systems „Weltgesellschaft" 
(vgl. S. 115 ff.) — intendiert, schon gar nicht solcher sozialer Gebilde, 
die noch weit vom Erfülltsein des in 1.4.2.5 (3.) erörterten Rario- 
nalitätsposrulats entfernt sind. 



1.4.2.4 Kybernetische Deutung 

In kybernetischer Redeweise stellt der Motivator die Fükrungs- 
größen oder Sollwerte des Regelkreises* „Mensch — Außenwelt" dar. 
Der Operator repräsentiert den Kegler* des Systems, der dafür sorgt, 
daß sich die Handlungen des Menschen, das sind die Regelgrößen* 
als Istwerte, den Motiven des Menschen, seinen Bedürfnissen, Wün- 
schen, Strebungen usw., angleichen. Der Grad, in welchem diese An- 
gleichung nicht gelingt, ist die Regelabweichung*. Sie hängt mit den 
auf die Regelstrecke* — das Komplementärgebilde des Regelkreises 



gegebene primäre Gerichtetheit, Abgesrimmthek, Dienlichkeit bzw. Ange- 
messenheit der Struktur- und Betriebsglieder für den Vollzug der Lebens- 
leisrungen einheitlicher, raumzeidicher organismischer Systeme." 



74 K-Systeme 

zum Regler — wirkenden Störgrößen* zusammen, die zumal als 
unvorhergesehene Außenweltveränderungen die Regelgrößen beein- 
flussen. Das Regelungssystem funktioniert desto besser, je schneller 
und vollständiger die Ausregelung der Störgrößen gelingt. Indes be- 
darf es eines nicht verschwindenden störenden „Restreizes", um das 
System regelungs- und damit adaptions- und lernfähig zu halten. 
Das Teilsystem „Perzeptor — Morivator — Operator" ist seiner- 
seits ein volldynamisches System: je zwei der drei Funktionseinheiten 
stehen in Rückkoppelung zueinander. Das perzeptuelle Geschehen ist 
ebenso vom motivationalen wie vom operativen, das morivationale 
ebenso vom perzeptuellen wie vom operativen und das operative 
ebenso vom perzeptuellen wie vom motivationalen abhängig. Ins- 
besondere kann der Mensch „überspannte" Motive reduzieren und 
überhaupt in weiten Grenzen seine Motivs truktur verändern, wenn 
sich etwa bei gegebenen Leistungsmöglichkeiten seines Operators 
und Effektors die Außenwelt nicht im Sinne ursprünglicher Motiva- 
tion und motivationaler Zielsetzung verändern läßt. 

1.4.2.5 Rationalitätsannahmen 

Das Ausgangstnodell beruhe bezüglich des modellierten individuel- 
len Menschen auf verhältnismäßig starken Ration alitäts voraus Set- 
zungen. Zu diesen Voraussetzungen gehören die Annahmen, daß 
der betrachtete Mensch über eindeutige Präferenzordnungen seiner 
Motive sowie der von ihm zur Motiverfüllung erstrebten Außenwelt- 
zustände verfügt und daß er bei seinen auf Herstellung der je ge- 
wünschten Außenweltzustände zielenden Handlungsantizipationen 
auf der Grundlage jener Präferenzordnungen optimierende Problem- 
lösungen anstrebt, nämlich bestimmte parametrisierte Zielgrößen zu 
minimieren oder zu max'tmieren sucht n . Hierzu sind allerdings Ein- 
schränkungen notwendig, auf die etwas später eingegangen wird. 



82 Vgl. die „Motive 2. Ordnung" bei H. Staghootak, 1369, p. 106 — 
107 und p. 116. Wegen der erwähnten RarionalJrätsvoraussetzungen blei- 
ben im Ausgangsmodcll auch pathologisch perpetuierte raotivatiouale 
Konflikte, wesentlich vegetativ -motorisch rattbedingte Auslösern echanismen 
von Aggressionshan dlungen u. dgL unberücksichtigt. Dies schließt natürlich 
nicht aus, daß vom Rationalitätskonzept des Ausgangsmodells her patho- 
logisch-dysninktionale Verhaltensweisen untersucht und beurteilt werden 
können. Zur kybernetischen Modelldarsteilung motivationaler Konflikt- 
situationen vgl. H. Stachowiak, 1969, p. 46. Zur Aggressionsproblcmatik: 
A. M.Becker, 1969, und H. LtNCKE, 1969. 



Das Ausgangsmodeli 7J" 

Minitnaliotdziungen der individuellen Zielrarionalität im Sinne 
des hier modellistisch stilisierten Menschen sind die Vollständigkeit 
und Transitivstät seiner Zielpräferiemng. Die formale Präzisierung 
sei (nach J. Marschak, K. J. Arrow u. a. 83 angedeuter: Dem be- 



Mir sind natürlich die von verschiedensten Seiten gegen die im Texi 
genannten Rationalitätsvoraussetzungen erhobenen Einwände bekannt. So 
hat besonders F. H. Tenbrock darauf hingewiesen, daß die Annahme, 
Menschen könnten ihre Zwecke in Präferenzsystemen ordnen, an der Rea- 
lität vorbeigehe, da es zu systematischen Verzerrungen zwischen Zwecken 
und durch Zweckverwirklichung befriedigten Motiven kommen könne. 
Nach Tenbrock treten „bei Zielverwirklichungen ungesättigte Bedürfnisse 
in dem Maße auf, wie in der Ausgangssicuation latente Bedürfnisbefriedi- 
gungen steckten" (F. H. TenbruCK, 1972, p, 25) . So entstünden immer neue 
Bedürfnisse, die, wenn sie uns hewußt werden, neue Zwecke zu ihrer Befrie- 
digung konstituieren; niemals seien unsere Bedürfnisse durch unsere Zwecke 
erschöpfbar. Insbesondere könnten sozial verdrängte Bedürfnisbefriedigun- 
gen als latente, „kaum faßbare Kräfte existieren", die, wenn ihre Befriedi- 
gung ausbleibt, „die Gratifikationsbilanz der Situation nach det Zweck- 
verwirklichung verhindern und als unfaßbare Unruhe die Situation instabil 
machen" (p. 25). Mir scheint indes Resignation bezüglich der wissenschaft- 
lichen Analysierbarkeit der sieber verwickelten Wechselbeziehungen zwischen 
Bedürfnis- und Zweckstruktur(dynamik) keineswegs angebtacht. Die „Un- 
dutchsichtigkeit unserer Bedürfnissrruktur" und die „Unbestimmbarkeir des 
Gratifikationswertes unserer Ziele" (p. 26) scheinen mir nicht prinzipieller 
Natur zu sein, sondern lediglich den noch unbefriedigenden Erkenntnisstand 
im Bereich sozialer Handlungsmotivation widerzuspiegeln, [eh meine aller- 
dings, daß kritische Abhandlungen zum Problembereich von Rationalität 
und Planbarkeit gesellschaftlicher Entwicklungen, wie man sie besondets 
Tenbruck verdankt, ihren hohen Wert besitzen, daß uns jedoch die Auf- 
gabe bleibt, exakte Aktion smodelle zu konstruieren, d.h. die Stufe lediglich 
Umgangs- und episp fachlicher Äußerungen zu überschreiten. Im vorliegen- 
den Textabschnitt: wird dies wenigstens ansatzweise unter allerdings zu- 
nächst statker Komplexitäts Verminderung der modellierten Realität ver- 
sucht. Daß es hoffnungslos ist, von hier aus in künftigen Forschungen zu 
komplexitätsgerechteren Modellen zu gelangen, ist nicht bewiesen. Was wir 
wirklich wissen, ist allein, daß die bisherigen Ansätze im Umkreis van 
Spiel-, Entscheidungs- und Planungstheorie noch stark unzureichend — 
weil vor allem 2u komplexitätsarm — sind. Ten 8 RUCK selbst räumt für die 
das strenge Rationalitätskonzept liberalisierenden „Modelie eingeschränk- 
ter Rationalität" (p, 33 ff) ein, daß sie dem „Encscheidungshandein inner- 
halb zweckspezifisch organisierter Institutionen annähernd" (p. 36) entspre- 
chen. 

83 Vgl, die team theoretischen Untersuchungen von J. Marschak, 
1954, und K. J. Arrow, 1963, p. 13. Bei Arrow, 1963, p. 14ff. r sind Er- 
weiterungsmöglichkeiten der im Text gegebenen Bestimmungen nachzu- 



76 K-Sysreme 

trachteten Menschen i sei eine Präferenzfunktion Mj zugeordnet. x u 

x 2 , xn seien die sämtlichen Zielzustände, die die Außenwelt von / 

annehmen kann. Durch « ; (x„ } x e ) mit p, q e {l, 2, . . . , R} und 
p^=q werde ausgedrückt, daß i den Zielzustand x p dem Zielzustand 
x q vorzieht. Dann gilt: 

(AI«). Für alle p, q ist entweder Ui{x r ,x q ) oder «j (jr„ x„) S4 . 

(A 1 b). Für alle p, g, r e {1, 2, . . . , R} mit p =£ r, q^f folgt 
aus M,- (je,,, x e ) und u,- (x Qi x r ) die Praferierung w; (x p , x t }. 

(AI), die Konjunktion von (Ala) und (Alfc)j heiße das Axiom 
der individuellen Präferenzrationalität. 

Vom einzelnen Menschen auf der Grundlage dieser „Mindest- 
rationalität" zu maximierende Parameter (komplexe) werden mir Er- 
trag, Gewinn, Nutzen, Befriedigung usw. bezeichnet. Von diesen 
Entitäten, die oft zunächst nur Phänomenklassen, Mengen von 
Items, sind, werde grundsätzlich angenommen, daß sie meßbar sind, 
gegebenenfalls vermittels Maßbewertung von Enumerationsvaria- 
blen. Oft sind Parameter substituierbar und auf mehrere/viele mit- 
einander inter agierende präferenzrationale Individuen transferierbat. 
Auch diese Substituierbarkeit und Transferierbarkeit sei hier grund- 
sätzlich angenommen. 

Spieltheoretisch betrachtet, bietet sich dann dem auf Ertrags- 
maximierung 85 zielenden Individuum die Außenwelt nach drei ge- 
stuften Operationsmodi dar, deren jeder mit einem bestimmten 
Rationalitätskonzeptkorrespondiert: 



lesen, auf die ich im vorliegenden Zusammenhang nicht eingehe. — Über- 
blick bei H. Albach, 1968 (wo allerdings die Arrow- bzw. Marsch AK- 
Axiome besonders bezüglich der von Alb ach verwendeten logischen Zei- 
chen nicht fehlerfrei wiedergegeben sind). 

84 Ich lasse zur Vereinfachung und besseren Lesbarkeit dieser kurz- 
gefaßten Darstellung die an sich notwendige Erweiterung der vorgelegten 
Präferenzration alitätsaxiome um den Indifferenzfall fort. Der Leser sei hier- 
zu etwa auf K.J. Arrow, 1963, p. 12 ff., verwiesen. Auch bei der axio- 
ma tischen Einführung des ordinalen Nutzens durch G. Owen, 1971, 
p. 130 ff., findet dieser Indifferenzfall Berücksichtigung. Grundsätzlich kann 
eine Theorie, die auf einer starken oder strikten Ordnungsrelarion beruht, 
stets in eine Theorie übergeführt werden, die auf einer jene Ordnungs- 
relation erweiternden schwachen oder nichrstarken Ordnungsrelation be- 
ruht. 

85 „Ertrag" stehe hier und in den folgenden Abschnitten von 1.4 in 
vereinfachender, veranschaulichender Spezialisierung für den zu raaximie- 
renden, allgemein zu extremalisierenden Parameter( komplex). 



Das Ausgangsmodell 77 

1. Die Robinson-Crusoe- Außenwelt 

Diese enthält bezüglich des zu maximietenden Ertrages keinen ent- 
scheidungsfähigen — konkurrierenden oder kooperativen — Inter- 
essenten. Die Außenwelt des ertragsmaximierenden Individuums er- 
scheint diesem gleichsam rein naturgesetzlich. Benötigt werden ledig- 
lich Maximierungstechniken. Eine diesen vorgeschaltete Theorie in- 
terdependenten rationalen Verhaltens ist nicht erforderlich. 

Einer solchen »entscheidungstoten" Außenwelt gegenüber ver- 
hält sich ein Individuum rational — „oberhalb" der Präferenz ratio - 
nalität gemäß (AI) — , wenn es unter vollständiger Kontrolle aller 
problem relevanten Variablen „versucht, die jeweiligen Maxima zu 
erreichen" 9a . Die Rationalität des vorliegenden Falles heiße Robin- 
son-Crusoe-Rationalität. 

2. Die Zweipersonen-'Nullsummen-Außenwelt 

Jetzt gibt es in der Außenwelt des ertragsmaximierenden Indivi- 
duums genau ein weiteres, gleichfalls an der Maximierung des in 
Frage stehenden Ertrages interessiertes Individuum. Beide befinden 
sich in einer Spielsituation, für die im vorliegenden Fall die Null- 
bzw. Konstantsummen bedingung 87 erfüllt sei. Keiner der beiden 
Spiel teilnehmer kann über alle Variablen, von denen die zu maxi- 
mierende Funktion abhängt, verfügen 88 . 



86" J. von Neumann und O. Morgenstern, 1961, p. 9. 

87 Bekanntlich wird im spieltheoretischen Model] für jeden Spiel- 
teilnehmer jedem möglichen Spielausgang eine Zahl zugeordnet, die den 
erzielten Ertrag kennzeichnet. Bei einem Nullsummenspiel ist die Summe 
der auf die Spiel teil nehmer insgesamt entfallenden Zu Ordnungszahlen 
(Auszahlungen) gleich Null. Die Konsrantsummenbedingung führt nur in 
dem Sinne über die Nullsummenbedingung hinaus, als sie die unter der 
erstgenannten Bedingung an alle Beteiligten erfolgten Auszahlungen um 
einen gleichen konstanten Betrag ändert. 

88 Unter kybernetischem Gesichtswinkel gehört der vorliegende zweite 
Aufienweltfail zum Arbeitsbereich der von H. Frank so genannten System- 
komplexlheorie: Für diese „enthält die Umwelt eines informationellen 
Systems selbst wieder mindestens ein mit diesem System kooperierendes 
oder zu ihm antagonistisches informationelles System" (H. Frank, 1966, 
p. 32). Mit der Systemkomplextheorie ist, ausgehend von der Zeichen-, 
Informations- und Kodierungstheorie über die allgemeine System-, Auto- 
maten- und Regelungstheorie, die Ebene der ma thematischen Spieltheorie 
erreicht. — Auch der nachfolgende dritte Fall der «-Personen-Nichtnull- 
summen-Außenwelt (n2 2) gehört in die Systemkomplextheorie. 



78 K-Systeme 

Das zuerst betrachtete ertragsmaximierende Individuum verhält 
sich im vorliegenden Fall rational — wiederum „oberhalb" (AI) — , 
wenn es, im Zweifel unter Mißachtung aller gemeinsamen Inter- 
essen, den eigenen Ertrag zu maximieren sucht. 

Um dies zu erreichen, muß es über Theorien interdependenten 
rationalen Verhaltens verfügen, notfalls solche Theorien entwickeln. 
Das Individuum erfüllt in dem vorliegenden Fall die Forderung der 
individuellen Rationalität 91 . Individuelle Rationalität ist die oppor- 
tunistische Fortsetzung der Robinson-Crusoe-Rationalität. 

3. Die n-Personen-Nichtnull$ummen~ Außenwelt (n ^ 2) 

Es ist dies eine Außenwelt mit wenigstens einem an der Maximie* 
rung des in Frage stehenden Ertrages für die eigene Motiverfüllung 
interessierten, teils kooperativ, teils konkurrent (antagonistisch) 
interagierenden Individuum. Die Nullsummen Voraussetzung entfällt. 

Entsprechend der möglichen und faktischen Vielgestaltigkeit der 
spieltheoreti sehen Verhaltensformen dieses dritten Außenweltfalls ist 
die den ersten beiden Fällen entsprechende Maximierungsrationalität 
nicht mehr hinreichend. Bereits im Zweipersonen-Niefctnullsummen- 
fall kann individuell-rationales Verhalten Antinomien erzeugen, so- 
fern nämlich die Information eines Spielteilnehmers über die erwar- 
tenden Entscheidungen des anderen unvollständig ist. 

Das zuletzt Gesagte demonstriert A. Rapoport 80 am Beispiel des 
(auf M&erindividuelle Konkurrenten übertragbaren) „Machtkonfron- 
tationsspiels". Rapoport sei hier zitiert: „Welche Entscheidung man 
auch immer als ,rational ! etikettiert, sie stellt sich als nicht rational 
heraus. Denn, angenommen man entscheidet sich für ,Nachgeben* als 
rationale Entscheidung: dann kann man, da die Situation symme- 
trisch ist, davon ausgehen, daß der Gegner (von dem in der Spiel- 
theorie stets vorausgesetzt wird, er sei rational) ebenfalls nachgibt. 
Gibt er aber nach, dann ist es rational, nicht nachzugeben, denn 
Nicht- Nach geben maximiert den eigenen Ertrag. Ist, mutatis mutan- 
dis, ,Nicht-Nachgeben' die tationale Entscheidung, muß man auch 
annehmen, daß der Gegner, weil er ja rational ist, nicht nachgibt. 
Dann aber bedeutet Nicht-Nachgeben die Katastrophe" 91 . 



89 Nach A. Rapoport, 1971, p. 10. 

90 Gedrängte Darstellung in A. RAPOPORT, 1971. 

91 A. Rapoport, 1971, p. 9. Dem im Text zitierten Ergebnis geht ein 
p. 7 entwickeltes, die Realität stark vereinfachendes Modell voraus. Hier- 



Das Ausgangs modeil 79 

Dies bleibt zutreffend bei "Wahl gemischter Strategien 92 : Auch 
abgesehen von der Frage der zur Auffindung der optimalen Mischung 
erforderlichen genügend ofrmaligen Wiederholbarkeit des Spiels, zu 



nach gibt es für zwei Spieler, i\ und i 2 , vier Entscheidungskonstellationen: 
1. beide Spieler geben nach, 2. nur i t gibt nach, 3. nur i t gibt nach und 
4. keiner der beiden gibt nach, RAPOPOB.T gibr die folgende Auszahlungs- 
funktion an. Geben beide Spieler nach, so hat jeder von ihnen den Ertrag 
Null; gibt nur ein Spieler nach, so erhält er einen negativen Ertrag von 
— 10, der andere jedoch einen positiven Ertrag von +10; gibt keiner von 
beiden nach, kommt es also zum Konflikt, so erhält jeder der Spieler 
einen negativen Ertrag, dessen absoluter Betrag umso größer ist, je größer 
der für jeden Antagonisten anzusetzende konfliktbedingte Schaden ist. Der 
Schaden kann bis zur ex istenz vernichtenden Katastrophe führen, für wel- 
chen Extremfall — 1000 je Spieler angesetzt wird. 

92 An dieser Stelle sei der spieltheoretische Strategiebegriff rekapitu- 
liert. Eine Strategie ist ein Plan, der die Handlungsabfolge des Spiel teil- 
nehmers f, innerhalb eines Interaktionsfeldes kooperativ bzw. indifferent 
oder konkurrent mit ihm operierender Spielteilnehmer i 21 . . . , i n festlegt. 
Zwar kann i'j sowohl im Kooperation«- als auch im Indifferenzfall davon 
ausgehen, daß i it . . . , <'„ keine Operationen ausführen, die mit einem Nach- 
teil für f t verbunden sind; im Konkurrenzfall dagegen sind solche Nachteile 
nicht auszuschließen. — Jeder Teilnehmer wird nach einer optimalen Stra- 
tegie suchen. Diese ist unter anderem dadurch charakterisiert, daß kein 
Konkurrent aus ihrer Kenntnis für sich Nutzen ziehen kann. Erst die Ab- 
weichung von der optimalen Strategie erzeugt Nutzen für den anderen bei 
entsprechendem eigenen Schaden. Optimale Strategien sind im Konkurrenz- 
fäll das eigene Risiko minimierende und die operativen Defizienzen der 
Konkurrenten ausnutzende Verhaltens Vorschriften. 

Spieltheoretisch besonders einfach ist der Fall der sogenannten reinen 
oder eindeutigen Strategie, bei welcher die zugweise zu treffenden Ent- 
scheidungen durch die jeweilige Spielsituation {Nummer des Zuges und 
tatsächlicher Informationsstand) eindeutig bestimmt sind. (Daß dieser Fall 
übrigens nicht ganz so trivial ist, wie es auf den ersten Bück scheinen mag, 
erhellt bereits daraus, daß der «WeMfig-sttategische Plan jeder überhaupt 
möglichen Situation stets genau eine Aktion zuordnet, daß also vorher 
Entscheidungen in einer Zahl getroffen werden mußten, die erheblieh 
größer ist als die Zahl der im „Spiel" selbst auftretenden Situationen, die 
eine Entscheidung erfordern.) Sofern es keine „Zufallszüge" gibt, die Ope- 
rationen also ausschließlich von der Entscheidung des Spielteilnehmers ab- 
hängen, ist der Spielverlauf bis hin zum Resultat eindeutig festgelegt. 

Die Operationen der Aktionssubjekte sind im allgemeinen weder ein- 
deutig situationsbestimmt noch ausschließlich von persönlichen und nicht 
zufallsbedingten Zügen abhängig. In solchen Fällen können über den Spiel- 
verlauf nur Wahrscheinlichkeitsaussagen gemacht werden. Der allgemeinste 
Fall strategischer Operationsplanung bei übereinstimmendem Operations - 
ziel liegt vor, wenn jedes der konkurrierenden Aktions Subjekte mehrere 



•:<> K-Systeme 

dessen möglichen Ausgängen ja auch der „Katascrophenfall" gehört, 
ist zu bedenken, sagt Rapoport, „daß keine gemischte Strategie 
beiden Spielern einen positiven statistisch zu erwartenden Ertrag ver- 
schafft. Besonders wenn beide die gleiche Mischung anwenden (was 
sie müssen, wenn die Mischung die ,besre' ist), erhalten beide einen 
negativen statistisch zu erwartenden Ertrag. Also stünden sich beide 
besser, wenn sie nachgäben." Die Entscheidung für „Nachgeben" 
ist jedoch eben nicht auf der Grundlage des Konzepts der „indivi- 
duellen Rationalität" zu rechtfertigen. Es bedarf hier einer »kollek- 
tiven Rationalität" 93 , die etwas zu tun hat mit gemeinsamen Inter- 
essen, Billigkeit und Vertrauen (in getroffene Vereinbarungen). 



Strategien aus einer Klasse der bezüglich des Zieles und der vorgegebenen 
operationalen Regulative überhaupt möglichen Strategien nacheinander an- 
wendet. Eine solche gemischte (oder statistische) Strategie wird als Wahr- 
scheinlich keits Verteilung über der Menge aller in Frage stehenden Strate- 
gien verstanden. Welche Wahrscheinhchkeits Verteilung das einzelne Ak- 
rionssubjekr tatsächlich trifft, hängt wesendicb eben von seiner Antizipa- 
tion derjenigen Wirkungen ab, welche die jeweilige eigene Operation, der 
gerade selbst ausgeführte „Zug", auf die Operationen der konkurrierenden 
Operateure ausüben wird. 

Zu den im folgenden Haupttext verwendeten spiel theoretischen Be- 
griffen vgl. j. VON NEUMAKN und O. Morgenstern, 1961. Kurze und leidit 
lesbare Einführung bei R. Vogelsang, 1963; mathematisch strenges, je- 
doch gut lesbares Lehrbuch: G. Owen, 1971. Sozia twissen schaftliche An- 
wendungen in M. Shublk, 1964. Zur Theorie der kooperativen Spiele, ins- 
besondere bei großen Spielermengen, vgl. J. Rosenmüli.er, 1971. 

93 A. Rapoport, 1971, p. 9 f. — In diesem Zusammenhang sei auch 
auf interessante Gedankengänge von P, Jansen, 1969, verwiesen, die aller- 
dings über die Problematik der GrwppeMrationalität in Richtung umfassen- 
der gesellschafdidier Verhalrensformen hinausgehen, wegen ihrer prinzi- 
piellen Bedeutung jedoch schon im vorliegenden Zusammenhang vermerkt 
werden sollen. Jansen stellt dem Prinzip der Ertragsmax im ierung ein Prin- 
zip der Leidminimierung gegenüber. „Leidminimierung" ist hier als „Redu- 
zierung eines jeden persönlichen Leides auf ein allen ähnliches Minimum" 
[p. 7) zu verstehen, so daß eine „Koalition aller mit allen" (p. 8) wün- 
schenswert ist. Dies impliziert die Aufgabe, umfassende operative Struktu- 
ren zu suchen, die das sogenannte Wesentlichkeitskriterium der Spieltheorie 
erfüllen. Vgl. auch P. Jansen, 1971, sowie zur kooperativen Spieltheorie 
(mit politikwissenschafdichen Anwendungen) R. Selten, 1971, p. 302 — 320- 
— Die RAPOPORrschen Begriffe der individuellen und der kollektiven Ra- 
tionalität korrespondieren mit den von D. Suhr u. a., 1971, p. 94ff., ver- 
wendeten Begriffen des Eigen- und des Gemeininteresses (im Zusammen- 
hang einer Studie, die sich mir „programmiertem Unterricht in Kritik" be- 
faßt). 



Das Ausgangsmodell 81 

Schon für den einfachen Fall, daß ein einzelner Mensch mit sei- 
ner Außenwelt „systemkomplex" (H. Frank) interagiert, erweist sich 
ein lediglich ertragsmaximierendes Rationalitätsprinzip als verhäng- 
nisvoll unzureichend. Bereits hier sind Formen von Rationalität er- 
forderlich, die die Möglichkeitsräume individuell- rationalen Verhal- 
tens normativ einschränken. Um seines eigenen Interesses willen muß 
jedes Aktionssubjekt die Interessen der übrigen Aktionssubjekte be- 
rücksichtigen. Jeder im dritten Außenweltfall Mitspielende muß im 
Zweifel sein individuell-rationales Streben nach Ertragsmaximierung 
einschränkenden Zwängen unterwerfen. Dies wird selbstverständlich 
noch bedeutsamer, wenn üb erindividuelle Aktionssubjekte system- 
komplex interagieren B4 . 

Das Konzept der kollektiven Rationalität scheint durch das phy- 
logenetische Selektionsmodell der Menschheitsentwicklung eine ge- 
wisse Stütze zu erhalten. In dem Maße, wie die Individuen einer 
Gruppe auf ihnen gemeinsame Interessen Rücksicht nehmen, wach- 
sen Konkurrenzfähigkeit und Uberlehenschancen der Gruppe gegen- 
über ihrer system komplexen Außenwelt. Hiernach vermögen sich 
Gruppen mit zu schwach ausgeprägter kollektiver Rationalität nur 
unter vergleichsweise künstlichen Umweltbedingungen im Leben zu 
halten. Gruppenegoismus" als rationale Überlebensbedingung für 
die Mitglieder des Schutzgebildes „Gruppe" könnte so als biologi- 
scher Ursprung moralischen und im weiteren Sinne wertbewußten 
ethischen Verhaltens betrachtet werden. 



94 IL Seiten hat allerdings in einem Gespräch am 15. November 
1971 gegenüber der RAPOPORTSchen Forderung nach kollektiver Rationali- 
tät die Auffassung vertreten, daß die ursprüngliche Ratio nalitätsannahme 
der Spieltheorie, also die reine Gewinnmaxi mierungs ratio nali tat nach 
von Neumann und Morgenstern, für alle denkbaren Konflikrfalle aus- 
reichend seij wenn man nur genügend subtile und realitätsnahe Modelle 
der Macht- und Konfliktsituationen konstruiere und den Gewinn- bzw. 
Ertragsbegriff genügend weü fasse. Tatsächlich wird in R. Selten, 1971, 
p. 319 f„ im Zusammenhang mit politologischen Anwendungen der koope- 
rativen Spieltheorie eine Forderung nach kollektiver Rationalität nicht ex- 
plizit erhoben. Indes gelangt Selten bei der Erörterung des Machtkonfron- 
tationsfalles ebenso wie Rapoport zu möglicherweise sehr großen Scba- 
densbeträgen für beide Machtträger. Daß bei Selten von Koalitionen statt 
von Einzelspielern die Rede ist, ändert im vorliegenden Zusammenhang 
am Ergebnis nichts. Auch im SELTENschen Modell können sich die Scha- 
densbeträge bei entsprechend hohen Werten der Auszahlungsfunktion ins 
Katastrophale steigern. 

6 Stachowiak» Moddltheorie 



82 IC-Systeme 

Ein Individuum, das die den vorgenannten drei Außenwelttypen 
entsprechenden Rationalitätskonzepte erfüllt, werde konfliktratio- 
nal genannt. „Verhaltensrationalität" oder kurz „Rationalität", was 
immer hiermit noch gemeint sein kann, soll stets Konfliktrationalität 
and Konfliktrationalität soll stets Präferenzrationalitat einschließen. 

Dem auf seine operationalen Beschaffenheiten verkürzten 
menschlichen K-Individuum werde im zunächst betrachteten ideal- 
typischen Fall Verhaltensrationalität zugesprochen. Erst an späterer 
Stelle wird die Frage aufgeworfen, wie erstens das idealtypische 
Modell eines K-Individuums bezüglich seiner Rationalität realtypisch 
zu liberales ieren ist und man zweitens von mehr deskriptiven Orien- 
tierungsmodellen zu dezidiert normativ-präskriptiven Verhaltens- 
modellen gelangen kann, aus denen konkrete Menschen Muster 
rationalen, speziell konfliktrationalen Entscheidungs Verhaltens unter 
je bestimmten Konstellationen von Aktionszielen und Außenwelt- 
gegebenheiten zu gewinnen vermögen. 

1.4.3 Übertragung auf Gruppen und Organisationen 

In diesem Abschnitt soll das auf einen „mittleren" Menschen bezo- 
gene kybernetische Verhaltensmodell auf überindividuelle Zusam- 
menschlüsse formal erweitert werden. 

Informationelles System — und zwar Elementarsystem — sei für 
das Folgende das Mensch -Außenwelt-System im Sinne von 1,4.2. Das 
Subsystem „Mensch" dieses Systems werde K 9S - Individuum genannt. 
(Wird es als Original eines Modells aufgefaßt, so heißt es individuel- 
les K-Original und sein Modell individuelles K-Modell. Als Original 
ist es allerdings immer bereits Modell einer vorangegangenen Mo- 
dellierungsstufe bzw. -phase.) 

1.4.3.1 Systemgruppen 

Eine Systemgruppe ist eine bezüglich ihrer Elementarsysteme aus- 
schließlich aus individuellen K-Originalen aufgebaute Gruppe. Eine 
Systemgruppe heißt eine Systemgruppe 1 . Hierarchiestufe, wenn sie 
ausschließlich aus individuellen K- Originalen besteht, sie heißt 
Systemgruppe 2, Hierarchiestufe, wenn sie aus Systemgruppen 1 . Hie- 
rarchiesrufe mitsamt den zugehörigen K-Individuen aufgebaut ist. 



95 Vgl. Aura. 73, S. 69 i. 



Übertragung auf Gruppen und Organisationen 83 

usf. Eine aus m Systemgruppen der {« — l)-ten Hierarchiestufe 
{«= 1, 2, 3, . . .; für n — 1: aus m K-Individuen := System gruppen 
nulker Hierarchiestufe) mitsamt den sämtlichen zugehörigen Sub- 
systemen/^ -Individuen aufgebaute Systemgruppe werde durch mG w 
symbolisiert. Die vorgenannten Sub-Systemgruppen und die zu 
mG^ gehörigen K-Individuen heißen zusammen Konstituenten von 

Man beachte, daß im allgemeinen für eine Systemgruppe Ver- 
haltensrationalität lediglich ihrer K-Individuen verlangt wird. 

1.4.3.2 Rationale Gruppen 

Innerhalb einer Systemgruppe können die individuellen wie über- 
individuellen Konstituenten bezüglich eines für sie angenommenen 
Zielparameter(komplexe)s zwischen den Extremen völlig koopera- 
tiven und völlig antagonistischen Verhaltens strategisch intera gieren. 
Im Blick auf die Präferierung der Zielzustände des gemeinsamen 
Bereichs der Konstituenten-Außenwelten 96 entspricht dem erstge- 
nannten Extrem die koalitive, dem zweitgenannten die dissolutive 
Gruppe. Während die dissolutive Gruppe dadurch charakterisiert ist, 
daß keine zwei ihr angehörenden Subsysteme bezüglich der allen 
diesen Systemen zur Wahl stehenden Ziel zu stände des gemein- 
samen Außenweltbereichs gleiche Präferenzordnung besitzen, ist die 
koalitive Gruppe formal durch das Erfülltsein zweier Mimmalforde- 
rungen gekennzeichnet: durch die Vollständigkeit und die Trans iti- 
vität der nunmehr auf die Gruppe als Ganzes bezogenen Zielpräfe- 
riemng. Teilformalisiert 97 : 

Sei m eine beliebige, für die Gruppe mGW :— G ah Ganzes 
existierende Präferenzfunkrion und seien jetzt x lt . . . ,Xr die sämt- 
lichen Zielzustände, die die Außenwelt von G annehmen kann. 
Dann gilt: 

{A2a). Für alle p y q mit p=fcq ist entweder w (x„, x g ) oder 



96 Man beadite, daß diese Präferierung die Grundlage für den (nu- 
merischen) Zielparametervergleich bietet. Ist der Zielparameter der Nut- 
zen (Gewinn), so erfolgt die Zuordnung der numerischen Werte zu den 
Zielzuständen durch „Auszahlungsfunktionen". Vgl, hierzu J. von Neu- 
mann; O. Morgenstern, 1961, p. 16 ff.; R. Vogelsang, 1963, p. 64 so- 
wie p. 77, und M. Shubik, 1964, p. 23 ff. 

97 Vgl. J.Marschak, 1954, p. 188 f, 



84 K-Systeme 

{Alb). Für alle p, q, re {1,2, . . . , R} mit p^q, p^r, q^r 
folgt aus « (x p , x q ) und « {*„, x r ] die Präferierung m (xj,, x r ). 

(AI), als Konjunktion von {Ata) und (A2b), werde in Entspre- 
chung zu (AI) das Axiom der Gruppenpräferenzrationalität genannt. 
(Ala) heißt Volktändigkeitsaxtom, (Alb) Transitiuitatsaxiom der 
Gruppenpräferierung. 

Bezüglich der zur Gruppenpräferenzrationalität hinzutretenden 
Gruppenkonfliktrationalität darf unmittelbar auf die im Abschnitt 
1.4.2.5 getroffenen Unterscheidungen zurückgegriffen werden. Er- 
setzt man dort „individueller Mensch" durch „Systemgruppe** und 
erfüllt letztere bezüglich jedes der drei Außenwelttypen das jeweils 
zugehörige Rationalitätskonzept, so heißt sie konfliktrational. Das 
konfliktrheoretisch relevante Konzept der „kollektiven Rationalität" 
bleibt mithin bei der Übertragung des individuellen Falles auf den 
überindividuellen strukturell gültig. Das Konzept der „kollektiven 
Rationalität" gewinnt sogar an Relevanz mit wachsender Zahl der 
die Gruppe aufbauenden K-Individuen sowie der Hierarchiestufen 
der Gruppe und der Subsysteme auf den einzelnen Hierarchiestufen, 

Mit zunehmender struktureller und funktioneller Komplexität es 
koalitiver Systemgruppen wächst die Kraft der Aufforderung, nach 
geeigneten kollektiv- rationalen, besser vielleicht: -metarationalen 
Normen zum Schutz gemeinsamer Interessen auf Gruppeninterak- 
rions-Ebene zu suchen bzw. vorhandene Normen auf ihre diesbezüg- 
liche Funktionsfähigkeit zu überprüfen. Davon, daß gute Verhal- 
tensregulative für Gruppen aktionen gefunden werden, ist letzthin 
abhängig, wie viele der insgesamt beteiligten Menschen in welchem 
Ausmaß zur individuellen Motiverfüllung gelangen. 

Für die mit der Rationalisierung von Gruppenprozessen und 
der inhaltlichen Normbereitung für (meta-) rational es Gruppen verhal- 
ten befaßten Erkenntnisprozesse sind neopragmatisch-modellistische 
Strategien notwendig. Hierzu kann einerseits auf die Abschnitte 1.2 
und 1.3 rüdeverwiesen werden. Zum anderen wird der Fragenbereich 
der Erkenntnisfunktionen K- strukturierter rationaler Gruppen üi den 
Abschnitten 1.5.2 und 1.5.3 erneut aufgegriffen. 

Eine als solche sowohl präferenz- als auch konfliktrationale koa- 
liere Sysremgruppe werde verhaltensrationale oder kurz rationale 
Gruppe genannt. Eine rationale Gruppe besteht nicht nur ausnahms- 
los aus rationalen Mitgliedern, sondern ist auch als Ganzes in ihrem 



98 Vgl. A. A. Moles, 1960, 1962, sowie H.A.Simon, 1962. 



Übertragung auf Gruppen und Organisationen 85 

präferierenden Zielverhalten wie in ihrem Konfliktverhalten rational. 
Gruppenrational itär bedeutet einerseits Koalkivität nach innen, an- 
dererseits verbindliche Anerkennung gemeinsamer Interessen nach 
außen. 

Im folgenden noch zwei wichtige Unterarten der rationalen 
Gruppe: 

Bezeichne «j die zum Gruppenmitglied i gehörige Präferenz- 
funktion und x u , x& die samdichen Zielzustände eines Teil- 
bereichs der Gruppen- Außen weit, der wenigstens den mengen theore- 
tischen Durchschnitt der Mitglieder- Außenwelten(-Artributklassen) 
einschließt. Dann lautet nach J. Marschak das Axiom der Pareto- 
Optimalität (vgl. hierzu auch T. A. Marschak, 1965): 

(A3), Für alle / von G und für alle p f q e {l, . . . t R} mit p =fc q 
folgt aus den individuellen Präferierungen «j {x pi x 7 ) die Gruppen- 
präferierung «„ {x pi x q ). 

Das Axiom der PARETO-Optimalität wird durch das folgende 
Solidaritätsaxiom erheblich verstärkt: 

(A4). Für alle i von G und für alle p, q e {1, , R} mit p ^ q 

folgt sowohl aus den individuellen Präferierungen w* (x p , x„) die 
Gruppenpräferierung u (x p ,x t ), als auch umgekehrt aus der Grup- 
penpraferierung u a (x p , x q ) die individuellen Präferierungen « s (x p , %„} 
folgen. 

Eine rationale Gruppe, die (A3) erfüllt, heiße (rationales) Kol- 
lektiv, ein Kollektiv, das (A4) erfüllt, Team. 

Teamtheorie im engeren Sinne ist als Theorie der linearen und 
quadratischen Teams eingeführt. Sie umfaßt wesentlich zu den Prä- 
ferenzstrukturen hinzutretende Informations-, Entscheidung«- und 
Bewertungsstrukturen, mittels deren rationales Gruppen verhalten in 
seinen formalen Bedingtheiten beschrieben werden kann". 

Erfüllt eine Systemgruppe nicht (A2a) t jedoch (Alb) und (A3), 
so heißt sie {nach Marschak} Koalition. Koalitionen sind einerseits 
um die Existenz und (für alle Mitglieder verbindliche) Trartsitivität 
von Gruppeninteressen verstärkte Systemgruppen;, andererseits um 
die Vollständigkeit der Gruppeninteressen abgeschwächte Kollektive. 
Dabei sind sie wegen des Erfülltseins der Eigenschaft der PARETO- 
Optimalität nicht notwendig mit (koalitiven oder) rationalen Grup- 
pen identisch. 



99 Diesen Zusammenhängen kann hier nicht näher nachgegangen 
werden. 



86 K-Systeme 

1.4.3.3 K-Gruppen 

Für Systemgruppen war lediglich Präferenzrationalität der indivi- 
duellen Gruppenmitglieder verlangt worden. 

Unter K-Gruppen werden nun Systemgruppen mit K-Struktur 
(vgl. Anm. 73, S. 69 f., sowie Schaubil 1, S. 73) in dem folgenden 
Sinne verstanden: Eine Systemgruppe 2G (1J besteht aus den Indivi- 
duen % und ig mit den zugehörigen Funktionseinheiten P u M tf O lt 
E 1 bzw. P B , M is Ö 2 , Fj, wo Pj M, O, E auf Perzeptor, Motivator, 
Operator, Effektor verweisen 100 . Seien beziehungsweise A lt A s die 
Außenwelten von i t und i' t , so wird unter der Außenwelt Aj S = A M 
von 2G (1J eine (nicht leere) Unterklasse der mengen theoretischen 
Vereinigung der A x und A t repräsentierenden Attributklassen 101 
definiert. Hierbei ist zu beachten; 

1. Zur Feststellung der Gruppenidentität zweier Attribute, deren 
erstes Aj und deren zweites A 2 zugehört, bedarf es gruppen mäßiger 
Äquivalenzkritetien (für die Konstituierung von Ferzeptionsfor- 
men) 10S ; letztere sind so zu erweitern, daß sie auch Attributensysre- 
me (komplexe Perzeprionsereignisse, höhere perzeptionelle und kogi- 
tative Einheiten) einschließen. 

2. Im allgemeinen liegt i t in A t und i s in A^ Diese Verschrän- 
kung ist gewöhnlich damit verbunden, daß i ± ein internes Modell 
des seinerseits aus Perzeptionserlebnissen konstituierten internen 
Modells von »", und i t ein ebensolches Modell bezüglich i t aufbaut. 
Diese wechselseitige Relation ist theoretisch beliebig iterierbar, wird 
tatsächlich jedoch spätestens bereits nach dem zweiten oder dritten 
Iterations schritt weder von i t noch von i £ reflektierend vollzogen. 

Jede Funktionseinheit von i t und f 2 ist die Gesamtheit ihrer als 
unterscheidbar angenommenen reproduzierbaren Einzelfunktionen. 
Bildet man dann die Vereinigungsklassen P t2 = P 21 =P 1 U P 2 , 
M 1I = M a = M I UM !l 1! = O sl = 0,UO B E li = E il = E l \JE i , 
so wird unter dem Gruppenperzeptor eine Unterklasse P/ 2 = P 2 ' t von 
P 12 , unter dem Gruppenmotivator eine Unterklasse M^ = M 21 von 
M ls , unter dem Gruppenoperator eine Unterklasse O^ = O^ von 

100 Vgl. 1A.23. 

101 Wie überhaupt manche im Abschnitt 1.4 vorweggenommenen 
Begriffs bil düngen der Allgemeinen Modelltheorie, so erfährt auch der im 
Text verwendete Attributbegriff seine Präzisierung an späterer Stelle des 
Buches, nämlich in 2,1.2, S. 134 ff., in Verbindung mit 3.2.1, S. 305 ff. 

102 Vgl. H. Stachowiak, 1969, p. 32. 



Übertragung auf Gruppen und Organisationen 87 

12 und unter dem Gruppeneffektor eine Unterklasse E^ = £ 2 'j von 
Eu verstanden. Vom Standpunkt komplementärer Verhalrenserwar- 
tungen her bündeln die Gruppen-Funktionseinheiten die operatio- 
nalen Einzelfunktionen der Gruppenmitglieder gemäß den über dem 
P-M-O-E-Feld verteilten Rollen. 

Analoge Überlegungen lassen sich für eine allgemeine System- 
gruppe mG ( " der ersten Hierarchiestufe anstellen. Sie führen zum 
Gruppenperzeptor P' lt m , Gruppenmotivator M' t , Gruppen- 
operator O', und Gruppeneffektor E^ m . Eine Systemgruppe 
mG w erster Hierarchiestufe mit den vorgenannten Gruppen -Funk- 
tionseinheiten heiße K-Gruppe erster Hierarchiestiife, in Zeichen: 
wK"l Ohne wesentlich neue Schwierigkeiten lassen sich, wie hier 
nicht näher gezeigt werden soll, die vorangehenden Bestimmungen 
auf Systemgruppen behebiger Hierarchiestufe verallgemeinern, m K ( ") 
bezeichnet dann eine aus m K-Gruppen (n — l)-ter Hierarchie stufe 
(» = 1, 2, 3, . . . ; für « = 1: aus m K-Individuen) mitsamt den sämt- 
lichen zugehörigen K-strukturierten Subsystemen/K-Individuen auf- 
gebaute K-Gruppe n-ter Hierarcbiestufe. (Wiederum: Wird die K- 
Gruppe als Original eines Modells betrachtet, so werde sie K-Grup- 
peri-Original und ihr Modell K-Gruppen-Modell genannt.) 

Für die sämtlichen Subsystemgruppen von m K^ sind (entspre- 
chend den Ausführungen des vorangegangenen Absatzes) Vereini- 
gungsbi! düngen der Funktionseinheiten und Unterklassenbil düngen 
aus diesen Vereinigungen anzusetzen. 

Nun verweist K-Strukrur auf Operationalität der Funktionen 
des K-Individuums bzw. der K-Gruppe 103 . Operationalität hat ihrer- 
seits Präferenz- wie Konfliktrationalität zur Voraussetzung. Für 
K-Gruppen erster Hierarchiestufe bedeutet dies, präferenztheore- 
tisch, das Erfülltsein des Axioms (A2), für K-Gruppen höherer 
Hierarchiestufe das Erfülltsein eines aus (A2) = (A2 (1 >) durch Ver- 
allgemeinerung gewonnenen Axioms (A2 (n )) der Gruppenprafere Ir- 
rationalität. 

Für eine K-Gruppe erster Hierarchiestufe ist im allgemeinen das 
Pareto- Axiom (A3) erfüllt; sie bildet mithin in der Regel ein Kol- 
lektiv. Sie braucht jedoch kein Team zu sein. Denn (K-) Operatio- 
nalität, d. h. im wesentlichen auf optimierende Problemlösungen zie- 



103 Zur Operationalität der zentralen Informationsverarbeitung eines 
K-Systems vgl. H. Stachowiak, 1969, zahlreiche Stellen. 



88 IC-Systeme 

lendes Gesam [verhalten, kann in einer arbeitsteiligen K-Gruppe auch 
dann vorliegen, wenn die Präferenzfunktionen Uj, der Gruppenmit- 
glieder nicht vollständig miteinander übereinstimmen. Stimmen sie 
jedoch vollständig miteinander überein, so ist die höchste Solidari- 
tätsstufe der Mitglieder einer noch nicht hierarchisierten operatio- 
nalen Gruppe erreicht. Eine solche Gruppe heiße K-Team, in Zei- 
chen: mTty = mT%, wo wieder m die Mitgliederzahl bezeichnet. Für 
m = 23 usw. erhält man das Zweierteam:, Dreierteam usw. Auch 
für IC-Teams wäre eine hierarchiestufenmäßige Erweiterung (von 
mT K = mT 1 }) auf mT { $) natürlich zumindest formal möglich. 

IC-Gruppen, insbesondere K -Teams, erzielen infolge der Koope- 
ration ihrer Mitglieder Leistungseffekte, die kein Mitglied für sich 
allein (und die im allgemeinen auch keine Gruppe mit schwächeren 
Voraussetzungen bezüglich der Präferenzrationalität und Operatio- 
nalität) zu erzielen vermag. Dies kann leicht etwa durch das „Wahr- 
scheinlichkeitsmodell des Suchens" 104 belegr werden: Die Wahr- 
scheinlichkeit für das Finden eines verlorenen Gegenstandes, darüber 
hinaus aber auch für die Lösung eines behebigen Problems, wächst 
unter bestimmten vernünftigen Voraussetzungen bis zu einer Opti- 
malgröße der Gruppe mit der Zahl der Suchenden bzw. der am 
Problem Arbeitenden, wenn hinreichend für zielgemäße gruppen- 
interne Kommunikation gesorgt äst. 

Aufgaben, Methoden und Probleme einer künftigen interdiszipli- 
nären Theorie der operationalen Gruppen können hier nicht einmal 
angedeutet werden. Nur drei Teilfragen der K-Gruppen-Analyse 
seien wegen ihrer Relevanz für das Studium weiterer K-Systeme kurz 
aufgegriffen: 

Die erste dieser Fragen berrifft Fragen der gruppeninternen Kom- 
munikation. Bereits auf der ersten Hierarchiestufe werden mit wach- 
sendem m die Kommunikarionsstrukturen bald außerordentlich ver- 
wickelt, und zwar auch dannj wenn man die IC-Differenzierung der 
Gruppenmitglieder und den Aufbau des Gruppenperzeptors aus indi- 
viduellen Perzeptoren, des Gruppenmotivators aus individuellen Mo- 
tivatoren usw. noch unberücksichtigt läßt, also nur die Input- Out- 
put-Strukturen der K-Individuen zugrunde legt 105 . Nimmt man das 
Bedingungsgeflecht der vorerwähnten K-Strukturierung hinzu, so 



104 Kurzdarstellung z. B. bei P. R. Hofstätter, 1965, S. 159 f. 

105 Einen Einbück in die bereits hierbei auftretenden Schwierigkeiten 
bietet E. Neuburger, 1970, 



Übertragung auf Gruppen und Organisationen 89 

führt schon die kleinstmögliche K-Gruppe, die Zweiergruppe, zu 
neuen Größenordnungen systemkomplextheoretischer lnterdepen- 
denzen. Der Leser mag versuchen, diese Überlegungen auf K-Grup- 
pen höherer Hierarchiestufen zu übertragen. 

Haupterfordernis der Systemanalyse und Modellierung von K- 
Gruppen ist hiernach die systematische Reduktion von Komplexität. 
Ohne diese Reduktion werden exakte Modelle, die genügend reali- 
tätsnah sind, nicht unter vernünftigen Bedingungen analysierbar. 
Komplexitätsreduktion kann durch rigorose Beschränkung des Be- 
schreibungs- bzw. Erklärungsaspekts auf Struktur, Prozeß und Funk- 
tion 169 geschehen, unter Einbeziehung von „theoretischer Super- 
zeichenbildung" t0T . Soziogramme 108 , Informationsflußdiagramme 
und ähnliches stellen auf der Seite der anschaulich-heuristischen Vor- 
bereitung der theoretischen Modelle Konzessionen an die „Enge des 
Bewußtseins" dar. Verfeinerungen lassen sich mit mathematischen 
und logischen Mitteln und mittels Computer- Simulation erzielen. 
Zweifellos besteht größtes wissenschaftliches Interesse an der Ver- 
besserung der Komplexitätsadäquatheit der bisher erarbeiteten exak- 
ten Modelle von gruppen- und allgemein von sozialkommunikativen 
Prozessen unter dem Gesichtswinkel der tatsächlichen Analysierbar- 
keit dieser Modelle. 

Mit der zweiten Frage soll die besondere Problematik der „Grup- 
penmotwation" kurz aufgegriffen werden. K-Gruppen, zumal K- 
Teams, sind kooperative Zusammenschlüsse. Sie verlangen hohe 
Motiv- Kongruenzen der Mitglieder 109 , weitgehende „Motivhomoge- 
nität". Diese Gemeinsamkeiten betreffen indes nur die gruppen- 
relevanten Teil strukturen der Motiv dynamik der Mitglieder. Die 
komplementären Strukturen können in beliebigen Graden diver- 
gieren, Die Abgrenzungen der Strukturbereiche nach dem Kriterium 



106 Entsprechend dem Vorgehen Luhmanns. Vgl. N. Luhmann, 1967, 
1968, 1970a, 1970b. Eine kritische Würdigung dieses Denkansarzes bei 
G. Schmid, 1970. 

107 Im Sinne F. von Cubes und H. Franks. „Theoretische Super- 
zeichenbildung" meint stark merkmalsselektierende Modellierungen, bei 
denen Attributklassen des modellierten Originals als solche insgesamt per- 
ziplert, also nicht in Teilstrukturen aufgelöst werden. 

108 Grundlegend hierfür bekanntlich Moreno, Vgl. J. L, Moreno, 
1967. 

109 Also entsprechend starke Übereinstimmungen der Erg-Engramm- 
Spektren der Mitglieder. Vgl. H. Stachowiak, 1969, p, 38 ff., zu den 
Motivmessungen bei Gruppenmitgliedern vgl. insbesondere p. 43. 



90 K-Sy steine 

der operationalen Gruppenrelevanz müssen allerdings die Abhängig- 
keitskontexte innerhalb des Gesamtsystems der Motive (als „poten- 
tieller Stimulusempfänger") und der motivationalen Attitüden und 
Zielsetzungen des Mitglieds berücksichtigen. Hierzu dürfte z. B die 
CATTELLsche Motivationspsychologie in Gestalt der Theorien der 
Subsidiarionsketren 110 und der dynamischen Gitter 111 Hilfen bieten. 

Wie schwierig ein Kriterium der Gruppenrelevanz für indivi- 
duelle Motive beizubringen ist, zeigt dit Tatsache, daß die gerade 
im D/VergeHzbereich zweier individueller Motivsysteme wirksam wer- 
denden Konflikte gruppenoperational fruchtbar gemacht werden 
können. Hier ist der Springpunkt der Innovationen, auf die oft 
K-Gruppen im Zuge ihrer Anpassung an Außenweltgegebenheiten 
angewiesen sind. Die innovativen Veränderungen betreffen primär 
das Führungsgrößensystem des Gruppen motivators. 

Faktorenanalytische Untersuchungen der Motivationspsychologie 
zeigen, daß auch wfrerindividuelle Motive exakter wissenschaft- 
licher Behandlung zugänglich sind. Und jedenfalls darf man über- 
haupt von solchen Motiven sinnvoll sprechen. Cattell 112 hat unter 
dem Namen „Syntalität" („syntality") Faktotengefüge betrachtet, die 
als leitende internale Subsysteme („Syntaljsatoren") überindividueller 
Einheiten dasjenige bestimmen, was die Gruppen Operationen bei 
einer gegebenen Außenweltsituation gruppenintern bedingt: Die Syn- 
talität der Gruppe ist dem motivationalen Aspekt der „Persönlich- 
keit" des Individuums vergleichbar. "Wie beim Individuum die motiv- 
dynamische Persönlichkeitsstruktur, so kann bei der Gruppe die 
Syntalitätsstruktur aus der Messung der Korrelation vieler Aktivi- 
täten der Gruppe, mit denen diese insgesamt bestimmte Stimulus- 
Situationen (challenges!) „beantwortet", strukturell und quantitativ 
erschlossen werden. Natürlich bedürfen die lediglich korrelations- 
statistisch ermittelten Syntalitätsfaktoren adäquater inhaltlicher Deu- 
tung. 

Mit der letzten Frage soll, allerdings mehr programmatisch, die 
Problematik der gruppeninternen Konflikte nach der empirisch- 
methodologischen Seite kurz aufgegriffen werden. Motivationale 
Konflikte in K-Gruppen wie überhaupt konfligierende Verhaltens- 
weisen innerhalb solcher Gruppen können sich, wie angedeutet, 
als leistungs-, insbesondere innovationsf ordernd erweisen. Dies gilt 

110 H.A. Murray, 1938. 

111 R. B. Cattell, 1957, p. 505 ff. 

112 R. B. Cattell, 19 57, p. 415 f. 



Übertragung au£ Gruppen und Organisationen 91 

speziell für das Kollektiv und das Team. Man darf daher die Präfe- 
renzaxiome (A2) bis (A4) nicht zu eng auslegen: Bei den Außenwelt- 
Ziel zuständeo, mit denen es diese Axiome zu tun haben, handelt 
es sich um vergleichsweise generelle, sich nur längerfristig ändernde 
Zustands weisen, die für hypothetische oder auch faktische „Zwi- 
schenpräferierungen" und „Präferierungsexperimente" der beteiligten 
Individuen und Gruppen ohne Verlust an „wesentlicher" Präferie- 
rungsrationalität durchaus Raum lassen. Unbeschadet des (koope- 
rativen Gesamtcharakters einer K-Gruppe können auf allen Hierar- 
chieebenen sowie zwisdien zwei oder mehreren solcher Ebenen in 
gewissem Ausmaß auch antagonistische Faktoren der Kommunika- 
tion zwischen Individuen und Untergruppen auftreten und zu schöp- 
ferischen Impulsen führen. Langfristige Homöostase 113 des Perzep- 
tor-Motivator-Operator-Effektor- Systems einer hoch komplexen, hie- 
rarchisch strukturierten operationalen Gruppe wird überhaupt nur 
im Zusammenspiel von Kooperationen und antagonistischen Opera- 
tionen innerhalb des Systems der Untergruppen (und der Indivi- 
duen) erreichbar sein. Daher werden „oberhalb" der bisher haupt- 
sächlich auf Kleingruppen angesetzten empirischen Konfhktfor- 
schung 114 Konflikttheorien mittlerer (R.Merton) bis größerer Reich- 
weite wichtig, die den konflikttheoretischen mit dem System- und 
spiel theo retischen Ansatz verbinden. Hierzu ist zu erinnern, daß zur 
Erschließung je optimalen — maximal syntalitätserfüllenden — 
strukturfunktionalen Verhaltens der Gruppe Simulationstechniken 
mit computerunterstützten Modellierungen herangezogen werden 
können. 



113 W. B. Cannon, 1932. Vgl. auch System, hmöoscatisches*, An- 
hang I, S. 351. — Wo sich Homöostase mit Entwicklung verbindet, also 
Gleichgewichtsprozesse in allgemeine ergodische Prozesse übergehen, kön- 
nen die im Text erwähnten antagonistischen Faktoren geradezu zum dy- 
namischen Prinzip der zielgerichteten Progression werden. Es ist dies offen- 
bar verwandt dem von Hegel gemeinten „Widerspruch" als der Wurzel 
aller Bewegung. 

114 Hierzu zahlreiche einschlägige Beiträge, besonders in: The Jour- 
nal of Conflict Resolution, Ann Arbor, Mich., Department of JournaJism, 
University of Michigan. Die Konfliktforschung für K-Gmppen und über- 
haupt für „task-oriented groups" (A. Bavelas, 1950, und zahlreiche andere 
Arbeiten) sollte noch viel enger als bisher psychologische, anthropologische 
und soziologische Untersuchungslinien zusammenführen. — Über intra- 
und interindividuelle Konflikte im entscheidungs theoretischen Zusammen- 
hang siehe auch W. Kirsch, 1970a, 1971, 



92 IC-Systeme 

Zu K-Gruppe n -Bildungen oder zumindest doch zu Gruppenbil- 
dungen mit näherungsweiser K-Struktur kann es kommen und ist 
es häufig gekommen, wenn miteinander kommunizierende Men- 
schen, denen überwiegend rationales Verhalten zugeschrieben wer- 
den darf, mit einer bezüglich bestimmter gemeinsamer Interessen 
ähnlich perzipierten Außenwelt in rückgekoppelter Aktion stehen, 
wenn das Denken und die Handlungsantizipationen der Beteiligten 
infolge stark übereinstimmender Motive und/oder motivbedingter 
allgemeiner Aktionsziele auf ähnliche Außenweltveränderungen fina- 
lisiert sind und wenn sie sämtlich der kooperativen Durchsetzung 
der erstrebten Außenweltveränderung gegenüber der individuellen 
Durchsetzung eine höhere Chance beimessen. 

Die Bildung von K- Gruppen muß nicht auf autonomen oder 
spontanen Entscheidungen ihrer Mitglieder beruhen. Sie kann sich 
auch nach Gewohnheitsschemata oder nach vorgegebenen Aufbau- 
plänen vollziehen; sie kann direktem oder indirektem Zwang durch 
übergeordnete Stellen unterworfen oder manipuliert sein. Oft auch 
erweist sich eine „autonome'" Entscheidung als Ergebnis eines 
zwanghaften Drucks, den erwa wirtschaftliche Realitäten auf den 
einzelnen ausüben können. 

Wie ein und dasselbe Individuum, jetzt rollenunspezifisch be- 
trachtet, in unterschiedlichen sozialen Kontexten und/oder zu ver- 
schiedenen Zeiten die unterschiedlichsten Rollen annehmen kann, so 
können sich aus denselben menschlichen Individuen je nach Rollen- 
differenzierung unterschiedliche K-Gruppen bilden, insbesondere sol- 
che mit unterschiedlichen Gruppen motiven und Operationszielen. 

1.4.3.4 K-Organisationen 

Organisationen 115 sind weitgehend rational operierende, zweck- 
orientierte soziale Gebilde von im allgemeinen höherer als Gruppen- 
komplexität 118 . Strukturfunktional lassen sie sich als hochkomplexe 
Gruppen betrachten. Daher benötigt der Übergang von den K-Grup- 



115 Hierzu R. Mayntz, 1963. Die Autorin zählt (p. 7) zu den Orga- 
nisationen: Bürokratische Institutionen wie Betriebe, Krankenhäuser, Ge- 
fängnisse, Schulen, Universitäten, Verwaltungsbehörden, Militärverbände, 
Kirchen, und Vereinigungen wie Parteien, Gewerkschaften, Berufs-, Wirt- 
schafts-, Kriegsopfer- oder Hei mar vertriebenen verbände. 

116 Als strukturelle wie vor allem funktionelle Komplexität nach 
A. A. Moles, 1962. 



Übertragung auf Gruppen und Organisationen 93 

pen zu den ^-Organisationen keine wesentlich neuen definitorischen 
Bestimmungen, auch bleiben die in 1.4.3.3 gemachten kommunika- 
tions-, motivations- und konflikttheotetischen Bemerkungen grund- 
sätzlich auch für Organisationen gültig. Der motivationale Anteil des 
einzelnen Mitgliedes an den Zielbestimmungsprozessen der Organi- 
sation, der es angehört, kann außerordentlich gering sein, und ex- 
treme Arbeitsteilung wird besonders auf den untersten Hierarchie- 
Stufen zu stark partikularisierten Funktionsstrukturen fuhren. Dies 
alles ändert jedoch nichts an der prinzipiellen K-Strukturiertheit des 
operationalen Großgebildes einer Organisation, wie man etwa am 
Beispiel eines branchengebundenen Industriebetriebes sieht: 

Eine marktwirtschaftliche Industrieunternehmung hat ihre spezi- 
fische Außenwelt. Letztere schließt wesentlich das unternehmungs- 
relevante Marktgeschehen ein. Die Unternehmung perzipieri {P) diese 
Außenwelt mittels zahlreicher ..Sensoren" in Abhängigkeit von den 
Aktion emotiven (M) der Geschäftsleitung, in die selbst über zahl- 
reiche Kommunikationsstränge die Motive der einzelnen Organisa- 
tionsangehörigen, zumindest in der Minimalform des erstrebten mo- 
netären Anteils, einmünden. (Allein eine K-orientierte Strukturana- 
lyse dürfte die faktischen Mitbestimmungsverhältnisse in einem Indu- 
striebetrieb aufdecken und die tatsächlichen Entscheidungsstrukturen 
adäquat bloßlegen können.) Die Außen weltperzeption ist anderer- 
seits von den im engeren Sinne operationalen (O) Funktionen der 
Organisation abhängig: von der „Intelligenz" des Betriebes und von 
seinem „Wissen" über vergangene und zu erwartende Markrverän- 
derungen zumindest der eigenen Branche. Ohne solche wie immer 
erlangten, z. B. selbst erarbeiteten Informationen sind erfolgver- 
sprechende Operationen an den internen Außenweltmodellen, die 
sich die Operationszentrale des Betriebes fortlaufend bildet, nicht 
möglich. Bei dieser Operationszenrrale handelt es sich um ein nach 
„operativen Rollen" auf differenziertes, nichtsdestoweniger team- 
mäßig abgestimmtes „Gruppengehirn". Die an den internen Außen- 
weltmodellen vorgenommenen Operationen dienen der Gewinnung 
von Handlungsantizipationen. Deren Verwirklichung (E) soll die 
Außenwelt motivgerecht verändern. Die dann tatsächlich durch die 
betrieblichen Aktionen, durch Güterproduktion, Käuferwerbung, 
Dienstleisrungen usw. veränderte Außenwelt gestattet die Kontrolle 
jener Handlungsantizipationen, so daß ständige, sich in kreiskausa- 
len Prozessen vollziehende Neuanpassungen des Betriebes an das 
zum erheblichen Teil selbsterzeugte Außenweltgeschehen möglich 



94 K-Systeme 

werden. Übrigens gehören zur Außenwelt der Unternehmung, diese 
als informationelles P-M-O-E-System betrachtet, auch die in ihrem 
unmittelbaren Verfügungsbereich befindlichen materiell-energetischen 
operativen Objekte, wie unternehmungs eigene Gebäude, Vorrats- 
lager, Fuhrparks usw. So ist z. B. auch ein — informationell in O 
fallendes — Rechenzentrum als materiell -energetisches und wirt- 
schaftliches Objekt der ^Außenwelt jenes informationellen P-M-O-E- 
Kernsystems zuzurechnen. 

In dem K-strukturierten adaptiven Gesamt-Regelungssystem „Un- 
ternehmung— Außenwelt" liegen die Störgrößen zumeist überwiegend 
im Verhalten der Konkurrenz, In die Störungen gehen aber auch 
Zulieferungsschwierigkeiten, nicht vorausgesehene Änderungen des 
Konsuminteresses und viele weitere, auch politische Faktoren ein. 
Wie im Daseinskampf des einzelnen rational handelnden Menschen 
muß es der wirtschaftlichen Unternehmung darauf ankommen, mög- 
lichst viele motivrelevante zukünftige Ereignisse, und zwar einschließ- 
lich des Störungsgeschehens, vorhersehbar zu machen, um auf Grund 
gesteigerter „prognostischer Kapazität" auch die moti verfallenden 
Handlungsantizipationen zu verbessern. Gelingt es auch intensivem 
Bemühen der Unternehmung nicht, Störgrößen in dem Maße „aus- 
zuregeln", daß die Unternehmungsmotive hinreichend erfüllt werden, 
so müssen sich die letzteren, die die Führungsgrößen des Gesamt- 
systems bilden, den unwandelbaren Verhältnissen anpassen — oder 
das System fällt aus seiner Homöostase und geht zugrunde 117 . 

Die an dem Unternehmungsbeispiel dargelegten dynamischen 
Strukturen ließen sich für weitere Arten von Organisationen auf- 
zeigen, jedenfalls soweit es sich bei diesen um genügend rational 
aufgebaute und auf Grund bestimmter Antriebsstrukturen zielorien- 
tierte, also operational finalisierte sociale Gebilde handelt. Dabei ist 
an eine gegenüber Mitgliederfluktuationen invariante Aufgaben- 
durchführung gedacht 118 . Natürlich sind die faktischen Organisa- 
donen mehr oder weniger von der idealtypischen K- Organisation 
entfernt. Die Abweichung von der K- Struktur iertheit mit klar unter- 
scheidbaren Funktionseinheiten nimmt nicht zufällig in dem Maße 
zu, in dem Störungen des Systems Organisation — Außenwelt aus- 
geschaltet sind, in dem mithin das Ad aptions vermögen der Organi- 



117 Vgl. die Ausführungen zur Selbststeuerung von dynamischen Sy- 
stemen bei O. Lange, 1969, p. 62 — 73. 

118 Vgl. hierzu R. Mayntz, 1963, p. 46. 



Übertragung auf Gruppen und Organisationen 95 

sation, insbesondere ihre Motiv- oder Syntalitätsdynamik, skieroti- 
siert. Man weiß, daß gewisse Organisationen mit der Erstarrung 
ihres zielsetzenden und syntalen Leitsystems bis zu gänzlicher Inno- 
vationsunfähigkeit entarten und, wenn sie für die Gesamtgesellschaft, 
der sie angehören, lebenswichtig sind, diese selbst in ihren adaptio- 
nellen und innovativen Funktionen lähmen können. Von außen er- 
zwungene „künstliche" Innovationen großgesellschaftlicher Organi- 
sationen, wie sie etwa Universitäten darstellen, ersetzen fehlende 
Eigendynamik meist nicht einmal notdürftig. 

Was in diesem Zusammenhang Entstehung und Wachstum von 
^-Organisationen betrifft, so wird man den verhaltensrationalen 
Grenzfail des Aufhaus, der Entwicklung und gegebenenfalls der 
Selbstauflösung dieser Systeme stark in Richtung auf eigengesecz liehe 
Verhaltensweisen zu liberalisieren haben. Auch hier wieder gibt es 
höchst mannigfache Varianten der Genese der betreffenden Gebilde, 
nicht selten verbunden mit selbstzweckhafter Zielentartung, häufig 
mit Uherlebenwollen um jeden Preis. 

Ebensowenig wie im Falle der /C-Gruppen kann hier auf die 
lebensgeschichtlichen Verlaufsformen von ^-Organisationen einge- 
gangen werden. Vielleicht genügt die Erwähnung, daß das Wachs- 
tum einer faktischen Organisation 119 innerhalb ihrer von allgemei- 
nen gesellschaftlich-historischen Parametern abhängigen Gesamt- 
lebensdauer zumeist phasenhaft nach organologi scher Analogie ver- 
läuft 120 . 

Erneut ist endlich anzumerken, daß es im Übergang von der 
überwiegend deskriptiven zur dezidiert normativen Betrachtungs- 
weise darauf ankommt, die angedeuteten Prozesse in Richtung auf 
Maximierung der Verhaltensrationalität zu beeinflussen. Die am 
Ende des Abschnitts 1.4.2 auf den individuellen Menschen bezoge- 
nen Transformationen, deren zweite auf ein normatives Modell 
rationalen Verhaltens hinzielt, gelten auch und erst recht für die 
im vorliegenden Abschnitt behandelten überindividuellen Gebilde, 
von denen hier nur formale Grenztypen angedeutet werden konnten. 



119 Dieses ist nach W. Dreger von den Strukturparametem „Sum- 
me der Systemelemenre% „Summe der Kommunikaüomkanäle des Sy- 
stems" und „Lage der System grenze" sowie vom Lebensalter des Systems 
abhängig. Vgl. W. Dreger, 1971. 

120 W. Dreger, 1971, p. 10 f., unterscheidet die Pkmierphase, die 
Organis ations- oder Differenzierungsphase und die Integrationsphase mit 
[e spezifischen Wachsrumsformen und -geschwind! gkeiten. 



96 Erkenntnis in K-Systemen und für K-Sy steine 

Zur Systemanalyse und Modellierung der in Frage stehenden X- 
Gebilde: Komplexitätsreduktion stärker noch als bei K-Gmppen, 
Verwendung von Theorien der sogenannten organisierten Komple- 
xität 121 , Heranziehung weitreichender kybernetischer Funkthns- 
Prinzipien, Konstruktion von Blockschaltbildern als heuristische Vor- 
entwiirfe, fortsetzende und präzisierende theoretische Beschreibungs- 
modelle womöglich mit Übertragung in Computerprogramme und 
Simulation. Die Forschungssituation ist vielleicht nicht unähnlich 
derjenigen der Kybernetik der neuronalen Prozesse. 

Die exakte Analyse und Modellierung realer Organisa rionen er- 
fordert systematische Verarbeitung zahlreicher Ergebnisse aus meh- 
reren Erfahrungswissenschaften, mithin inter- bzw. multidisziplinäre 
Teamforschtmg. Relevant werden Methoden der mathematischen 
Sozialwissenscbaften und der Organisationskybernetik 12 *. 

1.5 Erkenntnis in K-Systemen und für .K-Systeme 

In 1.4 wurden K-Systeme von zunehmender struktureller und funk- 
tioneller Komplexität betrachtet. Die höchste Komplexiiätsstufe war 
mit der K-Orgamsation erreicht worden. Im vorliegenden Abschnitt 
werden nun die erkennenden und wissensvermehrenden Tätigkeiten 
einbezogen, wie sie sich einmal innerhalb solcher K-strukturierter 
praxeologischer Systeme sowie vermittelst derselben abspielen und 
wie sie zum anderen für solche Systeme — zwecks Erfüllung ihrer 
moov- bzw. syntalitätsdynamisch bedingten Aufgaben gegenüber 
sich wandelnden Außenwelten — funktional notwendig werden. 
Dementsprechend sind zunächst die betrachteten K-strukturierten 
Gebilde — das K-Individuum, die K-Gruppe und die K~ Organisation 
— auf ihre wissenschaftlichen Sonderformen hin zu untersuchen, 

1.5.1 Erfahrungswissenschaftler 

Ausgangspunkt ist ein aktiver, handlungs- und zietbezogener Wis- 
senschaftsbegriff, wie ihn das modellistische Erkenntniskonzept in 
1.3 entwickelt hat. Danach ist erfahrungswissenschaftliches Denken 



121 Gemäß H. A. StMON, 1961. 

122 Formal-strukturelle Methoden z. B. bei N. Rashevsky, 1951; 
P. F. Lazarsfeld, 1954; H. A. Simon, 1957; M, Haire, et al., 1959. Über- 
blick über verschiedenene Vorgehens weisen im Sammelband K. H. TfADEN, 
1971. 



Forsch ungsgruppe 97 

eine Sonderform des allgemeinen operationalen Denkens. Der Er- 
kenntnisprozeß wird zum Spezialfall eines auf Zuwachs an aktions- 
relevanten Informationen zielenden Lernprozesses von K-Systemen. 
Diese bleiben im Regelfall nicht auf ForschungsmdiVf'dtttfn be- 
schränkt, wie sie auch nicht unabhängig sind von ihren überindivi- 
duellen, insbesondere gesamtgesellschaftlichen Einbettungsgebilden. 

Die allgemeine K- individuelle Außenwelt wird jetzt zur je spe- 
zifisch präparierten erfahrungswissenschaftlichen Außenwelt, deren 
Perzeprion mehr oder weniger strengen wissenschafrsmethodologi- 
schen Einschränkungen unterworfen ist. Die generelle Motivdynamik 
reduziert sich unter bestimmten konventionalisierten Wertprämissen 
(Rationalität, Erfabrungsorientiertheit, Diskussionsoffenheit u. dgl.) 
auf das Wirken relativ langfristiger Motive des Erfahrungswissen- 
schaftlers. Den operationalen (Denk-) Prozessen schalten sich kon- 
venrionalisierte "kognitive Konditionierungen" vor. Das sind einer- 
seits gewisse notwendige operative Bedingungen für den Aufbau und 
die Bearbeitung der internen Außenweltmodelle, andererseits metho- 
dologische Regeln für semantisch-logische Operationen bis „hin- 
unter" zu den Spezialmethodologien der Einzeldisziplinen, der Sub- 
disziplinen und einzelner Forschungsprojekte. 

Auch der Erfahrungswissenschaftler befindet sich — außerhalb 
der Phasen „reiner" Beobachtung und rein gedanklicher Tätigkeit — 
mit seiner Außenwelt in kreisrelationaler Wechselbeziehung. Die von 
ihm bewirkten Außenweltveränderungen bestehen in der experimen- 
tellen und/oder technischen Um- und Neukonfigurarion der je unter 
dem Aspekt der betreffenden Einzelwissenschaft selektierten und 
methodisch konstituierten „Wirklichkeit". Auf die Aktionen des Wis- 
senschaftlers „reagiert" diese Wirklichkeit von „Regeid urchlauf 1 zu 
„RegeJdurchlauf" als objektseitiger Kommunikations- und Aktions - 
partner 1M . 

1.S.2 Forschungsgruppe 

Hohe Spezialisierung und gleichzeitig zunehmende Interdependenzen 
der zeitgenössischen Forschung machen mehr und mehr die Bddung 
von intersubdisziplinären 1Si und interdisziplinären Wissenschaftler- 



123 Näheres 2u 1.5.1 bei H. Stachowak, 1969. p. 92— 126. 

124 Intersubdisziplinär heiße eine Gruppe, die sich aus Wissenschaft- 
lern zweier oder mehrerer Subdisziplinen einer (einzelwissenschaftlichen) 
Disziplin zusammensetzt. 



7 Stacbowiakj Modelle heoris 



98 Erkenntnis in K-Sysremen und für K- Systeme 

gruppen notwendig. Besonders das Erfordernis der hinreichenden 
Motivhomogenität (1.4.3.3) erzwingt die K-Struktur der Gruppe. 
Forschttrigs-K-Gruppen werden häufig Forschungsteams sein, d. h. 
mT Ä - Struktur (S. 88) aufweisen. Forschungsteams sind hoch arbeits- 
teilig aufgebaut. 

Beispiel: Innerhalb einer Industrieunternehmung (die selbst eine 
K-Organisation ist) ein zum O-Subsystem derselben gehöriges, nach 
Methoden von Operations Research arbeitendes aufgabenspeziali- 
siertes Forschungsteam, bestehend etwa aus einem Volkswirt für 
koordinierende und zielbezogene Gesamtoperationen, ferner einem 
Soziologen oder Psychologen für Marktbeobachtung und Markt- 
forschung, einem Psychologen und einem Ingenieur für untemeh- 
mensinterne Fragen, einem Mathematiker für statistisch -numerische 
Analysen und einem Organisationswissenschaftler für Organisations- 
auf gaben, besonders auch solche gruppeninterner Art. 

Die große praktische Bedeutung, die den mannigfaltigsten For- 
schungs-K-Gruppen innerhalb der gegenwärtigen hochorganisierten 
Großgesellschaften zukommt, verlangt nach einer Theorie dieses 
Gegenstandsbereiches. Diese hätte vor allem die aufgabenspezifischen 
Kommunikationsstrukturen zu klären, die sich im Zusammenspiel 
von allgemeinen Gesellschaftsgebilden mit Forschungs-K- Gruppen 
der verschiedensten Umfange, Zusammensetzungen und Hierarchie- 
stufen ergeben. Probleme der Forschungsplanung stehen gegenwärtig 
an, die der theoretischen Selbstreflexion der Forschenden sowie der 
systematischen Analyse und Modellierung bedürfen. Eine wichtige 
Dimension ist dabei die „Applikationsdistanz" der Forschungsgrup- 
pen. Der Anwendungsbezogenheit auch noch der „reinen" Grund- 
lagenforschung einerseits steht andererseits die grundsätzliche Offen- 
heit auch noch der extrem zielzentrierten sogenannten Auftragswis- 
senschaft zur schöpferischen Regression auf Grundlagcnf ragen gegen- 
über. Starre Kompetenzabgrenzungen kann es hier ebensowenig 
geben wie „gesellschaftsfreie" Wissenschaft. 

Nochmals: Alle derzeitigen und mehr noch die künftigen szienti- 
fizierenden Bemühungen sind dringend selbst szientifizierungsbedürf- 
tig. Organisierte Wissenschaft muß sich selbst wissenschaftlich be- 
trachten und behandeln lassen. Gleiches gilt für alle Formen ratio- 
naler Wissenschaftsanwendung bis hin zur umfassenden gesellschaft- 
lichen Planung. 



Voraussagefunktion und IC-Struktur 99 

1.5.3 Forscbungsorganisation 

Wie im allgemeinen Fall des Überganges von K-Gruppen zu K-Orga- 
nisarionen bleibt das in 1.5.2 für Forschungs-K- Gruppen Angeführte 
auch für K-strukturierte Forschungsorganisarionen prinzipiell gültig. 
In der Bundesrepublik Deutschland sind zu diesen Organisationen 
derzeit vor allem zu zählen: Organisationen der Großforschung 
(„big science") als staatlich finanzierte privatrech dich -gemeinnützige 
Unternehmungen (mit bislang ausnahmslos naturwissenschaftlich- 
physikotechnischen Aufgaben), die Max-Planck- Gesellschaft zur För- 
derung der Wissenschaften sowie universitäre und industrielle For- 
schungseinrichtungen. Hinzu kommen in zweiter Linie mehr ver- 
waltende und finanzierende Organisationen, z. B. das Bundesmini- 
sterium für Bildung und Wissenschaft und die Deutsche Forschungs- 
gemeinschaft, 

Die Problematik dieser hochkomplexen Gebilde, in denen sehr 
unterschiedliche, jedoch im ganzen gewiß noch unzureichende Grade 
rationaler Adaptions- und Innovationsfähigkeit im Rahmen der 
Gesamrgeselischaft realisiert oder auch nur angelegt zu sein scheinen, 
kann hier nicht näher erörtert werden. Wenigstens scheint von den 
„Forschungsorganisationen", wenn auch bisher fast nur unter situa- 
tivem Zwang, die Notwendigkeit der Erforschung von Forschung 
nach Zielsetzung, Entscheid ungs- und Organisationsstrukturen, Inno- 
vationsdynamik usw. heute mehr und mehr eingesehen zu werden 12i . 
Die „Lebensfähigkeit" einer durchgängig auf Wissenschaft angewie- 
senen modernen Gesellschaft wird man künftig wesentlich mit daran 
messen, inwieweit sie lebensdienHche Forschungsorganisationen zu 
schaffen und als rationale Innovatoren ihrer eigenen Entwicklungs- 
dynamik zu erhalten vermag. 

1 .5.4 Voraussagefunktion und K-Struktur 

Forschungs-JC-Individuen, Forschungs-K-Gruppen und Forschungs- 
JC-Organisationen sind Subsysteme übergeordneter gesellschaftlicher 
Einheiten. Ihre klassisch-instrumentelle Hauptfunktion ist die der 
Ereignisvo raus sage. Modellistisdic Prognostik verlangt indes prag- 



125 Vgl. hierzu H, Klacis, 1967. Dieser Autor beschäftigt sich ins- 
besondere mit InnovationsmÖglichkeiten der modernen Großforschung. 



100 Erkenntnis in K-Systemen und für K-Systeme 

matische Erweiterungen. Drei gestufte Voraussagearten sind hier 
zu unterscheiden 1 * 8 : 

1.5.4.1 Theoretische Voraussagen 

Diese bilden den „applikationsfernsten" Voraussagetyp der klassi- 
schen Wissenschaftstheorie. Theoretische Voraussagen haben eine 
Außenwelt zum Gegentand, die vom Forsch im gs-K- System aus- 
schließlich in experimentell- wissen sv ermehrender Absicht verändert 
wird (hierunter fallen z. B. auch „ungewollte" mikrophysikalische 
Außenweltveränderungen im Sinne der HEiSENBERGSchen Unbe- 
stimmtheitsrelation). Solche Voraussagen dienen nicht unmittelbar 
zielgerichteten Aktionen, sie sind unabhängig von speziellen Aktions- 
zielen, nehmen auch keinen Bezug auf ein sich an ihnen orientie- 
rendes handelndes Subjekt. 

„Theoretisch" sind sie insofern, als sie Folgerungen aus erfah- 
rungswissenschaftlichen Theorien darstellen: „Wenn diese oder jene 
Ausgangsbedingungen für ein System erfüllt sind, dann wird dieses 
System sich in der und der Zeit in dieser oder jener Weise verän- 
dern." Mengen von erfahrungswissenschaftlichen Theorien im klassi- 
schen Sinne sind interpretierbar als Voraussage-Reservoires der dar- 
gelegten „handlungsneutralen" Art. Sie sind öffentlich zugänglich in 
dem Maße, wie sie im allgemeinen applikativ unspezifisch sind. Nur 
selten sind hier die Informationserzeuger mit den Informations- 
applikatoren identisch. 

1 .5.4.2 Operative Voraussagen 

Mit den operativen Voraussagen wird die pragmatische Dimension 
erreicht. Die außenweltverändernde Aktion ist einbezogen. Opera- 
tive Voraussagen sind Voraussagen der Form: „Wenn ein bestimmtes 
K-Subjekt — das Aktionssubjekt — diese oder jene Effektorfunk- 
tionen ausübt, so wird sich in der und der Zeit, nach bestimmten 
Operationsschritten, diese oder jene Außenweltveränderung er- 
geben." 

Operationale Voraussagen beziehen sich ausdrucklich auf die 
sich an ihnen orientierenden, je bestimmten handelnden Subjekte, 
z. B. "Wirtschaftsunternehmungen, militärische Verbände, Wissen- 
schaftsorganisationen usw. Dabei brau ehr das Aktionssubjekt keines- 



126 Vgl. H. Stachowjak, 1970, p. 13 f. 



Voraussagefunktion und JC-Srrukmr 101 

wegs mit dem Forschungs-K-Gebilde, das die operationalen Voraus- 
sagen erarbeiten übereinzustimmen; letzteres kann als Subsystem aus 
dem Aktionssubjekt ausgegliedert oder als im allgemeinen außerhalb 
des Aktionssubjekts operierendes Fremdsystem mit den betreffenden 
Forschungs aufgaben spezifisch betraut sein (vgl. 1.5.6). Auch in die- 
sem Fall wird man häufig Nichtidentitlt von Informationserzeuger 
und Informationsapplikator feststellen. Indes: Rückkopplungsstrok- 
turen zwischen beiden K-Systemen. 

Natürlich verstehen sich die prognostizierten Außen weit Verände- 
rungen immer unter Einschluß der Reaktionen der Außenwelt auf 
die Aktionen des Aktionssubjektes. 

1.5.4.3 Prospektive Voraussagen 

Mit dieser Voraussageart wird die Dimension der Motive bzw. Syn- 
talitätsfaktoren des prognostizierenden Aktionssubjekts erreicht. Das 
Explikandum des Begriffs der prospektiven Voraussage ist die „pro- 
spective" im Sinne des neueren französischen Sprachgebrauchs. Die- 
ses "Wort bezeichnet ein intuitives Sich -Versetzen in eine Zukunft, die 
durch eigenmotiviertes und dabei wieder auf die eigene Motivbil- 
dung rückwirkendes Tun mitgestaltet werden soll 1 * 7 . 

Prospektive Voraussagen haben die Form: „Wenn ein K -Subjekt 
diese oder jene Effektorfunktionen ausübt, so wird die hierdurch be- 
wirkte Außenweltveränderung die je auslösenden Motive! SyntaU- 
tätsfaktoren des Aktionssubjekts in diesem oder jenem Maße erfül- 
len (im hydraulischen Modell: den Motiv druck in diesem oder jenem 
Maße verringern)," Die auf der operativen Stufe konstant gehaltene 
Motiv- bzw. Syntalitätsstruktur des Aktionssubjekts erscheint jetzt 
variabel parametrisiert; Invarianzen verbleiben unter Umstanden, 
befristet, im axiologischen Basisbereich. Man erkennt, daß die Theo- 
rie der prospektiven Voraussagen einer Motivations- und Syntali- 
tätstheotie für K-srnikturierte Aktionssubjekte bedarf. Diese Moti- 
vations- und Syntalitätstheorie hätte die (erwa faktorenanalytisch 
gewonnenen) empirischen Befunde zu einem rationalen Modell der 
Verhaltens Steuerung von K- Systemen zu er weitem. 



127 H. KlageSj 1971, p. 68 f „ hat darauf hingewiesen, daß auf den 
der prospektiven Ebene vorgelagerten beiden Ebenen bei rascher Änderung 
der gesellschaftlichen Grund normen die „Voraussagekapazität" relativ ge- 
ring ist und sich Planung dann als zukunftsblind erweisen kann. Mithin 
bedürfe es einer „prospektiven Organisation des Handelns", 



102 Erkenntnis in K-Sy steinen und für JC-Systeme 

Der prospektiven Voraussage kommt offenbar eine Alarmfunk- 
tion zu. Sie macht Unzulänglichkeiten der Motiv- bzw Syntalitäts- 
struktur bewußt; sie schärft überhaupt das Bewußtsein für eigene 
Handlungsantriebe; sie erzwingt die rationale Reflexion basaler 
Verhalrensdeterminanten bis hinein in den axiologischcn Grenz- 
bereich. Prospektive Voraussagen versetzen das Aktionssubjekt in 
die Lage, nicht nur seine Zweck- und Zielsetzungen als solche zu 
ändern, sondern auch Eingriffe in die diesen zugrunde liegenden 
Motiv- bzw. Syntalitätsstrukturen vorzunehmen, diese aufzulösen, 
umzubilden, die dynamischen Strukturfaktoren neu zu staffeln und 
zu praferieren, ihre Intensitäten zu variieren und dergleichen mehr — 
je nach den prognostizierten Graden der Motiwerwirklichung. Von 
der prospektiven Voraussage würde ein weiterer Schritt zur Erarbei- 
tung von Programmen führen, nach denen bei Nichterreichen des 
selbstgesetzten Mindestgrades der Erfüllung der motivationalen bzw. 
syntalen dynamischen Strukturfaktoren geeignete Neustrukturierun- 
gen der Antriebsdynamik erfolgen können (Programmsteuerung auf 
Optimalwertkreisbasis}. 

Die prospektive Voraussage (nebst ihrer zuletzt angedeuteten Er- 
weiterung) ist die am meisten pragmatische Form det Voraussage, 
da von ihr mehr noch als von der theoretischen und der operativen 
Voraussage das zielbezogene Verhalten des sie verwendenden Ak- 
tionssubjekts abhängig ist. 

Gewiß sind es gerade prospektive Voraussagen, die der homöo- 
statischen Anpassung eines Aktionssubjekts an wechselnde Außen- 
weltverhältnisse und damit der Systemstabilität dienen können. Wäre 
dies jedoch ihre einzige Funktion, würde mithin etwa jedes soziale 
System sich der prospektiven Voraussage lediglich oder überwiegend 
zum Zweck der Selbsterhaltung bedienen, so wäre auf systemkom- 
plextheoretischer Ebene Konfliktrationalität (S. 82) kaum gewähr- 
leistet. Dabei bezieht sich die Systemerhaltung nicht etwa auf alle 
oder auch nur die meisten Systembeschaffenheiten, sondern wesent- 
lich nur auf die basalen Syntalitätsfaktoren, die als Führungs großen 
1. Ordnung die Systemprozesse in ihrer Gänze konditionieren. Pro- 
spektive Voraussagen, die mit der Forderung nach Verhaltensratio- 
nalität der interagierenden Systeme eines Systemkomplexbereichs 
verträglich sind, dienen vor allem der Selbsttran$formation liS der 
beteiligten Aktionssubjekte. Das primäre Ziel dieser Selbsttransfor- 



128 Idi übernehme diesen Ausdruck von F. M. Fester, 1971, p. 67 f. 



Erkenntnis und Aktion 103 

mation ist vor allem Gewährleistung von Konfliktrationalität, die 
es auch gegen eigenes Ertragsmaximierungsinteresse durchzusetzen 
gilt. Erst Konfliktrationalität gestattet längerfristige motiverfüllcnde 
Selbstverwirkliehung der die beteiligten Systeme tragenden Indivi- 
duen. 

„Prospektive Selbsttransiormation" eines Systems vermag, wo 
dies nötig ist, dessen basale Syntalitätsstruktur zu wandeln bis hin 
zum Gtenzfall der Selbstauflösung des Systems als Vorleistung für 
die Neubildung von Systemen, die fortgeschrittenere Formen von 
kollektiver Rationalität zwecks vermehrter individueller Selbstver- 
wirklichung gewährleisten. (Man könnte schließlich sogar an den 
„globalen Grenzfall" einer bewußten, zielgerichteten und ersatzlosen 
Selbstauslöschung der künftigen Weltgesellschaft denken, in der Über- 
bevölkerung, Umweltverschmutzung und Lebens mi ttelmangel 12fl das 
Leben für alle unerträglich gemacht haben — in Verbindung viel- 
leicht mit einem Ausmaß von weltweiter Lebensangst, das das Maß 
an natürlicher Todesfurcht übersteigt. Dieser „globale Gtenzfall" 
dürfte allerdings in gewissem Widerspruch zu der Rationalitätseigen- 
schaft stehen, die einer insgesamt prospektiv prognostizierenden 
Weltgesellschaft zuzuschreiben wäre, es sei denn, daß die in dieser 
Weltgesellschaft zu entwickelnden Formen von kollektiver Ratio- 
nalität und das Ausmaß derselben nicht mit den angedeuteten suizi- 
dären Entwicklungen Schritt zu halten vermögen und daher das 
System der rationalen Selbststeuerung als Ganzes zusammenbricht. 
Jedenfalls findet auch hierin der prospektive Voraussagetypus seinen 
Zweck, daß er durch perpetuiertes eigenes Fehl verhalten bedingte 
Katastrophen pünktlich anzuvisieren gestattet und rationale Selbst- 
analyse ermöglicht. Erfolgreich kann diese Analyse nur sein, wenn 
sie den motivational-syntalen Kernbereich des Aktionssubjekts ein- 
schließt.) 

Auch im Fall der prospektiven Voraussage brauchen Informa- 
tionserzeuger und Informationsapplikator nicht miteinander iden- 
tisch zu sein. Hier gilt entsprechend das schon zu den operationalen 
Voraussagen Ausgeführte. 



129 Vielleicht einseitig betrachtet, aber jedenfalls auf dem Boden tat- 
sächlicher Entwicklungen bietet G. R. Taylor, 1971, eine apokalyptische 
Zukunftssicht des Koexistenzverhältnisses von Mensch und Natur, die die 
im Text erwähnte Erlösung keineswegs a priori als pessimistisches Hirn- 
gespinst erscheinen läßt. 



104 Erkenntnis in IC-Systemen und für K-Systeme 

1.5.5 Erkenntnis und Aktion 

Bereits in 1.5.4 ist auf den Stufen der opetationalen und mehr noch 
der prospektiven Voraussage die Handlungsbezogenheit der von For- 
schungs-K- Systemen tu erarbeitenden prognostischen Modelle deut- 
lich geworden. Sämtliche Voraussage modelte sind jedoch nicht nur 
aktiv, sondern auch passiv handlungsbezogen. Ihr Bewirken ist stets 
mit ihrem Bewirktwerden verkoppelt; sie orientieren das Handeln, 
sind aber selbst vorgängig von pragmatischen Momenten abhängig. 
Für die dynamisch-systeratheoretische Betrachtungsweise liegt hierin 
natürlich keine Aporie, sondern notwendiges Entwicklungsgeschehen 
(„notwendig" im Sinne der inneren Logik des neopragmatischen Er- 
kenntnismodells). Der Leser erinnert sich hier des pragmatischen 
Entschlusses 13 ° als der Grundbedingung für die Einheit von Erkennt- 
nis und Aktion. 

Diese Einheit manifestiert sich voll im Übergang von der Vor- 
aussage zur Entscheidung. Eine lediglich mittels operativer Voraus- 
sagen getroffene Entscheidung soll operative Entscheidung;, eine mit- 
tels prospektiver Voraussage getroffene prospektive Entscheidung ge- 
nannt werden. Operative Entscheidungen betreffen Außenweltverän- 
derungen unter der Annahme einer zeitlich konstanten und insoweit 
faktisch ausgeklammerten motivationalen bzw. syntalen Antriebs- 
struktur des K-Subjekts. Prospektive Entscheidungen greifen dagegen 
in die Motivations- bzw. Syntalitätsdynamik des K-Subjekts ein. 

In dem Maße nun, in dem operative Entscheidungen die Ad-hoc- 
Stufe überschreiten, benötigen sie Strategien™ 1 . Jedes der strategisch 
operierenden Aktionssubjekte ist bestrebt, bei maximaler eigener 
Voraussagewahrscheinlichkeit bezüglich der Operationen seiner Kon- 
kurrenten deren Voraussagewahrscheinlichkeit bezüglich ihrer eige- 
nen Operationen so gering wie möglich zu halten (2. B. durch aleato- 
rische Strategien-Mischung). Strategisches Vorgehen in diesem Sinne 
stellt keinen Verstoß gegen das Prinzip der Konfliktrationalität dar. 
Denn letztere ist nicht auf Harmonisierung, sondern auf Vermeidung 
von Konfliktfällen mit Kata Strophe ncharakter angelegt. 

Hier ist vielleicht an die Basisanthropologie des Ausgangsmodells 
(1.4.2, S. 69 ff.) zu erinnern. Es konstituiert, in Prolongation gewisser 
bio- anthropologischer Grund entscheidungen im Umkreis der Kate- 
gorie „Aktion", den Grundwert der Ichhaftigkeit, der aktiven Per- 



130 Vgl. 1.3.2, S.51. 

131 Vgl. Anm. 92, S. 79 f. 



Erkenntnis und Aktion 105 

sönlichkeit, der Mündigkeit und der relativen Unabhängigkeit — all 
dies selbstverständlich unter den Bedingungen des Aufbaus von Kon- 
fliktrationalität. (Konträi hierzu: das Sich -Ausliefern an eine angeb- 
lich determinierte Welt, an erkenntnistheoretischen Realismus, an 
eine Metaphysik der Ohnmacht.} Die aktive Haltung des Menschen 
zur Welt schließt mit dem Motivbewußtsein grundsätzlich immer 
auch den Willen zur Motiverfüllung ein. Wo Motiverfüllung, wie es 
in sozial heterogenen Gesellschaften der Regelfall ist, wenn überhaupt 
so nur unter Bedingungen konfligierender Störungen aus der (system- 
komplexen) Außenwelt des Menschen möglich ist, wird für diesen 
strategisches Vorgehen unvermeidlich. Erst recht sind übefmdividu- 
elle Aktions Subjekte auf Strategien angewiesen, wenn sie ihre (syntal 
bedingten) Aktionsziele erreichen wollen. 

In seiner Verallgemeinerung auf operationales Verhalten über- 
haupt macht das spiei theoretische Modell des Erkenn rnis- Aktion s- 
Verhäknisses zunächst deutlich, daß in der Praxis menschlicher Inter- 
aktion eine je bereichsspezifische Theorie stets die Erarbeitung eines 
entsprechenden Bestandes von Voraussagen der ersten Art, also von 
theoretischen Voraussagen, zur Voraussetzung hat. Wer nicht solche 
Außenweltveränderungen voraussagen kann, die sich schon ohne 
eigene Außenweltaktion vollziehen, der wird schwerlich die sich mit 
eigenem Wirken auf die Außenwelt vollziehenden Veränderungen 
derselben voraussagen können. Ein Aktionssubjekt wird für seinen 
jeweiligen Operationsbereich möglichst viel relevantes theoretisches 
Wissen zu erlangen suchen, sich in den Besitz möglichst vollständiger 
Information prä'operationaler Art setzen wollen. Damit etwa eine 
Wirtschafts Unternehmung verläßliche operative Voraussagen gewin- 
nen kann, muß sie im Besitz hinreichend verläßlicher Theorien 
des möglichst von den eigenen Aktionen unabhängigen marktwirt- 
schaftlichen Geschehens sein. Erst wenn die allgemeine Entwicklung 
der Branchen- und zumindest in großen Zügen auch der Gesamt- 
wirtschaft hinreichend prognostizier bar ist, lassen sich verläßliche 
Entscheidungsmodelle zur Lösung eigenunternehmerischer Optimali- 
sierungen konstruieren. 

Das hiermit wieder aufgegriffene ökonomische Beispiel macht 
dabei deutlich, daß es oft von Vorteil ist, die Außenwelt eines 
Aktionssubjekts ij in einen „Aktionsvordergrund" und einen „Afe- 
tionsbintergrund" aufzugliedern. Ersterer stellt das nähere Inter- 
aktionsfeld von tj mit den i 2 , . . . , r*„ dar; letzterer liefert den erwei- 
terten Interaktionsrahmen. Bei wirtschaftlichen Aktionssubjekten 



1W Erkenntnis in K-5ystemen und für K-Systeme 

wird man etwa an das Verhältnis des branchenv/iitschaitlidiea. zum 
gesawrwinschaftlichen Interaktionsbereicb denken. Die innerhalb 
einer bestimmten Branche „strategisch" operierende Wirtschafts- 
unternehmung wird ihre Entscheidungen unter Berücksichtigung 
gesamtwirtschaftlicher Entwicklungen treffen. Entsprechendes gilt 
für alle übrigen strategischen Operationsfelder. Dabei dürfte oft die 
Zerlegung der Außenwelt in mehr als nur zwei aktionsrelevante theo- 
retische Modellstufen vorteilhaft sein. Jede tatsächliche Strategie wird 
in erster Linie den Regelmäßigkeiten der näheren, beweglichen, spe- 
ziellen Außenweltsrufe Rechnung tragen, in zweiter Linie länger- 
fristigen Entwicklungen, „Trends", denen die Dynamik der ersten 
Stufe ihrerseits unterworfen ist, usf. Selbstverständlich hat das 
Außenwelt-Stufenmodell wesentlich die zwischen den Stufen beste- 
henden kreisrelationalen Interdependenzen zu berücksichtigen. 

Soviel im vorliegenden Zusammenhang zur Frage der Erkeantnis- 
Akrions-Einheit auf der operativen Stufe. Auf der prospektiven Stufe 
ist der Motivator des -K-Subjekts als parametrisches dynamisches 
System einzu beziehen. Spieltheorie ist hier nicht mehr ausreichend; 
man benötigt weitergreifende Szientifizterungsmöglichkeiten ein- 
schließlich nunmehr auch einer Theorie der motivationalen und vor 
allem der syntalen Entscheidungen. 

Wenn die in 1.5.4.3 umrissene Problematik der prospektiven Vor- 
aussage vielerorts noch kaum erkannt, geschweige denn wirklich in 
Angriff genommen oder gar bereits befriedigend bearbeitet wurde, 
so dürfte dies vor allem daran liegen, daß überhaupt die Motiva- 
rions- und besondets die Gruppenmotivationsforschung, gemessen 
an ihrer außerordentlichen praktischen Bedeutung, kaum über ihre 
noch weit überwiegend qualitativ-verbale Anfangsphase hinaus- 
gelangt ist. Erst wenn die Wissenschaft diesen Erkenn misbereieb 
exakt erschlossen hat, dürften auch Prozesse des prospektiven Vor- 
aussagens und Entscheidens szientifizierbar werden. Bisher ist das 
Feld motivbezogener Zukunftsbewältigung mehr durch Vermuten, 
Erahnen, Erfühlen, also durch vorwissenschafdich-intuitive Introspek- 
tion beherrscht. Vielleicht wird ein diesbezüglicher Wandel durch 
das Bedürfnis einer sich ständig vergrößernden Zahl von Menschen 
erzwungen, Klarheit vor allem über die Beweggründe des eigenen 
Handelns zu gewinnen, hinabzuleuchten in das eigene prospektive 
Ich, in den Untergrund eigener Motivformation zwecks Aufhellung 
der Möglichkeiten beglückender Motiverfüllung und vielleicht mehr 
noch beglückender motivationaler Innovation. Was die menschheits- 



Erkenntnis und Aktion 107 

geschichtliche Gegenwart betrifft, so darf es erstaunlich genannt 
werden, wie gering noch immer das Interesse der Menschen, auch 
und gerade der jüngeren, an rational-selbstkritischer Einsicht in die 
eigene Motivdynamik und in die eigenen motivbedingten Wert- 
präferierungen ist, und das heißt doch: das Interesse an der ratio- 
nalen Einsicht in die schlechterdings un hintergehbaren Primärbedin- 
gungen eben des individuell-persönlichen Glücks, 

Der Mangel an Motiveinsicht kennzeichnet auch viele quasiopera- 
tionale überindividuelle Systeme, denen man K-Struktur zuschreiben 
möchte, wiewohl sie oft im Dunkel fast gänzlicher Motivlosigkeit, 
ohne wirkliche Reflexion über syntale Zielantriebe operieren. Dies 
gilt wiederum nicht zuletzt für wirtschaftliche Unternehmungen. Mo- 
nofinale Schlagworte wie Gewin nmaximierung, Kosten minimi er ung 
und dergleichen sind kaum mehr als Leerformeln: Gewinnmaxi- 
mierung eines Produktionsbetriebes will ja nicht besagen, daß der 
absolute Gewinn um jeden Preis, z. B. um denjenigen des baldigen 
Zusammenbruchs infolge Vertrauens Verlustes und hierdurch beding- 
ten Käuferschwundes maximiert werden soll. Auch die Maximierung 
der „Rentabilität", des auf das Investitionskapital bezogenen Ge- 
winns, ist eine motivational viel zu schmale Basis für wirtschaft- 
liches, sogar schon für erwerbswirtschaftliches Operieren. Hier wäre 
bestenfalls ein langfristig „aktionsgünstiger" Punkt im dynamischen 
Gesamtsystem der zugehörigen Wirtschaftsbranche, womöglich 
gleichzeitig im Supersystem der Gesamtwirtschaft, wünschbar der- 
art, daß über längere Zeiten die Störungen aus der Außenwelt des 
Aktionssubjekts von diesem abgefangen, ausgercgelr werden ken- 
nen. Wie aber soll dieses Regel ungsgeschehen im Sinne rational kon- 
trollierbarer Motiverfüllung überhaupt statthaben, wenn nicht wenig- 
stens klare Einsicht in das jeweils aufgebaute Reservoir möglicher 
Motive, Submotive, motivationaler Präferenzen usw. besteht, wenn 
nicht zunächst überhaupt der jeweilige Spielraum verfügbarer Motiv- 
struktur-Variationen ausgegrenzt werden kann? 

Daß dem oft kritiklos in den Vordergund gestellten Motiv des 
Überlebenmüssens des Aktionssubjekts zumal für überindividuelle 
Systeme nicht der absolute Primat vor allen anderen Motiven zu- 
kommen muß, bedarf auch hier nochmals besonderer Hervorhebung. 
Überhaupt impliziert die K-Struktur der adaptiven Systeme das Über- 
lebensmotiv noch keineswegs mit logischer Notwendigkeit. Wenn 
dieses Motiv auch tatsächlich die Triebkraft für den Zusammenhalt 
vieler überindividueller Aktionssubjekte zu sein scheint, so ist doch 



108 Erkenntnis in K-Systemen und für K-Systeme 

zu bedenken, daß gerade hier, im mocivarionaien Basisbereich, die 
biologische Analogie häufig versagt: Das dem individuellen Orga- 
nismus zuzuschreibende Überlebensmoriv läßt sich, wie schon aus 
friihercis Bemerkungen deutlich gemacht, nicht ohne welteMS auf 
soziale Systeme übertragen. So braucht deren ersatzlose bzw. neue 
Formierungen ermöglichende Selbstauflösung keineswegs im Sinne 
menschlich -individueller Motiverfüllung leid vermehrend zu sein; sie 
kann vielmehr umgekehrt unter Umständen zu erweiterten Glücks- 
möglichkeiten für den einzelnen fuhren. 

Wie sich die operativen Voraussagen und Entscheidungen mit 
Vorteil der theoretischen bedienen, so die prospektiven mit Vorteil 
der operationalen. Insbesondere wird sich ein Aktions Subjekt, das 
systematisch prospektive Entscheidungen zu treffen hat, einer sub- 
sidiären Theorie der operativen Entscheidungen zu bedienen suchen. 



1.S.6 Erkenntnis und Planung 

Die Einheit von Erkenntnis und Aktion sowohl auf operativer wie 
auf prospektiver Stufe wird in der Planung pragmatisch relevant. 
Planen heißt: systematisch Handlungsantizipationen als Entschei- 
dungsgrundlagen gewinnen 132 . Ein breites Kontinuum erstreckt sich 
hier vom individuellen PI anungs verhalten bis zu den Verlaufsformen 
gesellschaftlicher Planung größten Stils. Auch unter der Annahme 
extrem verwickelter Interdependenzen der planerischen Teilprozesse 
wird man in jedem Planungssystem wenigstens schwerpunkthaft eine 
mehr aktive Subjekt- von einer mehr passiven Objektseire zu unter- 
scheiden haben. Alles Planen setzt dabei selbstverständlich ein Pia- 



132 Dies ist natürlich keine (explizite) „Definition" von „Planen", 
sondern lediglich eine — vorläufige, d. h, bedarfsweise zu präzisierende — 
Kennzeichnung planerischer Aktivitäten mit Bezug auf das K-strukturierte 
Aktionsmodetl (vgl. H. Stachotpiak, 1969). Es kommt mir darauf an, 
diese Aktivitäten auf die Konstruktion interner handiungsantizipatorischer 
Operator-Modelle eines Aktionssubjekts hinzielen zu lassen und sie damit 
dem adaptativen Handlungskreis Mensch — Außenwelt einzufügen. Daß 
dies bei Gelegenheit einer ähnlichen Kennzeichnung des PSanungsbegrirts 
(H. Stachowiak, 1970, p. 1) ein sonst so gründlicher Denker wie H. Lenk 
hat übersehen können (H. Lenk, 1971, p. 22), hat mich verwundert. Wer 
wäre auch schon so naiv, den Begriff „Planen", der hodikomplexe und 
überaus differenzierte prozessuale Geschehen sf eider bezeichnet, mit defi- 
nitorischem Anspruch in vier Wörtern exakt bestimmen zu wollen ! 



Erkenntnis und Planung 109 

nungssubjekt voraus, das einem entscheidungstragenden Aktions- 
subjekt zugeordnet oder mit ihm identisch ist. Dem Aktions- bzw. 
Planungssubjekt steht das Planuogsobjekt als plan ungsrelev anter 
Teilbereich der Außenwelt des ersceren gegenüber. Als weitere ope- 
rationale Haupteinheit des Planungssystems kann aus dem Aktions- 
subjekt Doch ein besonderes Performationssubjekt ausgegliedert oder 
ihm zugeordnet werden m . 

Ein Planungssystem mit überindividuellem Aktions- und Pla- 
nungssubjekt hat zumindest im ideal typischen Grenzfall K-Struktur 
(vgl, 1.4,2) mit folgender zusätzlichen Charakteristik; Das die plan- 
mäßigen Außenweltveränderungen bewirkende Aktionssubjekt AS 
formiert oder engagiert das die Emscheidungsprämissen erarbei- 
tende Planungssubjekt PS. Das zu PS gehörige Pfanungsobjekt PO 
fällt mit dem Aktionsobjekt AO zusammen. In den Subsystemen AS 
(gegebenenfalls zuzüglich des hier und im folgenden vernachlässigten 
Performationssubjekts}, PS und AO des Planungssystems kann es 
Personalunionen geben; jedoch sind AS, PS und AO rollen- und 
funktionsspezifiscb auf disjunkte Systeme auf differenzier bar. AS und 
und PS sind K-Gruppen (vgl. 1.4.3.3) und damit jedenfalls rationale 
Gruppen; PS ist häufig ein K-Team, zumindest ein K- Kollektiv. Die 
zwischen den Subsystemen eines Planungssystems bestehende Kom- 
munikationssrruktur veranschaulicht in erster, gröbster Näherung 
Schaubild 2. 

Die Informationsflußpfeile deuten den adaptiven Charakter län- 
gerfristiger Planung an. Diese ist als Regel ungsgesdiehen aufzu- 
fassen. 

Zunächst sei jetzt an die Struktur des Planungssubjekts PS erin- 
nert. PS ist ein Input- Output- System, dem der Reihe nach die Funk- 
tionseinheiten Gruppenperzeptor P PS , Gruppenmorivator Mp S , Grup- 
penoperator Ors und Gruppeneffektor Ep S zukommen. P FS perzi- 
piert die (gemäß Schaubild 2 über b und b' eingehenden) Informa- 
tions-Inputs, Ej>$ expediert (über c und c) die Informations-Outputs. 
O fs einschließlich seiner Informationsspeicher und der an diese an- 



133 Bei H.C. RlEGER, 1967, p. 30 ff., heißen das Aktionssubjekt, das 
Planungssubjekt und das Performationssubjekt in dieser Reihenfolge: Plan- 
träger, Planentwerfer und Vtanausführer, und diese drei — siflgularen oder 
pluralen — Aktoren faßt Rjeger zu einem „Planungssubjekt" im weiteren 
Sinne zusammen. Er bietet in seiner Planungslogik, p. 29 — 54 u.a., eine 
Kombinatorik der Planungsrollen und eine Typologie planerischen Ver- 
haltens. 



110 



Erkenntnis in K-Systemen und für K-Systeme 



geschlossenen Dokumentationssysteme ist die im engeren Sinne in- 
formationsverarbeitende Funktionseinheit, deren Ziel- und Auf- 
gabengerichtetheit außer von den Perzeptionsinputs von der Struk- 



AJ 



~fj 



■y_ 




Schaubild 2. Grundschema eines adaptiven Plattungssystems. AS Aktions- 
Subjekt, PS Planungssubjekt> AO Aktionsobjekt (identisch mit Planungs- 
objekt PO). Die Bedeutung der Kommunikationspfeile ist dem Text zu ent- 
nehmen. Die Doppel linie d soll andeuten, daß AO sowohl inform ationeüe 
als auch materiell -energetische Inputs empfängt. Eine besondere p\onaus- 
fübrende Instanz ist in dem Grundschema des Schaubildes nicht berück- 
sichtigt. Zum antagonistischen Zerfall von adaptiven Planungssystemen vgl. 
H. Stachowiak, 1970, p, 6. Alles weitere daselbst im Text 



turdynamik des — stark homogenen — Syntalitätsfaktotensystems 
abhängt. 

Aufgabe des PI an ungs Subjekts PS ist es, dem Aktionssubjekt AS 
alternative Strategien als Handlungsantizipationen für die von AS 
zu treffenden Entscheidungen zu erarbeiten. Dies geschieht auf den 
beiden — sich im allgemeinen vielfach be führenden und durchdrin- 
genden — Ebenen der Ziel- und der Aktionsplanung. Denn dem 
Aktionssubjekt kommt es ebenso darauf an, aus allgemeinen Wert- 
prämissen gewinnbare Aktionsziele in möglichst spezifizierter Form 
unterbreitet zu bekommen als auch über die mit den einzelnen Zie- 
len korrespondierenden alternativen Aktionspläne informiert zu wer- 
den. Um diese meist außerordentlich komplexen Aufgaben optimal 
lösen zu können, wird sich das Planungssubjekt der Mittel und Me- 
thoden wissenschaftlicher Modellbildung bedienen 134 . Es operiert 



134 Hiereu wieder H. C. Rieger, 1967. P. 56 — 64 werden Vorgehens- 
weisen der im Text gemeinten Art erörtert, p, 61 findet man die Sukzes- 
sion: Vormodell (Fokus F), KalkülmodeU (Kalkül K), Deduktionsmodell 
(Ableitung A), Interpretaüonsmodell (Inrerpretation /) im Rahmen eines 
planungstheoretischen Kommunikarionsmodells, dessen zentraler Teil die 
Erkenntnisgewinnung ist. 



Erkenntnis und Planung 111 

dann als Forschungs-K-Gruppe (vgl. 1.5.2), insbesondere als stark 
interdisziplinäres, hoch aufgabenspezialisiertes Forschungsteam. 

Das Verhältnis von Erkenntnis und Planung — „Erkenntnis" 
selbstverständlich im neopragmatisch-modellistischen Sinne verstan- 
den — ist dabei für das Planungssubjekt vor allem durch den Vor- 
rang der vom Aktionssubjekt von dessen Motiven her gegebenen 
praktischen Zielserzungen charakterisiert. Auf diese praktischen Auf- 
gaben hin sind alle Erkenntnisfunktionen orientiert, von den prak- 
tischen Aufgaben her bestimmen sich alle Vorgehens weisen und 
deren Vorbereitungen einschließlich der wissenschaftlichen Voraus- 
sagen. 

Man beachte dabei das „pragmatische Gefälle" der drei Vor- 
aussagearten gemäß 1,5.4: Auf der untersten pragmatischen Stufe 
Riesen repertoires überhaupt verfügbarer, oft nur zum geringen Teil 
planungsrelevanter theoretischer Voraussagesysteme, auf der mittle- 
ren Stufe der darauf aufgebaute, kleinere Bestand an operativen 
Voraussagernodellen, auf der obersten Stufe, dicht an der motiva- 
tionalen und syntalen Dynamik der Zielbestimmungen, die derzeit 
noch mehr postulierten als bereits eratbeiteten prospektiven Voraus- 
sagemöglichkeiten. Sogenannte reine Wissenschaft erscheint in diesem 
Zusammenhang als das eine Extrem neopragmatisch verstandener 
Erfahrungswissenschaft, dergestalt, daß von hier ausgehend die Auf- 
gab enzentriertheit der wissensvermehrenden Tätigkeiten kontinuier- 
lich zunimmt über Formen angewandter "Wissenschaft, die zunächst 
durch zahlreiche, nicht notwendig koordinierte, unmittelbar prak- 
tisch-technische Absichten, sodann durch operarionale planerische 
Zielsetzungen bestimmt sind, bis hin zum Ad -hoc- Wissen von 
aktions- und außenweltabhängigen Bedingungen subjektiver, letzt- 
lich individuell-personaler Motiv erfüllung — als dem anderen Ex- 
trem dieser Skala. Wesentlich für das Verhältnis von Wissen und 
Planen ist hiernach der durchgängige Praxisbezug aller Informarions- 
verarbeitungs-, insbesondere Modellbildungsprozesse im Planungs- 
subjekt mit der zentralen Verarbeitungsstelle G> s sowie die Tat- 
sache, daß die Erkenntnisfunktionen des Planungssubjekts Leisrungs- 
an teile für die höhere Aktionseinheit darstellen, die aus der Vereini- 
gung von Aktions- (und Performations-) sowie Planungssubjekt 
gebildet ist. 

Um noch einige kurze Andeutungen über die Entscheidungsstruk- 
tur ün Planungssystem anzufügen, sei zunächst zwischen (Ideal-)Ty- 



112 Erkenntnis in K-Systemen und für K-Systcme 

pen der strategischen und der nichtstrategiseben Planung unterschie- 
den. Rein strategische Planung liegt vor, wenn das Aktionssubjekt 
innerhalb eines Feldes mehrerer bezüglich gleicher oJer ahnlitfief 
Aktionsziele mit ihm konkurrierender Aktionssubjekte operieren 
muß (vgl. S. 79 f.). In diesem Fall gehen in die den plan realisieren den 
Handlungen zugrunde liegenden Entscheidungen des Aktionssubjekts 
AS lediglich die Vorentscheidungen des Planungssubjekts als alter- 
native Entscheidungsprämissen 135 für AS ein, während das sich wie 
immer im Aktlomobjekt abspielende Entscheidungsgeschehen allein 
konstitutiv für die Situationen ist, die das Entscheid ungs verhalten 
(Zug- und Strategiewahl) von AS auslösen. 

Eine andere Entscheidungsstruktur ist für die verschiedenen For- 
men n/efostrategischet Planung anzusetzen. Besonders in der gesell- 
schaftlichen Planung (Bevölkerungs-, Siedlungs-, Verkehrsplanung, 
Forsch ungs planung, politische Planung, Entwicklungsplanung usw.) 
können — oder sollten zumindest in modernen demokratischen 
Gesellschaften — planungs relevante Entscheidungen aus dem „be- 
planten" gesellschaftlichen Aktions ob jekt sowohl in die Entschei- 
dungsprozesse des Aktionssubjekts als auch in die Prozesse der Vor- 
entscheidungsfindung des Planungssubjekts hineinwirken, und zwar 
nicht nur in der /«direkten Weise der "Wahl der mit den Planungs- 
aufgaben zu betrauenden Organe oder einer noch unspezifizierteren 
Form der Einflußnahme, sondern auch in direktem Mitentscheiden 
und Mitplanen. Voraussetzung hierfür ist allerdings eine kooperative 
Kommunikationsstruktur des Planungssystems 1SS , insbesondere die 
Einhaltung vorangehend erarbeiteter und von den Mitgliedern des 
Systems anerkannter Spielregeln des Entscheidungsverhaltens 1S7 . Daß 
diese Spielregeln zwar einerseits möglichst viel Entscheidungskom- 
plexität zu gewährleisten, andererseits jedoch die für planmäßige 
Innovation notwendige selektive Komplexitätsverminderung zu er- 
möglichen haben, hat vor allem N. Luhmann li9 dargelegt. Den 
hiermit angeschnittenen Fragen sowie planungstheoretischen, insbe- 
sondere planungsmethodologischen Einzelheiten kann im vorliegen- 
den Zusammenhang nicht näher nachgegangen werden, wie es sich 



135 Im Sinne von N. Lümmann, 1965, p.272f, 

136 Vgl. H. Stachowiak, 1970, p.4—5. 

137 Hierzu die Erinnerung an das spieltheoretische Wesen dich keits- 
krirerium; vgl. Anm. 93, S. 80, 

138 Vgl. insbesondere N. Luhmann, 1966, 1970a — c. 






Erkenntnis und Planung 113 

hier auch, verbietet, die Möglichkeiten einer exakten Beschreibung 
der komplexen Kommuaikationsstxukturen bei Planungsprozessen 
näher zu erörtern 139 . 

Generell ist hier allerdings auf die Notwendigkeit detailliert er- 
fahrungsbestimmter Liberalisierungen des zunächst idealtypisch 
K- strukturierten Planungssystems hinzuweisen. Erst vermöge sol- 
cher Liberalisierungen lassen sich je genügend realitätsadäquate 
Modelle planerischen Verhaltens — besonders wieder im gesell- 



139 An dieser Stelle seien außer den in den Anm. 120 und 126 ge- 
nannten Arbeiten einige neuere Veröffentlichungen angeführt, denen der 
Leser Beiträge zum Verhältnis von Erkenntnis und Planung entnehmen 
kann: E. Jantsch, 1967, 1971; H. Lenk, 1971; H. Ozbekhan, 1969a, 
1969b; H. Schelsky, 1967; F. H. Tenbruck, 1967, 1972. Die Studie von 
Tenbruck verdient besonderes Interesse auch im Zusammenhang der 
Ration alhäts annahmen {1.4.2.5, S. 74 ff.). Auf die an steh wünschenswerte 
Diskussion einiger Thesen Tenbrocks über das in Anm. 82 Ausgeführte 
hinaus muß leider im vorliegenden Zusammenhang verzichtet werden. 

Die im Text enrworfenen Modellskizzen sind auf explikative Forts etz- 
barkeit bis hin zur Computersiraula tion angelegt. Hauptstadien dieser 
Präzisierung nach dem Entwurf der noch überwiegend verbalen Skizzen: 
1. Vorentwürfe von Grobmodellen durch Ausgrenzung der für die System- 
analyse relevant scheinenden, quantitativ erfaßbaren Elemente und der 
zwischen diesen bestehenden, ebenfalls quantifizierbaren Wirkungszusam- 
menhänge, 2. Konstruktion der Grobmodeüe als Variablen- und Parameter- 
systeme, 3. Übersetzung in problemorientierte Programmiersprachen, 4. 
Überführung in detaillierte Maschinenprogramme. — Orienrlerungshilfen 
zu 1. und 2. bieten: O. Lange, 1969 (Allgemeine System theo rie), R. M. 
Martin, 1959, 1964 (Pragmatische Logik), P. Gang, 1967 (Pragmatische 
Informationstheorie), E. Neuburger, 1970 (Gruppenkommunikationstheo- 
rie), J. Marschak, 1955 (Teamtheorie), K. J. Arrow, 1966, und 
T. Schwartz, 1970 (Theorie sozialer Entscheidungsprozesse). In welcher 
Weise diese Einzeluntersuchungen, die zunächst eine recht heterogene 
Masse von Forschungsresultaten ergeben, zu kombinieren und zu ergänzen 
sind, dürfte vor allem von den zugrunde gelegten aktions-, insbesondere 
planungstheoretischen Gesamtkonzepten abhängen. Zweifellos wird sich 
eine auf zunehmende Bewährungsvalidität und Anerkennungsbreite ten- 
dierende Handlungs- und Planungstheorie — „Theorie" allerdings in einem 
gegenüber dem klassischen Theoriebegriff sehr viel weitergefaßten prag- 
matisch -kybernetischen Sinne verstanden — erst allmählich aus den zahl- 
reichen einzeldisziplinären Enrwicklungssträngen ausformen. — Orientie- 
rungshilfen zu 3. und 4.: J. W. Forrester, 1961 {Forschungsprojekt am 
Massachusetts Institute of Technology, Cambridge, USA, mir der für die 
Zwecke dieses Projekts entwickelten Programmspraehe Dynamo; vgl, 
A. L. Pügh, 1961), und H. Maier, 1972. 

9 Lüchow iik t Modell Lheorie 



114 Erkenntnis in K-Systemen und für K-Systeme 

schaftsplanerischen Bereich — gewinnen. Die Grwndstruktur des in 
diesem Abschnitt umrissenen Systemschemas von „Planung" bleibt 
dabei invariant. 



1.5.7 Ausblick auf eine konstruktive 
Erkenntnisanthropologie 

Die vorgelegten Betrachtungen über den Zusammenhang von Er- 
kenntnis und handelnder Lebensbewältigung sind zumindest in zwei- 
facher Hinsicht stark ergänzungsbedürftig. Zum einen drängt der in 
den Abschnitten 1.4.1 bis 1.5.6 versuchte Entwurf, unbeschadet der 
ihn charakterisierenden rigorosen Vereinfachungen, hin zu Fort- 
setzungen, die insgesamt auf den Aufbau einer konstruktiven kyber- 
netischen Erkenntnisanthropologie zielen. Zum anderen bedürfen die 
knappen Konturen, als welche jener Entwurf sich, zuzüglich seiner 
erkenntnisanthropologischen Fortsetzungen, darbietet, zunehmend 
realitätserschließ ender Ausdifferenzierung. Weder das eine noch das 
andere kann hier geleistet werden. Allerdings ist wenigstens rahmen- 
haft das Programm des in dieser doppelten Hinsicht Auszuführen- 
den uo mitzuteilen. Es umfaßt zwei Hauptabschnitte, deren erster zu 
Modellen der opetationalen Gesellschaft und deren zweiter zum 
Modell einer künftigen opetationalen Weltgesellscliaft führen soll, 
wobei speziell Struktur und Funktion von Erkenntnis innerhalb des 
jeweiligen Wechselwirkungs Systems zwischen dem betrachteten ge- 
sellschaftlichen Aktionssubjekt mit seiner Außenwelt ins Licht zu 
stellen sind. 

Etwas näher charakterisiert: 

1. Entwicklung von Modellen operationaler Gesellschaften. 

Im ersten Hauptprogrammschritt sind zunächst die überindivi- 
duellen K-Gebilde über die K -Organisationen (1.4.3.4) hinaus zur 
operarionalen K-Gesellschaft zu verallgemeinern. Diese ist vorerst 
als idealtypisches strukturfunktionales Gebilde formal zu entwer- 
fen. Liberalisierungen des Idealtypus, die auch das Rationalitätskon- 
zept betreffen m , führen zu Reattypen von immer noch hoher Reali- 



140 Im Rahmen einer unter dem Titel „Der Mensch vom Standpunkt 
der Kybernetik" {Duncker und Humblot, Berlin) geplanten Schrift, 

141 Es ist hier zu erinnern, daß natürlich in der sozialen "Wirklichkeit 
weder das Axiom der individuellen noch dasjenige der Gruppenpräferenz- 



Ausblick auf eine konstruktive Erkennmisanthropologie 115 

täts Verkürzung. Es folgt die Hereinnahme der Entwicklungsdimen- 
sion; Die zeitlichen Querschmttsmodelle der K- Gesellschaft werden 
zu Entwicklungsmodellen, das Gesellschaftssystem gewinnt Ge- 
schichtlichkeit 142 . Seine Erkenntnisfunktionen, die sich in K- struktu- 
rierten Subsystemen, z. B. Forschungsorganisationen (1.5.3, 1.5.4) 
lokalisieren, werden über die gegernuartszenlidien Anpassungen hin- 
aus geschichtlich adaptiv. Für künftige operationale Gesellschaften 
bedeutet dies, daß der Geschichtsprozeß zum PlanungsprozeS wird. 
Erkenntnis- und Planungssoziologie wesentlich normativen Geprä- 
ges werden an dieser Stelle metatheoretisch wünschbar. 

2. Entwicklung von Modellen der operatianalen Weltgesellschaft. 

Der Modell-Übergang von umfassenden Einzelges eil Schäften zur 
Weltgesellschaft verlangt als erste Vorleistungen die modellierende 



rationalitär streng erfüllt ist. Auch werden sich in der Realität keineswegs 
alle zielrelevanten Außenweltverhältnisse in eindimensionale Ordnungs- 
relation bringen lassen. Zahlreiche weitere Annahmen, z. B. die semantische 
Eindeutigkeit der Außenweltcharakterisierungen, die Transferierbarkeit des 
zu maxknierenden Parameters usw. bedürfen „realitäts"angleiehender Libe- 
ral sierungen. 

142 Auch bereits für das Ausgangssystem (vgL 1.4.2.1) wäre natür- 
lich ein entsprechender Übergang vom entwicklungszeitlichen Querschnitts- 
modell zum lebensgeschichtlichen Modell erforderlich. 

Hier ist zu erinnern, daß im Ausgangs modeil der konstant gehaltene 
Entwicklungszeitpunkt den betrachteten Menschen, der im übrigen als auf 
„mittlere", der statistischen Norm gemäße psychische Leistungsfähigkeit 
fixiert zu denken ist, auf sein lebensgeschichtliches Leistungsoptimum be- 
züglich der Gesamtheit seiner so maro- psych! sehen Funktionen festlegt, auf 
ein Reifungsoptimum also, das, systemtheoretisch betrachtet, vor allem mit 
dem Optimum der Fähigkeit zur Selbststeuerung zusammenfällt. (Vgl. 
O. Lange, 1963, p. 65, wonach Selbststeuerung eines Systems als dessen 
Entwicklungstendenz zur sogenannten Norm [Führungsfunktion], mithin 
als die Fähigkeit des Systems zur Störungsbeseitigung definiert ist. Dabei 
drückt sich nach Lange die Reife eines 5ystems nicht nur in der Geschwin- 
digkeit aus, mit der es Störungen seines Entwicklungsprozesses beseitigt; 
sie ist auch von der Veränderung seines Ergodizi täts Bereichs als des Bereichs 
der nur vorübergehenden Störungen abhängig.) Die Abhängigkeitsverhält- 
nisse bezüglich der in Frage stehenden hochverwickelten Prozesse sind der- 
art, daß diese Prozesse natürlich nicht nur von der Verhaltensweise der 
beteiligten Mensdien (dem Kopplungs verhalten der aktiven Elemente des 
Gesamtsystems), sondern auch von der Gesellschaftsstruktur (dem Netz 
der Kopplungen zwischen den Systemelementen) und dem gesellschaft- 
lichen Wandel (dem Entwicklungsgesetz" des Systems) abhängen (hierzu 
wieder O, Lange, 1969, insbesondere p. 36 — 42). 

s- 



116 Erkenntnis in K-Sy steinen und für K-Systeme 

Vergegenwärtigung der überwiegend natürlich gegebenen Umwelt 
„des" Menschen. Die geowissenschaft liehe Bestandsaufnahme hat 
sich vor allem über die lebenswichtigen Ressourcen zu erstrecken. 
Als eine weitere Vorleistung erscheint eine — naturwissenschaftlich, 
insbesondere biologisch orientierte — Büs/santhropologie, deren 
wichtigste Fortsetzungsmodelle zu diskutieren sind m . Danach kann 
das Modell einer zunächst idealtypischen K-"Weltgesellschaft, die 
das Gattungssubjekt „Mensch" in Interaktionen mit seiner Außen- 
welt darstellt, formal erarbeitet werden. An die Stelle der zu 1. ge- 
nannten überwiegend deskriptiven Realtypen treten unterschiedliche 
Erfüllungen (Belegungen, Realisierungen) jenes allgemeinen fC-struk- 
turierten Formgebildes, die entwicklungsmäfiig ineinander über- 
gehen können. Hier wird eine „axiomatisch-dynamische System- 
theorie" wünschenswert l44 . Jene Entwicklungen einschließlich der zu 



143 Hieran beteiligte Wissenschaften: die Psychologie mit zahlreichen 
Teildisziplinen, die Ethnologie, Kukuranthropologie und Anthropogeogra- 
phie, die Bio-, Psycho-, Anthropo- und Soziolinguistik; ferner die Soziale 
Morphologie, insbesondere Demographie, Soziogeographie und die Soziolo- 
gie (Gruppe, Familie, soziale Schichtung und soziale Mobilität, Masse und 
Massen kommunikation), einschließlich allgemeiner Modelle sozialer Syste- 
me, die besonders den sozialen Wandel berücksichtigen. Hinzu kommen 
Politologische Systemtheorie, Ökonomik und (quantitative) Geschichte (im 
Sinne etwa von J. Marczetfski, 1965). 

144 Eine solche Theorie gibt es meines Wissens noch nicht. Sie härte 
dynamische Prozesse und Systeme folgender Axt zum Gegenstand: Ein 
formal- dynamisches System mit Undefinierten (Input-Output-)Elementen 
und ebenso Undefinierten (ein- bzw. mehrstelligen) Grundrelationen be- 
züglich dieser Elemente ist (repräsentierendes) Modell eines zeitparame fri- 
sierten Axiomensystems, d. h. eines Axiomensystems, dessen Grundbegriffe 
und Axiome durch zeitabhängig repertoireisierte Elemente bzw. Relationen 
ersetzt sind. Zeitliche Wandlungen des Axiomensystems durch Variieren 
über den Repertoires ziehen zeitliche Wandlungen des dynamischen Sy- 
stemSj das es modelliert, nach sich, und das forma!- dynamische System 
wird in verschiedenen Zeiten durch verschiedene material- dynamische Sy- 
sreme realisiert. Einem unabhängigen leitenden Zeitparameter t, der die 
Wandlungen des Axiomensystems und damit auch die des modellierenden 
formal- dynamischen Sysrems bestimmt, sind die Ablauft" ntervalie der Zeit- 
parameter T lf t s usw. der einzelnen dynamischen Realisationen des model- 
lierenden Systems zugeotdnet. t heiße Ausläsungsparameter der das zu- 
grunde gelegte formal-dynamische System realisierenden materialen Sy- 
steme und n Ablaufparameter des i'-ten Systems aus der Klasse dieser 
Realisierungen. Die Äquivalenzklassen realisierender Systeme wandeln sich 
hiemach in Abhängigkeit von t. 



Ausblick auf eine konstruktive Erkenntnisanthropologie 117 

erarbeitenden Zielmodelle erweitern das zeitliche Querschnittsmodell 
der Weltgesellschaft zum Entwicklungsmodell, stelJen also die Welc- 
gesellschaft in ihre Geschichtlichkeit. Wieder sind es umfassende K- 
strukturierte Subsysteme des jetzt betrachteten höchsrum fassen den 
Aktionssubjekts, in denen sich dessen Erkenntnisfunktionen lokali- 
sieren. Und indem das Aktionssubjekt „Weltgesellschaft" seine auf 
syntalitätserfüllende Außenweltveränderungen angelegten Hand- 
lungsantizipationen mit Hilfe jenet Erkenntnisfunktionen gewinnt 
und zu tatsächlichen Aktionen realisiert, wird bisherige — überwie- 
gend kontingente — „Weltgeschichte" zur Weltgesellschaftsplanung. 
Diese erscheint als überlangfristige, hochsyntalisierte und hoch adap- 
tive Zukunftsfürsorge des Menschen gegenüber einer zum erheblichen 
Teil selbst geschaffenen und dabei zwangsläufiger „Pollution" aus- 
gelieferten Außenwelt für den Fall, daß es nicht sehr bald, innerhalb 
vielleicht nur weniger Jahrzehnte, gelingt, jene Form der Global- 
planung zu erreichen, zuvörderst ein planungsfähiges Aktionssubjekt 
„WeltgeseHschaft" zu konstituieren. 

Soweit das Rahmenprogramm der zu erstellenden konstruktiven 
Erkenntnisanthropologie. Es bleiben einige noch kurz aufzugreifende 
Proble mko mplexe : 

Dringlichkeit. Die Angelegenheit einer pragmatischen Bündelung 
des gegenwärtigen Erkenntnispotentials der Menschen eilt außer- 
ordentlich. Die explosive Entwicklung von Wissenschaft und Technik 
mit allen ihren Folgeerscheinungen verlangt die vergleichsweise rasche 
Konstituierung des Aktionssubjekts „Weltgesellschaft" in der Form 
eines mit genügend Macht versehenen und dabei genügenden Rück- 
kopplungsbindungen (Kontrollen) unterworfenen Repräsentation der 
Menschen dieser Welt. 

Man erinnert sich des hoffnungslosen Schicksals der Bemühun- 
gen des Kreises um R. M. Hutchins und G. A. Borgese jm , der in 
der Zeit vom November 1945 bis zum Juli 1947 am Modell einer 
Welt-Bundesrepublik arbeitete. Inzwischen ist das Interesse der 
Regierungen zumindest an weltweiten Plan ungs vorhaben sehr stark 
gewachsen, nachdem Wissenschaftler ebenso düstere wie plausible 
Prognosen über die zu erwartende Entwicklung und Interdependenz 
kritischer Variablen wie Weltbevölkerung, Kapazität der natürlichen 
Ressourcen, Nahrungsmittelproduktion, Kapi talin vestidon, Umwelt- 



145 Vgl. R. M. Hutchins und G.A.Borgese, 1951. 



118 Erkenntnis in K-Systcmen und für K-Systeme 

Zerstörung usw. gestellt haben 146 . Es darf damit geredinet werden, 
daß die tatsächlichen Entwicklungen in den nächsten zwei bis drei 
Jahrzehnten die Überzeugungskraft dieser Prognosen unbeschadet 
ihrer planungsmethodologischen Defizienzen erheblich verstärken 
werden, wenn nämlich die Gefährdungen der Menschheit in be- 
ginnende allseits spürbare Unerträglichkeiten einmünden. An dieser 
Obergangs stelle setzt vielleicht die Chance eines weitgehend frei- 
willigen Machtabbaues der Staaten ein zugunsten eines mit hohen 
Befugnissen und Sanktionsmöglichkeiten ausgestatteten globalen 
Aktionssubjekt, das — vielleicht als Vorform einer Weltregierung — 
die in rationaler Planung je erarbeitenden Zielmodelle durchsetzt. 
Die Unterwerfung eines Teils der nationalen Eigeninteressen unter 
unerbittliche Globalnotwendigkeiten, auch wenn diese noch nicht 
in allen ihren 'Wertaspekten durchdiskutiert sind, ergibt sich aus dem 
auf das Gesamtstaatensystem angewandten Postulat der kollektiven 
Rationalität gemäß 1.4.2.5, 3. (S. 80 ff.). 

Die „realen Utopien", von denen heute oft die Rede ist, besit- 
zen ungleich weniger „Vitalrelevanz" für das Menschengeschlecht 
als die hier angedeuteten basalen Erfordernisse. "Wer die Empfeh- 
lung, ihre Realisierung dringend 1 * 7 , und zwar bereits auf der Grund- 
lage derzeit vorliegender Erkenntnisse, in Angriff zu nehmen, für 
weltfremd hält, muß sich dem Verdacht eigener, und zwar potenzier- 
ter, selbstzerstörerischer Weltfremdheit aussetzen. Ein auf künftige 
Daseinssicherung des Menschen angelegtes prospektives Aktions- 
modell mit unabdingbaren „minimal constraints" der Verhaltens- 
rationalisierung sollte zum überzeugenden Vernunftappell und, um 
mit Marx 148 zu sprechen, „zur materiellen Gewalt" werden. 

Partizipation, Eine operationale "Weltgesellschaft in der Verfas- 
sungsform eines demokratischen Welt-Bundesstaates hätte von den 
sie bestimmenden Grundwerten her auf maximale Selbstverwirk- 
üchung des einzelnen, d. h. auf lebenslang anhaltende und weitest- 
gehende Motiverfüllung möglichst vieler individueller Menschen zu 
zielen — allerdings unter der zum Tei! entfalrungsrestriktiven Bedin- 
gung planvoll regulierten Bevölkerungswachstums. Die realen Mög- 
lichkeiten jener Ziel Verwirklichung sind natürlich nicht zuletzt 



146 Vgl J. W. Forrester, 1971; D. Meadows, 1972; weitere Ver- 
öffentlichungen im Zusammenhang mit den Club-of-Rome-Projekten» 

147 N. LüHmann, 1968. 

148 K. Marx, 1962, p. 497. 



Ausblick auf eine konstruktive Erkenntnisanthropologie 119 

wesentlich gebunden an die rasche Beseitigung der materiellen Armut 
in den Entwicklungsländern und die gleichzeitige intensive Hebung 
des Bildungsstandards der Menschen dieser Länder mit dem Leit- 
programm der Schärfung des allgemeinen Bewußtseins für notwen- 
dige Mindest-Normen kollektiv-rationalen Verhaltens. Erst in einer 
Welt ohne Neid und Haß erzeugende Disparität der Chancen Vertei- 
lung in den Ausgangspositionen der verschiedenen "Wege zur Selbst- 
verwirklichung ist tatsächliche, nicht nur proklamierte Partizipation 
des einzelnen an den politischen — im Optimalfall „weltinnenpoliti- 
schen" — Entscheidungen aller Ebenen erreichbar. Dabei kann ande- 
rerseits nicht übersehen werden, daß gerade die Sicherung der Ermög- 
lichung von individueller Selbstverwirklichung in einer Welt zu- 
nehmender Komplexität Beschränkungen in den direkten Formen 
der Entscheidungspartizipation erfordert, was selbstverständlich Ge- 
fahren der Machtkonzentration und des Machtmißbrauchs auf den 
oberen Hierarchieebenen bereits für den Fall mit sich bringt, daß 
lediglich das Programm der Absicherung gegen die Unterschrei- 
tung vitaler Mindesterfordemisse erfüllt werden soll 149 . Für eine 
operationale Wcltgesellschaft bedeutet dies, daß die Partizipation an 
politischen Entscheidungen desto stärker über — feedback-kontrol- 
lierte — Repräsentationssysteme zu erfolgen hat, auf je höherer 
Hierarchiestufe die Subsysteme der Weltgesellschaft angesiedelt 
sind IS0 . Eine aus dem Dilemma der konversen Gesichtspunkte füh- 
rende Patentlösung kann es hier nicht geben, zumal das globale 
prospektive Entscheid ungsmod eil, dessen bald in Angriff zu neh- 
mende Realisierung allein das Überleben der Menschheit zu gewähr- 
leisten scheint, infolge der hohen Vermaschnng der zahlreichen zu 
berücksichtigenden, kreiskausal aufeinander wirkenden Regelkreise 
des modellierten Weltsystems partielle, wesentlich swfcsystemische 
Lösungskonzepte nicht in Aussicht stellt. Wohl aber gibt es die Mög- 
lichkeit einer zügigen, durch Rekursion auf hoch konventionalisier- 
bare rationale Grundpostulate gegen ideologischen Mißbrauch abge- 
sicherten Diskussion mit dem Nahziel, Konsens über die allernot- 



149 H. Albert, 1971, p. 43, hat auf solche Gefahren hingewiesen 
und die Vermutung geäußert, daß mit zunehmender Machtkonzentration 
dte Realisierung gerade derjenigen planerischen Ziele in Frage gestellt 
werden kann, deren Erreichung der plandurchserzende Machtträger ermög- 
lichen soll, 

150 F. Naschold, 1970, p. 6, hat dies in Ansehung der Zeitdimen- 
sion für hoch aus differenzierte Gesellschaften zutreffend hervorgehoben. 



120 Erkenntnis in JC-Systemen und für K-Systeme 

wendigsten Ziel- und Aktions Präferenzen auf global -planerischer 
Ebene zu gewinnen. 

Umwelt. Hinsichtlich seiner außengerichteten Funktionen läßt 
sich jedes bisher in den Abschnitten 1.4 und 1.5 betrachtete K-struk- 
turierte Aktionssubjekt sowohl materiell- energetisch ab auch infor- 
mationell-kommunikativ betrachten. Materiell-energetisch steht es 
mit seiner Umgebung in einer teils passiv- unbewußten, teils aber auch 
aktiven und bewußten Wechselbeziehung: Einerseits erhalten meta- 
bolistische Prozesse das dynamische Gleichgewicht des Stoff- und 
Energieaustauschs 1S1 , andererseits verändern Aktionen des K-Sy- 
steros, die auf bewußt erarbeiteten Handlungsantizipationen beru- 
hen, die materiell-energetische Umgebung des Systems in Richtung 
verbesserter Motiverfüllung. In informationeller Hinsicht ist das K- 
strukturierte Aktionssubjekt ausdrücklich auf seine P-M-Ö -Funk- 
tionen (vgl. 1.4.2.3» S. 72 f., und 1.4.3.3, S. 86 ff.) reduziert 153 : Die mit 
ihm korrespondierende Außenwelt konstituiert sich von den Perzep- 
tionsfunktionen her als zeitliche Abfolge von Gesamtheiten wechseln- 
der Informationseingaben. Faßt man die Umgebung und die Außen- 
welt eines Aktionssubjekts zusammen, so erhält man dessen Umweit 
als „the set of all objects a cbange in whose attributes affect the 
system and also those objects whose attributes are changed by the 
behavior of the system" 15S . 

Ob man nun das Aktionssubjekt allein unter materiell-energeti- 
schem Aspekt mit seiner Umgebung oder allein unter informationel- 
lem Aspekt mit seiner Außenwelt oder ob man es unter gleichzeitiger 
Berücksichtigung beider Aspekte mit seiner Umwelt korrespondieren 
läßt: in jedem Fall beruht die Abgrenzung des K-Systems gegen 
seinen externalen Einflußbereich weitestgehend auf Konvention. Zu- 
mal bei komplexeren überindividuellen Aktions Subjekten ist je un- 
ter Zweckmäßigkeitsgesichtspunkten von Fall zu Fall festzusetzen, 
wann ein Objekt {allgemein: eine Attributidasse 154 ), für das die oben 
angegebene Wechselbeziehung gilt, zum System gezählt werden soll 
oder nicht. Dies hat weitreichende Folgen in der Beurteilung zumal 



151 Als Fließgleichgewicht nach L. VON Bertalanffy. 

152 Vgl, H. Stachowiak, 1969, p. 3 £., insbes. p. 14ff. 

153 A.D. Hall und R. E, Fagen, 1956, p.20. — „Objects" wäre 
allerdings auf allgemeine Attributklassen zu erweitern (vgl. 2.1.2, S. 134 f.. 
und 3.2, S. 305 ff.). 

154 Vgl. Anm, 153. 



Ausblick auf eine konstruktive Erkenn tnisanthropologie 121 

hochkomplexer sozialer Systeme. Systemanalytische Aussagen kön- 
nen, auch wenn die Immanenz des Modellierungsaspekts oichc ver- 
lassen wird, weitreichende Wandlungen ihres Wahrheitsgehalts und 
ihrer Bedeutung je nach getroffener Grenzziehung erfahren. Von 
dieser Grenzziehung sind natürlich auch fundamentale Eigenschaften, 
wie das Steuerungs-, EntstÖnings-, Stabüitätsverhalten eines Sy- 
stems abhängig, und auch Sollensurteile über Systementwicklungen 
büßen leicht ihren Sinn ein, wenn sie nicht auf eine je bestimmte 
Ausgrenzung des Systems aus seinem umweltlichen Rahmen klat 
relativiert sind 155 . 

Deskriptton oder Präskription? Daß in den Darlegungen der letz- 
ten Abschnitte des vorliegenden Kapitels der deskriptive Aspekt oft 
nicht scharf vom konstrukriv-präskriptiven abgesetzt wurde, wird 
manchen noch stark im klassischen Wissenschafts denken lebenden 
Leser befremdet haben. Um dieses metatheoretische Problem noch 
kurz aufzuhellen und Mißverständnissen vorzubeugen, sei zunächst an 
das neopragmatisch-modellistische Erkenntniskonzept (1.3j S. 40 ff.) 
erinnert, wonach „modell istisch erkennen" soviel heißt wie: dem je 
beabsichtigten Modellentwurf ein leitendes Interesse zugrunde legen, 
das ihn konstituiert. Diese pragmatisch-intentionale Relativierung 
von Erkenntnisprozessen und aus diesen resultierenden Erkenntnis- 
gebilden wird in den folgenden beiden Kapiteln näher erörtert. Hier 
genügt der Hinweis, daß die auf eine handlungsbezogene Erkenntnis- 
anthropologie hinführende Modellierungslinie von der Grundinten- 
tion her bestimmt ist, aus illusionsloser Einschätzung der Lebens- 
und zuerst der Ob erleben seh an cen der künftigen Weltgesellschaft 
Alternativentwürfe für Strategien zu entwickeln, die dazu dienen 
können, den Menschen als Gattung am Leben zu halten und den 
Individuen dieser Gattung ein lebenswertes Dasein zu ermöglichen. 

Durch die Inten tionalisierung der Erkenntnis ist diese, auch wo 
sie sich deskriptiv gibt, bereits normativ präformiert. Die Präformie- 
rung erreicht ihre stärkste Ausprägung in den aus intentionalisierter 
Deskriprion via Extremalisierung gewonnenen Ideal typen, die impli- 
cite bereits normative Modelle sind. Zumindest regulieren sie Ent- 
wicklung, Klassifikation und Bewertung der zugehörigen Realtypen. 
Von diesen Modellen führt nur ein — in dem vorliegenden Buch 



155 Dies gilt nicht zuletzt für N. Luhmanns System theo rie, die in 
ihrem pragmatisch relevanten Teil auf dem Konzept der rationalen Redu- 
zierung von Umweltkomplexität beruht (vgl. Anm. 138, S. 112). 



122 Erkenntnis in K-Systemen und für K-Systeme 

nicht vollzogener — Schritt zu Systemen von expliziten Sollensfor- 
derungen, die formal präzisierbar sind in einer logic of commands 15B . 
Befremdlich dabei vor allem vielleicht die „demiurgische Freiheit" 
des neo pragmatischen Modellbildners. Aber ist solche Freiheit nicht 
bereits geboten aus der Notwendigkeit der handelnden Absicherung 
der Bedingungen, unter denen künftig kontemplative Formen des 
Erkennens überhaupt möglich bleiben? 

Explikation oder „Implikation"? Die schrittweise Erweiterung^des 
in 1.4.2.1 bis 1.4.2.4 {S, 69 — 74) rekapitulierten Ausgangsmodells 
— durch Aufhebung der Beschränkung auf den individuellen Men- 
schen, durch Variabilisierung des Entwicklungszeitparameters und 
überhaupt durch Parametrisierung vorerst konstant gehaltener Grö- 
ßen, wo immer das Interesse des Modellierenden sich zunehmenden 
Verflechtungen zuwendet: dies ist implikatiiigß Vorgehen . Implikativ 
wird aus e inschlä gigen In fo rmationen , die nicht komplexer sind, als 
es der Enge eines exakt erkennenden Bewußtseins entspricht, ein 
schließlich aspektreiches, multi rel ation ales und „realistisches" Mod ell 
aufgebaut, im vorliegenden Fall auf d er höch sten S tufe ein Mod ell 
der künftig en^ operationalen We ltgesellsch aft, das einerseits ebenso 
auf SJcherhjejtsgewährung wie auf Frejhei tse rm ö glichung zielt, wie es 
andererseits auf inhaltlich unbegrenzte Erfüllbarkeit und Erweiter- 
barkeit angelegt ist. 

Der — in diesem Kapitel nicht beschrittene — entgegenges etzte 
Weg. ist der explikative : man hätte aus zugehen vom mtuittv-wert- 
jjaffc n nfisamterlebnis und vom Selbstbe wußtse in des konkreten ver- 
gesellschafteten, sich als geschichtliches Wesen verstehenden Men - 
schsn. Von hier aus wären darm_ Stufenfolgen sich allmählich aus- 
differenzierender Zerlegungen und Tei 1 v erdeutti ch un ge n jener ur- 
sprünglichen Totalität gemäß den C arn a ps ebe n Ex pli ka tio n s kri te- 
rien (3.1.1, S. 304) zu durchlaufen. 

Beide Wege, der implikative (oder aszendente) wie der explika- 
tive (oder deszendente) sind wissenschaftlich legitim . Die beiden We- 
gen anhaftenden Unsicherheiten ve rteil en . sich je spezifisch. Einmal 
liegen sie im Zusammenfügen der bereits erarbeiteten anthropolo- 
gisch relevanten wissenschaftlichen Teilmodelle, deren eigene rela- 
tive Gesichertheit ja durch mehr oder weniger intuitive Aspekt -Ver- 
einseitigung erkauft werden mußte. Im anderen Fall liegen sie im 



156 N. Rescher, 1966. 



Ausblick auf eine konstruktive Erkenntnisanthropologie 123 

ebenso intuitiven Auseinandernehmen des Totalkontextes, der ja 
trotz di ssezieren der Explikation in seinen wesentlichen Zügen nicht 
zerstört werden soll. Der implikatjve Weg bietet indes im ganzen 
den Vorteil des direkten, unmittelbar exakt einsichtigen Voran- 
schreitens vom Einfacheren zum Schwierigeren, vor, grß&SO zu 
geringerer Klarheit, Deutlichkeit und Gesichertheit und in diesem 
Sinne vom_mebrJ3ekannten zum weniger Bekan nten. Vom Stand- 
punkt einer in der Denkweise wissenschaftlichen^PhÜo^o^Merens 
zu erarbeitenden Erkenntnisanthropologie wären zweifellos beide 
Zugangsweisenwünschbar. Man hätte sie komplementär aufeinan- 
der zu beziehen. 

Das K-Konzept. Evidentermaßen steht jedes lebendige System 
in einer kreiskausalen teleonomen GrundrelatiM^usemerJe spezi- 
fischen Umwelt. Diese Grundrelation gewinnt ihre fundamentale 
anthropologische Bedeutung nicht nur aus der enormen Gelrungs- 
weite der durch sie ausgedrückten Regeln aftigkeit, sondern auch 
aus der zielstrebigen, auf steten Ordnungsgewinn angelegten Phylo- 
genese. Die Wachsrumsstränge der entwicklungsdynamischen Negen- 
tropie reichen von einfachsten Metabolismusformen bis zum antizi- 
patorisch-planerischen Verhalten des höchstentwickelten Organis- 
mus. Die Fortsetzung des zum Menschen führenden Hauptstranges 
darf, allerdings nicht ohne optimistische Erwartung an die Gattungs- 
vernunft dieses zur biologischen Dominanz gelangten Wesens, als 
weiterer Gewinn von Organisiertheit vorausgesagt werden. 

Jene Wachstumsstränge sind zugleich Linien zunehmender Adap- 
tionsfähigkeit der Organismen und damit zunehmender Differen- 
ziertheit ihrer zentralnervösen Informationsverarbeitungsfunktionen. 
Was zwischen Rezeptoren- und Effektorensystem geschieht, formt 
sich dabei allmählich zu jener Regelungsstruktur aus, die den moti- 
vational-operationalen Kernbereich der (anderweitig beschriebenen) 
K-Dynamik bestimmt. 

Der kybernetische Ansatz dieses Beschreibungsmodells mit seiner 
spezifischen Form analytischer Bewältigung teleokausaler System- 
ganzheit erweist sich als nach mehreren Richtungen verallgemeinc- 
rungs fähig. Er trägt neuartig weiterführende maschinelle Konstruk- 
tionen, und er leistet adäquate Modellierungen beliebig umfassender, 
insbesondere im bio-psychologischen Sinne wfrerindividueller Syste- 
me, für die insgesamt charakteristisch ist, daß sie sich durch bedarfs- 
deckende und bedürfnisbefriedigende selektive Tätigkeiten in äqui- 



124 Erkenntnis in K- Systemen und für K-Systeme 

libralen Ordnungszuständen zu halten suchen. Selektion als gerich- 
tete Reduktion von Komplexität ist notwendig an K-Strukturiertheit 
gebunden, und wo ein Mensch, eine Gruppe, eine Organisation, eine 
Gesellschaft Aktivität aus wesentlich immanenten Gründen entwik- 
kelt, ist sie gleichfalls notwendig K-strukturiert. Dabei tritt als funk- 
tionell enorm wichtiges Moment, wenngleich von der basalen K-Kon- 
zeption her durchaus sekundär, die Funktion des Reflexionsorgans 
„Bewußtsein" 1 * 7 hinzu, eines Organs höherer — „psycho nomer" — 
Ordnung, das für extrem hohe Grade der Komplexitätsreduktion 
benötigt wird ,5S . 

Aber natürlich ist, wie der Leser insbesondere dem Abschnitt 
1.4.3.4 (speziell S.94f.) entnehmen konnte, jene Aktivitäts Voraus- 
setzung nicht für all und jedes irgendwie faktisch aus menschlichen 
Individuen zusammengesetztes Sozialgebilde erfüllt. Es ist aber der 
hier wertp rareren te basisanthropologische Ansatz zu berücksichtigen. 
Im Sinne bewußter und aktiver Daseins gestaltung ist mehr Mensch, 
besitzt höheres Menschentum, wer mehr eigenmoti verfüll ende Lebens- 
kraft entwickelt. Dabei ist klar, daß die Eigenmotive wenigstens in 
dem Maße in dem System unbewußt oder bewußt introjizierter 
Fremdmotive dynamisch verankert sind (in der Terminologie 
S. Freuds Ich und Uberich aufeinander bezogen bleiben), wie es 
die Forderung nach Konfliktrationalität (S. 82 ff.) verlangt. Analog 
zu jener individuellen Präferierung erfolgt die Bewertung eines sozia- 
len Systems nach dem Grad seiner syntalitätserfüllenden (S. 90) Po- 
tenz: es steht in dieser Skala desto hoher, je vitaler es, unbeschadet 
förderlicher Innenantagonismen, seine syntalen Antriebe zu realisie- 
ren vermag. Wieder ist als wesentliche Einschränkung hinzuzufügen, 
daß das „Uberich" des sozialen Systems, allgemein die Berücksichti- 
gung fremdsys temischer Syntalität innerhalb des Interdependenz- 
raumes, zu dem es gehört, wenigstens in dem Maße entwickelt ist, 
wie es die Forderung nach kollektiver Rationalität bezuglich nun- 
mehr überindividueller Aktionssubjekte verlangt. Der erläuterten 



157 In der treffenden infbrmationspsychologjschen Terminologie H. 
Franks : Gegenw ä rrigu ng. 

158 Vgl. G. Günther, 1969. Günther nimmt allerdings für den 
Übergang von nicht-selbstreflektierenden zu selbsrreflektierenden Systemen 
bezüglich der selektiven Informationsverabeinmg ein „dialektisches" Um- 
schlagen von „Quantität" in „Qualität" an, während ich zumindest in 
stammesgeschichdicher Hinsicht keinen Grund sehe, von dem „linearen" 
Enrwicklungsmodell abgehen zu müssen. 



Ausblick auf eine konstruktive Erkenntnisanthropologie 125 

Wertpräferierung der K- Struktur entspricht es, daß in dem vorliegen- 
den Entwurf alle gesellschaftlichen Systeme unter Orientierung an 
K-Kategorien betrachtet werden. Die besondere Leistungsfähigkeit 
K- orientierter Beschreibungsmodeile gesellschaftlicher Zusammen- 
hange erwächst aus der Verbindung von Spieltheorie und motiva- 
tions orientierter Handlungstheorie. Ohne das X-Konzept bleiben die 
Steuerungs- und Regelungsmechanismen antagonistisch oder koope- 
rativ interagierender sozialer Einheiten weitgehend ungeklärt, und 
ohne dieses Konzept wäre es kaum möglich, strukturdynamische 
Zielmodelle von sich rational verhaltenden Gruppen, Organisatio- 
nen, Gesellschaften bis hin zur Weltgesellschaft zu entwerfen. 

Syntalität ist Systemmotivation. Systetnmotive sind Resultanten 
der — durch soziale Mechanismen innerhalb integrativer Hierarchien 
transformierten — Motivstrukturen der einzelnen menschlichen 
Systemkonstituenten. Verwirklichung von syntalen Strukturfaktoren 
ist daher immer wesentlich Motiverfüllung für Individuen unter Be- 
dingungen ihres gesell seh afdichen Daseins. 

Motiverfüllung für Individuen, Auf das System „Welrge Seilschaft" 
bezogen: Möglichst vielen gegenwärtigen und künftigen Menschen 
— - und hier wird die anthropologische Axiologie zur ethischen For- 
derung — soll je optimale Selbstverwirklichung des einzelnen ge- 
währendes Dasein gesichert oder doch hinreichend wahrscheinlich 
gemacht werden. Es ist dies eine merkwürdigerweise erst aus den 
vorgeblich so das eins freundlichen Bedingungen der sogenannten 
OberfluSgesellschaft erwachsende Zielvergewisserung. 

Damit wird die individuelle Motiverfüllung, das axio logische 
Kernstück der X-Konzeprion, erneut als Letztwert des hier vorent- 
worfenen erkertntnisanthropologischen Modell ans atzes ausgewiesen. 
Die hierdurch ausgedrückte Wertpräferierung übersieht, wie schon 
anderweitig betont, keineswegs die kausalkonditionale Abhängigkeit 
der Motive konkreter Menschen von sozialen Prägungen, insbeson- 
dere das Eingefügtsein der Motivwandlungen in Ökonomische und 
kulturelle Kontexte, jedes Erklärungsmodell solcher Art kann indes 
in der metatheoretischen Reflektion nur bestätigen, daß die ursprüng- 
lich-erlebnishafte, dabei oft höchste Sublimationsstufen erreichende 
Vitalfunktion ichhafter Motive als solche durch nichts Vergleich- 
bares zu ersetzen ist 13 *. Auch nicht in ihrer Funktion als Erkenntnis- 



159 Nach einem Bericht von W. S.Marko w und M. N. Rjabzewa, 
1971, p. 1210, hat A. Zelekowa auf einer Tagung über marxistisch-Ieni- 



126 Erkenntnis in K-Systemen und für K-Systeme 

antrieb. Noch spekulativste Metaphysik findet hierin ihren nicht- 
hintergeh baren Ursprung. 

Der „Axiologie der Motiverfüllung" wird natürlich der Boden 
entzogen, wenn ihre Grundvoraussetzung: die Fähigkeit der Men- 
schen, dem eigenen Dasein Ziel und Sinn zu geben, entfällt, wenn 
Motive nicht mehr glückhaft erlebt, artikuliert, in der Auseinander- 
setzung mit dem Außen weiterentwickelt und im Zuge der Persön- 
lichkeitsentfaltung verfeinert werden können. Es muß wiederholt 
werden (vgl. S. 124), daß in jener Grundvoraussetzung gleichzeitig 
das Hauptwesensmerkmal des sich über voroperationale Steuerungs- 
mecbanismen (Instinkt, Kollektivsteuerung, Tradition) erhebenden 
Menschen liegt tM . Emanzipation als Befreiung von unnötigem 



nistische Ethik bemerkt: „Die Unterordnung der Persönlichkeit unter die 
Interessen der Gesellschaft kann ein innerer Zustand der Persönlichkeit 
sein: Das Gewissen verlangt, so und nicht anders zu handeln," Gegen 
eine diesem Statement entsprechende sittliche Sollensf orderung bestünde 
kein Einwand, wenn „die Gesellschaft" nicht als ideologisch verselbstän- 
digte Wesenheit gelten würde und „die Interessen der Gesellschaft" nicht 
mit den (materiellen oder, überwiegend, auch immateriellen) Interessen 
besserwisseiischer autoritäter Ideologen identisch sein würden, die sich an- 
maßen, „die Ziele, die Ideale und die Verhaltens linie" (A. Zelikowa) der 
vergesellschafteten Menschen zu determinieren. Gegen jene S oll ensf orde- 
rung besteht, mit anderen Worten, kein Einwand, wenn „Gesellschaft" 
wesentlich Schutzgebilde individueller Persönlichkeitsentfaltung via Motiv- 
erfüllung ist. Darüber, daß sich solcher Schutz gesichert erst unter Bedin- 
gungen kollektiver Rationalität vollziehen kann und insbesondere soziale 
Gerechtigkeit kollektiver Rationalität bedarf, wird man sich noch einig 
werden können. Die Geister scheiden sich hauptsächlich dort, wo die einen 
Formen sozialer Gerechtigkeit erstreben, die die Forderung nach indivi- 
dueller Selbswenvirklichimg als humanitärem Grundwert weitgehend un- 
angetastet lassen, während die anderen soziale Gerechtigkeit unmittelbar 
mit kollektivem Moratbewußtsein verbinden. Wie jedoch eine Kollektiv- 
ethik, die in operationalen oder quasi- Operation alert Gesellschaften ohne 
doktrinär -totalitäre Heilslehre nicht denkbar ist, mit dem Leitbild eines 
„emanzipierten Menschen" und mit der Forderung nach Beseitigung von 
„Repression" vereinbart werden kann, ist nicht zu erkennen. 

160 Daß das Erfülltsein und Erfülltbleiben dieser Voraussetzung 
keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt der gegenwärtig in großen Teilen 
unserer „Wohlstands Jugend" fast massenneu ro tisch um sich greifende 
Motivacionsschwund. Leicht mündet ein junges Leben ohne genügend lei- 
stungsfordernden Realitätsdruck, wenn das füt den Fersönlichkeitsaufbau 
notwendige Äquivalent akzeptierter Orientierungshilfen fehlt, in das 
dumpfe Erlebnis allumfassender Sinnlosigkeit und „existentielle! Frustra- 
tion" (V. E. Frankl) ein. Oft wird Rauschgift zum Motivationssurrogar, 



Ausblick auf eine konstruktive Erkenntnisanthropologie 127 

Zwang sowie Partizipation als Teilhabe an Entscheidungen, dies bei- 
des setzt ein hohes Maß an selbstreflektorischer Motivation des ein- 
zelnen voraus, die es in den Prozessen künftiger Sozialisation mehr 
als bisher innerhalb des schützenden Formgefiiges gesicherter Kon- 
fliktrationalität zur Entfaltung zu bringen gilt. 



und in der Tat leistet dieses zunächst durch gleichzeitiges Erzeugen und 
Befriedigen von Bedürfnissen die gewünschte Aufhebung des als unerträg- 
Üch empfundenen Frustratiönszustandes. Die Wiederholung des Effekts 
führt jedoch zur zwanghaft gesteigerten Verwendung mit den bekannten 
Folgen weiteren Ich -Zerfalls, der Entsoziaüsicrung und der physischen 
Destruktion. 

Da hier nicht der Ort ist, diesen zweifellos krankhaften Fehlentwick- 
lungen näher nachzugehen, mag der Hinweis darauf genügen, daß die 
Hauptgefahr jenes sozialneu ro tischen Verhaltens junger Menschen in einer 
Lebensphase, die bewußte Sinngebung des eigenen Daseins verlangt, in 
der Anfälligkeit gegenüber totalitären, das Einzel-Ich auslöschenden Ideo- 
logien liegt. Eine Freiheit, die völlige Losgelöstheit vom Willen, von Moti- 
viertheit und Sinnhaftigkeit des Lebens sowie von der Kraft individueller 
Selbstbestimmung bedeutet, führt notwendig in totale Fremdbestimmtheit. 



2. Der allgemeine Modellbegriff 

Nach vo rbereiten den Ausführungen in den Abschnitten 1.1 und 1.2 
war im Abschnitt 1.3 das modellistische Erkenntniskonzept ent- 
wickelt und in den Abschnitten 1.4 und 1.5 das Verhältnis von 
Erkennen und Handeln erörtert worden. Aufgabe des vorliegenden 
zweiten Kapitels ist es, den allgemeinen Begriff des Modells in sei- 
nen Haup Charakteristika mtuitiv-umjpngssprachlich, zu untersuchen 
und nebst weiteren modelltheoretisch relevanten Begriffen für die 
im dritten Kapitel in Angriff zu nehmende formale Explikation vor- 
zubereiten. 

Eine in diesem Zusammenhang auszuführende Einteilung der 
Modelle erfordert auf der Seite der semantischen Modelle eine 
Theorie der^£mantischen Stufen, die auf verallgemeinerter lingui- 
stischer Grundlage entworfen wird. Im Zusammenhang der szien- 
tifisch-semantischen Modelle wird das Problem der Modellierung 
von Originalen mit speziellem Bezug auf eine kybernetische Version 
des dialektisch-materialistischen Standpunktes erörtert. 



2.1 Allgemeine Eigenschaften von Modellen 
und erste Begriffsfixierungen 

Die folgende Analyse des Modellbegriffs geht von einer zwar sicher 
nicht vollständigen, aber hinreichend breit angelegten Tatsach en- 
feststellung aus, in welchen Zusammenhängen und unter welchen 
Bedingungen gegenwärtig sowohl im außer- und vor wissenschaft- 
lichen als vor allem auch im wissenschafdichen Sprachgebrauch von 
„Modellen' 1 ' die Rede ist. 

Zugrunde gelegt wurden sahireiche semannsdae Kontexte, in denen 
das Substantiv „Modell" 1 und gelegentlich das von ihm abgeleitete Tran- 



1 Entsprechend im Englischen „model", im Russischen „ MOÄeJib ", im 
Französischen „modele", im Spanischen „modelo" usw. 



Eigenschaften von. Modellen und erste Begriffsfixierungen 129 

sinvurn „m odellieren" mit ihren FJexionsforjFjien yerw endet wird 1 . Die 
betreffenden Kontexts ammlungen, die selbst hier nicht angeführt wetden, 
sind nach .einer Suchstrategie ermittelt worden, der fraglos manche Zufäl- 
ligkeiten anhaften. Für einen ersten begriifsanal^sdien .Ansatz darf indes 
die angedeutete Erhebungsweise genügen. Sie könnte ohne weiteres, wenn 
man den Aufwand nicht scheut, mittels statistischer Erhebungs- und Aus- 
wertungsverfahren erweitert und validiert werden. 

Was die Methode der Merkmalsbestimmung des Modell begriff s aus 
den semantischen Kontexten betrifft, so ist an die konventionelle Unter- 
scheidung zwischen Inhalt (Intensip) undjjmfang (Extettsio) zu erinnern. 
Der Ee^ri üsinhah ist identisch mit der Klasse der dem Begriff wesendich 
zukommenden Merkmale, die insgesamt seine „Bedeutung" bestimmen. 
Im vorliegenden Fall war demgemäß durch_ abstrahierende und statistisch 



2 Hierzu die folgenden seman.tjs_ch^ethvmplogjschei^ Bemerkungen: 
Das Wort, Modell wurde ursprünglich in Anlehnung an das französische 
Substantiv modele gebildet. Dieses entstammt ebenso wie das italienische 
modello der vulgärlateinischen Form modellus, ihrerseits hervorgegangen 
aus dem lateinischen modulus. Modulus {Maß, Maßstab) ist die Deminu- 
tivform von modus (urspr.: Maß, Normalmaß, Maßstab; übertr. auch: 
Art, Weise, Form, Vorschrift). 

Das Substantiv mqdus geht auf die griechisch-lateinische Wurzel 
medfmod [vgl fdboi, ßiöo/im (ich denke an etwas, erwäge, sorge für 
etwas) sowie modestus (maßvoll, gemäßigt), modius (Maß, insbesondere 
der römische Scheffel)] zurück, die eine d-~Er Weiterung der indogerm ani- 
sdien Wurzel "meH darstellt [vgl. altindisch: mäti (er mißt), mltra, miti 
(Maß); griechisch: f*hQOv (Maß); lateinisch: metior (ich messe, messe zu, 
ermesse)]. 

Das deutsche Wort Modell^ besitzt ursprünglich, d. h. vor der neuer- 
lichen Erweiterung und Präzisierung seines Begriffsinhalts, dieselbe Bedeu- 
tung wie seine Übersetzungs äquivalente modele und modello, und zwar 
sowohl im physiko -technischen wie im künstlerischen Bereich mit der be- 
kannten "zweifa chen Doppelb edeutung: 

1. Modell als a) Abbild von etwas sowie als b) Vorbild für etwas, 

2. Modell als c) Repräsentation eines bestimmten Originals (im Sinne 
von a) und b)) sowie d) in Malerei und Plasrik, vom vorgenannten 
Wortgebrauch abweichend, als weibliches oder männliches Individuum, 
an dem sich die künsderische Nachbildung eines Menschen (der nicht 
unbedingt mit dem „Modell-Stehenden" identisch zu sein oder über- 
haupt wirklich zu existieren braucht) orientiert. 

Dem Gebrauch des Mo dellbe griff s gemäß d) wird in dem vorliegenden 
Buch nicht nachgegangen. Auch wird hier auf vergleichende Wortfeld an a- 
Iysen im Bereich der nach unterschiedlichen Verwandtschaftsverhältnissen 
zu ordnenden Begriffe Modell — Typus — Schema — Muster usw. (entspre- 
chend etwa im Englischen mode! — pattern — design —■ Standard — sample 
usw.) verzichtet. So instruktiv solche Vergleiche sein mögen, sie würden 
den Rahmen des Buches überschreiten. 

9 Stachcwiak, Modell theoris 



130 Eigenschaften von Modellen und erste Begriffsfixierungen 

mktelnde Vergleicie^esrzustellen, weje he Merkmale für den allgemeinen 
Modellbegriff wesentlich siji§T"Dabei kann e s zumal für die in 1.3 ent- 
wickelte Erkenntnisauffassung kein „an sich bestehendes Wesensmcrkmal 
geben . In jegliche dergestalt empirische Bejgriffsanalysc, die einen struk- 
turierenden Eingriff in eine zunächst ungegliederte Menge darstellt, gehen 
diese Stxukturierung bestimmende subjektive Gesichtspunkte ein, die ihrer- 
seits abhängig sind von psychischen, sozialen sowie von sozial- und denk- 
gejchiditiicheo- f akmren. Der B_CgriIfs«_wf/owg andererseits ist identisch mit 
der Gesamtklasse der _unt,et d»»__R^griff f a ^ f 'nd« , n .("divinum (wie immer 
diese Klasse eingeteilt und, nach unterschiedlichen Gesichtspunkten, geord- 
net ist). 

Bekanntlich ist die Bczcichnungs- oder Extenfionalfunktion eines Be- 
griffs def mitotisch schwächer als seine Bcdeuturtgs- oder Intensi onalfun k- 
tion: aus der ^Bedeutung" des Begriffs ergibt sich sein Umfang, während 
das Umgekehrte nicht gilt. Zählt man etwa alle Modelle auf, die die 
Merkmale „hergestellt", „energieverbrauchend" und „informationsverar- 
beitend mit Rückkopplung" besitzen, so erhält man eine im großen und 
ganzen wohlbestimmte Modellklasse. Diese Klasse, durch die der Umfang 
des begriffsinhaltlich gegebenen Spezifikats festgelegt ist, kann indes sehr 
unterschiedlich „intensionalisiert" werden, d. h. ihr lassen sich außer der 
ursprünglichen klassenkonstituierenden Bedeutung [= (physiko-) technisch - 
kybernetisches Modell] je nach der ausdrücklich oder stillschweigend getrof- 
fenen Wahl und Gruppierung inhaltlicher Klassenmerkmale sicherlich 
mehrere, ja viele weitere „Bedeurungen" unterlegen. Dabei ist, in vor- 
läufiger Charakterisierung, unter „Bedeutung" lediglich eine Vermittlung 
zwischen Zeichen und Bezeichnetem zu verstehen, die aus den Kontexten 
der Zeich enverwendung erschlossen werden kann. Der lernende Aufbau 
von „Bedeutungen" etfolgt überwiegend in solchen Kontexten 8 , 

Hiernach scheint es zweckmäßig, den Modell begriff auf vorcxplikati- 
ver 5rufe~ln sei ner wtemionalcn Funktion zu_ untersuchen, Entsprechendes 
gilt für die unter den allgemeinen Modcllbegriff subsumierten speziellen 
ModeUarten, wobei erinnert sei, daß in der Begriffshietarchie die folgende 
konverse Rel ation gilt: j e grö ltet und weittr der Umfang des Begriffs, 
desto kleiner und armer sein Inhalt, und umgekehrt- Der jiu_gcwmnende 
al [gemeinste. Üudellbegriff wird demzufolge der inhaltsarmste sein — un- 
beschadet der Spezifität seiner Merkmale, die es exakt zu erarbeiten und 
eindeutig zu fixieren gilt. 

Die von den berücksichtigten konkreten Verwendungs weisen des Mo- 
dellbegriffs ausgehende intensionsbezogene Abstraktion ist, da sie immer 
auch schrittweise die Begriffsumfänge erweitert, gleichzeitig eine „generali- 
sierende Abstraktion". Letztere ist deutbar als ein „Variabilisieren" von 
Konstanten *. 



3 „Jedes Zeichen scheint allein tot. Was gibt ihm das Leben? — Im 
Cehranrh lebt es." (L. WITTGENSTEIN, i960, p. 435,) 

4 Z. B. beim Übergang vom Begriff des rechtwinklig-gleichschenk- 
ligen Dreiecks zu dessen Oberbegriff des gleichschenkligen Dreiecks: Es 



wird lediglich das konstante Maß des rechten "Winkels durch die über das 
Intervall aller Winkel zwischen und tj, laufende Variable ersetzt. Vgl. 
auch G. Klaus, 1963, p. 16S: „Die Tätigkeit^ der Abstraktion besteht nicht 
im Weglassen_von Jvlerkaia|en, sondern im Variabel machen von Merk- 
malen . . ." 

5 Das sind beim Menschen Denkprozesse, beim allgemeinen K-Orga- 
nismus die Operator-Funktionen. Vgl. H. Stachowtak, 1969, p. 14 — 91, 
sowie 1.4.2.2 bis 1.4.2.4, S. 70 ff. 

6 D. h. von einem auf Wissens Vermehrung intendierten K-System. Vgl. 
H. Stachowjak, 1969, sowie 1.5, S. 96 ff. 

7 Dieses allerdings wenig schöne Wort scheint wie kein anderes 
Nichtfremd wort der deutschen Umgangssprache in kyhernetisch neutraler, 
d. h. für Menschen and Maschinen gehender Weise den Gesichtspunkt der 
erkenntnismäßigen Gestaltung und Aufbereitung der "Welt durch modellie- 
rende Subjekte zum Ausdruck zu bringen. 






T 



Die drei Hauptmerkmale des allgemeinen Modellbegriffs 131 

2.1.1 Die drei Hauptmerkmale des allgemeinen 
Modellbegriffs 

Ohne heuristisch -methodologische Exploration^ ji ei en die Haupt- 
etgebnisse der Begriffsanalyse umgangssprachlich angegeben: 

2.1.1.1 Abbildungsmerkma) 

Modelte sind stets Modelle von etwas, nämlich Abbildungen, Re- 
präsentationen natürlicher oder künstlicher Originale, die selbst wie- 
der Modelle sein können. 

Solche Originale können auf natürliche Weise entstanden, tech- 
nisch hergestellt oder sonstwie gegeben sein. Sie können dem Bereich 
der Symbole, der "Welt der Vorstellungen und der Begriffe oder der 
physischen Wirklichkeit angehören. Als (materiell-) energetische Ob- 
jekte können sie raum-zeitliche Vorgänge oder räumliche Konfigura- 
tionen darstellen. Sie können durch natürliche oder maschinelle In- 
formationsverarbeiter perzipiert oder, unabhängig von momentaner 
Perzeption, in zentral-operationalen Prozessen s aufgebaut sein. 
Überhaupt jede von einem natürlichen oder maschinellen kognitiven 
Subjekt* erfahrbare, allgemeiner: „ers teilbare" 7 Entitär kann in die- 
sem umfassenden Sinn als Original eines oder mehrerer Modelle 
aufgefaßt werden. 

Originale und Modelle werden hier ausschließlich als Attribut- 
klassen gedeutet (vgl. 2.1.2), die oft die spezielle Gestalt attributiver 
Systeme erlangen (2,1.4). 



132 Eigenschaften von Modellen und erste Begriff sfixierun gen 

Der Abbildungsbegriff fällt mit dem Begriff der Zuordnung von 
Modell- Attributen zu Original -Attributen zusammen, Ihm liegt der 
mathematische {mengentheoretische, algebraische) Abbüdungsbegriff 
zugrunde. 

2.1.1.2 Verkürzungsmerkmal 

Modelle erfassen im allgemeinen nicht alle Attribute des durch sie 
repräsentierten Originals, sondern nur solche, die den jeweiligen 
IModeUersciiaffern und/oder Modellbenutzern relevant scheinen. 

Zu wissen einmal, daß nicht alle Originalattribute von dem zu- 
gehörigen Modell erfaßt werden, zum anderen, welche der Original- 
atrribute vom Modell erfaßt werden, setzt die Kenntnis aller Attri-I 
bute sowohl des Originals als auch des Modells voraus. Diese Kennt- 
nis ist insbesondere für diejenigen vorhanden, die in Personal-»' 
union Original und Modell geschaffen, d.h. gedanklich, zeichnerisch, 
technisch, sprachlich usw. reproduzierbar hervorgebracht haben, 
&■ Nur dann ist unter den möglichen Attributklassenbildungen der 
Original- wie der Modellseite aus vorhandenen eindeutigen Gesamt- 
Attriburen-Repertoires je eine bestimmte, nämlich die vom Erschaf- 
fer/Benutzer des Originals und des Modells gemeinte, ausgezeichnet 
und somit der Original-Modell- Vergleich eindeutig ausführbar. 

Die Originalproduktion kann unterschiedliche Grade der sub- 
jektiven und intersubjektiven Eindeutigkeit erreichen (vgl. 2.4.1). 

Bereits mit dem zweiten Hauptmerkmal ist die im weiteren Sinne 
pragmatische Betrachtungsdimension erreicht. „Im weiteren Sinne" 
soll besagen, daß in diese Dimension noch nicht notwendig spezi- 
fisch pragmatisch-operationale Gesichtspunkte eingehen, nach denen 
gewöhnlich die Originalattribute selektiert werden. Grundsätzlich 
reicht diese Selektion von regelloser Zufälligkeit bis zu strenger 
Zweckbestimmtheit. Im engeren Sinne pragmatisch ist die Attributen- 
selektion erst dann, wenn sie, einzeln oder klassenbildend, bestimm- 
ten operationalen Zielsetzungen der Modellbenutzer folgt und über- 
dies die Modellbenutzer und die Benutzungszeiten spezifiziert sind. 

2.1.1.3 Pragmatisches Merkmal 

Modelle sind ihren Originalen nicht per se eindeutig zugeordnet. Sie 
erfüllen ihre Ersetzungsfunktion a) für bestimmte — erkennende 
und/oder handelnde, modeltbenutzende — Subjekte, b) innerhalb 



Die drei Hauptmerkmale des allgemeinen ModeHbegriffs 133 

bestimmter Zeit Intervalle und c) unter Einschränkung auf ' 
bestimmte gedankliche oder tatsächliche Operationen. [ 

Über die abbildungsmäßige Originalhezogenheit hinaus ist mit- 
hin der allgemeine Modellbegriff dreifach prdgmatisdi zu relativie- 
ren. Modelle sind nicht nur Modelle von etwas. Sie sind auch Mo- 
delle für_jemandsn* einen Menschen oder einen künstlichen Model I- 
benutzer. Sie erfüllen dabei ihre Funktionen ifl^der^Zeit, innerhalb 
eines Zeitintervalls. Und sie sind schließlich Modelle zu einem be- 
stimmte n Zwe€k. Man könnte diesen Sachverhalt auch so ausdruc- 
ken: Eine pragmatisch vollständige Bestimmung des Modellbegriffs 
hat nicht nur die Frage zu berücksichtigen, wovon etwas Modell ist, 
sondern auch, für wen, wann und wozu bezüglich seiner je spezifi- 
schen Funktionen es Modell ist. 

Wer dem modellis tischen Erkenn tmskonzept (vgl. 1.3.3) folgt, 
mithin die von daher intendierte Analyse des ModeHbegriffs billigt, 
wird dem vorgenannten Frage-Quadrupel die metawissenschaftliche 
Funktion eines vierdimensionalen basalen pragma-kategorialen Be- 
zugssystems zuerkennen. Er wird dann auch und gerade Erkenntnis- 
gebilde diesem Vierfragenschema zu unterwerfen bereit sein, die 
sich eben diesem Schema zu entziehen scheinen — indem für sie 
totale InterSubjektivität, unbeschränkte Geltungsdauer und absolute i 
Zweckfreiheit der Original-Modell-Abbildung beansprucht wird. / 
Dieser Anspruch verbindet sich im klassischen Wahrheitsdogmaris- 
mus automatisch mit der Ignorierung der pragmatischen Katego- 
rien des „für wen", „wozu" und „wann". Erst aus multipel konfor- 
mierenden Bewährungserlebnissen formte sich jene ansprüchliche Hal- 
tung. Sie konnte zuerst in großem Stil in der Aristotelischen Wissen- 
schaftstheorie um sich greifen. Diese verstand sich als machtvolle 
Antwort auf sophistischen Erkenntnis anarchismus. Das modellistische 
Konzept und der auf diesem beruhende allgemeine Modellbegriff 
wollen durch Rationalisierung des pragmatischen Kontextes von Er- 
kenntnis sowohl über deren „anarchistische" als auch absolutistische 
Erscheinungsform hinausführen. Dabei tritt naturlich, wie hier noch- 
mals betont sei, die Allgemeine Modelltheorie nicht ihrerseits wieder 
mit erkenn tnis absolutistischen Ansprüchen auf, Sie ist selbst nur ein 
Modell, ein Erkenntnisgebilde, für das lediglich modellistische und 
damit pragmatische Rechtfertigungsgründe geltend gemacht werden 
können. 



134 Eigenschaften von Modellen und erste Begriffsfixierungen 

2.1.2 Attributklassen 

Esbedeutet eine_Konzess ion an die sp radilogische, sich in der 
Grundunterscheidung von Nomen und Verbum, Subjekt und Prä- 
dikat ausdrückende Bestimmtheit pünktlicher und kommunikab- 
ler O b j ekterf assung, daß der modelltheoretischen Erstellung von 
Originalen die Zweigliederung der Erstellungsmittel in Indivi due n 
: und Attrib ute zugrunde gele gt wird *. Zudem ermöglicht allein eine 
Fsrf [, V- f „„j Theorie der „attrib utierenden" Objekte rf assung die Expl ikation der 
r .L, Ha uptbegriffe der Allgemeinen Modelltheorie auf^prädikaten - und 

'... f ; f .-^(' ■ klassenlogtscher. Grundla ge. 

2.1.2.1 Attribute beliebiger Stufe 

Unter Attributen sind Merkmale und Eigenschaften von Individuen, 
Relationen zw ischen Individuen, Eigenschaften von Eigenschaften, 
Eigenschaften von Relationen usw. zu verstehen. In der Unterschei- 
dung zwischen Individuen und Attributen soll keine Substanzmeta- 
physik aufleben. Es können beliebige objekterstellende Elemente, die 
in einem Zusammenhang Attributen-Funktion erfüllenj in einem an- 
deren als Individuen fungieren. Entscheidend sind allein pragmati- 
sche Gesichtspunkte. Gibt es demnach modelltti eoretisch keine Indi- 
viduen per se, so soll es sie jedoch aus darsiellungs technischen Griin- 
den und im Sinne pragmatischer Konvention für den je besonder s 

! v orliegenden Fall geben. Hiernach sind einem beliebigen Origina l 
stets wohlumerscfaeidbare, nicht weiter zu zerlegende Tcilobjekte zu- 
zusprechen, die potentielle oder tatsächliche Träger von Eigenschaf- 
; ten sind un d denen gegebenenfalls eine Relationen struktur aufge- 
I prägt werden kan n. 

Im Blick auf die grundsätzliche Vertan schbar keit der Individuen- 
mit der A ttr ibutenfunktion d er Originalerstellung seitens kognitiver- 
Subjekte, die hier stets auch ojjerjmvejjubjekte sind 9 , und wegen 
der besonderen formalen Stellung der Individuen innerhalb des 
Gesamtgefüges der Erste 11 ungs mittel sollen diese Individuen auch 
X I Attribute nullter Stufe j genannt werden. Ihnen als uneigentlichen 



S Vgl. z. B. H. Paui, 1937, p. 124 — 126, sowie die sich unmittelbar 
hieran ansch ließen den Untersuchungen Pauls über „syntaktische Grund- 
verb Sinusse". 

9 Generell dadurch charakterisiert, daß sie ihre Erkenntnis funktionen 
in den Dienst eigenen außenweltverändernden Handelns stellen. 



Attributklassen 135 

Attributen] stehen die eigentlichen als Attribute erster, zweiter usw. 
Stufe gegenüber. Unter Attributen erster Stuf* tir\A Figpnsrhafrpn 
(der betrachteten Individuen) und R darinne n (zwischen denselben), 
zu verstehen; unter Attributen zweiter-Stufe entsprechend Eigen^ 
Schäften von Eigen schafteji^£igeriÄthÄften-*&n- -Relationen, Relarie-/* 
nen zwischen Eig enschaf ten^, Relationen zwischen Relationen usf. !e .' 
Die Anzahl der bei Originalersrellungen einbezogenen Attribuie- 
rungs -Stufen wird nach oben hin durch faktische Leistungsgrenzen 
der kognitiven bzw. operativen Subjekte besch tankt. 

Wie außerordentlich weit de r At tributbegrif f zu_ fassen isr, sei 
im folgenden angedeutet. Der Beschreibung mathematischer Gebilde 
dienende Attribute können z. B. Eigenschaften sein, die durch Axi- 
ome und Axiomensysteme repräsentiert sind. Bei Konstruktions- 
gebilden und technisch herzustellenden Objekten finden neben Attri- 
buten, die die betreffenden Gegenstände zustandsmäSig beschreiben, 
besonders auch Attribute Verwendung, die durch Konstruktions- 
und Herstellungsanweisungen gegeben sind 11 . Dem betrachteten 
Gegenstand kommt in diesem Falle z. B. das Attribut zu, auf diese 
oder jene Weise hergestellt werden zu können. Ferner lassen sich 
null- und höherstufige Attribute von Anschauungs- oder Denkobjek- 
ten durch erzeugende Funktionen ausdrücken. 

Es sollen nur solche Attribute zugelassen werden, für deren 
jedes wenigstens eine konventionalisierbare Methode angebbar ist, 
nach der über sein Vorliegen oder NichtVorliegen entschieden werden 
kann lE . 

2.1.2.2 Prädikate 

Übereinstimmend mit der in 23 zu entwickelnden Theorie der 
semantischen Stufen sind alle Attribute nullter, erster, zweiter usw. 
(attri butenlogischer) Stufe als primär perzeptiv-kogitative. Gebilde 
wohlzuunterscheiden von ihren sprachlichen — gesprochenen oder 
geschriebenen oder sonstwie symbolisierten — Artikulationen. Bei 
den „i nneren" perzeptiv-kogitariven Gebilden ist natürlich nicht an 
eine für sich bestehende Welt bewußtseinsmäßiger „geistiger" oder 



10 Entsprechend der stufen- bzw, typentheoreri sehen Einteilungsweise. 

11 Process descript'on im Unterschied zu State descriptian. Vgl, z.B. 
H. A. Simon, 1962, p. 479, 

12 Diesen Zusatz danke ich einer Mitteilung von Herrn C. F. von 
Weizsäcker vom 8. Februar 1967 (vgl. auch Anhang II, S. 353). 



136 Eigenschaften von Modellen und erste Begriffsfixierungen 

informationeller Entitäten gedacht , an verselbständigte „Vorstel- 
lungsinhalte" oder „Bedeutungen" oder „Sinngehalte" hinter der 
öffentlich erfahrbaren Zeichenwelt. Für die Allgemeine Modell- 
theorie existieren jene Gebilde vielmehr aJs_£Sychische Prozesse und 
Zuständlichkeiten, die aus den Zusammenhängen der durch externe 
Beobachter 1S feststellbaren Zeichenverwendungen erschließbar sind H . 

Sprachen l iefern im Bereich der materiellen Information perzi- 
pierbare Zeichen für jene psychischen Proze sse und Zuständlichkei- 
ten, bauen also eine die Endglieder der attributenbildenden „inne- 
ren" Geschehensketten abbildende Sphäre symbo l ischer Repräsen - 
tation auf. 

Die den A t tributen als sprachliche Repräsentanten z ug eordneten 
Symbolisie ru rtgen heißen Prädikate 15 . Die für die Attribute getrof- 
fene Unterscheidung nach Stufen- und Stellen zahl wird auf die Prä- 
dikate übertragen. Damit wird die Anwendung einer formalisierten 
Prädikatenlogik auf die Objekt- und Prozeßdarstellungen sowie die 
logischen Operationen der Allgemeinen Modelltheorie mögli ch. 

2.1.23 Attribut- und Prädikatklassen 

Alle im ersten Hauptmerkmal des allgemeinen Modellbegriffs ge- 
nannten Originale und damit grundsätzlich alle überhaupt wahr- 
nehmbaren und denkbaren Entitäten sollen als Attributklassen auf- 
gefaßt werden. 

Es ist 2u erinnern, daß Attribute, auch solche der nullten Stufe, 
als im Einzelfall „zugeteilte Beschaffenheiten" gelten. Jedem kogni- 
tiven Subjekt steht ein wie immer in sich geordnetes, gestaffeltes, 
strukturiertes Repertoire möglicher Attribute, also „zuteilbarer Be- 
schaffenheiten", zur Verfügung, dem die je geeignet scheinenden Ele- 
mente in je geeignet scheinender Ordnung entnommen werden. Sol- 



13 Vgl. z.B. W. Meyer-Eppler, 1959, p. 172 ff., und H. Stacho- 
wiak, 1969, p. 13 ff. 

14 Vgl. Anm. 3 auf 5. 130. Ohne daß man sich der „grammatischen 
Applikationstheorie", mit der der frühe Wittgenstein g eistig e Akte wie 
Denken , Meinen, Verstehe n zu deuten sucht, anschließen muß, ist doch 
so viel zuzugestehen, daß es Zd^ea^brauch im weitesten Sinne ist, der 
die zeichenmäßig. rej>täse_ntie.rteTi semantischen . Gehalte sowohl konsti- 
tuiert als ko^nmuriikaisLmacht. Vgl, auch "W. Stegmuller, 1965, p. 562 — 
672 insbesondere p. 625 — 645. 

15 Also Attributssymbole. Hierzu H. Scholz und G. Hasenjaeger, 
1961, p. 126—131. 



Attributklassen 137 

che Repertoires sind bei natürlichen kognitiven Subjekten veränder- 
lich, „offen". Ihr sich in langfristigen Lernprozessen vollziehender 
Aufbau ist nicht nur von der „Psychostruktur" 18 des Lernenden und 
von sozialkulturellen Bedingungen abhängig. Auch noch das künst- 
lichste wissenschaftliche Spezialrepertoire von Attributen bzw. Prädi- 
katen trägt zumindest gewisse Züge jenes entwickäungszeitlichen 
Schnittes, den die geschichtliche Gegenwatt durch den raenschheits- 
geschichdichen Gesamtprozeß legt. 

Es sei angenommen, daß es zu jed er Attributklasse wenigstens 
eine sie eletnentweisc repräsentierende Prädikatklasse gibt . Den Ope- 
rationen der (im dritten Kapitel) formalisierten Allgemeinen Modell- 
theorie Hegen wesentlich Prädikatklassen zugrunde. 

Alle hier betrachteten Attribut- bzw. Prädikatklassen werden 
als endlich vorausgesetzt. Soweit sie auf der nullten attributen- bzw. 
prädikateniogischen Stufe etwa mathematische oder physikalische 
Kontimta einschließen, gelten diese als durch endliche Attribut- bzw. 
Prädikatklassen, z. B. durch endlich viele kontinuierlich erzeugende 
Funktionen, „diskretisiert". Mögliche Erweiterungen der hier im 
Umriß entworfenen finiten Theorie auf abzählbar unendliche oder 
sogar überabzählbare Klassen von Attributen bzw. Prädikaten wer- 
den in dem vorliegenden Buch nicht diskutiert. 

2.1.2.4 Systeme 

Sehr viele Attribut- bzw. Prädikatklassen stellen Systeme dar. Vor- 
behaltlich genauerer Bestimmung soll in einer ersten Näherung unter 
einem attributiven bzw. prädikativen System eine Attribu t- bzw. 
Prädikatklasse verstanden werden, deren jedes Element sich mit *, 
j edem anderen Element derselben Klasse in (wenigstens) einer Z u- 
s amtnenbatigsrelatiort befindet, derart, daß die Gesamtheit der Klas - 
senelemente bezüglich dieser Relation ein „einheitlich geordnetes 
Ganzes" 17 bildet- Der Begriff der Zusammenhangsrelarion wird in. 
3.2-2 (S. 308 f.) formal präzisiert . Hier mögen zwei Bemerkungen ge- 
nügen: 1, Die für Systeme charakteristische Zusammenhangsrelation 
ist nicht bereits durch bloßen Klassenzusammenschluß von Attribu- 



ts Als Gesamtheit der somato-psychischen Gegebenheiten (sensorische 
Kapazitäten, Motivation, Sprache usw.) des einzelnen lernenden Menschen. 
Vgl. P. Heimann, 1962. 

17 Zur Analyse des Ganzheitsbegriffs (im Sinne des Aristotelischen 
Logikkonzepts) vgl. M. Schlick, 1938, und E. Nagel, 1955. 



138 Eigenschaften von Modellen und erste Begriffsfixierungen 

ten bzw. Prädikaten einer oder auch mehrerer Stufen gegeben. 
2. Die für Systeme charakteristische, meta(modell) theoretisch zu for- 
mulierende Zusammenhangsrelation sichert die durch Schritt-für- 
Schritt- Vermittlungen von Attributen (Prädikaten) ermöglichte Er- 
reichbarkeit jedes Attributs (Prädikats) von jedem anderen Attribut 
(Prädikat) aus ohne Überspringen einer Stufe. 

Der stufenlogisch or ientie rte Systembegriff verallg emeiner t den 
lediglich für Attribute der nullten und der ersten Stufe. — auf welche 
Weise immer — erklärten Systembegriff ie . 

Wissenschaftliche Modelle sind in der Rege! als_Sysceme zu be- 
trachten, Ihnen liegen zumeist Originale zugrunde, denen ebenfalls 
Systemcharakter zugesprochen wird. Indes ist nicht jedes wissen- 
schaftliche Original sinnvoll bereits als System interpretierbar 19 . 

2.13 Modelle und Modelloperationen 

Der allgemeine Modellbegriff war vorläufig durch seine in 2.1.1 
angegebenen drei Hauptmerkmale charakterisiert worden. In den 

/ Wissenschaften werden Modelle aus den unterschiedlichsten Gründen 
zur Originalrepräsentation herangezogen. Als Demo nstrationsmodel- 



18 Als Beispiele mjajhematiscljL ansp ruchs voller Sy s temdefinitionen fü h - 
re ich an: G.Wintgen, 1968, G. Ropohl, 1971, und O. Lange, 1969. Alle 
drei Vorgehens weisen, die mengen theo re tische. von, Wintgen, die axioma^ 
tische von Ropohl und die auf den Begriff des aktiven Elements gegrün- 
dete, auf dynamische Systeme bezogene Langes, lassen sich als spezialisie- 
rende Ergänzungen, des im Text angedeuteten und in 3.2.2 näher ausgeführ- 
ten stufen theo rauschen Ansatze s auffassen, 

19 Es kann ja beispielsweise eine Entität, deren Hauptcharakteristi- 
kum die chaotische Zuständigkeit fast aller ihrer Attribute ist und der da- 
her Systemcharakter abzusprechen sein dürfte, durchaus Gegenstand wissen- 
schaftlicher Betrachtung und damit Modellbildung sein. Die zeitgenössische 
Elementarteilchenphysik z. B. scheint ihren Modellkonstruktionen original- 
seitig ein lediglich durch gewisse Verbote (Erhalnmgssätze) eingeschränktes 
Verhaltenschaos zugrunde zu legen: „Teilchen erfahren ständig Umwand- 
lungen; der leere Raum ist die Herberge ungeordneten Geschehens; Wahr- 
scheinlich keitsgesetze verdrängen Gesetze der Sicherheit; ein isoliertes Teil- 
chen unterliegt einem dauernden Wechselspiel, dessen einzelne Schritte 
zufälÜg und nicht vorausschaubar sind; ein Unbestimmtheitsprinzip ver- 
hindert beliebig genaue Nachprüfungen sowohl als ganz exakte Messungen 
der Weh des sehr Kleinen." K, W. Ford, 1966, p. 204.) Indessen besteht 
in allen Wissenschaften die Neigung, vielleicht sogar der methodenbedingte 
Zwang, den Originalbereich durchgängig zu „systemieren", d, h. schon 



Modelle und Modelloperationen 139 

Ie werden sie zur Vexans chaulichung von (weniger anschaulichen oder 
un anschaulichen) Zusammenhängen benutzt, als Experimentalmo- 
delle dienen sie der Er mittlung oder Über prüfung von Hy pothesen, 
als theoretischeModcllc vermitteln sie in logisch bündiger Form Er- **'# 
kertnt nisse über Sachver halte, und als o perative M odelle möglicher 
Ziel außen weiten stellen sie ihren Benutzern Entscheidungs- und 
Planungshilfen zur Verfügung. 

Modelle von Originalen werden k onstrui ert, wenn die letzteren 
der Vergrößerung oder Verkleinerung bedürfen, um anschaulich ge- 
macht werden zu können, wenn die Modellierung ein zu weit ent- 
ferntes oder nicht bzw. nur unter großen__Gefahren (oder in zu 
langer Zeit oder mit zu aufwendigen Mitteln usw.) zu gänglic hes 
PiigyiäLb^j^fl, wenn ein zu unübersichtliches und verwic keltes 
Geschehen verdeutlicht, vereinfacht, konkretisiert werden soll, wenn 
es gilt, Mannigf alti gkeiten von Beschaffenheiten auf einige wesen t- 
li che Grundzusammenhänge zurückzuführen, aus diesen zu erklären 
oder vorauszusagen. 

Dabei ist bei allen Modellierungen, die zum Jnforraationsgewirm 
über das Original führen sollen, die folgende Vorgehensweise zu 
beobachten. Das Original wird in sein Modell abgebildet, wobeT 
zumeist zahlreiche Originalattribute .fortgelassen und oft ModeU- 
attri bute neu e i ngeführt werden . Ein Teil der mit bestimmten Be- 
deutungen belegten Originalattribute wird umgedeutet, erhält neue 
Bedeutungs Zuordnungen. Manche Modelle verfremden auf diese 
Weise ihre Originale inhaltlich vollständig, so daß von diesen nur : 
gewisse formale Ähnlichkeiten erhalten bleiben. Mittels zie!gerichte-_i 
ter Modelloperationen wird dann das ursprür^Üche_Modejl in ein 
veränd ertes über geführt. Ist die attributenmäßige Original-Modell- 
Zuordnung umkehrbar eindeutig, so sind den modellseltigen Opera- 
tionen bestimmte originalseitige zugeordnet, und die faktisch-opera- 
tive Überführung des ursprünglichen in das veränderte Modell zieht 
eine wohlbestimmte hypothetisch-operative Übetführung des ur- 
sprünglichen Originals in ein verändertes nach sich. Dabei können 
auch die bedeutungsmäßigen Originalverfremdungen, von denen 
oben die Rede war, wieder rückgängig gemacht werden. 



vor den Modellkonstruktionen, durch die er erforscht werden soll, aggre- 
gative Original- Atxributklassen auf die Form attributiver Systeme zu brin- 
gen. Vgl. hierzu jedoch die Erörterungen zur Problematik des Original- 
systems in 2.4.1, S. 285 ff. 



140 Eigenschaften von Modellen und erste Begriffsfixierungen 

Der Gewinn dieser Vorgehens weise Hegt auf der Hand: Modell- 
seitig gewonnene Einsichten und Fertigkeiten lassen sich — bei 
Erfülltsein gewisser Transferierungskriterien — auf das Original 
übertragen, der Modellbildner gewinnt neue Kenntnisse über das 
modellierte Original, er bekommt dieses besser als bisher in den 
Griff, kann es auf neue Weise zweckdienlich umgestalten oder als 
verbessertes Hilfsmittel für neue Aktionen verwenden 20 . 



2.1.4 Einführung modelltheoretiscber Ordnungsbegriffe 

Der bisher entwickelte Beg r iffsap parat ist H^ rlkkureive n C harakter 
der auf formal-logische Explizierbarkeit angelegten Al lgemein en 
5to,j*rv.t-4 - Modelltheorie angem essen word en. Insbesondere die Fundam ental- 
i( ^ begriffe „Attributklasse'' und „attri_bu_tivcs .System" dürften dabei 

ßk-^iifhjif neutral genug sein, um den weiteren Fortgang des Unternehmens 
*~* J " - j'***- n icht von vornherein erkenntnistheoretisch präjudizierend zu bela- 
sten, und diese Fundamentalbegriffe dürften auch hinreichend exten- 
siv sein, um alle möglichen, also alle potentiell denkwirklichen Ob- 
jekte des Bewußtseins sowie alle Objekte zwischenmenschlicher, 
zwischenmaschineller und menschlich-maschineller Kommunikation 
überhaupt einschließen zu können. 
/ Bereits auf der Stufe einer ersten Durchsicht der tatsächlich von 
Originalen verschiedenster Arten gebildeten Modelle werden nun 
Zusammenhänge erkennbar, die sich auf den Vergleich des Modells 
mit seinem Original beziehen. Interesse gewinnt vor allem das 
Mehr oder Weniger der Angle ichung des Modells an sein Origi- 
nal. Es erweist sich als zweckmäßig, zwei fundamentale Angle i - 
chungs arten zu unterscheiden, die sich ähnlich zueinander verhalten 
wie die Form eines Gefäßes zu seinen wechselnden Inhalten 51 . Es 



20 Angesichts der zahlreichen, allerdings in überwiegend verbaler 
Beschreibung verbleibenden Äußerungen von Wissenschaftlern und Wissen- 
schaftstheo retikem über die Verwendung wissenschaftlicher Modelle dür- 
fen sich die Ausführungen des vorliegenden Abschnitts auf die unter- 
breiteten wenigen Bemerkungen beschränken. Der an der weitverzweigten 
„Modell- Literatur" interessierte Leser sei auf die Bibliographie B.2.2, ins- 
bes, B.2.2.1, S. 403 ff., verwiesen. 

21 In allerdings natürlich nicht (im modernen Sinne) pragmatischer, 
sondern metaphysischer Absicht unterscheidet schon Aristoteles bezüg- 
lich der Dinge der „ Ers -che inungs weit" die „Form" {/*opy»J} vom „Stoff 



Einführung modeil theoretischer Ordnungsbegriffe 141 

sind dies die formale (form- und gefügemäßige) oder struktureile 
Angleichung einerseits sowie die inhaltliche (Inhalts- und bedeutungs- 
mäßige) oder materiale Angleichung andererseits. 

2.1 .4.1 Strukturelle Anglei chnng ; / 

Der strukturelle Angl eich ungs typ bezieht sich, wie angedeutet, auf 
dasjenige, was von der original- bzw. modellseirigen Artributklasse 
„übrigbleibt", wenn vom Wassein (von der „Quidditas" oder „Quid- 
dität H in neulateinisch-scholastischer Terminologie) der Original- 
bzw. Modellattribute abgesehen wird. Dabei wird natürlich die- 
ses Wassein nicht als „Wesenhaftigkeit" aufgefaßt, sondern lediglich 
als Verknüpfung des Artribut(zeichen)s mit einer semiotisch ver- 
standenen Bedeutung, allgemeiner mit einem Referendum, auf das 
es verweist; oder auch nur mit einem Kode. Übri g bleiben nach 
solcher Abstraktion also Zahlen und Z ahl enverhältnisse, Zeiche n- 
kontexte, Strukturen, eben formale Gegebenheiten , Da es indes 
keine Grenze schlechthin zwischen formalen und materialen Attri- 
buten gibt, bedarf es immer auch stillschweigender oder explizit aus- 
gedrückter Konventionen, die diese Grenze je eindeutig nach Zweck- 
mäßigkeitsgesichtspunkten zu ziehen gestatten. 

Unter den formalen Or i gin al - M ode II- Vergl eich s m od i ist der 
lediglich numerische zweifellos der einfachs te. Er läßt von vornherein 
erwarten, daß es für endliche Attributklassen möglich wird, Grad e 
der Angleichung zu berechnen oder wenigstens zu schätzen. 

Innerhalb des numerischen Vergleichsmodus läßt sich zwanglos 
mit derjenigen V e rgleichsart beg i nnen, die die je be sondere Struktur 
der Origin a l - M odell- Ab bil düng . un ber ü cksj £htjgt_läßt. Von hier aus- 
gehend, lassen sich weitere Arten der formalen Angleichung des 
Modells an sein Original festhalten und je nach Bedarf differen- 
zieren, die nun auch der. Stru kturierthe i t der At tributena bbildung 



{uhq) (Aristoteles, Metaphysik; vgl. auch "W, Windeiband, 1916, 
p. 136 — 142). Das verbindende Moment der modelltheoretischen Unter- 
scheidung des strukturellen vom materialen, d. h. im weitesten Sinne in- 
haltlich-semantischen Aspekts zur Aristotetisd)en Dichotomie von Form 
und Stoff dürfte hauptsächlich in dem, mit E. Topjtsch zu sprechen, 
„tecbnomorpben" Denkstil liegen, der sich indes schon in den platonischen 
„Urbildern" (itagadeiypiaTa} und ihren „Abbildern' 1 {döujXa) phüosophiseh 
auszuprägen beginnt (vgl. E. Topitsch, 1958, insbes. p. 136 — 142 sowie 
p. 122; H. Leisegang, 1951, p. 450). 



142 



Eigenschaften von Modellen und erste Begriffsfixierungen 




Rechnung tragen, und zwar mit im ganzen zunehmend stärker ein - 
schränkenden Bed ingungen. 

So gibt es Original -Modell -Abbildungen, bei denen, unter Be- 
schränkung auf Attribute (Prädikate) der nullten und der ersten 
Stufe, Individuen immer wieder in Individuen und eigentliche Attri- 
bute (Eigenschaften, Relationen) immer wieder in eigentliche Attri- 
bute übergeführt werden. Dabei kann der Unterfall von Interesse 
sein, daß Original-Individuen und Modell-Individuen einer und der- 
selben Elementmenge entnommen sind BUK weitere Eioscrtfärifcitög 
liegt vor, wenn auch noch die Stellenzahlen (der ersten Stufe) erhal- 
ten bleiben., d. h. Eigenschaften des Originals in Eigenschaften des 
Modells und Relationen zwischen zwei, drei usw. Original -Elemen- 
ten in Relationen zwischen je gleichvielen Modell-Elementen über- 
geführt werden. Alle diese und noch weitere Abbildungsmodi wer- 
den im dritten Kapitel (vgl. 3.4.1) näher ausgeführt. 



Von besonderem wissenschaftstheoretischem Interesse ist der von 
der Mathematik her bekannte ( Ab bil d u ngs - ) Isomorph iefall. Auch 
hier bleibt die formale Abbildung auf Attribute bzw. Prädikate der 
nullten und der ersten Stufe beschränkt. Origina l-Individuen werden 
in Modell-Individ uen und eigentliche original -Attribute in eigent- 
liche M odell-Attri bute übergeführt. Weiterhin bleiben die Stefl eii"- 
zahlen der Attribute erhalten, z. B. wird einem dreistelligen Original- 
A ttribut, also einer Relation zwischen drei Original -Individuen, stets 
ein dreistelliges Model l-Actritnit zugeordnet Darübcr~Titnaus gut: 

1. daß eine zwischen bestimmten Original-Individuen bestehende 
Relation stets übergeführt wird in eine Relation zwischen genau 
denjenigen Modell-Individuen, die vermöge derselben Abbildungs- 
vorschrift den vorgenannten Original-Individuen zugeordnet sind, 

2. daß diese Bedingung erfüllt bleibt, wenn Original und Modell und 
damit Abbild ungsi>orbereich und Abbildungs««cfebereich miteinan- 
der vertauscht werden. 

Erwünscht ist dabei die Feststellung der Isomorphic nicht nur 
zwischen Original und Modell, sondern auch zwischen zwei oder 
mehreren Modellen eines Originals. Man wird danach streben, 
isomorphe Modelle und möglichst auch isomorphe Originale zu 
Äquivalenzklassen zusammenzufassen a2 . Für Modelle ist dies ein 



22 Die Elemente einer solchen Klasse erfüllen die Eigenschaften der 
Reflexivität, der Symmetrie und der Transit] vität, die zusammen die Äqui- 
valenzrelation bilden. 



Einführung modelltheoretischer Ordtmngsbegriffe 143 

Hinw eis darauf, daß sie sich stets auch als Originale neuer Modelle 
auffassen lassen und daß ein Mode l l als Modell seiner selbst auf- 
gefaßt werde n darf. So irreal dem Nichtmathematiker diese letztere 
Bestimmung scheinen mag, sie stellt einen Kunstgriff dar, der in 
„logischer Stilisierung" des empirisch erschlossenen Modellbegriffs, 
ohne dabei die Praxis der Modellkonstruktionen im geringsten zu 
behindern, Möglichkeiten eröffnet, relationen theoretische Konse- 
quenzen auf Untersuchungen von Model lisomorphien anzuwenden 
und fruchtbar zu machen. 

Modelltheoretisch erscheint die Isomorphte zwischen Original 
und Modell als einer von zwei Grenz fällen der strukturellen An- 
gleich ung: als maximale strukturelle Anf>lei cbung des Modells an 
sein Original. Ihm steht als zweiter Grenzf all derjenige minimaler 
struk tureller Original- Ang leicbung gegenüber. Dieser zweite Grenz- 
fall liegt vor, wenn keinem der originalseitigen Attribute der nullten 
und ersten Stufe ein modellseitiges Attribut nulltet oder erster Stufe 
zugeordnet ist. Allerdings ist nicht leicht einzusehen, inwiefern dann 
noch von einer Original-Modell-Beziehung gesprochen werden kann; 
in der Tat handelt es sich hier um einen ziemlich „akademischen" 
Grenzbegriff. Ihm kommt als praktikabler Begriff am nächsten der 
Begriff eines Modells, das die Gesamtklasse der von der Abbildung 
erfaßten (formal-strukturellen) Attribute des Originals auf genau ein 
modellseitiges Individuum (zuzüglich vielleicht genau einer zugehö- 
rigen Eigenschaft) verkürzt. Modelle dieser letzten Art mögen Atom- 
modelle heißen. Nennt man eine Attribut- bzw. Prädikatklasse (ins- 
besondere ein Original, ein Modell, ein System) monadisch, wenn 
sich unter ihren Elementen genau ein Individuum befindet, so ist 
jedes Atommodell ein monadisches Modell, 

Die Graduierungen der strukturellen Angleichung des Modells 
an sein Original innerhalb eines zwischen zwei Grenzen ausgespann- 
ten Intervalls lassen sich auf alle Unterarten des numerisch-formalen, 
im weiteren Sinne des strukturellen Angleichungsmodus übertragen. 
Bereits mit der — später (in 3.4.1, S. 327 ff.) zu zeigenden — Quanri- 
fizierbarkeit der „Grade der strukturellen Modell-Ociginal- Anglei- 
ch ung bezüglich je aufgaben bestimmter Original- und Modell attri- 
butierungen wird die Allgemeine Modelltheorie zu einer wesentlich 
quantitativen Theorie. 

Modelle, bei denen es sich überwiegend um strukturelle Original- 
repräsentationen handelt, betonen (auf der ersten prädikatenlogi- 



144 Eigenschaften von Modellen und erste Begriffsfixierurigea 

sehen Stufe) oft die zwei- und mehrstelligen Relationen des model- 
lierten Originals gegenüber seinen Individuen und deren Eigen- 
schaften 2i . 

2,1.4.2 Materiale Angleichnng 

Die pragmatische Relativität der Grenzziehung zwischen formalen 
und materialen Attributen (bzw. Prädikaten) war bereits hervor- 
gehoben worden. Die diesbezüglich teils für die verschiedensten Wis- 
sen Schaftsgegenstände stillschweigend bestehenden, teils explizit ge- 
troffenen Konventionen sind vor allem von der methodologischen 
Formation des jeweiligen Fachgebietes abhängig. Der strukturtheo- 
retisdi orientierte Mathematiker etwa wird die Grenze zwischen 
„formalen" und „inhaltlichen" Attributen identifizieren mit der 
Grenze zwischen den Axiomensy steinen, die er aus Äquivalenz- 
klassen „konkreter" Relationengebilde als deren gemeinsame Struk- 
tur abstrahiert, einerseits und den Relationengebilden selbst, die die 



23 Solches Modellieren verdichtet sich bekanntlich im Strukturalis- 
mus, etwa bei C. Levi-Str.mjss, 1967, zur inrentional bedingten Konstruk- 
tion abstrakter Beziehungssy steine, durch die Felder sozialer Tatsachen nach 
Ganzheitsgesichtspunkten in ihrem strukturellen Kontext und oft dabei 
auch in ihrem funktionellen Zusammenhang durchleuchtet uad mit ande- 
ren verglichen werden sollen. Man beachte, daß der Operation ale uad prag- 
matische Modellbezug (vgl. das pragmatische Merkmal, 2.1.1.3, S. 132 f.) 
wesentliches Moment ist. So liest man z. B. bei R. Barthes, 1966, 

p. 191: „Der Strukturalismus ist die geregelte Aufeinanderfolge einer 

bestimmten Anzahl geistiger Operationen ... Das Ziel jeder strukturalisti- 
schen Tätigkeit . . . besteht darin, ein .Objekt' derart zu rekonstruieren, 
daß in dieser Rekonstruktion zutage tritt, nach welchen Regeln es funk- 
tioniert ... Die Struktur ist in 'Wahrheit also nur ein simulacrum des 
Objekts, aber ein gezieltes, ,rateressiertes' Simulacrum, da das imitierte 
Objekt etwas zum Vorschein bringt, das im natürlichen Objekt unsichtbar 
oder, wenn man lieber will, unverständlich blieb," 

Es sei gestattet, in diesem Zusammenhang über das pragmatische Kon- 
zept hinaus an die freihetelich-humän istische Komponente des Modelüs- 
mus (U.3.7 und 1J.3.S, S. 60ff.) f das Moment der Selbstbestimmung des 
Menschen auch in seinen Erkenntnisprozessen zu erinnern; Jenes Simula- 
crum, sagt Barthes, 1966, p. 192, sei „der dem Objekt hinzugefügte In- 
tellekt, und dieser Zusatz hat insofern einen anthropologischen Wert, als 
er der Mensch selbst Ist, seine Geschichte, seine Situation, seine Freiheit 
und der Widerstand, den die Natur seinem Geist entgegensetzt." Und et- 
was später: „Schöpfung oder Reflexion sind hier m'dit originalgetreuer 
Abdruck* der Welt, sondern wirkliche Erzeugung einer Welt, die der ersten 
ähnelt, sie aber nicht kopieren, sondern verständlich machen will." 



Einführung modelltheoretischer O rd nun gs begriffe 145 

Axiomensysteme „erfüllen" oder „realisieren", andererseits 24 . Unbe- 
schadet dieser mathematikimmanenten Weise der Grenzziehung las- 
sen sich andererseits alle „Entitaten" der reinen Marhematik als 
formal -strukturelle Gebilde auffassen und als solche den Gegen- 
ständen der Erfahrung gegenüberstellen. Für die meisten Physiker 
z. B. stellen mathematische Attribute ausnahmslos formale Gebilde 
dar, die sie wohlunterscheiden von den auf Perzeptionsgegebenheiten 
riickführbaren „empirischen", „realgegenständlichen" (bzw. „real- 
begriff liehen" M ) und damit „materialen" Gebilden des unbelebten 
Teils der öffentlich erfahrbaren Wirklichkeit. Aber auch innerhalb 
der Gesamtheiten von erarbeiteten er fahrungs wissen schaftlichen At- 
tributen lassen sich unterschiedliche Grenzziehungen feststellen zwi- 
schen dem, was als strukturell -formal, und dem, was als inhaltlich- 
material gilt. Im ganzen darf vielleicht gesagt werden, daß sich der 
faktische Forschungsbetrieb in den meisten Wissenschaften insgesamt 
mit zunehmend verallgemeinernder, abstrahierender Betrachtung in 
Richtung auf fortschreitende „Entmaterialisierung", „Entinhalt- 
Hebung", also ins Formal -Strukturelle hinein verschiebt 36 . Die for- 



24 Jene Grenze trennt die „linguistischen Entitäten" 3 die Axiomen- 
systeme als Systeme von Eigenschaften konkreter Gebilde, von den a men- 
gentheoretischen Enlitäten", den eigenschaftserfüHenden Gebilden selbst. 
Aber auch Axiomen Systeme lassen sich im Sinne von 2,1.2,3 als Attribut- 
klassen auffassen, und in diesem Falle dürfen auch sie als mengen- bzw. 
klassentheorerische „Entitäten" gelten (vgl. 2.3.4.2, S, 249 f.). Ein vom 
Gegenstand erzwungener Grenz verlauf zwischen mathematisch-formalen 
und mathematisch -raaterialen Attributen ist natürlich nicht nachweisbar. 

25 Im Sinne der Konstitutionstheorie Carnaps. Vgl. R. Carnap, 1961, 
insbesondere p. 22 ff, und p. 237 ff. 

26 Besonders in der Physik ist mit fortschreitender „Strukturalisie- 
rung" die „Entsubstantialisierung" gegenwärtig weit vorangeschrirten. 
Noch dem Physiker des 19. Jahrhunderts war es selbstverständlich, Struk- 
turen stets als Strukturen von etwas aufzufassen, eine These, die heute 
kaum noch Verfechter findet (siehe hierzu 2.4.1 sowie H. Stachotiak, 
1957, insbesondere p. 424 ff.; vgl. auch E. Schrödinger, 1951, p, 31; 
„Die Substanz hat ihre Rolle ausgespielt. Wir haben nur mit Gestalten zu 
tun ,,."). Hiermit hängt die in der Physik fortschreitende Verwischung 
der Grenzen zwischen „Dingen" und »Vorgängen" sowie auch die mit 
Erfolg versuchte Präferenz-Umkehrung beider Begriffe aufs engste zu- 
sammen. Ähnlich dem Substanzbegriff verflüchtige sich auch der allgemeine 
Dingbegriff mehr und mehr, Im sogenannten „Streumatrix-Modell" wer- 
den nicht mehr die Teilchen und Felder, sondern die (den Erhaltungs- 

10 Stichowiak, Modelitheoiie 



146 Eigenschaften von Modellen und erste Begriffs fixierungen 

mal -strukturelle und dabei quantitative Betrachtungs- und Darstel- 
lungsweise hat insbesondere auch in den Sozialwissenschaften zu- 
nehmend Raum gewonnen. Auch hier sind starke Bemühungen im 
Gange, inhaltliche Beschaffenheiten auf formal -relationale Zusam- 
menhänge, Materiales auf Strukturelles und Qualitatives auf Quan- 
titatives zurückzuführen. [Diese Transformationen verlieren allmäh- 
lich mehr und mehr ihre entwicklungsmäßige Beliebigkeit und ihre 
Methoden- wie Zielblindheit. Auch der Weg einer Wissenschaft zur 
exakten Disziplin kann im Forschungsbetrieb der Gegenwart sinn- 
voll nur in metatheoretischen Diskussionen erarbeitet werden, in 
denen Erkenntnis und Ethik, reine und angewandte Forschung, letz- 
tere einbezügtich ihrer gesellschaftlich relevanten technologischen 
Implikationen, aufeinander bezogen werden. Fortschreitende Prä- 
zisierung — FormaUsierung, Strukturalisierung und Quantifizierung 
— einer Wissenschaft fordert gleichzeitig zunehmende Einbeziehung 
inhaltlich wertender Momente in die neopragmatische (vgl. 1.2.4.2} 
Diskussion.] 

Nun versetzt allerdings erst die Semiotik, sicherlich eines der 
Hauptergebnisse der sprachkritischen Wendung des zeitgenössischen 
Philosophierens, in die Lage, allgemein und pünktlich sagen zu kön- 
nen, wann einem Attribut bzw. seiner symbolischen Repräsentation, 
dem zugehörigen Prädikat, die Eigenschaft der „Materialität" zu- 
kommt und wann nicht. Sind nämlich die strukturellen Attribute 
sämtlich durch Prädikate repräsentierbar, für deren semiotisch exakte 
Definition eine formalisierte Objektsprache (zuzüglich höchstens 
einer syntaktischen Metasprache} genügt, so bedarf die „materiale 
Belegung" oder „Interpretation" jener strukturellen, objektsprach- 
lichen Attribute einer semantischen Metasprache, mit deren Hilfe 
den strukturellen Attributen „Bedeutungen", d. h. den sie repräsen- 
tierenden Prädikaten Bede u tun gszeichen zugeordnet werden. Anstatt 
von „Bedeutungszeichen" soll hier und im folgenden auch von 
„Kodierungszeichen" oder, kürzer, von „Kodezeichen" gesprochen 
werden. Dies trägt dem Umstand Rechnung, daß jene Zuordnung 



sätzen der Elementarteilchenphysik genügenden) Wechselwirkungen als 
primär und fundamental für das physikalische Geschehen betrachtet, so 
daß die dinglichen Gebilde als Sekundärptodukte aus den relationalen 
Gegebenheiten folgen (im philosophischen Schlagwort: „Das Sein existiert, 
weil es ein Geschehen gibt."; vgl. K.W. Ford, 1966, p. 208). Von hier 
aus ergeben sich wichtige strukturelle Verallgemeinerungen bereits erarbei- 
teter physikalischer Erkenntnisse. 



Einführung modeil theoretischer Ordnungs begriffe 147 

als Kodierung, also als Abbildung (elementweise eindeutige Zu- 
ordnung) eines Zeiehenrepertoires in ein anderes Zeichenrepertoire 
aufgefaßt wird. Der Abbildungsi'orbereich, das, was abgebildet wird, 
besteht in diesem Falle aus Zeichen für formale (strukturelle) Attri- 
bute, der Abbildungs«#c/jberetch, das, wohinein abgebildet wird, aus 
Zeichen für sogenannte materiale Attribute. 

Formal-semiotisch unterscheiden sich beide Zeichenarten von- 
einander lediglich dadurch, daß die Zeichen für formale Attribute 
der Objektsprache, die Zeichen für materiale Attribute dagegen der 
bezüglich dieser Objektsprache verwendeten semantischen Metj- 
sprache angehören, wobei die syntaktische Metasprache sowie eine 
Übersetzung der Objektsprache zur semantischen Metasprache zu 
zählen sind. Der formal-semiotische Aspekt der Allgemeinen Modelt- 
theorie, wie er präzisierend im dritten Kapitel entwickelt wird, be- 
rücksichtigt bezüglich der materialen Angleichung nur diese lin- 
guistisch-logische Unterscheidung. In logisch -formalisierter Gestalt 
gelangt die Allgemeine Modelltheorie bezüglich des von ihr ver- 
wendeten Begriffs der prädikativen Aussage als des im Sinne 
G. F REG Es gesättigten Prädikats über die logische Semantik als 
Semantik im engeren Sinne nicht hinaus. Der Leser vergleiche hierzu 
den Überblick von Schaubild 3 in Verbindung mit der FREGEschen 
Exemplifikation gemäß Tafel 1. 

Man bemetkt übrigens, daß die in der semantischen Metasprache 
eingeführten materialen Attribute grundsätzlich immer auch als eine 
Klasse einstelliger Attribute (Eigenschaften) in die Objektsptache 
hineingenommen werden können. Wenn man sie in vielen Fällen als 
„interpretierenden Kode", als etwas, das nicht lediglich zum struk- 
turellen Aspekt der betrachteten Attribut- bzw. Prädikatklasse ge- 
rechnet werden soll, aussondert, a/so in einen besonderen semanti- 
schen Kontext stellt, so geschieht dies allein aus beschreibungsökono- 
mischen Gründen und stets in Abhängigkeit von den besonderen 
Zielen und Aufgaben der Konstruktion der Attribut- bzw. Prädikat- 
klassen und speziell der Systeme, 

Die modeil theoretisch durchaus legitime Frage nach den „mate- 
rialen Attributen selbst", d. h. nach den Referanda der in der seman- 
tischen Metasprache eingeführten Kodezeichen für bestimmte objekt- 
sprachliche Prädikate, wird in der Allgemeinen Modelltheorie nicht 
ausgeklammert. Aber sie weist über den logisch-formalen Aspekt 
hinaus. Vom subjektivistischen und pragmatischen Standpunkt aus, 

10* 



148 



Eigenschaften von Modellen, und erste Begriffsfixierungen 



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Einführung modelltheorctischer Ordnungsbegriffe 149 

Tafel 1. Beispiel zu Schaubild 3 nach G. Frege (1892, p. 15—50). Nume- 
rierung sowie Unterteilung in a), b) und c) in Übereinstimmung mit 
Schaubild 3 

1. Visuell wahrnehmbare, flächen ha £t gespeicherte (mithin durch zwei Orts- 
koordinaten beschreibbare) Buchstabenkonfigurationen schwarzen Färb* 
materials auf weißem Papier. 

2. a) Die Buchs tabenfo ige „Der Morgenstern" (deutschsprachiger Eigen- 
name, auch Subjekt). 

b) Die Buchstabenfolge „wird von der Sonne befeuchtet" (ein ungesät- 
tigtes, d. h. eine (hier nicht angeführte) leere Stelle enthaltendes Prädi- 
kat ais Attributleichen. 

c) Die Buchstabenfolge „Der Morgenstern wird von der Sonne beleuch- 
tet" (eine prädikative Aussage; diese entsteht, indem das ungesättigte 
Prädikat durch ein Atgument (hier durch den HjgenflarflÄO) ergänz: und 
damit gesättigt wird. 

3. a) Die Venus, der Morgenstern, der Abendstern [also der Gegenstand, 
das semantische Referendum des „Repräsentationszeichens" gemäß 2a)]. 
b) Die Eigenschaft des Von-der-Sonne-beleuchtet-werdens [also ein un- 
gesättigtes Attribut, deutbar als Begriff, d. h, als (nach Frege) mathe- 
matische Funktion, deren "Wert für jedes zulässige Argument der Wahr- 
heitswert des "Wahren oder des Falschen ist]. 

e) Das Wahlsein der prädikativen Aussage „Der Morgenstern wird von 
der Sonne beleuchtet", der Umstand also, daß diese prädikative Aus- 
sage wahr ist, daß ihr der Wahrheitswert des Wahren zukommt 27 . 



ScbaubiJd 3, Die Kategonen der Bedeutung und des Sinnes nach G, Frege 
(1891, 1892a, 1892b). Zur Ergänzung und Verdeutlichung vgl. Tafe] 1, 
S, 149 ff. Mit „Prädikaten" und „Attributen" sind in dem Schaubild S. 148 
eigentliche Prädikate bzw. eigentliche Attribute, also nicht auch Individuen- 
zeichen bzw. Individuen gemeint. Der Sinn- bzw. Vorstellungsbereich der 
„Pragmatik'* kann, je nach der Betrachtungsweise, zur deskriptiven Prag- 
matik (im Sinne von G. H. Mead, 1954; C.W. Morris, 1946), zur Meta- 
li nguisrik (B. L. Whorf, 1940a, 1940b, 1941, 1942, 1945) oder zur Deok- 
psychologie (viele Autoren; auf Quellenangaben sei verzichtet) gezählt 
werden. Die Allgemeine Modelltheorie umfaßt in ihrem zeichentheoreti- 
schen Aspekt alle Stufen des Schemas von Schaubild 3. Sie ist insbesondere 
gegenüber den vorgenannten drei Forschungsbereichen methodologisch 
offen. In ihrem formalen Teil (Kapitel 3) bleibt sie allerdings auf reine 
oder fortnak Syntaktik, Semantik und Pragmatik beschränkt. Die dort 
verwendete formale Pragmatik verhält sich zu den über die Semantik im 
engeren Sinne hinausgehenden Erkenntnisstufen der Nouerik und Psycho- 
Pragmarik wie ein basales logisches Formgerüst der sinn- und vorstellungs- 
mäßigen Prozesse zur Erforschung der mannigfachen, wediselnden Inhalte 
dieser Prozesse selbst 



150 Eigenschaften von Modellen und erste Begriffsfixierungen 

4. a) Der durch den Eigennamen „Morgenstern" ausgedrückte., noch über 
den bloßen Gegenstand gemäß 3 a) hinausweisende Wortsirin, auffaß- 
bar auch als dasjenige, was gegenüber einer adäquaten Übersetzung 
des deutschsprachigen Eigennamens in eine andere Sprache invaiiant 
bleibt. 

b) Der durch das (ungesättigte) Prädikat „wird von der Sonne beleuch- 
tet" ausgedrückte Begriffssinn, wie unter a) auch als „ übersetz ungs- 
invarianter" Gehalt begreifbar. Dieser Begriffssinn ist der „sättigungs- 
bedürftige" Teü desjenigen Gedankens [siehe 4c)], der entsteht, indem 
jener "Wortsinn [4a)J zum Begriffssinn ergänzend hinzutritt, ihn „ge- 
danklich sättigt". 

c) Der durch die prädikative Aussage „Der Morgenstern wird von der 
Sonne beleuchtet" ausgedrückte Gedanke. In dem vorliegenden Beispiel 
ist dieser Gedanke speziell ein wissenschaftlicher — d. h. wahrer oder 
falscher — Gedanke, also ein „Urteil" im engeren Sinne. Er ist als 
solches zu unterscheiden von einem Gedanken, der durdj einen Frage-, 
Wunsch- oder Befehlssatz ausgedrückt wird. (Vgl. auch H. Scholz, 
1937/38, p.J5.) 

Man vergegenwärtige sich in diesem Zusammenhang, daß es Zeichen 
gemäß 2 a), 2 b) und 2 c) gibt, die im Unterschied zu dem hier betrachteten 
Beispiel keine Bedeutung (im FREGEschen Sinne), wohl aber einen Sinn 
besitzen. 

5. a) Die subjektive Gegenstandsvorstellung, die in einem bestimmten Men- 
schen, der das Zeichen „Der Morgenstern" wahrnimmt, zur Zeit dieser 
Wahrnehmung in Verbindung mit freien Kombinationen assoziierter 
Vorstellungsbilder (unter Einwirkung motivationaler und willensmäßiger 
Kräfte) entsteht. 

b) Die entsprechend 5 a) zu verstehende subjektive Begriffsvorstellung 
(die an die Wahrnehmung des Zeichens „wird von der Sonne beleuch- 
tet" geknüpft ist). 

c) Die im Sinne von 5 a) zu verstehende innere Vergegenständlichung 
des durch die prädikative Aussage von 2 c) ausgedrückten Gedankens. 

Die in 4a), 4b) und 4c) genannten „Sinn-Enti taten" des Wortsinnes, des 
Begriffssinnes und des — beide zusammenfassenden — Gedankens sind 
also von den Vorstellungen dadurch unterschieden, daß sie innerhalb hin- 
reichend „linguistisch homogener" Gruppen von Zeichenempfängern eine 
immerhin noch stark intersubjektiv- einheitliche psychische Zuständlichkeit 
meinen, daß sie, mit Frege zu sprechen, „gemeinsames Eigentum von 
vielen sein" können, d. h. „nicht Teil oder Modus der Einzelseele" sind 
(G. Frege, 1892, p. 29). 

Wie das obige, auf Fregi zurückgehende Beispiel zeigt, können sich bei 
gleichem Zeichensinn zwei oder mehrere an dasselbe Zeichen geknüpfte 
Vorstellungen voneinander stark unterscheiden. Es können sich ferner bei 
gleicher Zeichen bedeutung zwei oder mehrere Sinngebungen desselben Zei- 
chens erheblich voneinander unterscheiden (beim wissenschaftlichen Gedan- 



Einführung modelltheoretischer Ordnungsbegriffe 151 

ken sind es genau zwei Zeichenbedeutungen}. Das Srufenschema von Schau- 
bild 3 läßt sich hiernach für einzelne Beispiele von (sinnvollen) Rep rasen - 
tationszeichen (Zeichenfolgen) durch einen anschaulichen Baum mit dem 
vorgegebenen Zeichen als Wurzelpunkt und der vorerwähnten Abbildungs- 
relation als Deutung der gerichteten Kanten {zur Terminologie vgl. Anm, 
54 und JJ, S. 166) darstellen. 

der die Unterscheidung Freges zwischen Bedeutung und Sinn' 11 ak- 
zeptiert, kann man sie einer „Nouetlk" oder Semantik im weiteren 
Sinne zuordnen, innerhalb deren die prädikative Aussage als soge- 
nannter Gedanke interpretiert wird. Dieser wird zum „wissenschaft- 
lichen Gedanken" erst unter Hinzunahme seines Wahrheits wertes 28 . 
Ist bei einer Modellkonstmktion original- wie modeUseitig die 
Grenze zwischen strukturellen und materialen Attributen festgelegt 



27 Auf Grund welcher Überlegungen Frege zu diesem seinem zu- 
nächst merkwürdig anmutenden Begriff der „Bedeutung einet prädikati- 
ven Aussage" (eines Satzes) gelangte, hat R. Carnap (1947, p. 121) zu 
deuten versucht. Hierüber W. Stegmüller, 1957, p. 135: „ . . . daß Frege 
von zwei stillschweigenden Voraussetzungen ausging; 1. Wenn zwei Aus- 
drücke A, und Aj dieselbe Bedeutung haben, dann haben auch zwei Aus- 
drücke . . . Aj . . . und . . . Af . . . , welche gleich gebaut sind, mit Aus- 
nahme davon, daß im einen A, und im anderen Aj als Teilausdruck vor- 
kommt, dieselbe Bedeutung; 2. analog haben, wenn Aj und A 2 denselben 
Sinn besitzen, auch . , , A^ . . . und . - . A t . . . unter im übrigen gleichen 
Voraussetzungen wie in 1. denselben Sinn. Jetzt tritt die Frage auf: "Was 
ist die Bedeutung eines Satzes? Das Urteil kann es nach diesen Voraus- 
setzungen nicht mehr sein; denn die beiden Sätze ,am Abendstern gibt es 
Lebewesen' und ,am Morgenstern gibt es Lebewesen' enthalten die bedeu- 
rungsgleichen Ausdrücke jAbendstern' und , Morgen Stern*, müssen also 
nach dem ersten Prinzip selbst bedeurungsgleich sein, während sie offen- 
bar zwei verschiedene Urteile ausdrücken. Die Urteile stellen daher nur 
den Sinn, nicht die Bedeutung von Sätzen dar. Da die beiden angeführten 
Sätze aber sicher denselben Wahrheitswert besitzen, kann dieser als die 
Sarzbedeutung angesehen werden. Das erste Prinzip von Frege kann daher, 
auf Sätze angewendet, auch so ausgedrückt werden: bedeutungs gleiche 
Ausdrücke können in Sätzen ausgetauscht werden, ohne den Wahrheits - 
wert des Satzes zu verändern, und das zweite Prinzip: sinngleidie Aus- 
drücke können, ohne das durch den Satz ausgedrückte Urteil zu ver- 
ändern, innerhalb eines Satzes ausgetauscht werden." 

28 Hierzu G. Frege, 1892b, p. 35 (1962, p. 48): „Es kann uns also 
niemals auf die Bedeutung eines Satzes allein ankommen; aber auch der 
bloße Gedanke gibt keine Erkenntnis, sondern erst der Gedanke zusam- 
men mit seiner Bedeutung, d. h. seinem Wahrheitswert." Vgl. auch Tafel 1, 
4. (c), S. 150. 



152 Eigenschaften von Modellen und erste Begriffsfixierungen 

und steht insbesondere fest, welche materialen Attribute dem Ori- 
ginal und welche dem Modell zukommen, so lassen sich wie für die 
strukturelle Angleichung auch für die materiale Angleichung des 
Modells an sein Original Grade dieser Angleichung einführen. Be- 
sitzen, gemäß früher getroffener Voraussetzung, Original und Mo- 
dell nur endlich viele Attribute, so beruht die einfachste Bestimmung 
eines solchen Angleichungsgrades offenbar auf dem numerischen 
Vergleich der Originals ei ti gen mit den modellseirigen materialen 
Attributen, Maßbegriffe und -funktionen hierzu werden im dritten 
Kapitel entwickelt. 

Auch bei der materialen oder kodemäßigen Angleichung inter- 
essieren besonders die Grenzfälle, Erneut gibt es deren zwei. Beide 
sind realisierbar und in der Wissenschaft oft realisiert. Der erste 
Grenzfall ist derjenige kleinstmöglicher materialer Angleichung, Er 
ist bei dem vorerwähnten Anzahlen vergleich genau dann gegeben, 
wenn jedes von der Original-Modell-Abbildung erfaßte materiale 
Original-Attribut im Modell eine inhaltliche Uwdeutung, d, h. (se- 
mantische) New-Kodierung erfährt. Es ist also zu beachten, daß der 
Betrag der materialen Angleichung des Modells an sein Original 
stets auf einen bestimmten Grad der strukturellen Angleichung be- 
zogen ist. Diese Relativierung ist unerläßlich. In ihr äußert sich 
gleichsam der modelltheoretische Primat der strukturellen und for- 
malen vor der materialen und inhaltlichen Betrachtungsweise. 

In Vorwegnahme späterer Begriffsbestimmungen soll eine Origi- 
nal-Modell-Abbildung der beschriebenen Art, bei det das Original 
einer vollständigen Neu-Kodierung, d. h. einer Umkodierung aller 
seiner materialen Beschaffenheiten, unterworfen wird, als analogisch 
und entsprechend das Modell mit Bezug auf sein Original als Ana- 
logtnodell dieses Originals bezeichnet werden. 

Besitzen zwei Modelle desselben Originals den gleichen Grad 
der materialen Angleichung an dieses Original, so müssen natürlich 
nicht notwendig alle Original-Attribute, die vermöge der Original- 
Modell-Abbildung von baden Modellen erfaßt werden, die gleiche 
materiale oder Kode- Transformation erfahren haben. Auch können 
zwei Modelle gleicher qualitativer Originalangleichung selbstver- 
ständlich unterschiedliche Grade der strukturellen Angleichung auf- 
weisen. 

Der zweite Grenzfall ist derjenige größtmöglicher materialer An- 
gleichung. Er liegt genau dann vor, wenn die materiale Beschaffen- 
heit der Original-Attribute, soweit diese von der Original-Modell- 



Einführung modelltheoretischer Ordnungs begriffe 153 

Abbildung erfaßt werden, vollständig erhalten bleibt. Eine derartige 
kodierungsinvariante Abbildung, die indes natürlich in allen mög- 
lichen Graden etwaige strukturelle Feinheiten des Originals vernach- 
lässigen, ja, ganze originalseitige Attributenkomplexe zu modell- 
seitigen Elementen zusammenfassen kann, heiße isohyl und das zu- 
gehörige Modell mit Bezug auf sein Original ein isohyles Modell. 

2.1.4.3 Kopierungen und Kopien 

Eine bezüglich eines bestimmten Originals sowohl isomorphe als 
auch isohyle Original-Modell-Abbildung werde äquat und das Mo- 
dell in diesem Fall mit Bezug auf sein Original ein äquales Modell 
oder auch eine Kopierung (seines Ortginais) genannt, und weiter 
werde unter einer Kopierungsklasse eine (endliche) Klasse von Ko- 
pierungen ein und desselben Originals verstanden. Deren Elemente 
lassen sich per Durchnumerierung voneinander unterscheiden. 

Eine wichtige Art von adäquaten Modellen bilden die Kopien. 
Als solche sollen räumlich -metrische Modelle bezeichnet werden, die 
im euklidisch-geometrischen und maßtechni sehen Sinne mit ihren 
ebenfalls räumlich-metrischen Originalen vollständig kongruieren, 
die also mit den strukturellen und materialen Beschaffenheiten ihrer 
Originale auch die sämtlichen euklidisch-metrischen Eigenschaften 
und Relationen unverändert wiedergeben. 

Der zeichen theoretische Bezugsrahmen der vorliegenden Unter- 
suchungen macht es erforderlich, daß alle anschaulichen M Attribute, 
die Original und Modell als räumlich -geometrisches Gebilde aus- 
weisen, aus der unmittelbaren Ob jekt- Apperzeption SB herausgehoben 
und in sprachliche, insbesondere wissenschaftssprachliche Ausdrücke 
transformiert werden. Die hinreichend präzisierten sprachlichen Re- 
präsentanten der Wahrnehmungsinhake sind zwar ebenfalls Apper- 
zeptionsobjekte; diese Ze/eten-Apperzeption spielt sich jedoch auf 
einer ganz im ß/Wbereich der Objekt-Zeichen- Abbildung verlaufen- 
den und vollständig übersehbaren Ebene ab. Zudem finden im all- 
gemeinen nur solche Zeichen Verwendung, über deren Identität bzw. 



29 Natürlich ist alle wahrnehmungsgebundene Anschauung von Lern- 
und Gewöhnungsprozessen abhängig. Auch die Grenzlinie zwischen an- 
schaulichen und nicht-anschaulichen Attributen bestimmt sich aus still- 
schweigenden oder erklärten Übereinkünften. 

30 Als aufmerksamkeiEsgerichtete, selektierende und strukturierende 
Wahrnehmung. 



154 Eigenschaften von Modellen und erste Begriifsfixierungen 

Nichtidentität — abgesehen vielleicht von der besonderen technolo- 
gischen Problematik der automatisierten Zeichenerkennung 31 — in 
weithin zweifelsfreier Evidenz befunden werden kann. 

Eine Klasse von Kopien ein und desselben Originals werde als 
Kopieklasse (dieses Originals) bezeichnet. 

Abstrahiert man bei einem zu seinem Original äquatcn Modell 
von der Eigenschaft der Isohylie (S. 153}, so soll das Modell auch 
eine Strukturkopierung seines Originals genannt werden. Handelt es 
sich spezieil um ein anschaulich-räumliches (euklidisch-metrisches) 
Original und bleiben bei der Original-Modell-Abbildung die metri- 
schen Verhältnisse des Originals erhalten, so heiße das Modell eine 
Strukturkopie seines Originals. Jede Strukturkopierung und mithin 
speziell jede Strukturkopie ist ein zu ihrem Original isomorphes 
Modell, sofern — wie es zumindest im Bereich der physiko techni- 
schen Modellbildungen (vgl. 2.2 .3 , S. 176 ff.) meist geschieht — die 
anschaulich-geometrischen Form-Attribute des Originals wie des 
Modells als formal-strukturelle Attribute aufgefaßt werden. Ferner 
leuchtet ein, daß sich jede Kopierung als Strukturkopierung, insbeson- 
dere jede Kopie als Strukturkopie auffassen läßt. 

2.1.4.4 Raummetriken der Original-Modell-Abbildung 

Die Formkopie als „kongruentes" räumlich-metrisches Modell eines 
räumlich- metrischen Originals bildet das letztere im räumlidien 
Maßstab m f = 1 : 1 = 1 ab. Liegt keine {wiederum im Sinne der 
höchstens dreidimensionalen euklidischen Geometrie) metrisch kon- 
gruierende, sondern eine verkleinernde oder vergrößernde metrische 
Abbildung vor, wie sie in der Mathematik als äquiforme oder Ahn- 
lichkeitsabbildung in allgemeiner Weise untersucht wird, so werde 
für m r <ü 1 von einem räumlichen Kontraktionsmodell und für 
m r > 1 von einem räumlichen Dilatationsmodell gesprochen. Das 
Adjektiv „räumlich" ist zur Kennzeichnung der Kontraktions- bzw. 
Dilatationsdrr erforderlich, da es Kontraktions- bzw. Dilatations- 
modelle bestimmter metrischer Originale selbstverständlich auch be- 
züglich anderer einzelner Parameter als des Parameters „geometri- 



31 Pattem recognition als durch Ähnlichkeits vergleich mit einem Pro- 
totyp geleistete Einordnung einzelner aus Wahrndimungselementen zu- 
sammengesetzter Zeichen in bestimmte Klassen, z. B. verschiedener typo- 
graphischer und/oder handschriftlicher Gestaltungen des ersten Buchstabens 
unseres Alphabets in die Klasse, deren Prototyp „a" ist. 



Einführung modell theoretischer Ordnungsbegriffe 155 

scher Abstand zweier Original- bzw. Modellpunkte voneinander" 
gibt, 2. B. bezüglich eines Zeitparameters m t S2 , eines Gravitations- 
bzw. Zentrifugalfeldparameters* 8 usw. 

Die Original-Modell-Abbildung kann als räumlich-metrische Ab- 
bildung auch nicbt-äquiioTm sein, z. B. affin oder projektiv bzw. als 
kartographische Abbildung (nach den Eigenschaften der TissoTschen 
IndikatrLx 34 ) konform (— winkeltreu), flächentreu, abstandstreu 
oder (gemäß der Nerz linienges alt) keglig, zylindrisch, azimutal, poly- 
koniscb ss . 

Auch die Photographie vermag räumliche Gebilde auf nkht- 
äquiforme Weise abzubilden. „Fischaugenkameras", deren Objektive 
den räumlichen Gesichtswinkel von 180° umfassen, bilden das auf- 
genommene Gegenstandsfeld auf ein beliebig kleines visuell zusam- 
menhängendes Gebiet einer Fläche ab. 

Die in diesem Abschnitt getroffenen Bestimmungen lassen sich 
zu einer „raummetrischen Teildisziplin" der Allgemeinen Modell- 
theorie erweitern. In ihrer quantitativ-mathem arischen Gestalt dürfte 
sich diese modelltheorerische Teildisziplin mit Vorteil insbesondere 
der Topologie und Geometrie als mathematischer Hilfswissenschaf- 
ten bedienen. So kann z. B. die Frage nach dem systematischen Ort 
interessieren, den die euklidisch-metrische Abbildung eines anschau- 
lich-räumlichen Originals auf seine „Strukturkopie" innerhalb des 
KxEiNschen Transformarionsgruppensystems 38 einnimmt. 

2.1.4.5 Prätention, Abundanz und Kontrastierung 

Der modell theoretische Begriffs appa rat soll auf der vorexplikativen 
Stufe durch drei weitere fundamentale Begriffe vervollständigt wer- 
den. Zunächst werde für die von der Original-Modell-Abbildung 
nicht erfaßten, weil in dem je vorliegenden Fall operativ irrelevanten 
strukturellen oder/und materialen Attribute die Bezeichnung präte- 
Herte (= übergangene, ausgelassene) Attribute eingeführt. Unter der 
Präteritionsklasse eines Originals bezüglich eines Modells desselben 
ist dann die Klasse der im Hinblick auf ebendiese Original-Modell- 



32 Beispiele hierzu in 2.2.3.2, S. 181 ff. 

33 Vgl P. FüSGEN, 1959. 

34 Vgl. A. Tissot und E. Hammer, 1887. 

35 Vgl. K. Wagner, 1949; F. Fiala, 1957. 

36 Nach F. Klein, 1872, das Klassifikationssystem der Automorphis- 
mengruppen zu (im Großen) linearen Geometrien. 



156 Eigenschaften von Modellen und erste Begriffs fixierungen 

Zuordnung präterierten Original-Attribute zu verstehen. Oft ist es 
sinnvoll, die Präteritionsklasse in die komplementären Unterklassen 
der präterierten nur-strukturellen und der präterierten materiellen 
Attribute zu zerlegen. 

Die nachträgliche empirische Analyse faktischer Model lbildungen 
ergibt des weiteren, daß der Nach- oder Bildbereich der Original- 
Modell- Abbildung, also das Modell als solches, oft strukturelle 
oder/und materiale Attribute aufweist, denen keine original s eiligen 
Attribute, d. h. keine Elemente des Vorbereichs der Abbildung, ent- 
sprechen. Solche modellseitigen Attribute sollen mit Bezug auf das 
jeweilige Original abundant ( = überfließend, überschüssig) heißen. 
Ihre Gesamtheit werde die Abundanzklasse des Modells bezüglich 
seines Originals genannt. Auch hier mag die nur-strukturelle von 
der materialen Komplementärklasse unterschieden werden. 

Abundante Modellattribate sind zunächst als bezüglich der 
Original-Repräsentation „pragmatisch kontingente" Merkmale inter- 
pretierbar. Solche Merkmale erfüllen keinerlei unmittelbar original- 
abbildende Funktionen. Sie stellen entweder lediglich „technische 
Vehikel" der Modellkonstraktion dar, derart, daß ihre Auswahl, 
sofern überhaupt Wahlmöglichkeit besteht, zumeist nach Gesichts- 
punkten wirtschaftlicherj herstellungstechnischer, aber auch darstel- 
lungs- und erklärungsmethodischer Ökonomie erfolgt. Oder aber 
die abundanten Attribute erfüllen eine „überbrückungshypotheti- 
sche" Funktion, indem sie Abbildungslücken schließen, d. h. dem 
Original als der zunächst zugrunde gelegren Abbildungs- n Quelle" 
gleichsam fingierte bzw. frei erfundene oder auch vage vermutete 
Attribute beilegen, deren abbildungstheoretische Bilder sie sind. Hier- 
mit verbindet sich der Zweck, womöglich künftigen — modellistisch 
zu verstehenden — Einblick in derzeit noch nicht „erkannte" Ori- 
ginalbeschaffenheiten zu gewinnen und so die Information über das 
Original zu vermehren. Nach dem Gesagten lassen sich mithin, aller- 
dings ohne scharfe Grenzziehung, die rein technisch -ökonomischen 
von den zuletzt erwähnten Überbrückungsabundanzen unterscheiden. 

Schaubild 4 veranschaulicht die Begriffe der Präteritions- und 
Abundanzklasse im Zusammenhang der Original-Modell-Abbildung. 

Im dritten Kapitel (3.4.1, S. 327) wird gezeigt, daß und wie die 
Begriffe der Prätention und der Abundanz quantitativ explizierbar 
sind. Solche Explizierbarkeit kann leider in der wünschenswerten 
Allgemeinheit nicht auch von einem weiteren modelltheoretischen 
Fund amental begriff behauptet werden: dem der sogenannten Kon- 



Einführung modelltheoretischer Ordnungs begriffe 



157 



trastiertmg. Dieser Ausdruck soll in Anlehnung an die Befunde 
der Analyse vieler faktischer Modellbildungen die Eigentümlichkeit 
zahlreicher Modelle bezeichnen, Attribute oder Attributklassen des 



firättr/erfe Jf/s/iäfe 

\ 



Jtv/7(fMfe Aftr/k/fe 



varöertf£6 




Jttriiutsn- 







0rig//i3J Medeff 

Schaubild 4. Die Original-Modell- Abbildung. Einzelheiten im Text 



modellierten Originals besonders herauszuheben und gegen die übri- 
gen Originalattribute abzusetzen, also Kontraste zu bilden, die be- 
stimmte Züge und Beschaffenheiten des Originals in bestimmter 
Weise betonen, meist überverdeutlichen sollen 37 . 

In Tafel 2 sind zur Übersicht die wichtigsten der irn vorliegen- 
den Abschnitt umgangssprachlich eingeführten m od eil theoretischen 
Begriffe zusammengestellt. 



Tafel 2. Die modelltbeoretischen Hauptbegriffe 

(nach Abschnitt 2.1 ohne „Kontrastierung"), durchnumeriert von I bis 18 
mit jeweiliger Angabe der Seiten, auf denen der einzelne Begriff 1. um- 
gangssprachlich eingeführt und 2. formal expliziert wird. Bei mehreren 
Seitenangaben zu einem Begriff sind die Seitenzahlen in dieser Reihenfolge 
angeordnet 



(1) Modell 



(a) Abbildungstnerkmal 

(b) Verkürzungsmerkmal 

(c) Pragmatisches Merkmal 



(S. 131, 323) 
(S. 132, 323) 
(S. 132, 323) 



37 Beispiel eines Kontrastieningsmodells in 2.2.1.1, s. insbes. Photo- 
graphie 1, S. 174. 



158 Eigenschaften von Modellen und erste Begriff sfixieruagen 

(Ada quattonen :) 

(2) Strukturelle Angleichung (Strukturadäquation) 
(S. 141,327) 

(3) Atommodell 
(S. 143, 331) 

(4) Isomorphes Modell 
(S. 142, 330) 

(5) Strukturkopierung 
(S. 154) 

(6) Prätention 
(S. 155, 327) 

(7) Abundanz 
(S. 156, 327) 

(8) Materisle Angleichung (Kodeadäqtiation) 
(S. 144, 332) 

(9) Analogmodell 
(S. 152, 333) 

(10) hohyles Modell 
<S. 153, 333) 

(Grenzfall totaler Angleichung:) 

(11) Kopierung 
(S. 153, 333) 

(Räumlich-metrische Modelle:) 

(12) Kopie 
(S. 153) 

(13) Strukturkopie 
(S. 154) 

(14) Räumliches Kontraktiansmodell 
(S. 154) 

(15) Räumliches Dilatationsmodell 
(S, 154) 

(Zeitvariable räumlich-metrische Modelle einschließlich zeitlicher Folgen 
graphischer Modelle:) 

(16) Zeitkopie 
(S. 181) 

(17) Zeitliches Kontraktionsmodell 
(S. 181) 

(18) Zeitliches Dilatationsmodell 
(S. 181) 



Graphische Modelle 



159 



Schaubild 5 zeigt darüber hinaus den extensionalen Enthalten- 
sein szusammenhang dieser Begriffe, 




fS) fU). ^( S ) (s) (TS) fH) 

I I / 



m 



I 

fr) 



fm 



(7S) 



Schaubild 5. Extensionaler Graph zu Tafel 2. Die Zahlen an den Knoten- 
stellen des gerichteten Graphen kennzeichnen entsprechend der Begriffs- 
numerierung von Tafel 2 die dort angeführten Modell begriffe, jeder 
Pfeil weist von einem Begriff auf einen seiner extensionalen Unterbegriffe, 
Die durch den Doppelpfeil verbundenen Begriffe sind einander (exten- 
sional) äquivalent, d. h umfangs gleich 



2.2 Graphische und technische Modelle 

Bisher wurden lediglich allgemeine Ergebnisse der in 2.1.1 skizzier- 
ten Begriffsanalyse vorgetragen. Beispiele von Modellklassen und 
Einzelmodellen blieben unerörtert; der grundlegende modelltheore- 
tische Begriffsapparat sollte auf vorexplikativer Stufe unmittelbar 
zur Hand gegeben werden. Es scheint nun jedoch angebracht, die 
erarbeiteten mo de 11 theo retischen Begriffe zu verdeutlichen und dabei 
die Adäquatheit des Begriffsapparats aufzuhellen. 



2.2.2 Graphische Modelle 

An die Spitze soll als einfachster Modelltyp das graphische Modell 
gestellt werden. Hierunter ist eine wesentlich zweidimensionale 33 
anschaulich-räumliche Grigmalabbildung zu verstehen. Originale 



38 „Wesentlich zweidimensional" besagt, daß gegenüber der Fllchen- 
haftigkeit der informationstragenden Gebilde deren physikalisch-technisch 
notwendige dritte Dimension vernachlässigt werden kann. 



160 Graphische und technische Modelle 

graphischer Modelle können natürlich selbst flächige Visuaüsationen 
sein. Sie können den Bereichen des Wahrnehmens, des Vorstell ens 
und der gedanklichen Operationen entstammen. So dienen graphi- 
sche Modelle oft der Sichtbarmachung bestimmter Kombinationen 
von Erinnerungsbildern oder der Veranschaulichung abstrakter, ins- 
besondere mathematischer Zusammenhange. 

Alle modell- wie originalseitigen Gegebenheiten sind auch hier 
als Attributklassen, speziell attributive Systeme aufzufassen. 

Bei Umgangs-, aber auch episprachlichen 39 Bezeichnungen graphi- 
scher Modelle wird das Wort „Modell" vergleichsweise selten ver- 
wendet, da hier treffende und konventionalisierte Ausdrücke für die 
einzelnen Arten dieses Modelltypus zur Verfügung stehen. Die in 
den Schaubildern 7und 8 (S. 168) angeführten Namen suchen dem 
verbreiteten Sprachgebrauch nach Möglichkeit Rechnung zu tragen. 

Es wird sich zeigen, daß alle dort klassifizierten Gebilde eklatant 
die Merkmale des allgemeinen Modellbegriffs erfüllen und daß auf 
sie dementsprechend der vorangehend entwickelte Begriffsapparat 
mit Vorteil anwendbar ist. 

2.2.1.1 Photographische Modelle 

Man betrachte zunächst die Photographie. Als Färb- oder auch 
Schwarzweiß-Phorographie stellt sie ein Modell des Photographier- 
ten dar. einer Landschaft als vielfach gegliederter Wahrnehmungs- 
einheit, eines menschlichen Gesichts, einer licht- oder elektronen- 
mikroskopierten Pflanzenzelle, der a- oder ^-Spuren der Wilson- 
kammer, des Sternenhimmels usw. Auch das Radarbild eines beweg- 
lichen Objekts, das Röntgenbild als visualisierendes Modell sonst 
unsichtbarer Organ- oder Materialbeschaffenheiten, das Fernsehbild 
gehören in diese Reihe (Arten und Unterarten vgl. S. 162}. 

Stets läßt sich zu dem einzelnen Modell das dinglich- energetische 
Original angeben, und desgleichen weist man zumindest qualitativ 
leicht in allen Fällen die durch das Modell geleistete Originalverkür- 
zung sowie die über die Originalerfassung hinausgehenden, also 
abundanten Modell-Attribute nach. Die Landschaft z. B. wird auf 
ihren rein visuellen Aspekt beschränkt und unter Verlust der Tiefen- 
dimension zu einem bestimmten Zeitpunkt festgehalten. Mannig- 
fache Farben, Schattierungen und Feinstrukturen, die man aus guter 



33 Episprache als durch Begriff sexplikationen aus einer Umgangs- 
sprache gewonnene wissenschaftliche Fachsprache. (Vgl. Anm. 233, S. 268.) 



Graphische Modelle 161 

Kenntnis dem Original zuzuschreiben hat, werden lediglich grob 
schematisierend wiedergegeben, durch nur bis zu einer bald erreich- 
ten Grenze sensorisch auflösbare Punkte-Komplexe. 

An sämtlichen hier angeführten Beispielen erkennt man weiter- 
hin die im pragma tischen Merkmal ausgedrückten Relativierungen. 
Die spezifische Repräsentationsfunktion der Landschafrsphotogra- 
phie etwa liegt z. B. in der Absicht, spätere Erinnerungserlebnisse 
emotionaler Bedeutsamkeit zu ermöglichen. Oder im Falle der wis- 
senschaftlichen Photographie: Das stark vergrößernde Bild der Pflan- 
zenzelle gibt dem Biotogen, der in mehr oder weniger gezielter 
Weise neue Informationen über Beschaffenheiten des abgebildeten 
Originals gewinnen möchte, die zu erforschende Zellstruktur für 
mindestens diejenige Zeitspanne seiner Untersuchungen wieder, in 
der jenes Bild noch nicht durch ein inzwischen verbessertes, ver- 
feinertes ersetzt werden konnte. Entsprechend zeigt man leicht für 
die übrigen Beispiele außer- und vorwissenschaftlicher sowie wissen- 
schaftlicher „photographischer Modelle", daß und wie sie ihre Ori- 
ginale verkürzen, nämlich selektiv nach Zwecken und Zielen be- 
stimmter Subjekte zur Original-Repräsentation in bestimmten Zeit- 
spannen. 

Das Adjektiv „photographisch" ist so weit zu fassen, daß es alle 
phototechnisch realisierbaren nicht-äquiformen Abbildungsarten, 
z. B. diejenige der Fischaugenkamera (vgl. S. 155) einschließt. Klassifi- 
kationen der wissenschaftlichen Photographie 10 lassen sich nach 
zahlreichen Gesichtspunkten gewinnen, z.B. nach dem räumlichen 
Maßstab (photographische Verkleinerung oder Vergrößerung bzw. 
photographische Kopie = Photo kopie), nach der objektseitigen 
Uchtintensität (z. B. Nachtsichtphotographie), nach der Farbe (Farb- 
photographie* 1 ) und nach der Belichtungszeit (Kurzzeitphotographie 
mit den Unterarten der Mikrosekunden-, Nanosekunden- und Pico- 
sekundenphotographie sowie Langzeitphotographie). Weitere Unter- 
scheidungsgesichtspunkte liefert die angewandte Informationstheorie 
(nach Dichtekapazität, Quantelung, Stetig- und Diskretstufigkeit 
usw. 42 ) . 



40 Vgl, K. Michel und J. Stüper, 1955; K. Michel, 1967; G. Joos 
und E. Schofper, 1958. 

41 Vgl. E. Mutter, 1967. 

42 Vgl. W. Meyer-Eppler, 1959, p.40— 53, K. Alsleben, 1962, so- 
wie das Stichwort „Visualisation" in L. Englert u. a., 1966, 

11 Srachowiak, Modeütheorie 



162 Graphische und technische Modelle 

Von der gewöhnlichen Photographie her gewinnt man leicht 
Zugang zu anderen technischen Ab bildungs verfahren, die zu visu- 
alisierenden Modellen führen. Auf der Seite der hier zunächst zu 
nennenden Mikrophotographie sind zu unterscheiden die Licht- 
mikrophotographie und die elektronische Mikrophotographie (Va- 
rianten: Durchstrahlungs-, Spiegelungs-, Reflexions-, Emissions- 
mikrophotographie; FeJdelektronen- und Feldionen- sowie Raster- 
mikrophotographie). Ferner schließen sich an das holographische 
Bild 43 , das Schwarzweiß- bzw. Farbfernsehbild (Sonderforraen: Eido- 
phorwiedergabe, computeranalysiertes Fernsehbild), das Radarbild, 
das Schwarzweiß' bzw. Farbrontgenbild (Sonderformen; Stereo- 
und Kontraströntgenbild), das neutrographische, szintigraphische 
und thermographische Bild**. 

Alle Modelle der letztgenannten Arten galten zunächst als zeit- 
invariante Einzelexemplare. Bilder einer oder auch mehrerer dieser 
Arten lassen sich jedoch auch zu zusammenhängenden Bildfolgen 
zusammenstellen. Bildfolgen als Bildmodelle von Geschehensabläu- 
fen heißen kinematographisch. Die Kinematographie hat es unter 
anderem mit zeitlichen Kontraktions- und Dilatations(bild) modeilen 
sowie mit seriellen Bildmodellen zu tun, die das abgebildete Ge- 
schehen zeitlich umkehren. Als Beispiel für den wissenschaftlichen 



43 Es beruht auf der Bildspeicherung und -reproduktion durch ko- 
härentes Licht, wobei nicht das Bild selbst, sondern die Amplituden- und 
Phasen Verteilung des Lichts in einer Ebene zwischen Objekt und Bild 
aufgenommen wird. Die Ergebnisse dieser Technik sind nach mehreren 
Richtungen interessant und sollten auch erkenntnistheoretisch nutzbar ge- 
macht werden. Neuerdings ist die Holographie auch als surrealistisches 
Medium eingeführt worden. Salvador Dali stellte 1972 in New York 
holographisch gefertigte dreidimensionale Kunstwerke aus, die bei Be- 
trachtung aus verschiedenen Blickwinkeln wechselnde plastische Visualisa- 
don en ergeben. — In neuester Zeit ist das holographische mit dem Rönt- 
genverfahren verbunden worden, Ziel dieser Forschungen war und ist, 
lichtoptisch nicht sichtbare Objekte, deren Sichtbarmachung jedoch mit 
Röntgenstrahlen gelingt, dreidimensional zu visualisieren, nämlich Rönt- 
gen-Hologramme herzustellen. Mit diesen Forschungen ist das Team von 
J. D. Redman vom Forsch ungsinstimt Aldermaston, England, befaßt. — 
Zur Holographie vgl. W, Martienssen, 1967. 

44 Die Neutrographie beruht auf der Neutronendurchleuchtung von 
Objekten, die Szintigraphie auf dem Zerfall radioaktiver Isotope, die z. B. 
einem Organ zugeführt wurden, die Thermographie auf der farbigen Sicht- 
barmachung von Temperaturunterschieden mit Hilfe von infrarotempfind- 
lichen Medien. 



Graphische Modelle 163 

Gebrauch von Bildfolgen der genannten Art sei auf die Tkermo- 
kinematographie hingewiesen, bei der mittels Bildwandlern z. B. in 
einem fortlaufend zu beobachtenden Organbereich die Meßwerte 
eines bestimmten Temperatur Intervalls automatisch in Farben eines 
kontin uierhchen Lichtspektrenintervalls umgewandelt und sensorisch 
verdeutlicht werden. Es sei dem Leser überlassen, sich für selbst er- 
stellte Einzelbeispiele p ho to graphischer Modelle der vorerwähnten 
Arten die „Originaltreue", die Prätention von Original Attributen, 
die modellseitigen Abundanzen und Kontrastierungen sowie Unter- 
schiede der strukturellen und der materialen Angleichung zu ver- 
gegenwärtigen, also im einzelnen den in 2.1 entwickelten und im 
dritten Kapitel zu präzisierenden Begriffs apparat durchzuspielen 45 . 

2.2.1.2 Verallgemeinerung: Bild modeile 

Die Photographie stellt nur eine Kategorie flächiger Visu alisat Jonen 
dar. Verweilt man zunächst bei den im engeren Sinne ikoniscken™ 
graphischen Modellen, die im Blick auf ihre Originalähnlichkeit 
insgesamt Bildmodelle genannt werden sollen, so sind hier drei 
Arten zu unterscheiden. Die erste Art umfaßt die (anschaulichen) 
Abbildungen oder Abbilder, auch kurz Bilder genannt, zu denen 
außer dem photographischen Modell noch alle weiteren stark origi- 
nalähnlichen flächigen Darstellungen gehören, vor allem hand- 
gefertigte Bildet wie Zeichnungen, Schnitte, Gemälde usw.* 7 , bei 



45 Hier ergibt sich das Desiderat einer Theorie der photographischen 
Modelle als Teildisziplin der Allgemeinen Modelltheorie mit dem Ziel der 
Vereinigung zahlreicher, in den verschiedensten Zusammenhängen betrie- 
bener Einzelforschungen unter einer übergreifenden Methodologie. 

46 Während ein Symbol einer Bedeutung mittels eines Kode zuge- 
ordnet ist, repräsentiert ein Ikon unmittelbar seine eigene Bedeutung, ohne 
daß es im allgemeinen also einer Kode -Konvention bedarf. Ein im engeren 
Sinne ikonisches Modell ist seinem anschaulichen Original daher in der 
Art ähnlich, daß dem Modellbetrachter unmittelbar deutlich ist, was das 
Modeil repräsentiert. Vgl. C. W. Morris, 1938, 1946, sowie G, Frey, 1961, 

47 Bezüglich besonderer Merkwürdigkeiten der künstlerischen Bild- 
Produktion sei auf den englischen Maler Davtd Hockney hingewiesen, 
der seine Original vorlagen unter — oft allerdings nur in seiner Phantasie 
existierenden — - Bildern (Gemälden, Zeichnungen usw.) sucht, der also 
Bilder von Bildern herstellt, und zwar einschließlich ihrer Rahmen, Unter- 
glas-Rahmungen usw. Diese ungewöhnliche Originalauswahl gibt dem 
Maler dabei die Möglichkeit deutlicher und semantisch leicht nach vollzieh- 



164 Graphische und technische Modelle 

denen es zu den mannigfaltigsten syntaktischen und semantischen 
Original Verfremdungen kommen kann, wie sie der ästhetischen Pro- 
duktion überhaupt eigentümlich sind 48 . 

Sind im Bereich der künstlerischen Photographie — des „photo- 
graphischen Realismus" und des „photographischen Subjektivismus", 
des „Malens mit der Kamera" 19 usw. — die in diesem Buch ent- 
wickelten Kategorien und Vergleichsmethoden mit Vorteil anwend- 
bar, so gilt dies noch mehr für die übrigen, Hi'cferphotographischen 
Büdmodelle. A. Colvili.es Realismusvariante mit ihren Abundanzen 
beinahe surrealistischer Original Verfremdung, ihrem übers achlichen, 
entpersönlichenden „Photographismus" sowie R. Hausners „phan- 
tastischer Realismus"; der mathematisch strenge Schwarzweiß- 
Purismus V. Bonatos mit seiner bewußten Verunsicherung ge- 
wohnter Sichtweise; die auf rhythmischen Gliederungen beruhende 
„Serigraphie" G. Fruhtrunks mit ihrer strengen Abwandlungs- 
ökonomik; die „optische Musik" W. Kandinskys; die „ästheti- 
sche Geometrie" H. Hinterreiters oder die „musikalische Abstrak- 
tion" und der partielle Geometrismus O. Rjtschels: die in all die- 
sen Stilsphären entstandenen Produkte lassen sich in den Ordnungs- 
schemata der Allgemeinen Modell theorie vergleichend analysieren, 
zueinander in Wechselbeziehung bringen. 



barer Titelgebung (Beispiel: „Büd einer sinnlosen abstrakten Zeichnung 
unter Glas gerahmt"). In diesem Zusammenhang ein Hinweis auf die noch 
junge Disziplin der Piktologie (M. M. van Dantzig), in der handgefertigte 
Bilder als stileinheitliche Quasi-Textzusammenhänge mit einer je urheber- 
spezifischen „Grammatik" betrachtet werden. Besonders für den Nachweis 
von Bildfälschungen sind, wie unlängst H. Kotschenreüther berichtet hat, 
piktologische {neben physikalisch- chemischen) Untersuch ungsmethoden an- 
gewendet worden. 

48 Für den Bereich von Geometrie und Photographie ist immer noch 
lesenswert F. Schilling, 1904. Für quantitative Bildanalysen ist wieder 
6ie Zuständigkeit det Informationstheorie und Informationsästhetik her- 
vorzuheben. Einen Oberblick gibt M. Bense, 1965. Vgl auch R, Gunzen- 
RäUser, 1962. — Ich benutze hier die Gelegenheit, auf den neu eingerich- 
teten Lehrstuhl für Geschichte der Photographie an der Princeton -Univer- 
sität hinzuweisen, dessen Inhaber, P. Bunnel, der Photographie den Cha- 
rakter eines Kunst-Mediums beimißt, das mit vergleichbarer schöpferischer 
Phantasie handhabbar ist, wie sie Malerei und Bildhauerei benötigen. 

49 Letzteres findet man zuerst im „Pictorialism" der Jahrhundert- 
wende: Mittels bestimmter Techniken wurden auf photographischem Wege 
impressionistische, poindllistische usw. Bilder erzeugt, aber auch neue Stil- 
arten inauguriert. 



Graphische Modelle 165 

Zu einer zweiten Bild modeil -Unterklasse seien die teilscbemati- 
schen Abbildungen zusammengefaßt, das sind Bildmodelle, die ihr 
Original teils „naturalistisch", teils schematisch wiedergeben, Bei- 
spiele hierfür sind Spezialkarren, tektonische Darstellungen, medi- 
zinische Abbildungen 50 , z. B. Organzeichnungen, und vieles andere 
mehr. Ein weiterer Schritt führt zu der dritten Unterklasse, der- 
jenigen der vollschematischen Abbildungen. Hierzu gehören einmal 
alle vollschema tisierten bildlichen Darstellungen von natürlichen 
oder künstlichen Objekten, etwa von Organen, technischen Gerä- 
ten, aber auch von Vorgängen, ferner z. B. chemische Strukturfor- 
meln, Aufzeichnungen choreographischer Figuren, soziographische 
In stanzen Schemata usw., womit bereits Übergangs formen zu graphi- 
schen Modellen erreicht sind, denen man nicht mehr ikonischen 
Charakter zusprechen kann. Scharfe Grenzen lassen sich natürlich 
weder zwischen den drei hier unterschiedenen Bildmodell-Unterklas- 
sen noch zwischen der Gesamtklasse der Bildmodelle und anderen 
Klassen graphischer Modelle ziehen. Man wird hier immer auf Ori- 
ginalrepräsentationen stoßen, die sich mehreren Klassen einordnen 
lassen. 

2.2.1.3 Darstellungsmodelle 

Das schematische Graphen -Modell des Labyrinth-Beispiels auf S. 169 
verweist auf graphische Modellbildungen, die durch wachsende Ent- 
fernung von „naturalistischen" Original-Abbildem gekennzeichnet 
sind. In der Tat erweist es sich als zweckmäßig, den (im engereo 
Sinne ikonischen) Bildmodellen die nicht ohne Konvention alisierte 
Zeichenerklärung verständlichen graphischen Originalrepräsentatio- 
nen gegenüberzustellen. Letztere sollen Darstellungsmodelle oder 
graphische Darstellungen genannt werden. 

In diese Modellklasse gehören zunächst die sogenannten Dia- 
gramme; sie sind graphische Darstellungen entweder von empiri- 
schen Zahlenwerten und/oder Funktionsverläufen {Diagramme im 
engeren Sinne, z. B. Visualisationen statistischer Verteilungen oder 
physikalischer Weg-Zeit-Gesetze u. dgl.) oder von topischen und/oder 
strukturellen Originalbesch äffen heiten {Schaubilder und empirische 



SO Der erste Band der Monographie von R. Herrltnger, 1967, ent- 
hält medizinische Abbildungen von der Antike bis zum 16. Jahrhundert. 
Vgl. auch A. Taubert, 1564. 



166 Graphische und technische Modelle 

Graphen 51 , etwa die Aufzeichnung einer choreographischen Figur, 
die Graphendarstellung eines St aatensy Sterns 5i ) sowie die Veran- 
schaulichungs- oder Darstellungsgraphen (Kurven als Funktionsgra- 
phen, PfeÜdiagramme u. dgl.) zur Visualisierung formal (wissen- 
schaftlich) er, also mathematischer und logischer Zusammenhänge 33 . 

Eine in neuerer Zeit gebräuchlich gewordene Art von Darstel- 
lungsmodellen bilden weiterhin die sogenannten Fluidogramme. 
Fluidogramme machen zeitliche Abläufe, z. B, sich nacheinander ab- 
spielende informationelle (d. h» informarionsaufnehmende, -spei- 
chernde, -verarbeitende und -abgebende) Prozesse oder auch Pro- 
grammfolgen in Gestalt anschaulicher gerichteter Graphen 54 , ins- 
besondere gerichteter Bäume 55 , sichtbar. Die Fluidogramme ihrer- 
seits lassen sich In Flußdiagramme (Signalflußpläne, Signallaufpläne} 
und Schaltbilder (Schaltnetzwerke) unterteilen, ohne daß allerdings 
auch hier stets eindeutige Zuordnungen getroffen werden können. 

Eine naheliegende Aufgliederung der Flußdiagramme nach den 
zugrunde gelegten Origin albereichen ergibt drei Unterklassen: die 
physikotechnischen Flußdiagramme, die Organogramme und die 
Soziogramme. Bei den physikotechnischen, insbesondere den nach- 
richtentechnischen Flußdiagrammen denke man etwa an die Dar- 
stellung von Befehlsabläufen für Rechenanlagen. Organogramme 
findet man in der Informationspsychologie, zumeist als graphische 



51 Vgl. Anm.54. 

52 Vgl. z. B. F. Harary, R. Z. Norman und D. Cartwright, 1965; 
C. FtAMENT, 1968; FL Kammier, 1971. 

53 Zur Technik und Methodik der graphischen Darstellung vgl. 
F. Auerbach, 1918; E.Weidmann, 1946; W-Weidmüixer, 1928. 

54 Ein endlicher gerichteter anschaulicher Graph ist eine endliche 
Menge von anschaulichen Punkten fwahrnehmungselementen, in der 
Sprache der mathematischen Topologie: Knoten), aus der eine Untermenge 
derart abgegrenzt ist, daß jeder Punkt dieser Untermenge mit mindestens 
einem weiteren ihrer Punkte durch einen Pfeil (topologisch: eine gerichtete 
Kante) verbunden ist. Vgl. D. König, 1950. 

55 Ein gerichteter anschaulicher Baum ist ein endlicher zusammen- 
hängender gerichteter anschaulicher Graph (vgl. An«. 54), für den gilt: 
1. bei genau einem Punkt des Graphen, dem Wurzelpunkt, endet kein 
PfeiL während bei allen übrigen Punkten genau je ein Pfeil endet, 2. bei 
mindestens zwei Punkten, den Zweigspitzen, beginnt kein Pfeil. Ein binärer 
gerichteter Baum besitzt nur solche Punkte, bei denen, wenn überhaupt, 
je genau zwei Pfeile beginnen. 



Graphische Modelle 



1«7 



Darstellungen des Informationsflusses im Menschen s \ Soziogramme 
vor allem in der Soziometrie 87 , aber auch in der systemtheoretisch 
orientierten Politologie 58 und anderen Teilgebieten des sozial- und 
wirtschaftswissenschaftlichen sowie gesellschaftsplanerischen Be- 
reichs. Bei den Schaltbildern sind (in struktureller Hinsicht) die voll- 
ständigen Schaltbilder von den Blockschaltbildern zu unterscheiden. 
Vollständige Schaltbilder geben detailliert alle Schaltelemente und 
sämtliche zwischen diesen bestehende Schaltverknüpfungen des (ao- 



a < 



<gE 



M 




Ikhf- Photo- | \trstviae 

6/ltX (HBtÄ:/ 1 



<gE= ö-|— 



Schaubild 6. Vollständiges Schaltbild (a) und Blockschaltbild (b) einer 
Zäblvorricbtttng für Lichtblitze {nach K, Steinbuch, 1963, p. 20) 



schau lieh gegebenen oder nur vorgestellten) Originals wieder. Block- 
schaltbilder fassen Klassen von Original -Schakelementen zu Blöcken 
zusammen, die als nicht näher analysierte Funktionseinheiten dazu 
dienen, das Schaltsystem im großen darzustellen. Ein Beispiel hier- 
für bietet Schaubild 6. 



56 Vgl. H. Frank, 1961a, p. 19; 1961b, p. 87; 1963, p. 85; weitere 
Beispiele bei E. von Holst und H. Mittelst aedt, 1950, p. 464; H. Sta- 
CHOWiAK, 1964, p. 130, 131, 137; 1965, p. 14, 45. 

57 J. L. Moreno, 1967. Zur industriellen Soziometrie vgl. z. B. 
A. A. Moles, A. An ceun -Schützen berger und K. Alsleben, 1964. 

58 Vgl. z. B. K. W. Deutsch, 1963, p. 258—261. 



168 



Graphische und technische Modelle 



Schaubild 7 gibt die in 2.2.1.2 vorgeschlagene Einteilung der 
graphischen Modelle, Scbaubild 8 diejenige der in 2.2.1.3 erörter- 
ten Fluide gram in e wieder. 



SrepA/sc/f&s A/ee/e// 




$//&, le/'/setiems- PaMscAema- Diagramm forste/- fteieb~ 
M6M/<f f/se/te 46 - ftscAe Ad - ft/tys- gram/rr 

Schau bild 7. Einteilung der graphischen Modelle, Die Klassifikation der 

graphischen Modelle folgt keinem einheitlichen Gesichtspunkt; sie ist 

weder vollständig noch frei von Überschneidungen. Zur Aufgliederung der 

Fluidogramme vgl. Schaubild 8. Näheres im Text 

F/mVegrem/n 




/'Affi/iC' fffffs/fä' tfez/Q&'s/nm fb/fständfyes tStecfasAa/tö>'/tf 

f/t/ßd/äffamm 

Schaubild 8. Einteilung der Fluidogramme (in Fortsetzung von Schau- 
bild 7). Auch für diese Einteilung gelten die bereits für Schaubild 7 im 
Text getroffenen Einschränkungen 



2.2.1.4 Anwendung modelltheoretischer Ordnungsbegriffe 

Auf die vorangehend nach zwei Haupt- und sechs Unterklassen ein- 
geteilten graphischen Modelle sollen nun die in Tafel 2 zusammen- 
gestellten Ordnungs begriffe der Allgemeinen Modelltheorie Anwen- 
dung finden. Schaubild 9 a zeigt die zeichnerische Wiedergabe der 
Photographie eines für Tierversuche hergestellten Labyrinths als 
Original, Schaubild 9 b als Modell dieses Originals einen zu dem 
Labyrinth gehörigen Graphen, der die Labyrinthdarstellung auf 
eine ihrer wesentlichen Strukturen, das labyrinthische Verzwei- 
gungssystem, verkürzt. Den Verzweigungsstellen bzw. Verbindungs- 
wegen der Labyrinth-Zeichnung entsprechen die Knoten bzw. Kan- 



Graphische Modelle 



169 



ten des Graphen; dem Start- bzw. Zielpunkt in der Labyrinth- 
Zeichnung entsprechen der Anfangs- bzw. Endknoten des Gra- 
phen. Das Knoten -Kanten- System des Graphen ist offenbar dem 
Verzweigungssystem des Originals isomorph, und Entsprechendes 
gilt für die Untersysteme, die modellseirig aus dem gerichteten 
Lösungsgraphen (0, 1, 2, 5, 6, 12, 13, 14, 18, 19) originalseitig 
aus dem Lösungsweg des Labyrinths bestehen. Isomorphie liegt 



Start 



e gforf 



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Schaubild 9 a, b. Zum modelltheoretischen Isomorphiebegriff (nach R- 

EtER, 1961 s p. 208). a Labyrinth-Zeichnung als Original, b Graph enmodell 

der Labyrinth -Zeichnung. Erläuterungen im Text 

dagegen natürlich nicht vor zwischen der zeichnerischen Wieder- 
gabe des Labyrinths gemäß Schaubild 9 a im ganzen und ihrem 
Graphen-Modell, da letzteres insbesondere die metrischen Relationen 
der Zeichnung unberücksichtigt läßt. Die darstellungs technisch un- 
vermeidliche Metrik des anschaulichen Graphen ist mod eil theoretisch 
zufällig. Sie beinhaltet keinerlei für die Funktionen des Modells 
relevante Beschaffenheit. Metrische Attribute dieser Art sind daher 
der Klasse der kontingent-abundanten Modellattribute zuzurechnen, 
während die erwähnten metrischen Originalbeschaffenheiten unter 
die bei der Abbildung des Originals in sein Modell nach Schaubild 9 
präterierten Original -Attribute fallen. 

Ohne Schwierigkeit ließen sich zahlreiche weitere Attributklassen 
unterschiedlichster materialer Beschaffenheit vor allem der Eigen- 
schaften ihrer Individuen aufzeigen bzw. konstruieren, die sieb 
sämdich strukturell auf den anschaulichen Graphen von Schaubild 9 b 
abbilden lassen. So könnte dieser Graph etwa die Struktur eines 
sich aus bestimmten Zügen zusammensetzenden Spielverlaufs oder 
einer Folge von bestimmten wirtschaftlichen Entscheidungen dar- 



170 Graphische und technische Modelle 

stellen usw. Er könnte mithin eine Äquivalenzklasse isomorpher 
Strukturen repräsentieren. 

Doch weiter: Man betrachte jetzt das vollständige Schaltbild 
des Beispiels von Schaubild 6. Von diesem Schaltbild möge es eine 
kongruente, unverzerrt und hinreichend scharf abbildende Schwarz- 
weiß-Photographie (oder eine Xerographie oder eine nach dem 
neuerlich von R. Fotland und E. Noffsinger, Cleveland, Ohio, 
entwickelten elektrographischen Druckverfahren gefertigte „Contro- 
graphy") geben. Läßt dieses photographische Modell, wie ange- 
nommen, die metrischen Verhältnisse des Originals sämtlich unver- 
ändert, so ist es gemäß den vorangegangenen Begriffsbestimmungen 
eine Strukturkopie und damit (abgesehen vielleicht von der hier 
nicht relevanten Papierbeschaffenheit) auch eine Kopie seines Ori- 
ginals: es ist dem Original aquat, mithin eine Kopierung desselben. 
Äquation schließt homorphie und Isohylie ein: Das Modell ist iso- 
morph und isobyl zu seinem Original. Kongruente Vervielfältigun- 
gen des photographischen Modells bilden eine Kopieklasse; sie bil- 
den insbesondere eine Strukturkopieklasse, die gleichzeitig eine 
Kopierungsklasse ist 5 *. Photographlsche Verkleinerungen/ Vergröße- 
rungen jener Schwarzweiß-Photographie fuhren, sensorisch unver- 
änderte Dichtekapazität des Modells gegenüber dem Original vor- 
ausgesetzt, zu räumlichen Kontraktions-IDilatationsmodellen des vor- 
gelegten Schaltbildes mit je bestimmten räumlichen Maßstäben m,. 
Aber auch vielerlei andere Abbildungen des Schaltbildes sind mög- 
lich, etwa solche, die Teile der Originalmetrik in je spezifischer Weise 
verzerrt wiedergeben. In allen Fällen der letztgenannten Art kann 
die strukturelle Originalangleichung noch in der Nähe ihres Maxi- 
mums liegen. Das Original wird dann ohne oder mit nur geringem 
Strukturverlust äquiform {m r S 1), insbesondere kongruent (m, = 1) 
kopiert. 



59 Hierzu ein Hinweis auf die typographischen Formkopieklassen 
der Elementarzeichen (Zeichenelemeßte) von Schriftsy steinen. Auf der 
Gestalt! de ntifizierung der in einer solchen Klasse vereinigten Elementar- 
zeichen beruht jegliche schriftliche Kommunikation. Zur Übertragung der 
gestalterkennenden Funktionen auf Informationsverarbeirende Maschinen 
vgl. die Forschungen zur ^antomati schert Gestalterketinimg" (pattern recog- 
nitian). Mit ihnen hängen die informarionstypographtschen Arbeiten zu- 
sammen, die auf optimale Schriftgestaltungen zwecks möglichst schneller 
und sicherer Zeichenerkennung zielen. Zur automatischen Zeichenerken- 
nung vgl. K. Steinbuch, 1962, zur Information stypographie K. Alsleben, 
1962, zur Theorie der Superzeichen H. Frank, 1962, 1964. 



Graphische Modelle 171 

Jeder bei der Original-Modell-Abbildung eintretende, oft ab- 
sichtlich erzeugte Strukturverlust ist ein „Isomorphieverlust". Dieser 
kann, wie bereits das Beispiel von Schaubild 6 im Übergang von 
a nach b verdeutlicht, außerordentlich weit getrieben werden, näm- 
lich bis zum Ersatz aller Feinstruktur durch unanalysierte Block- 
einheiteu, die im Model! als Individuen fungieren. Es ist allein eine 
Frage der Zweckmäßigkeit, welche Ortginalbeschaffenheiten der 
Modellierende präferiert, welche Komplexe solcher Beschaffenheiten 
er zu Blöcken zusammenfaßt und weiche Relationen zwischen sol- 
chen Blöcken er hervorhebt. Zahlreiche Blockmodelle sind einfach 
synoptische Zusammenfassungen det wichtigsten Zusammenhänge 
einigermaßen verwickelt aufgebauter Originale zu didaktischen, heu- 
ristischen, werbepsychologischen usw. Zwecken. 

Weiterhin zur materiellen Anglei chung des Modells an sein Ori- 
ginal: Hierzu sei zunächst erinnert, daß ein Attribut, bzw. explizit- 
sprachlich: ein Prädikat, genau dann als materielles Attribut zu be- 
trachten ist, wenn ihm ein semantisch-merasprachliches Kodezeichen 
zugeordnet ist, das seinerseits als Zeichen für ein „außersprach- 
liches Referendum" steht — dieses mag in der Bedeutung (Seman- 
tik) oder in dem Sinn („Nouetik") des Kodezeichens oder in beidem 
gleichzeitig bestehen, sie mag auch, sofern hinreichende Eindeutigkeit 
der Zeichenzuordnung (pragmatisch) gewährleistet scheint, die mit 
dem Kodezeichen verknüpften Vorstellungen („Eidetik") einbezie- 
hen. Im Schaltbild-Beispiel war vom Grenzfall vollständiger Original- 
Äquation des Modells ausgegangen worden. Diese Äquarion schließt 
Isohylie ein: die spezifische „Materialität" aller materialen Original- 
Attribute bleibt bei der isormorphen Original -Modell -Ab btldung er- 
halten, er erfolgt in keiner Attributen- Überführung eine Uwkodie- 
rung. Dies bedeutet auf formal- semantisch er Betrachtungsebene, daß 
die semantisch -metasp fachlichen Kodezeichen eines materialen Ori- 
ginal-Attributs und des ihm gemäß der isomorphen Abbildung ent- 
sprechenden Modell-Attributs miteinander übereinstimmen, auf 
„nouetischer" Ebene, daß überdies die durch die Kodezeichen re- 
präsentierten Sinngehalte der einander entsprechenden Attribute 
übereinstimmen und auf „eiderischer" Ebene, daß womöglich auch 
noch die Vorstellungsgehalte jener Attribute weitgehend überein- 
stimmen. 

Soll nun aus einem isohylen Modell von je bestimmtem Grade 
der strukturellen Originalangleiclmng — die betrachtete Isomorphie 
war ja nur Grenzfall einer solchen Angleicbung — ein Analogmodell 



172 Graphische und technische Modelte 

des vorgelegten Originals werden, so sind alle von der strukturellen 
Abbildung erfaßten materialen Original -Attribute einer XJmkodie- 
rung zu unterwerfen. Dies bedeutet formal -semantisch, daß für jedes 
materiale Attribut gilt, daß sein Kodezeichen im Übergang zum ent- 
sprechenden Modell-Attribut durch ein neues Kodezeichen ersetzt 
wird {wobei, wie erwähnt, die strukturelle Original-Modell-Abbil- 
dung je vorgängig bestimmt sein muß); jedem Original-Attribut ist 
modellseitig eine neue Bedeutung beizulegen. Dies bedeutet „noue- 
tisch", daß sich mit der Änderung des Kodezeichens auch der Sinn- 
gehalt des kodierten Original-Attributs ändert; und es bedeutet 
„eidetisch", daß sich im allgemeinen auch alle mit den materialen 
Attributen des Originals verknüpft gewesenen Vorsfe//w«gsgehaite 
wandeln. 

Für solche Übergänge lassen sich ersichtlicherweise bereits im 
Bereich der graphischen Modelle, besonders im Zusammenhang mit 
Schaltbildern, Signallaufplänen und Flußdiagrammen der Kybernetik, 
zahlreiche Beispiele anführen. Der kybernetisch orientierte Erfah- 
rungswissenschaftler und Ingenieur sieht ja eine seiner Hauptauf- 
gaben darin, die zwischen Funktionen technischer, organischer und 
sozialer Systeme bestehenden Analogien wechselseitig für die Neu- 
etschließung von Systembeschaffenheiten nutzbar zu machen. Bereits 
im Bereich der graphischen Modelle konstruiert er Analogmodelle, 
oft als Vorentwürfe für technische, insbesondere für Computer- 
modelle {2.2.3.4). Nachxichtentechnische Schaltbilder elektronischer 
Simularionsmodelle, die ihrerseits dem Studium etwa neuronaler 
Systeme dienen, gestatten (und verlangen) meist totale Umkodierun- 
gen. Funktionseinheiten eines technischen Schaltbildes eines Axon- 
Modells beispielsweise werden als Axone und Synapsen (typen: ge- 
wöhnliche, inkrementorische, dekremento tische teils exzitatorischer, 
teils inhibitorischer Art) und die zwischen jenen Original -Einheiten 
bestehenden, technisch symbolisierten Relationen als n europhysio- 
logische Wechselwirkungen gedeuter, womit die vollständige Analo- 
gisienmg des betrachteten Originals erreicht ist. 

Stark analogisierende graphische Modelle sind ferner Landkarten, 
insbesondere geologische, kulturgeographische usw. Spezialkarten, 
desgleichen z. B. Sonogramme der „Visible Speech " -Spektogra p hi e 80 , 



60 Vgl. z.B. C. Cherry, 1957, p. 153— 158 (1963, p. 196— 202). 
F. Winckel von der Technischen Universität Berlin hat sich mit der Ab- 
bildung natürlicher Sprache auf Voice-print- Modelle mittels elektrischer 
Kodiersysteme (z. B. des Vocoders von H. Dudley) befaßt. Eines der Ziele 



Graphische Modelle 173 

die sprachliche Laute und Lautfolgen durch Spektren -Diagramme 
wiedergeben, sowie Phonokardiogramme, in denen Herzlaute visuell 
dargestellt sind. Als weiteres Beispiel aus der GesamtkJasse der 
analogisierenden graphischen Modelle sei die Darstellung des Ori- 
ginal-Parameters „Zeit" durch eine gerichtete Strecke erwähnt 61 . 

Im Zusammenhang der Exemplifikation des Kopierungsbegriffs 
(S. 153) ist es vielleicht nützlich, auf eine Kategorie von Kopierungen 
hinzuweisen, von denen unter dem Namen der Bildfälschung ge- 
sprochen wird. Aquate oder besser quasi-äquate Modelle solcher 
An, die etwa aus Gründen bequemer Bereicherung oder pseudo- 
künstlerischer Selbstbestätigung hergestellt werden, weisen unbe- 
schadet der höchst vielgestaltigen und schöpferisch -ursprünglichen 
Originalbeschaffenheiten oft eine Perfektion auf, die es zwecks Kon- 
trolle der Original- bzw. Modellnatur des Bildes erforderlich macht, 
zu raffinierten technischen Mitteln zu greifen* 2 . Schließlich mag noch 
der Begriff der Kontrastierung anhand von Photographie 1 a, b 
(S. 177) exemplifiziert werden 63 . 

Die Transformation des Röntgenbildes (a) in das Bildschirm- 
Kontrastmodell (b) erfolgt über eine Datenverarbeitungsanlage. Diese 
wandelt zunächst das zeilenweise abgetastete Röntgenbild gemäß der 
Hell -Dunkel-Verteilung seiner Elemente in eine Zahlenfolge um 



dieser Untersuchungen ist eine die pragmatische Zeichendimension errei- 
diende automatische Spraeherkemiung, bei der nämlich das Erkennen der 
Zeichen bedeutung mit der Identifikation des Sprechenden verknüpft wird. 

61 Ebenso wie der Zeirparamerer läßt sich jedweder Ordnungsbegriff 
und damit insbesondere auch jeder metrische Begriff {Rauminhalt, Masse, 
Alter, Inrelligenzqu orient, Preis usw.), mittels dessen sich Klassen original- 
seitiger Gegebenheiten nach genau einem Merkmal ordnen lassen, als ein- 
dimensionaler anschaulicher Vektor darstellen. Erfolgt die Ordnung nach 
genau zwei bzw. drei Merkmalen, so ist sie darstellbar durch einen zwei- 
bzw. dreidimensionalen anschaulichen Vektor (wobei der dreidimensionale 
Vektor im bequemeren zweidimensionalen graphischen Model] dargestellt 
werden kann). Verallgemeinernd gelangt man zum typologischen Merk- 
malsraum. Vgl, C. G. Hempel und P.Oppenheim, 1936. 

62 So läßt sich mit Hilfe von radioaktiven Isotopen feststellen, in 
welchen Jahren etwa die in einem Ölgemälde verwendeten Farben her- 
gestellt wurden. Da die der Halbwertzeit des Isotops entsprechende na- 
türliche Alterung imitiert werden kann, läßt sich auf diesem Wege eine 
Fälschung nachweisen, die sonst auch bei Anwendung mikroskopischer 
und physikah'sch-chemischer Analysen unentdecki bleiben würde, 

63 Nach R. Nathan und R. H. $£LZ£R, Jet Propulsion Laboratory 
der Technischen Universität Kalifornien. Benutzt wurde der Rechner 
IBM 7094. 



174 Graphische und technische Modelle 

(die selbst als ein intermediäres Modell zwischen den Attributsyste- 
men a und b aufgefaßt werden kann. Nach einem „Encschame- 
ruogs- und Komrasrierungsprogramm", das besondere Beschaffen- 
heiten von Teil Sequenzen der vorgenannten Zahlenfolge verstärkt 
bzw. abschwächt, wird aus dieser Primärfolge eine neue, sekundäre 
Zahlenfolge (zweites intermediäres Model! von a) erzeugt und diese 
auf einen Bildschirm elektronisch in das Kontrastmodell (b) rück- 
transformiert. Auf diese Weise wird die relevante Information des 
Ausgangsbüdes auf das Zehnfache desjenigen Betrages gesteigert, 
der ohne den „Computer enhancemem process" gegeben ist. Das 
Beispiel zeigt gleichzeitig, daß und wie der Kontrastterungsefrekt mit 
der aufgabenspezifischen Selektion von Original attributen vorteil- 
haft verknüpft werden kann, 

2,2.2 Vorbemerkungen zum Begriff des technischen 
Modells und zur Einteilung der technischen Modelle 

Nach den „wesentlich zweidimensionalen"* 4 graphischen Modellen 
sollen in den folgenden beiden Abschnitten die gleichfalls anschau- 
lichen und überwiegend dreidimensionalen ledmischen Modelle 
betrachtet werden. Bei diesen Modellen handelt es sich um raiim- 
zeitliche und materiell-energetische Repräsentationen von Origina- 
len, die von beliebiger Natur sein können. Man beachte jedoch, daß 
nach den Bestimmungen von 2.1.2.3 (S. 136 ff.} sowohl die techni- 
schen Modelle als auch ihre Originale Acrributklassen sind, die durch 
Abbildung auf Prädikatklassen symbolisiert und hierdurch kommu- 
nikabel werden. 

Zwei Haupteinteilungen erweisen sich als nützlich. Die eine be- 
trifft die Erstell ungs weise des Modells, die andere die Natur seiner 
materialen Attribute, insbesondere seiner Individuen. Erstellimgs- 
sejtig kann es sich bei dem Modell um ein Objekt der Herstellungs- 
oder der bloßen ManipularJonstcchnik handeln. Ein herst-ellungs- 
tedtnisches Modell ist von Menschen oder Maschinen bzw. Mensch- 
Maschine- Systemen zum Zweck einer Originalrepräsentation her- 
gestellt, ein manipulaiionstecknisdjes Modell ist überwiegend vor- 
gefundenes Objekt einer (erklärten) Originalrepräsenration. Beide 
Modelltypen lassen sich pragmatisch relativieren. Man kann z.B. von 
einem bezüglich eines Subjekts K, berstellungstcdmisdien Modell 
sprechen, das bezüglich eines Subjekts K- man ipulationsiech nischer 



64 Vgl. Anm. 38, S. 159. 



Physlko technische Modelle 175 

Art ist; die von K x durchgeführte Original-Repräsentation erfolgt 
dabei in einem Zeitintervall t u die von K ä durchgeführte in einem 
etwa unmittelbar darauffolgenden Zeitintervall t t . Natürlich brau- 
chen dabei weder die modellierten Originale noch die Modellie- 
rungsziele miteinander übereinzustimmen. 

Was die zweite Einteilung betrifft, so sollen diesbezüglich vier 
Modell -Hauptklassen unterschieden werden: Je nachdem, ob die 
materialen Modell-Attribute, insbesondere die Modellindividuen, 
wesentlich als anorganische, organisch -organismische, psychische 
oder soziale Entitäten gelten, werde das Modell physiko-, bto-, 
psycho- oder soziotechniscb genannt. In dieser Einteilung soll natür- 
lich keine „Schichtenmetaphysik" aufleben; sie ist einfach praktikabel 
in dem Sinne, daß die Modellbeschaffenheiten nach wissenschaft- 
lichen Zuständigkeiten unterschieden werden. Selbstverständlich ist 
im allgemeinen Kooperation von "Wissenschaftlern mehrerer Fach- 
gebiete erforderlich, wenn — wie dies bei der Awa/ogmodellierung 
zumeist der Fall ist — Original und Modell zwei verschiedenen aus 
den vorgenannten vier Bereichen von Entitäten angehören. Auch 
hier versteht es sich von selbst, daß in zahlreichen Fällen mangels 
scharfer Grenzziehungen mehrere Zuordnungen möglich sind. 

Der auf die technischen Modelle angewandte Technikbegriff ist 
so weit gefaßt, daß er das Instrumentarium der Erweiterung und 
Verstärkung natürlicher perzeptiv- operativer und motorischer Funk- 
tionen behebiger JC-Systeme einschließt 65 . So kann die erweiternde 
und verstärkende Aufgabendelegierung an Fremdsysteme auch in 
protheti scher O rgan ersetz ung 66 oder in der Gera teerserz ung zu 
Trainings zwecken 87 bestehen. Handelt es sich um Forschungszwek- 
ken dienende technische Modelle, so besteht deren Zweck zumeist 
im gezielten Informationsgewinn über das modellierte Original. 

2.23 Physikotechnische Modelle 

Der an dieser Stelle zu vermittelnde Überblick kann nur als erster 
Ansatz zu einer deskriptiven Theorie der physikotechnischen Mo- 
delle gewertet werden. Eine solche Theorie hätte in ihrem technik- 
geschichtlichen Teil den Weg von der Geräte- und Werkzeugtechnik 



65 Vgl. L. Tondl, 1966, der p. B65 als Hauptfunktion der Technik 
den „von Menschen zweckrational organisierre(n) Stoff-, Energie- und In- 
formationswechsel" charakterisiert. 

66 Hiermit ist besonders die Bionik befaßt. Vgl. 2,2.3,4, S. 187 f. 

67 Vgl. 2.2.3.2, S. 183. 



176 Graphische und technische Modelle 

über die Maschinentechnik bis zur gegenwärtigen kybernetischen 
Automatentechnik nachzuzeichnen und die sozial- wie kultur- 
geschichtlichen Bedingtheiten der Arten des technischen Modellierens 
aufzuhellen. 

2.2.3.1 Statisch -mechanische Modelle 

Statisch-mechanische Modelle sind Konfigurationen, denen keine 
vom Modellierenden beabsichtigten zeitlichen Veränderungen zu- 
kommen. Als Beispiele seien angeführt: der Globus als Modell der 
Erde, das Holz- oder Gipsmodell eines Bauwerkes, die Nachbildung 
(der äußeren Gestalt) eines Lebewesens 8S , das Kunststoffmodell eines 
Skeletts, das Wachsmodell eines Organs 88 , das Metallmodell des 
Adernsystems des menschlichen Herzens 7 *, das Stahlmodell einer 
Dachkonstruktion 71 , das Modell eines Flugkörpers (für Studien im 
Windkanal), das Raumgittermodell eines Kristalls, das statisch- 
mechanische DetnonstrationsmodeU etwa des öranium 235-Atoms, 
der Relief abdruck eines menschlichen Gesichts, die Skulptur einer 
menschlichen Gestalt und vieles andere mehr. Von den Modell- 
abbildungen, die der Leser zu den angeführten Beispielen assoziiert, 
sei mit Photographie 2 (S. 178) lediglich das erwähnte Atommodell 
wiedergegeben. 

Natürlich müssen den statisch-mechanischen Modellbildungen 
keineswegs immer sinnlich wahrnehmbare materiell-energetische 
Originale zugrunde liegen. Zahlreiche Modelle repräsentieren Kon- 
strukte rein gedanklicher Axt, Gedankenentwürfe für etwas Vor- 
gestelltes 78 , raumzeitlich-materiell noch zu Verwirklichendes. Wie- 



68 Etwa das (1965 in Süddakota errichtete, 90 Tonnen schwere und 
21 Meter hohe} Stahlbetonmodell eines Dinosauriers. 

69 Über anatomische Wachsmodelle vgl. R. L. West, 1967. Stilisierte 
Organmodelle hat es schon in Babylonien und im ecrusltischen Italien gege- 
ben (vgl. z. B. die Modelle der Leber und der Gallenblase aus dem Bild- 
archiv der Staatsbibliothek Berlin). 

70 Als Ergebnis folgenden Vorgehens: Das Herzadernsystem eines 
Verstorbenen wird nach Entfernen des Blutes mit flüssigem Metall gefüllt 
und danach das Herzgewebe durch chemische Zersetzung entfernt, 

71 Eine geschlossene Darstellung der Modellstatik für Bauwerke bei 
R.K. Müller, 1970. 

72 So kann das zu modellierende Original durch statistische Mitte- 
lungsprozesse entstanden sein. Schaufensterpuppen im Textilgewerbe etwa 
repräsentieren nicht konkrete Menschen als solche, sondern zur ästheti- 
schen Norm stilisierten Idealrypen; das Modell eines Prähominiden (etwa 



177 




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12 Sractigwrak. Modtllihcoric 



178 



Graphische und technische Modelle 




Photographie 2. Statisch-mechanisches Modell des Uranium-23S- Atoms 
(Modellphoto No. 53-1563 des U. S. Information Service, Bad Godesberg) 



Pbysikotechnische Modelle 179 

der andere statisch-mechanische Modelle geben ihr ursprüngliches 
anschauliches Original absichtlich merkmalsverfremdet bis zur Auf- 
lösung der eingangs bestandenen Original-Modell-Relation wieder. 

Was die Anwendung der in Tafel 2 (S. 157 f.) zusammengestellten 
modelltheotetischen Ordnungs begriffe betrifft, so läßt sich im ein- 
zelnen leicht das Erfülltsein der drei Modell -Hauptmerkmale zei- 
gen, und desgleichen lassen sich die verschiedenen Grade der struk- 
turellen und materialen Angleichung des jeweiligen Modells an sein 
Original innerhalb der gegebenen Freiheitsspielräume der attribu- 
ierenden Objekterstellung abschätzen. Gelegendich treten dabei 
außerordentlich hohe Verkürzungen auf, wie bereits das Beispiel 
des Globus zeigt. Dieses Beispiel verdeutlicht natürlich erneut auch 
die großen Freiheitsspielräume des Attribuierens natürlicher Objekte 
und die Abhängigkeit der Objekt-, hier insbesondere der Original- 
erstellung vom Vorwissen des Erstellenden, den von ihm je ein- 
genommenen Standpunkten und Betrachtungsweisen und, hinsicht- 
lich des genetischen Aufbaus seiner perzeptiv-operativen Funktionen, 
die Bedingtheit der Attributenrepertoüres durch soziale und kulturelle 
Faktoren. In diesem Zusammenhang wird Mar, daß eine tatsächlich 
aligemeine pragmatische Modelltheorie nur das Formgerüst für 
konkrete Modellierungen, ja bereits für die Beschreibung der ein- 
zelnen Modell arten und -gattungen liefern kann. 

Noch einmal zurück zum Globus-Beispiel: Das Modell ist hier 
ein äquiform abbildendes räumliches Kontxakrionsmodell mit sehr 
kleinem räumlichem Maßstab (dabei seien die Abweichung der 
Geoidform von der Kugelgestalt und die sowohl bei gewöhnlichen 
wie bei Relief globen 73 vorliegenden Abweichungen von der maß- 



nach K. P. Oakley und G, Heberer für Plesianthropus) hat zum Original 
ein aus der weitgehend spekulativen Kombination und Ergänzung von 
Informationsfragmenten aufgebautes Vors teil ungsgebil de. 

73 Zum Relief ist allgemein zu sagen, daß es vetmöge des Heraus- 
treeens der bildhaften Darstellung in die dritte Dimension zu den sratisch- 
mechanischen Modellen zu rechnen ist. Dabei nähert sich das Flachrelief 
dem Bildmodell, das Hochrelief der als Skulptur bezeichneten Art von 
statisch-mechanischen Modellen. Stadtpläne für Blinde (Übersichtskarte des 
Gcsamtstadrgebietes, Cttyplan. Verkehrspläne) sind Flachreliefs. Der mög- 
lichst genauen Reproduktion von Originalgemälden, wertvollen Schrift- 
stücken u. dgl, dient das altchinesische Verfahren der Steinabreibung: In 
die Oberfläche des harten und (im Kleinen) glatten Originals wird weiches 
Papier mit einem Lederhammer eingeschlagen, und auf das Papier wird 
Tusche aufgetragen. 

12 a Stachowjak, Moddtiheorie 



180 Graphische und technische Modelle 

stabsgerechten "Wiedergabe der Höhen Verhältnisse vernachlässigt). 
Reduziert man das Original auf Attributenkomplexe, die in grober 
Morphologie etwa durch Satellitenaufnahmen abgebildete Land- 
schaften und Gewässer perzeptuell erstellen, so kann das Globus- 
modell sehr hohe Grade struktureller Originalangleichung erlangen. 
Dagegen ist die materiale Originalangleichung, der Grad also, in 
welchem die Referenda der als lediglich strukturelle Enritäten be- 
trachteten Original attribute beibehalten werden, beim Globus ver- 
hälmismäßig gering. Dies aiehe man vor allem an der modellseitigen 
Wiedergabe sowohl der physisch-materialen als auch der die 
Höhenunterschiede betreffenden metrischen O berf lachen beschaffen- 
heiten. Der Leser mag sich hier einmal die von ihm seit frühester 
Schulzeit erlernten, weltweit konvenrionalisierten geographischen 
Kodierungen („Transkodierungsklassen", vgl. 3.3.2, S. 315) für den 
Fall des allgemeinen physischen Erdglobus, aber auch für geographi- 
sche Spezialgloben und Spezialkarten der verschiedensten Art ver- 
gegenwärtigen. Schließlich sei noch auf die abundanten Globus - 
attribute, z. B. auf das Koordinatensystem der Meridiane und Brei- 
tenkreise, hingewiesen. 

Es sei gleichfalls dem Leser überlassen, für weitere statisch- 
mechanische Modelle aus der Reihe der angeführten Beispiele in 
entsprechender Weise den Begriffsapparat von Tafel 2 durchzu- 
spielen. Die Liste der Beispiele ist beliebig erweiterbar. Besondere 
Aufmerksamkeit dürften Exemplifikationen von isomorphen Analo- 
giemodellen finden. Nimmt man etwa ein auf eine Schallplatte 
gespieltes Musikstück als Original, so ist die Schallplatte ein (von 
der Drehung abgesehen statisch- mechanisches) Modell des Musik- 
stücks, das diesem isomorph ist und es dabei total analogisiert: die 
auf das künstlerische Produkt bezogene Struktur ist beiden Gebilden 
gemeinsam, dagegen werden bei der Original- Modell- Abbild uag die 
Tonbeziehungen sämtlich in Raumbeziehungen transkodiert. Natür- 
lich gibt es auch zahlreiche Beispiele für statisch-mechanische Mo- 
delle, die ihr Original isomorph und isohyl abbilden. Es gibt Kopier- 
maschinen zur Herstellung von Modellen s die ihr räumliches Origi- 
nal als Strukturkopie im Maßstab m r = 1 bzw. als räumliches Kon- 
traktionsmodetl (m r <^l) oder räumliches Dilatationsmodell (m r >l} 
abbilden 74 ; die Isohylie wird durch Verwendung des chemisch -phy- 



74 Die Bewegung des Führungsstiftes der Maschine auf der Ober- 
fläche des Originals wird durch einen geeigneten Mechanismus auf ein 
Werkzeug, z. B, einen schnell rotierenden Meißel, übertragen. Dabei dre- 



Physikotechnisdie Modelle 181 

sikalisch ununterscheidbar gleichen Materials auf der Original- wie 
Modellseite sichergestellt. Ferner sind neuerlich Herstellungsverfah- 
ren für Kunststoff-Kopien (vgl. Tafel 2, S. 158) von Antiquitäten ent- 
wickelt worden, die die Unterscheidung zwischen Original und Mo- 
dell zum wissenschaftlich-technisch schwierigen Problem werden las- 
sen: die Modelle sind auch durch Klopfproben, durch Geruchsver- 
gleicb usw. nicht mehr von ihren Originalen zu unterscheiden. 

2.2.3.2 Dynamisch -mechanische Modelle 

Von den statisch -mechanischen Modellen gelangt man als nächstes 
zu den dynamisch-mechanischen Modellen, Bei diesen tritt in wenig- 
stens einem Attribut (Prädikat) die Zeit als veränderlicher Parameter 
auf. Zeitabhängige Moddi„individuen" können z. B. als aktive Ele- 
mente fungieren, bei denen also in der Zeit sich ändernde determi- 
nistische oder stochasrische Input- Output-Beziehungen vorliegen. Es 
können aber auch etwa Relationen zwischen zeitinvarianten Indivi- 
duen zeitabhängig sein. Zahlreiche derartige Möglichkeiten sind 
nachweisbar. 

Hierzu wieder einige Beispiele. Die sich relativ zum feststehen- 
den Vorführungsraum bewegende Kuppel eines Planetariums model- 
liert das Himmelsgewölbe mit entsprechend den Original Verhältnis- 
sen unterschiedlichen Umlaufrichtungen und -gesebwindigkeiren der 
Modell-Planeten und der Modell -Fixsterne sowie unterschiedlichen 
Helligkeiten. Der Film ist Model! eines nach bestimmten Gesichts- 
punkten ausgewählten konfigurativen oder prozessiven Originals 
(vgl. die Bemerkungen sur Kinematographie in 2.2.1.1, S. 162 f.). In 
beiden Beispiel typen treten unterschiedliche räumliche und zeitliche 
Maßstäbe auf. Die Kuppel des Planetariums ist ein räumliches wie 
zeitliches Kontrakdoiismodell des Himmels, der Zeitlupen- bzw. 
Zeitrafferfüm ein zeitliches Dilatations- bzw. Kontraktionsmodell 
des gefilmten Bewegungsablaufs (m ( >-l bzw. mt<l; für #ij = l 
wird das kinemarographtsche Modell zur „Zeitkopie" seines Origi- 
nals}. Zur Aufklärung der akustischen Verhaltnisse in großen Räu- 
men sind bezüglich der für diesen Versuch relevanten Merkmale 



hen sich Original und Modell (genauer: der Materialblock, aus dem das 
Modell entsteht) um je eine feste Achse mit derselben sehr kleinen, kon- 
stanten Winkelgeschwindigkeit. Der vorerwähnte Mechanismus kann z. B. 
auf dem Storchschnabelprinzip beruhen, dem der Strahlensatz der geo- 
metrischen Ähnlichkeitslehre zugrunde liegt. 



12a* 



IS2 Graphische und technische Modelle 

sorgfältig einem stilisierten Original nachgebildete Kunstköpfe ver- 
wendet worden, Die diesen Modellen eingebauten Mikrophone er- 
möglichen genaue Messungen und objektive Aussagen über jederzeit 
reproduzierbare akustische Effekte 75 . 

Aufmerksamkeit verdient auch der Fall akustischer Kontraktion 
bzw. Dilatation. Es gibt „sprach verdichtende" Tonbandgeräte 7 *, 
Sprachkompressorenj bei denen Tonhöhe und Bandgeschwindigkeit 
unabhängig voneinander variiert werden können. Wird der Wieder- 
gabekopf des Gerätes bei der Wiedergabe eines gesprochenen Textes 
relativ zum Bandumlauf in Vorwärts- oder Rückwärtsrotation ver- 
setzt, so läßt sich das Sprechtempo variieren, also der Informations- 
fluß erhöhen oder verringern, ohne daß die Stimme ihre normale 
Tonhöhe und Verständlichkeit verliert. Sprachkompressoreti eröff- 
nen zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten theoretischer und prak- 
tischer Art. Beispiele physikotechnischer Dilatationsmodelle, bei 
denen nicht oder nicht allein die räumlichen bzw. zeidichen Original - 
Verhältnisse verstärkt werden {vgl. 2.1.4.4, S. 154 f.): eine Ultrazentri- 
fuge als Erdgravitationsfeld-Modell (mit z.B. °00000facher Gravita- 
tionsverstärkung) 77 ; eine stark zeitkontraktive Testanlage zur Prüfung 
der Lebensdauer und Belastbarkeit von Fahrbahnen aus verschiede- 
nen Materialien, wobei also materialgebundene Parameter im Mo- 
dell zeitabhängig „verstärkt" werden. 

Zahlreiche Beispiele finden sich unter den hydrodynamischen 
Modellen. Die möglichen Varianten der Beflutung einer Deichanlage 
werden an einem räumlichen (und zeitlichen) Kontraktionsmodell 
des tatsächlichen Beflutungsgeschehens studiert 78 . Entsprechend 
Modelluntersuchungen für den Bau eines Gezeitenkraftwerkes 79 . 
Soll ein Flußlauf abgeriegelt und gestaut werden, so wird in kom- 
plizierteren Fällen das im Verlauf der Bauarbeiten zu erwartende 



75 Forschungen des Heinrich-Hera-Instituts der TU Berlin, erstmals 
1971 durchgeführt. 

76 Entwickelt in einer Forschungsgruppe bei der Fhilco-Ford-Corpo- 
ration, USA. 

77 Nach einer Mitteilung von H, UmstXtter vom 10. 5. 1955 ist 
eine solche Ultrazentrifuge z. B, von T. Swedberg und K. O. Pedersen, 
Uppsala, entwickelt worden, 

78 Im Franzius -Institut für Grund- und Wasserbau der TU Hannover 
wurden derartige Untersuchungen MJ8 Anlaß der Hamburger jUirrnflut- 
katastrophe vom 17. Februar 1962 durchgeführt. 

79 Z. B. im Laboratoire National d'Hydraulique von Chatou, Frank- 
reich, für das Gezeitenkraftwerk „La Rance". 



Physiko technische Modelle 1S3 

Srrömungsgeschehen am räumlichen und zeitlichen Kontraktions- 
modell untersucht 80 . Dabei ist stets das Erfülltsein der Bedingungen 
zu prüfen, unter denen die modellseitige Strömung als der original- 
seirigen geometrisch ähnlich angenommen werden darf. Aus der 
geometrischen Ähnlichkeit der bc- bzw. umströmten festen Körper 
der Original^ und Modellseite folgt eine solche Annahme natürlich 
noch nicht 91 . Beispiele dynamisch-mechanischer Modelle, deren Kon- 
struktionszweck nicht im Informarionsgewinn über das Original, 
sondern in einer Verhaltensbeeinflussung der Modellbenutzer be- 
steht: Vorrichtungen, die Flugzustände unter kontrollierten Umwelt- 
bedingungen in bestimmten Situationen simulieren 8 *, Trainings- 
modelle aus dem Apollo- Programm der Raumfahrtbehörde der USA, 
Rennsimulatoren mit automatischer Fahrfehleranzeige. Die Liste 
ließe sich beträchtlich verlängern. 

Zahlreiche dynamisch -mechanische Modelle weisen, wie sich der 
Leser selbst überlegen mag, eine nur geringe mareriale Angleichung 
an ihre Originale auf; manche sind vollständige Analogmodelle. In 
die Kategorie der Quasi-Analogmodellc gehören speziell Hydraulik- 
modelle von Originalen, die elektrodynamische, morivatioospsycho- 
logische 83 usw. Zusammenhänge wiedergeben. 



80 Im Hydraulischen Laboratorium Delft, Holland, wurden Experi- 
mente solcher Art im Rahmen eines Sturmflutschutz- Programms für die 
südwestholländischen Gebiete durchgeführt. 

81 Zum Begriff der mechanischen bzw. dynamischen Ähnlichkeit in- 
nerhalb der Theorie der zähen Flüssigkeiten vgl. W, MÜLLER, 1952; 
M. Weber, 1930, p.274; A.P.Segshda^ 1938; A.J.Sedow, 1954; M.W, 
KlRPtTSCHrw, 1953; S. Fe-ügce, 195.9/1963, Über Modellversuche vgl. 
L. S. Eugenson, 1949. Die im Text erwähnten Bedingungen werden mit 
Hilfe der dimensionslosen Revnolds sehen, FaouuEschen und WEBERSchen 
Zahlen formuliert. In diesem Zusammenhang ist auf den Begriff der 
KEWTONschen Flüssigkeit hinzuweisen, die fast alle Flüssigkeiten im üb- 
lichen Sinne modelliert. Hierzu H. LtPPMANN und O. Mahrenholtz, 
1967, p. 334. 

82 Derartige Modelle hat z. B. die Forschungsanstalt für Luft- und 
Raumfahrt in Braunschweig verwendet. Vgl. auch ]. A. Adams, 1962; 
R. M. Grange, 1954; R. H. Adams und J. L. Jenkins, 1960. 

83 Ein motivationspsydiologisches Hydra ulikmodell wird von R B. 
Cattell, 1957, p. 894, im Blick auf die Theorie der dynamischen Gitter 
so charakterisiert: „A model which expresses the dynamic lattice as a 
hydraulic System in which pressure correspundi so ergic-reiision meaSOTe- 
ments, and which permits analysis of lattice connections froro point 
measurements." Cattells „dynamische Giner" stellen selbst ein anschau- 



184 Graphische und technische Modelle 

Hydraulikmodelle sowie mechanische Modelle elektrodynami- 
scher Originale lassen sich oft durch graphisch veranschaulichte 
Gedankenmodelle ersetzen. In manchen Fällen läßt sich dem an- 
schaulichen Modell eine mathematische Theorie zuordnen. Damit 
ist der Übergang zum semantischen Modell vollzogen. So geht die 
vektoranalytisch entwickelte MAxwELLSche Theorie der Elektrodyna- 
mik auf das anschauliche Kraftfeldmodell Faradays zurück. Die 
Maxwel ls che Theorie liefert die mathematische Struktur einer hy- 
drodynamischen Analogisierung elektrodynamischer Prozesse. Daß 
anschauliche Modellvorstellungen, unbeschadet ihrer heuristischen 
Relevanz, nach erfolgter Präzisierung und Mathematisierung oft nur 
noch wissenschaftsgeschichtliche und didaktische Funktionen behal- 
ten, ja rückblickend als fehlerhafte Wiedergaben von Beobachtungs- 
und Meßdaten erscheinen, zeigt z.B. die Ersetzung der ursprünglich 
nach Analogie von Planetensystemen entworfenen physikalischen 
Atommodelle durch das nur noch im mathematischen Formalismus, 
losgelöst von jeder Anschauung, nachvollziehbare Atom-System der 
Quantenmechanik. Die Anschauung fungiert hier als Denkprothese, 
die der Forschung nur so lange nützlich ist, bis das den einschlägi- 
gen empirischen Daten voll adäquate Strukturmodell gefunden ist. 
In einem anderen Bild: gleich einer Schlangenhaut wird im Mathe- 
matisierungsprozeß das anschauliche Modell als heuristische Hülle 
abgestreift. 

Eine wissenschafts- und technikgeschichdiche Monographie der 
mechanischen Modelle beliebiger physikalischer Originalsysteme 6 * 
hätte sich besonders eingehend mit dem angedeuteten tiefgreifenden 
Wandel des physikalischen Denkens zu beschäftigen, der sich in den 
ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts vollzog. Hauptcharakteri- 
stikum dieses Wandels ist der Verzicht auf die in der klassischen 
Physik für erkenntnismäßig unabdingbar erachtete „Letzt"darstel- 
lung theoretisch-physikalisch erschlossener Objekte und Prozesse im 
anschaulich-mechanischen Modell. Worauf zahlreiche Physiker des 
19. und vor allem des beginnenden 20. Jahrhunderts einen erheb- 
lichen Teil ihrer Forschungsenergie verwendeten, nämlich elektro- 
magnerische Zusammenhänge mechanisch darzustellen, im Sinne 



üches Modell motivationaler Sachverhalte dar, nämlich: „A representation 
of the habits Systems, attitudes, subgoals, and ergic goals intersecting in 
a lattice." 

84 Vorarbeiten bei O. Lodge, 1889; L. Boitzmann, 1905; R. See- 
LKSER, 1948. 



Physikoteehnische Modelle 185 

konkreter Vorstellbarkek „erkennbar" Bä zu machen, ist den Phy- 
sikern jüngerer Generationen eine nur noch aus geschichtlichen 
Bedingtheiten verständliche Zielsetzung. 

2.2,3.3 Elektromechanische Modelle 

Die statisch-mechanischen und die dynamisch-mechanischen Modelle 
ergänzen sich zur Gesannheir der mechanischen Modelte. Das Attri- 
but „mechanisch* 4 ist dabei so weit zu fassen, daß hierunter auch 
thermodynamisehe bzw. wärmetechnische Konstruktionspnnzipien 
fallen. Die mechanischen Modelle bilden eine Unterklasse der phy- 
sikotechnischen Modelle. Eine weitere Unterklasse der letzteren wird 
von den wesentlich elektrotechnischen 88 Modellen gebildet. Diese 
sind ihrerseits aufgliederbar in die Klassen der elektroniedianischen, 
elektronischen und elektrochemischen Modelle. Auch hier gibt es 
natürlich Überschneidungen und Willkürlichkeiten bei der Klassen- 
zuordnung, auch lassen sich zahlreiche weitere Einteilungsgesichts- 
punkte verwirklichen. 

Die wissenschaftsgcschichtlichen Bemerkungen am Ende des vor- 
angegangenen Abschnitts dürften die Gründe dafür beleuchtet haben, 
daß in der Physik niemals besondere Mühe darauf verwendet wurde, 
mechanische, speziell thermodynamisehe Zustände und Prozesse in 
elektrische Modelle abzubilden, um zu neuen Einsichten in die ori- 
ginalscirigen Gegebenheiten zu gelangen. Diese Modellierungsrich- 
tung wäre ja mit einem Weniger an Anschaulichkeit verbunden 
gewesen. Dennoch gibt es elektrostatische wie elektrodynamische 
Systeme, die sich ohne Künstlichkeit durchaus als Modelle tnecha- 



85 ..Erkennbarkeit" ist Rüekführbarkeit von relativ Unbekanntem auf 
relativ Bekanntes. Das relativ Bekanntere war dem im mechanistischen Den- 
ken aufgewachsenen und in diesem Denken befangenen Physiker natürlich 
die ihm vertraute Welt der Teilchen, starren Körper, Mechanismen, elasti- 
schen Medien, Wellen usw., eingefügt in die Ordnungssysteme der absolu- 
ten Zeit und des absoluten Raumes, in durchgängiger kausaler Determi- 
niertheit. Aus dieser klassischen Haltung wird verständlich, daß das 
Erkenntnisbemühen der klassischen Physik z. B. beharrlich auf die Kon- 
struktion anschaulicher Äthermodelle geriditet war. 

86 „Wesentlich elektrotechnisch" soll besagen, daß sich der Model- 
lierer verstärkt elektrotechnischer und weniger mechanischer Attribute bei 
der Origiualersetzung bedient. Die mechanischen Attribute gelten ihm oft 
ab abundant. Im übrigen verwende ich, wie der Leser dem folgenden Text 
entnimmt, den Elektrotechnik- Begriff in einem vergleichsweise extensiven 
Sinne. 



186 



Graphische und technische Modeüe 



Tafel 3. Analogiebereiebe physikotedmischer Modelle 

Die in der rechten Spalte von Tafel 3 genannten Theorien, die die in Frage 
stehenden Isomorphien formal begründen, werden an späterer Stelle, im 
Rahmen der Erörterung der semantischen Modelle (2.3.4.1, S. 249), als for- 
mal-linguistische Darstellungsmodelle bezeichnet. Ihnen stehen ihre Kon* 
krerisierungen als Belegungsmodelle gegenüber. 



Mechanik/ 
Thermody nami k 


Elektrodynamik 


Übergeordnete 
formale Theorie 


Gravitation stheorie 


Theorie 

der elektrischen 

Krafrwirkungen 


Einheitliche 
Feldtheorie 


Theorie 

der Wärmdeirung 

und Diffusion 


Elektrodynamische 
Potentialtheorie 


Theorie 

der Lapl ACE sehen 

D iff erentialglei chung 



nischer Originale auffassen lassen. Besteht nämlich zwischen einer 
mechanischen und einer elektrischen Attributklasse Isomorphie 
(S. 142), so kann jede dieser Klassen als Modell der anderen fungie- 
ren, und zwar eben als isomorphes Modell mit sehr geringer mate- 
rialer Originalangleichung, also starker Merkmalsverfremdung. Der 
Erkenntnisgewinn liegt einmal im teils wissensbeseätigenden, teils 
inforraationserweitemden Vergleich der unterschied liehen materialen 
Beschaffenheiten bei Original und Modell; zum anderen ist es durch- 
aus denkbar, daß ein versierter Elektrodynamiker aus Operationen 
am elektrischen Modell neue Einsichten, KonstruktionsmÖguchkeiten 
und dergleichen bezüglich eines mechanischen Originals gewinnen 
kann. Beispiele für isomorphe physiko technische Modelle mit stark 
analogisierenden Abbildungsfunktionen entnimmt man den in Tafel 3 
angegebenen Analogiebereichen BT . 

Zumeist indes wird man elektrotechnische Modelle zur verein- 
fachenden Wiedergabe elektrischer Zustände und Vorgänge verwen- 



87 Vgl. R. Seeliger, 1948, p. 129 ff. Hierzu auch die interessante Be- 
merkung H. Poincares, 1921, p. 111 (in der Übersetzung von E. und H. 
Weber): „Ein und dieselbe Gleichung, die von Laplace, findet man in der 
Newtonschen Theorie der Anziehung, in der Theorie der Bewegung der 
Flüssigkeiten, in der des elektrischen Potentials, in der des Magnetismus, 
in der der Wärmeleirung und noch in vielen anderen. — Was ergibt sich 
daraus? Diese Theorien gleichen Bildern, von denen eines vom anderen 
abgepaust ist; sie erklären sich gegenseitig, indem sie einander ihre Spra- 
che leihen . * ." 



Physikotechnische Modelle 187 

den. Die Modellbü du ngs ziele sind häufig didaktischer Natur. So 
bildet 2. B. eine magnetische Kugel (mit der Magnet achsenneigung 
von etwa 11° zur geographischen Achse) in einfacher Weise das Erd- 
magnetfeld ab, wobei etwa die zeidichen Veränderungen des letz- 
teren unberücksichtigt bleiben. Mit elektronischen 88 Subsystemen aus- 
gestattete hochkomplizierte elektro mechanische Modelle, bei deren 
Konstruktion plasma- und laserphysikalische Forschungsergebnisse 
verwendet wurden, findet man im Bereich der Weltraumsimulation 8 *. 

2.2.3.4 Elektronische Modelle 

Bauelemente und -einheiten der elektromechanischen Modelle waren 
Relais, Schalter, Motoren usw. Seit dem Aufkommen der Röhren- 
technik wurden elektronische Systeme mit vergleichsweise sehr klei- 
nen Volumen und Gewichten, aber sehr viel höheren Schaltgeschwin- 
digkeiten möglich. Die Transistortechnik und die sich an sie anschlie- 
ßenden weiteren technischen Miniaturisierungen haben diese Systeme 
in der angedeuteten Richtung außerordentlich perfektioniert. Ihre 
Hauptanwendung liegt in der Automatisierung informations verarbei- 
tender Prozesse. Hierin ist bereits die Modellfunktion des elektroni- 
schen Systems angelegt. Zum expliziten elektronischen Modell 
wird es, wenn es für ein spezifiziertes Original gesetzt wird. Die 
Modellierung kann die funktionelle Ersetzung des Originals oder 
den Informationsgewinn über das Original zum Ziel haben; oft sind 
beide Zielsetzungen eng miteinander verbunden. Elektronisch model- 
lieren lassen sich organische, organismische und psychische, aber 
auch wirtschaftliche, soziale und politische Systeme, wobei die Prä- 
teritionsklassen-Umfänge in der angegebenen Reihenfolge im großen 
und ganzen stark wachsen. Ein elektronisches Modell, das dem ln- 
formationsgewinn über das Original dient, verkürzt dieses auf seinen 
informationellen Aspekt („informationell" hier einschließlich des 
Signalflusses). Auf der Modellseite sind die nicht-informationellen 
Attribute sämtlich abundant, da ihnen keine Attribute aus dem 
Abbildungsvorbereich zugeordnet sind: Modelliert werden nicht 
Strukturen, sondern Funktionen, z. B. Eingabe-Ausgabe-Beziehungen 
bei Systemen, deren innere Cestalt für die vorliegende Original- 
Modell- Abbildung nicht relevant ist. 



88 Vgl, den folgenden Abschnitt. 

89 Und zwar heute auch bereits im europäischen Bereich. Die Euro- 
päische Organisation für 'Weltraumforschung (ESRO) führt solche Ver- 
suche tu ihrem Institut ESRIN in Frascati, Italien, durch. 



ISS' Graphische und technische Modelle 

Es kann nicht die Absicht dieses Buches sein, eine Theorie der 
elektronischen Modelle zu entwickeln oder eine lange Liste von 
Beispielen solcher Modelle vorzulegen. Daher nur einige mehr asso- 
ziative Hinweise. Zunächst sei zwischen elektronischen Funktions- 
modellen und Computermodellen unterschieden. Zu den ersteren 
gehören beispielsweise elektronisch gesteuerte Organ-Prothesen, fer- 
ner die seit W. G. Walters „künstlicher Schildkröte" 9 * zahlreich 
hergestellten Tropismusmodelle zur Nachahmung tierischen Reflex - 
und Lern Verhaltens. Auch das Homöostasemodell von W.R.Ashby 91 
ist dieser Modellart zu subsumieren. Für die Tropismusmodelle und 
das Homöostasemodell ist die relative Unspezifiziertheit der Origi- 
nalsysteme charakteristisch. 

Bei sehr komplexen Originalen gelangt das durch Anschaulich- 
keit ausgezeichnete Verfahren der Funktionsmodellierung kommuni- 
kativer und informationeller Prozesse allerdings bald an eine Grenze, 
die nur bei kaum noch sinnvollen Originalverkürzungen überschrit- 
ten werden kann. Hier werden Computermodelle praktikabel. Unter 
einem (Digital-) Computermodell soll ein durch den Automaten rea- 
lisiertes Programm (Befehlsfolge für die Automatenoperationen) ver- 
standen werden. Universalität und Flexibilität, gute Übersehbarkeit 
der Operationenfolgen „im Kiemen"; der Fortfall technischer Begren- 
zungen der Modellkonstruktionen und der Zeitgewinn, den die oft 
stark zettkontraktive Simulation komplexer Prozesse erbringt, sind 
die Vorteile der Computermodelüerung; die relative Unanschaulich- 
keit mancher Gesamtmodelle, vor allem die oft sehr großen Schwie- 
rigkeiten der Program merstellung ihre Nachteile. Auf Beispiele von 
Comp utermodellen sei im vorliegenden Zusammenhang verzichtet. 
Es genügt der Hinweis, daß sich fast alle Wissenschaften des Ver- 
fahrens der Computermodellierung bedienen und das Computer- 
modell mehr und mehr auch Einzug in die Theorie und Praxis des 
Planens gefunden hat 9 *. Zweifellos ist es an der Zeit, eine umfas- 
sende Theorie dieses Modelltyps (im Rahmen der Informatik) in 
Angriff zu nehmen. Wünschenswert wäre vor allem eine vergleichen- 
de Methodologie und Heuristik des angewandten Programrnierens 
für Gruppen benachbarter wissenschaftlicher und technischer Diszi- 
plinen. 



90 Vgl, W. G. "Walter, 1953. 

91 Vgl. W.R.Ashby, 1954. 

92 Auf der Ebene von »Weltmodellen" z.B. bei J.W. Forrester, 1971, 



Physiko technische Modelle 189 

2.2.3,5 Elektrochemische Modelle 

Um einer gewissen klassifika torischen Vollständigkeit willen waren 
auf S, 185 als dritte Art von physikotechnischen Modellen die elektro- 
chemischen Modelle erwähnt worden. Ein Beispiel bietet das be- 
rühmte Experiment Stanley Millers Mitte der fünfziger Jahre. 
Miller bildete die Erdatmosphäre zu Beginn der biologischen Evo- 
lution im elektrochemischen Labormodell nach, um das Zustande- 
kommen organischer Moleküle, die ihrerseits Zellen aufbauen, simu- 
latorisch zu rekonstruieren. In der Modellatmosphäre konnte er 
durch elektrische Entladung Aminosäuren (Bausreine von Proteinen} 
erzeugen. Von hier aus erfolgte der Rückschluß auf die chemische 
Zusammensetzung der Uratmosphäre. 

Zwei weitere Beispiele von elektrochemischen Modellen außer- 
irdischer Originale: Die Frage, ob auf dem Jupiter Leben möglich 
ist, wurde durch Simulation der Jupiteratmosphäre in Druckkam- 
mer-Experimenten 9 " zu klären versucht. Die planetarischen Funken- 
endadungen wurden durch Lichtbogenentladungen nachgeahmt und 
die durch die letzteren ausgelösten chemischen Prozesse studiert. — 
In einem anderen Experiment diente die Modellanalyse der Unter- 
suchung von Kometenschweifen. Es galt insbesondere, die Annahme 
der durch Lichtdruck von der Sonne her bewirkten Ionisation der 
Schweifmaterie zu bestätigen, vor allem die hohe Beschleunigung 
der Schweif partikel zu erklären. Zu diesem Zweck wurden die aus 
Beobachtungen hypothetisch erschlossenen Originalprozesse mittels 
eines Plasmabeschleunigers im Labor simuliert. Auf hohe Strö- 
mungsgeschwindigkeit gebrachtes Wasserstoff gas ersetzte den von 
der Sonne ausgehenden Photonensrrom, ein aus festem Kohlenstoff 
bestehender ModeiLkomet den Originalkometen. Der Schweifmate- 
rie des letzteren entsprach im Modell die verdampfte Kohlensäure. 
Auch der Leucliteffekt trat m od eil seit ig auf 94 . 

Die Trans kodierung der materialen Attribute ist auch hier gut 
nachvollziehbar. Vorbehaltlich wiederum der Attribuierungsireiheit 
lassen sich Grade der strukturellen und der materialen Original- 
angleichung zumindest grob abschätzen. 



93 Als Auftrag der Weltraumbehörde NASA 1967 im Arnes-For- 
schungszentrum in Kalifornien ausgeführt. 

94 Das Modell wurde 1967 von Forschern der Advanced Kinetics 
Inc., Kalifornien, entwickelt. 




190 Graphische und technische Modelle 

Schaubild 10 gibt die Einteilung det physikotechnischea Modelle 
übersichtlich wieder. 



ffättwta&/tmscftst 

Mt></e// 



Sfc/si£/>~ fyf&mfssä- ßffltr»'. Efex/ra- £M?r<>- 

mgc/tam- mecb&nf- msc/tsßf- msefies cfom/swes 

sefies sefies sc/tes Moi/e// Mode// 

Matte// Mot/e// Merfe// 

Schaubild 10, Einteilung der physikoteebmschen Modelte. Die elektroni- 
schen Modelle sind ihrerseits in elektronische Funktionsmodelle und Com- 
putermodelle eingeteilt. Einzelheiten im Text 



2.2.4 Bio-, psycho- und soziotechnische Modelle 

Zum vorliegenden Abschnitt sei der Leser zunächst an die Vor- 
bemerkungen in 2.2.2 (S. 175 f.) erinnert. Bio-, psycho- und soziotech- 
nische Modelle haben ihre Originale überwiegend gleichfalls im 
Bereich des organisch-organismischen, des psychischen und des sozia- 
len Geschehens. Sie sind zumeist manipulationstechnischer Natur und 
weisen hohe Originalverkürzungen auf. 

2.2,4.1 Biotechnische Modelle 

Aus der biologischen Forschung ist zunächst auf Modelle zu ver- 
weisen, die als relativ übersehbare, in Einzelheiten vergleichsweise 
gut bekannte organismische Teilsysteme andere orgamsmische Teil- 
systeme von meist größerer struktureller oder funktioneller Kom- 
plexität repräsentieren, Dabei sind .allerdings nicht selten die Gren- 
zen zwischen Modell (im engeren, attributenabbildenden Sinne) und 
Beispiel verwischt BS . Das Gesagte kann modell- wie originalseitig 
unter Umständen auf ganze Organismen erweitert werden. In allen 



95 Z. B. wenn die Retina als „Modell" für die funktionale Organisa- 
tion des Nervensystems gesetzt wird. Vgl. E. Vallecalle und G. SvAETt- 
CHJN, 1961. 



Bio-, psycho- und sozio technische Modelle 191 

diesen Fällen dient die Modellierung dem Informationsgewinn über 
das Original System. 

Entsprechend für die Medizin. Hier ist an die zahlreichen Tier- 
versuche zu denken, die Aufschlüsse über Krankheitsursachen und 
-verlaufe im menschlichen Organismus geben sollen. Dem modell- 
seitigen Tierversuch steht original sei tig der betreffende strukturell- 
funktionelle Organbereich im menschlichen Organismus gegenüber. 
Als Beispiele können etwa Versuche mit Meerschweinchen angeführt 
werden, mit denen beabsichtigt war 9ä , entzündliche Erscheinungen 
im menschlichen Zentralnervensystem ursächlich aufzuhellen und 
diesbezügliche Erklärungshypothesen zu überprüfen. Der Experimen- 
tator untersuchte modellseitig das Zusammenspiel der Hauptfakto- 
ten eines Wechselwirkungssystems, von dem ein Untersystem bei 
den Tieren Störungen hervorgerufen hatte, die der multiplen Skle- 
rose ähnlich waren. Die aus der Untersuchung gewonnenen Vorstel- 
lungen über das modellseitige Krankheitsgeschehen übertrug er auf 
die entsprechenden originalsei tigen Vorgänge beim Menschen. Da- 
bei mußte er, gleichfalls experimentell, die Verläßlichkeit der zur 
Hypothesen üb ertragung notwendigen Analogieschlüsse prüfen. 

Je verwickelter das originalseitige Geschehen, desto wichtiger 
und schwieriger die Verläßlichkeitskontrolle für den Modell-Origi- 
nal-Transfer: H. Selye hat bekanntlich die unter mannigfach mit- 
einander verflochtenen Bedingungen verlaufenden psychosomatischen 
Anpassungskrankheiten des vegetativ -hormonalen Regelungssystems 
beim Menschen in Tierexperimenten naebzu vollziehen versucht 97 . 
Abgesehen von allen sonstigen Schwierigkeiten der Modellanalyse, 
sah er sich immer auch vor die besondere Aufgabe gestellt, die 
Übertragbarkeit der modell sei tigen Untersuchungsergebnisse auf das 
Original geschehen nachzuweisen. Vor allem mußten Transferierungs- 
kriterien für die Reaktionsschemata bei Mensch und Versuchstier 
für unterschiedliche streßerzeugende Bedingungen erarbeitet werden. 

Weitere Beispiele zum biotechnischen Modelltyp findet man im 
Zusammenhang der Erforschung phylogenetischer Prozesse, Um In- 
formation über das der Hominisation zugrunde liegende selektions- 
prozessuale An passungs geschehen wenigstens in Hauptverlaufsfor- 
men zu gewinnen, sind Bakteriengesamtheiten mit rascher Genera- 



96 1967 von G. Szigo am Pathologischen Institut der Universität 
Melbourne. 

97 Vgl. H. Selye, 1959. 



192 Graphische und technische Modelle 

tionenfolge, z.B. halbstündiger Generarionsdauer, untersucht wor- 
den 98 . Den originalseitigen Mutanten entsprachen auf der Modellseite 
die bakteriellen Erbvarianten; die unter natürlichen Umweltbedingun- 
gen verlaufende originalseitige Selektion der Mutanten wurde wieder- 
gegeben durch die modellseitige Mutantenselekrion bei künstlich ver- 
änderten Milieus. (Daß sich derartige biotechnischen Modellierungen 
mit Computer-Modell rech nungen vorteilhaft verbinden lassen, zei- 
gen z. B. Untersuchungen der Evolution metrischer Schädelmerkmale 
des Neandertalers bzw. Homo sapiens durch F. B. Livtngstone.) 
— Das (allerdings keineswegs unumstrittene) biogenetische Grund- 
gesetz gibt Anlaß für potentiell ebenso viele ontogenetische „Reka- 
pitularions"-Modelle stammesgeschichtlicher Entwicklungslinien, wie 
sich individuelle natürliche Organismen als derzeitige Endglieder 
der einzelnen phylogenetischen Formenreihen unterscheiden lassen. 
Bei diesen Modellierungen phylogenetischer Zusammenhänge han- 
delt es sich um außerordentlich hohe Zeitkontraktionen bei nur 
sehr geringen strukturellen Originalangleichungen sowie mittleren 
Graden der materialen Angleichung. In derartige Charakterisie- 
rungen gehen natürlich gerade im Bereich der biotechnischen 
Modellbildungen starke Unsicherheiten ein. Die Abschätzungen 
der Struktur- und der Kodeadäquationsgrade können hier nur 
auf Grund recht vager und überwiegend intuitiver, von Betrachter 
zu Betrachter unterschiedlicher Attribuierungen zumal des model- 
lierten Originals geleistet werden. Man darf nicht vergessen, daß 
bislang allgemein -modell theoretische Orientierungshilfen gänzlich 
fehlten, daß insbesondere interdisziplinär anwendbare Methoden des 
quantitativen Modell -Original- Vergleichs nicht verfügbar waren. 

2.2.4.2 Psycho- und sozio technische Modelle 

Das zuletzt für die biotechnischen Modelle Ausgeführte gilt natür- 
lich auch und besonders für die psycho- und soziotechnischen Mo- 
dellbildungen. Hier ist es im übrigen so, daß man zunächst Um- 
schau halten muß, um instruktive Beispiele von Modellen zu finden, 
die aus einzelnen somato-psychischen Organismen und nicht aus 
Gruppen solcher Organismen bestehen. Dies hat seinen Grund einmal 
darin, daß die experimentelle Psychologie, der die wissenschaftlich 
interessanten psychotechnischen Modelle zugehören, erst 1860 über- 



58 Beschreibung dieses Versuchs durch R W. Kaplan in einem Rund- 
funkvortrag am 13. 9. 1965. 



Bio-, psycho- und soziotechnische Modelle 193 

haupt ins Leben gerufen wurde und eine experimentelle Tierpsy- 
chologie, wohl die eigentliche Domäne psychotechnischer Modell- 
bildungen, erst seit der letzten Jahrhundertwende existiert. Zum 
zweiten sind die besonderen Schwierigkeiten zu bedenken, die der 
experimentellen Isolierung psychischer Teilprozesse entgegenstehen, 
und schließlich sind dem Experimentieren nicht nur mit Menschen, 
sondern auch mit Tieren in rech dich er und sittlicher Hinsicht Gren- 
zen gezogen. Immerhin kann auf die große Zahl psychotechnischer 
Modelle hingewiesen werden, die dem Aufbau, der Prüfung und der 
Verbesserung, insbesondere auch der Erweiterung von Lerntheorien 
dienen. Bei den zugehörigen Originalen handelt es sich im allgemei- 
nen nicht um von konkreten Organismen und deren Außenwelten 
gebildete Kommunikationssysteme. Vielmehr kommuniziert ein ent- 
sprechend der je zugrunde gelegten lernhypothetischen Vorstellung 
typisierter, statistisch gemittel ter und jedenfalls gedachter Organis- 
mus als abstraktes Input-Output-System mit einer gleichfalls typi- 
sierten und gedanklich srark vereinfachten Außenwelt, Solche Origi- 
nale sind oft ihrerseits lediglich Umgangs- oder episprachlich be- 
schriebene, stark vereinfachende Modelle, deren näherer Aufbau 
dem je in Frage stehenden lerncheoreüschen Ansatz entspricht (Ler- 
nen durch Versuch und Irrtum, Lernen am Erfolg, einsichtiges Lernen, 
motiviertes Lernen, soziales Lernen usw.). Sie werden unbeschadet 
ihrer mangelnden Konkretheit auf konkrete psychotechnische Mo- 
delle abgebildet. Dem Original -Organismus ist als Modell -Organis- 
mus ein konkreter Mensch, Hund 89 oder Schimpanse 100 , eine kon- 
krete Ratte 101 usw., der typisierten Original- Außenwelt die stark 
vereinfachte, auf meist nur wenige Faktoren reduzierte Modell- 
Außenwelt zugeordnet. Die Aufmerksamkeit des Experimentators 
richtet sich vornehmlich auf das In put-Output- Verhalten des Modell- 
Organismus bei wechselnden Modell- Außenweltverhältnissen. Die 
Übertragbarkeit der Ergebnisse der Modell analyse auf das Original- 
System setzt wiederum die Existenz von — empirisch zu erarbei- 
tenden — Transferierungskriterien voraus, deren Erfülltsein im ein- 
zelnen nachzuweisen ist. 

Mit den gruppen dynamischen Modellen der Sozialpsychologie 
ist eine psychotechnische Modellart bereits im Obergangsfeld zu den 



99 Z. B. bei Experimenten I. P. Fawlows. 

100 Z. B. bei W. Köhlers Experimenten. 

101 Z. B. bei den Experimenten von C. L. Hüll. 



194 Graphische und technische Modelle 

sozio technischen Modellen erreich*. Die gruppendynamischen Expe- 
rimentalrnodelle dienen bekanntlich dem Studium z. B. von Fragen 
des Kontaktes und der sozialen Distanz, der Rangordnung, Srereo- 
typenbildung, Rollendifferenzierung usw. innerhalb von Gruppen. 
Neben der verkürzenden Originalmodellierung kommen hier vor 
allem Methoden des Gruppe nverglekbs zum Zuge. 

Zur exemplarischen Verdeutlichung des zuletzt Gesagten soll eine 
Modellanalyse Erwähnung finden, die dazu diente, die Anhängigkeit 
der gegenseitigen Beeinflussung der Mitglieder einer Gruppe vom 
Grad des Gruppenzusammenhalts zu studieren 102 . Hierzu wurden 
insgesamt 60 Zweipersonen-Gruppen gebildet. Der Versuchsleiter 
legte den beiden Mitgliedern jeder Gruppe getrennt je drei Bilder 
zur schriftlichen Interpretation vor. Obgleich jede Versuchsperson 
glauben gemacht wurde, beide Gruppenmitglieder hätten die glei- 
chen Bilder gesehen, waren tatsächlich die dem einen Mitglied vor- 
gelegten Bilder um ein geringes von den Bildern verschieden, die 
dem anderen Gruppenmitglied vorgelegt wurden, und zwar diffe- 
rierten die Bilder gerade in einem Maße, das eine merkliche Ab- 
weichung der jeweiligen Interpretation gewährleistete- Die Diskus- 
sion hatte aufforderungsgeraäß die beiderseitigen Interpretationen 
der vermeintlich gleichen Bilder zum Gegenstand. Nach Beendigung 
des Meinungsaustausches mußten beide Gruppenmitglieder, wieder- 
um getrennt, jeweils ihre erste Interpretation durch eine zweite er- 
setzen, die nach Möglichkeit in der Diskussion gewonnene neue 
Erkenntnisse, Einsichten und Orientierungen berücksichtigen sollte. 
Im übrigen waren aus der Gesamtmenge det 60 Paare genau 
30 Paare ausgesondert worden, deren Mitglieder zu Beginn des 
Versuchs mittels geeigneter Zusatzinformationen in Richtung auf 
hohen Gtuppenzusamraenhalt beeinflußt wurden. Den Mitgliedern 
der übrigen 30 Paare wurden dagegen Zusatzinformationen gegeben, 
die geeignet waren, sie in eine neutral-distanzierte Partnerhaltung 
zu versetzen. Das Ergebnis des Versuchs 103 ließ sich unter gewissen 
Voraussetzungen auf komplexere Gruppen übertragen. Diese Origi- 



102 Vgl. K. W. Back, 1351, sowie am Zusammenhang mathemati- 
scher Modellanalysen H. A. Simon, 1957, p. 121—124. 

103 Es bestand qualitativ in der Feststellung, daß die Mitglieder der 
durch hohen Gruppenzusaminenhalt gekennzeichneten Paare ihre Bilder- 
interpretationen sehr viel stärker änderten, sich also sehr viel stärker 
wechselseitig beeinflußten als die Mitglieder der durch geringen Gruppen- 
Zusammenhalt charakterisierten Paare, 



Bio-, psycho- und soziotechnische Modelle 195 

nal-Gruppen konnten konkrete Gruppen oder typisierte, statistisch 
gemittelte Gedankenkonstrakte sein. In jedem Fall diente die Modell- 
analyse der Versuchsgruppen dem Informationsgewinn über das Ver- 
halten der originalseitig zugrunde gelegten bzw, angenommenen 
Gruppen, 

Weitere Beispiele psychorechnischer Modelle aus dem Umkreis 
der Gruppen-, Völker- und Kulturpsychologie lassen sich in großer 
Zahl anführen. Einige kurze Hinweise dürfen genügen. Jede de- 
moskopische Repräsentativgruppe einer Bevölkerung kann als auf 
je bestimmte Aufgaben zentriertes Modell dieser Bevölkerung be- 
trachtet werden. Eine relativ abgeschlossene schriftlose Kultur, z.B. 
diejenige der Zuni im Südwesten Nordamerikas 10 *, kann als zeit- 
liches Querschnittsmodell menschlicher Kulturentwicklung studiert 
werden. Das zu erforschende hochkomplexe Original wird in die- 
sem Fall durch eine seiner Verwirklichungsformen repräsentiert. 

Wo immer sozio technisch experimentiert wird, besteht die Hoff- 
nung, prognostizierende Theorien über soziale Prozesse entwickeln 
zu können. Da konkret-einmaliges Geschehen nicht im erfahrungs- 
wissenschaftlichen Sinne szientifizierbar ist 105 , bleibt dem erfah- 
rungswissenschaftlich orientierten soziologischen Theorienbildner 
nur der Weg, jenes Geschehen auf künstliche Weise, etwa durch 
Simulationsmodelle im Labor, reproduzierbar und somit anderen 
Geschehensabläufen exakt vergleichbar zu machen. Je rigoroser da- 
bei die durch das Simulationsmodell geschaffene Original Verein- 
fachung ist, desto problematischer wird im allgemeinen die Über- 
tragung der Ergebnisse der Modell analyse auf das Originalgesche- 
hen und desto schwieriger gestaltet sich entsprechend die Hypo- 
thesenkontrolle. 

Hierzu ein Beispiel für viele: Um internationale Beziehungen auf 
Gesetzmäßigkeiten zu untersuchen, wurden Zweipersonen -Gruppen, 
deren jede genau einen Staat repräsentierte, zu einem informatio- 
nellen Gesamtsystem verkoppelt 106 . Faktoren des Originalgesche- 
hens, z.B. der diplomatische Verkehr zwischen den Staaten, deren 



104 Untersucht von R. Benedict, 1934 (1949), p, 51—118. 

105 „Denn jede Generalisierung gründet sich auf den Vergleich. Wenn 
aber nichts Vergleichbares existiert, mit welchem Gemeinsames besteht, ist 
die generalisierende Szienrifikarion nicht möglich." (K. E. Rothschuh, 
1959, p. 25). 

106 Vgl. H. Guetzkow, 1962. 

13 SEacbowiik, Modelhheorit 



196 



Semantische Stufen und semantische Modelle 



unterschiedliche Machtpositionen, Konferenzen mit Vertragsabschlüs- 
sen, Zeirungspropaganda, innenpolitische Sicherheit oder Unsicherheit 
im Zusammenhang mit außenpolitischen Erfolgen bzw. Mißerfolgen 
und dergleichen, wurden durch bestimmte Verhaltensweisen der 
Versuchspersonen simuliert und in ihrem sich während des Ver- 
suchs entfaltenden modellseitigen, abbildhaften Geschehen analysiert. 
Die Schwierigkeit der Deutung und Auswertung der Versuchsergeb- 
nisse liegen auf der Hand. Zumindest eine heuristische Funktion 
darf man der Modellanalyse jedoch auch dann zusprechen, wenn 
die Original Verkürzung und Original Verfremdung das im allgemei- 
nen als zulässig angesehene Maß stark überschreiten. 



2.3 Semantische Stufen und semantische Modelle 






Mit den graphischen (2.2.1) und den technischen (2.2.2 bis 2.2.4) 
Modellen ist eine wesentlich auf Anschau barkeit und konkreter Her- 
stellbarkeit bzw. Manipulierbarkeit beruhende Modellhauptklasse 
abgegrenzt. Diese Hauptklasse hebt sich einerseits von den „inneren" 
Modellen der Perzeptlon und des Denkens als den internen seman- 
tischen Modellen ab. Sie unterscheidet sich andererseits von den 
explizierten externen semantischen Modellen, die sich aus Zeichen 
und Zeichenkombinationen aufbauen. Diese Zeichen sind „seman- 
tisch konventionalisiert": Es liegen Übereinkünfte über die Zeichen - 
bedeutung vor, Übereinkünfte darüber, was das jeweilige Zeichen 
bezeichnet, woßr es als Zeichen steht (nicht: wovon es Zeichen 
ist" 7 ). 

Vom graphischen Modell her ist der Übergang zum explizit- 
semantischen Modell fließend. Desgleichen derjenige zum techni- 
schen Modell. Scharfe Grenzen lassen sich hier nicht ziehen. Eine 
scharfe Grenzziehung, die auf kategoriale Differenzen hinweist, ist 
dagegen sowohl von der Hauptklasse der graphisch- physikotechni- 
schen Modelle als auch von der Hauptklasse der externen seman- 
tischen Modelle zur Hauptklasse der internen Modelle möglich 
und — zumindest für die folgenden Betrachtungen — förderlich. Die 
internen Modelle nehmen hiernach eine Sonderstellung ein. 



107 Dies wäre nach K. BÜHLER, 1934, lediglich diagnostischer Hinweis 
auf die das Zeichen expedierende Signalquelie. 



Semantische Stufen und semantische Modelle 197 

Die angedeuteten Verhältnisse sollen im votliegenden Abschnitt 
in ein Ordnungsgefüge gebtacht werden, Hierzu dient die Theorie 
der semantischen Stufen. Diese ist ihrerseits ein semantisches Modell, 
und zwar als solches ein Metamodell, da es wesentlich über seman- 
tische Modelle handelt. Aus der Theorie der semantischen Stufen 
soll vom Gesichtspunkt der Zeidienverwendung her deutlich werden, 
wie Menschen — Aktionssubjekte — „Realität verarbeiten". Zeichen 
und Aktion, Semiotik und Handlungstheorie treten in enge Bezie- 
hung zueinander. 

Semiotik ist im vorliegenden Zusammenhang die vor allem auf 
C. W. Morris und R. Carnap zurückgehende Theorie der Zeichen 
mit der Stufeneinteilung von Syntaktik, Semantik und Pragmatik 108 . 



108 Obgleich diese Stufeneinteilung weithin bekannt ist, können viel- 
leicht die nachstehenden Ausführungen für einen Teil der Leser nützlich 
sein. Die Reihenfolge der Kurzcharakterisierungen entspricht dem Gesichts- 
winkel der fortschreitenden Aspektverarmung von der Pragmatik über die 
Semantik zur Syntaktik: 

Die Pragmatik befaßt sich mit der Entstehung, den Anwendungen und 
den Auswirkungen von Sprachzeichen, bezieht sich also wesentlich auf die 
Zeichenbenutzer. Zu unterscheiden sind die deskriptive und die reine 
oder formale Pragmatik. Die deskriptive Pragmatik untersucht die Zusam- 
menhänge zwischen den Sprachzeichen und individuellen wie gesellschaft- 
lichen Verhältnissen der Zeichenben uezer (Persönlichkeitsaufbau, sozial- 
kulturelle Strukturierungen, soziale Funktionen usw.), die reine Pragmatik 
erarbeitet als logische bzw. methodologische Disziplin die für die exakte 
Behandlung deskriptiv-pragmatischer Fragen erforderlichen allgemeinen 
Begriffe und Regeln. Vgl. G. H. Mead, 1934; C. W. Morris, 1946; R. M. 
Martin, 1959. 

Die Semantik untersucht lediglich die Spraehzeichen und deren Desi- 
gnate. Sic sieht also vom Zeichen Benutzer ab, bezieht jedoch die Referenda, 
das, worauf die Zeichen verweisen (Gegenstände, Sachverhalte, Begriffs- 
bedeutungeu), in die. Betrachtung ein. Nach C, w". Morris läßt sich die 
Semantik entsprechend der Mehrdimension elitär des Bcdeutungsbe griff s 
einteilen in formative, designaüve, appreziative (schätzende, beurteilende) 
und präskriptive (vorschreibende) Semantik. Die formative und designative 
Semantik konstituieren zusammen die im weiteren Sinne logische Seman- 
tik. Diese stellt insbesondere allgemeine Begriffe und Regeln für die For- 
schungen der appreziativen und der präskriptiven Semantik zur Verfugung. 
Die Untersuchungen der appreziativen und präskriptiven Semantik be- 
ziehen sich auf Zeichen, die in Mythologie, Religion, Ethik, Rechtswesen, 
Kunst usw. auftreten. Vgl. C. W. Morris, 1946, und R. Carnat, 1942. 

Die Unterscheidung zwischen Pragmatik und Semantik ist von der- 
jenigen Künstlichkeit, die man oft an wissenschaftlichen Modellbildungen 
zu beobachten hat. Daß sie pragmatisch legitim ist, erbellt aus den Er- 

13* 



198 Semantische Stufen und semantische Modelle 

Sie ist hier wesentlich Theorie der Sprach zeich en, linguistische Se- 
.miorik. Linguistik ist dabei weiter gefaßt als „Sprachwissenschaft°\ 
Sie ist zu verstehen als allgemeine Theorie der Kommunikations- 
■systeme folgender Charakteristik 109 : 

1. Die Kommunikationssysteme sind in elementare Informarions- 
einhetten zerlegbar, denen ein semantischer und ein materieller 
Aspekt zukommt („Form der Information" und „Substanz der Infor- 
mation" 11 »). 

2. Unter materiellem Aspekt (als „Substanz der Information 11 , 
als „materielle Information") sind diese Einheiten weiter zerlegbar 
in a) perzeptuelle (visuelle, auditive usw.) und b) arrikulatorische 
„Ausdrucksatome", deren Gesamtheiten in Systeme von Äquivalenz- 
klassen zerfallen. Von besonderer Bedeutung ist das System der per- 
zeptuellen Äquivalenzklassen. Es liefert ein (kleines) Repertoire 
typisierter „sub-semantischer" Elementarbausteine, aus denen sich 
alle überhaupt möglichen Ausdrücke des betrachteten Kommunika- 
tionssystems konstituieren lassen. 

Kommunikations- oder Zeichen Systeme, die beide Bedingungen 
erfüllen, heißen taxemisch. Alle gesprochenen Sprachen als Sprachen 
im engeren Sinne sind hiernach taxemische, speziell phonemische 
Zeichensysteme. Sogenannte Tiersprachen scheinen dagegen, auch 
wenn sie, wie z. B. die „Sprache" der Delphine, recht hohe Differen- 
zierungsgrade aufweisen, der phonemischen Auflösung ihrer Informa- 



kenntnisfortsch ritten, die sich aus der Beschränkung auf bestimmte opera- 
tive Aspekte ergeben. 

Das zuletzt Gesagte gilt entsprechend für das Verhältnis der Semantik 
zur Syntaktik, der es nur noch auf die Art und Anordnung der Zeichen 
ankommt, die also aüe pragmatisch und semantisch relevanten Momente 
vernachlässigt. Je nachdem, ob man die Syntaktik einer natürlich&i oder 
einer künstlichen (formalen) Sprache betreibt, bewegt man sich in den 
syntaktischen Subdisziplincn der strukturellen Linguistik einerseits und der 
logischen Syntaktik oder logischen Syntax andererseits. Während die struk- 
turelle Linguistik (Morris) das eine Sprache formal charakterisierende 
Strukrursy stem von Grundzeichen und Zeichenverknüpfungen auf analy- 
tischem Wege zu erarbeiten sucht, leistet die logische Syntaktik vor allem 
die Konstruktion kalkulierter künstlicher Sprachen. Vgl. Z. S. Harris, 
1951; C. W.Morris, 1946; R. Carnap, 1934, 1960. 

109 Gemäß den Grundbestimmungen von A. Martinet, 1963. 

110 Vgl. W. Meyir-Eppler, 1959, p. 172 f. Ich verwende anstelle von 
„Substanz der Information" den Ausdruck „materielle Information". 



Die Theorie der semantischen Stufen 199 

tio iiseinheiten nicht zugänglich. Allerdings sind diese Zusammen- 
hänge noch keineswegs genügend erforscht. Wahrscheinlich hat man 
sich phylogenetisch und diachronisch die Übergänge von einfachsten 
kommunikativen Ausdrucksformen bis zu den grammatisch differen- 
zierten menschlichen Sprachen fließend zu denken, unbeschadet der 
unterschiedlichen Entwicklungsgradienten der phonetischen Diffe- 
renzierung 111 . 



23.1 Die Theorie der semantischen Stufen 

In dem Metamodell der semantischen Stufen kommt eine Dreischich- 
tung der kommunikativen Welt zum Ausdruck, so wie diese Welt 
vom einzelnen Menschen in der intellektuellen Dimension seines 
informationellen Habitus erlebt wird. Keine, der drei Schichten ist 
einer anderen funktionell oder enrwicklungsmäßig vorgelagert. Alle 
drei Schichten sind in allen Zeichenfunktionen wechselseitig auf- 
einander bezogen. 

Die erste Schicht ist diejenige der Zeichenr-niger, der Gesamtheit 
der materiellen Information. Sie grenzt an den morphologischen Zei- 
chenbereich. Die zweite Schicht beinhaltet die bedeutungserzeugen- 
den psychischen Funktionen, vornehmlich Bewußtseinsfunktionen, 
die die kommunikativen Zeichengestalten vom „Ichpunkt" n - des 
Menschen her ins Leben rufen. Es ist dies die Schicht der internen 
Wahmehmungs- und Denkgebilde, auf faßbar als aktives Vermitt- 
lungssystem zwischen der ersten und der dritten Schicht- Die dritte 
Schicht ist diejenige der semantischen Information, die ,j; t m -, eigent- 
lichen Sinne bedeurungstragenden Zeichen beinhaltet. Sie konsti- 
tuiert sich in der eigentlichen Kommunikation unmittelbar „über" 
den morphologischen Zeichengestalten der ersten Schicht. 



111 Zur Sprachevolution vgl. die zwar nicht auf die zweite Martjnet- 
sche Bedingung Bezug nehmende, jedoch für die Genesis von Sprache 
durchaus relevante Schrift von G. Hopp, 1970, insbesondere p. 3 — 45. 

112 Der Ausdruck Jchpunkt" bezeichnet in Rothackers tiefenpsy- 
chologisch orientiertem Modell der Persönlichkeitsschichten (E. Rothacker, 
1952) das organisierende, steuernde und kontrollierende Zentrum des kor- 
tikalen Systems der die Person und die Ttcfenperson umfassenden Schich- 
ten. Im Metamodell der semantischen Stufen ist der hhpunkt vor allem 
semantischer Organisator, semantisch dekodierende und enkodierende In- 
stanz. 



200 Semantische Stufen und semantische Modelle 

2.3.1.1 Die nullte semantische Stufe 

Die Schicht der materiellen Information fällt vollständig mit der 
nullten oder uneigentlichen semantischen Stufe zusammen. Diese 
Stufe hat Basis- und damit Tragerfunktion, Sie erscheint im Licht 
der Semiotik nicht unter schlechterdings physikalisch-chemischem 
Gesichtswinkel, sondern unter dem Gesichtswinkel raumzeitlicher 
und materiell-energetischer Zuständlichkeit von zeichen- und kom- 
munikarionstheo retischer Relevanz. Die physikalische Betrachtungs- 
weise als solche hat lediglich M/swissenschaftliche Funktion, 

Zur nullten semantischen Stufe gehören vornehmlich die als 
Phoneme, Grapheme usw., allgemein Taxeme (von täfa — Ord- 
nung) bezeichneten „Ausdracksatome". Indes erschöpft sich in die- 
sen diese Stufe keineswegs. Sie erstreckt sich vielmehr über die man- 
nigfach individuierten realen 118 artikulatorischen und perzeptuellen 
Ausdruckssegmente bis zu den sich weiter vermannigfaltigenden 
signalparametrischen Strukturen, für deren quantitative Erschlie- 
ßung zuständig sind: die Struktur theorie der Signale 11 *, die Symbol - 
Statistik und die statistische Informationstheorie der Übertragungs- 
systeme einschließlich der Subtheorie der gestörten Systeme 115 . Von 
hier aus geht der signal theo retische Unterbereich in die Forschungs- 
gebiete der zuständigen physikalischen Disziplinen über. 

Folgt man andererseits, wieder ausgehend von den taxemischen 
Gebilden, der zweiten Erstreckung, so gelangt man an die morpholo- 
gische Begrenzungsebene des Zeichenträgerbereichs. Diese Ebene der 
Morpheme ist gleichzeitig Springfläche der explizit bedeutungtragen- 
den Zeichengestalten und damit der Schicht der eigentlichen Kom- 
munikation; denn jedes materiell-energetisch realisierte, z. B. ge- 
sprocbene Zeichengebilde ist aus typisierten bedeutungtragenden 
Elementargebilden aufgebaut. 



113 „Real" im Vergleich zu den taxemiscben Typen, die Abstraktions- 
modelle ihrer Realisationen sind (eine Klasse von „realen" Phonen bildet 
ein Phonem). 

114 Ansätze hierzu auf informationstheoretischer Grundlage bei 
W. Meyer-Eppler, 1959, p. 5—39. 

115 Sie spielen in der informationstheoretischen Heuristik eine erheb- 
liche Rolle. Leider stellen sich einer quantitativen Semantementheorie, die 
für die exakte Beschreibung heuristischer und überhaupt kreativer Pro- 
zesse von großer Bedeutung wäre, starke Schwierigkeiten entgegen. Vgl. 
de Saussure, 1959; A, A. Moles, 1958a; G. Eichhorn, 1961. 



Die Theorie der semantischen Stufen 201 

(Die Annahme von außerhalb des einzelnen Bewußtseins existie- 
renden realen „Entitäten" der nullten semantischen Stufe, sie mögen 
„unterhalb" der Morphem -Ebene dem taxemisch-taxischen oder sub- 
taxischen Bereich angehören, ist natürlich weit entfernt von erkennt- 
nistheoretischem Realismus und Materialismus. Sie ist modellisttsch 
zu verstehen, als neopragmatisch gerechtfertigte Modellhypothese, 
zu der zu greifen von dem hier eingenommenen Standpunkt aus 
zweckmäßig und zieladäquat scheint. Man müßte zudem ohne jene 
Existenzhypothese zu aufwendigen und noch künstlicheren Mitteln 
greifen, um das Woher der „materiellen" Zeichen konstituenten zu 
erklären und dabei den Schwierigkeiten des sensualistischen Solip- 
sismus zu entgehen. Wer indes das hier vorgelegte Strukturmodell 
in sonstigen wesentlichen Zügen akzeptiert und den hypothetisch - 
mod eil istischen Quasi-Realismus jener Existenzannahme durch einen 
„echten" erkenntnis theoretischen Realismus ersetzen und diesen in 
die Theorie der semantischen Stufen hereinnehmen will, der mag 
dies tun — oder er mag irgendeine andere diesbezügliche Position 
einnehmen. Das Gewicht hegt im gegebenen Zusammenhang nicht 
auf der Entscheidung zwischen Realismus, Immanenzphilosophie, 
„Posirivismus" usw. — was letzdich eine Frage der Weltanschauung 
ist — , sondern auf den pragmatisch- logischen und konstruktiv-ope- 
rativen Überlegungen, aus denen sich die Architektur des Modells 
der semantischen Stufen entfaltet.) 

Die explizit-semantische Information der dritten Schicht der 
kommunikativen Welt wird vom Zeichen expedienten erzeugt (ko- 
diert, en kodiert) und vom Zeich enperzipienten nacherzeugt (de- 
kodiert). Beide Tätigkeiten beruhen auf ich-internen Funktionen der 
zweiten Schicht. Auf der Expedienten sei te müssen motorische Pro- 
gramme (Befehlsabfolgen) für die zeichenexpedierenden Effektoren- 
systeme intern antizipiert, auf der Pcrzipicntcnsrire die empfange- 
nen Signale und Signaffolgen ebenfalls intern dekodiert, semantisch 
erschlossen werden. 

2.3.1.2 Haupteinheiten der verallgemeinerten Linguistik 

Bevor auf die Funktionen/Gebilde der ersten semantischen Stufe 
eingegangen wird, sind einige für die Theorie der semantischen Stu- 
fen fundamental wichtige Begriffe ins Licht zu rücken. Kybernetisch 
relevant sind dabei gewisse kommumkations- und informations- 
theoretische Verallgemeinerungen der sprach theoretischen Linguistik. 
Was die zuständigen Disziplinen betrifft, so sind zu unterscheiden: 



202 Semantische Stufen und semantische Modelle 

a) auf der Ausdruckssehe eine die Phonetik und Phonologie 110 
nunmehr auf alle zeichen theoretisch funktionellen Sinnesmodali tä- 
ten verallgemeinernde Taxetik oder Taxologie 117 , 

b) im „mittleren" Bereich zwischen der Ausdrucks- und der Be- 
deutungsseite eine gleichfalls verallgemeinerte Morphologie sowie 
eine die Syntax verallgemeinernde {Syntaktik oder) Syntaktologie nB 
und 

c) auf der Bedeutungsseite eine {allgemeine linguistische Semantik 
oder) Semologie 11 *, 

Im vorliegenden Zusammenhang soll auf Einzelheiten der in die 
Gebiete a), b) und c) fallenden, vielfach mit statistisch -informations- 
theoretischen Methoden verbundenen und derzeit stark forcierten 
Forschungen nicht eingegangen werden. Indes dürfte es für das Ver- 
ständnis der Theorie der semantischen Stufen förderlich sein, die 
basal tragenden Begriffe der verallgemeinerten Linguistik vorab we- 
nigstens glossarisch zu verdeutlichen. Hierzu die folgenden, in der 
Ordnung von Tafel 4 leicht nachvollziehbaren Erklärungen. 

Taxeme sind verallgemeinerte Phoneme. Ein Taxem ist eine 
Äquivalenzklasse von Taxen, die lautlich, gestaltlich, farblich usw. 
einander in dem Grade ähnlich „sind", daß sie in ihrer Zeichen- 
funktion von den meisten Benutzern des betreffenden Kommuni- 
kationssystems als identisch erachtet werden m - 

Obgleich etwa das d in dem Wort Dach, «-mal, womöglich von ver- 
schiedenen Zeithenexpedienten, ausgesprochen, jedesmal eine etwas andere 



116 Die Phänologie (der Prager Schule, vgl. vor allem N. S. TrltbetZ- 
koy, 1935) schränkt die auf Erforschung des Lautlichen überhaupt zielende 
Phonetik auf die semantisch und zeichen theoretisch relevanten sprachlichen 
Ausdrucksbesehaffenheiten ein. Vgl. G. HammarstrÖm, 1966, insbesondere 
p.25. 

117 Vgl. W, Meyer-Eppler, 1959, p. 275 ff. 

118 Im Unterschied zur Syntaktik im Sinne der Semiotik. Vgl, 
W. Meyer-Eppler, 1959, p. 329 ff., sowie die Begriffsbestimmungen bei 
G. HammarstrÖm, 1966, insbesondere p. 40 f. Ebensowenig wie die Mor- 
phologie gehört die linguistische Syntax bereits zum semologischen Be- 
reich. (Allerdings sieht H. Hörmakn, 1967, p. 230, den Rubikon vom 
bloßen Ausdruck zur Bedeutung bereits zwischen Phonerik bzw. Phono- 
logie und Morphologie.) 

119 Dieser Ausdruck, wohl erstmals, bei A. Noreen, 1923, p. 200. 

120 Zu den folgenden Ausführungen des Abschnitts 2.3.1.2 vgl. 
G. HammarstrÖm, 1966. 



Die Theorie der semantischen Stufen 



203 



Tafel 4. Haupteinheiten der verallgemeinerten Linguistik 

(zum Teil in Anlehnung an G, Hammarström, 1966, und W. Meyer- 
Eppler, 1959). Die Taxe der einzelnen Sinnesmodalitäten sind Phone, 
Grapke, Chrom usw., die Taxeme entsprechend Phonente, Grapheme, 
Chroneme usw. Syntax ist Oberbegriff von Syntagme, Periode und Kon- 
text, Sytttaxem Oberbegriff von Syntagmem, Periodem und Kontextem. 
Eingerahmte Einheiten sind Elementareinheiten der betreffenden Betracb- 
tungsebene bzw. Disziplin, Daß das Lex bzw. Lexem, obgleich zur Mor- 
phologie gehörend, gleichwohl syntaktologische Elementareinheiten sind, 
deuten die gestrichelten Linienführungen an. — Weiteres im Text. Die 
Pfeile weisen von den „Form "-Einheiten auf deren Bedeutungen. Ein Sem 
bzw. Semem ist die einem Morph bzw. Morphem zugeordnete Bedeutung; 
die Bedeutung eines Lex bzw. eines Syntax wird Semant, diejenige eines 
Lexems bzw. Syntaxems Semantem genannt. — Der Begriff „semantische 
Information" ist wie überhaupt innerhalb der Theorie der semantischen 
Stufen in einem weiteren Sinne als demjenigen des semiotischen Semantik- 
begriffs zu verstehen. „Semantisch" heißt hier allgemein soviel wie „bedeu- 
rungsbezogen" unter Einbeziehung auch der (hier noch nicht spezifiziert 
herausgearbeiteten) pragmatischen Momente 



Infar- 
msfw/rs- 



ß/sz/pti/t 



m&ffgema'nerf&TliagV'&'t 
f/rcf/Wifi/e// 



r?a//s/erfe 



fuß/sterte 

f/J?/!S/f fff3SSe, 



il 



Tixafagfc 



[ar | 



| Taxen; \ 



Morp/ro/eg/e 




ifyfi/afrfa/og/e 






i— j^fcyferj 



SyßtJX— | 



tfemo/cyM 



-: Sem 



~\ Semem\ 



204 Semantische Stufen und semantische Modelle 

Aussprache erfährt, werden diese [d]^ [d] s , . . . , [d] n der gleichen Klasse, 
dem Phonem Idi zugeordnet. Genauer bilden die [d]i (i = 1, . . . , w) eine 
als Allophon (verallgemeinert: Allotax) bezeichnete Unterklasse [dj' des 
Phonems tdl. Ein weiteres, ebenfalls zu Idi gehöriges Allophon [d]" erhält 
man z. E. durch nt verschiedene lautäquivalente Aussprachen des d in dem 
Wort Durst. Außet diesen beiden gehören noch zahlreiche weitere Alto- 
phone zum Phonem Idi. Das hier an einem Beispiel der Phonologie Erläu- 
terte ist auf taxologische Klassenbildungen überhaupt zu verallgemeinem. 

Die Frage nach der Anzahl der zu einem Taxem gehörigen Taxe 
ist nicht eindeutig beanrwortbar. Von den möglichen und tatsäch- 
lichen „freien" Variationen der zeichenproduzierenden Effektoren- 
systeme, z. B. der Sprechwerkzeuge her gesehen, ist diese Zahl meist 
unübersehbar groß. Vom Standpunkt physikalischer Quantifizierun- 
gen, z. B. akustischer Messungen, ist sie zwar kleiner, aber immer 
noch sehr groß. Sie ist verhältnismäßig klein, wenn man das natür- 
liche perzeptuelle, z. B. auditive menschliche Untersch ei dungs ver- 
mögen zugrunde legt. Wesentlich kleiner als die Taxzahl ist selbst- 
verständlich wegen der Klassenbildungen die Taxemzahl. Aus den 
Taxem en eines kleinen Repertoires (eine Sprache im engeren Sinne 
hat z. B. durchschnittlich etwa 30 Phoneme) wird die Gesamtheit 
aller Zeichen und Zeichensequenzen des betreffenden Kommuni- 
kationssystems gebildet. 

An die taxologischen lassen sich unmittelbar die morphologi- 
schen Bestimmungen anknüpfen- Ein generalisiertes Morph — ver- 
allgemeinert aus der Morphologie der gesprochenen Sprachen — ist 
eine von jemandem zu bestimmter Zeit faktisch expedierte kürzeste 
Taxfolge (als Realisation einer Taxemfolge), der genau eine selb- 
ständige Bedeutung (Bedeutung hier als Bewußtseinszuständlichkeit) 
zukommt. Diese Bestimmung wird oft nicht zu eindeutigen Urteilen 
führen, so daß Konventionen nötig werden darüber, welche psychi- 
schen Funktionen genau eine Bedeutung konstituieren 121 . 

Ein Morphem ist die Klasse aller Allomorphe mit gleicher oder 
hinreichend ähnlicher Bedeutung. Dabei ist unter einem Allomorph 
eine Äquivalenzklasse von hier und jetzt expedierten Morphen zu 
verstehen, die 1. in der Taxemkombination, genauer: in der Tax- 



121 Der hier verwendete Morphbegriff hat eher eine synthetische als 
analytische Funktion: Ein Morph ist synthetisiert aus Taxemen (eigent- 
lich Taxemrealisationen). Es härte ebensogut analytisch als kleinste poten- 
tiell bedeutungtragende Forme« nheit des Zeichensystems eingeführt wer- 
den können. Ein morphemisch aufgelöstes Zeichensystem braucht daher 
nicht notwendig auch ein phonemisches zu sein. 



Die Theorie der semantischen Stufen 205 

Realisation, übereinstimmen und die 2. gleiche oder doch hinreichend 
ähnliche Bedeutung besitzen. Ein Morphem ist mithin eine je Ideinste 
Ausdrucks*, besser (in dem hier zugrunde gelegten BüHLERschen 
Sinne) Darstellungseinheit, die der Mitteilung eines noch selbständi- 
gen semantischen Inhalts dient. Letzterer zerfällt spontan, wenn das 
Morphem einem wie immer gearteten Eingriff unterworfen wird. 

Alle Mitteilungen mit Bedeutungsgehalt sind Kombinationen von 
Morphemen. Aus einem Morphem -Repertoire, das für die hier be- 
trachteten Kommunikationssysteme einschließlich der Sprachen im 
engeren Sinne höchstens einige tausend Elemente je System umfaßt, 
läßt sich eine je unübersehbare Mannigfaltigkeit von Bedeutungen 
und Bedeutungskombinationen gewinnen. 

Viele dieser Bedeutungskombinationen liefern Bedeutungs ein- 
betten höheren Grades, deren Darstellungen verallgemeinerte Lexe 
{ii$i<; = Ausdrucksweise, Stil) bzw. (verallgemeinerte) Lexeme ge- 
nannt werden. Ein verallgemeinertes Lex ist die eine Bedeutungs- 
einheit repräsentierende, tatsächlich von einem bestimmten Expe- 
dienten in einer bestimmten Zeit expedierte Folge von morphiscben 
Morphemrealisationen. Dagegen ist ein Lexem eine Äquivalenzklasse 
von Lexen, wobei zwei Lexe genau dann als einander äquivalent 
gelten, wenn 1, beide die gleiche Zahl von Morphen besitzen, 2. die 
Morphe des einen denen des zweiten umkehrbar eindeutig zugeord- 
net werden können und 3. für alle diese Morphe gilt, daß die je 
einander zugeordneten dem gleichen Morphem angehören. 

Solche Bedeutungsetnheiten höheren Grades heißen für Sprachen im 
engeren Sinne (gesprochene) Wörter. Das Wort-Lex ist das hier und jetzt 
von einem bestimmten Menschen ausgesprochene Wort, das Wort-Lexem 
die Klasse der hinreichend ausspracheähnlichen Wörter — z, B, die ver- 
schiedenen Aussprachen des Wortes Hof (wobei allerdings, worauf hier 
nicht eingegangen werden kann, Fragen der Lauteigenschaften, des vom 
Sprechenden, seiner Gestimmtheit, seinem Geschlecht, seiner Sozialgrup- 
penzu gehörigkeit usw. abhangigen Sprach aus drucks bedeutsam werden). 

Das Lex bzw. Lexem ist das kleinste syntaktologische Segment. 
Entsprechend der Verfahrensweise der gewöhnlichen Linguistik wird 
es dennoch zur Morphologie gezählt (vgl. Tafel 4, S, 203). Lexkom- 
binationen bilden das Syntax, Lexem kom bin ationen das Syntaxem. 
In Sprachen im engeren Sinne können Syntaxe Satzschemata und 
Perioden (sowie natürlich noch umfassendere Lex- bzw. Lexem- 
kombinationen) sein. Die bei diesen Gebilden auftretenden Regel- 
mäßigkeiten werden in der Syntaktologie, der zum zweiten Form- 



206 Semantische Stufen und semantische Modelle 

bereich des Zeichensystems gehörenden linguistischen Disziplin, un- 
tersucht. 

Etst mit der Semologie ist die inhaltliche, bedeutungsbezogene 
Ebene des Kommunikationssystems erreicht. Das Sem bzw. Semem 
ist die einem Morph bzw. Morphem zugehörige, für sich betrachtete 
Bedeurung. Entsprechend ist ein Semant bzw. Semantem die für sich 
betrachtete Bedeutung eines tticfa-elementaren, aus wenigstens zwei 
Lexen bzw. Lexemen zusammengesetzten Syntax. Das Semant eines 
Syntax werde allgemein mit S- Semant, das Semant eines Lex mit 
L-Semant bezeichnet; in entsprechender Weise verstehen sich die 
Ausdrücke S-Semantem und L-Semantem sowie F '-Semantem als 
Bedeurung einer Periode at . 

Von der subtaxischen bis zur periodensemantischen Ebene ist 
damit der Hauptteil des begrifflichen Instrumentariums zur implika- 
tiven {= aszendenten) Behandlung der Konstrukte der verallgemei- 
nerten Linguistik wenigstens in erster Näherung angedeutet. Was die 
Feinstruktuten sowohl innerhalb dieser Spanne als speziell auch im 
„oberen" Bereich der syntaktischen Gebilde betrifft, so findet der 
Leser von kompetenter Seite vorgelegte Analysen und Modellsynthe- 
sen, die teils mathematische Präzision erreicht haben, teils betont auf 
noch zu leistende mathematische Präzisierungen angelegt sind" 3 . 



122 Vgl. wiederum G. HammarströM, 1966, wo der Leser Einzel- 
heiten nachliest, auf die im vorliegenden Text nicht eingegangen werden 
kann. 

123 Ein diesbezügliches Modell bietet N, Chomsky, 1957, in Gestalt 
seiner „ Trans formatjonsgrammank" (kurzer Abriß in K.-D. Bünting, 
1971). Auf der Seite der „Kybernetischen Linguistik* 1 (die einer kyberneti- 
schen Handlimgsrheorie zu integrieren wäre) ist von A. Hofpe und dei 
von ihm geleiteten Forschungsgruppe LIMAS, Bonn, eine den transfor- 
mationelJen wie generativen Aspekt der zeitgenössischen Linguistik in 
gewissem Sinne erweiternde Kommunikative Grammatik entwickelt wor- 
den. In Hoppes Linguistik- Konzept ist eine Sprache ein funktional- 
operatives System und der sprachliche Formulierungsprozefi durch wohl- 
spezifizierbare innere Steuerungsfaktoren beschreibbar, deren Gesamtheit 
die „MetaÜngua" der betreffenden Sprache bildet. Dieser Beschreibungs- 
modus, der sich keiner Deskriptoren und keiner morphologischen Gram- 
matik bedient, erlaubt u. a. maschinelle Satzanalysen und -synthesen sowie 
zahlreiche Computeranwendungen wie automatische Erkennung meta- 
phorischer Ausdrucke, automatische Ergänzung von nur halb formulierten 
Ambiguitätcn, automatische Verfertigung von Texr-Kurzfassuneen und der- 
gleichen mehr. Überblick in A. Hoppe, 1969. 



Die Theorie der semantischen Stufen 207 

Die in diesem Zwischenabschnitt zusammengestellten Einheiten 
der verallgemeinerten Linguistik sind identisch mit den auf der 
Ebene der „Langue" m angesiedelten Bausteinen, aus denen die 
Zeichen-Modelle des explizit- semantischen und eigen dich -kommu- 
nikativen Raumes zusammengeseizt sind. Dieser Raum umfaßt die 
zweite, dritte usw. semantische Stufe (2.3.1.4 bis 2.3.1.6). Es wird 
sich zeigen, daß die operativen linguistischen Entitäten der eigent- 
lichen Kommunikation, wie sie sich auf den letztgenannten Stufen 
abspielt, in einer Original- Modell-Relation zueinander stehen: die 1 
Gebilde einer Stufe sind Modelle der Gebilde der unmittelbar vor- 
angehenden Stufe. Die Stufenhierarchie der eigentlichen Kommuni- 
kation hat dabei ihren Basisbereich bezüglich der Zeichen- und In- 
fo Tmationsträger in der nullten semantischen Stufe und bezüglich 
der aktiven Erzeugung semantischer Information (vgl. Tafel 4, S. 203) 
seitens der Kommunikationspanner in der ersten semantischen Stufe. 

Es entspricht dem generalisierenden und automativen Aspekt der 
Kybernetik, daß die Kommunikationspartner sämtlich oder zum Teil 
als K -strukturierte natürliche oder auromative Systeme aufzufassen 
sind. Auch ist zu erinnern, daß eine verallgemeinerte Linguistik 
gerade deshalb benötigt wurde, weil sich das Metamodell der seman- 
tischen Stufen weder an „Sprachen" — Kommunikations Systeme — 
eines bestimmten Typs noch an bestimmte, etwa beim Menschen 
natürlich gegebene sensorische oder motorische Formen der Informa- 
tionsübertragung bindet. 

2.3.1.3 Die erste semantische Stufe 

Die erste semantische Stufe ist die Stufe der bezüglich eines Kom- 
munikanten internen Modeltbildungen. Sie ist eingefügt zwischen 
die Bereiche der materiellen Information (2.3.1.1) einerseits und der 
eigentlichen, auf explizitem Zeichengebrauch beruhenden Kommu- 
nikation andererseits. Zur begleitenden Veranschaulichung der fol- 
genden Abschnitte mag Schaubild 11 (S. 218) vorweg herangezogen 
werden. 

Perzeptionsmodelle, Der Signal empfang via Perzeption ist we- 
sentlich Modellbildung. Die aus den Signalmannigf al tigkeiten synthe- 
tisierten Außenwekmodelle sind Konstellationen sensorischer Äqui- 



124 „Langue" als abstraktes Sprachsystem im Unterschied zur „Pa- 
role", d. h. zur konkret aktualisierten (gesprochenen oder geschriebenen) 
Sprache. 



208 Semantische Stufen und semantische Modeile 

valenzklassen von Perzeptionsereignissen us , anders ausgedrückt: 
Konstellationen von internen Partialmodellen der Außenwelt 126 . 
Diese Partialmodelle bilden das erlernte und sich in ständigen Lern- 
prozessen wandelnde Repertoire der gespeicherten Perzeptiortsfor- 
men lii , mittels deren der Kontakt zwischen dem operativen Zen- 
trum des Menschen, Gegen wärtigungssystem nebst Informations- 
speicher, einerseits und der je speziellen, mit diesem Zentrum in 
Rückkopplung stehenden Außenwelt andererseits hergestellt wird. 
Die Außenwelt ist dabei primär als die auf den gerade betrachteten 
Menschen bezogene subjektive Außenwelt zu verstehen. Sie ist un- 
ter dem Gesichtswinkel der materiellen Information eine spezielle 
Signalverteilung, der man hypothetisch eine „objektive", besser: 
„metasubjektive" Außenwelt in Gestalt einer zeitlichen Transforma- 
tionen unterworfenen Gesömümatrix aller möglichen subjektiven 
Außenwelten supponieren kann 1 ". 

Die in der Perzeption l8S aufgebauten internen Außenweltmodelle 
haben eine basale Funktion für alle übrigen semantischen Modell- 
konstruktionen, interne wie externe. Denn auf der einen Seite bauen 
sich diejenigen «ic&rperzeptuellen internen Modelle, die als Vorstel- 
lungen, Begriffe, Gedanken usw. gelten, genetisch-kombinatorisch 
aus den erlernten und gespeicherten Perzeptionsmodellen auf; diese 
liefern das Ausgangsmatcrial, die Bausteine für die internen opera- 
tive» Prozesse, besonders diejenigen des Abstrahierens, Induzie- 
renSj Deduzierens. Andererseits konstruieren sich, wie noch auszu- 
führen ist, aus den Perzeptionsmodellen und ihren derivativen Ab- 
wandlungen und Erweiterungen sämtliche Modelle der auf der zwei- 
ten semantischen Stufe einsetzenden eigentlichen Kommunikation. 
Die ganze Modellhaftigkeit menschlicher Weltbegegnung wie zwi- 
schenmenschlicher Kommunikation ist gleichsam eingefaltet bereits 
im Modelich arakter des Perzeptionsgeschehens. In ihm hat auch das 
Vertrauen zur verkürzenden Perspektive, ohne das menschliches Da- 
sein nicht möglich ist, eine seiner Wurzeln. 



125 Zu den Begriffen „Perzeptionsereignis" und „Perzeprionsform" 
H. Frank, 1961, sowie K. Steinbuch und H. Frank, 1961. 

126 Vgl, H. Stachowiak, 1969, p. 32ff. 

127 Vgl. H. Stachowiak, 1969, p. 4 f. 

128 Natürlich steht das perzeptuetle Geschehen in ständiger Rück- 
kopplung zu motivarionalen und operativen Prozessen, Vgl. H. Stacho- 
wiak, 1969. 



Die Theorie der semantischen Stufen 209 

Daß die vorwegnehmend so genannten internen Außenwelt- 
modelle die drei Modell-Hauptmerkmale gemäß 2.1.1 (S. 131 ff.) er- 
füllen, läßt sich in psychologischen Experimenten zeigen: 

Abbildungsmerkmal (2.1.1.1): Vorgegebene Signal- bzw. Reiz- 
konstellationen werden in Wahrnehmungssysteme abgebildet. 

Verkürzungsmerkmal (2.1.1,2): Das Wahrnehmungssystem erfaßt 
nicht alle Beschaffenheiten der Signal kons teil ation; präteriert werden 
z.B. magnetische Eigenschaften physischer Objekte, 

Pragmatisches Merkmal (2.1 .1 .3): Die Wahrnehmungssysteme er- 
füllen ihre Repräsentationsfunktion primär für einen je bestimmten 
Perzipienten mit Bezug auf eine bestimmte Zeit sowie auf bestimmte 
zielorientierte Operationale Punktionen. Zu diesen Funktionen gehört 
vor allem die semantische Verfügbarmachung der Außeaweltinfor- 
mation für Prozesse des operationalen Denkens m . 

An dem Modellcharakter der Perzeprionsgebilde kann auch der 
Umstand nichts ändern, daß der Zugang zur Originalseite, d. h. zu 
den Beschaffenheiten der Signal konstellationen der Außenwelt, im- 
mer nur über die Bildung interner Außenweltmodelle möglich ist. 
Hierzu ist allerdings festzuhalten, daß es für den Original -Modell - 
Vergleich bezüglich eines Perzipienten und dessen Außenwelt grund- 
sätzlich die Meta-Ebene des externen Beobachters gibt, von dem 
aus jenes Interakdonssystem überschaubar wird 18 *. 



129 Bezüglich alier drei Gruppen von Nachweisen ist kurz anzumer- 
ken, daß der Versuchs leiter bzw. der externe Beobachter die Artribut- 
klassen der von der Versuchsperson zu perzi pierenden Außenwelt bestimmt 
(vgl, den „Testkreis" in Schaubild 12, S. 220). Im außerexperimentellen 
Wahmehmungsgeschehen gehen den entsprechenden Attribuierungen meist 
verwickelte Kommunikationsprozesse voran (einen einfachen Fall solchen 
Kommunikationsgeschehens beschreibt der „Diskussionskreis" in Schau- 
bild 13, S. 223). Näheres zu den Testverfahren in H. Stachqwiak, 1969, 
p.l3ff. 

130 Vgl. "W. Mever-Eppler, 1959, p. 172 f., und H. Stachowiak, 
1969, p. 13 — 27 (sowie p. 100 — 104). Daß diese Verfahren einen unver- 
meidbaren introspektiven Beobachtungsanteil besitzen, kann ihnen ebenso- 
wenig angelastet werden wie die Iterierbarkeit der Instanz des externen 
Beobachters. Denn selbstverständlich wird hier weder ein puristischer 
Behaviorismus vertreten, noch det Anspruch auf eine „Letzt" position 
externen Beobachtens erhoben, von der aus so etwas wie „absolute Origi- 
nale" der Perzeption erschließbar wären. 



210 Semantische Stufen und semantische Modelle 

Kogitative Modelle. Denkoperationen sind an die inneren Mo- 
delle der Perzeption gebunden, bauen jedenfalls auf ihnen auf: Per- 
zeptionsmodelle werden kombiniert, Felder der „inneren Perzep- 
rion K zielgerichtet umstrukturiert, neue Vorstellungs- und Bewußt- 
seinsgehalte aus Wahrnehmungselementen abgeleitet. Dabei werden 
oft hohe Grade der Verfremdung der anschaulichen Realität erreicht. 
In den Begriffen der verallgemeinerten Linguistik lassen sich jene 
internen Operationen als Operationen an und mit Sem(em)- bzw. 
Semant(em) -Einheiten auffassen, die als interlingual abgehobene 
Gebilde der ersten semantischen Stufe Designanda für die Zeichen 
der nächsthöheren sind. 

Aber diese Designanda lassen sich ihrerseits als Designate auf- 
fassen, und zwar als repräsentierende innere Zeichen mit Modell- 
cbarakter. Zwar besitzen sie nicht, wie die Perzeptionsmodelle, un- 
mittelbare materiell-energetische Referenda/Originale im eigentlichen 
Sinne, aber es ist möglich und modellis tisch zulässig, ihnen in der 
von der Mathematik her bekannten Weise 131 solche Referenda und 
Originale als uneigentliche Elemente zuzuordnen und diese Elemente 
in der semiotischen Schicht der materiellen Information anzusiedeln. 
Einmal wird hierdurch die Geschlossenheit des Meramodells der 
semantischen Stufen gewährleistet, zum anderen aber auch dem fol- 
genden Umstand Rechnung getragen: Alle Perzeption ist denk- 
bestiramt, umgekehrt ist alles Denken ursprünglich an perzeptuelle 
Anschauung gebunden. Die unauflösbare Interdependenz von Wahr- 
nehmen und Denken bewirkt, daß sich aus dem Perzeprionsmodell 
eines bestimmten „nachweisbaren" Originals der nullten semanti- 
schen Stufe ein beliebig wenig von diesem Modell abweichendes 
Vorstellungs- oder Denkgebilde gewinnen läßt. Eine stetig erzeugte 
beliebig kleine Abweichung vom ursprünglichen Perzeprionsmodell 
kann jedoch nicht das Original dieses Modells plötzlich, an irgend- 
einer Stelle der Denkbewegung, auslöschen, und auch bei weiterer 
stetiger Entfernung vom Perzeprionsmodell wird kein Schnitt zu 
erkennen oder sinnvoll zu ziehen sein, der zwei Modellbereiche mit 
Originalen unterschiedlicher Seinsweise 132 trennen oder gar die Zer- 
legung der internen Gebilde in zwei Bereiche bewirken könnte, deren 



131 Z. B. in der Projektiven Geometrie oder in Hilberts Meta- 
mathematik (D. Hilbert, 1923/1964a, 1925/1964b). 

132 „Seins weise" natürlich nicht ontologisch, sondern im Sinne des 
vorgelegten linguistisch- semiotischen Modells verstanden. 



Die Theorie der semantischen Stufen 211 

einer Originalbezug hat, während der andere keinen solchen Bezug 
hat. (Es ist, umgekehrt als der erkenntnistheore tische Realist meint, 
eher so, daß den eigentlichen originalseitigen Entitäten der nullten 
semantischen Stufe der Charakter der uneigentlichen oder „Pseudo- 
originale" der nicht-perzeptuellen internen Modelle, insbesondere 
der abstrakten Begriffe, zuzusprechen ist 138 . Die vorangehend ver- 



133 Hier ist vielleicht der Ort, auf Philosophen hinzuweisen, die sich 
mit der Frage der Seinsweise des Allgemeinen beschäftigt haben. Das Be- 
mühen um eigentliche Urbilder der Allgemeinbegriffe geht bekanntlich bis 
auf Pl atons Ideeniehre zurück, und das gleiche Bemühen durchzieht in 
Gestalt des Universal ienrealismus (dessen denkmethodischer Kern viel- 
leicht in der einseitigen Abhang! gm ach ung des Realen vom Logischen 
gesehen werden darf) das mittelalterliche Philosophieren, wobei nicht 
zuletzt der Gedanke einer Graduierung des den „Dingen" zugeschriebenen 
Seins hervorzuheben ist. Eine frühzeitige Lösung des Universalienproblems 
zwischen Begriffsrealismus und Begriffsnominalismus strebt der „Indiffe- 
rentismus" an, der zwar allein den Einzeldingen reales Sein zuerkennt, diese 
Einzeldinge jedoch zu Trägern von Beschaffenheiten macht, vermöge derer 
sie mit anderen Einzeldingen in art- und gattungs bilden den Ähnlichkeits- 
bezichungen stehen. Gleichfalls stark zum Nominalismus neigt der „Kon- 
zeprualismus" Abaelards, der die Realität der Universalen ins Denken 
verlegt, jedoch in den Dingen — »j re — vorhandene, durch Gott urbild- 
lich geschaffene Wesensbesrimmungen, gewissermaßen klassenbildende 
Äquivalenzen — ante rem — annimmt, die sich im menschlichen Denken 
als Allgemein begriffe — post rem — offenbaren. Für den englischen Empi- 
rismus sind die Ali gerne Inbegriffe lediglich fiktive Gebilde, weder außer- 
halb noch innerhalb des Denkens existent. Nach Locke vollzieht sich das 
begriffliche Denken niemals an oder mit abstrakten Ideen, sondern immer 
nur in sinnlichen Einzel Vorstellungen; allerdings ließen sich diese zu Ähn- 
Üchkeitsklassen zusammenfassen, deren jede durch beliebige ihrer konkre- 
ten Elemente repräsentiert werden könnten. Auch für Berxeley überneh- 
men im Denken die Vorstellungen die Funktion des Allgemeinen. Sie wer- 
den bei Hume zu Abbildern derjenigen Urbilder, welche die „Impressionen™ 
der äußeren und inneren Erfahrung bilden. 

In neuerer Zeit hat Peirce einen sinnkritischen Universalienrealismus 
vertreten, der nichtsdestoweniger die Universalien von ihren Zeichen- 
repräsentarionen abhängig sein läßt, sie also auf kommunikative und 
damit gesellschaftliche, letztlich also pragmatisch-konvenrionale Momente 
relativiert. Peirce schreibt den All gemein begriffen objektive Realität zu, 
weil er der ihm sinnwidrig scheinenden Voraussetzung des Nominalis- 
mus, es müsse prinzipiell unerkennbare, durch keinerlei Zeichen reprä- 
sentierbare Dinge an sich geben, entgehen wollte. Diese no min alis tische 
Annahme nämlich, so argumentiert er, wäre selbst vom Charakter eines 
Zeichens für etwas, das noch eben als unbezeichenbar (unrepräsen- 

14 Srachöwialtj Model tchcüfit 



212 Semantische Stufen und semantische Modelle 

wendete Ausdrucksweise trägt lediglich der quasireaÜstischen Be- 
tiachtungs- und Vorgehensweise der Erfahrungs wissen schatten Rech- 
nung. Sie ist nicht essenrialistisch febizudeuten.) 

Es werde festgesetzt, die aus Perzepuonsmodeilen lediglich kom- 
binierten und dabei meist stark arisch aulich- wahrnehm ungsgeb und e- 



tterbar, unerkennbar) betrachtet wurde {hierzu die vor kurzem vorgelegte 
erhellende Peirce- Interpretation von K.-O. Afel, 1967, p. 13 — 153, ins- 
besondere p. 46 f.). In einer seiner früheren Schriften verdeutlicht sich 
Peirce in betont überspitzter Gedankenführung: „Es ist vollkommen rich- 
tig, daß in allen weißen Dingen Weißes ist, denn das besagt nur, in 
anderer Redeweise ausgedrückt, daß alle weißen Dinge weiß sind. Aber 
da es wahr ist, daß reale Gegenstände Weiße besitzen, ist die Weiße etwas 
Reales. Sie ist zwar ein Reales, das nur kraft eines Akts des Denkens, 
das es erkenne, existiert, aber dieser Gedanke ist nicht ein willkürlicher 
oder zufälliger, der auf irgendwelchen Idiosynkrasien beruht, sondern ein 
Gedanke, der in der endgültigen Meinung bestehen wird." Den Begriff 
der „endgültigen Meinung" erläuten Peirce wenig später: „Diese realisti- 
sche Theorie ist also eine im hohen Gr3d praktische und dem gesunden 
Mensdien verstand entsprechende Einstellung. Wo auch immer allgemeine 
Obere instimmung vorherrschend ist, wird der Realist nicht derjenige sein, 
der die allgemeine Überzeugung durch unnütze und fiktive Zweifel stört. 
Denn nach ihm ist es ja ein Konsensus oder das allgemeine Bekenntnis, 
das die Realität konstituiert. Was er daher wünscht, ist, die Fragen ge- 
sell lichtet zu sehen. Und wenn eine allgemein« übe r/.eu (jung, Jie voilkom- 
men gefestigt und unumstößlich ist, auf irgendeine Weise hergestellt wer- 
den kann, sei es auch durch Scheiterhaufen und Folterbank, so ist es 
ausgesprochen absurd, von irgendeinem Irrtum hinsichtlich einer solchen 
Überzeugung zu sprechen." (K.-O. Atel, 1967, p. 262 f., Übersetzung von 
G. Wartenberg.) 

Der Streit um die Seinsweise des Allgemeinen beherrscht auch einen 
Teil der philosophischen Grundlagenproblcmarik im Umkreis der zeit- 
genössischen Mathematischen Logik. Das Standardwerk dieser neuen Lo- 
gik, die „Principia Mathematica* (A. N. Whttehead und B. Russell, 
1910 — 1913), steht, wie als erster W. V. Quine gezeigt hat, auf dem 
Boden des Begriff sreaüsmus der platonischen Ontologie. Dieser Platonis- 
mus wird bzw. wurde von Logikern wie A. Church, K. Gödel, J. Luka- 
srewez, H. Scholz vertreten. Danach existieren die (abzählbaren wie 
überabza hl baren) Mengen der Mathematischen Logik — die Universalien 
dieser Logik — »an sieb", gleich den platonischen Ideen, und nicht nur 
(wie der inmiftonismus behauptet) im menschlichen Denken. Die „Nom/- 
nalisten" unter den gegenwärtigen Logikern erkennen allein den Individuen 
Existenz zu: zur vollständigen Deutung der Logik komme man mit der 
Existenzannahme von Individuen aus. Auch vermittelnde Standpunkte, 
die den schon in der Scholastik entwidcelten Positionen zwischen Univer- 
salienrealismus und -nominalismus ähnlich sind, werden heute vertreten. 



Die Theorie der semantischen Stufen 



213 



nen Modelle als innere Kombinatiotismodelle und die aus Perzep- 
tionsraodellen durch analogjsierende und/oder abstrahierende sowie 
reduktiv 184 oder deduktiv schließende Denk Operationen abgeleiteten 
inneren Modelle als interne Derivationsmodelle zu bezeichnen. Die 
Modelle beider Klassen, zwischen denen es natürlich fließende Über- 
gänge gibt, mögen kogitative Modelle heißen. 

Daß auch für kogitative Modelle die drei Hauptmerkmale des 
allgemeinen Modeilbegriffs erfüllt sind, dürfte für „perzeptions- 
nahe" interne Kombinationsmodelle ähnlich wie für die Perzep- 
tionsmodelle nachweisbar sein. Schwieriger sind die Verhälrnisse 



Tafel 5. Die Modelle der ersten semantischen Stufe 
Erläuterungen im Text 

Internes Mecfett 
fE/emrnf: fernem) 




Internes Ai/Sen 
ferm fmter- m/tmedeft 
/res fbrfij/- 
.•nosfeft) 



Internes Atom&i- 
flatrotismode// 



Internes 0en- 
rft/s/tsmsi/e// 



bezüglich der sonstigen kogitativen, insbesondere der internen Deri- 
vationsmodelle. Entsprechend dem uneigentlichen Charakter ihrer 
Originale (vgl. S.210) ist auch der Modell -Original- Vergleich im vor- 
liegenden Fall nur in einem uneigentlichen Sinne möglich. Man könn- 
te etwa postulatorisch Isomorphie und ( Quasi-) Isohylie zwischen den 
fingierten, virtuellen Originalen und den ihnen zugehörigen inter- 
nen Modellen oder auch bestimmte Angleichungs grade ansetzen oder 
aber den Gesamtraum jener Pseudo-Originale, vielleicht auch nur 
Teilbereiche dieses Raumes, vorgängig nach den verschiedensten 
Richtungen attribuieren, um Originalbereiche für Vorstell ungs- und 



134 Reduktiv ist ein Schluß der Art: Aus „wenn A, so B" und „B" 
folgt „A". Ist A eine Verallgemeinerung von B, so liegt speziell ein induk- 
tiver Schluß vor. Vgl. 1. M. Bochekski, 1959, p. 101. 



M* 



214 Semantische Stufen und semantische Modelle 

Denkgebüde zu schaffen 13S . Der sich an dieser Stelle der Theorie der 
semantischen Stufen niederschlagende neopragmatische Modellismus 
gewahrt weitgehende Konstruktionsfreiheiten, Kogitative Modelle 
haben oft eine prospektive Funktion. Sie sollen motivbeeinflus sende 
Voraussagen ermöglichen und Handlungsantiziparionen liefern. In 
solchen Fällen ist das Original des internen Modells Teil einer vor- 
gestellten künftigen Wirklichkeit. 

Die kogitativen Modelle ergänzen die perzeptiven Modelle zur 
Gesamtklasse der internen Modelle. Eine Übersicht bietet Tafel 5. 

2.3.1.4 Die zweite semantische Stufe 

Erst mit der zweiten semantischen Stufe ist der Eintritt in den 
explizit -semantischen und damit eigentlich kommunikativen Raum 
vollzogen. Die Modelle der zweiten semantischen Stufe haben zu 
Originalen Modelle der ersten semantischen Stufe: Werde allgemein 
ein Modell A± eines Originals A<, ein Modelt 1. Grades bezüglich A QS 
ferner ein Modell A 2 , das Modell von A t ist, ein Modell 2, Grades 
bezüglich Aq genannt usf., so sind hiernach die Modelle der ersten 
semantischen Stufe Modelle 1. Grades und die Modelle der zwei- 
ten semantischen Stufe Modelle 2. Grades bezüglich der Einheiten 
der nullten semantischen Stufe (vgl Schaubild 11). 

Die Modelle der zweiten semantischen Stufe sind explizite Zei- 
chen für die Gebilde der ersten semantischen Stufe, also Zeichen für 
interne Modelle, insbesondere interne Außenwelt-, Kombinations- 
und Derivationsmodelle; in herkömmlicher Redeweise: Zeichen für 
Wahrnehmungs- und Vorstellungsgebilde, für Begriffe und allgemein 
für Denkgebilde überhaupt. Das elementare Zeichenmaterial bilden 
auf der „Substanz"stufe (Tafel 4) die Taxe/Taxeme, auf der Form- 
stufe die Morphe/Morpheme, Daß die aus Taxen/Taxemen sowie 
Morphen/Morphemen nach taxologischen bzw. morphologischen 
Regeln aufgebauten Repräsentationen der internen Modelle, außer 
den genannten Einheiten also Lexe/Lexeme und Syntaxe/Syntaxeme, 
die Modell-Hauptmerkmale erfüllen, ist leicht zu sehen: Die mit 
dem internen Modell identische Attributklasse wird auf die Attribut- 
klasse des Zeichen-Modells abgebildet. Durch die Bildung taxemi- 



135 Das Verhältnis der kogitativen Modelle zu den Ideen Platons 
als ihren Originalen gehört hierher (vgl. H. Stachowiak, 1971, p. 95). 
Auch Untersuchungen N, Hartmanns, Husserls und Schelers weisen 
in die Richtung solcher Originalerstellung. 



Die Theorie der semantischen Stufen 215 

scher, morphemischer usw. Klassen (aus denen heraus dann wieder 
die Tax-, Taxem- usw. Realisationen erfolgen) wird die interne 
Attributklasse merkmalsverarmt, verkürzt; die auf die Aüsdrucks- 
mirtel bezogenen Attribute treten abundant hinzu. Ferner ist das 
Zeichenmodell Modell für den je bestimmten Modellierer/Modell- 
benutzer, der es in bestimmter Zeit zu bestimmten Zwecken und 
Zielen erstellt/benutzt 186 . 

Die Gesamtheit der Zeichen-Modelle der zweiten semantischen 
Stufe einschließlich ihrer Verwen du ngs regeln werde ein primäres 
Kommunikationssystem oder ein Kommunikationssystem 1. Ord- 
nung, (vgl. Schaubild 11) genannt. Zu unterscheiden sind beim Men- 
schen hauptsächlich auditive, visuelle und takttle 137 Kommunika- 
tionssysteme 1. Ordnung. Unter den auditiven Systemen ragt die 
gesprochene Sprache als Sprache im engsten Sinne besonders her- 
vor 138 . Sie ist Haupdnstrument der im semantischen Stufenschema 
primären menschlichen Kommunikation. Die Erforschung der Kom- 
munikationssysteme 1 . Ordnung ist eines der Hauptanliegen nicht 



136 In gewisser Weise enthält bereits das auf C. S. Peirce zurück- 
gehende semiotische Grundschema von Zeichen (Mittel), Obfckt und Inter- 
pretant ansatzweise den Bezug auf das Abbildungsmerkmal und das prag- 
matische Merkmal. Vgl. E. Waltker, 1965; M. Sense, 1967. 

137 Weniger oder gar nicht olfaktorische und gustatorische. 

138 Hierzu G. Hopp, 1970, p. 8: „Eine Zeichensprache ohne akusti- 
sche Ergänzung durch wenigstens eine immer gleiche Aufforderung zur 
Aufmerksamkeit ist daher praktisch kaum brauchbar. Die akustische Sprache 
har hier von vornherein den Vorteil, 2wei Funktionen in sich zu vereini- 
gen, die die Optik nie ganz vereinigen kann: Einmal gibt sie wie diese 
durch Typisierung des Zeichens (Artikulierung) dem Gesprochenen die 
spezielle Bedeutung, zum anderen Hegt im Gebrauch der Akustik schlecht- 
hin das Signal zur Aufmerksamkeit. Daher ist bei der gegebenen sinn- 
lichen Ausrüstung des Menschen so lange mit akustischer und nie mit 
optischer Sprachenrwicklung zu rechnen, als die Fähigkeiten, die Zei- 
chen zu differenzieren und zu artikulieren, sich auf beiden Gebieten nur 
einigermaßen die Waage halten. Während also die Akustik im Hinblick 
auf die menschliche Rezeptorik sich als sozusagen selbstverständlich für 
die Kommunikation anbietet, ist sie in effektorischer Hinsicht dafür min- 
destens ebensogut geeignet wie die optisch wirksame Motorik [Gestiku- 
lation). Der Gebrauch der beweglichsten Motor-Effektoren, nämlich der 
Hände, für Kommunikationszwecke blockiert diese empfindlich für den 
gl ei c!i zeitigen Gebrauch als Organe der allgemeinen Objektbehandlung. 
Dagegen blockiert der Einsatz der Sprech Werkzeuge den menschlichen 
Mund nicht zugleich vollständig für die Funktion der Nahrungsaufnahme." 



216 Semantische Stufen und semantische Modelle 

nur der Linguistik, sondern auch der Semiotik und der angewandten 
Informationstheorie mitsamt ihren Hilfsdisziplinen. Im Übergang 
von den internen Modellen zu den Modellen der ersten expiizit- 
semantischen Stufe gewinnen auch Methoden und Ergebnisse der 
Sprachpsychologie und Psycholinguistik Relevanz. 

2.3.1.5 Die dritte semantische Stufe 

Auf der dritten semantischen Stufe gelangt man zu Zeichen für Zei- 
chen der zweiten semantischen Stufe. Die Zeichen der dritten seman- 
tischen Stufe sind Modelle 3. Grades bezüglich der Gebilde der null- 
ten semantischen Stufe. Sie sind Modelle 2. Grades bezüglich der 
internen Gebilde. Und sie sind Modelle 1. Grades bezüglich der 
Zeichen (Modelle) des primären Kommunikationssystems. Sie bilden 
mitsamt den Regeln ihrer Verwendung ein sekundäres Kommuni- 
kationssystem oder ein Kommunikationssystem 2, Ordnung (vgl. 
Schaubild 11). 

"Wie auf der vorangegangenen Stufe ist auch hier die Zeichen- 
zuordnung in Richtung von der unteren zur nächsthöheren Stufe in 
der Regel bestenfalls eindeutig, nicht aber umkehrbar eindeutig. 
Hiermit hängt zusammen, daß ein Mensch im allgemeinen über 
weniger Modelle 2. Grades verfügt, als et Modelle 1. Grades besitzt, 
und daß er im allgemeinen über weniger Modelle 3. Grades ver- 
fügt, als er Modelle 2. Grades für die „semantische Belegung" der 
letzteren verfügbar hat (sämtliche Modell-Grade auf die nullte se- 
mantische Stufe bezogen). Die Modelle der Komm unikations Systeme 
„verkürzen" einander mit wachsender semantischer Stufe, wobei 
allerdings der „mittlere Verkürzungsgradient" im im Übergang von 
der nullten zur ersten sowie von der ersten zur zweiten semantischen 
Stufe erheblich viel größer ist als der entsprechende Gradient in den 
nachfolgenden Übergängen oberhalb der zweiten semantischen Stufe. 

Haupttypus der menschlichen Kommunikation auf der dritten 
semantischen Stufe ist das System der Schrift (als Wort-, Silben- oder 
Lautschrift). Hier ist die Lautbezogenheit der Buchstabenschrift zu 
erinnern, die Tatsache, daß sich in der Schrift lautliche, gesprochene 
Sprache widerspiegelt. 

Der Übergang von der zweiten zur dritten semantischen Stufe ist 
der erste Stufenübergang innerhalb des Raumes der eigentlichen 
Ko mmunikatio «ssysteme. 



139 Ein Schätzungsmaß, das hier nicht expliziett werden soll. 



Die Theorie der semantischen Stufen 217 

Auch die Erforschung der Kommunikations Systeme 2, Ordnung, 
von noch zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren ausschließlich Sache 
der herkömmlichen Sprachwissenschaften, ist eine der Hauptaufgaben 
der zeitgenössischen angewandten Informationstheorie und Semiotik. 

2.3.1.6 Verallgemeinerung 

jedes sekundäre Kommunikationssystem ist, im Blick auf die in 
ihm enthaltenen Zeichen für Zeichen eines vorgegebenen primären 
Kommunikationssystems, ein semantisches Modell des letzteren. Die- 
ses Modell steht zu seinem Original in einer Rektion, die partiell der- 
jenigen einer Metasprache zu ihrer Objektsprache entspricht: Abge- 
sehen von rein logischen Ausdrücken und von den Termini, die eine 
Metasprache zur strukturellen (morphologischen) Beschreibung ihrer 
Objektsprache benötigt, enthält die Metasprache die Bezeichnunger. 
und Übersetzungen sämtlicher objektsprachlicher Ausdrücke. In logi- 
scher Hinsicht ist dabei der Folge, die über die Metasprache einer 
Objektsprache hinaus zur Metasprache der Metasprache, d. h. zur 
Meta-Meta-Sp räche der Objektsprache, usw. aufsteigt, keine obere 
Grenze gesetzt. In diesem Sinne kann prinzipiell die Hierarchie der 
semantischen Stufen über die dritte Stufe hinaus beliebig fortgesetzt 
werden uo . Für beliebige « ^ 1 wird auf der «-ten semantischen Stufe 
in einem Kommunikationssystem (n — l)-ter Stufe operiert» und 
zwar mit semantischen Modellen «-ten Grades bezüglich der Systeme 
der nullten semantischen Stufe. Dabei sei ein „Kommunikations- 
system 0-ter Ordnung" als ein System der Selbstkommunikation 
oder der uneigentlicben Kommunikation bezeichnet. 

Ist eine Stufenhierarchie von Kommunikationssystemen derart 
hergestellt, daß jedes Kommunikationssystem oberhalb eines be- 
stimmten Kommunikationssystems m-ta Ordnung für m ^ 1 min- 
destens ein Zeichen des Kommunikationssystems der unmittelbar 
vorangegangenen Stufe bezeichnet, jedoch kein Zeichen, das zur eige- 
nen oder einer höheren Stufe gehört, so sollen die Kommunikations- 
systeme dieser Hierarchie für m > 1 Meta-Kommunikationssysteme 
des Kommunikationssystems m-ter Ordnung genannt werden. Das 
Kommunikationssystem m-ter Ordnung heißt in diesem Falle auch 
Objekt-Kommunikationssystem bezüglich seiner Meta-Systeme, Es 



140 Etwa in der folgenden Webe; Ist das primäre Kommuntkarions- 
sy stem dje deutsche Umgangspradie, das sekundäre die zugehörige Sdtrift- 
spradie, so kann beispielsweise die von L. Braille erfundene Punktschrift 
(Blindenschrift) als tertiäres Komm unikarionssy stem betrachtet werden. 



218 



Semantische Stufen und semantische Modelle 



ist dann ohne weiteres klar, was unter einem Meta-Kommunika- 
tionssystem m-ter Ordnung bezüglich eines vorgegebenen Objekt- 
Kommunikationssystems zu verstehen ist. 

Das zugrunde gelegte Objekt-Kommunikationssystem muß na- 
türlich nicht notwendig mit dem primären Kommunikationssystem 
im Sinne von 2.3,1.4 identisch sein. Auch jedes andere System ober- 
halb des primären Koromunikationssystems kann dem Aufbau der 
Meta-Sy steme als Objekt-System supponiert werden. 




OÜl/Sl'lflB} 

Schaubild lt. Übersichtsschema zur Theorie der semantischen Stufen. 
Erklärungen im Text 



Semantische Modelle 219 

Für gesprochene Sprache und die sie modellierende Schrift ist 
anzumerken, daß man das semantische Stufenschema auf ein um die 
Stufe der (im engsten Sinne) sprachlichen Modelle verkürztes Sche- 
ma zu reduzieren hat, falls ein direkter Übergang von den internen 
zu den schriftsprachlichen Modellen vollzogen wird. Alle sich hier- 
aus ergebenden Modifikationen des Stufenschemas sind unschwer 
zu übersehen und können im einzelnen leicht aufgezeigt werden. 

Schaubild 11 stellt den Stufenaufbau für die ersten vier (eigent- 
lichen) semantischen Stufen zuzüglich der nullten Stufe übersicht- 
lich dar. 

23.2 Semantische Modelle 

Unter semantischen Modellen werden hier die sämtlichen auf der 
ersten, zweiten, dritten usw. semantischen Stufe aufgebauten Mo- 
delle verstanden, auf der ersten semantischen Stufe also die internen, 
auf den folgenden Stufen die externen (Zeichen-)Modelle. Nach 
kurzer Darstellung der Modellierungsprozesse der Denk-Sprech- 
Kommunikarion (erste und zweite semantische Stufe) werden im 
folgenden für alle semantischen Stufen Fragen des Modell- Original- 
Vergleichs sowie der strukturellen und materialen Angleichung der 
semantischen Modelle an ihre Originale erneut aufgegriffen. Im wei- 
teren Verlauf der Untersuchung werden die Haupttypen der vor- 
liegenden Modellklasse charakterisiert. 

2.3.2.1 Testkreis und Diskussionskreis 

Die Überlegungen dieses Abschnitts gehen davon aus, daß der ein- 
zelne kommunikationslose Perzipient den Original-Modell-Vergleich 
im Bereich der nullten und ersten semantischen Stufe grundsätzlich 
nicht zu leisten vermag, da ihm nur die Mode//seite der Original- 
Modell-Relation zugänglich ist. Der Vergleich eines Modells der 
ersten semantischen Stufe mit seinem der nullten semantischen Stufe 
angehörenden Original verlangt daher in jedem Falle die Erweite- 
rung der Se/fostkommunikarion des Perzipienten zur eigentlichen, d.h. 
wenigstens noch einen weiteren Außenweltperzipienten einschließen- 
den Kommunikation. Diese Erweiterung wird im informationspsy- 
chologischen Perzeprionstest geleistet 141 . Dieser sieht zwei Perzi- 
pienten vor, die Versuchsperson und den externen Beobachter. Letz- 



141 Vgl. z. B, W. MEYER-Ei-PtER, 1959, p. 172 ff. 



220 



Semantische Stufen und semantische Modelle 



l^rstfa/ripsrsü/? P 



£x/£werßeotec/>rer ß 



Sy/fryr'/~JJ 






foffl 'X.gyWM - 



*sW ~X~™s&m) 



Jl 






I 

Schaubild 12. „Testkreis" - Dertk-Sprech-Kommunikation zwischen Ver- 
suchsperson (V) und externem Beobachter (B) in der Darstellung der Theo- 
rie der semantischen Stufen 

Kommuaikarionsv erlauf: Schritt 1: B eröffnet; es folgen die Schritte 2 
und 2' (gleichzeitig bei V und B), ferner 3, 4, 5 und 6. Beim zweiten Durch- 
laufen des Testkreises knüpft 1 an 5 an usw. 

Zeichenerklärung: A: die durch V und B perzipierbare (zumeist auf eine 
bestimmte Sinnesmodalität, etwa die visuellej beschränkte) Test- Außen- 
welt; T-* die dem Test gemäß einem vorgegebenen Experimentalprogramm 
P je zugrunde gelegte Tax-Konstellation aus A; sn\P): Anweisung bzw. 
Frage von B an V gemäß P, d3S sind von V als materielle Information 
empfangene explizit-sprachliche Modelle von P-Befehlen [Voraussetzung 
für die (objekrsprachtichc) Kommunikation zwischen B und V ist ein 
genügend großer gemeinsamer semantischer Zeichenvorrat]; gr {sb(P))i das 
im Obergang von der nullten zur ersten semantischen Stufe von V gebildete 
interne Modell von sa (P) als Stimulus für V, T zu perzipieren und die 
Test-Frage zu beantworten; PV: Perzeptionsverstarker für B (Sichtgeräte. 
Signal wandlet usw.); gr (T): das im Übergang von der nullten zur ersten 
semantischen Stufe von V gebildete interne ModeJ! von T; gs{T): das im 
Übergang von der nullten zur ersten semantischen Stufe von B über PV 
gebildete interne Modeli von T; sy {gy (T)): das im Übergang von der 
ersten zur zweiten semantischen Stufe von V gebildete explizitsprachliche 
(Antwort-)Modell von gv (T), das B als materielle Information empfängt; 
gfl (sp {gv (T))) -.= Sa (T); das im Übergang von der nullten zur eisten 
semantischen Stufe von B gebildete interne Model! von sy {gv (T)): 
4 (la(T), gß(T)):= J (T): das aus P-abhängigen Korrelationen zwischen 
gß (T) und gs (T) resultierende innere Kombinationsmodell (vgl, S. 213 so- 
wie Tafel 5). Mit „Korrelationen" sind hier im weitesten Sinne Ermitt- 
lungen statistischer Abhängigkeiten geroeint, von der einfachsten Iden- 
titäts-Nichtidentitäts-Absehätzung bezüglich einzelner Taxe(me) bis zu 
komplexen Maß- und Rangkorrelationen von Tax (em) -Strukturen mittels 



Semantische Modelle 221 

mathematisch-statistischer Methoden. {Daß im Falle der Verwendung 
schriftlicher bzw. computertechnischer Rechen verfahren B vorübergehend 
die erste semantische Stufe „transzendiert", ist in dem vorliegenden Schau- 
bild wegen dessen besserer Übersichtlichkeit nicht berücksichtigt.) 
ms {A (T): das im Übergang von der ersten zur zweiten semantischen 
Stufe oder zumeist im direkten Übergang von der ersten zur dritten 
semantischen Stufe von ß gebildete explizit- metasprachliche Modell von 
d(T), das protokolliert und der Theorienbildung zugrunde gelegt wird 



terer hat zweierlei Außenwelten zu unterscheiden: eine, die mit der 
„objektiven" Außenwelt oder Objekt- Außenwelt der Versuchsperson 
zusammenfällt, und eine, die diese Außenwelt und die Versuchs- 
person, letztere als Expedient materieller und semantischer Informa- 
tion, umfaßt 142 . Schaubild 12 versucht diese sich über die nullte, 
erste und zweite semantische Stufe erstreckende Kommunikations- 
struktur, den „Testkreis", schem arisch wiederzugeben. Die „objek- 
tive", besser; „metasubjekrive" 143 Außenwelt wird bei quantitativen 
Testverfahren im allgemeinen stark vereinfacht angeboten und künst- 
lich manipuliert. Eine scharfe Grenze, die Tests mit sehr einfach 
strukturierten Außenwelten von solchen mit komplexen Außenwelt- 
strukturen trennt, gibt es natürlich nicht; die Übergänge bis hin zu 
beliebig komplexen — zeitabhängigen — Signalkons tellarionen, die 
unbeschadet ihrer technischen Manipulierbarkeit natürlichen Außen- 
welten beliebig nahekommen, sind durchaus stetig. 

Allein der jeweilige Sprachmodell-Expedient ist im Besitz seines 
eigenen Gedankens. Zwar wird er im Regelfall annehmen dürfen, 
daß dieser sein in ein sprachliches Modell übertragene und einem 



142 Es hegt also der Fall systemkomplextheoretischer Kommunika- 
tion (und Interaktion) vor. — Die folgende Bemerkung ist hier am Platz: 
Eine kritisch und exakt experimentierende Informationspsycbologie hat 
besonders die Frage nach dem Einfluß des Experimentators auf die Test- 
ergebnisse zu untersuchen. Dies gilt nicht nur für Wahrnehmungstests 
(Informationskanal 1 in Schaubild 12), sondern für psychologische Tests 
überhaupt und ganz besonders für solche der Motivationspsychologie 
sowie allgemein der Psychologie der Persönlichkeit. Da diesen test-metho- 
dologiscben Fragen hier nicht näher nachgegangen werden kann, sei ver- 
wiesen auf: R. Rosenthal, K. L Fode, C. J. Friedman und L. L. Vikan- 
Kline, 1960; R. Rosenthal, G. Perstnger, L. L. Vikan-Kline und K. L. 
Fode, 1963; R. Rosenthal, 1964; R. Rosenthal, P. Kohn, P. M. Green- 
field und N. Carota, 1966. 

143 Vgl. H. Stachowiak, 1969, p. 4 f. 



222 Semantische Stufen und semantische Modelle 

Perzipienten zugänglich gemachte Gedanke im letzteren einen ähn- 
lichen" Gedanken erzeugt. Will er jedoch beide Gedanken mitein- 
ander vergleichen, um den Grad der zwischen ihnen bestehenden 
strukturellen und/oder materialen Übereinstimmung festzustellen, 
so wird er dies, da jeder der Gedanken einer anderen, „fensterlosen"' 
Bewußtseinssphäre angehört, nur über den Vergleich seines Gedan- 
kens mit solchen seiner Wahrnehmung zugänglichen Äußerungen des 
Perzipienten leisten können, die ihm über dessen korrespondieren- 
den Gedanken Auskunft geben. Es ist dies als ein Denk-Sprech-Kreis 
darstellbar, dessen erste Hälfte in der Vorwärts-Kommunikation 
vom Expedienten zum Perzipienten und dessen zweite Hälfte in der 
Rückwärts- oder Kontroll-Kommunikation besteht mit je einer ver- 
äußerlichenden und einer verinnerlichenden Umformung auf der 
Expedienten- wie auf der Perzipientenseite. 

Deutet man diesen Denk-Sprech-Kreis als „Diskussionskreis" 
zweier Perzipienten einer gemeinsamen Außenwelt, so erhält man 
in Verallgemeinerung des „Ttistkreis-Schemas" von Schaubild 12 das 
ebenfalls stark vereinfachende Schema von Schaubild 13. Jeder der 
beiden Perzipienten derselben „meta- subjektiven" Tax-Konsrellation 
(T) perzipiert sowohl die gemeinsame Außenwelt (A) als auch seinen 
Kommunikationspartner. Jeder Perzipient ist also hier in gewissem 
Sinne gleichzeitig Versuchsperson und externer Beobachter jeweüs 
in bezug auf seinen Partner 14 *. 

2.3.2.2 Modell-Original-Vergleiche und Ordnungseigenschaften 

Durchmustert man die verschiedenen Modellbildungen auf den ein- 
zelnen semantischen Stufen unter dem Gesichtswinkel der in 2,1 
erarbeiteten und in Tafel 2 (S, 158) zusammengestellten modelltheo- 
retischen Ordnungsbegriffe, so fallen bei den Modellen der ersten 
semantischen Stufe vor allem KoKrrast(e«<«gseigenscharten ins Auge. 
Bereits die Perzeptionsmodelle, aus denen sich auf differenzierteste 
Weise alle weiteren internen Modelle konstituieren, geben die zu- 



144 Unter gewissen stark vereinfachenden Bedingungen bietet H. 
Marko, 1966, ein Modell der Kommunikationsvorgänge zwischen zwei 
Menschen, das den im Text vorgelegten Entwurf des „Diskussionskreises" 
vorteilhaft ergänzt. Gegenüber dem wahrsch ei nllchkeitsdieo retisch orien- 
tierten M^mcoschen Kommunikationsmodell geht es im Test- bzw. Dis- 
kussionskreismodell allerdings vor allem darum, die Stufenübergänge im 
Verlauf des Kommunikationsgeschehens darzutun. 



Semantische Modelle 



223 



r 




Perz/p/e/?r P, 


1 




Perzipient P^ 






r 


s,Gff(W 


\ S 




£gf~) 

1 








1 
















A 




7 


IS 


t 


r 















i 












i 


ffrfrj 














$,fs,ff>mn 




1 ,. Ai? /Tl 1 1 






i »3£Ä? 




e | v-«-" | r 












1 



Schaubild 13. „Diskussionskreis". Denk-Spreck-Kommunikation zwischen 
zwei Außenweltperzipienten P t und P t in der Darstellung der Theorie der 

semantischen Stufen 

Kommunikation s verlauf: Ohne Beschränkung der Allgemeinheit eröffnet 
?i das Kommunikationsgeschehen. Schrittfolge: 1, 2, 3, 4, 5 bzw. 5', 6, 7 
bzw. bei Wiedereintritt in den Kommunikationskreis 7\ 

Zeichenerklärung: A: die durch P, und P x perzipierbare Außenwelt; T: eine 
Tax- Konstellation von A; gi {T): das im Übetgang von der nullten zur 
ersten semantischen Stufe von Pj gebildete explizit-sprachliche Modell von 
T; s t (g, (T)): das im Übergang von der ersten zur zweiten semantischen 
Stufe von Pj gebildete explizit-sprachliche Modell von g t (7), das P t als 
materielle Information empfängt; g t [s Y {g x (7*))) : = g 2 (T): das im Über- 
gang von der nullten zur ersten semantischen Stufe von P a gebildete interne 
Modell von Si(gi(T)); Ag s {T): das durch Korrelationen im weitesten 
Sinne, z. B. durdi einfachen Merkmalsvergleich, zwischen gj (7") und g t (T) 
gewonnene interne Modell von T, welches P z entweder als Resultat spei- 
chert (5) oder zur Fortsetzung der Kommunikation durch Sprach modeil - 
bildung an P r weitergibt (5'); J 2 (fg(T)): das im Übergang von der ersten 
zur zweiten semantischen Stufe von P g gebildete explizit-sprachliche Modell 
von gi (T), von P t als materielle Information empfangen; g t (s E (| e (T))) ; — 
Ät<T): das im Übergang von der nullten zur ersten semantischen Stufe 
von P t gebildete interne Modell von s t (&(T))j dg t (T): das durch Korre- 
lationen im weitesten Sinne zwischen g.i(T) und gi(T) gewonnene interne 
ModeD von T, welches Pi entweder als Resultat speichert (7) od et zur 
Fortsetzung der Kommunikation durch Sprachmodellbildung an P t weiter- 
gibt (7'), womit der zweite Umlauf des „Diskussionskreises" eingeleitet 
wird. — Man kann zwischen perzeptuellen und kogitativen „Diskussions- 
kreisen" unterscheiden. Bei den ersteren ist eine Konstellation eigentlicher 
Taxe (Außenwelt-Taxe des vorliegenden Schaubildes), bei den letzteren 
eine solche von Pseatfo-Taxen (S. 211 ff.) Diskussionsgegenstand. Dazwi- 
schen mannigfache Mischfonnen 



224 Semantische Stufen und semantische Modelle 

mindest bei künstlich manipulierten Außenwelten experimentell meß- 
baren Signaliotenskäten oft in partieller Übersteigerung wieder, der- 
art, daß bestimmte sensorische Valenzklassen scharfer gegeneinander 
abgesetzt sind, als es den außenweltseitigen Verteilungen der meß- 
baren Signalintensitäten entspricht 145 . Perzeptuelle Kontrastieningen 
kommen sowohl zeitlich -prozessualen als auch örtlich -konfigurativen 
Perzeptionsmodellen zu und gehen als solche fraglos auch in die aus 
diesen gebildeten kognitiven Modelle ein. Wie dies des näheren ge- 
schieht und wie vor allem in den Kontrastbildungen der Perzep- 
tionsmodelle möglicherweise Formen höherer Diskriminations- und 
Abstraktion sleistun gen menschlichen Denkens basal angelegt sind, 
bedarf noch eingehender Untersuchungen 146 . 

In den früher 147 erwähnten informationspsvchologischen Tests 
können für Modelle der ersten semantischen Stufe, speziell für Per- 
zeptionsmodelle, strukturelle und materiale Angle ichungs grade quan- 
titativ bestimmt werden. Die sich hierbei eröffnenden philosophi- 
schen Probleme, die auch das PoFPERsche Basisproblem (1.2.3.2 bis 
1.2.3.8 und 1.3.1.2) berühren, sollen nicht übersehen, aber auch nicht 
überbewertet werden. Vom modellis tischen Standpunkt aus genügt 
es zu zeigen, wie man in tatsächlich praktizierbarer Weise Gebilde 
der nullten semantischen Stufe von ihren Perzeptionsmodellen der- 
art unterscheiden kann, daß die originalsei tigen Attributklassen mit 
ihren modellseitigen Repräsentationen verglichen und die Anglei- 
chungsgrade zumindest geschätzt werden können. Wiederum ist da- 
mit kein Übergang in die dingweldiche „Wirklichkeit" des erkennt- 
nistheoretischen Realisten gemeint; vielmehr sind alle Vergleiche 
zwischen Gebilden der nuüten und der ersten semantischen Stufe 
pragmatische Operationen im modeil istischen Sinne (1.3.3). Kein 
vermeintlich noch so einfaches und elementares Außenweltsignal 
kann als „subjektfrei -objektive Gegebenheit" gelten. Jede Erschlie- 
ßung von durch materielle Information repräsentierten Entitäten ist 
ein durch Absichten, Zwecke und Ziele bestimmter intersubjektiver 



145 Besonders eindrucksvolles Beispiel: die MACHschen Bänder (vgl. 
E. Mach, 1865). 

146 Zur perzepruellen Kontrastierung vgl. die drei kybernetischen 
Prinzipien der „Konvergenz-Divergenz-Schaltung" (W. D. Keidel, 1963), 
der „lateralen Inhibition' 1 fW. Reich A«.dt und G. McGinitie, 1962) und 
der „Reafferenz" (E. von Holst und H. Mittel staedt, 1950; siehe auch 
Anhang I). 

147 Anm. 129, S. 209, und 2.3.2.1, S. 219. 



Semantische Modelle 225 

Prozeß des Vergleichs und wechselseitiger kommunikativer Anpas- 
sung, 

Betrachtet man die Modelle der zweiten semantischen Stufe hin- 
sichtlich ihrer strukturellen und materialen Original angleichung, so 
scheint sich als eine Hauptfunktion dieser Modellbildungen die für 
viele Kommunikationszwecke wichtige maximal genaue "Wiedergabe 
der zugehörigen Originale abzuheben. Oft soll ein gesprochener Satz 
den zur Mitteilung vorgesehenen Gedanken, dessen Modell er ist, so 
genau wie möglich — im Grenzfall „aquat" (2.1.4.3, S. 153) wieder- 
geben. Tatsächlich bleibt diese vollständige attributive Angleichung 
— ähnlich wie schon im Falle der nullten und ersten semantischen 
Stufe — - vor allem schon wegen der unaufhebbaren materialen 
Differenz zwischen den Gebilden der ersten und denen der zweiten 
semantischen Stufe prinzipiell unerreichbar. Es könnte daher für den 
Fall weitestmöglicher Angleichung wieder besser von einer Quasi- 
Äauation gesprochen werden. Hinzu kommt, daß der Vergleich des 
explizit- sprachlichen Modells (auch der dritten oder einer höheren 
semantischen Stufe) mit seinem gedanklichen Original bestenfalls 
immer nur indirekt, in der Denk-Sprech-Kommunikation des „Dis- 
kussions kreis es" (2.3.2.1} geleistet werden kann. Das kogitative Ge- 
bilde als solches entzieht sich jeder ««mittelbaren intersubjektiven 
Kontrolle. Es läßt sich nur fragend „ansteuern" oder, wenn kein 
zuständig Antwortender existiert, aus empirischen Kontexten „toter" 
Information (aus bibliographischen oder motivgeschichtlichen Bele- 
gen, verwandten Textstellen usw.) erschließen. Hermeneutik und 
Exegetik sind hier angesiedelt als in Evidenzetlebnissen gegründete 
Weisen des Einfühlens in das ursprünglich Gemeinte. 

In diesem Zusammenhang soll ein kurzer Blick auf das als spe- 
zifisch geisteswissenschaftlich betrachtete DiLTHEYsche Grundver- 
hältnis von „Erlebnis, Ausdruck und Verstehen" geworfen wer- 
den 148 . Im Lichte der Theorie der semantischen Stufen handelt es 
sich hierbei um ein Wechsel Verhältnis zwischen folgenden drei 
Aktivitäten: 

1. „Zum-Ausdruck-Bringen": Der selbst nicht mehr befragbare 
Urheber des nachzuvollziehenden Gedankens g 1 hat diesen seinen 
Gedanken auf eine kommunikations fähige und jedenfalls perzipier- 
bare Modellgestalt s t (gj, im allgemeinen auf die eines geschriebe- 
nen Textes (diskursive Information), abgebilder und damit seine 



148 W. Dilthey, 1910, p. 131. 



226 Semantische Stufen und semantische Modelle 

seelischen Inhalte, sein „Erleben" — das im Blick auf das zu voll- 
ziehende Nat^-Erleben wohl Vor-Erleben heißen darf — zu einem 
Gebilde der dritten semantischen Stufe „objektiviert". Die genann- 
ten seelischen Inhalte mögen „innere" : , ihre räum -zeitlich -energeti- 
schen Objektivationen „äußere" geisteswissenschaftliche Objekte 
heißen. 

2. „Erleben": Das um Nachvollzug bemühte (Erkenntnis-)Sub- 
jekt baut mit der Perzeption und der erinnernden Vorstellung jenes 
Objektivationsgebildes der dritten semantischen Stufe von diesem 
(in oft unmittelbar-unverzüglicher und unreflektierter "Weise) ein 
kogitatives Modell g 2 {^(gj) : = g 2 auf. Dieses (g 2 ) ermöglicht, ver- 
wirklicht jedoch noch nicht unbedingt das Nacherleben des ursprüng- 
lichen Gedankens g x . 

3, „Verstehen": In der inneren Aktivität des „ Verstehen s" schließ- 
lich wird das unter 2. erwähnte Nacherleben in hohen Graden der 
strukturellen und materialen Originalangleichung (Angleichung von 
g s an gj verwirklicht. Der Vergleich der beiden kogitativen Modelle 
gj und g s miteinander geschieht mittels intuitiv-unmittelbarer Be- 
wertung. Diese bezieht sich auf die Sin «-An teile des ursprüng- 
lichen (g t ) und des nachvollziehenden (g s ) Gedankens. Dabei ist 
„Sinn" nicht als Sinn expliziter Zeichen 149 , sondern als Gedanken- 
Sinn aufzufassen. In der hier gegebenen Deutung ist der Sinn eines 
Gedankens dessen Gesamtkontext von Struktur, Bedeutung und 
Wert in seinem konkreten Bezug auf ein in bestimmter Zeitspanne 
gemäß bestimmter Interessenlage intentionalisiertes Subjekt, Dieser 
im weitesten Verstände pragmatische Gedanken-Sinn überschreitet 
also bei weitem den bloßen Bezug des Gedankens auf das Gedachte, 
auf das Referendum des kogitativen Modells, insbesondere auf des- 
sen „Bedeutung". 

Der Verstehensbegriff ist nach dem Gesagten ein komparativer 
und graduierbarer Begriff. Er erreicht sein „oberes Extremuni", wenn 
das nachvollziehende kogitative Modell g 2 dem nachvollzogenen 
kogitativen Modell g t äquat ist, mithin beide Gebilde der ersten 
semantischen Stufe unbeschadet ihres Vorkommens in verschiedenen 
Gegenwärtigungs(= Bewußtseins) bereichen in allen strukturellen und 
materialen Attributen und besonders auch in denen der höheren 
attrib uten logischen Stufen miteinander übereinstimmen. (Das mög- 
liche Eintreten dieses Grenzfalles entzieht sich natürlich wieder un- 



149 Vgl. hierzu Schaubild 3 und Tafel 1(4.), S. 148ff. 



Semantische Modelle 227 

mittelbarer Kontrolle durch externe Beobachter, wie ja überhaupt 
der Vergleich der in Frage stehenden kogitariven Modelle direkte 
empirische Prüfbarkeit überschreitet. Der auf Droysen zurück- 
gehende Ausdruck der „kongenialen Sinnerfassttng" 15 °, der jenen 
Grenzfall meint, trifft also einen nicht intersubjektiv, sondern nur 
in individueller Vergegenwärtigung wißbaren Sachverhalt.) 

Nach diesem Exkurs zurück zur Original -Angleichung der Mo- 
delle der zweiten semantischen Stufe: Der auf S. 225 erörterte Grenz- 
fall der Quasi-Äquation wird im allgemeinen nicht annähernd er- 
reicht. Für das Verhältnis des Sprechens zum Denken ist vielmehr 
die zwar in mehrfacher Richtung unterschiedliche, im ganzen aber 
außerordentlich hohe Originalverkürzung charakteristisch. Sic hat ein- 
deutig Ordnungsfunktion: Die oft wuchernden sublinguistisch-kogi- 
tativen Bewegungen müssen, wo immer Denken operationalisiert 
werden soll, in Bahnen gefügt, modellierend auf je Wesentliches kon- 
zentriert werden 181 . Man wird daher bei dem Modell-Original -Ver- 
gleich von der zweiten zur ersten semantischen Stufe meist nur 
geringe Grade der strukturellen und der (quasi-)materialen Anglei- 
chung feststellen — „feststellen" in dem dargelegten „transempi- 
risch"-kommunikativen Sinn. 

Die strukurelle Angleichung des Modells an sein internes Origi- 
nal wird in diesen Fällen desto größer sein, je informationstreuer 
der Gedanke hinsichtlich seiner Struktur, d. h. hinsichtlich der An- 
zahl und des relationalen Kontextes der ihn aufbauenden Sememe/ 
Semanteme, im Zeichen-Modell der zweiten Stufe vermittelt wird. 

Auch bezüglich der (quasi-)materialen Angleichung der Modelle 
der zweiten semantischen Stufe an ihre Originale lassen sich Grade 
zwischen vollständiger (Quasi-)Isohylie und vollständiger Analogie 
feststellen. Im Blick auf die im engsten Sinne sprachlichen Modelle 
darf in erster Näherung ausgesagt werden, daß — für eine gegebene 
strukturelle Adäquation — die materiale Angleichung genau dann 
am größten ist, wenn keiner der in dem Originals ei tigen Gedanken 
auftretenden, inhaltlich unterscheid baren Vorstellungsbestandteile, 
insbesondere keiner der Begriffe, die den Gedanken „tragen", in 



150 J.G, Droysen, 1868. 

151 Hierzu B, L. Whorf, 1963b, p. 39, mit seiner treffenden Bemer- 
kung, die Sprache »sei, so königlich auch ihre Rolle ist, gewissermaßen 
nur ein oberflächüches Muster tieferer Bewußtseins prozesse ..." mit der 
Beifügung, „daß das Oberflächliche zugleich in einem bestimmten opera- 
tiven Sinn das Wichtigere sein kann." (Übersetzung von P. Krausser.) 

15 Stachowiak, Modellchcorie 



228 Semantische Stufen und semantische Modelle 

dem zugehörigen sprachlichen Modell in neuer inhaltlicher, kode- 
mäßiger Charakterisierung auftritt,, mithin die einmal getroffene 
semantische Belegung der Gedanken -Struktur sich vollständig in der 
sprachlichen Repräsentation des Gedankens niederschlägt. In dem 
Grade, in dem Veränderungen dieser Belegung zugelassen oder er- 
zeugt werden, enthält das Modell analogisierende, die Merkmals- 
inhalte nach einem semantischen Kode ändernde Bestandteile. In 
allen natürlichen Sprachen gibt es für solche teilanalogischen Mo- 
delle unzählige Beispiele. Oft treten dabei bewußt analogisierende 
Abbildungen von Gedanken -Bestand teilen auf, in eigenartiger Ver- 
mischung mit Merkmalsabbildungen, die für das modellierende 
Subjekt material unverändert bleiben, obgleich auch sie einem 
Perzipienten des betreffenden sprachlichen Modells als Analogi- 
sierungen zwar nicht eigentlich der abgebildeten Gedanken-Bestand- 
teile selbst, wohl aber ihrer vor-gedanklichen Originale und Pseudo- 
Originale erscheinen können. Gewisse solcher Modellbildungen sind 
rückverf olgbar bis in magisch -mythische, ja phylogenetische Quel- 
len menschlichen Denkens und menschlicher Ausdrucks form en isa . 

Hohe Verkürzungsgrade und dementsprechend niedrige Grade 
der strukturellen Original an gleichung werden auch von Modellen 
höherer semantischer Stufen erreicht. Auch hier ein erheblicher Frei- 
heitsspielraum der Original- und der Modellattribuierungen und 
dementsprechend pragmatisch schwankende Messungen/Schätzungen 
der Adäquationsgrade. 

Die im Übergang von der nullten zur ersten und von der ersten 
zur zweiten, dritten usw. semantischen Stufe von einem Organismus 
ausgeführten Original-Modell -Transformationen sind wesentlich Lei- 
stungen des operativen Zentrums dieses Organismus, speziell seines 
Gegen wärtigungsbereich s 1SS . Der Transformator „Gegenwärtigung" 
hat die Doppelfunktion: 1. materielle Außenweltinformation ver- 
einfachend, verdichtend und intentional zentrierend zu innerer, in- 
formationeller Repräsentanz zu bringen, 2. das so Verinnerl ächte 
wieder nach außen ins Materielle umzuformen, um es kommuni- 
kabel zu machen 15i . Um die vorgenannten Transformationen leisten 



152 Hierzu die bekannten Untersuchungen von E. Topitsch, 1962, 
1965b. 

153 Vgl. H. Stachowiak, 1964, 1965. 

154 In substrathaft-funktion eller, hier wesentlich physiologischer Hin- 
sidit, besteht die erste der im Text genannten Funktionen in der „Model- 
lierung" afferenter zentrainervöser Erregungsmuster zu „inneren Zeichen" 



Semantische Modelle 229 

zu können, benötigt der Organismus ein Speichersystem für interne 
Modelle. Dieses „Er-innening5"-System ist offen, dynamisch, ständi- 
gen Wandinngen unterworfen. Eine seiner charakteristischen Ver- 
änderungen Hegt in der mit zunehmender Zeit zwischen Einlagerung 
und Abruf des internen Modells wachsenden Original Verkürzung in 
Verbindung mit der Uberbeconung bestimmter und oft nur sehr 
weniger Originalattribute. Viele solcher persönlichkeitsbedingten Ori- 
ginalverkürzungen können bei abnehmender Lerntätigkeit des Men- 
schen zu immer stärkeren Vereins ei ugungen interner Modellopera- 
tionen, zu inneren Verfestigungen (Flexibilitätsverlusten) fuhren. Bei 
entsprechend gesteigerter realitä tsverarbeiten der Lernaktivität kann 
umgekehrt große Vielfalt, Differenziertheit und Beweglichkeit der 
inneren Modellbildungen erlangt werden und erhalten bleiben. 

2.3.2.3 Semologische Einteilung der semantischen Modelle 

Durch die semantischen Stufen wird der eigentlich-semantische Raum 
derart in Horizontalbereiche zerlegt, daß sich O riginal -Modell- Ver- 



füt Gegenstände der Außenwelt. Diese Transformation ist die eigendiche 
Leistung des Bewußtseins, zu bewirken nämlich, „daß etwas unmittelbar 
Gegebenes als etwas anderes erscheint" (C. w*einschenk, 1955, p. 281). 
Entsprechend für die zweite Umwandlungsfunktion: Zunächst werden die 
„inneren Zeichen" gewissen Operationen unterworfen. Deren Ergebnisse, 
die selbst noch „innere Zeichen" sind, werden dann in zentralnervöse 
Erregungsinuster rückgewandelt, die ihrerseits die efferent- motorischen 
Prozesse auslösen. Das „Bewußtsein" erscheint so in der Tat als ein — 
„innere Zeichen" erzeugender und wandelnder — Transformator zwischen 
afferenten und efferenten Informationsströmen. Unter den Informations- 
verarbeitungszentrer zwischen Afferenz und Efferenz ist dabei Bewußtsein 
etwas, das stets letztinstanzlich eingreift, wenn die vegetativen und 
gewohnheitsmäßigen Funktionen niederer Verarbeitungs stellen nicht mehr 
ausreichen, um bei unerwarteten Außenweltveränderungeo motivgereehte 
Handlungsantizipationen zu gewinnen. Obgleich die höheren Zentren 
sprunghaft aktiviert werden können, ist der Übergang von den niederen 
Zentren bis zum höchsten Zentrum im ganzen funktionell fließend, wie es 
dementsprechend auch keine scharfe Festgrenze zwischen unbewußt und 
bewußt ablaufenden Informationsverarbeitungsprozessen gibt. Der „Raum 
der Gegen wartigung", in einem auf K. Jaspers zurückgehenden Bild einet 
Bühne vergleichbar, „füllt sich" gleichsam je nach Graden der Bewußtheit 
— vom Uni erbewußten über das Vorbewußte zum Bewußten aufsteigend 
(S. Freud) — mit „inneren Zeichen" zunehmender Deutlichkeit, die den 
Konstiruenten-Reservoires det extero-, proprio- und enterozeptiven, der 
„memorialen" und der „motiozeptiven" Information (vgl. H. Stachowiak, 
196$, p. 69 f.) entnommen sind. 



230 



Semantische Stufen und semantische Modelle 



kettungen über mehrere Stufen hinweg verfolgen lassen. Sei A t ein 
Gebilde der ersten semantischen Stufe und A 2 ein Modell der zwei- 
ten semantischen Stufe, das A t zum Original hat lss . Sei ferner A s 
ein der dritten semantischen Stufe angehörendes Modell von A t usf. 
Dann ist durch die Abb ildungs folge A l — *■ A 2 , A 2 — *■ A 3 usw. ein suk- 
zessive aufsteigender Vertikalstrang durch das Stufensystem gelegt, 
der bei einem gewissen Modell höchsten Grades bezüglich A 1 (vgl. 
Schaubild 11, S. 218} endet. Führt nun eine Operation auf der ersten 
semantischen Stufe von einem Gebilde A % zu einem Gebilde B u so 



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Schaubild 14. Schematiscbe Darstellung der „Denkbewegung" und ihrer 

begleitenden Zekhenmodelle der zweiten bis vierten semantischen Stufe. 

Erläuterungen im Text 

kann diese perzeptiv-kogitaave Modellbewegung, wie Schaubild 14 
andeutet, entsprechende externe Modellbewegungen auf der zweiten, 
dritten usw. Stufe nach sich ziehen. 

Die miteinander vertikal verketteten Modelloperationen lassen 
sich in diesem Fall über die Stufenhierarchie hinweg vergleichen und 
vergleichend analysieren, wobei es nützlich scheint, die überhaupt 
auftretenden semantischen Modelle {auf noch andere Weise als für 
die erste semantische Stufe gemäß Tafel 5, nämlich) nach semolo- 



155 Es sei zunächst angenommen, daß keine Stufe übersprungen wird. 



Semantische Modelle 231 

gischen (vgl. Tafel 4, S. 203) Gesichtspunkten in Haupt- und Unter- 
klassen zu zerlegen. In Schaubild 14 denke man sich hierzu den in 
Stufen aufgebauten semantischen Raum in vertikale, die einzelnen 
Stufen von unten nach oben durchdringende Stränge und Unter- 
stränge eingeteilt, Inhal dich liegen der Einteilung folgende an den 
Modellen der ersten semantischen Stufen orientierte semologische 
Hauptklassen zugrunde tS6 : 

1. Die Hauptklasse der emotionalen semantischen Modelle 
(E-Hauptklasse). Hierunter ist die Klasse der gefühlsbetonten und 
nicht oder nur zum geringen Teil auf Mitteilung angelegten seman- 
tischen Modelle zu verstehen mit meist ungemein starker Original- 
verkürzung {„Komplexitätsreduktion") im Übergang von der ersten 
zur zweiten Stufe. Die lautsprachlichen Modelle dieser Klasse sind 
dem Ausdrucksrepertoire der Gebärden, also trieb- und gefühls- 
bedingter Erregungsrepräsentationen, zuzuordnen. Hierzu gehören 
ferner die typisierende Nachahmung, der Anruf 157 und ähnliche 
Kommunikationsformen, die aus tierischem Verhalten entstanden 
sind. 

Die Modelle der E-Hauptklasse fallen nur bedingt unter die in 
der Theorie der semantischen Stufen zu behandelnden Gebilde, für 
die ja nach den MARTiNETschen Bestimmungen taxemische Auflös- 
barkeit verlangt worden war. Sie dürften auch von minderer Rele- 
vanz für eine operational orientierte Modell theorie sein. Immerhin 
zeigen zahlreiche semantische Modelle der E-Hauptklasse, daß im 
Bereich der natürlichen Kommunikationssysteme, speziell der natür- 
lichen Sprachen, die BühlerscHc 15B Trennungslinie zwischen An- 



156 Die im folgenden Text vorgenommene Zweiteilung der kogita- 
tiven Gebilde entspricht überlieferten sprachwissenschaftlichen Unterschei- 
dungen. Vgl. z. B. A. Noreen, 1923, p. 277 ff., dem ich mich hierin und 
in weiteren Einteilungen weitgehend anschließe. Noreen ersetzt in seiner 
Bedeutungslehre die „klassische" Einteilung der „Aussprüche" in „Gefühls- 
aussprüche" und „Gedanken au ssprüche" durch eine Einteilung in „inter- 
jektionelle" und „kommunikative" Aussprüche. Entere umfassen die Un- 
terklassen der „impulsiven", „repulstven" und „kompulsiven", letztere die- 
jenigen der „exkiamariven", „narraüven" und „voluntativen" Aussprüche 
(p. 277 — -279). Auf diese Einteilungen wird im Text unter gewissen Ab- 
wandlungen zurückgegriffen. 

157 Zum Problem des Überganges vom tierischen zum menschlichen 
Imperativ, der selbst im folgenden zur zweiten Hauptklasse gezählt wird, 
vgl, G. Höpp, 1970, p. 152 und weitere Stellen. 

158 A. a. O., Anm. 107, S, 196. 



232 Semantische Stufen und semantische Modelle 

zeichen (Zeichen von etwas) und Rzpräsentationszetchen (Zeichen 
für etwas) nicht immer scharf gezogen werden kann bzw. scharfe 
Unterscheidungen zwischen Symptom, Signal und Symbol im Büh- 
LERschen Sinne nicht möglich sind. Das sichtbare Zeichen eines 
Gefühl sausbruches kann als Anzeichen, als diagnostischer Hinweis 
auf die Zeichenquelle und als Symptom derselben betrachtet werden; 
es ist andererseits oft auffaßbar auch als sprachlich-kommunikatives 
Repräsentationszeichen, dessen Bedeurungszuordnung weitgehend, 
oft sogar erheblich und über einzelne Nationalsprachen hinausgehend 
konventionalisiert ist. 

2. Die Hauptklasse der kognitiven 1 ** semantischen Modelle 
(K-Hauptklasse). Diese Klasse umfaßt auf der ersten semantischen 
Stufe die Gedanken im engeren Sinne, die sich von den Modellen der 
E- Hauptklasse vor allem durch ihre Gramm atikali tat, insbesondere 
ihre Auflösbarkeit in linguistische Form- und Substanzeinheiten 
(Tafel 4, S. 203) sowie die damit zusammenhängende höhere Diffe- 
renziertheit ihrer kommunikativen Funktionen unterscheiden. Ohne 
daß natürlich die Möglichkeit anderer semologischer Unterteilungen 
bestritten wird, sei (ohne Vollständigkeitsanspruch) eine Zerlegung 
der K-Hauptklasse in die 

(2 a) Mobitiv-Klasse 1 ™, 
(2b) Optativ-Klasse" 1 , 
(2 c) Imperativ-Klasse 1M , 



159 „Kognitiv" wird hier im Sinne von „erkennmisfähig", besser 
noch „erkenntnisermöglichend" verwendet, wobei der Erkenntnisbegriff 
auf disnnktes, diskursives Erkennen von mehr oder weniger differenzierten 
Zeichen bedeutungen besch rankt wird. 

160 Beispiel des im engeren Sinne sprachlichen Modells dieser Klasse: 
„Hallo, Sie da!" 

161 Beispiele: „Gute Fahrt!", „Ach, konnte ich dir glauben! 1 *, „Wäre 
es doch schon Abend!" — A. Noreen, 1923, p. 293 ff., erweitert die hier 
vorgeschlagene Optativ-Klasse zur Klasse der voluntativen Aussprüche, 
die er unterteilt in Desiderativ (mit den Unterformen des Desperativs und 
des Sperativs) und Hortativ (Unterformen Prekativ, Proposiv, Jussiv, Im- 
perativ). Die Zuordnung der verschiedenen Begeh censs ätze zu den ge- 
nannten NOREENschen Klassen sind allerdings keineswegs eindeutig zu 
treffen. Im übrigen ist es nicht mein Ehrgeiz, diesen Klassiftkatiansf ragen 
im einzelnen nachzugehen. 

162 „Tritt nähet!", „Berechne den Wert dieser Funktion an der vor- 
gegebenen Stelle!" 



Semantische Modelle 233 

(2d) Interrogativ-Klasse !9S und 
(2 e) Narrativ-Klasse 1M 

vorgeschlagen, wobei man den letz [genannten drei Klassen in der 
angegebenen Reihenfolge als synraktologische Haupteinheiten auf den 
explizit-semantischen Stufen den Befehls-, Frage- und Aussagesatz 
zuzuordnen hat. Die generative Grammatik der zeitgenössischen 
Linguistik bietet eine semi-axiom arische Theorie der transforma- 
tiven Erzeugung von Sätzen, die den engen „syntaktisch-oberflächen- 
strukturellen" Zusammenhang z, B, der Interrogativ- mit der Nar- 
rati v-Klasse aufzuzeigen und die angegebene Klassifikation zumin- 
dest im Bereich von (2 c) bis (2e) formal zu begründen vermag 185 . 
Allerdings pauschaliert die Einteilung bezüglich des semantischen 
und pragmatischen Aspekts; sie ist in dieser Hinsichr oberhalb der 
syneaktalogischen Ebene auch nicht kontextorientierr. In natürlichen 
Sprachen sind daher nicht selten Sätze einer der Kategorien als Sätze 
einer anderen zu deuten bzw. lassen sich Satze einer Kategorie bei 
wesentlich invariantem Sinn 18fi in Sätze einer anderen verwandeln 1B7 . 



163 „Wie heißen Sie?", „'Wann wird morgen die Sonne aufgehen?", 
„Wieviele Nullstellen besitzt dieses Polynom?". 

164 Von narrare = erzählen, berichten, erwähnen. Beispiele erübrigen 
sich hier. A- Nöreen, 1923, p. 19t, bestimmt die „narrativen Aussprüche" 
inhaltlich in der folgenden (allerdings nicht ganz zeitgemäßen) Ausdrucks- 
weise: „Aussprüche dieser Art dienen dazu, die theoretische Auffassung 
des Sprechenden von den äußeren Erscheinungen und Momente seines See- 
lenlebens zum Ausdruck zu bringen, mögen diese nun unmittelbar Beob- 
achtungen oder deren Bearbeitung durch die Phantasie und den Gedanken 
darstellen." Im Blick auf die alsbald zu erörternden Systeme wissenschaft- 
licher Aussagen ist als besonders wichtige Unterklasse der Narrativ- Klasse 
die Klasse der im Indikativ ausgedrückten deklarativen (feststellenden) 
Aussagen hervorzuheben. 

165 Ein näheres Eingehen auf diese Forschungen verbietet sich im 
vorliegenden Rahmen. Der Leser sei vor allem verwiesen auf N. Chomsky, 
1957, 1965 (s. auch S. 206); N. Chomsicy und M. Halle, 1968; R. D. King, 
1971. 

166 Der Befehlssatt „Leb' wohl!" ist als Wunschsatz zu deuten; man- 
che Wunschsätze haben umgekehrt Aufforderungscharakter und kommen 
der Befehlsform zumindest nahe. In bestimmtem semantisch-pragmatischem 
Kontext kann der Fragesatz „Wo sehe ich das Ergebnis?" als Befehlssatz 
(„Komm endlich zum Ergebnis!") oder als Aussagesatz („Ich fordere dich 
auf, das Ergebnis vorzulegen.") gedeutet oder in einen der letztgenannten 
beiden Sätze übergeführt werden. Der Befehlssatz „Du sollst besser die 
Wahrheit sagen!" ist unter Umständen bei gleidibieibcndem Sinn trans- 



234 Semantische Stufen und semantische Modelle 

Die Narrativ-Klasse der — konstatierenden, referierenden, be- 
hauptenden usw. — Aussagen einschließlich der diesen zugrunde 
liegenden kogitativen Modelle sei (wiederum ohne Vollständigkeits- 
anspruch) weiter aufgegliedert in die 

(2 e.l) vorwissenschaftlicb-deklarative 168 , 

(2e.2) poetische™, 

(2e.3) metaphysische 1 ™ und 

(2 e.4) szientifische m 

Unterklasse. Bevor die letztere näher betrachtet wird, sollen die 
semantischen Modelle zu (2e.l) bis (2e,3}, insbesondere bezüglich 
ihrer Ordnungselgenschaften, kurz ins Licht gerückt werden. 

23.3 Nicbt'Szientifiscbe semantische Modelle 

2.3.3.1 Vorwissenschafdich-deklarative Modelle 

Die Modelle zu (2 e.l) bedürfen im vorliegenden Rahmen wohl kei- 
ner besonders tiefgreifenden Erörterung. Hierzu mag der Leser an 
dem einen oder anderen selbstgewählten Beispiel die drei Modell- 
Hauptmerkmale detailliert aufzeigen und wenigstens für die Gebilde 
oberhalb der nullten semantischen Stufe die Grade abschätzen, in 
denen das Modell sich dem Original strukturell bzw. qualitativ an- 
gleicht, in denen es ferner einzelne Originalmerkmale kontrastierend 
heraushebt und abundante Beschaffenheiten aufweist. 

Man denke an die übliche Rhetorik der Totenehrung mit ihren 
Weglassungen und Hinzufügungen, mit der Herausstellung der 



formierbat in den Aussagesatz; „Wenn du nicht die Wahrheit sagst, wird 
dieses dein Verhalten dir Nachteile bringen." Diese Beispiele ließen sich 
beliebig fortsetzen. 

167 Vgl. die 4. Stufe in Schaubild 3 und Tafel 1(4.), S. 148, 150. 

168 Beispiele: „Gleich wird es regnen,", „Mit vereinten Kräften ge- 
lingt manches besser." 

169 „Noch lächelt unveraltet das Bild der Erde dir.™, „Im Juli fischt 
ihr aus den Weihern meine Stimme." 

170 „Es gibt eine subjektfrei -objektive Welt.", „Alles Geschehen ist 
determiniert.", „Die unendliche Summe der allgemeinen Begriffe, Gesetze 
etc. ergibt das Konkrete in seiner Vollständigkeit," 

171 „Ich konstatiere (sensorisch) Identität dieser beiden Außenwelt- 
signale.", „Der Mond ist der einzige natürliche Erdtrabant.", „Die Menge 
der rationalen Zahlen ist abzählbar." 



Nicht-szienrifische semantische Modelle 235 

„positiven", den gesellschaftlichen Wertungen gerecht werdenden 
Attribute. Umgekehrt im Staatsanwaltsplädoyer das stark zum Nega- 
tiven hin verkürzte Verhaltens- und Persönlichkeitsmodell des Ange- 
klagten — gesättigt von „pflichtgemäßer" Subjektivität in Verbin- 
dung mit funktionell oktroyierter, oft über das Notwendigkeitsmaß 
hinaus gesteigerter Intentionalität. (Natürlich liegen die Verhältnisse 
beim Anwaltsplädoyer, nur in entgegengesetzter Richtung, nicht um 
einen Deut anders.) 

Die kontroversen rhetorischen Modelle finden ihre ideologische 
Steigerung in der politischen Auseinandersetzung, Hier, wo es zu- 
meist um den Du rchsetzungs kämpf von Mentalitäten, Vorurteilen, 
Stereo typisierten Überzeugungen geht, werden Originalverkürzung 
und Modellabundanz zu Waffen oft intentionalisrischer Aktivität. 
Man wird auch erinnert an die bramarbasierende Relief Überhöhung, 
durch die ein Erzähler sich ins Licht zu rücken sucht, an intentions- 
konforme Weglassungen und ebensolche oft höchst phantasievolle 
Hinzufügungen. 

2.3.3.2 Poetische Modelle 

In den dichterischen semantischen Modellen, internen wie externen, 
wird zumeist in hoher subjektiv-intentionaler Zentrierung „Realität" 
transformiert und ins wesentlich-bedeutsam Scheinende verdichtet. 
Viele der im folgenden nur kurz angedeuteten Beispiele bzw. Bei- 
spielsklassen expliziter poetisch-literarischer Modelle betreffen Mo- 
delle mit betont geringer qualitativer Originalangleichung. Ihr kom- 
munikativer Effekt besteht oft gerade darin, daß sie den Gedanken, 
den sie repräsentieren sollen, der Phantasie des Adressaten qualitativ 
entfremden, um ihn diesem als desto wesentlicher zu verdeutlichen. 
Das zu Charakterisierende wird von zufälligen Umständen befreit, 
das eigendich Gemeinte dem Adressaten nacherlebbar betont. Die 
„qualitative Entfremdung" braucht nicht durchgängig verbildlichende 
Konkretisierung zu sein, sie muß nicht beim Konkret-Einzelnen 
stehenbleiben 172 , sondern kann hohe Grade der Abstraktion und 



172 Wie Schopenhauer allgemein von der Kunst meinte, deren Pro- 
dukte er als (modellhafte) Wiederholungen, Repräsentationen „ ewiger 
Ideen", d. h. von „für alle Zeit mit gleicher Wahrheit Erkannte(m)" auf- 
faßte: „ . . . und dieses Einzelne, was ihr (der Kunst, H. St.) in jenem 
Strom ein verschwindend kleiner Theil war, wird ihr ein Repräsentant 
des Ganzen, ein Äquivalent des in Raum und Zeit unendlich Vielen: sie 



23Ä Semantische Stufen und semantische Modelle 

Multiplizität der nach vollziehenden Originalerschließung erreichen. 
Poetische Originalverdeutlichung verträgt sich auf eigenartige Weise 
mit Vieldeutigkeit. Nicht die direkte, redundanzfreie Erklärung] son- 
dern gerade die dunkle, vielfach interpretierbare, sich der kontext- 
varianten Wiederholung bedienende Redewendung hat jenen klären- 
den, erleuchtenden Effekt. 

Zum pragmatischen Hauptmerkmal: Die Subjektbezogenheit der 
poetischen Modellierung ist evident — trotz des von manchem Dich- 
ter für seine »Aussage" gelegentlich erhobenen Intersubjektivitäts- 
und Allgemeinheitsanspruchs. Desgleichen liegt die Zeitrelativierung 
auf der Hand. Die Intentionalität der Modellbildungen ist nicht 
immer deutlich. Manche Poeten gaben hierüber ungefragt Aus- 
kunft" 8 , bei den meisten sind spezifische Erschließungsverfahren 
nötig. 

Auch außerhalb bewußt und absichtlich getroffener dichterischer 
Aussagen stößt man häufig auf durchaus poetisch zu nennende 
Modellierungen, denen z. B. die Funktion zukommt, nicht- sprach- 
liche künstlerische Originale sprachlich darzustellen. Wo dies, wie 
etwa im Bereich der Musikrezensionen, in besonders eindringlich- 
verleb endigender Form geschehen soll, bedient sich der Modellieren- 
de nicht selten gewagtester Anal ogisierun gen: „symphonische^ Sprech- 
weise" gerät „ins Stocken"; Echos werden „in die symphonische Land- 
schaft eingesprengt 1 *, Klang „zieht sich zum lyrischen Kristall zu- 
sammen", „aufblühend in seiner Zartheit"; vom Orchester gehen 
„Breitseiten vom Klang" aus m . Selbstverständlich müssen sich poe- 
tische Modellbildungen nicht auf Morphem- und Lexemreservoir es 
der K -Hauptklasse beschränken. Gerade auch E-Ausd rücke finden 
hier Verwendung. 



bleibt daher bei diesem Einzelnen stehen: das Rad der Zeit hält sie an: 
die Relationen verschwinden ihr: nur das Wesentliche, die Idee, ist ihr 
Objekt." (A. Schopenhauer, 1891, p. 218.) 

173 Der frühere B. Brecht beispielsweise hatte episch-informatives, 
soziologisch belehrendes Theater zum Ziel seiner Dramen erklärt und die 
klassischen Zielelemente (Furcht- und Mitleiderzeugung) ausdrücklich eli- 
miniert. Später kehrte er weitgehend zur Aristotelischen Theorie zurück. 
Andere Dichter haben ihre Werke auf moralisierende Wirkung, auf reine 
Unterhaltung und Vergnügen, auf Erkenntnisgewinn — teils im Sinne prag- 
matischer Nützlichkeit, teils als Erkenntnis „ewiger" Wahrheiten - — -, auf 
Propaganda Wirkung und dergleichen mehr inten tionalisiert. 

174 Aus einer mit „wgb" gezeichneten Besprechung in der Berliner 
Zeirung „Der Tagesspiegel " vom 23. Dezember 1971. 



Nicht-szienrifische semantische Modelle 237 

Aus dem Reichtum der poetisch -literarischen Ausdrucks mittel 
seien angeführt: die meist mehrfach inhaltlich erfüllbare, analogisie- 
rende Metapher™, die versinnbildlichende Allegorie und die ande- 
ren verdichtenden Tropusmodelle, mit deren Hilfe Unaussprechbares 
zur Sprache gebracht werden soll, Tropen wie die übertreibende 
Hyperbel und die Formen der Antonomasis, Katachresis, Metalepsis 
usw.; ferner das frühnordische Kenning und der Euphorismus als 
poetisch umschreibende, oft beschönigende Darstellung von Dingen 
und Ereignissen; das der sinnbildlichen Hervorhebung eines Bedeu- 
tungsvollen dienende Gleichnis mit der oft sinn verdunkelnden Fülle 
assoziierter Bezugsmomente und Bedeutungsverbindungen; auch das 
Beispiel, wenn es zur Erhellung eines umfassenderen Zusammen- 
hanges benutzt wird, und sein „vornehmer Verwandter", das rheto- 
rische Paradigma; weiter die verschiedenen Formen der eindring- 
lichen, augenscheinlich machenden Manifestation, nicht nur als Ge- 
bärde und Demonstration, sondern gerade auch in ihrem schrift- 
lichen Ausdruck; die belehrende, oft als kleines Kunstwerk dar- 
gebrachte Parabel; die Fabel als zumeist didaktisch-moralisches Lehr- 
stück; der Spruch, gelegentlich als Anspielung, die Sentenz; das lyri- 
sche Gedicht und das (gesungene) Lied; die Mythe, Märe, Sage, Le- 
gende; das Epos und das Drama, nicht zuletzt Formen der Anek- 
dote; des Aphorismus in seiner pointierenden Einseitigkeit; der 
Glosse und des Witzes, der (nicht nur graphischen, sondern gerade 
auch sprachlichen) Karikatur. 

Alle unter die vorgenannten Formen fallenden Einzelausdrücke 
kennzeichnen semantische Modelle perzeptiv- realer oder kogitativer 
Originale, und unbeschadet der Schwierigkeiten quantitativer oder 
auch nur komparativer Modell-Original-Vergleiche lassen sich auch 
auf diese Modelle die fundamentalen Kategorien der Allgemeinen 
Modelltheoric mit Vorteil anwenden. Eine künftige Theorie der Litera- 
tur 176 konnte daran interessiert sein, Arten und Grade der strukture! - 



175 Über „Bild, Metapher, Symbol, Mythus" vgl. R. Wellek und 
A. Warren, 1963, p. 163 — 188, speziell zur Metapher unter sprach - 
geschichtlichem Gesichtswinkel H. Paul, 1923, p. 94ff. Sprach philoso- 
phisch-modelltheoretische Untersuchungen zum gleichen Gegenstand bei 
M. Black, 1962, insbesondere p, 25 ff., und J. W. Swanson, 1967, 
p. 305 ff. Zur Analyse der (metaphorischen) „Sprach Verführung" siehe 
H. Weinrich, 1964. 

176 Im Sinne etwa des Werkes von R. Wellek und A. Warren, 
1963. 



238 Semantische Stufen und semantische Modelle 

len Originalabweichung und der materialen Original Verfremdung 
poetisch -literarischer Sprach modelle innerhalb eines pragmatischen 
Bezugssystems zu untersuchen. Eine allgemeine Theorie der Kunst 
könnte sich der modelltheoretischen Betrachtungsweise bedienen, 
um das Verhältnis der poetisch-literarischen Modelle zu anderen 
künstlerischen Modellarten zu untersuchen und die jeweiligen Be- 
sonderheiten der zwar individuell erzeugten, jedoch von sozialkultu- 
rellen Bedingungen abhängigen semantischen Modelle der Musik, 
Bildenden Kunst, Architektur, Ornamentik usw. im Rahmen der all- 
gemeinen Zeichentheorie zu erarbeiten 177 . Hierher gehört auch eine 
angewandte Modelltheorie der künstlerischen Stilformen, auch be- 
reits der Moden in ihrem mehr und mehr fluktuativen Auftreten, 
überhaupt eine Modell theorie der „diachronischen Ästhetik", in der 
Fragen der Synonymie, Homonymie, des Bedeutungswandels in den 
ästhetischen Objektivationen und Innovationen auf den verschiede- 
nen sozialkulturellen Sublimationsstufen in ihren pragmatischen Be- 
zügen — Subjektivität, Zeitlichkeit, Intentionalität — untersucht 
werden. 

2.3.3.3 Metaphysische Modelle 

Die Allgemeine Modelltheorie bietet in Verbindung mit der Semio- 
tik und der Theorie der semantischen Stufen auch einen Zugang zur 
vergleichenden funktional -pragmatischen Analyse der metaphysi- 
schen Modelle. Vor allem Ernst Topitsch 17S dankt man tiefere Ein- 
blicke in die geistes- und kulturgeschichtliche Genesis dieser Modelle, 
die aus ursprünglich sprachlichen Beschreibungen meist höchst an- 
schaulicher perzeptiv-kogitativer Modellvorstellungen entstanden 
sind. Die diesen Modellvorstellungen ihrerseits zugrunde liegenden, 
besser: zugrunde gelegten „Wesenheiten" sind Erzeugnisse kontext- 
reicher, sehr verwickelter anthropomorphisierender und ahalogisieren- 
der Prozesse. Sie nachzu vollziehen dürfte von größter Relevanz sein 
für die Aufhellung des philosophischen Erkenntnisvermögens über- 
haupt {Anm. 48, S. 46) wie der Wege des philosophischen Denkens. 
Dies gilt besonders für das Wechsel Verhältnis von aspektiven Teil- 
modellen der von Menschen erlebten Wirklichkeit zu jenen Total- 



177 Wesentliche Vorarbeiten hierzu bei M. Bense, 1954, 1956, 1958, 
1960. 

178 E. Topitsch, 1958. 



Nichr-szienrifische semantische Modelle 239 

modellen, durch die hindurch neue, höhere Welten und Mächte er- 
schlossen, transparent gemacht werden. Aufhebung von Aspektivität 
war noch immer eine der — oft kaum bewußten — Hauptstrebun- 
gen philosophischer Kontemplation seit ihren Ursprüngen im ma- 
gisch-mythischen Erleben. Besonders im Denken der philosophischen 
Mystik verschwinden sämtliche eigenschaftsisolierenden Momente im 
Absoluten, Totalen, im Seinsgrund, der zugleich Ich (und Selbst) ist. 
Um das zuvor Angedeutete durch Beispiele zu veranschaulichen, 
seien zunächst aus dem vorphilosophischen Bereich mythischen und 
mythologischen Denkens einige Original-Modell-Zuordnungen her- 
ausgegriffen 179 , deren Anthropomorphismen offen zutage liegen. Die 
Welt, der Kosmos, das Universum wurden etwa „biomorpb" dar- 
gestellt als aus dem (von einem Urvogel stammenden) Welt-Ei ent- 
standen, aber auch als Zeugungsprodukt von Sonne und Mond oder 
von Himmel und Erde. Weitere Analog-Modelle des Kosmos waren 
der Weltbaum, der den Himmel trägt, oder der Weltriese der baby- 
lonischen, indischen, chinesischen und nordischen Mythologie. Der 
Himmel wird „technomorph" auf die Konfiguration des Zeltes oder 
des gewölbten Daches, der Kuppel, abgebildet, in entsprechender 
Weise erscheint die Sonne als Schild oder Wagenrad. Andere Kos- 
mos-Modelle bedienen sich „soziomorpher" Analogien, dergestalt 
vor allem, daß die Weltordnung nach dem Vorbild der Staatsord- 
nung begriffen wurde. Eine bekannte Original- Modell -Beziehung 
(Staat — Staatsmodell) wurde analogisch auf eine noch aufzubau- 
ende Original- Modell-Beziehung (Kosmos — Kosmosmodell) über- 
tragen, die so oder so interpretierte Ordnung der eigenen Gesell- 
schaft in die kosmische Ordnung projiziert. An die Stelle der gesamt- 
gesellschaftlichen Ordnung trat gelegentlich auch diejenige der Sippe 
oder eines ländlichen „Wirtschaftsbetriebes" und dergleichen mehr. 
In der Philosophie vollzog sich dann der Übergang von den naiv- 
bildhaften zu immer abstrakteren Kosmos-Modellen, jedoch sind 
deren mythische Konstituenten, wie Topitsch gezeigt hat, in vielen 
Fällen aufweisbar. Die philosophischen Kosmos-Modelle wurden als- 
bald zu spekulativen Modellen „des Seienden" oder doch von „Sei- 
endem"; sie füllen weite Bereiche im Gesamtraum der Philosophie. 



179 Die im folgenden verwendete Dreiteilung der verwissenschaft- 
lichen anthropomorphen Modell Vorstellungen in solche biomorpher, tech- 
nomorpher und soziomorpher Art nach E. Topitsch, 19.S8. 






240 Semantische Stufen und semantische Modelle 

Hierzu gehören die rationalistisch-ontologi sehen Weltmodelle, die 
eschatologischen Modelle (vgl. 2.3.4.5, S. 283), auch die finalen und 
kausalen Modelle der „Wirklieh keif', das Schichten modeil N. Hart- 
manns — um nur einige der Fortsetzungen ältester Kosmos- Speku- 
lation anzudeuten. 

Entsprechende Verhältnisse zeigt Topitsch für die mannigfachen 
Seelen-Modelle auf (worunter wieder sowohl interne kogitative Mo- 
delle der ersten semantischen Stufe als auch die explizit-semantischen 
Repräsentationen dieser Modelle, hier also deren im engeren Sinne 
schriftsprachliche Ausdrücke zu verstehen sind). In Mythologie und 
früher Philosophie erscheinen Leben und Seele als Lebensbaum, 
Pneuma, Luft, Atemhauch, auch als Feuer, abstrakter dann als 
Bewegungsprinzip und, deutlich technoraorphe Herkunft anzeigend, 
als die aktive „Form", die dem passiven Stoff als Leib zu- und 
in gewissem Sinne über- bzw. vorgeordnet ist. Platon entwarf nach 
dem erwähnten Vorbild-Modell der Gesellschaftsordnung ein hierar- 
chisches Seelen-Modell mit der Vernunft als Herrscher, der Willens- 
kraft als Polizei und dem Volk, das die Begierden repräsentiert. 
Augustinus' kosmokratisches Hierarchie-Modell und S. Freuds 
psychoanalytisches Dreischichten-Modell gehören in ebendiese Reihe, 
als wie „empirisch" man etwa Freuds Konstruktion mit ihren frucht- 
baren psychologischen Begriffs bildungen und deren Verwendung für 
soziokulturelle Zusammenhänge gegenüber den Seelen-Modellen der 
Philosophie immer erweisen mag. 

Hier ist abschließend der Ort, den erkenntnistheoretischen Ideal- 
fall im Sinne des klassischen Abbildungsrealismus modelltheoretisch 
zu charaktersieren. Dieser Idealfall entspricht der scholastischen 
adaequatto ret et inteilectus. Er wäre erreicht, wenn das philosophi- 
sche Modell (der ersten odet einer höheren semantischen Stufe) eine 
Kopierung (vgl. Tafel 2, S. 158) seines „an sich seienden" Originals ist, 
wenn es zu diesem also isomorph und isohyl bei Abundanz- und 
Kontrasrierungsfreiheit ist und bezüglich der pragmatischen Relati- 
vierungen (S. 132 f.) gilt: Die Original-Modell -Zuordnung ist für alle 
denkbaren modellierenden Subjekte identisch, sie ist zeitlos und — 
im Widerspruch zu dem in 1.3.2 (S.51) gefaßten pragmatischen Ent- 
schluß ■ — ohne operationale Intention (d. h. „reine Wahrheits- 
erkenntnis"). Es ist dies ein unerfüllbares Ideal 3 weil — - abgesehen 
von den erkenntnistheorerisehen Erörterungen des ersten Kapitels 
— kein Mensch anders als über Modellbildungen sein Erkenntnis- 



Nicht-szientifische semantische Modelle 241 

objekt erschließen kann und ein absoluter, d. h. nicht pragmatisch 
zu relativierender Beurteilungsstandpunkt gegenüber der Orignal- 
Modell-Relation nicht nachweisbar ist. Absolute Äquation ist nur 
in dem philosophisch uneigentlichen und nichtssagenden Fall erreich- 
bar, daß ein semantisches Modell durch sich selbst modelliert wird, 
Original und Modell (als Gebilde derselben semantischen Stufe) also 
miteinander zusammenfallen. Man gelangt leicht von jenem fiktiven 
Grenzfall zu einer angemessenen Beurteilung der menschlichen Er- 
kenn tnismögl ich keiten und insbesondere des wissenschaftlichen Be- 
mühens, das — als ein Bemühen um Mögliches — des dreifachen 
pragmatischen Bezuges nicht entraten kann. 

Wie sich im einzelnen sichtbar gemachten Kunstwerk ein astheti* 
scher Stil manifestiert (dessen Reichweite eine Epoche oder die Wirk- 
samkeitsdauer einer Kunstschule, aber auch ein individuelles Küstler- 
leben oder nur eine Phase dieses Lebens umfaßt), so ist das einzelne 
philosophische Werk, ja, jeder einzelne philosophische Gedanke 
Ausdruck eines umfassenderen Denkmodells, Manifestation nämlich 
einer Denkform m t die dem Philosophen als orientierendes, selektie- 
rendes, nach einheitlichen Prinzipien gestaltendes, zeit- und lebens- 
geschichtlich verankertes Leitsystem „vorschwebt". Dieses Denk- 
modell bestimmt vom Grundsätzlichen her alle seine kogitativen 
Einzelaktivitäten in struktureller und — da die Denk/owi eng mit 
weltanschaulich wertenden Inhalten zusammenhängt — auch mate- 
rialer Hinsicht. 

Trotz wichtiger Untersuchungen zur Weltanschauungs- und 
Denkformenforschung (M. Scheler, K. Mannheim, K. Jaspers, 
H. Leisegang) sind die angedeuteten Abhängigkeiten der philoso- 
phischen Teilmodelle von ihren generellen Ordnungsschemata noch 
weitgehend unerforscht. Das gleiche gilt für den Aufbau jener Denk- 
modelle aus Lern- und Abstraktionsprozessen, für die Verfestigungs- 
und Auflösbarkeitsgrade basaler Denksttukturen und dergleichen 
mehr. Die Untersuchung philosophischer Modellbildungen unter dem 
angedeuteten Aspekt der Wechselbeziehung zwischen Abstraktion 
und Konkretion wäre eine erkenntnispsychologische und -soziologi- 
sche Aufgabe von großer Bedeutung. 



180 Nach H. Leisegang, 1951, p. 15, „das in sich zusammenhän- 
gende Ganze der Gesetzmäßigkeiten des Denkens, das sich aus der Ana- 
lyse von schriftlich ausgedrückten Gedanken eines Individuums ergibt und 
sich ais derselbe Komplex bei anderen ebenfalls auffinden läßt." 



242 Semantische Stufen und semantische Modelle 

2.3.4 Szientifische semantische Modelle 

2.3.4.1 Das Verhältnis der szienrifischen zu den nicht-szientifischen 
narrativen Modellen 

Unter einem genügend weitgefaßten Wissenschaftsbegriff, wie er der 
Wissenschaftspraxis entspricht, wird man einigermaßen scharfe 
Trennlinien zwischen den szienrifischen semantischen Modellen und 
irgendeiner der anderen drei narrativen Modell arten (S. 234) nicht 
nachweisen können. Zum einen rückt gerade ein pragmatisch relati- 
vierender Erkenntnis- und Wissenschaftsbegriff das wissenschaft- 
liche Erzeugnis durchaus in die Nähe des künstlerischen 181 , zum an- 
deren ist klar, daß es zwischen vorwissenschaftlichen und wissen- 
schaftlichen Erzeugnissen m dem Maße fließende Übergänge gibt, 
wie die Wissenschaftiichkeitskriterien der einzelnen Fachbereiche 
nach Art und Strengegrad voneinander abweichen. Aber auch die 
scharfe Abgrenzung der (erfahrungs-) wissenschaftlichen von den 
metaphysischen Erkenntnissen stößt auf bisher noch nicht bewältigte 
und bei Zugrundelegung der faktisch verwendeten Wissenschafts- 
sprachen wahrscheinlich grundsätzlich unüberwindliche Schwierig- 
keiten. Poppers Falsifizierbarkeitskriterium 1SZ etwa scheidet als Lö- 
sung des Abgrenzungsproblems deshalb aus, weil die jeweilige Klasse 
der zu einer empirischen Theorie überhaupt erstellbaren Basissätze 
nicht in allgemeingültiger, von subjektiven Festsetzungen und Kon- 
ventionen unabhängiger Weise gebildet werden kann 183 . 

Die syntakto logischen Haupteinheiten der narrativen Klasse sind 
Aussagesätze. Sie unterscheiden sich von den Frage-, Befehls- und 
Wunschsätzen durch ihr Wahr- bzw. Falschsein 184 . Dies scheint par 
excellence für wissenschaftliche Aussagesätze bzw. (auf der ersten 
semantischen Stufe:) wissenschaftliche Gedanken zu gelten, wobei es 
natürlich darauf ankommen muß, Entscheidungsverfabren über das 
Wahr- bzw. Falschsein des einzelnen Satzes/Gedankens angeben zu 



181 Hierzu P. K. Feyerabend, 1967. 

182 Wonach ein empirisch-wissenschaftliches System an der Erfah- 
rung muß scheitern können. Vgl K. Popper, 1966, p. 15., sowie 1,2.3.5, 
S.28f, 

183 Vgl. 1.2.3,7 und 1.23.8, S.30f., und S.31ff. Zum Abgrenzungs- 
problem gibt es im übrigen kontroverse Auffassungen, z . B. zwischen 
C. G. Hempel und R. Carnap (hierzu W. Stegmüller, 1970, p. 293 ff.). 

184 Wobei hier von den auf dieser Dichotomie beruhenden Erweite- 
rungsmöglidikeiten zu mehrwertigen Aussagesystemen abgesehen sei. 



Szieatifische semantische Modelle 243 

können. Bezüglich der Wahrheitswert-Entscheidung sieht man sich 
indes der gleichen Unmöglichkeit scharfer Grenzziehung zwischen 
den szientifischen semantischen Modellen und denen der drei übri- 
gen narrariven Unterklassen gegenüber: Poetische Aussagen sind 
meist von der Art, daß ein bündiges und einigermaßen intersubjek- 
tiv anerkanntes Entscheidungsverfahren nicht angegeben werden 
kann. Desgleichen läßt auch die Mitteilungsgenauigkeit zahlreicher 
vorwissenschaftlicher und metaphysischer Aussagen deren Verifika- 
tion bzw. Falsifikation nach einem stringenten Entscheidungsverfah- 
ren nicht zu. 

Es ist nun aber keineswegs so, daß sich die Situation im Falle der 
faktisch als „wissenschaftlich" erklärten Aussagen gewissermaßen 
schlagartig ändert. Auf zahlreiche solcher Aussagen lassen sich keine 
exakten Prüfungsmethoden z. B. auf der Grundlage von Meßvor- 
schriften anwenden; zahlreiche solcher Aussagen charakterisieren 
Umgangs-, bestenfalls episprachlich einmaliges Geschehen unter spe- 
zifischen Bewertungsprämissen; in errechnete oder geschätzte Bestä- 
tigungsgrade auch von Aussagen über reproduzierbares Geschehen 
gehen basale Freiheiten logischer und methodologischer Art und 
hiermit verbundene Unsicherheiten ein. Selbst im formalwissen- 
schafdichen Bereich gibt es bekanntlich bereits für Systeme, die 
reichhaltig genug sind, um die ganze Arithmetik zu enthalten, kein 
Verfahren, das für alle Sätze des Systems den "Wahrheitswert zu ent- 
scheiden gestattet (es bleiben stets Satze übrig, denen zwar nach 
Gepflogenheit das Attribut „wissenschafdich" — zumindest „poten- 
tiell Wissens chaf dich" — zugesprochen wird, deren Wahr- bzw. 
Falschsein nichtsdestoweniger unerweisbar ist). Immerhin können 
wissenschaftliche Aussagesysteme, zumal solche vom axioraatisch- 
deduktiven Typ, dem Ideal der strengen Entscheidbarkeit nahekom- 
men. In der Praxis der Forschung genügt es meist, operative und 
bezüglich der zugrunde gelegten logischen und sprachlichen Mittel 
relative Bestätigungs- bzw. Entscheidungskriterien für szientifische 
Aussagen zu verwenden. 

2.3.4.2 Formale Modelle (Formalwissenschaft) 

Unter den szientifischen Modellen kommt den formalen Modellen 
eine Sonderstellung insofern zu, als diese Modelle nicht unmittelbar 
zum Zweck der Nachbildung, Beschreibung oder Erklärung beob- 
achtbarer raumzeitlich-energetischer Originale, sondern als Reprä- 

16 3 nt ho wink, Modellrhcürie 



244 Semantische Stufen und" semantische Modelle 

sentanten von Gedanken dingen konstruiert werden, denen keine 
beobachtbaren Signalmannigfalcigkeiten der äußeren Welt zugeord- 
net sind. Der Bereich solcher Modellkonstruktionen ist derjenige 
der Mathematik und der Mathematischen Logik 1BB . 

Zwei Modelltypen sind hier zu unterscheiden: einmal logik- 
sprachliche Aussagegebilde, insbesondere Aussageformen 1SS , zürn an- 
deren strukturierte Mengen, die jene Aussagegebilde, Aussagefor- 
men, logische Formeln inh altlich interpretieren. Schon jetzt seien 
die Modelle der ersten Art formal-linguistische Darstellungsmodelle, 
die der zweiten Art formale Belegungsmodelle genannt. 

Die allgemeine Theorie dieser spezifisch miteinander zusammen- 
hängenden Modellarten ist innerhalb der mathematischen Struktur- 
theorie entwickelbar. Den hierzu bereits geleisteten Vorarbeiten 187 
zufolge kann sich die vorliegende Betrachtung auf eine kurze Wieder- 
gabe der wichtigsten struktur- und modelltheoretischen Begriffe be- 
schränken. 

Den Anfang bilde der Begriff des konkreten Relationengebildes. 
Hierunter wird eine Menge iaB M zusammen mit einem «-Tupel a 

von Relationen R^ , , R^'»' 1SS verstanden, wo f„ (v = 1, , . . , n) 

die Stellenzahl der v-ten Relation angibt. In dem Gebilde — wie das 
konkrete Relationen gebil de auch abkürzend genannt wird — (M, <j) 



185 Auch aus der Kybernetik und der allgemeinen Systemtheorie läßt 
sich ein formaler, reiner, nicht (oder nicht unmittelbar) anwendungsbezo- 
gener Grundbereich mit entsprechenden Modell bildungen ausgliedern, der 
gleichwohl schwerlich zur Mathematik und sicher nicht zur Mathemati- 
schen Logik zu zählen ist, Die vorliegenden Überlegungen beschränken sich 
auf die herkömmlichen Formalwisseiiadiafifctt Sie sind mutatis mutandis 
auf andere formalwissenschafdiche Disziplinen übertragbar. 

186 Ausdrücke, in denen wenigstens eine Variable frei vorkommt. 

187 Vor allem von N. Bourbaki, 1954. Ein Überblick bei P. Loren- 
ZEN, 1955 (III. TeU). 

188 Für das Verständnis des Folgenden genügt der inhaltliche Men- 
genbegriff der naiven Mengenlehre. 

189 Gemäß der hier zugrunde gelegten mengentheoretischen Fassung 
des Relationenbegriffs wird unter einer i-stelligen Relation Rf'J auf M 

i 
eine Untermenge des i -fachen Mengenproduktes M* (:=XA!, mit 

M r = M) verstanden. Eine zweistellige Relation R&> auf M ist demnach 
eine Unterklasse von MX M und eine einstellige Relation RO (eine Eigen- 
schaft auf M) eine Untermenge von M. Die Elemente von M gelten als 
nullstellige Relationen. 



Szientifische semantische Modelle 245 

sind M die Trägcrmenge und a die M aufgeprägte (konkrete) Re/a- 
tionenstruktur (erster Stufe 180 ). Man beachte, daß der Relationen- 
begriff weit genug ist, um auch Abbildungen™ 1 , insbesondere Funk- 
tionen™ 2 , Vektoren™ 3 beliebig dimensionaler Räume usw. einzu- 
schließen. Handelt es sich bei den Relationen speziell um Verknüp- 
fungen ,9 *, so heißt (M, o) ein Verknüpfungsgebilde; die Relationen- 
Struktur ist in diesem Fall eine V er knüpf ungsstruktur. 

Das »-Tupel (i'i, . . . , 4) heißt Stellenverteilung von (M, a)* Ha- 
ben zwei Gebilde dieselbe Stellenverteilung, so sind sie homolog. 
Homologe Gebilde haben offensichtlich ein Griindcharakteristikum 
ihres strukturellen Aufbaues gemeinsam. 

Man sieht ferner, daß eine Untermenge der Trägermenge M eines 
Gebildes (M } c) bezüglich der Relationen von a 1BS wieder ein Ge- 
bilde sein kann. Es ist Untergebilde von (M, a). 



190 Da sich die vorliegenden Ausführungen auf Grundsätzliches be- 
schränken, brauchen die bei höheren typen logischen Stufen auftretenden 
Fragen hier nicht erörtert zu werden. Näheres in der in Anm. 187, S. 244, 
angegebenen Literatur. 

191 Für zwei Mengen M und N wird der Begriff der Abbildung von 
M in N wie folgt erklärt: Eine Teilmenge FcMXN heißt Abbildung 
von M in N, wenn es zu jedem x £ M genau ein y e N gibt, so daß 
(jc, y) e F. Für (*, y) e F schreibt man auch F{x) =y. Die Menge M heißt 
Abbildungsvorbereich, die Menge der y = F(x) Abbildungsnacbbereich . 
Gilt für F zusätzlich, daß es zu jedem yeN ein x gibt, so daß y — F (x), 
so heißt F eine Abbildung von M auf N. Abbildungen auf eine Menge 
weiden surjektiv genannt; umkehrbar eindeutige Abbildungen heißen in- 
jektiv; Abbildungen, die surjektiv und injektiv sind, nennt man bijektw. 

192 Eine Funktion F ist eine Abbildung einer Menge M in eine Menge 
N. Der Abbildungsvorbereich von F heißt Definition*- oder Argument- 
bereich von F, der Abbildungsnachbereich Wertevorrat von F. Eine Funk- 
tion F heißt i-stellig, wenn ihr Argumentbereich M Teilmenge eines /-fachen 
kanesischen Produkts ist. 

193 Ein Vektor ist ein Element eines Vektorraumes V über einem 
Körper K. V ist eine abelsche Gruppe mit der (additiven) Verknüpfung © 
und der folgenden Eigenschaft: Es existiert eine eindeutige Abbildung o 
von K X V in V derart, daß für beliebige a,ßeK und beliebige a, b e V 
gilt: {<* + ß)aa = <* a®ßoa, ao(a@b} = a oa ®a b, (a-ß)oa = a (ßoa) 
und 1 d<i = 0, wo +, ■ die Verknüpfungen in K bezeichnen. 

194 Eine (innere) i-sUllige Verknüpfung oder i-steüige Operation von 
M ist eine i-stellige Funktion, deren sämdiche Argumente und deren Werte 
in M liegen. 

195 Mittels „Durchdrücken 11 der ursprünglichen Relationen von M, 



246 Semantische Stufen und semantische Modelle 

Weitere wichtige Begriffe beziehen sich auf gewisse Abbildungs- 
relationen l9S zwischen Gebilden. Sei außer {M, o) noch ein zweites 
Gebilde, (M*, a*) mit a* = (R^ (/l1 , . . . , R*<'»> ) , vorgelegt. Dann heißt 
eine Abbildung h von M auf M* ein Homomorphismus von (M, o) 

auf (M*, a*}, wenn für alle x u .^eM und für alle RW von c 

gilt, daß aus (x ls . , . . 4 sQ « R<v> stets (fr (xj, . . . , fr (x,„)) e R;<« folgt 
{f = 1, . . . , n). Die Gebilde <M, o) und <M*, a*) heißen in diesem 
Falle homomorph. Existiert eine Abbildung von M auf M*, die nebst 
ihrer Umkehr ung ein bijektiver Homomorphismus ist, so sind die 
Gebilde isomorph, und der Homomorphismus ist ein Isomorphis- 
mus. 

Isomorphe Gebilde haben dieselbe Relationen struktur. Daher 
prägt ihre Äquivalenzklasse eine bestimmte abstrakte Struktur, die 
aufgefaßt werden kann als die Relationenstruktur desjenigen ab- 
strakten Gebildes, das durch die Isomorphieldasse (:= Äquivalenz- 
klasse der isomorphen Gebilde) gegeben ist. Da bei der Klassen- 
bildung von allen nicht-strukturellen Eigentümlichkeiten der zu- 
grunde liegenden konkreten Gebilde abgesehen wird, ist es gestattet, 
das abstrakte Gebilde geradezu mit seiner abstrakten Struktur zu 
identifizieren. Das abstrakte Gebilde ist in der Betrachrungs- und 
Ausdrucksweise der Allgemeinen Modelkheorie ein (formales) Ab- 
straktionsmodeü jedes zu der Isomorphieklasse gehörigen konkreten 
Gebildes. Erst formalwissenschaftlich läßt sich so der Gewinnungs- 
prozeß semantischer Abstraktionsmodelle streng als Parametrisieren 
von Konstanten (S. 131 f.) der Ausgangsmodelle deutlich machen. 

Um nun weitere Begriffe der Theorie der formalen Modeile 
anzuführen, ist es von Vorteil, den bisher eingenommenen mengen- 
theoretischen Standpunkt zu verlassen und zu logiksprachlichen, 
wesentlich linguistischen Begriffen überzugehen. 

Mit Hilfe von Subjekts-, Prädikaten- und Aus sage variablen, 
Junktoren und Quan toten werden in der zunächst als zugrunde 
gelegt betrachteten Prädikatenlogik erster Stufe die sämtlichen nach 
gegebenen Aufbauregeln bildbaren Ausdrücke formuliert. Die so 
erhaltene „inhaltsleere" Logiksprache, für das Folgende mit £ be- 
zeichnet, kann unter geeigneten Umständen mit Bezug auf eine kon- 
krete Individuen menge M und einer AI aufgeprägten Relationen- 
struktur a gedeutet werden: Jeder Subjektionsvariablen wird genau 
ein Individuum aus M, jeder Prädikaten variablen genau eine Rela- 



196 Zur Terminologie siehe Anm. 191, S, 245. 



Szientifisehe semantische Modelle 247 

tion aus o und jeder Aussagevariablen genau einer der beiden Wahr- 
heitswerte zugeordnet 197 . Vermöge der <M, o)-Deutung von £ erhält 
jeder Ausdruck von £ seine partteile, allein auf ihn bezogene Inter- 
pretation. Die partielle Interpretation eines Ausdrucks A heiße 
{M, o) -Belegung von A. Für jede Belegung eines Ausdrucks A gilt, 
daß sie A entweder erfüllt oder nicht erfüllt, daß sie, wie man vor- 
behaltlich präzisierender Bestimmungen sagen kann, A zu einem 
gültigen, richtigen, zutreffenden Ausdruck, insbesondere zu einer 
wahren Aussage macht oder nicht. Eine den £ -Ausdruck A erfüllende 
(M, cr)-Belegung von A heißt <M, a)-Modell von A oder, zur Ver- 
meidung von Äquivokationen in dem weiteren Rahmen der Allge- 
meinen Modelltheorie, (M,a)-Belegungsmodeil von A oder auch kür- 
zer, sofern keine Verwechselungen zu befürchten sind: Belegung*- 
modeü von A. 

Der Begriff des Belegungsmodells ist von großer Tragweite für 
die Formalwissenschaften. Mit seiner Hilfe gewinnen die für den 
semantischen Aufbau formal wissenschaftlich er Theorien fundamen- 
talen Begriffe der Erfüllbarkeit, der Unerfüllbarkeit, der Gültigkeit 
und der Allgemeingültigkeit ihre prägnante Fassung 195 . Er ist einer 
der tragenden Begriffe der modernen Axiomatik, die es metamathe- 
matisch mit Axiomensystemen und deren Eigenschaften zu tun hat. 
Hierzu die wichtigsten Bestimmungen: 

Ein Axiomensystem für eine Menge T von Aussagen einer in 



197 Die Erweiterung der betrachteten Logiksprache auf den Prädi- 
katenkalkül mit Identität und Funktoren, wie er vorzugsweise für die 
Untersuchung konkreter mathematischer Theorien von Bedeutung ist, wür- 
de im vorliegenden Zusammenhang keine wesendich neuen Gesichrspunkte 
erbringen. — Vgl. im übrigen Schaubild 3 auf S. 148, Stufenübergang von 
der Syntakrik zur Semantik, 

198 Dies sei kurz angedeutet: ■:'!; ßxistien für eine Ionische Forn-d A. 
insbesondere für eine Aussageform, wenigstens ein Belegungsmodell be- 
zügisch einer Individuenmenge M, so heißt A bezüglich M erfüllbar. 
(2) Gibt es kein solches Belegungsmodell, so heißt A bezüglich M unerfüll- 
bar. (3) Ist jede Belegung von A über M ein Belegungsmodell von A, so 
heißt A in M gültig. Die Bestimmungen (1) bis (3) waren an eine be- 
stimmte bidividuenmenge M gebunden. Nun werde diese Voraussetzung 
fallengelassen: (4) A wird zu einer aus logischen Gründen gültigen und 
daher allgemeingültigen Aussage, zu einem Satz der Logik, wenn A in 
jeder logisch zulässigen Menge M gültig ist, also jede logisch mögliche 
Belegung von A ein Belegungsmodell von A ist. 



248 Semantische Stufen und semantische Modelle 

einer Logiksprache £ formalisierten Theorie ist eine entscheidbare tM 
Aussagenmenge 2, aus der alle Aussagen von T ableitbar 300 sind. 
Jedes Relationengebilde (M,o), das eine Belegung von 2 leistet, die 
2. erfüllt, ist ein Belegungsmodell von 2. Belegungsmodelle von 
Axiomensystemen sollen auch Belegungsmodelle im engeren Sinne 
heißen. Der Begriff des Belegungsmodells im engeren Sinne ist rele- 
vant für den Nachweis der Widerspruchsfreiheit 201 und weiterer 
fundamentaler Beschaffenheiten von Axiom ensystemen. 

Ein widerspruchsfreies Axiomensystem hat mindestens ein ab- 
straktes Gebilde zum Belegungsmodell. Hat es genau ein abstraktes 
Gebilde zum Belegungsmodell, so wird es monomorph oder katego- 
risch, hat es wenigstens zwei abstrakte Gebilde zu Belegungsmodel- 
len, polymorph genannt. Mit jedem abstrakten Gebilde hat es natür- 
lich auch alle zu der betreffenden Isomorphieklasse gehörenden kon- 
kreten Gebilde zu Belegungsmodellen. In diesem Sinne legt jedes ein- 
zelne Axiomensystem mit der Gesamtheit seiner möglichen Bele- 
gungsmodelle einen bestimmten Strukturtyp fest. 

In einer mathematischen Disziplin, z. B. der Gruppen- oder Ver- 
bandstheorie, wird der jeweils umfassendste Strukturtyp in mög- 



199 Eine Menge von Ausdrücken einer formalisierten Theorie ist ent- 
scheidbar, wenn ein Verfahren angegeben werden kann, das in endlich 
vielen Schritten zu entscheiden gestattet, ob ein Ausdruck dieser Theorie 
zu jener Menge gehört oder nicht. Die mit dem Entseheidbarkeitsbegriff 
zusammenhängenden, z. T. riefliegenden Probleme können im vorliegen- 
den Rahmen nicht berührt werden, 

200 Dieser Begriff wird hier nicht näher bestimmt. 

201 Ein Axiomensystem heißt widerspruchsfrei, wenn aus ihm keine 
Aussage nebst ihrer Verneinung ableitbar ist. Für Theorien, die im Prädi- 
katenkalkül erster Stufe formuliert sind, läßt sich unter gewissen ein- 
schränkenden Voraussetzungen für den Ableitbarkeitsbegriff diese absolute 
oder klassische Widerspruchsfreiheit eines Axiomen Systems durch Aufweis 
eines Belegungsmodells für dieses Axiomensysrem zeigen, In der Forderung 
nach klassischer Widerspruchsfreiheit drückt sich eine Mindestforderung 
an wissenschaf di che Aussagen Systeme bezüglich deren Widerpruchsfreiheit 
aus. Der klassischen Widerspruchsfreiheit kommt die syntaktische Wider- 
spruchsfreiheit am nächsten. Ein Axiomensystem heißt syntaktisch wider- 
spruchsfrei, wenn es wenigstens einen in der betreffenden Kalkül spräche 
form ulierb aren Ausdrud: gibt, der nidit aus dem Axiomensystem ableitbar 
ist. Beide Widerspruchsfreiheit-Begriffe werden erheblich verstärkt durch 
den Begriff der semantischen Widerspruchsfreiheit. Ein Axiomensystem 
heißt semantisch widerspruchsfrei, wenn jede aas ihm ableitbare Aussage 
allgemeingültig ist. 



Szientifische semantische Modelle 249 

liehst vielen seiner Beschaffenheiten untersucht. Ferner werden die 
Isomorphieklassen von Gebilden und, für jede dieser Klassen, die 
konkreten mathematischen Theorien analysiert. Nach N. Bourbaki 
bestimmen dabei drei Grundstrukturen, die Ordnungsstruktur, die 
algebraisd>e Struktur und die topotogische Struktur, den systemati- 
schen Ort der konkreten Theorie. Die meisten konkreten mathemati- 
schen Theorien sind indes multipel strukturiert, d. h. aus mehreren 
Grundstrukturen kombiniert. Jedenfalls wird auf diese Weise der 
Gesamtbereich der Belegungsmodelle im engeren Sinne übersehbar, 
und es werden Analogieschlüsse von bekannten Strukturen und 
Strukturkombinationen auf noch zu errichtende oder auszubauende 
möglich. 

Im Sprachgebrauch der Theorie der semantischen Stufen, die Teil 
der Allgemeinen Modelltheorie ist, sind Axiomensysteme semanti- 
sche Modelle ihrer sie erfüllenden Belegungen. Da sie die letzteren 
logikspr achlich beschreiben, werden sie auch formal-linguistische 
Darstellungsmodelle genannt. Sie sind andererseits Abstraktions- 
modelle, da sie von speziellen Attributen der sie erfüllenden kon- 
kreten Gebilde abstrahieren bzw. diese Attribute parametrisieren. 

Linguistische Darstellungsmodelle, insbesondere Axiomensysteme 
auf der einen und Belegungsmodelle auf der anderen Seite befinden 
sich zueinander in wechselseitiger Original-Mode 11- Beziehung. Die 
Richtung vom einzelnen konkreten Gebilde zum Axiomensystem ist 
durch zunehmende Abstraktion und damit Originalverkürzung, die 
umgekehrte Richtung durch zunehmende Konkretion oder abneh- 
mende Abstraktion und damit Originalabundierung gekennzeichnet. 
Präterierende Abstraktion einerseits und abundierende Konkretion 
andererseits sind die beiden diametral entgegengesetzten Modeliie- 
rungsrichtungen. Durch Operationen am Modell gewinnt der Model- 
lierende auf möglichst bequeme, einfache, schnelle, zieladäquate und 
sichere Weise Aufschluß über das repräsentierte Original. Er macht 
sich durch Betrachtung konkreter Gebilde abstrakte Zusammenhänge 
durchsichtiger, und besser verständlich, und er gelangt durch Analogie- 
bildung und Verallgemeinerung zu neuen abstrakten Zusammenhän- 
gen. Umgekehrt erwirbt er durch Operationen innerhalb abstrakter 
Theorien Kenntnisse über Struktureigen tum Üchkeiten der durch die 
Abstraktionsmodelle repräsentierten konkreten Theorien und über 
zwischen konkreten Theorien unterschiedlicher struktureller Ver- 
wandtschaft bestehende Zusammenhänge. Besonders die formalen 
Operationen innerhalb abstrakter axiomatisch-deduktiver Systeme 



250 Semantische Stufen und semantische Modelle 

liefern ein Beispiel hoher Denkökonomie: Für einen Strukturtyp be- 
wiesene Zusammenhänge gelten für jedes ihm zugehörige abstrakte 
Gebilde, und für ein abstraktes Gebilde bewiesene Sätze gelten für 
jedes seiner „Konkretionsmodelle". Vor allem wohl im Bereich dieser 
Ökonomie — vor dem Hintergrund der erfahrungswissenschaftlich- 
technischen Anwendung der formalen Modelle — ist deren inten- 
tionaler Bezug zu sehen. 

"Was die „Seinsweise" der formalen Belegungsmodelle und der 
formal-linguistischen Darstellungsmodelle betrifft, so darf die Tat- 
sache, daß erstere mengentheoretische und letztere linguistische Emi- 
raten sind, nicht zu dem Irrtum führen, es handle sich hier um eine 
Art von „Wesensunterschied". Die Modelle beider Typen sind (auf 
der zweiten, dritten usw. semantischen Stufe) sprachliche Gebilde, 
beider „Wirklichkeit" ist grundsätzlich semiotisch-lmguistisch. Es 
wäre recht spekulativ, wollte man etwa „Wirklichkeits"gr£Kfe in dem 
Sinne einführen, daß einem linguistischen Darstelliuigsmodell als 
Abstraktionsmodell ein geringerer „Wirklichkeits"grad zuzusprechen 
wäre als seinen Belegungsmodellen, die es „konkretisieren". Indes 
sind solche Spekulationen pragmatisch nicht besonders relevant. Ob 
man der Punktmenge einer stetigen Kurve „mehr Wirklichkeit" als 
ihrer analytischen Beschreibung oder der Menge der natürlichen 
Zahlen „mehr Wirklichkeit" als dem PEANOSchen Axiomen system 
zuschreibt, ist für die neopragmatische Erkenntnisauffassung ohne 
Belang. 

Bisher war in den Ausführungen dieses Abschnittes vorzugsweise 
von Modellen der Mathematik die Rede. Indes führte schon der 
Begriff der Deutung einer formalen Sprache und der damit verbun- 
denen Belegung formalsprachlicher Ausdrücke zu Modellbildungen, 
die der Logik zuzurechnen sind. Bezüglich der logischen Modelle ist 
insgesamt festzustellen, daß auch sie enrweder linguistische Darstel- 
lungsmodelle oder Belegungsmodelle sind. 

Unter die linguistischen Darstellungsmodelle der Mathematischen 
Logik fallen alle in formalisierten Logiksprachen auftretenden Zei- 
chen — Grundzeichen oder zusammengesetzte Zeichen — , die auf 
ein Referendum als Original verweisen. Dabei kann die Bezie- 
hung zwischen Zeichen und Zeichenbedeutung auf unterschiedliche 
Art hergestellt sein: z-B. bei logischen Konstanten durch meta- 
sprachliche Bestimmungen, bei logischen Variablen durch Deutung 
mittels konkreter Referenda (Subjekten, Prädikaten) oder durch 
Angabe des zugehörigen, fest vorgegebenen Variabilitätsbereiches. 



Szientifische semantische Modelle 251 

Es ist hiernach zu unterscheiden zwischen einer Variablen, die, 
als Dars teil ungsmod eil, eine Klasse oder ein (festes) Individuum einer 
Klasse (ihres Variabilitätsbereiches) zum Original hat. Nur im letzt- 
genannten Fall heißt die Variable kraft der Originalzuordnung be- 
legt, inhaldich fixiert, interpretiert, realisiert. Umgekehrt handelt es 
sich dann bei dem zugeordneten Original um ein Belegungs- 
modell der — jetzt als Original fungierenden — Variablen. (Auch 
hier wieder die Wechselbeziehung zwischen konkretisierender und 
abstrahierender Modellierung.) Das für einzelne Variable Ausge- 
führte gilt entsprechend für logische Formeln, für formalisierte logi- 
sche Axiomensysteme, für den betreffenden Logikkalkül im ganzen: 
Durch Individuenzuordnung gelangt man zu konkretisierenden Bele- 
gungsmodellen der genannten linguistischen Gebilde, die ihrerseits 
abstrahierende Darstell ungsmod eile ihrer belegenden Konkretisie- 
rungen sind 202 . 

Bei syntaktischen Logikkalkülen besteht die Interpretation im 
stärksten Fall in einer systematischen Belegung der (sämtlichen) 
nicht-logischen Grundzeichen des abstrakten Kalküls, in schwächeren 
Fällen einer wenigstens teilweisen oder/und zumindest vagen In- 
Beziehung-Setzung des Kalküls zu einem nicht-formalisierten Bereich 
von Designata. Wenn gelegentlich abstrakte Logiksprachen als „Mo- 
dellsprachen" bezeichnet werden, so liegt zumeist eine solche ledig- 
lich vage In -Beziehung- Setzung der Logiksprache zu einer Umgangs- 
sprache vor: das künstliche Sprachgebilde ist „Modell" des natür- 
lichen; es soll allein den formal-strukturellen Aspekt der Umgangs- 
sprache in logischer Stilisierung nach Grundcharakteristika erfassen. 

Die zeichendeutenden Referenda können intensional-deskriptiv 
oder extensional- logisch sein. Im ersten Fall sind sie Gegenstände der 
Wahrnehmung oder des Denkens, z. B. beobachtbare Dinge oder 
Vorgänge, Eigenschaften von beobachtbaren Dingen oder Vorgän- 
gen, Relationen zwischen ihnen usw. Im zweiten Fall sind sie men- 
gentheoretische Extensionen, Begriffsurnfänge, für die nicht unbe- 
dingt intensionale Belegungen angebbar sein müssen. 

Die logische Semantik hat es weit überwiegend mit der In-Bezie- 
hung-Setzung formal -Unguis tischer Gebilde zu den sie interpretie- 



202 Man beachte, daß im Aussagenkalkül der zweiwertigen Logik 
jede Aussage{nforrn) ein Modell genau eines der beiden Wahrheks werte 
ist. Alle wahren Aussagen einerseits und alle falschen Aussagen anderer- 
seits repräsentieren, „modellieren" den Wahrheitswert des Wahren bzw. 
des Falschen. 



252 Semantische Stufen und semantische Modelle 

rend belegenden Modellen zu tun. Hieraus wird verständlich, daß 
manche Logiker die Ausdrucke „modelltheoretisch" und „seman- 
tisch", beide im engeren, logischen Sinne verstanden, synonym ver- 
wenden. Dies ist einer klaren Sprachregelung nicht dienlich. Daher 
sei an dieser Stelle ausdrücklich vorgeschlagen, die Logisch-seman- 
tische von der Allgemeinen Modelltheorie terminologisch so zu tren- 
nen, daß in der bereits praktizierten Weise die Modelle der logischen 
Semantik als (formale) Belegungsmodelle bezeichnet werden, wäh- 
rend das ohne Zusatz verwendete Wort „Modell" dem allgemeinen 
Modell begriff vorbehalten bleibt. 

Für die Forschungsdomäne der Logisch-semantischen Modell- 
theorie gelte die auf einen Vorschlag von J. W. Addison 20S zurück- 
gehende, im folgenden kurz referierte Bereichsbestimmung: 

1. Die Logisch-semantische Modelltheorie beschränkt sich bezüg- 
lich der logiksprachlichen Mächrigkeitsstufen auf den semantischen 
Aufbau der Prädikatenlogjk mitsamt allen stufen- bzw. typentheore- 
tischen Erweiterungen. 

2. Sie schließt bezüglich des Grades der abstrahierenden Verall- 
gemeinerung algebraischer Theorien die abstrakte Algebra insoweit 
ein, als aus deren Studium Einsichten in die generalisierten konkre- 
ten algebraischen Theorien sowie Anwendungen auf die letzteren 
gewonnen werden. 

3. Sie bleibt bezüglich des „Echtheits-" bzw. Parametrisierbar- 
keitsgrades der deutenden Belegungen von Logiksprachen auf zwei 
Typen „reiner" Sprachen beschränkt; a) auf Sprachen, in denen die 
üblichen logischen Konstanten variabel gedeutet werden dürfen, 
b) auf Sprachen, in denen zwar die üblichen logischen Zeichen feste 
Bedeutung haben, „echte" Konstante sind, die übrigen „nicht-logi- 
schen" Symbole jedoch variabel interpretiert werden dürfen 204 . Aus- 
genommen aus der Logisch- semantischen Modell theorie werden da- 



203 J. W. Addison, L, Henkin und A. Tarski, 1965, p. 438— 441. 

204 So fallen nach Addison {a. a, O., p, 440) in den Bereich der 
logisch-semantischen Modelltheorie z. B, bei der Untersuchung zahlen- 
theoretischer Modelle verwendete Logiksprachen, in denen die nicht quan- 
tifizierten Addisons- und Multiplikation szeichea parametrisierr werden, 
Vgl. hierzu J. C. Shepherdsons Untersuchung über „Non-standard modeis 
for fragments of number theory" in J. W. Addison, L. Henkin und 
A Tarski, 1965, p. 342—358. 



Szientifische semantische Modelle 253 

gegen alle „angewandten" Sprachen, in denen die logischen ebenso 
wie die nicht-! ogischen Zeichen feste Bedeutung besitzen sos , 

4. Bezüglich der auf die verwendeten logischen Zeichen und ihre 
Gruppierungen bezogenen Betrachtungsdimensionen gehen die Un- 
tersuchungen der Logisch-semantischen Modelltheorie über die 
„klassisch"-deduktive mathematische Logik hinaus, indem sie auch 
mehrwertige, modale, intuitive usw. Logiken einschließen. 

Dieser Abgrenzungsvorschlag ist nicht nur für die Bereichsbestim- 
mung des logisch -semantischen Teils der Allgemeinen Model ltheorie 
von Interesse. Er legt darüber hinaus vermittels der 2, und 3. Bestim- 
mung in einem Genauigkeitsgrad, der hier zunächst ausreichend 
scheint, zwei Abgrenzungsebenen zwischen Mathematik einerseits 
und Metamathematik und Mathematischer Logik andererseits fest, 
deren jede als Schnittebene durch eine Folge von Modell bildungen 
wachsenden Abstraktionsgrades aufzufassen ist MB . 



205 Addison, a.a.O., p. 440 — 441: „For example, in the study of 
the definabiliry of sets of natural numbers ix is conveniem to use lan- 
guages where Symbols for addition and multiplicanon, as well as the 
usual logical symbols, are constants. In this group of languages it is 
typicaä rhac the universe h also fixed by the scheme of Interpretation (even 
though there is normally not a special symbol for the universe in the 
language). The study of this last group, including as it does most of the 
werk on hierarchies in recursive function theory, is of consideraMe extent 
and (again in part simply to preserve a workable liroitation on size) 
we make our division between the seeond and third groups so as to 
exclude this work. Note that this division does not exclude studies of 
the socalled o-models of second-order mimber theory, for alrhough rhe 
universe of individuals is fixed in these studies as the set of natural 
numbers, and there may even be constants prcsenr for, say, addition and 
multiplication, the universes corresponding to the other sorts of variables 
are not fixed; on the other hand studies of second-order definability of 
sets of natural numbers would be excluded." 

206 Die „Schnittbogen" dieser durch die betrachteten „Abstraktions- 
achsen" gelegten Ebenen spiegeln allerdings nur die derzeitige Auffassung 
zur Grenzziehung zwischen Mathematik und Mathematischer Logik wider. 
Welche Wandlungen sich hier Wissens ehaftsgesehichtlich ergeben werden, 
verschließt sich natürlich der verläßlichen Prognose. Immerhin beobachtet 
man in der zeitgenössischen mathematischen Forschung außer der Tendenz 
zur Algaritkmisierung vor allem einen Zug zur Universaltsiertmg der Be- 
trachtungsweisen und Begriffsbildungen. Beide Entwicklungsrichrungen be- 
einflussen ihrerseits natürlich die mathematische Grundlagenforschung und 
damit einen weiten Problembereich der Mathematischen Logik. In der 



254 Semantische Stufen und semantische Modelle 

2.3 A3 Empirisch -theoretische Modelle (Erfahmngs Wissenschaft) 

Formal-semantisches Konzept, Ausgangspunkt der zunächst folgen- 
den Überlegungen ist der im vorangegangenen Abschnitt erläuterte 
formalwissenschaftliche Begriff des Belegungsmodells im engeren 
Sinne. Hierunter war ein (konkretes oder abstraktes) Relationen- 
gebilde (M, o) verstanden worden, das ein vorgegebenes (wider- 
spruchsfreies Axiomensystem 2 erfüllt. Letzteres besteht aus formal- 
linguistischen, mit Variablen (Leerstellen) ausgestattenen Bedingun- 
gen. Das Relationengebilde war ein aus einer Trägermenge M 
sowie n auf M definierten Relationen bestehendes (n + 1)-Tupel 
(AI; R t , . . . , Rn), das jenes Bedingungssystem 2 erfüllt. Mit 2 ist 
auch die durch 2 (zuzüglich der Deduktionsbestimmungen) gegebene 
Theorie 3^ erfüllt, da die erfüllende ^-Belegung eine erfüllende 
S^-Belegung nach sich zieht. 



votgenannten Universalisierung scheint sich vorzugsweise ein — wahr- 
scheinlich überhaupt für die Gegenwart charakteristischer — Trend zur 
Ökonomisierurig des Denkens zu äußern, der wohl in einem tieferen und 
komplizierten Entwicklungszusammenhang mit der stark expansiven und 
sich gleichzeitig zunehmend spezialisierenden modernen Wissenschaft über- 
haupt gesehen werden muß, Interessanterweise besteht gerade in den 
Formalwissenschaften zwischen den praktisch-ökonomischen Motiven des 
urüversalisierenden Vorgehens und den erkenntnismäßigen Motiven der 
Grundlagenforschung eine Art prästabilisierter Harmonie. Ein als wahr 
erkannter mathematischer oder logischer Zusammenhang wird ja im all- 
gemeinen als desto wertvollere Erkenntnis betrachtet, je umfassender sein 
Geltungsbereich ist, auf je inhaltlich unterschiedlichere Dingbereiche er 
zutrifft 

In letzter Zeit sind allerdings Stimmen laue geworden, die auf die 
Gefahr hinweisen, daß mit der „Bourbakisierung" der Mathematik der 
Zusammenhang mit fruchtbaren „konkreten" Problemstellungen der reinen 
wie angewandten Mathematik verlorengehen oder doch verhängnisvoll ver- 
nachlässigt werden könnte. Diese Gefahr ist sicher nicht von der Hand zu 
weisen. Sie dürfte jedoch durch den Vorteil aufgewogen werden, daß tief- 
liegende klassisch -mathematische Probleme durch Erweiterung ihres begriff- 
lichen Rahmens neuen und gegenüber früheren Lösungs versuchen erfolg- 
versprechenderen Bearbeirungsmöglichkeiten zugeführt werden können. 

Die universalis! erenden Operationen sind aufs engste mit Analogisie- 
rungsprozessen verbunden. Bei den analogjsierenden Modell bildungen er- 
geben sich je nach den operationalen Zielserzungen mannigfache Weisen 
der Verkürzung der je zugrunde gelegten Originale und der Umkodieren g 
der (nicht-prätenerten) Originilartribute. Hier fehlt noch gänzlich eine 
umfassende, systematische Heuristik formal-operativer Prozesse. 



Szientifische semantische Modelle 255 

Diese Charakterisierungen und insbesondere die Unterscheidung 
zwischen einer Theorie und ihren möglichen erfüllenden Belegungen 
sind auf solche er/afcrKngswissenschaftlichen Erkenntnisbereiche 
übertragbar, die entweder bereits vollaxiomatisiert vorliegen oder 
deren Axiomarisierung so weit vorangeschritten ist, daß bei ihnen 
im Einzelfall bereits sinnvoll zwischen linguistischen Darstellungs- 
modellen und zu diesen gehörigen Belegungsmodellen unterschieden 
werden kann. In Fällen derartiger Übertragbarkeit des Begriffs - 
apparates der mathematischen Strukrurtheorie und der Logisch- 
semantischen Modelltheorie auf erfahrungs wissenschaftliche Modell- 
bildungen ist das jeweilige formal-linguistische axiomarische Bedin- 
gungssystem -2" abstrahiert aus empirischen Daten 20T , oder es ist zu- 
mindest mit Rücksicht auf empirische Daten konstruiert; denn die 
ausdrückliche Funktion der durch 2 axiomatisierten Theorie ist die 
systemarisch-zusammenfassende, erklärende und Voraussagen er- 
möglichende Beschreibung von Teilbereichen der empirisch zugäng- 
lichen, insbesondere der räum zeitlich- energetischen Ding- und Ereig- 
niswelt. 

Der heuristisch-operative Aufbau axiomatisiexter erfahrungswis- 
senschaftlicher Theorien soll hier nicht des näheren erörtert wer- 
den 208 . Es sei lediglich bemerkt, daß die im Zuge des Theorienauf- 
baues entwickelten Hypothesen 209 auch als All-Sätze hoher Allgc- 
meinheitsstufe in wenigstens drei Beziehungen hinter der Theorie, 
deren entwicklungsmäßige Grundlage sie bilden, zurückbleiben; 

1. bezüglich der Ausdehnung des originalseitigen Objektbereichs, 

2, bezüglich der Geschlossenheit und Reichweite des deduktiven 
Abteitungszusammenhanges oberhalb der Ebene der Beobachtungs- 



207 Bei allerdings großen subjektiven Freiheitsspielräumen des Theo- 
rienbildungsprozesses. Vgl. die modellistische Etnpirisrauskritik im ersten 
Kapitel. 

208 Hierzu I. M. Bochenski, 1959, p. 100—123, insbesondere p. 109 
(erstes Schema); "W. Leinfellner, 1965, insbesondere p. 96 — 108, 137 bis 
142; H. Stachowiak, 1965, p. 117—126. 

209 Eingeschlossen: Einzelhypothesen, Hypothesenklasscn (über einem 
gemeinsamen Dingbereich) und Hypothesen Hierarchien (mit Stufen wach- 
sender Allgemeinheit der Hyputhesenaussagen). Eine „Einzelhyporhese" bt 
dabei nicht als einzelner, für sich betrachteter hypothetischer Sitz, sondern 
als ein hypothetischer Satz in Verbindung mit einem hypothetischen Satz 
geringeren Ailgemeinheirsgrades (z. B. einem Beobachtungssatz) aufzufassen 
(vgl. W. Leinfellner, 1965, p. 97). 



256 Semantische Stufen und semantische Modelle 

bzw. Basis s ätze no und 3. zumeist auch bezüglich der Pünktlichkeit 
und Exaktheit der wissenschafts sprachlichen Darstellung. 

Das Axiomensystem einer axiomatisierten erfahrungs wissen- 
schaftlichen Theorie ist im besten Falle ein System von logiksprach- 
iich vollformalisierten und mathematische Darstellungsmictel verwen- 
denden prädikativen Aussageformen mit deskriptiven, also nicht- 
logischen und nicht-mathematischen Grundtermen. Diese bedürfen 
der empirischen Deutung. Ein sie deutendes empirisches Relationen- 
gebilde {Mi Kj, . , . , R„)> welches das Axiomen System -2 1 der zuge- 
hörigen erfahrungswissenschaftlichen Theorie %z erfüllt, heiße ein 
empirisches Belegungsmodell (im engeren Sinne) von 2 oder auch 
eine (empirische) Realisation von 2. Die Trägermenge M des Ge- 
bildes besteht aus den Individuen eines Teilbereiches der empirisch 
zugänglichen Ding- und Ereigniswelt (genauen aus den oberhalb 
der ersten semantischen Stufe gebildeten beobachtungssprachlichen 
DaTstetlungsmodellen bestimmter Signalmannigfaltigkeiten), und 
die Relationen auf M sind empirisch erschließbare bzw. empi- 
risch nachprüfbare Eigenschaften jener Individuen sowie empirisch 
erschließbare bzw. empirisch nachprüfbare Beziehungen zwischen 
diesen Individuen. 

Für erfahrungs wissenschaftliche Modellkonstruktionen ist es oft 
zweckmäßig, den an der mathematischen Strukturtheorie orientier- 
ten Begriff des empirischen Relationengebildes, wie er soeben ein- 
geführt wurde, dahin zu erweitern, daß an die Stelle der Träger- 
menge M ein System von Grundmengen M u . . . s M m tritt, über 
deren kartesischen Produkten nach den verschiedensten Gesichts- 
punkten Relationen des empirischen Gebildes erklärt werden kön- 
nen. 

Zur Exemplifikation werde das Axiomensystem S der Theorie 
%Et, der klassischen Vartikelmechanik für den einfachen Fall eines 
isolierten, also nur unter der Wirkung innerer Kräfte stehenden Sy- 
stems (in nicht logiksprachlich formalisierter Gestalt) angegeben 211 : 



210 Vgl. 1.2.3.2, S. 27. 

211 Nach P. Suppes, 1957, p. 293—298. Auch die im Text der Deu- 
tung von Z B angefügten Erläuterungen lehnen sich eng an die SuPPESSche 
Darstellung an. Abweichend von der bisherigen Schreibweise werden die 
Relationen (Funktionen, Vektoren) von 2 t durch kleine lateinische Buch- 
staben symbolisiert, um sie deutlicher von den Gnaidmengen abzuheben. 



Szientifische semantische Modelle 257 

Kinematische Axiome: 

(AI) P ist eine nicht-leere endliche Menge. 
(A2) T ist ein Intervall von reellen Zahlen. 

(A3) Seien peP und t £ T. Dann ist s{p,t) eine zweimal nach f 
differenzierbare vektorwertige Funktion. 

Dynamische Axiome: 

(A4) m — m (p) ist eine auf P definierte positiv reellwertige Funk- 
tion, 

(A5) Seien p,q*P und teT. Dann sind f(p s q,t) und f (q,p,t) 
vektorwertige Funktionen mit / (p, q, t) = — / (q, p, t). 

(A 6) Seien p e P und t e T. Dann ist s {p, t)Xf (p, q, t) = 
— s(q 3 t)Xf(q,p,t). 

(A7) Seien p e P und ? e T. Dann ist 

m(p)~s(p,t) = -!:f(p f q,t). 

In ^o sind die Mengensymbole P und T sowie die Relationensym- 
bole s, m und / ««gedeutete — lediglich „implizit", vermittels der 
formalen axiomatischen Bedingungen definierte, — deskriptive 
Grundterme. Ihre empirische Deutung erfolgt durch Belegung mit 
Termen der verwendeten Beobachtungs- bzw. Meßsprache. Sie sei 
auf beobachtungssprachlicher Ebene charakterisiert: 

Zu (AI): 

P ist eine Menge konkreter Körper, z. B. die Menge der Planeten- 
körper des Sonnensystems, oder auch, abstrakter, die Menge der 
Schwerpunkte (Massen- oder besser Trägheitsmittel punkte) der be- 
trachteten Körper. 

Die Endlichkeitsbedingung soll die Defioierbarkeit der Masse und der 
kinetischen Energie des gesamten Partikel -Systems sichern. 

Zu (A2): 

Die Elemente von T repräsentieren Zeitabschnitte. 

Im Blick auf Zeitmessungen hätten auch rationale Zahlen genügt. 
Reelle Zahlen werden benötigt, um bezüglich T Differentiationen und 
Integrationen ausführen zu können * IS . 



212 In der Betrachtungs weise der Allgemeinen Modelltheorie sind 
die Erweiterung der vom Standpunkt des Messens aus hinreichenden Men- 
ge der rationalen Zahlen auf die in (A2) geforderte Menge der reellen 



258 Semantische Stufen und semantische Modelle 

Zu (A3): 

s = s{p,t) ist eine zweistellige Ortsfunktion, die die Lageverän- 
derung des Körpers (Planeten) p in der Zeit t beschreibt. 

(A3) fordert die Existenz der zweiten Ableitung von s(p,t) nach t, da- 
mit (A7) erfüllbar wird. 

Zu (A4): 

m = m{p) ist die (physikalische) Masse von p. 

Der "Wert der einstelligen Funktion m (p) darf für kein p Null werden, 
damit gemäß (A7) die Beschleunigung jeder Partikel aus den auf diese 
wirkenden Kräften bestimmbar ist. m{p) kann, wie es dem Normal fall 
der klassischen Parti keime chanik entspricht, konstant sein oder sich in 
Abhängigkeit von t ändern 113 . 

Zu (AS) bis (AI): 

f = f{p, q, t) ist die (physikalische) Kraft, mit der q während der 
Zeit t auf p einwirkt. 

In der hier gegebenen Deutung formuliert (A5) den ersten Teil des 
Reaktionsprinzips (des dritten NEW-roNsehen Bewegungsgeserzes): Die von 
q auf p ausgeübte Kraft ist zu jedem Zeitpunkt t gleich und entgegen gerich- 
tet der von p auf q ausgeübten Kraft. (A 6) stellt, interpretiert, mir den 
Ausdrucksmitteln der Vektorrechnung den zweiten Teil d^s N&WTONScheo 
Reaktion sprinzips dar: Die Richtung beider Kräfte liegt in der Verbin- 
dungsgeraden der Partikeln p und q t d. h, die Vektoren / ip, q, t) und 
f (<?> P, t) sind parallel zu dem Vektor s (p, f i — s (»j, t). Hieraus folgt un- 
mittelbar, daß es sich bei den (inneren) Kräften des je betrachteten Par- 
tikel-Systems ausschließlich um Anziehungs- oder Abstoßungskräfte zwi- 
schen den Partikeln des Systems handelt. (.4 7) schließlich geht vermöge det 
Deutung in eine etwas spezialisierte Fassung des zweiten Bewegungsgeset- 
zes von Newtok über, wonach die Änderung der Bewegung einer Partikel 
der bewegenden Kraft proportional ist und in derjenigen Geraden erfolgt, 
in der die resultierende Kraft wirkt. 

Bezeichnet man die soeben charakterisierten empiri sehen Bele- 
gungen von P, T, s, m, f in ebendieser Reihenfolge mit P, X, s, rn t f, 



Zahlen und ähnliche formal -operative Künstlichkeiten als Konstruktion 
abundanter Attribute des Darstellungsmodells gegenüber seinem empiri- 
schen Belegungsmodeli zu verstehen. Es wäre für das Verständnis der 
Anwendung mathematischer Verfahren auf empirische Sachverhalte förder- 
lich, die Frage formal-operativer Modell abundanzen systematisch zu unter- 
suchen. 

213 Z.B. nimmt die Masse einer im Zustand des Selbstantriebes 
befindlichen Rakete mit zunehmender Zeit ab. Dies hat natürlich nichts 
mit einer relativistischen Massenänderung zu tun. 



Szientifiscbe semantische Modelle 259 

so ist p = <?, T, 5, m, j) ein 2" erfüllendes empirisches Relationen- 
gebilde und damit ein empirisches Belegungsmodell oder eine Reali- 
sation von 2 0i die eine entsprechende Realisation der Theorie %z„ 
der klassischen Partikelmechanik nach sich zieht. 

Stellt man S a (bzw. SÜr,) sowie p auf eine objektsp rachliche 
Ebene, so sind die dargelegten Beziehungen zwischen dem be- 
trachteten Axiomensystem und seinem oben charakterisierten em- 
pirischen Belegungsmodell auf einfache Weise meta sprachlich for- 
mulierbar. Hierzu werde das metasprachliche einstellige Prädikat 
„St": „ist ein System der klassischen Parti kelmechanik" zu der prä- 
dikativen Aussageform »^W*: „x ist ein System der klassischen 
Partikelmechanik" erweitert. Dann ist p eine 21 (x) erfüllende Bele- 
gung. In FREGEscher Redeweise: „Der ungesättigte" Ausdruck %t(x) 
geht in den durch p „gesättigten Ausdruck" 3I(p) über. 

Für 2 gibt es mehrere empirische Belegungsmodelle, Die physi- 
kalischen Individuen der Grundmenge F können intensional sehr 
unterschiedlich sein. Sie können überdies, wie der Vergleich der Pla- 
netenkörper mit ihren Schwerpunkten zeigt, bezüglich desselben in- 
tensionalen Ausgangsobjekts sehr unterschiedliche Grade der abstra- 
hierenden Originalverkürzung aufweisen. 

In der Tatsache, daß ein und dasselbe erfahrungswissen schaft- 
liche Axiomensystem mehrere, mitunter zahlreiche intensional unter- 
schiedliche empirische Realisationen besitzen kann, liegt sowohl der 
besondere erkennmismäßige als auch vor allem der praktisch-öko- 
nomische Wert des Aufbaues formalisierter axiomarischer erfah- 
rungswissenschaftlicher Theorien, Solche Theorien gleichen auch 
hier Gefäßen, die sich mit verschiedensten Inhalten füllen lassen. 
Diese Inhalte lassen sich, in völliger Entsprechung zu dem in 2.3.4.2 
dargelegten formalwissen schaftlichen Vorgehen nach ihren struk- 
ture! k-n Eigentümlichkeiten in Klassen einteilen. Dabei interessieren 
wieder besonders Zusammenfassungen isomorpher Belegungsmodel- 
le. Aus isomorphen Belegungsmodellen gewinnt der Modellierer 
durch Vernachlässigung sämtlicher inhaltlicher Unterschiede zwi- 
schen den gemäß der Isomorphierelation aufeinander bezogenen 
Individuen und Relationen Abstraktionsgebilde;, die ungeachtet ihres 
ursprünglichen er/aArwMgswissenschaft liehen Bezuges dieselbe rein 
logisch- mengentheoretische Konsistenz aufweisen wie die abstrakten 
Strukturen der Formaiwissenschaften. So würde dem konkreten 
empirischen Belegungsmodell p als abstrakte Struktur das Bele- 
gungsmodell p = (P, T, s, m> /) zugeordnet werden, wo die Sym- 

17 5tachowLak> Modellcheorie 



260 Semantische Stufen und semantische Modelle 

bole P, T, s, m, f nur noch rein extensionale Begriffe — Begriff s- 
umfänge ohne zugehörige Inhalte — bezeichnen. In diesem Sinne 
sind auch erfahrungswissenschaftÜche Axiomen Systeme als lingui- 
stische Darstellungsmodelle konkreter und abstrakter Gebilde an- 
zusehen. 

p war ein beobachtungsspmthUch formuliertes Belegungsmodell 
von 2$. Die beobachtungssprachlichen Mittel, mit denen in den 
quantitativen Erfahrungs Wissenschaften empirische Belegungsmodelle 
aufgebaut werden können, sind präzisierbai durch Einführung kal- 
külisierter Meßsprachen Zii , mittels deren jene Belegungsmodelle 
in meßsp rachliche Belegungsmodelle desselben Axiomen Systems über- 
geführt werden können. In diesem Sinne läßt sich p = (P, T, s, in, f) 
überführen in ein empirisches Belegungsmodell p = {P,T,I,rä,/), 
wo P, T, s, m und / meß sprachlich formuliert sind, p kann als ein 
standardisiertes, intersubjektiv ierendes und in diesem Sinne präzisie- 
rendes linguistisches Darstellungsmodell von p betrachtet werden. 

Faktische AxiomatUierungen. Nach den Ausführungen des vor- 
liegenden Abschnitts wird der Eindruck entstanden sein, daß die 
erfahrungswissenschaftliche Axiomatik einschließlich der allgemei- 
nen Theorie der empirischen Belegung s modeile zu den im Prinzip 
geklärten und formal weitgehend ausgereiften Teilgebieten der syn- 
thetischen Wissenschaftstheorie gehört. Wenn nun dem tatsächlich so 



214 Der entscheidende Anstoß zur Theorie der kalkülisienen Meß- 
sprachen ging von der Quantenmechanik aus. Hier war erstmals in der 
Wissenschaftsgeschichte der Fall eingetreten, daß der Einfluß des Meß- 
vorganges und der Meßapparate auf die Meßresultate aus prinzipiellen 
Gründen nicht vernachlässigt werden konnte, es mithin notwendig wurde, 
die auf die Beschreibung der objektiven Systemeigenschaften zielende phy- 
sikalische Theorie in eine erweiterte Theorie einzubetten, die sowohl jene 
physikalische, objektbezogene Theorie als auch die wesenrb'ch subjekt- 
bezogene Theorie der Meßvorgänge und Meßapparare (Meßtheorie) in 
der für den quantenmechanischen Formalismus charakteristischen Verkopp- 
Iung zum Gegenstand hat. Die zur quantenmechanischen Meßtheorie hin- 
führenden Überlegungen konnten verallgemeinert und durch Konsrruktion 
eines grundsätzlich auf alle empirischen Systeme anwendbaren Meßaus- 
sagenkalküls (von der Struktur eines distributiven und komplementären, 
also BooLESchen Verbandes) formal ausgebaut werden. Der Meßaussagen* 
kalkül liefert eine Meßsprache, die die Beobachtungssprache dahin präzi- 
siert, daß Ersetzungen der im Text genannten Art (p durch p) möglich 
werden. — Näheres bei P. Mittelstaedt, 1966, p. 104 — 125. Vgl, auch 
H. MARGENAti, 1963, und P. Suppes, 1961. Einen Überblick gibt 
W. Leinfellneh, 1965, p. 108—118- 



Szientifische semantische Modelle 261 

ist, so mag dies vot allem in der Vergleichs weisen Einfachheit der aus 
der Mathematik und Mathematischen Logik stammenden und für 
die Methodologie der Erfahrungswissenschaften höchst relevanten 
axiomatisch- modeil theoretischen Begriffs bildun gen und Schluß weisen 
begründet sein. Dabei darf nun allerdings nicht übersehen werden, 
wie weit die Erfahrungs wissen schatten im ganzen noch von einer 
logisch befriedigenden formalen Axiom atisierung ihrer theoretischen 
Aussagensysteme entfernt sind. Bislang sind erfahrungswissenschaft- 
liche Axiom atisierungen, die eine klare Unterscheidung zwischen 
axiomatischem Darstellungsmodell (formalem Axion-ensystcmi und 
zugehörigem empirischem Belegungsmodell gestatten, fast ausschließ- 
lich der theoretischen Physik vorbehalten, und auch innerhalb der 
Physik sind die entsprechenden Systemkonstruktionen naturgemäß 
hauptsächlich im Bereich der klassischen Mechanik und ihrer relati- 
vistischen Erweiterung zu finden. 

Für Leser, die sich einen kurzen Überblick über den derzeitigen Axio- 
matisierungsstand der Erfahrungswissenschaften verschaffen wollen, sind 
im folgenden die wichtigsten Veröffentlichungen angeführt 515 . 

Schon zwei Jahrzehnte vor der angegebenen Axiomatisierung der klas- 
sischen Partikelmediaruk durch P. Suppes, 1957, hat H. Hermes, 1938, 
eine axiomatisierre allgemeine Mechanik vorgelegt sie . Auf J. C. C. McKjn- 
SEy, A. C. Sogar und P. Suffes, ] 953, geht eine axiomatische Begründung 
der klassischen Partikelmechanik und auf E. "W. Adams, 1955, eine solche 
der Mechanik des starren Körpers zurück s ". W. Noix, 1959, ist der axio- 
matische Aufbau der klassischen Mechanik unter Berücksichtigung von 
Begriffsbildungen der neueren Konrinuumsmechanik zu danken. H, Rubin 
und P. Suppes, 1954, gelang die Axiomatisierung der relativistischen Par- 
tikelmechamk; P- Suppes, 19J9b, axiomatisierte die relativistische Kine- 
matik. Beiträge zur relativistischen und kosmologischen Axiomatik liefer- 
ten Y. Ueno, 1959, und A.G.Walker, 1959 * 1S . 

Gegenüber der mechanischen Axiomatik ist die formale Axiomatisie- 
rung der Mf'cfcr-mechanischen Theorien der Physik weit weniger fortgeschrit- 
ten. Die systematische Analyse der logischen Struktur der Quantenrnecha- 



215 Vgl. auch H. Stachowiak, 1971, p. 1 — 3, insbesondere daselbst 
Anm. 2—7. 

216 Siehe auch H. Hermes, 1959. 

217 Adams reduzierte die letztere auf die Partikelmechanik. Vgl. 
auch E. W. Adams, 1959. 

218 Bezüglich der allgemeinen Diskussion der Bemühungen um Axio- 
matisierung der klassischen Mechanik vgl. H. A. Simon, 1954. Darüber 
hinausreichende Erörterungen allgemeiner Fragen der physikalischen Theo- 
rienbüdung bei M. Bunge, 1967, J. L. Destouches, 1967, und P. Fevrier, 
1959. 

17» 



262 Semantische Stufen und semantische Modelle 

nik und damit in gewissem Umfange auch der Möglichkeiten eines formali- 
sierten axiomatischen Theorienaufbaues dieses Zweiges der modernen 
Physik setzte mit J. von Neumann, 1932, ein* 1 *. Es folgten zahlreiche theo- 
retische und meta theoretische Erörterungen zur logisch -axiomatischen Be- 
gründung der Quantenmechanik und zur Axiomarik der Quantenlogik, 
von denen hier einige jüngere Arbeiten genannt seien: E. Kaila, 1950, 
P. Jordan, 1959, H. Rubin, 19J9, A. Lande, 1959, W. R. Fuchs, 1961, 
H. KunsenmüLLER, 1964, G. Ludwig, 1364, und H. Mittelstaedt, 
1966 BM . Daß die Bemühungen um eine befriedigende Axiomarisierung der 
Quantenmechanik noch keineswegs abgeschlossen sind, dürfte seinen 
Hauptgrund in der besonderen erkenntnistheoretischen und Wissens chafis- 
logischen Problematik der atomaren Physik haben*". 

Außerhalb der Physik ist zunächst die Axiomarisierung der allgemei- 
nen Theoretischen Biologie durch J. H. Woodger, 1937, zu nennen in , 
eine Leistung, die bezüglich des formalen Niveaus den Axiomatisierungen 
etwa der klassischen Mechanik nicht nachsteht. Indes hat die mit einigem 
Enthusiasmus begonnene biologische Axiomarik offenbar keine für die 
weitere Forschung methodologisch besonders fruchtbaren Fortserzungen 
gefunden. Dies mag vor allem daraus erklärbar sein, daß mit der formal- 
axiomarischen Darstellung komplexer biologischer Zusammenhänge eine 
Original Verkürzung erreicht wird, die zu hoch ist, um noch als hinrei- 
chend „wirklichkeitsadäquat" betrachtet werden zu können, gemessen 
nämlich an den mittleren Verkürzungsgradienten der üblichen Modellie- 
rungen der Biologie. Daß dagegen im biologischen Bereich Tef/axiomari- 
sierungen möglich sind, zeigt eine Arbeit von Y. ReenpäÄ, 1966, in der 
sinnesphysiologische Zusammenhänge unter Einschränkung allerdings auf 
bestimmte Versuchsanordnungen in einer bereirs axJomatisch zu nennen- 
den Weise dargestellt sind. 

In der Psychologie hat die formal -axiomarische Methode bei der Dar- 
stellung lern theoretischer Zusammenhänge Anwendung gefunden. Das 
hier in Gestalt der linearen Response-Reinforcemcnt-Theorie von W. K. 
Estes und P. Suppes, 1959a (und 1959b), erreichte hohe formale Niveau 
wird allerdings wieder erkauft durch die außer ordentlich starke Ver- 
kürzung, die das zugrunde gelegte dynamische Originalstem — das 
Lemverhalten eines mit seiner Außenwelt kommunizierenden Organis- 
mus — infolge rigoroser Prätention von Original- Attributen und .-Attri- 
butkomplexen erfährt. Indes ist die aus dem Gesamtkontext theore- 
tischer Konzeptionen und empirischer Befunde „he raus destillierte" axio- 
matische Theorie nicht nur als Darstellt* wgsmodell für Strukturzusammen- 
hänge der sie belegenden und erfüllenden konkret-empirischen Gebilde 
interessant. Ihr kommt darüber hinaus (unter den notwendigen einschrän- 



219 Vgl, auch G. Birkhoff und J. von Neumann, 1936 

220 Insbesondere p. 162 — 201. 

221 Hierzu der Rückverweis auf die Bemerkungen zur quantenmecha- 
nischen Meßtheorie, S. 260. 

222 Vgl. auch J, H. Woodger, 1957. 



Szientifische semantische Modelle 263 

kenden Annahmen) durchaus eine prognostische Funktion zu, und sie gibt 
Veranlassung zu Experimenten) deren Ergebnisse der Verbesserung der 
Theorie, insbesondere ihrer schrittweisen Ausdifferenzierung zur Erlan- 
gung höherer struktureller und materialer Angleichungsgrade an das Origi- 
nalsystem dienen können 1 ' 3 . 

Es liegt nahe, in diesem Zusammenhang einen Blick auf die bekannte 
Verhaltens- und Lerntheorie von C. L, Hüll, 1943 m , zu werfen, deren 
betont deduktiver Aufbau hervorgehoben zu werden pflegt. Den spezifi- 
schen axiomatisch-modelltheoretischen Status det HuLLschen Theorie wird 
man im ganzen dahin einschätzen dürfen, daß das System der ihr zugrunde 
gelegten Postulate nicht als ein formales Axiomen System zu gelten hat, 
für das in pünktlicher Weise ein empirisches Belegungsmodell angebbar 
wäre. Zwar ist der Autor um einen aromatischen Theorien aufb au be- 
müht, und er verwendet auch reichlich mathematische Ausdrucksmittel, 
um die durch die Postulate charakterisierten lemtheoretischen Zusammen- 
hänge quantitativ zu formulieren. Jedoch sind die in dem Postulatsystem 
zueinander in Relation gesetzten „Variablen" — Eingangs- und Ausgangs- 
variable, die durch „intervenierende Variable" miteinander verknüpft sind 
— schwerlich als Variable der Art, wie sie in einem formalisierten Axiomen- 
system vorkommen, zu interpretieren. Sie erscheinen vielmehr als quali- 
tative oder, zumeist, quantitative Explikate verhältnismäßig fester, inhalt- 
lich-! ntensionater Begriffe, deren Explikation keineswegs Zeichen für men- 
gentheoretisch charakterisierbare Individuen und Relationen liefert. Die 
Postulate Hulls als erfüllbare formale Axiome aufzufassen, dürfte sich 
auch auf Grund der bei allem Bemühen des Autors um Exaktheit der 
Darstellung noch viel zu vagen Formulierungen verbieten. Bei der HuLL- 
schen Theorie fallen gewissermaßen noch beide Modell typen, axioma ti- 
schen Darstellungsmodell einerseits, Belegungsmodell andererseits, in eins 
zusammen; sie lassen sich noch nicht aus ihrem gemeinsamen Ursprung 
heraus differenzieren. 

Eine weitere Wissenschaft, in der versucht wurde, die axiomarisch- 
deduktive Methode zur Anwendung zu bringen, ist die Linguistik. 
K. Bühler, 1934 * äs , war bemüht, eine allgemeine Sprachtheorie dergestalt 
axiomatisch zu begründen, daß mit Hilfe eines Systems von Leitsätzen 
in sehr allgemeiner Weise der Begriff „Sprache" definiert wird. Da es meh- 
rere, Ja zahlreiche Kommunikationssysteme gibt, von denen sinnvoll gesagt 
weiden kann, daß sie die Bestimmungen des abstrakten BÜHLERschen 
Spradibegriffs „erfüllen", könnte man es für angemessen halten, jenes 
System von Leitsätzen als „formales" Axiomensystem und die faktischen 
Kommunikationssysteme mit BÜHLERScher Sprach struktur als die das 
Axiomensystem erfüllenden, empirisch nachweisbaren Belegungsmodelle 



223 Eine vereinfachte Darstellung des EsTES-SüPPEsschen Systems fin- 
det man bei P. Süppes, 1960, p. 16 — 20. Der Leser sei ferner auf P. Suppes, 
1959b, 1962, p. 253 —260, verwiesen, 

224 Vgl. auch C. L. Hüll, 1951a, 1951b. 

225 Siehe auch K. Bühler, 1933. 



264 Semantische Stufen und semantische Modelle 

aufzufassen. Indes dürfte sich bei näherem Zusehen diese Auffassung 
weder aus der tatsächlichen Gestalt der BüHLERsdiea Sprachtheorie noch 
auch von der Absicht des Autors her rechtfertigen. Denn zum einen ist 
Bühlers Charakterisierung des Begriffs (komplexes) „Sprache" vermittels 
verbal formulierter Leitsätze natürlich keine formale Strukturbeschreibung, 
und es ist auch keineswegs ohne weiteres ersichtlich, durch welche Opera- 
tionen die Bühler sehen Leitsätze in Axiome mit pünktlich belegbaren 
Variablen umgeformt werden könnten. Zum anderen stand Bühler, seinen 
diesbezüglichen methodologischen Bemerkungen zufolge Ms , offenbar ganz 
auf klassisch-axiomatischem Boden. Es ging ihm zwar um eine möglichst 
weitgehende Nutzbarmachung des aromatischen Verfahrens auf sprach- 
wissenschaftlichem Gebiet; er hätte es jedoch höchstwahrscheinlich abge- 
lehnt, ein so komplexes Phänomen wie eine natürlich Sprache strukturell 
auf ein formales Bedingungssystem für ungedeutete freie Variable zu redu- 
zieren. Eine Verkürzung narürlicher Sprachsysteme bis auf die Gestalt 
etwa eines interpretierten Kalküls wäre ihm vermutlich als Originalver/df/- 
sebung erschienen. (Es ist die Mathematische Logik, die in der Form 
ihrer Kalkülsprachen DarstelSungsmodelle natürlicher Sprachen geschaffen 
hat, für die derart hohe Original Verkürzungen, wie sie den deskriptiven 
Linguisten nicht vorschwebten, in Verbindung mit starken logisch-srilisie- 
renden Modell-Abundanzen charakteristisch sind- Die methodologisch zur 
Mathematischen Logik gehörige formale Serniotik 227 hat allerdings für die 
Linguistik bestenfalls fci/fswissenschaftliche Funktion, indem die Modell- 
konstrukrionen der mathematisch-logischen Semiottk für den Sprachwissen- 
schaftler lediglich Vergleichsobjekte, Orientierungshilfen u. dgl. darstellen, 
also nicht eigentlich theoretische Modelle einer Linguistik sind.) 

Auch bei N, Chomsky, 1957, findet man unbeschadet der förderlichen 
Übernahme mathematischer Strukturiert! ngselememe kein eigentlich axio 
matisches Vorgehen, obgleich seine Transformationsgrammatik ein Ab- 
lei tun gssy stem darstellt, das zu einem axiomatisch-deduktiven System 
gewisse Ähnlichkeiten hat: Mengen von Sätzen (einer natürlichen Sprache) 
werden mittels explizit angegebener Transfotmationsregeln aus einem 
„Kern" von einfachen Aktiv -Aussagesätzen abgeleitet. Auch hier — wie 
ebenso in der „Axiomarischen Syntax" von F. W. Harwood, 1955, — ist 
von einer Differenz zwischen Axiomensystem und Beiegungsmodell nichts 
zu bemerken. Theoriebildungen dieser Art, deren Wichtigkeit außer' Frage 
steht, bewegen sich sämtlich noch in klassisch -ad omati sehen Bahnen 228 , 

Sieht man ab von gewissen Axiom arisierungen im Umkreis der 
Entscheidungs-, Spiel- und Nutzentheorie 239 , die mehr zur ange- 
wandten Mathematik als zu den Erfahxungs Wissenschaften gehören, 



226 K. Bühler, 1934, p. 19—21. 

227 Vgl. Anm. 108, S. 197 f. 

228 Zur klassischen Axiom atik vgl. H. Stachowiak, 1971. 

229 Z. B. bei J, von Neumann und O. Morgenstern, 19J3, p. 24 
bis 31 (sowie p. 617 — 628), ferner bei P, Suppes und M. "Winkt, 1955. 



Srientifische semantische Modelle 265 

so scheinen die formal-axioma tische Methode und damit auch das 
formal-semantische Modellkonzept außerhalb der Physik bisher nur 
wenige Anwendungen gefunden zu haben. Selbstverständlich besagt 
dies weder etwas gegen die Axiom atik noch gegen die Methodolo- 
gien der ihr nicht oder noch nicht zugänglichen erfahrungs wissen- 
schaftlichen Erkenntnisgebtete. 

Einerseits gibt es einen starken Trend der zeitgenössischen Wis- 
senschaft zur Mathematisierung, und es mag sein, daß diese Ent- 
wicklung hindrängt zu vermehrter Anwendung der formal-axiomati- 
schen Methode. Höher jedenfalls denn je stehen gerade innerhalb 
der produktiven und anwendungsorientierten Wissenschaft gegen- 
wärtig die Exaktheit der Begriffe, die Zuverlässigkeit der Schluß- 
weisen und die Sicherheit der Voraussagen im Kurs, und mehr denn 
je sieht sich der moderne, hochspezialisierte und unübersehbar ge- 
wordene Wissenschafts betrieb auf ökonomisierung der Forschungs- 
methoden und Darstellungsmittel angewiesen. 

Andererseits wird man jeder empirischen Einzel Wissenschaft ein 
je besonderes Verhältnis zur Mathematik und formalen Axiomatik 
zugestehen müssen. Eine wissenschaftliche Theorie empfängt nicht 
erst aus ihrer axi omatischen Formation Validität und Fruchtbarkeit, 
ja, sie kann unter Umständen sogar im strengen axiomatischen Ge- 
wand inhaltlich so hoffnungslos verarmen, daß sie, ähnlich der 
More-geometrico-Philosophie des 17- Jahrhunderts, zum Spottbild 
angestrebter, aber nicht erreichter, ja in spezifischer Weise verfehl- 
ter Exaktheit wird. Aber auch wer Hilberts bekanntes „axiomati- 
sches Glaubensbekenntnis" * JD teilt, dufte wenigstens so viel zugeben, 
daß die «ewentstan denen Erfahrungswissenschaften, zumal diejeni- 
gen, die sich mit sozialen und ökonomischen Zusammenhängen 
beschäftigen, im Anfangsstadium ihrer methodologischen Formierung 
gar nicht anders vorgehen können als überwiegend inhaltlich- 
anschaulich, also «fcferformal -axiomarisch, und daß ihre zunächst 
wesentlich verbal -Umgangs sprach liehe Darstellungsweise bestenfalls 
sukzessive und im Zusammenwirken vieler an ihrer Ausreifung be- 
teiligter Einzelforschungen in die formal-axiomatische Theorien- 
form verwandelt werden kann. 



230 „Ich glaube; Alles, was Gegenstand des wissenschaftlichen Den- 
kens überhaupt sein kann, verfallt, sobald es zur Bildung einer Theorie 
reif ist, der axiomatischen Methode und damit mittelbar der Mathematik." 
(Vortrag Hjlberts am 11. September 1917 in Zürich; siehe D, Hubert, 
1918.) 



266 Semantische Stufen und semantische Modelle 

In welchem Umfange diese Axiom atisierung gerade in den gesell- 
schafts-, insbesondere wirtschaftswissenschaftlichen Disziplinen künf- 
tig gelingen wird, ist kaum vorauszusagen. Sie wird sicher auch 
nicht schlechterdings überall wünschenswert sein. Die Betriebswirt- 
schaftslehre beispielsweise ist weniger an erklärenden Theorien oder 
theoretisch-prognosti zierenden Modellen als vielmehr an Entscbei- 
dungsmodellen interessiert. Dieser Modell typ aber läßt sich der 
formalen Axiomatik nicht ohne weiteres einordnen m . 

Einigen mit Fragen der synthetischen Wissenschaftstheorie befaß- 
ten Logikern scheint die stark metaphysische Annahme verlockend 
zu sein, es gäbe zu jedem konkreten System der Beobachtungswelt, 
welches aus Individuen, Eigenschaften dieser Individuen und Relatio- 
nen zwischen ihnen besteht, in einer Art platonischer Seinsweise 
eine formal -axiom arische Theorie, deren Erfüll ungsgebil de jenes 
konkrete System ist. Axiomarisch orientierten Metaphysikern mag 
sogar ein einziges, umfassendes axiom arisches Darstellungsmodell 
vorschweben, für das die gesamte beobachtbare Welt eine „mög- 
liche Realisation" als empirisches Eelegungsmodell ist. Der LEIBNIZ- 
sche Gedanke einer faktisch-kontingenten Welt, welche die nach gött- 
lichen Auswahlkriterien beste aus einem Repertoire von möglichen 
Welten ist, gewinnt hier seine formal-axiomarische Fassung: Im meta- 
physischen Sinne absolut denknotwendig ist allein das formale Bedin- 
gungssystem der „Weltaxiome"*; ihre konkrete erfüllende Belegung 
bleibt dagegen an einen Akt der götdich-wel tiefe öp/emefce« Auswahl 
unter vielen Möglichkeiten gebunden. 

Metaphysische Spekulationen solcher Art liegen jenseits empiri- 
scher Prüfbarkeit. Sie dürften auch wissenschaftstheoretisch kaum 
ins Gewicht fallen. Ihr erkenntnismäßiger Nutzen besteht vielleicht 
vorzugsweise darin, daß sie demonstrieren, wie eine auf das Ganze 
der erfahrbaren Welt angewandte formale Axiomatik, sofern sie 
eben universalistisch übersteigert wird, zur spekulativen Kosmologie 
entartet. 

Nieht-axiomatische Modelle, Angesichts des geringen Umfanges 
bisheriger Anwendungen des formal-semantischen Modellkonzepts 
auf die Erfahrungswissenschaften bliebe die Aufgabe, nun auch noch 
das weite Feld der «ft/tf-axiomatischen empirischen Modelle nach 



231 Zu den operativen Modellen vgl. den folgenden Abschnitt, zum 
Begriff des Enrscheidungsmodells Anm. 238, S, 270. 



Szientifische semantische Modelle 267 

einer Anzahl von Charakteristika zu untersuchen. Solche Charakte- 
ristika können sein: 

die Erkenntnisfunktion, 

die empirische Vorgabe, 

die heuristische Entwicklung, 

die Darstellungsform und 

der Bestätigungsgrad 

der betrachteten Modelle, die sowohl untereinander als auch zu 
ihren Originalen in Beziehung zu setzen waren bei gleichzeitiger 
Klassifikation gemäß den drei pragmatischen Relativierungen. Es ist 
klar, daß ein solches Unternehmen auch nur für eine Gruppe gegen- 
ständlich und methodologisch verwandter Wissenschaften ein um- 
fassendes Untersuchungsprojekt für sich ergeben würde, zu dem in 
der hier vorgelegten Monographie nicht einmal ein grobes Pro- 
gramm entworfen werden kann. Die folgenden wenigen Bemerkun- 
gen zielen lediglich darauf, die außerordentlich umfangreiche, sehr 
heterogene Klasse der nicht-axiom arischen empirischen Modelle mit 
der Klasse der axiomatisierten empirisch-theoretischen Darstellungs- 
wie Belegungsmodelle über das hierzu bereits Ausgeführte hinaus zu 
vergleichen und vielleicht das eine oder andere Autorenteam anzu- 
regen, sich jener Aufgabe systematisch zu unterziehen 252 . 

Es war vorangehend zwischen linguistischem Darstettungsmodell 
und mengentheoretischem Belegungsmodell unterschieden und dar- 
auf hingewiesen worden, daß sich ein Darstellungsmodell zu jedem 
seiner Belegungsmodelle wie ein Abstraktionsgebilde dieser Bele- 
gungsmodelle und ein Belegungsmodell zu jedem Darstellungs- 
modell, das es erfüllt, wie ein Konkretionsgebilde dieser Darstel- 
lungsmodelle verhält. In eben diesem Sinne und mit dem genannten 



252 In meines Wissens sehr beschränktem Umfang lassen sich Vor- 
arbeiten hierfür aufweisen. Ich hatte ursprünglich vor, im Anschluß an die 
Bibliographie zur System- und Modelltheorie, S. 396 ff., einen weiteren 
strukturierten BibUographieteil zu appendizieren, dessen über alle Wissen- 
schaften hinweg sorgfältig ausgewählte bibliographische Positionen einen 
Grundbestand für die systematische Inangriffnahme des im Text angedeu- 
teten Untersuchungsprojekts hätte bieten können. Dieser Gedanke wurde 
jedoch aus verschiedenen Gründen fallengelassen. In welcher Form die 
— einet Deskriptiven Wtssenscliaftstheorie zuzurechnenden — Ergebnisse 
meiner umfangreichen Recherchen im Bereich der ein zel wissen schaftlichen 
Modellbildungen veröffentlicht werden, ist noch nicht entschieden. 



268 Semantische Stufen und semantische Modelle 

Originalbezug waren die Darstell ungsmodelle auch Abstraktions- 
modelle und die Belegungsmodelle auch Konkretionsmodelle genannt 
worden. In beiden Fällen handelt es sich um semantische Modelle, 
d. h. im allgemeinen um Sätze oder Systeme von Sätzen {mit em- 
pirisch-deskriptiven Termen). Kommen in diesen Sätzen keine Va- 
riablen vor, so modellieren sie ihr Original, etwa einen sozialwis- 
sensch artlichen Ereignisbereich, wesentlich episprachlich 2SS ; das Ori- 
ginal ist bezüglich des Szientifikations- bzw. Theoretisierungsgrades 
der Modellierung noch nicht oder in einem sehr vagen Sinne als 
Belegungs modelt des Satzsystems deutbar, Ist es dagegen etwa ge- 
lungen, gewisse Konstante zu parametrisieren, also durch Variable 
zu ersetzen, so läßt sich sinnvoll nach den Entitäten — Individuen, 
Klassen, Relationen usw. — fragen, die diese Variablen erfüllen. Ein 
„System" solcher Entitäten ist ein Belegungsmodell jenes parame- 
trisierten Satzsysteras, das selbst die Grenze vom epispradilichen 
zum formal-theoriesprachlichen Darstellungsmodell überschritten hat. 
Die formale Theoretisierung der szientifisch-semantischen Mo- 
delldarstellung empirischer Gegenstands- und Ereignisfelder erreicht 
ihre höchste Exaktheitsstufe in der oben beschriebenen (durch die 
klassische Partikelmechanik exemplifizierten) wissenschaftssprach- 
Üch-axiom arischen Gestalt. Hiernach läßt sich im erfabjungs wissen- 
schaftlichen Forschungsbetrieb vielfach ein „Modell" genanntes Satz- 
system auffassen als Vorläufer eines Darstellungsmodells im weite- 
ren oder engeren Sinne, als — wie P. Suppes 834 es im Blick auf 
Axiomatisierungen ausdrückt — „a set of sentences which in a pre- 
dse treatment would be taken as axioms, or, if they are themselves 
not adequately exact, would constitute the intuitive basis for formu- 
lating a set of axioms". Wer hinsichtlich der Darstellungsform des 
Modells den Grad der logisch-systematischen Ausgereiftheit dessel- 
ben als maßgebliche Betracht ungsdimension hervorzuheben und ihn 
bei iterativer semantischer Modellierung eines im wesentlichen sich 
gleichbleibenden Originalbereichs zu maximieren wünscht, findet in 



233 D. h, in einer wissenschaftlichen Mitteilungs- bzw. Fachsprache, 
dem „Produkt einer hauptsächlich explika torischen Präzisierung der Um- 
gangssprache . . . , der Festlegung der Eindeutigkeit von Ausdrücken. Sie 
enthält das gesamte Vokabular der betreffenden Wissenschaft (oder auch 
nur einer Theorie), aber nicht im systematischen theoretischen Zusammen- 
hang, sondern sozusagen in lexikalischer Anordnung bzw. in Form freier 
Definitionen ..." (W. Lein fellner, 1965, p. 107). 

234 P. Suppes, 1960, p. 3. 



Szienttfisdie semantische Modelle 269 

jener formal-axio manschen Darstellung den erstrebenswerten Grenz- 
fall. An anderer Stelle 2 * 5 ist ein allgemeines Enrwicklungsschema für 
derartige Szientifikationsprozesse angegeben, deren Phasen im allge- 
meinen mit bestimmten Ausgereiftheitsgraden der zugehörigen Mo- 
dellbildungen korrespondieren. 

P. Suppes 286 hat auf eine besondere Art n ich t-axi omatisch er 
theoretischer Modelle, die Datenmodelle (modeis of the date), hin- 
gewiesen, die für das Verhältnis von (axiom atischer) Theorie und 
Experiment relevant sind. Er geht dabei von der jeweiligen Fülle 
verschiedenartiger und höchst komplexer Erfahrungen aus, die ein 
Experiment zu konstituieren pflegen und deren Gesamtheit noch 
keineswegs unmittelbar ein Belegungsmodell einer Theorie liefert 
bzw. keineswegs mit einem solchen Modell verglichen werden kann. 
Erst auf Grund drastisch einschränkender Annahmen läßt sich, nach 
Suppes, die „ experimentelle Erfahrung" auf eine Entitat reduzie- 
ren, die einfach genug ist, um mit einem solchen Belegungsmodell 
pünktlich verglichen werden zu können 237 . Das den Experimental- 
apparat und -verlauf beschreibende semantische Modell, kurz Expe- 
rimentalraodell genannt, ist mithin auf das Datenmodeil zu ver- 
kürzen, das alle Attribute des Experimentalmodells bis auf ein 
Gerüst von Meßdaten präteriert. Auf Einzelheiten und die zum Teil 
tiefliegenden Probleme, die mit diesem Modelltyp und seiner Inbe- 
ziehungsetzung zu Belegungsmod eilen verbunden sind, kann im vor- 
liegenden Zusammenhang nicht eingegangen werden. 

2.3.4.4 Operative und prospektive Modelle 
(Aktionswissenschaft, Planung) 

Im ersten Kapitel, Abschnitt 1.5.4 (S. 99 ff.), war erklärt worden, 
was unter theoretischen, operativen und prospektiven Voraussagen 
zu verstehen ist. Theoretische, operative und prospektive Modelle 
seien hier nun als empirische Modelle eingeführt, die die unmittel- 
bare Ableitung von Voraussagen des entsprechenden Typs ermög- 
lichen. Der hierbei realisierte Einteilungsgesichtspunkt ist funktionell- 
pragmatisch gemäß der in diesem Buch vertretenen Auffassung, daß 

235 H. Stachowiak, 1969, p. 117—125. 

236 P. Suppes, 1960, p. 15 ff. 

237 Suppes demonstriert a. a. O., Anm, 234, p. 16 ff., seine Ober- 
legungen an den von ihm und Estes entwickelten linearen Response- 
Modellen der mathem arischen Lerntheorie (vgl. W. K. Estes und P. Suppes, 
1959). 



270 



Semantische Stufen und semantische Modelle 



Wissenschaft als Instrument der Daseinsbewältigung primär der 
Realisierung von Interessen, letztlich der Erfüllung von Motiven, 
dient. Es ist klar, daß die „Pragmatizität", insbesondere die Appli- 
kationsnähe des Modells, in der angegebenen Reihenfolge der drei 
Modelltypen schrittweise zunimmt. 

Über die theoretischen Modelle ist das Wichtigste im Abschnitt 
2.3.4.3 ausgeführt worden. In ihren bisherigen Realisierungen weisen 
sie zumeist keinen expliziten Bezug auf die drei pragmatischen 
Merkmale auf. Ihre pragmatische Relativierung erfolgt, wenn sie 
überhaupt reflektiert wird, im konkreten Anwendungsfall, und sie 
bleibt oft unausgesprochen. Das modellierende Subjekt wird dann, 
von der wechselnden Verwendung des theoretischen Modells her 
gesehen, nur beiläufig zum Aktionssubjekt. Demgegenüber sind ope- 
rative Modelle stets an durchgängig existente, wohlartikulierte und 
wesentlich selbstidentische Aktionssubjekte gebunden, diese seien 
einzelne Menschen, Gruppen, Organisationen oder sonstige mit ihren 
Außenwelten kommunizierende und interagierende Einheiten, wie 
sie unter Bedingungen rationalen Verhaltens in den Abschnitten 1.4.3 
und 1.5.1 bis 1.5.3 erörtert wurden. Auch Etttscbeidungsmodelle 2SB 



238 Ein Entsckeidungsmodeil kann kurz so (harakterisierc werden: 
Es ist ein System, bestehend aus: 1. einem Satz von Entscheidungs- und 
Zustands variablen mit vorgegebenen Definirionsbereichen, 2, ejner Menge 
von Bedingungen, denen die Variablen zu genügen haben, und 3, minde- 
stens einer Zielfunktion dieser Variablen, z. B. einer zu extremierenden 
Nurzenfunktion. Das Modell hat zum Original die Gesamtheit der mög- 
lichen künftigen Verlaufsformen eines Realsysrems als Handiungsfolgen, 
d. h. in Abhängigkeit von je realiter getroffenen Entscheidungen. Insbeson- 
dere modellieren dabei: die Entscheidungsvariablen die realen Entschei- 
dungsdimensionen; die Definitionsbereiche die Möglichkeitenrepertoires der 
Entscheidungen innerhalb einer jeden Dimension; die Entscheidungsbedin- 
gungen die zwischen den Entscbeidungsdimensionen bestehenden, System- 
charakteristischen Relationen; die Zielfunktion(en) den für das Real- 
system erstrebten Endzustand; die je getroffene Varia blenbelegung des 
Modells die Originals eilige Realentscheidung. Den allgemeinsten Fall eines 
Entscheidungs modells erhält man, wenn 1. mehrere (präferenzgeordnetc) 
Ziele vorliegen, 2. die Entscheidungen unter nicht notwendig vollständiger 
Information (über das Eintreten des der jeweiligen Altenurivwahl folgen- 
den Ergebnisses) erfolgen, 3, in zeitlicher Aufeinanderfolge voneinander 
abhängige Entscheidungen in mehreren Du rch gangen zu treffen sind. Durch 
entsprechenden Aufparametrisierungen erreichen Entscheid ungsmodelle so 
hohe Original adäquationen, daß sie auch für längerfristige und höher- 
komplexe EntScheidungsprozesse zu wichtigen operationalen Hilfsmitteln 
werden können. 



Szientifische semantische Modelle 271 

sind nicht per se, sondern erst mit Bezug auf ein spezifizier bares 
Aktionssubjekt (mitsamt seiner Außenwelt) operative Modelle. Die 
tatsächliche Vorwegnahme einer durch Eigen aktivität mitgestalteten 
Zukunft setzt den Subjektbezug bereits in der Entscheidungsvorfee- 
reitung voraus. 

Modellkonstruktionen opetativen Typs haben ihre Hauptdomäne 
im Technologie-Sektor. Mit „Technologie" wird eine Aktions Wissen- 
schaft 439 bezeichnet, die theoretisches Wissen in subjekt-, zeit- und 
intentionsbezogene Handlungsmöglichkeiten transformiert, Möglich- 
keiten, von denen — per Entscheidung — Technik einen Teil ver- 
wirkliebt 210 . Entsprechend der Bereichsgliederung der Technik (2.2.2, 
S. 176} sind regionale Technologien zu unterscheiden. 

Es dürfte für das Verständnis des Folgenden von Nutzen sein, 
wenigstens im Überblick den Entscbeidungsbereicb zwischen Tecfmo- 
logie und Technik zu charakterisieren 2 * 1 . Er läßt sich bei Beschrän- 
kung auf wissenschaftlich-planerisches Vorgehen nach drei Aktivi- 
tätsformen gliedern: einer wissenschaftlichen, einer hier als praxeo- 
philosophisch bezeichneten und einer politischen, in Tafel 6 inner- 
halb des Planungs- oder Entscheidungsvorbereitungsbereichs der 
Reihe nach mit WE, PrE und PE bezeichnet. 

Die wissenschaftliche Entscheid ungs Vorbereitung (WE) zielt auf 
die Konstruktion operativer, auf ein spezifiziertes p referierendes 
Subjekt Bezug nehmender Modelle der optimalen Entscheidungs- 
findung, wobei sie auf den Fundus von Methoden, Theorien und 
Techniken zurückgreift, den ihr Operationale Mathematik* 48 , Sy- 
stemtheorie z * s , Informarions-, Kommunikations- und Teamtheorie 
sowie Operations Research verfügbar halten. Er fällt überwiegend 
in den formalwisscnschairiichen Teilabschnitt von Z (vgl. Tafel 6}. 
Sich derzeit etablierende Planungs„theorie" sucht die systematische 
Aufbereitung und Zusammenfassung der vorerwähnten Methoden, 
Theorien und Techniken für Modellierungen der wissenschaftlichen 
Entscheidungsvorbereitung zu leisten, d. h. jenes aggregative In- 



239 Hierzu H. Aibert, 1965, p. 191 ff. 

240 Vgl. Tafel 6, S. 272. 

241 Vgl. H. Stachowiak, 1972. 

242 Zu dieser zähle ich die mathematische Spieltheorie, die Entscheid 
Jungs- und Programmierungstheorie, fetner die Algorithmentheorie, die 
Theorie der abstrakten Automaten, die Nerzwerktheorie und die Schalt- 
(netz)algebra. 

243 Vgl. B.2.1, S. 396—403. 



272 



Semantische Stufen und semantische Modelle 



Tafel 6. Zur Zuordnung der operativen und prospektiven Modelle 
zu den Bereichen technikbezogener Planung 
W£ beinhaltet nur auf bestimmte Pianungsprojekte und spezifizierte 
Aktionssubjekte bezogene Modelle, nicht jedoch das (zu Z gehörende) all- 
gemeine theo tetische Instrumentarium der wissenschaftlichen Eatschet- 
dungs Vorbereitung. „Technik" und dementsprechend „Technologie" sind 
in dem umfassenden Sinne der in 2.2.2, S. 176, getroffenen regionalen Auf- 
teilung zu verstehen. Vgl. im übrigen den Text sowie Schaubild 15, S. 277 



r/teo- 
'reffsefi 



-ffpersfty ■ 



-Prospeltö)' - — 









_ Ptem/ftgS- 



£/!f$C/le. T - 

re/tttfts 



Präzes- 

ffA//t>SOpfo- 

sefte Em* 
S£/ietft/ff#$ 

fPri) 



Mi/»scAe 
Sntsebei- 

rgtrt/as 



fntsc/iei- 



- f/ttscfie/tfi/ngsiereic/t ■ 






fec/ari* 
frej 






strumentarium in ein multidisziplinäres System operativer Modell- 
konstruktionen für gezielte Anwendungen zu transformieren. Sie ist 
dabei bemüht, allgemeine Regelmäßigkeiten im planungsbezogenen 
Entscheidungsverhalten einschließlich cntscheidungslogischer Inva- 
rianten zu berücksichtigen {erforderlichenfalls in eigener Forschungs- 
arbeit zu erschließen), also allgemeine Züge des Entscheidungsver- 
haltens de- wie präskriptiv zu erarbeiten. Planungsbezogene wissen- 
schaftliche Encscheidungs Vorbereitung ist wesentlich Vorbereitung 
der Afef/owsplanung im Sinne der früher (1.5.6, S, 110) getroffenen 
Begriffsunterscheidungen B44 . 

Mit dem Eintritt in die praxeo-philosophische Entscheidungs- 
vorbereitung {PrE) erfolgt, wieder mit Rücksicht auf Planungspro- 
zesse, der Übergang von den operativen zu den prospektiven Mo- 
dellen. Zunächst zur Charakteristik dieses „mittleren" Bereichs der 
Entscheid ungs Vorbereitung: „Praxeo-philosophische" Aktivitäten ha- 
ben inhaltliche Bestimmungen der planerischen Entscheidungs Vor- 
bereitung zum Gegenstand. Die Bezeichnung „praxeo-phUosophisch" 
soll dabei auf ein enges Zusammenwirken von Praxeologie und Phi- 



244 Über die Grundlagen der wissenschaftlichen Entscheidungs Vor- 
bereitung vgl, das dreibändige Werk von W. Keusch, 1970. 



Szientifische semantische Modelle 273 

losophie verweisen. Fraxeologie ist die Lehre vom zweckgerichteten 
Handeln, seinen Formen, Prinzipien, seiner Leistungsfähigkeit, sei- 
nen Effektivitätsbedingungen 2 * 5 . Sie geht über Technologie darin 
hinaus, daß sie arbeits organisatorische Direktiven gibt, von welchen 
Aktionssubjekten in welcher Zeit wie zu handeln ist, damit unter 
gegebenen Umstanden bestimmte Ziele maximal -effektiv erreicht 
werden. Philosophie ist im vorliegenden Zusammenhang der reinen 
Kontemplation entzogenes, Operationales Erkenntmsbemuhen s * 9 , 
bei dem Denken und Handeln in übersehbarer, systematisch expli- 
zierbarer Weise wechselseitig aufeinander bezogen und pragmatisch 
relativiert sind. Operati onale Wertlehre insbesondere leugnet nicht 
die Unhintergehbarkeit ideologischer Grund Wertungen, aber sie 
nimmt sich die Freiheit der uneingeschränkten Ideologiekritik. Einer 
ihrer eigenen Letztwerte ist diese kritisch-analytische Haltung, die 
sie auch bezüglich ihrer „Rest- Axiologie" überhaupt zur Se/fcrfkritik 
befähigt. Ihrem Beitrag zur inhaltlich-planerischen Entscheidungs- 
vorbereitung geht in jedem Fall die pünktliche Analyse folgender 
Relationen voran: der Relation zwischen Zwecken und Mitteln, der- 
jenigen zwischen den Motiven der Planbeteiligten und den Bedin- 
gungen der Motiverfüllung 247 und derjenigen zwischen Entscheidun- 
gen und den Folgen dieser Entscheidungen. Die tatsächlich zu ermit- 
telnden motivdynamischen Sttukturen könnten etwa faktorenaoaly- 
tisch gewonnenen Querschnittsmodellen entnommen werden. Auch 
bezüglich der anthropologischen Determinanten wird auf die wissen- 
schaftliche Entscheidungsvorbereitung zurückgegriffen. Oberhalb die- 
ses Gefüges notwendiger Bedingungen bleibt der durch mehr oder 
weniger konkrete Norm- und Zielvorschläge zu besetzende gewaltige 
Möglichkeitsraum. Seine inhaltlichen Einschränkungen auf jeweils 
wenige Alternativen, die dann die Grundlage der politischen Ent- 
scheidungsvorbereitung — und Entscheidung — bilden, ist von einer 



245 Vgl. die Arbeiten von T. Kotarbinski in K. Als leben und 
W.Wehrstedt, 1966; darin weitere Literaturangaben zur Fraxeologie. Hier 
noch der Hinweis auf die Forschungen im Umkreis von B.Walentinovicz, 
Epistemologische Abteilung an der Lehranstalt für Fraxeologie der Polni- 
schen Akademie der Wissenschaften, Warschau, und auf die Praxeologie- 
Beiträge zum Kolloquium „Kybernetik und Philosophie der Technik" auf 
dem 14. Internationalen Kongreß für Philosophie, 2. bis 9. September 1968. 

246 Im Sinne von A. Rafoport, 1953 (1970). 

247 Zur Problematik der Interdependenzdynamik von motivariona- 
len Bedürfnissen und Zwecken vgl. F. H.Tenbrucr, 1967, 1972. 



274 Semantische Stufen und semantische Modelle 

Fülle von Faktoren abhängig, die sowohl innovativen Zielmodellen 
als auch bestehenden, konventionalisierten Ordnungsgefügen ent- 
nommen sind. Alle hierbei vollzogenen Tätigkeiten sind mit praxeo- 
logischen Effektivitätserwägungen verbunden und erfolgen unter dem 
heute oft stark vernachlässigten Gesichtswinkel angemessener Befri- 
stung. 

Das zum PrE-Bereich (Tafel 6) Ausgeführte dürfte verdeutlicht 
haben, daß die Modelle der praxeo-philosophischen Entscheidungs- 
vorbereitung wesentlich den Aspekt der Zielplanung (1.5.6, S. 110 ff.) 
einbeziehen. Füt jedes längerfristige und höhetkomplexe Planungs- 
vorhaben, das ein adaptives Planungssystem gemäß Schaubild 2 
(S. 110) voraussetzt, erweist es sich als notwendig. mir derZtelbesnm- 
mung auch den Grad, in welchem das geplante Aktionszie! erreicht 
wild, zu prognostizieren, ja, mehr noch, den Grad vorherzusagen, 
tn welchem durch die zu erwartende Planverwirklichung die dem 
Planungsziel zugrunde liegenden basalen Handlungswom'e des Ak- 
tionssubjekts erfüllt werden. (Der Leser sei hierzu, besonders bezüg- 
lich der überindividuellen Aktions Subjekte, auf die Darlegungen des 
Abschnitts 1.5 .4.3, S. 101 ff., rück verwiesen.) Um diese motivational- 
syntale Prognose leisten zu können, werden prospektive Modelle be- 
nötigt, handlungsantizipato tische Modelle, die Zielkorrekturen und 
Neumotivierungen des Aktionssubjekts unter Forderungen fort- 
schreitend verbesserter Anpassung desselben an seine veränderte 
Außenwelt ermöglichen. Helmut Klages" 8 hat hierzu zutreffend 
betont, daß Planungsbewußtsein erst auf der prospektiven Refle- 
xionsstufe „bevorstehende Wert- und Ziel Wandlungen in der Gesell- 
schaft wissenschaftlich zu erfassen" vermag, daß Planung überhaupt 
erst auf der Stufe prospektiver Entscheidungsvorbereirung ihre sonst 
„zwangsläufige Zukunftsblindheit" verliert und, wie hinzugefügt 
werden darf, in der „Selbsttransformation" (S. 102 f.) des gesellschaft- 
lichen Systems die cmanzipatorische Dimension erreicht * 4B . 



243 H. Klaces, 1971, p. 68. 

249 H. Klag es, 1971, p. 69, hierzu: „In der Tat ist die Voraussage- 
kapazität der Planung auf den beiden vorgelagerten Ebenen (sc. det 
theoretischen und der operativen, H. St.} dann, wenn innerhalb des 
PJanungszeitraums mit beträchtlichen Änderungen der gesellschaftlichen 
Wert- und Zielstrukturen zu rechnen ist, verhältnismäßig gering. Pointiert 
ausgedrückt ergäbt sich in einer solchen Situation eine zwangsläufige 
Zukunftsblindheir der Planung, die ihrem eigentlichen Wesen aufs schärfste 
zu widersprechen scheint. Denn Planung (insbesondere langfristige, um- 



Szientifische semantische Modelle 275 

Schließlich findet der prospektive Modelltyp im Entscheidungs- 
bereich zwischen Technologie und Technik — wie überhaupt zwi- 
schen Wissenschaft und "Wissenschaftsanwendung — bei der politi- 
schen Entscbeidungsvorbereitung 250 (PE) Verwendung — bzw. sollte 
er dort künftig mehr und mehr exakte Verwendung finden 251 . Die 
prospektiven Modelle der politischen Entscheidungs Vorbereitung sind 
aus dem Pr£-Angebot ausgewählte und/oder modifizierte (bezie- 
hungsweise zur Modifikation an den Funktionsbereich PrE rück- 
verwiesene und „dort" überarbeitete) Modelle, wobei die Selektion 
bzw. Modifikation Kriterien der realen Implementationsfähigkeit 
des Planungsprojekts, insbesondere finanziellen Sachzwängen folgt. 
Für die Zukunft wird es darauf ankommen, planungspolitische Intui- 
tion weitgehend durch System analytische Bewertungsverfahren M2 zu 



fassende Planung) bedeutet ja letzten Endes nichts anderes als prospektive 
Organisation des Handelns im Hinblick auf optimale Ziel-Mittel -Relatio- 
nen in zukünftigen Lebenssiruationen. Die Planung wird sich in einer 
derartigen Situation ständig vor der stärksten Versuchung sehen, diesen 
Widerspruch zu durchbrechen, um ihr „eigentliches" Wesen zu realisieren. 
Sie wird insbesondere dazu neigen, den Schleier, der sie von den Ziel- 
vorstellungen eines emanzipierten Menschen der Zukunft trennt, zu zer- 
reißen oder zu negieren. Sie wird . . . dazu übergehen, sogenannte „Theo- 
rien" des Menschen und seiner Bedürfnisse zu assimilieren, in denen sich 
spekulaüv-geschichtsphilosophisdie Aussagen mit anthropologischen Thesen 
und empirischen Einzelbeobachtungen mischen. Die Planung wird somit 
unmerklich ins autoritär- oder roralirär-technokratische Läget rechter oder 
linker Färbung hinübergleiten. So oder so wird sie in ihrem eigendichen 
Subjekt, dem sich emanzipierenden Menschen, um ihrer eigenen Wesens- 
realisierung willen die Chance der Selbstverwirklichung rauben. Sie wird 
ihm wohlgemeinte Prokrustesbetten vorbereiten, in die er sich fügen muß, 
wenn er nicht in die Rolle des Abweichlers, Volksschädlings oder Rene- 
gaten abstürzen will. So wird die Planung aus der Idee der Emanzipation 
eine Farce machen, nur um sich selbst durchzusetzen, und die Wider- 
sprüche, die sie selbst betreffen, zu beseitigen." 

250 Hierzu K. Lompe, 1971, und H. Kxages, 1971. 

251 In Anlehnung an meine Bemerkung „Deskription oder Präskrip- 
tion?", S. 121 f., ist auch für den vorliegenden Zusammenhang darauf hin- 
zuweisen, daß ich nicht scharf zwischen Ist- und Sollzustand des Planungs- 
verhaltens trenne. Das im Text unter prospektiven Modellen Ausgeführte 
hat stark praskriptiv-normative Züge, wobei ich natürlich von Sachverhal- 
ten bzw. tatsachen orientierten Ansätzen ausgehe und deren Soll-Fortsetzun- 
gen von realen Erfordernissen abhängig mache. 

252 Einen Überblick über systemanalytische Hilfsmirtel der politischen 
Entscheidungsvorbereimng einschließlich des über die bloße Kosten-Nurzen- 
Analyse hinausgehenden PPBS (Planning-Programming-Budgeting System) 

IS Stachowijlc, ModeUtbcorie 



276 Semantische Stufen und semantische Modelle 

ersetzen oder wenigstens zu unterstützen. Für die Bewertungsgrwnd- 
lagen und damit die allgemeinen Richtlinien der politischen Planung 
einschließlich der für notwendig erachteten gesellschaftlichen Innova- 
tionen ist natürlich wesendich der Wählerwille entscheidend. Hier 
dürfte., dem gegenwärtigen Stand der gesellschafts- und wertkritischen 
Diskussion gemäß, jeweils eine Zielfunktion zu optimieren sein, in 
welche die Parameterkomplexe planungsnotwendiger Zentralisation 
einerseits und — entsprechend dem gegenwärtig weltweit sich ver- 
stärkenden Demokratisierungspostulat — partizipa torisch er Dezen- 
tralisation des gesellschaftlichen Entscheidungs Verhaltens andererseits 
konvers eingehen B53 . Die hiermit angesprochene Problematik wird 
um zwei angrenzende Problembereiche vermehrt. Es ist dies einmal 
der Problembereich der adäquaten, wissenschaftlich-methodisch ab- 
gesicherten Erschließung des Willens der vom jeweiligen Plan vor- 
haben mehr oder weniger direkt Betroffenen; hier gilt es, die bisher 
geübten Verfahren der öffentlichen Anhörung zu systematisieren 
und bei gleichzeitiger Erweiterung zu verfeinern sowie verbesserte 
Regelmodelle organisierter Konfliktaustragung zu entwickeln. Eng 
mit diesem Desiderat zusammenhängend ist zum anderen die politi- 
sche Entscheidungsvorbereitung derzeit durch nur mangelhafte For- 
men der Kommunikation zwischen den an den Enrscheidungspro- 
zessen Beteiligten belastet. Es bedarf hier des Aufbaus diskussions- 
theoretisch 25 * begründeter Kommunikationsmodelle, die in "Verbin- 
dung mit dokumentationsseitigen Hilfen, z. B. computerunterstütz- 
ten Verfahren der Schriften aus wertung, einen wirkungsvollen, vor 
allem auch zeitökonomischen mündlichen wie schriftlichen Mei- 
nungsaustausch unter je gegebenen Bedingungen gewährleisten. 

Wie die vorangehend skizzierten drei Bereiche WE, PrE und PE 
der planerischen Entscheidungs Vorbereitung nicht als disjunkt, son- 
dern als sich funktionell überlappend und jedenfalls eng kooperativ 
verklammert zu betrachten sind, so gibt es auch Übergangs- und 
Mischformen zwischen operativen und prospektiven Modellen. Und 
wie die den Bereichen WE, PrE und PE zufallenden Aktivitäten ein 
hochdynamisches Rückkopplungssystem bilden, so bestehen auch 



geben C. Bohret und A. Nagel, 1969. Speziell etwa zur politischen For- 
schungsplanung vgl, C. Bresch, 1971, und W. Häfele, P. Jansen und 
H. ZArouc, 1971. 

253 Einiges über diese Optimierungsproblematik bei V. Ronge und 
G. Schmieg, 1970. 

254 Vgl. die Literaturübersicht bei H. Stachowuk, 1970, p, 15. 



Szientifische semantische Modelle 



277 



zwischen den ihnen zugeordneten Modelltypen kreiskausale heuristi- 
sche Beziehungen. Der Lernfähigkeit des Planungssystems entspricht 
die heuristische Entwicklungsdynamik des zugehörigen Modell- 
systems. Dabei bestimmt sich die pragmatische Relativierung — Mo- 
delt für wen? In welcher Zeitspanne? Modell wozu? — immer von 
den praxisnäheren Instanzen her, wenngleich in ständiger Abhängig- 
keit vom Regelungsv erhalten des Gesamtsystems. Ein „pragmati- 
sches Gefälle* verläuft in der Abfolge E-*PE-*Pr£-»- WE-* 77-* Z 
(Tafel 6), d. h. von der aktion sauslösenden Entscheidung bis hin zur 
Grundlagenforschung. Zu jedem der angeführten Bereiche ist die 
durch Planbeschluß realisierte Technik rückgekoppelt, damit jeder 
der Vorbereiche auch via Direktkommunikation seine pragmatischen 
Wertebesetzungen kontrollieren und so unmittelbar die technische 
Praxis mitgestalten kann. 

Schaubild 15 zeigt außer den vorerwähnten Rückkoppelungen im 
wissenschaftlich-planerisch-technischen ßasisbereich die Verbindung 
des letzteren mit seinen Reflexionsinstanzen. Unbeschadet des über- 



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Schaubild 15. Z«w Technohgie-Tecbnik-Verhäknis: Basis- und Reflexhns- 
bereiche, Erläuterungen im Text 



greifenden neopragmatisch-modellistischen Erkenn tniskonzepts be- 
darf sicher — heute mehr denn je — Wissenschaft der Wi ssen Schafts - 
theorie, vor aHera der metawissenschafdichen Erörterung ihrer Grund- 
lagen, Methoden und Konstrukte, wobei analytische Wisse nschafts- 
theorie in ihrer kl assisch -kontemplativen Gestalt auf die objekt- 
wie metawissenschaftlich benötigten mathematisch -logischen, sprach- 
lichen und zeichentheoretischen Mittel und synthetische Wissen- 
scharrstheorie auf die vergleichende Methodologie der objektwissen- 



278 Semantische Stufen und semantische Modelle 

schaftlichen Sztentifikatioosprozesse und die allgemeine Struktur der 
resultierenden Erkenntnisgebilde einschließlich deren Geltungskon- 
trolle gerichtet ist. Von den erwähnten einzelwissenschaftlichen Kon- 
strakten waren bisher fast nur die formalen und die theoretischen 
Modelle Reflexions ob jekte. Im Zuge des allmählichen Relevanz- 
gewinns des operativen Modelltyps beginnt sich Wissenschaftstheorie 
bei gleichzeitiger Pragmatisierung ihrer eigenen strukturell-funktio- 
nellen Formation as6 derzeit, wenngleich noch zögernd, auf die 



255 Wo nicht ideologische Barrieren dies verhindern, scheint sich 
offenbar der Gedanke mehr und mehr durchzusetzen, daß auch die Meta- 
Modelle der Wissenschaftstheorie der pragmatischen Einbettung in die 
Dimensionen der Subjektivität, Zeitlichkeit und Intenrionalität nicht ent- 
raten können. Zumindest die Wissen Schaftstheoretiker der Sozialwissen- 
schaften dürften dabei den meta theoretischen Argumenten Rechnung tra- 
gen, die sich aus der konsequenten Weiter Verfolgung des Kritischen Ratio- 
nalismus {K. R. Popper, vgl. 1.2.3, S. 26 ff.) ergeben. In diesem Zusammen- 
hang gehört auch der Hinweis auf Stegmüllers neuen Bericht zur Carnap- 
schen Induktionslogik, die nach noch nicht veröffentlichten Manuskripten 
Carnaps gedeutet werden muß als eine Theorie nicht der Begründung theo- 
retischer Satze, sondern derjenigen von „Normen rationalen Handelns bei 
Entscheidung unter Risiko" (W. Stegmüller, 1971, p. 68). Auch andere 
Enrwicklungen der zeitgenössischen Philosophy of Science dürften einen 
deudichen Zug ins Subjektive, Zeit- und Zweekbezogene und damit die 
wachsende Einsicht in unvermeidliche Interdependenzen wissen schafdiefaer 
Modellbildungen mit den Bereichen von Interesse und Personalität erken- 
nen lassen, die ihrerseits natürlich eingebettet sind in Gesellschaft und Ge- 
schichte. 

Neopragmatisch erweiterte, nichtsdestoweniger kritische Wissenschafts- 
theorie darf — mit StigmüLler (1971, p. 28) zu sprechen — sicherlich 
weder empirisch noch normativ degenerieren. Was die empirische Degene- 
ration betrifft, so bedeutet gewiß Pragraatisierung, die rein logische Ver- 
hältnisse überschreitet, also mehr ist als etwa Supponierung einer formalen 
Pragmatischen Logik, den Rückgriff auf relevante erfahrbare Wirklichkeit, 
und in dem Maße, wie solche Wirklichkeit in das wissertschafts theoretische 
Reflexions modelt eingeht, kann dieses selbst immer mehr nur zur wissen- 
schaftlichen Theorie und schließlich zur empirischen Wissenschaftswissen- 
schaft werden. Die wissenschaftstheoretische Relevanz erwa einer Theorie 
des tatsächlichen Wissen Schaftsbetriebes oder einer Psychologie des wissen- 
schaftlichen Forschens und Erkenaens, einer Wissenschaftssoziologie usw. 
ist unbestritten. Aber diese Theorien fallen, und zwar natürlich auch, wenn 
sie interdisziplinär vorgehen, unverzüglich dem Objektbereich einer von 
ihnen verschiedenen Wissenschaftstheorie zu, da sie ihre eigene Kritik 
nicht adäquat leisten können, sie sich zumindest nicht aufbiirden sollten, 
Andererseits tritt normative Entartung ein, wenn der rationale Aspekr 
der Wissenschaftstheorie bei rigoroser Vernachlässigung bzw. Aberkennung 



Szientifisdie semantische Modelle 279 

aktions wissenschaftlichen Objektbereiche {Tt, WE) auszudehnen; im 
Schaubild 15 ist diese Erweiterung vorweggenommen. An die er- 
weiterte Wissenschaftstheorie schließen sich in dem Soll-Modell von 
Schaubild 15 Reflexions in stanzen an, in deren Objektbereiche we- 
sentlich Modelle des prospektiven Typs fallen. Funktionell und wohl 
auch aus arbeits- und organisationsökonomischen Gründen dürfte 
es jedenfalls geraten sein, auch im Bereich der planerischen Entschei- 
dungsvorbereitung Objekt- und Meta-Ebene auseinanderzuhalten. 
(Damit ist weder das Rückkopplungsverhältnis dieser Systemteile 
angetastet, noch werden Personalunionen ausgeschlossen.) Zuein- 
ander rückgekoppelt sind im einzelnen: Praxeologie mit Meta-Pra- 
xeologie und operationale Philosophie mit einer er kenntnts kritisch 
orientierten philosophischen Metawissenschaft, Meta -Praxeologie 
ist Begründungs- und Bewertungstheorie für praxeo logische Direk- 
tiven S5S . Die erwähnte philosophische Metawissenschaft ist wesent- 
lich Erkenntnistheorie, zu der sich Wissenschaftstheorie zu öffnen 
hat, wenn sie sich von wissenschaftlicher Erkenntnisproblematik zur 
Erkenntnisproblematik überhaupt erweitert, d. h. Alltags- und Wert- 
erkenntnis, Erkenntnis ästhetischer Normen und dergleichen ein- 
schließt. Wie früher (1.2.4.2, S. 3Sff.) ausgeführt, ist Erkenntnis- 
reflexion an Wertungen und Imperative des Handelns gebunden. 
Dies führte zum Begriff der Normativen Erkenntnistheorie im Sinne 
M. Whites. Deren normative Komponente wird in der reflektieren- 
den Diskussion nicht zuletzt die Mindesterfordernisse im System der 



der empirischen Daten immer stärker betont wird, bis Wissen seh afts- 
theorie, wie Stegmüller sagt, zur Wissenschaf isulopie wird und als solche 
natürlich ihren kritischen Auftrag verfehlt. Meines Erachtens kann indes 
bei einem nicht ins Extrem getriebenen Übergewicht des rationalen gegen- 
über dem empirischen Faktor immerhin eine Wissenschaftstheorie resul- 
tieren, die ein je ethisch fundiertes normatives Aktions- und Bewertungs- 
modell für "Wissenschaft abwirft oder doch entscheidend an der Errichtung 
eines solchen Modells teilhat, eines Modells, von dem aus Erfahrung — 
und das ist ja immer gemachte, gestaltete Erfahrung — schon im For- 
sch ungsprozeß ins Gewünschte, Lebensdienliche präformiert wird. Daß 
jedenfalls Wissenschaftstheorie überhaupt in jene beiden Gefährdungen 
geraten kann, daß sie, mit anderen Worten, ihren optimalen Ort in dem 
Dreiparameterfeld des Logischen, Empirischen und Normativen zu suchen 
hat, zeigt erneut die Abhängigkeit ihrer Formarion von pragmatischen 
Momenten und eben von Entscheidungen, die konkrete Menschen in kon- 
kreten Situationen zu treffen haben. 

256 Vgl. T. Kotarbinski, 1966, p. 32. 



280 



Semantische Stufen und semantische Modelle 



gfobalgesellschaftlicher Vitalparameter (Weltbevölkerung, Kapazität 
der natürlichen Ressourcen, Nahrungsmittelj Industrieproduktion, 
Umweltzerstörung 2äT ) und den Korrektiv bereich der Gesellschafts- 
und Politikkritik berücksichtigen. Letztere ist in der Modellskizze 
von Schaubild 15 die — von breiter Diskussion getragene — Meta- 
Instanz zur politischen Entschcidungsv orberei tu ng (PE). In ihr sol- 
len sich insbesondere die Interessen der überwiegend passiv Plan- 
nungsbetroffenen artikulieren und die Intentionen der an der politi- 
schen Entscheidungsfindung beteiligten individuellen und überindi- 
viduellen AktJonssubjekte in Wechselbeziehung treten. Bezüglich der 
Anthropologie, auf welcher der im Schaubild 15 visualisierte Ent- 
wurf basiert, kann auf die Schlußausführungen des ersten Kapitels 
(insbesondere S. 124 und S. 126) verwiesen werden. Zugrunde gelegt 
war dort das Leitbild eines selbstverantworrlich handelnden, lei- 
stungsbetonten und zielorientierten Menschen mit individuell erleb- 
ter Motiverfüllung als Letztwert. 

Zwischen theoretischen, operativen und prospektiven Modellen 
besteht eine asymmetrische Abhängigkeitsbeziehung derart, daß die 
Konstruktion von operativen Modellen den Rückgriff auf theoreti- 
sche Modelle und die Konstruktion von prospektiven Modellen den 
Rückgriff auf operative Modelle notwendig macht 258 . So gehen in 
die operativen Modelle Daten sowohl über künftiges wie über ver- 
gangenes Geschehen ein. Aus der Gesamtheit dieser Planungs- und 
Erfahrungsdaten lassen sich grundsätzlich die Erfahrungsdaten als 
Konstituenten eines theoretischen Modells extraktieren, das dem 
operativen Gesamtmodell systemgeschichtlich zugrunde liegt. Das 
Fortsetzungs- bzw. Rückbindungs Verhältnis im Übergang von den 
operativen zu den prospektiven Modellen dürfte unmittelbar ein- 
sichtig sein. 

Bereits beim operativen Typ stößt die exakte, d. h. mathemati- 
sche, zumal logiksprachliche Volldarstellung der hier in Frage ste- 
henden Modelle auf erhebliche Schwierigkeiten. Die Bezogenheit et- 
wa betriebswirtschaftlicher Entscheidungsmodelle auf entscheidungs- 
tragende Aktionssubjekte, diese seien Individuen oder (operationale) 
Gruppen (vgl. 1.4.3), kommt in den bisherigen Darstellungen kaum 



257 Vgl, J.W. Forrester, 1971; D.Meadows, 1972; E. Goldsmith 
und R. Allen, 1962, Vgl. die Bemerkungen S. 117f. 

258 Vgl. hierzu 1.5.5, S. 108, wo auf die entsprechende Abhängigkeits- 
beziehung zwischen theoretischen, operativen und prospektiven Voraus- 
sagen Bezug genommen wurde. 



Szienrifische semantische Modelle 281 

explizit, meist nur verbal und beiläufig zum Ausdruck aM . Die Dar* 
stelltmgs Schwierigkeiten erreichen neue Größenordnungen bei den 
prospektiven Modellen, zu deren Konstruktion exakte empirische 
Morivations- bzw. Syntalitätstheorien benötigt werden 260 . Grund zur 
Entmutigung besteht indes keineswegs. Der aufgezeigte Weg ist 
angesichts der heute bereits bestehenden Möglichkeiten zur rechneri- 
schen Bewältigung von Komplexität durchaus sinnvoll beschreitbar. 
Indes muß damit auch wirklich begonnen werden, wenn nicht die 
Chance exakter und humaner Gesellschafts pl an ung vertan wer- 
den soll. 

2.3.4.5 Programmatischer Exkurs über Geschichtsmodelle 

Es wäre fraglos wünschenswert, Prognosemodelle für geschichtliche 
Ereignis verlaufe entwickeln zu können, und zwar natürlich mög- 
lichst auf operativer oder sogar prospektiver Srufe. Im folgenden soll 
mit einigen wenigen Bemerkungen wenigstens das Programm einer 
künftigen mod eü theo retischen Analyse der Prognosefähigkeit zu- 
kunftsweisender Geschichtsmodelle ins Licht gerückt werden. Dazu 
mag zunächst in Gestalt von Tafel 7 ein allerdings grobes Bewer- 
tungsschema vorgegeben werden, das für fünf bereits früher (S. 267) 
hervorgehobene charakteristische Modelldimensionen je drei Bele- 
gungstypen vorsieht. Sind die letzteren komparativ geordnet 281 } so 
lassen sie sich unterteilen und graduieren. Die in Tafel 7 angegebe- 
nen Signierungen gestatten es, jedem faktisch vorliegenden Ge- 
schichtsmodell eine Kl assifikations Signatur {f^, e^, b i% , d it , b it ), wo 
die Belegungsindizes i lf . . - , i s jeweils eine der Ziffern 1, 2, 3 an- 
nehmen können, zuzuordnen und es — durch Addition seiner Bele- 
gungsindizes — gleichzeitig bezüglich seines am Ideal strenger empi- 
rischer Theorienbildung gemessenen pragmatischen Szientifikattons- 
grades zu bewerten. Die hiernach kleinstmögiiche Bewertung, 5, 
ergibt sich aus der Klassifikationssignatur (f lt %, b u d lt fcj, die 
höchstmögliche, 15, aus der Klassifikationssignatur (/ 3 , e Si h S) d 3 , £> 3 ); 
die Klassifikationssignatur (/ 8 , e 2 , b 2 , d t , b 2 ) beispielsweise liefert den 
mittleren Szientifikationsgrad 10. Eine erhebliche Anzahl der insge- 
samt 3 5 = 243 Kombinationsmöglichkeiten {„Variationen mit Wie- 



259 Vgl. z. B. A. Angermann, 1963. 

260 Erster und meines Wissens bisher einziger Ansatz hierzu bei 
P. GANG, 1967. 

261 Vgl. C. G. Hempel und P. Oppenheim, 1936. 



282 Semantische Stufen und semantische Modelle 

Tafel 7, Zur Klassifikation und Bewertung von Gescbicbtsmodelten 
(vgl. den Text) 







t 


8 


3 


f 


ft/a/rt/ejt 


Yersreße/itf, 
fnrtrprefiere/id, 
$//wertie/terirf 


xvvsa/ffrA/are/re' 


yer#u$$3f£/!d 
Meorettsü/i/ 

operativ/ 
preapeJhtiV} 


s 


Vergabe 


zierdaras, 

tomfi/exes) 

E/itssiere/pm's 


fremmsMasse 

jr/einersn/ 

/rriff/ere/t i/mfe/iss 

ftei/te/iesefiräahe 

Meprstti/tieriarteV 


£re/tmi$£/a$sen 

6e//e6/0 er&eirer - 

BarerUmtähgB 

ffeprodi/z(erÖ8r£e/f) 


h 


Meur/"$f/s£/!£ 
EntwicJt/u/ri? 


4t?eitu/a//W 


retfutäV 


M/pettietise/i- 
(fafeAflir 


d 


fbrm 


¥bffs&tdfy/ 
uingö/igssftr&ftfts/! 


t/mga/igsssraefi/i^i 
mir symMspracfr- 
iisben äe$/ahtft&/gfi 


yol/staWi?/ 
irsttfeäenj 
fwmafts/erf 


3 


8e$fätt$i/t!§s- 


Weder fänz/itK# 

Töf/en smpir/sc// 
öesfä'ftgf 


1/7 H>r$t?ß//Sete/> 
fe//es> e/npiriscfi 
desr&rrff 


fmpfr/scfi 

yoff 
öesta'ftgt 



derholung") scheidet natürlich für tatsächliche Modellbildungen 
wegen inhaltlicher Abhängigkeiten der Belegungs typen von vorn- 
herein aus. 

Es ist hier nicht der Ort, die verfügbaren Geschichtsmodelle, 
soweit sie prognostisch oder doch auf Prognose angelegt sind, durch- 
zumustern und zu bewerten, um Desiderata zu erkennen. Lediglich 
der Weg sei aufgezeigt. Jean Marczewski 262 hat beispielsweise den 
recht hoffnungsvollen Versuch unternommen, Modelle einer „quan- 
titativen Geschichtswissenschaft", die allerdings wesentlich PartiaJ-, 
nämlich ökonomische Geschichte zum Gegenstand haben, zu ent- 
wickeln und zumindest die Möglichkeit zur Erschließung exakter 
historischer Gesetzmäßigkeiten aufzuzeigen, aus denen Voraussage- 
modeüe gewonnen werden könnten 263 . Seine Modellkonstruktio- 



262 J. Marczewski, 1965. 

263 In diesem Zusammenhang ist das "Verfahren des Querscfmitts- 
vergleicks zu erwähnen, mittels dessen soziale Systeme in ihrer geschieht- 



Szientifische semantische Modelle 283 

nen dürften sich im Bereich etwa der Klassifizierungssignatur 

(/ets)j e n k& d 2 , b 2 ) gemäß Tafel 7 bewegen. Man vergleiche den sich 
hier ergebenden relativ hohen Szientifikationsgrad von 10 (11} mit 
dem Szientifikationsgrad 6 des CoMTEschen Dreistadien-Modells, für 
das die Signatur (/ 4 , e l3 k it d it b t ) angesetzt werden dürfte (Comte 
selbst hätte allerdings z. B. für A a entschieden.) 

Eine beträchtliche Zahl globalgeschichtlicher Modelle mit impli- 
ziter oder erklärter Voraussagefunktion kommt auf ähnliche Szien- 
tifikationsgrade, die gleichzeitig den Prognosewert dieser Modelle 
praktisch annullieren. Diesbezügliche Untersuchungen knüpfen übri- 
gens ihre Grundordnung häufig an kategoriale Gegensatzpaare, die 
ihrerseits in der folgenden Bipolarität basaler Weltsichten wurzeln: 
Der eine Pol ist umschreibbar durch: Pessimismus, leere Zyklizität, 
Sinnlosigkeit und naturhafte Notwendigkeit, der andere durch: Opti- 
mismus, Fortschritt, Sinnhaftigkeit und Freiheit. Fortschritt kann da- 
bei als göttliches Heilsgeschehen oder innerweit] ich, etwa aufkläre- 
risch, als fortschreitende Selbstbefreiung des Menschen — nicht zu- 
letzt via Naturbeherrschung — verstanden werden. Die Aszendenz 
kann auf Unbegrenztheit oder zeitliche Limitierung (im naiven vor- 
EiNSTEtNschen Sinne) angelegt sein und dabei entweder jenseits- oder 
diesseits- es chato logisch ausmünden. Die Anatomie der Aufstiegs- und 
Fortschrittsmodelle zeigt hauptsächlich Linearität und Stufenstruktur, 
auch Spiral- und "Wendelförmigkeit. Einbettungsverhältnisse und 
Mischformen sind zu berücksichtigen. Vicos gesehichtsphilosophi- 
sches Modell läßt linearen Fortschritt in global geschichtlichen Kreis- 
lauf übergehen; Hegels Modell (über dessen diesbezügliche grund- 
legende Struktur und Strukturdynamik Marx kaum hin ausgelangt) 
verbindet Linearität und Zyklizität zu der bekannten dialektischen 
Fortschrittsbewegung, einer Art „dtalektisch-aszendenter Linearität"; 



liehen Dimension erfaßbar werden. „Querschnitts vergleich heißt die Mes- 
sung der Differenz zwischen zwei Strukturauhiahmen eines Sozialsystems, 
von denen die eine vor, die andere nach einem bestimmten Zeitintervall 
gemacht wird. An der StrukturdiffereriZj dem Meßergebnis, läßt sich der 
soziale "Wandel ablesen, der zwischen den beiden Beobachtungszeitpunk- 
ren startgefunden hat." (P. Waldmann, 1971, p. 689.) Diese Methode, die 
stark original verkürzende Modellierungen verlangt, kann iterativ auf ein- 
ander folgende Zeirintervalle ausgedehnt werden, so daß längerfristige 
Entwicklungen erschlossen und trend mäßig extrapoliert werden können. 
Waldmänn legt a. a. O., p. 698, eine Klassifikation von Kriterien des 
gesellschafdichen Wandels vor, die auch für eine prognostische Geschichts- 
wissenschaft relevant sein dürfte. 



284 Semantische Stufen und semantische Modelle 

Spenglers Kulturorganismen durchlaufen halbkreisförmig, besser: 
zykloidisch se * angeordnete aszendente und deszendente Enrwick- 
iungsphasen 2<G . 

Angesichts des hochspekulativen Charakters der zuletzt genann- 
ten Modelle wird man für aneWissensebaft der Geschichte in der Tat 
Theorien weit geringerer Reichwette im Sinne R. Mertons, „Vor- 
aussage"modelle mit wesentlich höheren Szientifikationsgraden for- 
dern müssen — sofern Geschichtsschreibung neben ihrer „bewah- 
renden Funktion" £68 auch „einen Beitrag zur rationalen Erfassung 



264 Mit gegenüber der Halbkreisform gestreckter Reifephase; man 
beachte, daß die mathematische (Parameter-)Darstellung der Zykloide 
neben den Kreisfunktionen der Zeit die Zeitvariable auch als Linearglied 
enthält. — Zu solcher „Geometrie der Geschichtsmodelle" noch das fol- 
gende interessante Zitat: „Schaut man von oben oder unten auf diese 
Spirale (gemeint ist eine Wendel, H. St.)* so ist nur ein Kreis sichtbar. 
Schaut man von der Seite, sieht man ein Hin-und-Her. Läuft man in 
Gedanken auf der Spirale selbst entlang, bemerkt man allenfalls die Ver- 
änderungen von Station zu Station. Begibt man sich gedanklich in eine der 
Stationen hinein, sieht man vielleicht gerade noch bis zur nächsten." 
(D. Suhr, 1972, p. 158, in einer Studie zur Modellierung gesellschaftlich - 
geschichtlicher Entwicldungszusammenhänge in dialektischer Sicht.) 

265 Vgl. hierzu A. Stern, 1967, p. 47 — 82. Dieser Autor gibt im 
dritten Kapitel seines Werkes einen instruktiven Überblick über „Ur- 
sprung und Ziele der Geschichtsphilosophie", der als Vorleistung für eine 
allgemeine und vergleichende Strukturanalyse globalgeschichtlicher bzw. 
geschieh tsphilosophisch er Model Ikonstruktionen betrachtet werden kann. 
Stern unterscheidet spekulative und kritische Geschichtsphihsophien. 
Erstere „versuchen, eine allgemeine Theorie der Geschichtsentwicklung 
von ihrem Beginn zu ihrem Ende aufzustellen. Sie suchen Gesetz, Zweck, 
Sinn und Wert det Geschichte festzustellen . . . Fast alle großen Systeme 
der Geschichtsphilosophie, von Augustinus bis Hegel und Toynbee, ge- 
hören diesem spektakulären Typus an" {p. 76). Dagegen beschränken sich 
nach Stern die Ziele der kritischen Geschichtsphilosophie „auf die Be- 
stimmung der logischen, erkenn rrtistheo retischen und werttheore tischen 
Bedingungen der Geschichtswissenschaft" (p. 77). Die im Texr des vor- 
liegenden Buches angedeuteten Globalmodell- Typen sind hiernach speku- 
lativer Art. Mit gewissen Ergänzungen ließen sich die diesbezüglichen 
Modellstrukturen unter Verwendung der von Stern gegebenen Beispiele 
zu einem umfassenden Kiassifikationsschema zusammenstellen. Ich hoffe, 
demnächst ein solches Schema mit den Hauprtypen linearer, zyklischer 
und dialektischer Grund struktur sowie zahlreichen Untergliederungen und 
Kombinationsformen vorlegen zu können. Bezüglich der dialektischen 
Grundstruktur bietet G. Gurvitch, 1965, p. 41 — 213 (Geschichte der Haupt- 
typen der Dialektik) wertvolle Orientierungshilfen. 

266 W. J. Mommsen, 1971, p. 30. 



Ne opra gm atisch-modellis tischer Standpunkt 285 

und demnach auch zur rationalen Gestakung der gegenwärtigen 
Gesellschaft und ihrer Kultur leisten" 267 soll — einschließlich, wie 
man hinzufügen darf, der aus geschichtlicher Erfahrung gewinn- 
baten prospektiven Orientierungshilfen für die Zukunft. Neben 
den ideologiekritischen und wissenssoziologischen Analysen vor- 
liegender Geschichtsmodelle sollte die modeil theo retische Refle- 
xion treten mit dem Teilziel, die Grundbaupläne jener Modelle im 
Blick auf ihre Original angemessen heit vergleichend zu analysieren 
und aus der Reflexion Wege zu verbesserten, adäquateren, multipel 
strukturierten, möglichst quantitativ belegten Modellen zu eröffnen. 
Sofern diese Modelle über die Ereignisbeschreibung hinaus pro- 
gnostische Funktion erhalten sollen, wird selbstverständlich das Pro- 
blem der historischen Gesetze, ihrer Gewinnung und ihrer Bestäti- 
gung, relevant 269 . Die PrognosewKfähigkeit künftiger Geschichtswis- 
senschaft ist jedenfalls keineswegs erwiesen. Es scheint durchaus 
real möglich, durch Einbeziehung system analytisch orientierter Mo- 
dellierungsverfahren und neuerer Verhaltenstheorien geschichtswis- 
senschaftliche Prognosemodelle weitab sowohl von der metaphysi- 
schen System-Spekulation wie von bloßer „Buchbindersynthese" 26fl 
verfügbar zu machen. 

2.4 Zur Problematik des Originals 

Nach der Erörterung der graphischen, technischen und semantischen 
Modelle soll in diesem letzten Abschnitt des zweiten Kapitels noch 
einmal die „Seinsweise" der den Modellbildungen — besonders den 
wissenschaftlichen — zugrunde gelegten Originale betrachtet wer- 
den. Die kurzen Ausführungen zu den Abschnitten 2.1.1.1 und 
2.1.1.2 bedürfen der folgenden Ergänzung. 

2.4.1 Neopragmatisch-modellistischer Standpunkt 

Original und zugehöriges Modell waren als Attributklassen bzw. auf 
der Ebene explizit sprachlicher Repräsentation als Prädikatklassen 
charakterisiert worden, wobei zwischen Attributen bzw. Prädikaten 
nullter Stufe (Individuen) und Attributen bzw. Prädikaten erster 



267 W. J. Mommsen, 1971, p. 29. 

268 Hierzu H. Schleichert, 1971. 

269 H.-W. Hedinger, 1969, p. 39S. 



286 Zur Problematik des Originals 

Stufe (Eigenschaften und zwei- oder hoherstelÜge Relationen) zu 
unterscheiden war. Auch Attribute bzw. Prädikate höherer Stufen 
waren zugelassen. 

Obgleich die Individuen begrifflich und logisch von den auf sie 
bezogenen Eigenschaften und Relationen zu trennen sind, ist dem 
Modellierer erhebliche Freiheit in der Individuen wähl bei Original 
und Modell gegeben. Es gibt vom Standpunkt der Allgemeinen Mo- 
delltheorie (wie schon in 2,1.2.1 bemerkt) keine Individuen per se. 
In jener Wahlfreiheit drückt sich eine Absage an jegliche Substanz- 
metaphysik aus 270 . Die Original- und die Modell-Individuen sind 
lediglich Träger- und Bündelungselemente für Attribute bzw. Prädi- 
kate oberhalb der nullten Stufe, nicht zuletzt nahegelegt durch die 
Subjekt-Prädikat-Struktur unserer Sprache. Ihre Auswahl erfolgt 
nach pragmatischen Gesichtspunkten. Der Leser erinnert sich hierzu 
insbesondere des pragmatischen Entschlusses (1.3.2). Diesem prag- 
matisch relativierten Individuenbegriff entspricht es vollständig, daß 
im Blick auf Attributbildungen höherer Stufen potentiell jedes Attri- 
but nicht-nullter Stufe zum Individuum, zum elementaren Ei gen - 
Schafts- und Relationenträger, werden kann. Die absolutistische 
Frage nach „letzten" oder „schlechthin seienden" Individuen einer 
„Entität", nach schlechterdings feststehenden Subjektbestimmungen 
innerhalb der diese „Entität" beschreibenden Prädikatklasse, tritt in 
der Allgemeinen Modelltheorie nicht auf. 

Aber auch die mittels der Attribute bzw. Prädikate der ersten 
Stufe den Original- und Modell -Individuen zugesprochenen Beschaf- 
fenheiten sind ausschließlich pragmatisch existent. Ihr „Wirklich- 
keitsbezug" ist m od eil theoretisch (entsprechend dem Originalbezug 
von Modellen) ein von bestimmten Betrachtern und potentiellen 
bzw. aktuellen Aktions Subjekten in bestimmten Zeiten zu bestimm- 
ten Absichten, Zwecken und Zielen hergestellter Bezug, als wie um- 



270 Schon für Hume war der Substanzbezug von Eigenschaften und 
Relationen nichtssagend. Spätestens seit es sich in der Quantenmechanik als 
prinzipiell unmöglich erwies, beliebige Eigenschaften, ob man diese nun 
experimentell bestimmen wollte oder nicht, auf einen Gegenstand der- 
gestalt zu beziehen, daß sinnvoll gefragt werden kann, ob sie ihm zu- 
kommen oder nicht, kann auch von physikalischen Eigenschaftstragern 
nicht mehr unbefangen gesprochen werden. In quantenmechanischen Syste- 
men gibt es keine Substanzen im klassischen Sinne mehr (vgl. P. Mittel- 
st Aedt, 1966, p. 141 f.). Es darf dies wohl als wichtiger Hinweis darauf 
gewertet werden, daß der Substanzbegriff aus fortgeschrittenen Wissen- 
schaften am besten ganz eliminiert werden sollte. 



Neopragmatisch-modellistischer Standpunkt 287 

fassend intersubjektiv manche wissenschaftlich bearbeitete Teile einer 
— dann gleichsam zum hochöffentlichen Ereignis gewordenen — 
Erlebniswirklidhkeit immer erscheinen mögen. Und dieser „Wirk- 
lichkeitsbezug" ist stets abhängig von der zur Objektbeschreibung 
verwendeten Sprache. Wenn auf „nouetischer" Ebene (Schaubild 3, 
S. 148} gewisse Verknüpfungen von Attributen (erster Stufe) im Sinne 
Freges als wissenschaftliche Gedanken zuzüglich ihrer Wahrheits- 
werte aufgefaßt werden dürfen, so ist mit „Gedanke" nichts bezeich- 
net, was sich jener Sprachabhängigkeit und jener dreifachen pragma- 
tischen Relativierung entziehen könnte. Auf die Erlebniswirklichkeit 
bezogene „Gedanken" sind insbesondere keine platonischen Emi- 
raten, Ihre „Objektivität" 271 ist nichts weniger als subjektfrei. Was 
diesen Gedanken Dasein und Gestalt gibt, ist wesentlich bei den 
Denkenden und deren Denkinstrumentarien zu suchen. Dies gilt 
nicht nur für die im einzelnen bewußt und methodisch ausgeführten 
Modellkonstniktionen — dort versteht es sich ohnehin"* — , son- 
dern auch für die modellierten Originale. 

Denn auch diese Originale sind ausnahmslos als solche bereits 
produziert. Niemand könnte auch nur im geringsten irgend etwas 
Unzweifelhaftes über ihr subjektfreies An-sich-Sein aussagen m , 



271 G. FREGE, 1891, Anm.5 (1962, p. 44): „Ich verstehe unter Ge- 
danken nicht das subjektive Tun des Denkens, sondern dessen objektiven 
Inhalt, der fähig ist, gemeinsames Eigentum von vielen zu sein." 

272 Es muß daher befremden, immer noch auf Formulierungen der 
Art zu stoßen: „Das Modell enthält um so höheren ,Wahrheitsgehalt 5 , 
ist um so ,besser', je mehr Einzelzüge der beobachteten Wirklichkeit in 
ihm wiederkehren." (O. Heckmann, 1965, p. 183). Trotz der offenbar 
relativierenden Funktion der in dem Satz verwendeten Anführungsstriche 
wird ein remanenter Erkenntnis theoretisch er Realismus deutlich. 

273 Daß schlechthin unbez weifelbar-objektive Tatsachenaussagen 
nicht aufstellbar sind, es vielmehr immer zumindest stillschweigender 
Übereinkünfte der Erkennmissubjekte über dasjenige bedarf, was je als 
Erfahrungstarsache zu gelten har und was nicht, zeigen besonders ein- 
dringlich die Überlegungen, mit denen von BABR [ K. E. von Bai- f., t&64) 
die Abhängigkeit des menschUchen Weltbildes von der Länge des mensch- 
lichen Moments (subjektiven Zeitquants, kleinstmöglichen Zeitelementes 
der Erfahrung) zeigt. 

Einem „Inframenschen" von nur 1/1000000 menschlicher Lebens- 
dauer mit entsprechender Verkürzung des Moments, sonst aber unver- 
änderten Fähigkeiten, würde sich eine Wahrnehmungsweh bieten, die 
gerade auch hinsichtlich der für unbez weifelbar gehaltenen „Konstatie- 
rungen" (vgl. B. Juhos, 1950) stark von der menschlichen Wahrrjehmungs- 



288 Zur Problematik des Originals 

während jedes modellierende Subjekt sich seines aktuellen Tuns 
und Denkens unmittelbar gewiß ist: jedenfalls als reflektierendes 
Subjekt steht es dem Erleben näher als dem Erlebten. Wir sind es, 
die die Originale nachfolgender Modellbildung gestalten. 

Die "Weisen der Originalproduktion sind mannigfaltig und, wenn 
man sich an den Ergebnissen neuerer Untersuchungen der Psycho- 
kybernetik orientiert, auch noch für vermeintlich einfachste Außen- 
welt» gegebenheiten" höchst verwickelt. Auch die elementarste „Kon- 
statierung" ist kunstvolles Produkt, Artefakt der Perzeption m . Es 
gibt keine reinen Daten (vgl. 1.1.5 und 1.2.3). Erst recht sind die 
komplexeren und hochkomplexen Wahrnehmungs-. und Vorstel- 



welt abweicht. Beispielsweise würde der für den Menschen zur fundamen- 
talen Erfahrungstatsache gewordene Unterschied zwischen Tag und Nacht 
dem 35-Minuten-Menschen als Wahrnehmurtgserlebnis verschlossen sein. 
Der „Inframensch" würde auch zu ganz anderen als den menschlichen 
Induktionen gelangen. Ein gegen 18 Uhr geborener „Infraphilosoph", An- 
hänger der „induktiven Metaphysik" etwa, könnte gegen Ende seines 
Lebens die „infraanthropomorphe" Feststellung treffen (mit den Worten 
von Baers): „Als ich geboren wurde, stand das glänzende Gestirn, von 
dem alle Wärme zu kommen scheint, höher am Himmel als jetzt. Seitdem 
ist es viel weiter nach Westen gerückt, aber auch immerfort tiefer gesun- 
ken. Zugleich ist die Luft kälter geworden. Es läßt sich voraussehen, daß 
es bald, nach einer oder zwei Generationen etwa, ganz verschwunden sein 
wird und daß dann erstarrende Kälte sich verbreiten muß. Das wird wohl 
das Ende der Welt sein oder wenigstens des Menschengeschlechts." 
(K, E. VON Baer, 1864, p. 261.) 

Läßt man den Parameter m — „Länge des Moments" vom Zahlen- 
wert der menschlichen Momentlänge, die in der Größenordnung von 
1/10 sec anzusetzen ist, ausgehend stetig einmal bis nahe Null abnehmen, 
zum anderen bis über alle Maßen wachsen, so erhält man zwei gegen- 
läufige stetige Trans form arionen der menschlichen Wahrnehmungs weit 
mit den Hauptcharakteristika, daß im ersten Fall diese Weh immer mehr 
erstarrt bis zu schließlich vollständiger Bewegungslosigkeit, während im 
zweiten Fall sich mehr und mehr alles in Veränderung auflöst einschließ- 
lich der fundamentalen Naturkonstanten (z, B. der Gravitationskonstan- 
ten), deren Invarianz Ausdruck des menschlichen Zeitmaßstabes ist. Man 
sieht im übrigen, daß der Mensch aus der üb er ab zählbaren eindimensio- 
nalen Mannigfaltigkeit der allein nach der Momentlänge unterscheid baren 
Wahrnehmungs wehen nur die eine ihm sensorisch zugängliche heraus- 
schneidet (wie auch sein Auge nur elektromagnetische Wellen des kleinen 
Frequenzbereichs von 4 * 10 14 bis 8 ■ 10 u Hz empfangt}. 

274 Hierzu das Reafferenzprinzip mit seinen wichtigen erkenntnis- 
psychologischen Konsequenzen. Vgl. E. VON Holst und H. Mitte lstaedt, 
1950. 



Dialektisch- materialistischer Standpunkt 289 

lungsgebiide, die als Originale der methodischen Modellkonstruk- 
tion zugrunde gelegt werden, selbst bereits modellmäßige Kon- 
strukte, gleichsam „Vor-MadelIe" J die sich von den sie abbildenden 
Modellen im allgemeinen durch die vergleichsweise große Unzen- 
triertheit und hohe Undifferenziertheit ihrer Attribute und Artribut- 
klassen unterscheiden. 

Bei den erfahrungswissenschaftlichen Modellen lassen sich Ent- 
wickln gsÜ nie n theoretischer Modellkonstruktion verfolgen. Diese 
Linien setzen bei noch verhältnismäßig undeutlichen, meist aspekt- 
multiplen und von Totalerlebnissen getragenen Vorstellungsgebilden 
ein und führen unter den je vorherrschenden gegenständlichen und 
Verfahrens maß igen Auswahlgesichtspunkten in mannigfaltigen Kon- 
texten zu den szientifischen semantischen Modellen. Die Szientifika- 
tion zerlegt zunächst das totale Ganze des original seit! gen Gegen- 
stands- und Ereignisfeldes aspektiv attribuierend unter Abbau ver- 
meintlicher, vorwissenschaftlicher „Objektivität", Wissenschaftliche 
Objektivität, die immer relativ ist zu den je konventionalisierten 
Selekcionsgesichtsp unkten der Originalerfassung und zu den „con- 
ceptual frameworks" der Modellierung, wird durch trennende und 
herauslösende Verfahren aufgebaut. Dies geschieht gelegentlich in 
sprunghaften Neuschöpfungen, die langanhaltende Entwicklungen 
prägen. Der isolierenden Analyse folgt in spateren Stadien der For- 
schung, in denen es zu inter- und multidisziplinärer Zusammenarbeit 
kommt, die vereinigende Synthese. Ursprünglich als ganzheielich 
erfahrene Objektfelder, die sich ihren vorwissenschaftlichen Zusam- 
menhang bewahren, können auf hoher Szienrifikationsstufe zur 
Systemganzheit zurückfinden unter Aufhebung eines erheblichen 
Teils von Aspektivität und pragmatischer Relativität der Objekt- 
erfassung. 

2.4.2 Dialektisch-materialistischer Standpunkt 
(Exkurs zur Erkenntnistheorie von G. Klaus) 

Es sei hier weiter auf die Frage nach der Stellung des dialektischen 
Materialismus zur Original-Problematik eingegangen. Auch diese 
Lehre dürfte gegenwärtig mehr und mehr Abstand gewonnen haben 
von der noch für Lenin E7S bestimmend gewesenen frühmaterialisti- 



275 W. I. Lenin, 1927, p. 96. „Die Dinge existieren außer uns. Unsere 
Wahrnehmungen und Vorstellungen sind ihre Abbilder. Durch die Praxis 



290 Zur Problematik des Originals 

sehen Abbildtheorie. Dem zeitgenössischen dialektischen Materiali- 
sten ist das Umgehen mit wissenschaftlichen Modellen wohl vertraut, 
und diese Modelle sind ihm, durchaus ähnlich der neopragmatisch- 
modelKstischen Auffassung, subjektabhängige Mittel zum praxis- 
bezogenen Informationsgewinn über das modellierte Original 27 *. 
Wie aber steht es mit diesem Original „selbst"? 

Die folgenden Darlegungen gehen keineswegs auf die insgesamt 
verfügbaren Äußerungen dialektischer Materialisten zum Model 1- 
Original-Verhältnis ein — dies würde wahrscheinlich eine eigene 
Monographie erfordern — , vielmehr wird hier lediglich auf den 
im Titel dieses Absatzes genannten Autoren Bezug genommen, dem 
im deutschsprachigen Bereich für philosophisch -kybernetische Fragen 
aus dialektisch-materialistischer Sicht Kompetenz zugesprochen wird. 
Und auch von den zahlreichen Veröffentlichungen dieses Autors wird 
hier nur eine allerdings thematisch zentrale Stelle aus seinem Buch 
„Kybernetik und Erkenntnistheorie" 271 herangezogen. Hierzu als 
erstes Schaubild 16, das in etwas veränderter Form eine entspre- 
chende KxAUSsche Darstellung 878 wiedergibt. Das System [0 ls S it 
Mj) (Zeichenerklärung im Schaubild-Text) werde abkürzend mit R t 



werden diese Abbilder einer Probe unterzogen, werden die richtigen von 
den unrichtigen geschieden." (Zitathinweis durch I. M. Bochenski, 1956, 
p. 73. Der BocHENSKiscben Darstellung des sowjetrussischen dialektischen 
Materialismus verdanke ich eine Reihe weiterer wertvoller Zi talhinweise; 
der in dem Büchlein insgesamt vertretenen Sichtweise und Beurteilung des 
dialektisdien Materiaiismus kann ich mich jedoch nicht anschließen.) 

276 Vgl. die beachtenswerten modelltheoretischen Untersuchungen 
von K. D. Wüstneck, 1966a (sowie auch 1963, 1966b}, einem gesellschafts- 
wissenschaftlich orientierten und sich soziokybemetischer Methoden bedie- 
nenden Vertreter des dialektischen und historischen Materialismus. Es war 
die erstzitierte Arbeit WüSTNECKs, die mich veranlaßt hat, den vorliegen- 
den Unterabschnitt dem im wesentlichen fertiggestellten zweiten Kapitel 
nachträglich anzufügen, leb bin der Meinung, daß zwischen einer Allge- 
meinen Modelltheorie der von mir entwickelten nicht-dialektischen Art 
und einer Modell theo rie, wie sie ein dialektischer Materialist unter 
Verwendung modemer wissenschaftsorientierter Methoden und Denk- 
weisen entwickeln würde, so viele strukturelle Gemeinsamkeiten bestehen 
können, daß eine gegenseitige Annäherung beider Positionen bis vielleicht 
in den Bereich der erkenntnistheoretischen Grundlagen möglich und förder- 
lich wäre. Mein diesbezüglicher Optimismus wird gestützt durch positive 
Erfahrungen in Diskussionen mit marxistischen Philosophen. 

277 G. Klaus, 1966a. 

278 G. Klaus, 1966a, p. 214, Abb. 56. 



Dialektis ch-ma terialisri scher Standp unkt 



291 



bezeichnet, R t kann selbst zu einem Original O z für einen Model- 
lierer S s =/= Sj werden, der 2 in M 2 transformiert. Sei (Oj, S B , M g ) 
mit R 2 bezeichnet. Dann läßt sich R 2 mit einem Original O a identifi- 
zieren usw. Die Subjekt-Objekt-Relation der Erkenntnistheorie ist da- 



% 


























4 




r 






® 




* f 


— 


4 






Mj, 






L_ 


} 























Schaubild 16. Zwr Problematik des „Originals" in der Sichtweise des dialek- 
tischen Materialismus (vgl. G. Klaus, 1966a, p. 214, sowie K. D. "WÜsr- 
neck, 1966, p. 1458) 

Zeichenerklärung: O,: Original als Objekt L Ordnung, kurz Original 
I.Ordnung genannt; S t : modellierendes Subjekt 1. Ordnung; Mtf Modell 
von O,; O.: Original 2. Ordnung, identisch mit dem (O,, S^ M ± ) -System; 
5 3 : modellierendes Subjekt 2. Ordnung; AT»: Modell von O«. Die Pfeile 
deuten den Informationsfluß an. Dargestellt sind nur die ersten beiden 
Iterationssnifen, Weitere Erläuterungen im Text 

mit in der — an kybernetischen Untersuchungsverfahren orientierten 
— Weise so iteriert a79 , daß das jeweils modellierende Subjekt in den 
Objekt- und Original b ereich eines folgenden Metasubjekts einbezo- 
gen wird, welches somit Zugang zum Modellbildungsprozeß des vor- 
angehenden Subjekts gewinnt und daher auch die Chance hat, zu 
einer gegenüber diesem Subjekt „verbesserten" Einsicht speziell in 
das ursprünglich vorgelegte Original, O u zu gewinnen. Die Subjekte 
der Iteration seien alle voneinander verschieden, da es ja gerade dar- 
auf ankommt, die reine Subjektivität der Modell bildung (eines Itera- 
rionsschrittes) in bestimmten Grenzen zu beseitigen, d. h. die Abge- 
schlossenheit der subjektiven Introspektion bei der vorangegangenen 
Original-Modellierung im folgenden Iterarionssdiritt nach Möglich- 
keit zu überwinden. 



279 „lterieren" zunächst in dem weiten Sinn von „schrittweise wieder- 
holen", nicht also notwendig in der mathematischen Bedeutung einer suk- 
zessiven Approximation an ein Operations ziel, etwa einen festen numeri- 
schen Wert. 



1* STichowiak, Modetlthecirie 



292 Zur Problematik des Originals 

Welche Länge kann eine Folge R. u R^,... der oben eingeführten 
Art erreichen? Es scheint wenig sinnvoll, eine infinite Subjektfolge 
St, S 2 ,... anzunehmen. Denn dies hieße, in einem ettdiidtxen Zeit- 
intervall — und nur endliche Zeitintervalle dürften für Erkenntnis- 
prozesse operativ annehmbar sein — unendlich viele Subjekte un- 
terzubringen; es müßte dann mindestens eines der in endlicher Zeit 
stets nur endlich vielen psychologischen Subjekte, der „empirischen 
Iche" oder „Bewußtseine", in unendlich viele andersartige, nicht- 
empirische, abstrakte Subjekte übergeführt werden, eine Operation, 
die sogar philosophisch höchst künsdiche Subjektbegriffe wie die- 
jenigen eines logischen oder transzendentalen Subjekts zerstören 
würde. Man darf also in der Tat annehmen, daß die Folge 
S lt S 2 , . . . bei einem f/'e, d. h, nicht schlechthin) letzten Subjekt S„ 
endet, zu welchem R»-ii das Original von M„, als bezüglich des 
betrachteten iterativen „Objektivierungs^prozesses umfassendstes 
Objekt gehört. Die Folge R. u R 2 , • • - endet nach diesen Überlegun- 
gen bei einem je letzten subjektrelativierten Objektsystem R„ _ t ~ 0„. 

Nun zielen nach der hier in den Vordergrund gestellten Proble- 
matik alle Iterationsbemühungen der oben formal beschriebenen 
Art auf das Erkennen des Ausgangsobjekts und Ausgangsoriginals 
O, (wobei natürlich Oj selbst ein in anderweitigem Zusammenhang 
;j1s Subjekt fungierendes System bzw. ein System mit R -Struktur 
sein kann), Soll mithin die betrachtete Iteration erkenntnisrelevant 
bezüglich O, sein, so muß sich aus der Modellfolge M lt M s , . . . , M„ 
eine Folge 

M, (Ot) = M lt M 2 (OJ = M it M 3 (Oj) =%..,, Mn (OJ = M„ 

gewinnen lassen, in welcher M t = Mi und in welcher M $ (O^ das- 
jenige UttfÄfsystem von M 2 bezeichnet, das speziell M t — möglicher- 
weise gegenüber M x „verbessert" — modelliert, in welcher weiter 
M s dasjenige Untersystem von M 3 bezeichnet, das speziell M z — 
wiederum möglicherweise gegenüber M 2 „verbessert" — modelliert, 
usf., wobei unter „modellieren" der weiter oben (2.1, S. 128 ff.) be- 
schriebene Prozeß der selektiven, pragmatisch zu relativierenden 
Attributen- Abbildung zu verstehen ist. Die Mi(Ot) werden sich bei 
den tatsächlichen Modellietungsprozessen im allgemeinen vonein- 
ander unterscheiden. [Der Vollständigkeit halber sei darauf hinge- 
wiesen, daß die von einem bestimmten Subjekt S f (i — l,,.,,n) — 
ohne direkten Bezug auf das vorangegangene Objektsystem R^.j — 



Dialekt! seh- m a te ri alis rischer Scan dpunkt 



293 



vollzogenen möglichen „Verbesserungen" des eigenen Modells Mf in 
der hier gegebenen formalen Darstellung der erkenntnisiterativen 
Prozesse nicht besonders ausgedrückt werden; derartige Operationen 
seien unbezeichnet dem betreffenden Iterationsglied zugeordnet.] 

Selbstverständlich können von einem und demselben Ausgangs- 
objekt O x mehrere voneinander verschiedene und im allgemeinen 
auch verschieden lange solcher Irerationsfolgen ausgehen: Es gebe be- 
züglich Oj genau m Modell -Iterationsfolgen mit den Längen rt t , n 2 , 
. . . , n m . Die M t [i = 2, 3, . . . , n„; fi = 1, . . - , m) seien mit den oberen 
Indizes 1, . . . , m versehen. Im Schaubild 17 sind drei solcher Iteta- 







vdfrergent 



Schaubild 17. Konvergente und divergente Modellfolgen bezüglich des- 
selben Orighials, Erläuterungen im Text 

rionsfolgen bezüglich des Originals O t angedeutet. Zwei O, -Itera- 
tionsfolgen {MliOj)}, {MjiOJ} mögen konvergent heißen, wenn 
mit wachsendem i = 1, . . . , «„ . . . bzw. ; = 1, . . . , «j, . . . die M\ 
bzw. Mj sich in bestimmten, für wesentlich gehaltenen Attributen 
bzw. Attributklassen einander angleichen 2 **. Diese Konvergenz kann 
auch bei Abschnitten (k aufeinanderfolgenden Iterationsschritten) so- 
wie bei {durch Fortlassung einzelner Iterationsschritte entstandenen) 
Teilfolgen von (MJ(O t )}, {Mf{Oi)} eintreten. Es kann ferner der 
besondere Fall der „Konvergenz mit Grenzmodell" ins Auge gefaßt 
werden, der vorliegt, wenn beide von O x ausgehende Modell-Itera- 
tionen zum {in allen Attributen) gleichen O) -Modell, dem „Grenz- 
modell", führen. Ein solches „Grenzmodetl" stellt im allgemeinen 
nur den Abschluß einer Phase der Modellentwicklung bezüglich O t 
dar. Es sollen schließlich zwei nicht konvergente Iterationsfolgen 
divergent genannt werden (vgl. Schaubild 17). 



280 Ich versuche hier nicht, diese allerdings vage Bestimmung zu prä- 
zisieren; der hierzu erforderliche Aufwand würde zu weit von den Haupt- 
gedanken des vorliegenden Abschnitts wegführen, 



is- 



294 



Zur Problematik des Originals 



Soweit die wohl folgerichtige Ergänzung und Fortführung der 
KLAusschen Schematisierung des Erkenntnisprozesses. Dieser wird 
darüber hinaus bezüglich der Subjekt-Objekt-Beziehung dahin cha- 
rakterisiert, daß „Subjektivität nicht Willkür und Freisein von gesetz- 
mäßigen Zusammenhängen bedeutet, denn die subjektiv bestimm- 
ten Beziehungen zwischen Reiz und Empfindung konnten auf der 
objektiven Ebene reproduziert werden. Schließlich sind die Subjekte 
selbst kybernetische Systeme, und ihre erkenntnismäßige Beziehung 
zu den Objekten, die sie abbilden, fügt sie mit diesen zu einem um- 
fassendeten System zusammen, das selbst wieder der Betrachtung 
durch andere Subjekte zugänglich ist". Und weiter heißt es bei 
Klaus: 

„In der modernen marxistischen Erkenntnistheorie ist oft die 
Rede davon, daß die Erkenntnis ihrem Inhalt nach objektiv, ihrer 
Form nach subjektiv sei. Die Erkenntnis ist insofern objektiv, als 
ihre Grundlage und ihr Ausgangspunkt außerhalb des Subjekts exi- 
stieren, sie ist insofern subjektiv, als die spezielle Art und Weise, 
wie die Abbildung erfolgt, die konkrete Art und Weise, in der die 
sinnlichen Wahrnehmungen auftreten, Nachrichten kodiert werden 
usw., von der Beschaffenheit des erkennenden Subjekts abhängen. 
Die Objektivität ist insofern absolut, als die objektive Realität in 
letzter Instanz und unbedingt alle Erkenntnisse bestimmt. Die Sub- 
jektivität ist insofern relativ, als das, was wir eben als subjektive 
Merkmale des Erkennen s bezeichnet haben, letztlich in der Wechsel- 
wirkung zwischen Subjekt und Umwelt zustande gekommen ist, sei 
es in der Wechselwirkung des Einzelsubjekts mit der Umwelt, sei 
es in der Wechselwirkung der Gattung der Subjekte mit der Um- 
weh 281 ." 

Dieser Text dürfte etwa wie folgt zu interpretieren sein: Sei Oj 
als Erkenntnisobjekt vorgegeben. Dann gibt es genau zwei Arten 
von Oj-Erkenntnis, eine „ihrem Inhalt nach" und eine „ihrer Form 
nach" 2M . Die „Fowi-Erkenntnis" (wie die letztere Erkenntnisart ab- 



281 Der Text im Zusammenhang bei G. Klaus, 1966a, p. 213. 

282 Von einer dritten Erkenntnisart ist in dem zitierten Text nicht 
die Rede. Man wird also wenigstens für eine kurze Wegstrecke der nach- 
vollziehenden Gedankenführung von „genau zwei" Erkenntnisarten spre- 
chen dürfen. Daß die Kategorien des Inhalts und der Form dynamisch 
zu begreifen sind, daß sie als in gegenseitigem „Kampf" befindlich eine 
„dialektisdie Einheit" bilden und dergleichen, war in dem bisher zugrunde 
gelegten Text nicht zur Erwägung gegeben. Aber auch wenn man derartige 



Dialektisch-materialistischer Standpunkt 295 

kürzend genannt werde) von O, besteht auf der ersten Stufe der in 
Schaubild 16 angedeuteten und oben formal beschriebenen Erkenn t- 
nJsiteration im Aufbau eines Modells M t von Oj durch 5, (Klaus 
spricht von Abbildung, Nachrichten -Kodierung usw.), und diese 
Oj-Erkenntnis ist subjektiv, nämlich zumindest auf 5, bezogen, und 
sie ist insofern auch relativ. Das in den letzten drei Sätzen Gesagte 
bleibt richtig, wenn überall der untere Index „1" durch den unteren 
Index „i" für i — 1, . . - , n ersetzt wird, denn jedes Objektsystem 
Oj der Iterationsfolge ist Erkenntnisobjekt für ein Erkenntnissub- 
l*ekt mindestens desselben Iterationsschrittes, d. h. zumindest für S,. 

In jener subjektiven Erkenntnis, so sagt Klaus, erschöpft sich 
jedoch nicht die gesamte mögliche Objekterkenntnis. Es gibt viel- 
mehr neben der „Form-Erkenntnis" noch die (abkürzend so genann- 
te) „JwÄÄits-Erkenntnis" von Oj und für beliebige Iterationsschritte 
allgemein von Oj, und diese ist eine objektive und absolute Erkennt- 
nis, denn 0< ist Teil — Teilgebilde, Teilstruktur, Subsystem — einer 
„Realität", die „in letzter Instanz und unbedingt alle Erkenntnisse 
bestimmt'*. Man wird hiernach als Hauptmerkmal der „Inhalts- 
Erkenntnis" deren Subjektunabhängigkeit festzuhalten haben, eine 
Deutung, die auch dadurch gestützt wird, daß ja offenbar alles, was 
zur subjektabhängigen Erkenntnis (von O,) gehört, bereits der 
„Form-Erkenntnis" (von O f ) zugeteilt worden war. 

Bezüglich der „Inhalts -Erkenntnis" von 0< kann nun „Subjekt- 
Unabhängigkeit" genauer nur bedeuten: Unabhängigkeit von allen 
Sj für / ä ' (' '■ = 1. ■ - • j *)« Während dies für /" = i unmittelbar klar 
ist, kann für / > i wieder Klaus herangezogen werden J83 : „Die Ab- 
bildung einer auch andere erkennende Subjekte einschließenden Um- 
welt durch verschiedenartige Subjekte relativiert Objekt O (=Oi, 
H. ST.) nicht bm ." Man wird demnach richtig so interpretieren, daß 
in jeder Sukzession R it Rg, , R* . t das auf der f-ten Stufe bettach- 
tete Objekt Oj in seiner „Inhalts-Erkenntnis" unabhängig von alten 



Überlegungen einzu bezichen harre, könnte dies liier jedenfalls nicht so auf- 
gefaßt werden, daß bereits im Ansatz des folgernden, auf Unterscheidung 
und Eindeutigkeit beruhenden Denkens die Begriffe, auf die es ankommt, 
ihre festen Konturen verlieren. Soviel „Statik" im gedanklichen Prozeß muß 
erlaubt sein, wie zum rational-kommunikativen Vollzug dieses Prozesses 
notig ist. Klaus selbst ist ja um derartige Klarheit bemüht. 

283 Für Oi gehört jedes Sj mit /<)' zum betrachteten Erkennmis- 
objekt (Oi). 

284 G. Klaus, 1966a, p. 213. 



296 Zur Problematik des Originals 

seinen überhaupt möglieben Subjekten bzw. Metasubjekten S; mit 
/ 5g * ist. 

Bei Klaus heißt es im Blick auf die Erkenntnis-Iteration 
Rj, Rf, ..,, Ra- t weiter: »Die einzelnen Abbildungen haben etwa den 
Charakter von Projektionen des Objekts auf verschiedenartige Koor- 
dinatensysteme. In diesem Falle verschwindet die Subjektivität wenn 
wir die Invarianten finden, die den einzelnen subjektiven Abbildun- 
gen zugrunde liegen" 295 , wobei es sich bei diesen Invarianten um 
dasjenige handelt, „was O ( = O i} H. St.} tatsächlich ist" m . Auch 
dies bestätigt die Auffassung von O f als einer subjektfrei objektiven 
Gegebenheit, d.h. als eines Teils der „objektiv- realen Außenwelt", 
die, wie es in der Nähe dieser Stelle heißt, objektive Signale erzeuge 
— obgleich die Verarbeitung dieser Signale subjektiv sei MT . 

„Form-Erkenntnis" und „Inhalts-Erkenntnts" dürfen sowohl 
nach der vorangegangenen Textinterpretaüon als auch nach gewöhn- 
lichem Vernunftgebrauch als zwei strikt voneinander zu trennende 
Erkenntnisarten betrachtet werden. Insbesondere scheint kein Zu- 
gang von der subjektiven „Form -Erkenntnis" zur objektiven und 
absoluten „Inhalts-Erkenntnis" zu führen. Dennoch muß es nach der 
von Klaus vertretenen marxistischen Erkenntnistheorie zumindest 
für hinreichend qualifizierte Erkenntnissubjekte einen solchen Zu- 
gangsweg geben — - wie wäre sonst jene „Inhal ts-Erkennmis" als 
Erkenntnis möglich? Wenn der Terminus „Inhaltserkenntnis" nicht 
ein bloßer Wortferisch sein oder eine bloß hypothetische Annahme 
bezeichnen soll, so muß es eine Wechselbeziehung zwischen beiden 
Erkenntnisarten geben, die ihrerseits zu erkennen nicht einfach Funk- 
tion wider der „Form-Erkenntnis" sein kann; denn dann ginge die 
Sache, stufenweise, ins Unendliche — im Sinne „schlechter Unend- 
lichkeit'' (Hegel) — fort und ein sicheres Wissen von „objektiven 



285 G. Klaus, 1966a, p. 214. 

2S6 G. Klaus, 1966a, p. 218. 

287 G. Klaus, 1966a, p. 204f. Hierzu ein Satz aus G.Klaus, 1966b, 
p. 581 (Rezension der 1. Auflage, 1965, meines Buches „Denken und Er- 
kennen im kybernetischen Modell"); „InterSubjektivität wird zwar durch 
methodische Normierung, wie es der Verfasser nennt, mit konstituiert, aber 
diese methodische Normierung ist selbst Produkt der Evolution sich opti- 
mierender kybernetischer Systeme, und zwar einer Evolution, die zu be- 
haupten nur sinnvoll ist, wenn man eine objektiv-reale Außenwelt an- 
nimmt, in der sie stattfindet und mit deren Hilfe sie stattfindet." 



Dialekt! s ch-materia Lisa scher Standpunkt 297 

Inhalten" könnte nie erreicht werden; die Annahme von „Inhalts* 
Erkenntnis" wäre rein dogmatisch. 

Es ist klar, daß hier der universale „Entwicklungsoperator" der 
„dialektischen Methode" ins Spiel kommen muß, wenngleich Klaus 
sich im Zusammenhang der betrachteten Textstelle befleißigt, den 
Dialektikbegriff zu vermeiden. Klaus zieht kybernetische Betrach- 
tungsweisen heran, die offenbar das dialektische Argumentieren nicht 
ersetzen, sondern lediglich durch (gegenüber „klassischen" Beschrei- 
bungsmodellen) verbesserte erkenn tnispsychologische Analyse der 
Subjekt- Objekt-Relation unterstützen sollen 288 . Begriffsbedeutung, 
Zuständigkeit und Zuverlässigkeit der materialistischen Dialektik 
werden als evident vorausgesetzt. „Selbstverständlich findet dabei 
(bei wissenschaftlich geleisteten Modelliterationen M 1} M,, . . . , 
H. St.) ein fortschreitend tieferes Eindringen in das Wesen der 
Sache statt" SBB , heißt es bei Klaus einfach. Er erläutert und begrün- 
det nicht näher, worauf bei wissenschaftlichen ModelÜerungsprozes- 
sen der Glaube an ständig wachsende strukturelle und materiale 
Angleichung an (zwar nicht völlig, aber in irgendeiner Weise doch 
überwiegend) subjektunabhängige Originale beruhen könne. Sicher- 
lich drückt sich hierin nicht WisseTtschaftsglmbigktit, sondern eben 
die Überzeugung aus, daß wissenschaftliches Vorgehen in den wei- 
teren Rahmen dialektischen Denkens einzubetten, zumindest durch 
dialektisches Argumentieren zu ergänzen sei, damit „Wesens-" und 
„Inhalts-Erkenntnis" möglich wird. 

Nun wird sich ein Nicht-Dialektiker der näheren definitorischen 
Bestimmungen, womöglich einer systematischen Explikation von 
„Dialektik" und „dialektischer Methode" vergewissern wollen. Be- 
kanndich charakterisiert sie schon Hegel, ihr Hauptapplikator vor 
Marx, in dunklen und anspruchsvollen Wendungen 290 , und bei 



288 Für diese Deutung scheinen insbesondere die einleitenden Aus- 
führungen der fraglichen Tevtsteüe bei G. Klaus, 1966a, p. 213, zu 
sprechen; „Die Subjekt-Objekt-Relation ist eine grundlegende Relation 
der Erkenntnis und ein Hauptthema einer jeden Erkenntnistheorie. Daran 
wird durch die Kybernetik im Prinzip nichts geändert. Sie ergänzt aber 
dre traditionellen Aspekte du ich wesendich neue Momente und trägt so 
dazu bei, bereits bekannte Einsichten neu zu durchdenken." 

289 G. Klaus, 1966a, p. 214. 

290 Als die „Natur des Denkens selbst", „Selbstbewegung des leben- 
digen Geistes"", „Prinzip aller natürlichen und geistigen Lebendigkeit über- 
haupt" u. dgl. Vgl. G. W. F. Hegel, 1930, S 11, P- 43, sowie R. Kroner, 
1924, p. 282. 



298 Zur Problematik des Originals 

den nachhegelschen Dialektikern werden die diesbezüglichen verba- 
len Charakterisierungen nicht viel klarer. Es scheint, als sei „Dia- 
lektik" nur „implizit", und zwar nicht aus übersehbaren und prä- 
zisen Bedingungsgefügen, sondern aus Gesamtkontexten dialektisch- 
philosophischer Äußerungen definierbar. Explizite Erklärungen 2fll 
sind faktisch selten und von einer Unscharfe, die insofern prinzipiell 
zu sein scheint, als nicht einmal grundlegende Fortserzungsrichtun- 
gen der explikativen Begriffsldärung erkennbar werden, KLAUS selbst 
spricht im Zusammenhang von Kybernetik und der durch sie berei- 
cherten Erkenntnistheorie vom „Aufheben" 2BS im Sinne der bekann- 
ten HEGELschen Bedeutungstrinitas 293 ; aber man erfährt nicht, wie 
dies des näheren zu geschehen hat, wie vor allem die Einsicht in 
das „dialektische Wesen" des Erkenntnisprozesses für den allge- 
meinen oder besonderen Wissensgewinn operational fruchtbar ge- 
macht werden kann m . 



291 Da mir die Schriften von G. Klaus unbeschadet ihres sonst be- 
trächtlichen Informationsgehaltes bezüglich solcher Erklärungen nicht be- 
sonders ergiebig zu sein scheinen, darf vielleicht aus einer neueren sowjet- 
wissenschafdichen Arbeil ein Beispiel der erwähnten Art von Dialektik- 
Charakterisierung gegeben werden: „Hier ist . . , eine komplizierte Kette 
vermittelnder Glieder zu durchlaufen, die das oberste methodologische 
Prinzip (gemeint ist das Gesetz der Einheit und des Kampfes der Gegen- 
sätze, H. St.} mit der Empirie verbinden, und ist das besondere Ganze 
zu untersuchen, innerhalb dessen die Fakten existieren und in dessen Rah- 
men sie nur erklärbar sind." Unmittelbar anschließend: „Die dialektischen 
Gesetze im allgemeinen und das Gesetz von der Einheit und dem Kampf 
der Gegensätze im besonderen sind, wie Lenin unterstrich, durch die ge- 
samte Geschichte der Erkenntnis vermittelt: Jedes dieser Gesetze ist ein 
^Gesetz der Erkenntnis (und Gesetz der objektiven Welt)'." (W. A. Lek- 
torski, G. S. Batischtschew und W. I, Kurapjw, 1971, p. 1288). 

292 G. Klaus, 1966a, p. 4. 

293 „Beseitigen des Gegensatzes in der Rückkehr ins Selbst" — 
„erinnerndes Aufbewahren des negativen Bestimmungsmoments" — „Hin- 
aufheben auf eine jeweilig höhere Ebene" (A. Diemer, 1958, p. 236). 

294 In der Gegenüberstellung von „ Dialektik" und „ Line ari tat" — 
eine gegenwärtig beliebt gewordene Dichotomisierung — hat R. Thiel, 
1967, in seinem interessanten Werk „Quantität oder Begriff?, p. 337 — 346, 
modellhafte Veranschaulichungen „dialektischer Eigenschaften realer Pro- 
zesse" vorgelegt. Mathematische Analoga werden hier in allerdings über- 
wiegend verbaler Beschreibungsform zur Verdeudichung dialektischer Be- 
griffe, wie sie z. B, bei Engels und Lenin auftreten, verwendet. Sie laufen 
jedoch, wie mir scheint, für sich betrachtet sämtlich auf Selbstverständlich- 
keiten (im Sinne Aristotelisch-logischen Denkens) hinaus (als Probe p. 338: 



Dialektisch-materialistischer Standpunkt 299 

Nun wird man Klaus so interpretieren dürfen, daß keines- 
wegs nur eine bestimmte, von O x ausgehende Modell-Iteration die 
Approximation an das „objektive" Original O t leistet. Klaus scheint 
zu meinen, daß jede von ± ausgehende Modellfolge, sofern nur 
„echt" wissenschaftlich modelliert wurde, auf das „Wesen der Sa- 
che" fuhren müsse, und zwar dies bei aller geschichtlichen Bedingt- 
heit der modellbildenden Methoden. Hieraus folgt, daß alle solchen 
Oj- Iterationsfolgen untereinander konvergent sein und ein gemein- 
sames Grenzmodell haben müßten, das das Original — dasjenige, 
was O x „tatsächlich ist" — vollständig und unverfälscht wiedergibt. 
Auf die Frage, ob jenes Grenzmodell wenigstens für gewisse Oj von 
einer Modell-Iteration faktisch erreicht werdeo kann, geht Klaus 
dabei im näheren Umkreis der zitierten Stellen nicht ein. Es ist an- 
zunehmen, daß er diese Frage zumindest für ausgedehntere Original- 
bereiche mit Berufung auf Lenin verneint 2äs . 

Bei dem Versuch, den dargelegten KLAUSschen Standpunkt zur 
Originalproblematik kritisch zu würdigen, darf in erster Linie auf 
den zugrunde gelegten erkenntnistheoretischen Realismus hingewie- 
sen werden, der vom Standpunkt neopragmatisch-modellistischer 
Erkenntniskritik als dogmatische Lehre erscheinen muß. Diesen Rea- 
lismus findet man allerdings in den materialistisch-sozialistischen 
Lehren „dialektisch" abgeschwächt 296 ; aber es bleibt doch dabei, daß 



„Die Änderung, die durch das stückweise Vertauschen der Kurve mit der 
Tangente entsteht, darf die Kurve des zugrunde liegenden Prozesses nicht 
wesendich entstellen"), die unmöglich geeignet sein können, tiefliegende 
trans-aristotelische Operationen (also solche im HEGELSchen Sinne) adäquat 
zu modellieren, und als Metaphern geben solche .,Erk]iirimge!j i; dem auf 
genaue Explikation bedachten Leser nur neue Rätsel auf. Auch dieser 
Weg mathematischen Analogisierens schafft demnach — zumindest in der 
Darstellung bei Thiel — keinen wirklich begriffsklärenden Inforraations- 
gewinn. 

295 W. I. Lenin, 1947, p. 157 (1949, p. 101) im Hinblick auf die 
Wechselbeziehung zwischen Absolutheit der Erkenntnis und erschöpfender 
Ganzheit der Realität; „Der Mensch kann die Natur nicht als ganze, nicht 
vollständig, kann nicht ihre ,unmittelbare Totalität' erfassen — widerspie- 
geln — abbilden, er kann dem nur ewig näher kommen, indem er Ab- 
straktionen, Begriffe, Gesetze, ein wissenschaftliches Weltbild usw. usf. 
schafft." Hiernach erscheint das Streben nach dem Absoluten als unend- 
liche Aufgabe, an der indes immer nur endlich viele Erkenntnissubjekte 
arbeiten können, 

296 „Das Bewußtsein des Menschen widerspiegelt nicht nur die ob- 
jektive Welt, sondern schafft sie auch." (W. I, Lenin, Philos. Hefte, in: 



300 Zur Problematik des Originals 

eine — Subjekt und Objekt um schließen de — Wirklichkeit, ein 
„Wesen" der Dinge hinter ihren Erscheinungen, dem sich Subjekte 
(trotz ihrer systemimmanenten Position) in ihren wirklichkeitserfas- 
senden Modellen sollen annähern können, als gesichert angenommen 
wird 197 . Vom neopragmatisch-morJellisti sehen Standpunkt aus ver- 
mag kein überhaupt denkbarer Modellbildungsprozeß, insbesondere 
kein „dialektischer", ein Grenzmodell mit den vorgenannten absolu- 
tistischen Beschaffenheiten zu erreichen. Die Setzung absoluter und 
subjektfrei objektiver Gegebenheiten kann nur spekulativ sein — 
oder sie beruht auf bloßer, unmittelbarer Glaubensüberzeugung. Was 
uns für immer verschlossen bleibt, darüber können wir schlechter- 
dings nichts wissen. Daß jener Realismus materialistischer Herkunft 
ist, mag ihn gegenüber spiritualen Materialismusvarianten annehm- 
barer machen, ändert jedoch nicht seinen dogmatischen Charakter, 
Mit dem Realismus -Dogma erweist sich auch die Behauptung, 
es gäbe objektive und absolute Erkenntnis — „Inhalts- Erkenntnis" 
— eines Objekts O, als dogmatisch. Es ist kein in geschichtlicher, 
endlicher Zeit vollziehbarer Erkenntnisprozeß und damit auch kein 
dialektischer denkbar, der jemals subjektfrei objektive und absolute 
Erkenntnis im Sinne jener Grenzmodelle erreichen könnte. Auch 
nicht durch Konvergenz zweier oder mehrerer O r Iterationsfolgen. 
Solche Konvergenz könnte bestenfalls auf Invarianten im Erkenntnis- 
prozeß schließen lassen, Aus der Subjektbezogenheit der Modell bil- 
dungen kommt man auch hier nicht heraus, [Indes ist natürlich 
wiederum die Neigung realistischer Philosophen verstehbar, für For- 
schungs-Konvergenzen und Invarianzen ein „dahinter" befindliches 



Werke, Bd. 38, Berlin 1964, k. 203.) Mit dieser Formulierung könnte ein 
Modelüst einverstanden sein, wenn der Terminus „objektive Welt" in ver- 
gleichsweise einfacher, un dogmatischer Weise auf die naiv vorgefundene, 
vorwissenschaftliche Wirklichkeit bezogen wäre, nicht aber auf etwas im 
philosophisch-metaphysischen Sinne ^außerhalb des Subjekts" Existie- 
rendes. 

297 R. Thiel, 1967, dessen Werk ich den Hinweis auf das in 
Anm. 296 wiedergegebene Lenin- Zitat verdanke, verweist p. 541 (siehe 
unten die Anm.-Nr. 29) auf Belegstellen bei Hegel und Lenin zu dem 
folgenden Satz (p. 75): „Die bürgerlichen Theoretiker scheuen sich, zur 
Kenntnis zu nehmen, daß es Abstraktionsprodukte (= Modellkonstruk- 
tionen, H, St.) gibt, die die Welt tiefer in ihrem Wesen und daher ge- 
treuer widerspiegeln-". Sie ignorieren, daß die Dinge ein Wesen haben, 
das hinter den Erscheinungen liegt, nicht als ein Occultum, aber als ein 
Rätsel, das gelöst werden kann." 



Dialektisch-materialistischer Standpunkt 30t 

Reales verantwortlich zu machen, und wo dieses bequeme, über 
lange Zeiten wissenschaftlich-philosophischer Erkenntnis bemüh im- 
gen hinweg verwendete Denkmodell lediglich als Hypothese, Orien- 
tierungshiffe U. dgl. aufgefaßt wird, bestehen vom Standpunkt kri- 
tisch-rationalen Philosophierens keine Einwände. Dem neopragma- 
tischen Modellisten, für den der auf sich gestellte handelnde Mensch 
Ausgangspunkt aller seiner Überlegungen ist, fällt es ja auch nicht 
im entferntesten ein, seine Grundorientierung zu dogmatischer Meta- 
physik zu verfestigen, etwa seinen „pragmatischen Entschluß" 
(1.3.2, S, 51) mit der Aureole der Seinsverankerung zu versehen.] 
Dem „linear" Denkenden, der auf dem Boden der Aristotelischen 
Logik steht, bereitet vor allem das Verständnis der „dialektischen 
Methode" die bekannten Schwierigkeiten. Wie es Dialektik ermög- 
lichen, ja garantieren soll, daß Mi (Oj) mit wachsendem i dem 
„Wesen", der „Inhalts-Erkenntnis" von Oj näherkommt, kann ein 
Nicht- Dialektiker nicht pünktlich erfassen. Er mag noch so tief in 
die geschichtliche Entstehung und Entwicklung der HEGELschen 
Philosophie, des Marxismus-Leninismus und des Dialektischen Ma- 
terialismus einzudringen versuchen: aus dem genetischen Zugang, 
dem Verständnis des Woher und Warum dialektischen Denkens, läßt 
sich jene Methodenfrage, die sich systematisch stellt, nicht beantwor- 
ten. Wie ist die Verschlungenheit des Relativen mit dem Absoluten, 
das wechselseitige Enthaltensein des einen im anderen, detailliert zu 
denken 209 ? "Wie die schwierige Problematik des „dialektischen 
Widerspruchs" verbindlich aufzulösen" iM ? Was ist des näheren 
„Einheit und Kampf der Gegensätze"? Wie sind Entwicklungs- 
sprünge von Quantitativem zu Qualitativem exakt zu verstehen 30 *? 



298 Vgl. auch die Ausführungen zur Dialektik in 1.3,3.9, S. 6Sl. 

299 Vgl. hierzu auch C. A. Volkov, et al„ 1959. Diese Aufsarzsamm- 
lung läßt starke Meinungsdivergenzen zwischen neueren sowjetischen 
Philosophen in der Darstellung sogenannter realer Widersprüche erkennen. 
Daß darunter durchaus auch der Aristotelisch-logische Standpunkt verrre- 
ren ist, zeigt A. A. Zinov'ev p. 65 ff. der oben zitierten Schrift. 

300 Mittels systemtheoretischer Methoden lassen sich allerdings außer- 
ordentlich vereinfachende mathematische Modelle derartiger Entwicklungs- 
spriinge konstruieren. Vgl. O. LANGt, 1969, insbesondere p. 76 ff. Vielleicht 
ist hiermit ein grundsätzlich geeigneter Weg zum Verständnis bestimmter 
wichtiger Züge sogenannten dialektischen Verhaltens und Vorgehens be- 
gonnen. In diesen Zusammenhang gehört erneut ein Hinweis auf G. Gün- 
ther, 1969, der versucht, bezüglich »nforrnationsverarbeitender Prozesse 
das Umschlagen von Quantität in Qualität aus det menschlichen Fähigkeit 



302 Zur Problematik des Originals 

Wie soll Auf summierung vieler relativer Wahrheiten eine absolute 
Wahrheit ergeben? — Mit solchen Fragen ist der dialektisch Nicht- 
„Geschulte" in dem grandiosen Manipulationsbe reich verbaler Dia- 
lektik so hoffnungslos überfordert, daß er trotz höchsten Verständ- 
nisbemühens die Meinung gewinnen muß, es handle sich bei den 
angedeuteten Bestimmungen um „Leerformen" 301 , die interessante 
Assoziationen wecken mögen, jedoch erkenn mismäßig unfruchtbar 
sind. Dabei ist es nicht primär die Verwendung des „dialektischen" 
Denk„instrumentariums" zur Verwirklichung von Intentionen, auch 
nicht von politischen, die solches Manipulieren intellektuell unerträg- 
lich macht; vielmehr verzweifelt man einfach, um es nochmals zu 
sagen, an der Undurch sichtigkeit und mangelnden rationalen Kon- 
trollierbarkeit der „dialektisch "-philosophischen Argumente, an der 
Unmöglichkeit, sie in wissenschaftlich pünktlicher und geordneter 
Weise nachzu voll ziehen. 

Dennoch sind nach neueren Arbeiten 302 erkenntnistheoretische 
und wissenschaftslogische Innovationsmöglichkeiten aus der Hegel- 
MARXschen Dialektik unverkennbar. Nur muß die von Hegel in- 
augurierte „Mathematik der reflexionsstrukturierten Komplexitäts- 
erfassung" aus vorexplikativer Unverbindlichkeit, aus der Phase 
erster verbal -heuristischer Vorbereitung, in explikativ-wissenschaft- 
liche Gestalt übergeführt werden. Diesbezügliche Bemühungen sind 
in der zeitgenössischen Kybernetik im Gange, und sicher wird die 
Zukunft noch manches Licht in die spezifische Dynamik „dialekti- 
schen" Denkens bringen. Auch hier ist allerdings einzuräumen, daß 
man im besten Falle zu subjektiv relativierenden Modellen, zu ziel- 



zur „Worin ationsraffung" deutlich zu machen. Dagegen würde ich zu 
den Versuchen R.Thiels, 1967, p. 224 ff. sowie p. 340 ff., das dialektische 
„Umschlagen von Quantität in Qualität" auf Grund von Formulierungen 
dialektischer Philosophen mathematisch zu verdeutlichen, ähnliches wie in 
Anm. 297 zu bemerken haben, wenngleich ich zahlreichen anderweitigen 
Formulierungen Thiels zum selben Gegenstand interessante Gesichtspunkte 
habe entnehmen können. 

301 Im Sinne von E. Tontsch, 1960. 

302 Solche Arbeiten knüpfen hauptsächlich an Überlegungen G. Gün- 
thers an. An dieser Stelle sind besonders die Bemühungen der Herren 
R. Kaehr, Dipl, -Math. Dr. H. Maier und Dipl. -Math. G.Thomas, sämtlich 
Berlin, um die Aufbereitung einer neuen „mehrwemg-morphogramm ari- 
schen Logik der Sozial Wissenschaften" hervorzuheben. Die begonnene 
Computerisierung von Teilmodellen dieser Logik läßt auf einen raschen 
Fortgang der Arbeiten hoffen. 



Dialektisch-materialistischer Standpunkt 303 

und damit motivabhängigen, original verkürzenden Nachbildungen 
„dialektischer" Modeltierungsprozesse gelangt, ohne daß es wohl 
je gelingen könnte, außerpragmatische Rechtfertigungsgründe für 
bestimmte dieser Modellkonstruktionen beizubringen — es sei denn 
vermittels einer „Dialektik höherer Ordnung", die, soll auch sie nicht 
in vager Verbalität verbleiben, erneut strenge Explikation verlangt 
usf.: Das Erweisenwollen absoluter Modellpräferenzen fiele dem 
unendlichen Regreß, der Grunderfahrung aller Clare-et-disrincte- 
Rationalitat, zum Opfer. Haltmachende Setzungen aus pragmati- 
schen Gründen wären in jedem nur denkbaren Fall unvermeidlich. 
Auch Dialektik vermag nicht die modellistische Erkenntnissphäre 
zu cranszendieren außer unter Preisgabe des Cartesischen Rationali- 
tätsprinzips, d. h, außer unter Preisgabe der analytischen Schärfe, 
begrifflichen Pünktlichkeit und logischen Strenge des Denkens, Mit 
dieser Preisgabe wäre übrigens, einerseits, ein hoher, weil in höch- 
stem Grade unmittelbar mdwidueü-motiverfüllender Grundwert in 
Frage gestellt. Andererseits wäre die durch öffentliche Kontrollier- 
barkeit bedingte allgemeine Effizienz des Denkens, wie sie sich im 
wissenschaftlich-technischen Fortschritt als bio-antkropologischer 
Grundwert äußert, aufgehoben. Wie immer hiernach „Dialektik" zu 
beurteilen ist; sie bietet keinen Rechtfertigungsgrund für die An- 
nahme „M&grpragmarischer" Möglichkeiten der Originalerschließung. 



3. Explikationen und Formalisierungsansätze 

Im vorliegenden Kapitel sollen die im ersten Hauptabschnitt des zwei- 
ten Kapitels vorbereiteten wichtigsten Begriffe der Allgemeinen Mo- 
delltheorie expliziert und Ansätze zur logischen Formalisierung der 
Allgemeinen Modelltheorie einschließlich quantitativer Bestimmun- 
gen unterbreitet werden. 



3,1 Vorbemerkungen 

3,1,1 Explikationskriterien 

Nach R. Carnap hat eine Begriffsexplikation bekanntlich vier im 
folgenden kurz rekapitulierte Forderungen zu erfüllen: 

(1) Ähnlichkeit. Wenn auch das Explikat eine vom Explikandum 
abweichende, insbesondere schärfere Fassung aufweisen soll, so muß 
es doch in gewissen Hauptmerkmalen Ähnlichkeit zum Explikandum 

besitzen. 

(2) Exaktheit. Das Explikat soll exakter als das Explikandum 
sein; diese Forderung schließt insbesondere die Verwendung expli- 
zierender Begriffe ein, von denen keiner unscharfer sein darf als das 
Explikandum, von denen jedoch mindestens einer schärfer sein muß 
als das Explikandum, 

(3) Einfachheit. Das Explikat soll in folgendem doppelten Sinne 
einfacher sein als das Explikandum. Es soll sich bei mindestens glei- 
cher Exaktheit einfacher definieren lassen als das Explikandum, und 
es soll zur Vereinfachung solcher Aussagen führen, in denen es das 
Explikandum vertritt. 

(4) Fruchtbarkeit. Ein explizierter Begriff erweist seine Frucht- 
barkeit aus seiner szientifischen und insbesondere prognostischen 
Bewährung im Systemzusammenhang mit anderen, zur Beschreibung 
wissenschaftlicher Sachverhalte verwendeten Begriffen. 



Prädikatklassen 305 

Mit diesen Forderungen ist in erster Näherung festgelegt, welchen 
Bedingungen insbesondere die Explikation des Modell-Begriffs ge- 
nügen soll. Ober die Explikanda informiert sich der Leser aus dem 
Abschnitt 2.1. 



3.1.2 Formale Voraussetzungen 

In diesem Buch werden die zur Explikation von Hauptbegriffen der 
Allgemeinen Modelltheorie verwendeten logischen und mathemati- 
schen Mittel zum weit überwiegenden Teil nicht entwickelt, sondern 
vorausgesetzt. Der mit den hierzu gehörigen formalen Grundlagen 
weniger vertraute Leser sei auf die ausgedehnte einschlägige Einfüh- 
rungsliteratur verwiesen. Benötigt werden Grundkenntnisse aus der 
Aussagen-, Prädikaten- und Klassenlogik einschließlich der Unter- 
scheidung von Objekt- und {syntaktischer, semantischer, pragmati- 
scher) Metasprache. Die folgenden FormaKsierungsansätze legen hier- 
zu den auf R. M. Martin 1 zurückgehenden Erstentwurf einer Prag- 
matischen Logik zugrunde. Mathematischerseits werden im wesent- 
lichen einige abbildungstheoretische Kenntnisse verlangt. 



3.2 Prädikatklassen, Systemaggregate und Systeme 

Hierzu sei einleitend betont, daß die folgenden Explikationen nur den 
Weg zu weitergehenden Formalisierungen aufzeigen, die prinzipiell 
auch die umgangssprachlichen Beschreibungen einschließen. Es wäre 
dem Verständnis des Folgenden kaum dienlich, zu früh mit einem 
stark aufgeblähten formalen Apparat einzusetzen. 



3.2.1 Prädikatklassen 

Im Abschnitt 2.1.2 waren den Attributen nullter, erster, zweiter usw. 
Stufe entsprechende Prädikate nullter, erster, zweiter usw. Stufe als 
Attributensymbole zugeordnet worden. Diese Prädikate lassen sich 
formal in einer Prädikaten- oder einer Klassenlogik charakterisieren. 
Die prädikatenlogische Charakterisierung empfiehlt sich, wenn die 
Attribute als iwtensional, die klassenlogiscbe, wenn sie als extensional 



1 R. M. Martin, 1959, ergänzt durch R. M. Martin, 1964. 



306 Prädikatklassen, Systemaggregate und Systeme 

gegeben betrachtet werden. Die nachstehend getroffene formale 
Charakterisierung erfolgt im wesentlichen klassen logisch; sie benutzt 
die prädikatenlogische Ausdrucks weise nur, wenn darstellungsöko- 
nomische Gründe dies rechtfertigen. 

Für das Folgende sei eine typentheoretisch orientierte Objekt- 
sprache $ sowie zur Beschreibung der Syntax derselben eine syntak- 
tische Metasprache 2R von % vorausgesetzt. Ein Prädikat ist in exten- 
sionaler Betrachtung eine Klasse. Die Elemente einer solchen prädi- 
kativen Klasse heißen Argumente des Prädikats. Sind die Argumente 
eines Prädikats Individuen, so werde die prädikative Klasse ein ein- 
stelliges Prädikat, sind sie geordnete Paare, ein zweistelliges Prädikat 
usw., genannt. Individuen mögen als Prädikate nullt er Stufe gelten. 
Jedes Prädikat, dessen Argumente Prädikate *-ter Stufe sind, ist dann 
ein Prädikat (i + l)-ter Stufe für i=0, 1, 2,. . . Da sich bei konsequent 
extensionaler Formali sierung des Prädikatbegriffs für vierteilige Re- 
lationen alsbald schwerfällige Formulierungen ergeben, mag jetzt 
vorübergehend zur intensional-prädikatenlogischen Ausdrucks weise 
übergegangen werden: 

Seien hiernach x und y beliebige (intensional gedeutete) Prädikate 
von der Gestalt prädikativer Aussageformen x {•), y {•,•) usw. mit 
einem, zwei usw. zugehörigen Argumenten. Dann bezeichne, nun 
wieder klassenlogisch, x Ey die Zugehörigkeit des Prädikats (der 
prädikativen Klasse) x zum Prädikat (zur prädikativen Klasse) y, wo- 
bei x von niedrigerer Stufe als y ist. Entsprechend bezeichne x = y die 
Gleichheit der Prädikate x und y; in diesem Falle gehören x und y 
der gleichen Stufe an. 

In £ werde ein i-stelliges Prädikat a der x-ten Stufe mit aa l be- 
zeichnet. Sämtliche Attribute attribuierter Objekte sollen mittels sol- 
cher Prädikate formal charakterisiert werden. Nach Bedarf sind In- 
dizes zu verwenden. 

Es sei angenommen, daß es zu jeder Attributklasse eines Ättribo- 
tenrepertoires (O) eine sie beschreibende Prädikatklasse aus dem zu- 
gehörigen Prädikatenrepertoire (P) gibt 2 . Um alle Prädikate eines 
Repertoires, die nicht logische Variable sind, zu erfassen, zählt man 
sie nach Stufen- und Stellenzahl auf. Die Individuen als Ptädikare 
nullter Stufe werden zur Individuen gesamtklasse zusammengefaßt; 
danach werden die Prädikate erster Stufe nach wachsender Stellen- 



2 Zur näheren Charakterisierung der Repertoires bzw. Klassen von 
Attributen bzw. Prädikaten vgl. 2.1,2.3, S. 136 f. 



Prädikatklassen 307 

zahl aufgezählt; entsprechend wird mit den Prädikaten zweiter, dritter 

usw. Stufe verfahren. 

Ein beliebiges perzeptiv-kogitatives Objekt kann beschrieben wer- 
den durch die Vereinigungsklasse derjenigen Prädikate aus dem Ge- 
samtpradikatenrepertoire des attribuier enden Subjekts, welche die 
^-sprachlichen Repräsentationen der objekterstellenden Attribute 
sind. Prädikate, die mit objekterstellenden Attributen korrespondie- 
ren, sollen allgemein objektbesebreibende Prädikate genannt werden. 
Mit 0'«:=a werde die Klasse der objektbeschreibenden Individuen 
(Prädikate nullter Stufe), mit 1 a 1 die Klasse der objektbeschreibenden 
einstelligen Prädikate erster Stufe (Eigenschaften), mit 1 a s die Klasse 
der objektbeschreibenden zweistelligen Prädikate erster Stufe (Rela- 
tionen), usw. bezeichnet, desgleichen mit 2 a 1 die Klasse der objekt- 
beschreibenden einstelligen Prädikate zweiter Stufe (Eigenschaften 
von Eigenschaften, Eigenschaften von Relationen), mit 2 « 2 die Klasse 
der objektbeschreibenden zweistelligen Prädikate zweiter Stufe (Re- 
lationen zwischen Eigenschaften, Relationen zwischen Relationen) 
usw. Dann ist das betrachtete Objekt O durch eine Prädikatklasse 
(als Vereinigungsklasse 3 ) der allgemeinen Form 



«1 «1 



«i 



p(t,n) = a o (j l a «nj u 2« , 'u...u \j kofk. 

beschrieben, wo n=Max (»i, «a,. . ., wt). 

Die Elemente einer jeden in dem Ausdruck für P ( *- n) vorkommen- 
den Klasse sind zwar typographisch voneinander verschieden. Indes 
können zwei sich typographisch — etwa durch verschiedene Indizes 
— unterscheidende Elemente Attribute repräsentieren, die sensorisch 



3 Der nachstehende Ausdruck stellt die mengen- bzw. klassentheoreri- 
sche Vereinigung „u" von Vereinigungsklassen dar. Die letzteren denke man 
sich ausgeschrieben, z. B. 

«i 

U la^ 1 :=la 1 ula B u...uio ni . 

Da es hier zunächst nicht auf die Reihenfolge der xa* ankommt, ist die als 
Beispiel herausgegriffene Veremigungsklasse auch wie folgt charakterisierbar: 

ii 
x e u laf 1 -. *> 3 «i (ii e {1, 2,. . . , »i> A * e 1« ( '). 

ii-I 

20 Suctiowiak, Modelltheoiie 



308 Prädikatklassen, Systemaggregate und Systeme 

äquivalent sind, also identische Wahrnehmungsgebilde liefern. Dies 
soll besagen, daß z. B. die zu einem technischen Objekt gehörigen, 
nach Material und Form ohne besondere Hilfsmittel nicht unter- 
scheidbaren Einzelteile, wenn sie als Elemente des Objekts gelten, 
sämtlich in der Individuenklasse <x aufgezählt werden. Deren Mächtig- 
keit \«\ kann daher das zugehörige Repertoire der sensorisch äquiva- 
lenten Elemente überschreiten. 

Prädikatklassen, in denen außer Prädikaten nullter Stufe nur 
Prädikate erster Stufe vorkommen, sollen Prädikatklassen erster Stufe 
heißen. Entsprechend werde unter einer Prädikatklasse zweiter Stufe 
eine Prädikatklasse verstanden, in der außer Prädikaten nullter und 
erster Stufe nur Prädikate zweiter Stufe vorkommen, usw. Prädikat- 
klassen zweiter und höherer Stufe mögen auch stufenheterogen ge- 
nannt werden. 

Da jedes Prädikat x eine prädikative Aussageform besitzt, gilt: 
Gehört x = xa f zu Z, so gehören auch mindestens die i Argumente 
von x zu %. 



3.2.2 Systemaggregate und Systeme 

Eine Attributklasse O bzw. die sie £-spr achlich repräsentierende 
Prädikatklasse P ist erst dann ein (attributives bzw. prädikatives) 
System, wenn sich jedes Element der Klasse mit jedem anderen Ele- 
ment derselben Klasse in (wenigstens) einer Zusammenhangsrelation 
dergestalt befindet, daß die Klasse bezüglich dieser Relation ein „ein- 
heitlich geordnetes Ganzes"' bildet*. 

Um dies formal zu explizieren, wird im folgenden die von D. 
Wunderlich in Vorschlag gebrachte Y-Relation ab metasprachliches 
Pradikar eingeführt: 

Definition 1 . Seien x und y Prädikate, und sei x ein Argument von 
y. Dann heißt x ein direktes Argument von y, wenn die Stufenzahl 
von y um genau 1 höher ist als diejenige von x. In diesem Falle werde 
y auch als direktes Prädikat von x bezeichnet. Das betrachtete Stufen- 
system umfaßt auch die nullte Smfe. 

So ist beispielsweise in z = z{y [x (a)]}, wo a ein Individuum (Attribut 
nullter Stufe) bezeichnet, a ein direktes Argument von *, x ein direktes Argu- 



4 Hierzu Abschnitt 2.1.2.4, S. 137 f. 



Systemaggtegate und Systeme 309 

ment von y und y ein direktes Argument von z. Die Relation ist natürlich 
nicht transitiv. 

Definition 2. Zwischen zwei Prädikaten x und y besteht eine Y- 
Relarion, wenn x entweder ein direktes Argument oder ein direktes 
Prädikat von y ist. Die Tatsache, daß x ein direktes Argument von y 
ist, werde (ohne Einführung besonderer metasprachlicher Symbole 
für die objektsprachlichen Zeichen} durch Y {x, y) und die Tatsache 
daß x ein direktes Prädikat von y ist, durch Y (y, x) symbolisiert. 

In dem obigen Beispiel ist hiernach Y (a, x), Y (x, y) und Y (y, z). 

Für die in den folgenden Definitionen auftretenden Prädikatklas- 
sen sei vorausgesetzt, daß sie aus mindestens zwei Elementen be- 
stehen. 

Definition 3, Eine Prädikatklasse P heißt Y-relationiert, wenn es 
zu jedem Prädikat x von P ein Prädikat y von P derart gibt, daß sich 
x und y in einer Y-Relation befinden. Y-relationierte Prädikatklassen 

sollen auch Systemaggregate heißen. 

Die genau aus den Prädikaten a, x, y, z bestehende Prädikatklasse P ist 
offenbar Y-relationiert, stellt also ein Systemaggregat dar. 

Definition 4. Lassen sich die sämtlichen Elemente xo, xi,,..,x ffl 
einer (Unterklasse einer) Prädikatklasse so anordnen, daß sie paar- 
weise in einer Y-Relation stehen, ist also ohne Beschränkung der 
Allgemeinheit Y (xo, xi), Y(xi,xt} t . . ., Y (x m -i, *m), so soll von dem 
letzten Element x m der Folge gesagt werden, daß es von Xo aus (in 
m Schritten) Y-err eichbar ist. Die Elemente xt, . • ., Xm-i mögen in 
diesem Zusammenhang Vermittler genannt werden. 

Besteht P aus genau zwei Elementen, xo und xi, so ist offenbar 
xi von xo aus (in genau einem Schritt) Y-erreichbar, ohne daß es 
Vermittler gibt. 

Für die Prädikatklasse P des vorstehenden Beispiels gilt; Y (a, x), Y {x, y), 
Y (y, z), so daß bezüglich dieser Klasse z aus xo=a in 3 Schritten Y-erreich- 
bar ist; Vermitder sind die Prädikate x und y. 

Definition 5. Eine Prädikatklasse P heißt Y-zusammenbängend, 

wenn jedes Element von P von jedem anderen nicht zur selben Stufe 
gehörigen Element von P aus Y-erreichbar ist und alle Vermittler in 
P liegen. Y-zusammenhängende Prädikatklassen werden prädikative 
Systeme oder kurz Systeme genannt. 

10* 



310 Prädikatklassen, Systemaggregate und Systeme 

Die Prädikatklasse P des vorstehenden Beispiels ist offenbar Y-zusammen- 
hängend, also ein System 5 . 

Definition 6. Ein System Si wird Untersystem eines Systems Sa 
genannt, wenn jedes Element von Si auch Element von 5s ist. 

In üblicher (mengentheoretischer) "Weise wird zwischen eigentli- 
chen und uneigentlichen Untersystemen unterschieden. 

Man sieht unmittelbar: 

Enthält ein System ein Prädikat *-ter Stufe, so enthält es min- 
destens je ein Prädikat der nullten bis (x-l)-ten Stufe. 

Systeme, die Prädikatklassen erster, zweiter usw. Stufe sind, mö- 
gen Systeme erster, zweiter usw. Stufe genannt werden. Vielfach ge- 
nügt es, ein Objekt durch ein prädikatives System erster Stufe 
5<i.*)=a w i « l u. . -ul a* 1 zu beschreiben {die in Klammern ge- 
setzten Indices geben in dieser Reihenfolge die Maximalstufe des 
Systems und die maximale Stellenzahl seiner Attribute an). Zahlreiche 



5 Leser, die sich das strukturell außerordentlich einfache Beispiel in- 
haltlich veranschaulichen wollen, können etwa setzen: 

Prädikat inhaltliche Belegung Typ Attribuierungs ebene 



a 


Bundesrepublik Deutschland Oa 
■ ist ein freiheitiich-demokrati- la 1 
scher Rechtsstaat 


Objekt 
Beschreibung 


y=y(*) 


* erfüllt in vergleichsweise ho- Za 1 
hem Grade die an ein Gemein- 
wesen zu stellenden ethisch-poli- 
tischen Anforderungen 


Bewertung 


£=«<•) 


' ist gegen Subversionsversuche 3 a 1 
zu verteidigen 


Handlung« an- 
weisung 



In der PradikarkJasse {<?, V, y, z] mit den vorgeschlagenen interpretierenden 
Belegungen ist allerdings der Systemcharakter deshalb intuitiv nicht beson- 
ders einsichtig, weil das Beispiel nur Eigenschaften, nicht aber auch Rela- 
tionen enthält, die ja erst die für ein System charakteristische Kontextur 
schaffen. Es würde über den Zweck der Verdeutlichung der Definitionen 
1 — 5 hinausgehen, im vorliegenden Zusammenhang „systemgerechrere" Bet- 
spiele anzufügen. Diese kann sich der interessierte Leser selbst konstruieren. 
Hilfen bieten sich ihm aus zahlreichen Wissenszweigen an. Beispiele können 
etwa den Veröffentlichungen der 1957 von L. von Bertalanffy u. a, gegrün- 
deten Society of General Systems Research im General Systems Yearbook 
entnommen werden. 



Systemaggregate und Systeme 311 

Systeme bleiben dabei auf Individuen, Eigenschaften und zweistellige 
Relationen beschränkt, besitzen also die Gestalt 

SU.2)= au lori u l a a 
bzw. ausführlicher 

mit n+ra + fa Elementen. Um der Endlichkeitsforderung für Prädi- 
katklassen in jedem Fall genügen zu können, faßt man etwa vorlie- 
gende transfinite Individuenmengen nach gegebenen bzw. jeweils 
relevanten Kriterien zu je genau einem neuen Systemindividuum zu- 
sammen. 

Selbstverständlich ist jede Y-relationierte bzw. Y-zusammenhän- 
gende Prädikatw«terklasse ein System aggregat bzw. ein System. 

Über die angedeuteten Tatsachen hinaus gelten folgende leicht zu 
verifizierende Sätze: 

Satz 1. Die Vereinigung zweier Systemaggregate ist wieder ein 
Systemaggregat. 

Satz 2. Die Vereinigung eines Systemaggregats mit einem System 
ist ein Systemaggregat. 

Satz 3. Die Vereinigung zweier Systeme ist ein Systemaggregat. 

Damit also die Vereinigung zweier Systeme wieder ein System { 
ergibt, mu ß "wen igstens ein weiteres Prädikat hinzukommen. Dieses X 
Prädikat muß mindestens zweistellig sein; es muß mindestens ein 
Element des einen Systems mit mindestens einem Element des anderen 
Systems verknüpfen. Verallgemeinert man die Stellenzahl, so folgt 

Satz 4. Ein System enthält wenigstens ein tf-stelliges Prädikat 
(oder x-1 zweistellige Prädikate usw.) mehr als die Vereinigung von 
x beliebigen Untersystemen. 

Satz 4 kann als „Satz der Systemganzheit" bezeichnet werden. Er 
expliziert prädikaten- und stufeabgisch, was mit der Formulierung 
»Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile" gemeint ist. Aus~ 
ihm folgt, daß kein System in zwei Untersysteme derart zerlegbar ist, ' 
daß sämtliche Elemente des Ausgangssystems entweder dem einen J ' 
oder dem anderen Untersystem angehören. Oder: Die zu einem Unter^ 
system Si eines Systems Sa komplementäre Prädikatklasse von Sg ist 
kein System, 



312 



Der explizierte Modellbegriff 



Indes gilt der 

Satz 5, Jedes Systemaggregat ist derart in Unteraggregate zerleg- 
bar, daß jedes Prädikat des Systemaggregats genau einem der Unter- 
aggregate zugehört. 

Gleichermaßen für Analysen wie für Synthesen von Systemen ist 
eine Zusammenstellung der wichtigsten basalen Systemtypen nebst 
ihrer graphischen Kennzeichnung wünschenswert. Eine Übersicht 
bietet Tafel 8. 

Tafel 8, Basale Systemtype» 

Bei im gleichen Prädikat-Typ mehrfach relationierten p-adischen Syste- 
men, Basisketren- und Basis ringsystemen sind in der graphischen Kenn- 
zeichnung zweckmäßig nach Struktur oder Farbe unterschiedene Verbin- 
dungsarme zu zeichnen 



Marne des Systems 


ßffs&fterjS/enmy 
dtxs Systems 


ßvpM'sctrc 
ibmiaidtmmg 


/itemsystem 
(matmd/sefesSysfemJ 


emlßdmdiftrmm/temem 
zi/geAäiigsn fräd/tet 


i 


A •tachptüdf tetitvs 
Atemsystem 


emlndmdatun mit A 
zt/geääriyea Frsd/tete/r 
rem Typ fe r 


für h~2 6tHr. 3 : 


4-fctm gestuftes 
Atomsystem 


cv Ixdmdm/Ti .m'tjs 
dm/m svyeMngct? 
Fradtfrar , 
rem fyp &;*&', t~"$&f 


für £-2 Aw. .'.- 


p-sd/scAes System 


pl/idmdh<t>! mt'tc/hem 
ti/getter/gen Pfädixst 
t/em typ t&P 




äss/stette/tsystem 
der länge n. 


n Ind/v/dve/i mit n -•' 
Zi^t/>0fme/i Prädikate/! 
Wim Typ ?& £ 


» . . ÖZttf. t-~-m— 


ßs$/sr/ngsy$te/n 
des t/m&ny&s /c- 


7h l/?dft : fdüe/?wif & £&- 
yetiörigt/i PrädUtafairem 
Typ f&fjZtrisstienzHret 
Imfiridücfi ^Sffmtrje 
t/t? f.-iditef (stssitef- 
sntfigefieist/enfäste/ien- 


/Ur 7i-3 özm ¥: 

a *» n 



33 Der explizierte Modellbegriff 

Im Abschnitt 2.1,3 (S. 138 ff.) war auf vorexplikariver Betrachtungs- 
ebene die Modell-Original-Relation in struktureller wie materialer 
Hinsicht erörtert worden. Die Explikation der dabei entwickelten. 



6 Für p—1 heißt das System dyadisch, für p — 3 triadisch. 



Kodierte Prädikatklassen 313 

zum wesentlichen Teil in Tafel 2 (S. 158) zusammengestellten modell- 
theoretischen Ordnungsbegriffe erfordert nun abbildungstheoretische 
und semiotisch-iogische Überlegungen, 

3.3.1 Ikostrukturelle Abbildung 

Definition 7, Vorgegeben seien zwei Prädikatklassen Fi und Pz. Darm 
heißt eine eineindeutige Abbildung F eine ikostrukturelle Abbildung 
von Pi in P2, wenn der Vorbereich von F eine beliebige Unterklasse 
von Pi und der Nachbereich von F eine beliebige Unterklasse von 
Pb ist. F heißt speziell ikomorph, wenn der Vor be reich von F mit Pi 
und der Nachbereich von F mit Ps zusammenfällt. 

Man sagt in diesem letzteren Fall auch: F ist ein Ikomorphismus 
von Pi und Pa. 

Für eine ikostrukturelle Abbildung F von Pi in Pz werde auch 
„Icojp Pi, Pa" geschrieben. 

Die Inverse von Icof Pi, Pa, bei der Ua £ Pa auf Ui £ Pi abgebildet 
wird [Ui =F _1 (Ua)], werde mit (Icof Pi, Pz)' 1 bezeichnet. Wegen der 
Eineindeutigkeit der ikostrukturellen Abbildung ist auch deren In- 
verse eine rechtseindeurige Relation. In 3.4.1 (S. 327 ff), werden 
modelltheoretisch relevante U«terabbildungen der ikostrukturellen 
Abbildung definiert. 

3.3.2 Kodierte Prädikatklassen 

In 3.2 waren die Prädikate als ^-sprachliche Repräsentationen von 
Attributen und diese letzteren als perzeptiv-kogitative Gebilde auf- 
gefaßt worden. Um eine rein syntaktisch-logische Charakterisierung 
der Prädikatklassen und insbesondere der prädikativen Systeme zu 
erhalten, sind auf der objektsprachlichen Darstellungsebene von I 
(zuzüglich 2JI) die Prädikate lediglich strukturell, ohne Rücksicht auf 
ihre Verknüpfung mit den Attributen zu betrachten. 

Die so verstandenen ^-sprachlichen Prädikate lassen sich nun in 
allerdings formaler Weise interpretieren. Hierzu wird eine semantische 
Metasprache <S von S benötigt. Deren einzige Grundrelation sei die 
dyadische Relation des Bezeichnen*, in Zeichen; Des (Designation), 
Durch „Des" wird in £ die basale Satzfunktion 

ä Des « a*, 

in Worten: Der G- Ausdruck ä bezeichnet das ^-Prädikat x<j', kon- 
stituiert. „Des" verknüpft miteinander sprachliche Ausdrücke, die 



314 Der explizierte Modellbegriff 

verschiedenen Sprachstufen angehören, und nicht etwa einen sprach- 
lichen Ausdruck mit einer nichtsprach liehen Entität (z. B, einem At- 
tribut oder einem materiellen Substrat, etwa einem Zeichenträger und 
dergleichen). 

S enthält sowohl 3H als auch (eine Übersetzung von) Z. In An- 
lehnung an Martin 7 sind gewisse Bezeichnungsregeln zu beachten, 
z. B, diese, daß eine Konstante S in Ausdrücken der Form ä Des xa* 
höchstens ein objektsprachliches Prädikat xa i bezeichnet. Diese 
Regeln sollen hier im einzelnen nicht angeführt werden. 

Definition 8. Ein ^-sprachliches Prädikat x a* heißt kodiert, wenn 
es einen ® -sprachlichen Ausdruck ä mit ä Des xa 1 gibt, ä heißt in 
diesem Fall Kodezeichen des Prädikats. Prädikate, die nicht kodiert 
sind, werden nichtkodiert genannt. 

Definition 9. Die Gesamtklasse der Kodezeichen einer Prädikat- 
klasse (insbesondere eines Systemaggregats, eines Systems) wird die 
Kodierungsklasse der Frädikatklasse (des Systemaggregats, des Sy- 
stems) genannt. 

Definition 10. Gegeben seien eine Prädikatklasse P und eine 
Kodierungsklasse C von P. Dann wird unter einer Kodierung von P 
aus C, in Zeichen: CodcP, eine in P erklärte Funktion mit dem 
Wertevorrat C verstanden. 

Obgleich das „Kodieren" der in £ rein strukturell aufgefaßten 
Prädikate auf der semantischen Sprachebene erfolgt, handelt es sich 
dabei doch, wie schon angedeutet, um eine wesentlich formal-struktu- 
relle Operation. Daher schien es auch nicht ratsam, die Kodierung 
einer Prädikatklasse als eine „interpretierende Prädikatbelegung" zu 
kennzeichnen. Der formal-extensionale Charakter der mit Hilfe von 
S ausführbaren Prädikat (klassen)kodierungen kommt auch durch die 
Tatsache zum Ausdruck, daß die Einführung der Kodezeichen grund- 
sätzlich hätte bereits in der Objektsprache Z erfolgen können. Denn 
es ist natürlich möglich, die Konstanten ä als einstellige Prädikate, 
also Eigenschaften, in % hereinzunehmen. Diese Überlegungen führen 
ohne weiteres zu 

Satz 6. Jede aus einer Kodierungsklasse C kodierte Prädikatklasse 

?' ist strukturell äquivalent einer nicht -kodierten Prädikatklasse P, die 
außer P' als Unterklasse so viele einstellige Prädikate enthält, wie die 
Elementzahl von C beträgt. 



7 R. M. Martin, 1959, p. 30. 



Der allgemeine Model lbegriff 315 

Wenn in vielen Fällen Kodezeichen wie etwas quasi Material es, 
nicht lediglich Formal-Strukturelles behandelt werden, so geschieht 
dies hauptsächlich aus beschreibungsökonoraischen Gründen je nach 
den besonderen Zielen und Aufgaben der betreffenden Prädikatklas- 
sen- und insbesondere System konstruktion. 

Definition 11. Seien zwei Prädikatklassen Pi und V% sowie eine 
ikostrukturelle Abbildung F von Pi in Pa mit dem Vorbereich Ui und 
dem Nachbereich t/3 gegeben. Seien ferner eine Kodierungsklasse Ci 
von Pi und eine Kodietungsklasse Ca von P 2 gegeben. Dann heifit 
eine Klasse TK von geordneten Kodezeichen-Paaren (äi, äa) eine 
Transkodierungsklasse von Pi und Pa (bezüglich F, Ui, Ua, Ci, Ca), 
wenn gilt: (1) ä\ e Ci und äa e Ca, (2) kodiert äi das Prädikat px e [7i 
und äs das Prädikat pz e Ua, so ist pa =P (pi), 

Definition 1Z. Gegeben seien zwei Prädikatklassen Pi und Pa mit 
ihren zugehörigen Kodierungsklassen Ci und Ca. Dann wird unter 
einer Transkodierung von Pi in Pa aus der Transkodierungsklasse 
TK, in Zeichen: Transcodrx Fi, Pa, eine in (dem kartesischen Pro- 
dukt) PiXPa erklärte Funktion T mit dem Wertevorrat TK ver- 
standen. 

Definition 13. Werden bei einer Traiiskodierung TranscodyK Pi, 
Pa die Prädikatklassen Pi und Pa beziehungsweise durch die Prädikat- 
klassen Pi* und Pa* ersetzt, so versteht man unter der Rekodierang 
der Transkodierung Transcodrit Pi, Pa bezüglich Pi* und P2*, in 
Zeichen: RecodTxPi, Pa; Pi*, Pa*> die Transkodierung Ttanscodxit 
PinPi*, PanPs* mit gleichzeitiger Vertauschung der Elemente eines 
jeden Paares der (nach Ersetzung von Pi durch PinPi* und von Pa 
durch Pa n Pa*) verbliebenen Transkodierungs-Unterklasse von T. 

Für PinPi*= oder PanPa* = werde von der leeren Rekodie- 
rang, für Pi=Pi* und Pa=Pa* von einer pradikatklassenidentkchen 
Rekodierung gesprochen. 

3.33 Der allgemeine Modellbegriff 

3.3.3.1 Vorbemerkungen 

Das ExpÜkandum des allgemeinen Modellbegriffs war zu Beginn des 
zweiten Kapitels in Gestalt des Abbildungs-, Verkürzungs- und prag- 
matischen Merkmals (2. 1. 1. 1 — 2. 1.1.3, S. 13 1 ff.) sowie durch eine kurze 



316 Der explizierte ModeUbegriff 

Beschreibung der Modelloperationen (2.1.3, S. 138 ff.) umgangs- 
sprachlich charakterisiert und füx die nachfolgend zu leistende Ex- 
plikation vorbereitet worden, Für die letztere — die hier nicht detail- 
liert durchgeführt, sondern in ihren einzelnen Progtammschritten nur 
angedeutet werden kann — soll als erstes das semiotische Stufenge- 
bilde {5, 9K, 6) „nach links", also in Richtung von S nach %, über 
% hinaus durch eine nullte semiotische Stufe O ergänzt werden. O 
ist die Stufe der gemäß 2.1.4.2 {Schaubild 3) attribuierten außer- 
sprachüchen, also nichts emiotischen Objekte. Ein beliebiges solches 
Objekt war in 2.1.2.3, (S. 136 f.) als Attributklasse erklärt worden, und 
es war ebendort vorausgesetzt worden, daß es zu jeder Attriburklasse 
— jetzt allgemein mit O bezeichnet — eine Prädikatklasse P mit Prä- 
dikaten aus S gibt, die O beschreibt. 

Andererseits werde gemäß dem Entwurf einer Pragmatischen 
Logik von R. M. Martin das Stufengebilde {£, SOt, S) über S hinaus 
durch eine pragmatische Metasprache ^S fortgesetzt. Der allgemeine 
Aufbau des Gesamtgebildes {£, 901, S, ^P) ist bei Martin näher aus- 
geführt. Er muß hier vorausgesetzt werden. Im vorliegenden Rahmen 
können außer dem folgenden kurzen Hinweis auf die der Pragmati- 
schen Logik eingegliederte Temporallogik nur die Besonderheiten 
angeführt werden, die sich aus der Anwendung der ersteren auf die 
Explikation des allgemeinen Modellbegriffs ergeben. 

Zunächst die Bemerkung zur Temporallogik 8 . Deren Grundrela- 
tion ist die Relation des zeitlichen Vorangehens, in Zeichen: An 
(Antecedens), mit der basalen Satzfunktion 

An ti, t$, 

in Worten: Das Zeitintervall ri liegt vollständig vor dem Zeitintervall 
tz. Abgeleitete Relationen sind die Relationen des zeitlichen "Ober- 
lappens, in Zeichen: Co (Contegens), und des zeitlichen Teil- oder 
Enthaltenseins, in Zeichen: Pa (Participans), für welche die "Defini- 
tionen gelten: 

Co t\, h :-»-iAn 1 1, tt A —> An tz, ti und 

Pa ti, t z :-<=-V t Co f, ti=>Co t, r-2. 

Es sei noch die Definition des Zeitpunktes oder zeitlichen Mo- 
ments, in Zeichen: Mom s angegeben: Mom t :-»V ti Pa ti, t => Pa i, ti 
(ein zeitliches Moment ist Teil aller seiner zeitlichen Teile). 



8 R. M. Martin, 1959, p. 36 f. 



Der allgemeine Modellbegriff 317 

3.3.3,2 Grundrelationen der pragmatischen Sprachstufe 

Es folgt die Charakterisierung der Sprachstufe tp. In ^ß treten als 
Variablen k und t hinzu, /fc/varüert über einer vorgegebenen endli chen 
K lasse von X-Organisrnen , also von natürlichen oder künstlichen 
Organismen, die über die Funktionseinheiten Perzeptorj Morivator, 
Operator und Effektor verfügen 9 ; t variiert über einer vorgegebenen 
endlichen Klasse von Zeitintervallen. Grundrelationen in ^3 seien die 
dreistellige Relation des semiotischen Akzeptierens, in Zeichen: Ac •- 
{Acceprion, acceptancei), die zweifach spezifizierte fünfstellige Rela- 
tion des erweiterten Akzeptierens, in Zeichen: Acpt (Acceptation, fl<y^ 
aeeeptancea), die vierstellige Relation des (semiotischen) Präferierens,, 
in Zeichen: Praef (Praeferenz) und die siebenfach spezifizierte fünf- r- t i- 
stellige Relation des Perfarmterens (Ausführens, Durchführens), in 
Zeichen: Perf (Performation). '<-t {■ 

Die zu den Gnindrelarionen Ac und Acpt gehörenden basalen 
Satzfunktionen sind: 

k Ac o, t, 

in Worten: Der K- Organismus k akzeptiert das 5-spraehliche Ge- 
bilde o im ZeitintervaH t; 

k Acpt r) o, o', t, 

in Worten: k akzeptiert die zwischen den (semiotischen bzw. nicht- 
semio tischen) Objekten o und o' bestehende Beziehung r\ im Zeit- 
intervall t. Dabei variiert ^ über dem Akzeptions klassen-Repertoire 

?7 = {Descr; Subst} 

mit den Bedeutungen: 

Satzfunktion Bedeutung 

(o und o'sind Attribut- oder Prädi- 
katklassen aus den zugehörigen Ge- k akzeptiert im Zeitintervall f. 

samrrepertoires) 



k Acpt Desr o, o\ t o als Beschreibung von o', in Zeichen: 

Descr o, o' (o ist mithin eine Prädi- 
katklasse) 

k Acpt Subst o, o', t die Ersetzung von o durch o', in Zei- 

chen: Subst o, o' 



9 Vgl. Abschnitt 1.4.2, insbes. 1.4.2.3, S. 72 ff. 



318 Der explizierte Modellbegriff 

Ferner: 

k Praef o, o\ t t 

in Worten: k zieht im Zeitintervall t das 2-sprachliche Gebilde o dem 
!£-sprachlichen Gebilde o' vor. 

k Ac o, t und k Acpt Descr o,o',t lassen sich auf S-sprachliche 
Gebilde erweitern. Für k Ac (ä Des na 1 ), t beispielsweise wird dann 
eine pragmatische Meta-Metasprache benötigt. Läßt man, wie es hier 
grundsätzlich geschehen soll, derartige Erweiterungen zu, so genügt 
es vorerst festzusetzen, daß in k Ac o, t stets „Jfe", „Ac" und „f" einer 
um 1 höheren Stufe als „o" angehören 10 . 

Zusatz: Ob unter je gegebenen Umständen ein K-Organismus k 
im Zeitint ervall t ein Gebilde akzeptiert oder nicht und ob h in einem 
Zeitintervall t ein Gebilde a einem Gebilde b vorzieht, ist durch einen 
externen Beobachter E mittels Beobachtung und/oder Befragung 
festzustellen. Für E muß es seinerseits Akzeptions- und Präferenz- 
Strukturen in einer über -J> zu errichtenden; von E zu verwendender! 
Beobachtungs-(bzw. Meß)sprache © geben. Den auf E und 33 be- 
zogenen Bestimmungen kann hier im einzelnen nicht nachgegangen 
werden. Entsprechend wird im vorliegenden Zusammenhang davon 
abgesehen, die Regeln für die erste Akzeptionsrelation „Ac" sowie 
die entsprechenden Regeln für die zweite Akzeptionsrelation „Acpt" 
und die Präferenzrelation „Praef" aufzuzählen n . Diese Regeln driik- 
ken weitgehend evidente Zusammenhänge aus, 

Unter den S- {bzw. 3R-) sprachlichen Gebilden, die von K-Orga- 
nismen akzeptiert bzw. präferiert werden, können sich logische und 
empirische Sätze (Satzkonjunktionen) befinden. Mit 

k Ac L, t 

soll ausgedrückt werden, daß k die {Axiome und abgeleiteten Sätze 
der) Logik der Sprachebenen S und 3K einschließlich des prädikaten- 
logischen Stufenaufbaus akzeptiert. Die von k akzeptierten empiri- 
schen Sätze werden Kontrollkriterien unterworfen, die ihrerseits von 



10 Man unterscheidet bekanntlich klassifikatorische, komparative und 
quantitative Begriffe (Relationen). „Ac" und „Acpt" sind offenbar klassifika- 
torisch, „Praef" dagegen ist komparativ. Durch Einführung der Ordnungs- 
relation „Praef" geht mithin die klassifikatorische pragmatische Logik in 
eine komparative über, die als Vorstufe einer quantitativen betrachtet werden 
kann. Vgl. Martin, 1964. 

11 Vgl. R. M. Martin, 1959, p. 35—39. 



Der allgemeine Modellbegriff 31? 

pragmatischen, insbesondere nutzen theoretischen Gesichtspunkten 
abhängen. 

Um als nächstes den modelltheoretisch wichtigen Begriff der ra- 
tionalen Präferenzstruktur eines K- Organismus zu präzisieren, bedarf 
es der Einführung det abgeleiteten Relation der Indifferenz, in Zei- 
chen: Indiff. Es sei 

k Indiff a, b, t :■<*■ — i k Praef a, b, t A "3 k Praef b, a, t. 5~J*,jJ 

Dann gelte die Definition 12 : 

k besitzt eine rationale Präferenzstruktur im Zeitiotervall t, in 
Zeichen: Rat Praef k, t, wenn für zwei beliebige Z- (bzw. 2R-) sprach- 
liche Gebilde (Sätze) a und b gilt: 

1. k Praef a,b,t f\ k Praef fr, c, £=s» k Praef a, c, t (Transitivität der 
Präferenzrelation) , 

2. k Indiff a,b,t f\k Indiff b,e,t=> k Indiff a, c, t (Transitivität 
der Indifferenzrelation), 

3. k Praef «, b, t y fe Praef b,a,t\/k Indiff #, £>, t (Eindeutigkeit 
des Präferierens bei Nicht-Indifferenz) (y bezeichnet die strenge 
Disjunktion). 

Definition 14. Ein K-Orgatüsmus 4 heißt L-rational im Zeitinter- 
vall *> in Zeichen; L-Rat k, t, wenn er in diesem Zeitintervall sowohl 
die Logik der Sprachebenen £ und SOI akzeptiert als auch eine ratio- 
nale Präferenzstruktur besitzt. 

Die schließlich zur vierten Grundrelation in ^ß gehörende Satz- 
funktion ist 

&.Perf r\ o, o', t t 

in Worten: k führt im Zeitintervall t die Tätigkeit rj bezüglich der 
nicht-semiotischen bzw. semiotischen Objekte o und o' aus. 



12 R. M. Martin, 1959, p. 158, — Es mag von Interesse sein, die im 
folgenden definierte „rationale Präferenzstruktur" zu der in 1,4.2.5, S. 74 ff., 
eingeführten „Präferenzrationalität" in näheren Vergleich zu setzen (wobei 
in die letztere der Indiff erenzf all mit einzubeziehen wäre, vgl. Anm. 84, 
S. 76). Von hier aus ließe sich das Konzept einer Pragmatischen Logik 
operationaler Gruppen entwickeln, die als formales Einbettungsgebilde ins- 
besondere für die in 1.4.3 behandelten überindividuellen Akrionssubjekte 
fungieren könnte. Diesen Überlegungen kann im vorliegenden Zusammen- 
hang nicht weiter nachgegangen werden, 



320 Der explizierte Modellbegriff 

Dabei variiert t\ über dem Repertoire: 

»7 = {Descr; Subst; Icojr; Revflcop Pi, Fr, Op^; Transcodrjj; 
Recodrs Pu Pz}> 

dessen 7 Elemente Perf otmaxionsklassen mit folgenden Bedeutungen 

sind: 



Satzfunktion 



Bedeutung 



{o und o' sind Attribut- oder Prädi- 
katklassen aus den zugehörigen Ge- k führt im Zeitintervall t aus: 
samttepertoires, f ist ein Performa- 
tionsziel) 



k Perf Descr o, o' t t 

k Perf Subst o, o' t t 
k Perf Icop o f o', r 

k Perf (RevjP. Ico, Fi, Pa) o, o\ * 

fcPerfO^tjffljOjO', f- 

k Perf (Transcad?^ Pi, P2} o, o', t 
k Perf (Recodrtf Pu Pa) o> o", t 



die Beschreibung o von o', in Zeichen : 

Descr o, o' 13 

(mithin ist o eine Prädikatklasse) 

die Ersetzung von o durch a\ in 
Zeichen: Subst o, o 

die ikostrukturelie Abbildung F von 
o in o', in Zeichen: Icoj? o, o' 

(mithin sind o und o' Prädikatklassen) 

die Reverse F* von F (mülcoF Pi, P2A 
in Zeichen: Revp» IcOf Pi, P2; o, o\ 
d. h. & ermittelt eine Abbildung F* 
mit P^Ef * und bildet die Prädikat- 
klasse o' = F* (o) (vgl. Schaubad 18) 

die Operationenfolge Opi,, . , f Opm 
die o in o' überführt, so daß ein 
Operationsziel £ tedweise oder voll- 
ständig erreicht, insbesondere als 
Zielfunktion extremiert wird, 
die Transkodierung von o in o' aus 
der Transkodierungsklasse TK, in 
Zeichen: Trans codyx o, o' (mithin 
sind o und o' Prädikatklassen) 

die Rekodierung der Transkodierung 
TranscodiTÄ Pi, Pa bezüglich o und 
o', in Zeichen: RecodrK Pi, Pa; o, o' 
(mithin sind o und o Prädikatklassen) 



13 Hier und im folgenden treten der leichteren Lesbarkeit wegen be- 
absichtigte Wiederholungen von Bezeichnungen auf. 



Der allgemeine Modellbegriff 



321 



Einige dieser 7 Performätionsarten sind von noch verhältnismäßig 
komplizierter Struktur und setzen überdies Wahlrepertoires — z. B. 
für die Abbildungen F und F* {in Verbindung mit der Reversenbü- 
dung), die Transkodierung T und für die Operationen Opf (n) — 
voraus, ganz zu schweigen von den Wahlentscheidungen bezüglich 
der Performationen der Beschreibung und der Ersetzung, Die folgende 




P>r>ö 



HfääfiJ 

- für dea Mscfiöere/cä ma f* 
za ergänzende Prä'df/tjfirtesse 

Schaubild 18, Zum Reversenbegriff. Nach der im Text gegebenen Erklä- 
rung ist F* eine Fortsetzung von F. Offenbar ist 

o'=P*(o) 

= F*((Pario)u(o\P20o)) 
= P*(ftno}uP*(o\Pzno) 
= P~ l {PsC\o)uF* {o\P z r\o) 



Explikation wird zeigen, daß gerade in dem Zusammenspiel aller 
dieser „freien Parameter" die Spezifität des universellen Modellbe- 
griffs mit seinen mannigfaltigen subjektiven Wahlmöglichkeiten zum 
Ausdruck kommt. 

Die erwähnte vergleichsweise Kompliziertheit gewisser Performa- 
tionsarten wirft die Frage auf, ob und gegebenenfalls wie diese Per- 
formationsarten etwa auf solche weniger verwickelten Charakteres 
zurückgeführt werden können — bis hin zu einer Schicht von sinnvoll 
nicht weiter reduzier baren, weil evidentermaßen elementaren Per- 
formätionsarten. So wäre z. B. die Rückführbarkeit der Performation 
der Ersetzung auf zwei in jenem Sinne anscheinend elementare Per- 
formationsarten zu prüfen, nämlich auf diejenigen der Speicherung 
und der Abruf utig. Dem hiermit angedeuteten „Elementarisierungs- 
problem" der Allgemeinen Modelltheorie kann im vorliegenden Zu- 
sammenhang nicht weiter nachgegangen werden. 



322 Der explizierte Modellbegriff 

Es würde ebenfalls den Rahmen dieser Untersuchung überschrei- 
ten, die verschiedenen axiomatischen oder abgeleiteten temporatlogi- 
schen Zusammenhänge, die für die angegebenen Performationsarten 
gelten, auch nur einigermaßen ausführlich zusammenzustellen. Eine 
Andeutung für „Perf Opf (jlJ " mag genügen. Für diese Performarions- 
art gilt beispielsweise die Beziehung: 

k Perf Opf J (Bi) o, o', tiAk Perf Op?* {B|) o', o% fa =s- An ti, tg. 

3.3.3.3 Explikation des Modellbegriffs 

Hiernach kann nun der Modellbegriff in folgender Verschärfung vor- 
gelegt werden: 

Oi und 0% seien irgendwelche {se miotische oder nicht-semiotische) 
Objekte. Dann ist für einen K-Organismus k das Objekt Oa ein 
Modell des Objekts Oi im Zeitintervall t bezügb'ch des Operations- 
ziels (des Zweckes, der Intention der Modellierung) Z, wenn k im 
Zeitintervall t 

(!) L-rational ist, 

(2) eine Beschreibung Pi von Oi ausführt, 

(3) eine Beschreibung Pa von Ot ausführt, 

(4) eine ikostrukturelle Abbildung F von Pi auf Pa ausführt, 

(5) eine Transkodierung T von Pi in P2 aus der Transkodiemngs- 
klasse TK ausführt, 

(6) die Ersetzung von Oi durch Oz ausführt, 

(7) gewisse Operationen Opf mit i = l, 2 3 . .., n zur (teil weisen 
oder vollständigen) Erreichung von Z an Oa ausführt, die Oa in ein 
Objekt Os* überführen, 

(8) eine Beschreibung Pa* von O3* ausführt, 

(9) eine Reverse der iko strukturellen Abbildung F von Pi auf Pa 
mit dem Ergebnis Pi* ausführt, 

(10) die Prädikatklasse Pi* als Beschreibung von Oi* akzeptiert, 

(11) die Ersetzung von Oi* durch Oa* akzeptiert und 

(12) die Rekodierung der Transkodierung T von Fi in Pg bezüg- 
lich Pi* und Pa* ausführt. 

(Man beachte, daß auch die Verkürzucgseigenschaft gemäß 2.1.1.2 
erfüllt ist, da 1, der Vor- und der Nachbereich von F, Vi und Ua, 
gleiche Elementzahl aufweisen, 2, diese Elementzahl höchstens gleich 



Der allgemeine Modellbegriff 323 

derjenigen von Pi ist und 3. die Elementzahl von Pa abgesehen von 
abundanten Attributen über den Ikomorphiefall hinaus — höchstens 
diejenige von Pi erreicht. Die unter 2. und 3. genannten Grenzfälle 
werden bei tatsächlichen Modellierungen in der Regel nicht erreicht.) 

Bezeichnet man das verbale Explikandum der obigen Explikation 
mit Mod (Oa, Oi, k., t, Z), so ergibt sich die 

Formale Explikation des allgemeinen Modellbegriffs: 
Mod (Oa, Oi, k, t, Z) :<=• 

(1) L-Rat k, t *l =*< *•** 

(2) 3 Pi Descr P\, Oi A k Perf Descr Pi, Oi, t ~^ 

(3) 3 Pa Descr P 2 , Oa A k Perf Descr Pa, Oa, t 

(4) 3 P Icoy Pi, P 2 A k Perf Ico F Pi, Pa, £ 

(5) 3 T 3 TK TG TK A T=TranscodTE Pi, Ps A k Perf Trans- 
codrs Pi, Pa, £ 

(6) fe Perf Subst Oi, Os, t 

(7) 3| Opi 3| Opa. , . 3| Op„ 3| O2* k Perf Opf Oa, Oa*, t" 

(8) 3 Pa* Descr Pa», Ob* A k Perf Descr Pa*, Oa*, t 

(9) 3 P* 3 Pi* Revr kop Pi, Pa A fe Perf» Revf Icof Fi, Pa) Pa*, 
Pi*,i 

(10) 3| Oi* k Acpt Descr Pi*, Oi*, r 

(11) k Acpt Subst Ox*, Oa*, t 

(12) *. Perf (Recodm Pi, Pa) Pa*, f%% *■ 

wobei die angegebenen 12 Teilbestimmungen miteinander konjunktiv 
2U verknüpfen sind 15 ' 18 . 



14 31 ist hier als „operativer", 31 als „attributiver oder prädikativer" 
Partikularisator eingeführt. Das Variablenzeichen Opi {« = 1,2,. . .,«) des 
operativen Partikularisators verweist auf eine Operationenfolge Opi, Opa, 

, Op», dasjenige des attributiven oder prädikativen Partikularisators, O2*, 

auf eine Prädikat- oder Attributklasse (letztere als Objekt der nullten seman- 
tischen Stufe O). Entsprechendes gilt für 31 Oi* in (10), Opt, Oi* und Oa* 
transzertdieren in gewissem Sinne das semiotische Stufengebilde {£,9)t,S, 5ß). 

15 Die partikularisierende Bindung der scheinbaren Variablen Pi, Pa, F, 
T usw. hat lediglich technische Grunde: der Existenzquantor 3 (3, 3|) besagt, 
daß die ihm beigefügte Variable in der zugehörigen Aussageform durch 
wenigstens eine Konstante ersetzt werden kann. Er verweist jeweils dabei, 
operatjonal betrachtet, auf ein vorangehend aufgebautes, jedenfalls verfüg- 
bares Repertoire, dem der (natürliche oder künstliche) Modellierer k die je 

ZI 'irichoviak, ModclJtheorie 



324 Der explizierte Modellbegriff 

Im vorstehenden Explikat sind zu unterscheiden; 1 Rationalitäts- 
bedingung, 9 Performationsbedingungen und 2 Akzeptionsbedin- 
gungen. 

3.3.3,4 Erklärungen und Ergänzungen 

Die Bestimmungen (1) bis (12) des Explikats seien jetzt nicht im 
begriffsexplikativen Sinne, sondern als operative Charakterisierungen 
des Modellierungsprozesses gedeutet. In dieser Deutung erscheinen 
als heuristisch besonders bedeutsam die Performationsbestimmungen 
(6), (7) und (9). Unter ihnen ist die Bestimmung (7) kreativ am höch- 
sten zu bewerten. Ferner ist zu sehen: obgleich die Bestimmungen (10) 
und (11) „nur" Akzeptionen ausdrücken, besagen sie, operational 
gedeutet, die „Erzeugung" des neuen, gegenüber Oi in einem prag- 
matisch-operativen Sinne „verbesserten" Originals. Sie eröffnen ins- 
besondere den Zugang zum Informationsgewinn des Modellierers k 
über das modellierte Original Oi. 

Gemäß Satz 6 sind die Kodierungsbestimmungen (5) und (12) 
grundsätzlich entbehrlich, Sie sollten jedoch wegen der Bedeutung 
der wesentlich auf analogisierendem Merkmals vergleich beruhenden 
Model! bildungen und insbesondere der Simulationsmodelle (vgl. 3.5,3) 
besser im Explikat des allgemeinen Modellbegriffs belassen werden. 

Ein weiterer Zusatz zur Explikation des allgemeinen Modellbe- 
griffs betrifft die bereits erwähnte Konstituierung des „neuen", „ver- 
besserten" Originals Oi* aus der im Modellierungsprozeß gewonne- 
nen beschreibenden Prädikatklasse Pi* [Bestimmung (10)]. Die Ope- 
rationen, die Os in 02* überführen, liefern zunächst nur möglicher- 
weise gewünschte „Veränderungen" von Oi, insbesondere zutreffende 
Neuinformationen über Oi. Der Modellierer k wird die Ubertrag- 
barkeit der am repräsentierenden Modell gewonnenen Daten, insbe- 
sondere der neuen Einsichten in modellseitige Zusammenhänge, auf 
das Original nur dann akzeptieren und damit für zuverlässig halten, 
wenn er sich des Erfülltsems gewisser „Transferierungskrtterien" hat 



zieladäquaten Performationsrnittel — Prädikate und Prädikatklassen, Ab- 
bildungs Vorschriften, Folgen von Modelloperationen — entnimmt. Bei auto- 
matischen Modellierungen gehören diese Repertoires den Speicher werken 
der betreffenden Anlagen an. 

16 Es ist einleuchtend, daß jede Performation die Akzeption (Acpt) ihrer 
Mittel und ihres Ergebnisses impliziert. Die Angabe solcher Akzeptionen in 
der formalen Explikation ist daher entbehrlich. 



Der allgemeine Model (begriff 325 

vergewissern können. Solche Kriterien sind bei technischen Modellen 
natürlicher oder technischer Originale z. B. Mafistabsrelationen für 
original- und modellseitige Längen-, Kräfte- und Dichtevethäl misse, 
für Verhältnisse zwischen original- und modellseitigen Maßstäben 
etwa von Elastizitätsmoduln (HooKEsches Modellgesetz, Cauchy- 
sche Maßstabsregel), von Flüssigkeitsdichten und Viskositäten 
(Reynolds sehe Maßstabsregel) und dergleichen 17 . Bei semantischen 
Modellen natürlicher oder technischer Originale, z. B. bei erfahrungs- 
wissenschaftlichen Theorien, werden die Transfer! er ungskriterien zu 
Bestätigungs- oder Verifikationskriterien, zu Falsifizierbarkeitskrite- 
rien usw. Bei semantischen Modellen semantischer Originale, zumal 
wenn diese letzteren nicht in der Stufenordnung seraiotischer Sprach- 
gebilde des Typs (2, 90t, G, ^ß) formuliert sind, wird man zu weniger 
exakten Kriterien greifen müssen, etwa solchen „fruchtbaren Analo- 
gis ierens", „erlaubten Verallgem einer ns" und dergleichen mehr. 
Transferierungskriterien für technische Modelle semantischer Origi- 
nale schließlich sind von so erheblicher Vielgestaltigkeir, daß im vor- 
liegenden Zusammenhang hierüber kaum Andeutungen am Platze 

Der pragmatische Charakter des vorangehend präzisierten Modell- 
begriffs geht über dessen Bezug auf eine Pragmatische Logik hinaus. 
Er betrifft auch die Brauchbarkeit eines Modells für den Modellierer. 
Hierzu nur die folgenden Andeutungen: 

Der erwähnte Brauchbarkeitsbegriff wird sich vornehmlich auf 
zwei Ebenen explizieren lassen 18 : auf der Ziel- und der M.otivebene, 



17 Näheres hinzu in der höchst aufschlußreichen Arbeit von P. Füsgen, 
1959. — In diesen Zusammenhang gehört ein Hinweis auf den von manchen 
mit Fragen der Simulation befaßten Autoren verwendeten Begriff der Validi- 
tät eines Modells. Validität wüd zumeist als „Repräsemarivitär a in bezug 
auf ein mehr oder weniger realistisch verstandenes Original aufgefaßt (vgl. 
L. Kern und H.-D. Ronsch, 1972, p. 25 sowie p. 45 ff.; daselbst zahlreiche 
Literatur hin weise). Natütlich geraten Bemühungen um „Validititskriterien" 
für Modelle, die möglichst „der Realität isomorph sein" (!) sollen, in eine 
Fülle von Schwierigkeiten und Unsinnigkeiten. Eine konsistente „Methodolo- 
gie der Modellvalidierung" muß nach meiner Überzeugung den von der All- 
gemeinen Modell rheorie eröffneten oder einen ähnlichen, wesentlich prag- 
matisch orientierten Weg einschlagen. Innerhalb eines Systems so verstande- 
ner, pragmatisch konsistenter Validierungskriterien hätten auch die im Text 
angedeuteten Transferierungskriterien ihren methodologischen Ort. 

18 Auf die Explikation selbst kann hier nicht naher eingegangen werden. 
Sie wäre anderweitig in Angriff zu nehmen. 



326 Der explizierte Modellbegrjff 

Auf der Zielebene wird ein Modellierer k sein Modell Mod (Oa, Oi, 
k, t, Z) dann als brauchbar im Zeitintervall x akzeptieren, wenn der 
Modellierungsprozeß gemäß Bestimmung {1} bis (12) von S. 323 inner- 
halb von * einen positiven Zielgradienten 19 bezüglich Z ergibt, auf 
der Motivebene, wenn dieser Prozeß innerhalb von r (Z vorgelagerte) 
Motive von k erfüllt {die Stärke des „Motivdruckes" von k redu- 
ziert) 20 . Zur Unterscheidung werde von Z-Brattchbarkeit und M.- 
Brauchbarkeit gesprochen. Ein {rationaler) Modellierer k wird von 
zweien seiner Modelle desselben Originals dasjenige dem anderen als 
Z- bzw. M-brauch barer vorziehen, das innerhalb von t zu einem größe- 
ren Zielgradienten bzw. zu stärkerer Motiverfüllung (größerer Motiv- 
druck-Reduktion) führt {oder das im letzteren Falle gleichstarke 
Motiverfüllung in einem echten Te/iabschnitt von x leistet). Die For- 
malisierung dieser Bestimmungen und gewisser Erweiterungen der- 
selben dürfte auf keine grundsätzlichen Schwierigkeiten stoßen. Ins- 
besondere sollte es möglich sein, Ziel- und Motivrepertoires von K- 
Organismen aufzustellen und die Zusammenhänge von Zielen und 
Motiven des Modellierens untereinander sowie in Verbindung mit 
einzelnen Modellierungsverfahren formal darzustellen 21 . 

Objekte Oj und Og sollen {im weiteren Sinne) semantisch (sym- 
bolisch) oder aber natürlich genannt werden, je nachdem ob sie aus 
(%, 3R, 6, iß) erzeugte semiotische Gebilde sind oder der nullten 
semiotischen Stufe O angehören. Hiernach ist klar, wann einerseits 
von einem semantischen oder technischen Modell und wann anderer- 
seits von einem semantischen oder natürlichen/technischen Original 
die Rede ist. 

Ohne den allgemeinen Modellbegriff über Gebühr einzuschrän- 
ken, wird man um gewisser operativer Vorteile willen von allen 
semantischen Modellen verlangen dürfen, daß sie {prädikative) Sy- 
steme (vgl. 3.2.2) sind. 



19 Dieser wäre mittels des entscheidungstheoretischen Zielerreichungs- 
grades zu definieren. Vgl. W. Kirsch, 1970a, p. 28 f., mit entsprechenden 
Hinweisen auf die Primärliteratur» Kirsch skizziert p. 57 f. darüber hinaus 
den Zusammenhang zwischen Entscheidung und Aktion auf der Grundlage 
von Entscheidungsfunktionen. 

20 Vgl H. Stachowiak, 1969, insbes. p. 37^46. 

21 Von Relevanz hierfür die Arbeit von P. Gang, 1967. 



Strukturelle Maße 327 

3.4 Maßbestimmungen 

Eine formalisierte Allgemeine Modelltheorie, zu der hier der Grund 
gelegt werden soll, hat von den zwischen Originalen und ihren Mo- 
dellen bestehenden Bez iehunge n besonders den strukturellen sowie 
(materialer^oder)_kod^ä^igen_yergleich zwischen Original und 
Modeü zu behandeln. Der Leser mag gegebenenfalls hierzu vorbe- 
reitend die verbalen Charakterisierungen im zweiten Kapitel, Ab- 
schnitt 2.1.3 rekapitulieren. Insbesondere werden die in Tafel 2 (S. 158) 
zusammengestellten Ordnungsbegriffe (2) bis (11) im folgenden ihre 
quantitative Fassung gewinnen. Gleichzeitig wird der Begriffs- 
a ppara t erweitert. 



3.4,1 Strukturelle Maße 

Seien Pi und Fa zwei beliebige Prädikatklassen aus £ und UiEPi 
sowie Uz S Pg. Zwischen Pi und Pa bestehe die ikostrukturelle Abbil- 
dung F mit Ui als Vorbereich und Ua als Nachbereich. Für eine be- 
be bige endliche Klasse Q bezeichne im folgenden [OJ die Anzahl der 
Elemente von Q. 

Definition 15. Unter der ikostruktur eilen (numerischen) Adäqua- 
tion {oder Angleichuog) von Pa an Pi (bei der ikostrukturellen Ab- 
bildung F von Pi auf Pa) wird der {von Null verschiedene) Quotient 



[ÄlcoptPjjtJljPsjt/,} — ] fllco - j Fi j . j Pj j 



verstanden. 



Definition 16. Die Differenz V{\Ui werde Prateritionsklasse, die 
Differenz Pk\Us Abundanzklasse der ikostrukturellen Abbildung F 
von Pi auf Pa genannt. Dann heißen die zugehörigen Quotienten 

_ iPi \ rjy _ [paü2] 

«Ptlt — [Pl] s «Abun - [Pl] ' 

das Präteritionsmaß bzw. das Abundanzmaß von Icou- Pi, Pa. 

Hiernach ist O < a lco < 1, O ■&■ a iatt < 1, O < a Ahun < 1. Ferner sieht 
man leicht, daß sich für eine Abbildung F, für die a lco = 1 ist, a ?IB<xt = 
a nboa — «gibt. In diesem Fall soll Ui nichtpräteriert und Ua nicht- 
abundant bezüglich der Abbildung F von Pi auf Pa heißen. 



328 Maßbestimmungen 

Gemäß dem Verkürzungsmerkmal (2.1.1.2, S. 132) wird bei Mo- 
dellierungen, bei denen Pi und Pa als beschreibende Prädikatklassen 
fungieren, im allgemeinen ai co < 1 sein, und zwar bei {physiko-, bio-, 
psycho- und sozio-) technischen Modellen natürlicher Originale meist 
weit unter 1 liegen. Entsprechendes gilt für wissenschaftlich-seman- 
tische Modelle natürlicher Originale; so schneidet jede wissenschaft- 
liche Theorie aus den ihr vorgegebenen Domänen vorwissenschaft- 
lich oder doch „vordiszipÜnär" attribuierter physischer, psychischer, 
sozialer, historischer usw. Objekte immer nur bestimmte Aspekte 
heraus. Wie bereits im zweiten Kapitel (S. 240 f.) angedeutet, dürften 
nur gewisse, einem erkenntnistheoretischen Realismus anhängende 
Philosophen bei der Model üerung natürlicher Originale semantische 
Modelle „der Wirklichkeit" mit möglichst totaler Original-Adäqua- 
tion anstreben. Wenn es andererseits im physikotechnischen Bereich 
Modelle mit einer Original-Adäquation nahe oder gleich 1 gibt, so 
liegen ausnahmslos technische Originale zugrunde. « Ic0 = 1 (oder sehr 
nahe 1) wird speziell bei technischen Modellen räumlich -metrisch er 
Objekte erreicht, wenn diese Modelle ihre Originale (gleich unter 
welchem räumlichen oder zeitlichen Abbildungsmaßstab) lediglich 
„strukturell verdoppeln". 

Um weitere modelltheoretisch relevante Maßbestimmungen für 
strukturelle Adäquationen zu erhalten, werden nachstehend zunächst 
Unterabbildungen der ikostrukturellen Abbildung für stufenheteto- 
gene (S, 308) Prädikatklassen aus % eingeführt. 

In den folgenden vier Definitionen seien Pi, Pa stufenheterogene 
Prädikatklassen, zwischen denen die ikostrukturelle Abbildung F 
besteht. 

Definition 17. tx\ sei die Individuenklasse von Pi * Fx'*i' n 0, atz die- 
jenige von Pa =Pa ( *>' "»'. Ist dann Icof Pi, Pz teilweise individuentreu, 
bildet nämlich F die Individuen {Prädikate nullter Stufe) einer Unter- 
klasse Uai^ai auf diejenigen einer Unterklasse U izzca2 ab, so heißt 
F eine dichostrukturelle Abbildung von Pi auf Pa und 

[tf«i]-[Uai] 

dDid,e i«d - r««] 

die dichostrukturelle Adäquation von Pz an Fi. 

Definition 18, x<*j sei die Klasse der zu Pi = Pi<*i> n J gehörenden, 
xa^ diejenige der zu Pä^Pa'*»'"«' gehörenden i -stelligen Prädikate. Ist 
dann Icoj- Pi, Pz teilweise stellenzahltreu, bildet nämlich F für x—0, 
1, 2,. . ., Max [ki, kz) die Prädikate einer Unterklasse Uxa[ = xa^ auf 



Strukturelle Maße 329 

diejenigen einer Unterklasse Uxtu^^xa^ (gleicher Stellenzahl) ah, so 
wird F eine hypostrukturelle Abbildung von Pi auf F2 genannt. Das 
Maß 

wo r die Anzahl der leeren Prädikatklassen aus PiuPa mit fSMax 
(fei, fez) bezeichnet, die Summanden für jedes » = 1, . ■ ., Max (m, «2) 

««d #=0 durch 



JEgiEja.ad.D*-,.^ 



ersetzt werden und für jeden Summanden mit verschwindendem 
Nenner geschrieben wird, heißt die hypostrukturelle Adäquation 
von Ps an Pi. 

Definition 19, xa\ sei die Klasse der zu Pi=Fi<*i'*i> gehörenden, 
xa^ diejenige der zu Pa = P2 ( *.•">> gehörenden «-stufigen Prädikate. 
Ist dann Icof Pi, Fa teilweise stufenzahltreu, bildet nämlich F für 
1 = 1,2,..., Max (»1, we) die Prädikate einer Unterklasse V xa^ £ xol\ 
auf diejenigen einer Unterklasse U'xx^ £ xtx^ {gleicher Stufenzahl) ab, 
so wird F eine ortho strukturelle Abbildung von Pi auf P2 genannt. 
Das Maß 

a M«x (-<>, nt) [ü' xaQ • [V x 4] 

£ Ortho = »j„„ (_. __i _ , " 2 



Max (»i, n a ) - s , _ , [*«*].[* a^] 

wo s die Anzahl der leeren Prädikatklassen aus PiuPz mit s<Max 
(ni,m) bezeichnet, die Summanden für x-Qund i = l,. . ., Max(nj,Mj) 
durch 



[«] ' [«] 



mit Ua f = F(U« 1 ) 



ersetzt werden und für jeden Summanden mit verschwindendem Nen- 
ner O geschrieben wird, heißt die orthostruktureUe Adäquation von 
Pa an Pi. 

Definition 20. »aj sei die Klasse der zu Pi=Pi< fc i- n i> gehörenden, 
xo^ diejenige der zu Pa = P2<*i' fl »> gehörenden «-stufigen und i-stelli- 
gen Prädikate. Ist dann IcofPi, Pa teilweise sowohl stellenzabl- als 
auch stufenzahltreu, bildet nämlich F f ür x = 0, 1, 2, . . - , Max (fei, fea) 
und i = l, 2, . - - , Max («i, «a) die Prädikate einer Unterklasse 
U"xo\^ho^ auf diejenigen einer Unterklasse U'xx^xa^ (gleicher 



330 Maßbesrimmungen 

Stufen- und Stellenzahl) ab, so wird F eine isostrukturetle Abbildung 
von Pi auf Pz genannt. Das Maß 

Max (ki, fa] Max (mi, *, Hi, *] [V x (^ ] ■ [ü* X 4] 

*=° *-* hi] - [««:] 



Mut (*4, *ij 

2" [Max(»i,„M l( ,)] + l-f 

K=0 



wo rti )K die größte Stellenzahl der K-ten Stufe in ?i, m >K die größte 
Stellenzahl der x-ten Stufe in Pe und t die Anzahl der leeren Prädikat- 
klassen aus PiuPz mit der Stufenzahl = Max {ki, £2) und der 
Stellenzahl £Max (m,*, «2,«) bezeichnet und die Summanden für 
*=0 und i = l,. . .,Max (»l,», «,») durch 

Äj^nut ^ = F(U.,) 

ersetzt werden und für jeden Summanden mit verschwindendem Nen- 
ner geschrieben wird, heißt die isostrukturelle Adaquaiion von P2 
anPi. 

Definition 17 ist ersichtlich als Spezialfall in den Definitionen 18 
bis 20 enthalten. Ferner sind, wie man leicht sieht, sowohl Definition 
IS als auch Definition 19 als Spezialfälle in Definition 20 enthalten. 

Offenbar ist entsprechend der ikostrukturellen Adäquation 

0<tf Dich *Sl,0<flHni O Sl,0<«o«h O Sl, 0<«i w sl. 

(Ob bei üblichen Original- und Modell-Attribuierungen die nach 
den Definitionen 15 sowie 17 bis 20 errechneten Maßzahlen zwischen 
und 1 den vom jeweiligen Adäquations-Explikandum her erwarte- 
ten Graden entsprechen, z. B. nicht als zu stark nahe Null erscheinen, 
soll hier noch nicht näher erörtert werden. Es genügt, die Möglichkeit 
adäquater Maßbestimmungen nachgewiesen zu haben. Vielleicht er- 
geben sich aus der künftigen Praxis modelltheoretischer Adäquations- 
messungen weitere, für bestimmte Klassen von Original-Modell-Ab- 
bildungen geeignetere Normierungen, als sie oben zunächst getroffen 
wurden.) 

Definition 21. Eine dichostrukturelle, hypostrukturelle, ortho- 
strukturelle, isostrukturelle Abbildung F einer Prädikatklasse Pi auf 
eine Prädikatklasse Ps, deren Adäquationsmaß gleich 1 ist, heißt 
beziehungsweise dichomorpb, hypomorpb, orthomorph, isomorph. 
Man sagt in diesem letzteren Fall auch: F ist ein Dichomorphismus, 
Hypomorphismus, Orthomorphismus, Isomorphismus von Fi und Ps. 



Strukturelle Maße 331 

Für endliche Abbildungsbereiche verallgemeinert der modelltheoreti- 
sche Isomorphismusbegriff den üblichen mathematischen. Die auf 
S. 328 erwähnte größtmögliche, nämlich totale strukturelle Original- 
Adäquation liefe darauf hinaus, einen Isomorphismus der Struktur 
„der Wirklichkeit" und ihrer theoretischen Darstellung aufzufinden, 
d. h. formal: die prädikative Beschreibung „der Wirklichkeits- 
struktur" zu verdoppeln. 

Dem Fall, daß bei einer Modellierung die zwischen den beschrei- 
benden Prädikatklassen bestehende ikostrukturelle Abbildung F oder 
eine ihrer Unterarten das strukturelle Adäquations maß 1 erreicht, 
steht als anderes Extrem der Fall maximaler struktureller Original- 
verkürzung gegenüber. Er liegt vor, wenn das Modell aus genau einem 
Attribut, seine Beschreibung also aus genau einem {kodierten oder 
nichtkodierten) Prädikat besteht. Solche Modelle sollen Punktmodelfe 
heißen. Ist das Punkt-Modell-Prädikat ein Individuum, so werde das 
Punkt modell Atommodell (S. 143) genannt. 

Definition 22. Zwischen zwei Prädikatklassen Pi und Pa bestehe 
die ikostrukturelle Abbildung F. Sind die Individuenklassen ai und 
az miteinander identisch und bildet F jedes Individuum auf sich selbst 
ab, so wird F eine auto-ikostrukturelle Abbildung von Pi auf Pä {mit 
dem Grenzfall der auto-ikomorphen Abbildung) genannt. Entspre- 
chend ist unter der gleichen Voraussetzung der individuen-identischen 
Abbildung von der auto-dicbostnikturelkn (im Grenzfall auto- 
dichomorphen), auto-hypostrukturellen Abbildung usw. von Fi auf 
Pa die Rede. 

Danach ist auch klar, wann man von einem Auto-Ikomorphismus, 
Auto-Dichomorpfaismus usw. von Pi und Pz sprechen kann. 

Die für die ikomorphen Unterabbildungen eingeführten Formeln 
für strukturelle Adäquationsmaße vereinfachen sich zum Teil. So 
geht a Dicho über in 

[t/*i] s 



^Auto-DIcho : 



[«]■ 



Die strukturellen Maßbestimmungen lassen sich auf den Fall spe- 
zialisieren, daß alle oder ein Teil der Prädikate der das Original und 
das Modell beschreibenden Prädikatklassen räum- oder zeitmetrisch er 
Natur sind, z. B. Längenmaße, Flächen- oder Rauminhalte, Krüm- 
mungsmaße usw. im Sinne der euklidischen Geometrie betreffen. Bei 
solchen Prädikatklassen, die (teil-)metrisiert beißen mögen, gehen 



332 Maßbestünmungen 

häufig die strukturellen Adäquationen gemäß den Definitionen 15 
sowie 17 bis 20 in Maßstabsvergleiche über. Hierzu vergegenwärtige 
sich der Leser das im Abschnitt 2,1.4,4 {S. 154 f.) Ausgeführte. 

3.4.2 Kodemaße 

Definition 23. Set P eine Prädikatklasse mit der Kodierungsklasse 
C (S. 314)- Dann heißt das Maß 

rci 

[<*Codgr c (P) — ] tfCmjgr =' "Tpf" 

der Kodieningsgrad von P bezüglich C. 

Es ist 0^a Coigt ^l. Je nachdem, ob für eine Prädikatklasse 
a codgr = oder 0<Ä C(Mägc <l oder flcodgr = l ist, heißt die Prädikat- 
klasse beziehungsweise nichtkodiert, teilkodiert oder vollkodiert. 

Modellierungen von Originalen, die durch kodierte Prädikatklas- 
sen beschrieben werden, sind häufig mit Transkodierungen der origi- 
nalbeschreibenden in die modellbeschreibende Prädikatklasse ver- 
bunden. Daher ist es vorteilhaft, ein auf die Trans kodierung bezoge- 
nes Adäquationsmaß zu besitzen. 

Definition 24, Gegeben seien zwei Prädikatklassen Pi und Pa so- 
wie tue Transkodierung T aus der Transkodierungsklasse TK. Dann 
heißt das Maß 

[TKl 

[acodf (Pi, Ps) — ] ÖCod = JcTJ 7 fCa] 

die materiale Adäquation oder Kodeadäquation von f'i an Ps be- 
züglich T. 

Offenbar ist S a Cod i 1 . 

(Auch die Werte- Adäquatheit der Kodeadäquationsformel bedarf, 
entsprechend der Bemerkung auf S. 330 über die strukturellen Ad- 
äquationsmaße, der Überprüfung und gegebenenfalls einer praxis- 
orientierten Modifikation.) 

Es seien noch folgende Bezeichnungs weisen eingeführt; 

Definition 25. Seien wieder zwei Prädikatklassen Pi und Pz gege- 
ben. Dann heißt die Transkodierung T eine Realisierung von Pi bzw. 
eine Abstrahierung aus Pa, je nachdem ob 

ÖCodgTQ (Vi) < bzW. >OCadgs Ct (Us) 



Ausblick auf weitere Maßbestimmungen 333 

mit UiSPi als Abbildung» vorher eich und Uz^Pz als Abbildungs- 
nachbereich der zugrundegelegren ikostrukturellen Abbildung F von 
Pi in P z . 

Speziell soll T eine 

Teilrealisierung, 

Vollrealisierung, 

Teil abstrahierung, 

Voll abstrahierung 

heißen, je nachdem in dieser Reihenfolge 

Ui nichtkodiert und Uz teilkodiert, 
Ui nichtkodiert und Uz vollkodiert, 

U\ vollkodien und Uz teilkodiert, 

Ui vollkodiert und Uz nichtkodiert 
ist. 

Schließlich seien noch die im Abschnitt 2.1.4.2 (S. 152f.) eingeführ- 
ten wichtigen Grenzfälle der materialen Angleichung streng definiert: 

Definition 26. Seien Pi und Pz Prädikatklassen und T eine Trans- 
kodierung von Pi in Ps. Pi sei eine Beschreibung des Objekts Oi, Pz 
eine solche des Objekts Oz. Ist dann jedem durch äi kodierten Prädi- 
kat von Pi vermöge T ein neues Kodezeichen äz ( # äi) in Pz zugeord- 
net, so heißt Oz ein Analogmodell von Oi. Bleiben umgekehrt bei der 
Transkodierung T alle Kodezeichen der Prädikate von l'i erhalten, 
so wird Oz ein isohyles Modell von Oi genannt. 

Schließlich in Wiederholung der Bestimmung des Grenzfalls der 
totalen Angleichung gemäß 2.1.4.3 [S. 153 bzw. Hauptbegriff (11) 
von Tafel 2] die 

Definition 27. Ein isomorphes und isohyles Modell eines Originals 
heißt aquates Modell oder Kopierung dieses Originals. 

3.43 Ausblick auf weitere Maßbestimmungen 

Mit zunehmender disziplinarer Spezialisierung der Prädikatklassen 
zuzüglich ihrer Kodierungen wächst die Zahl der möglichen und in 
der wissenschaftlichen Praxis vielleicht hier und da faktisch getroffe- 
nen Maßbestimmungen sowohl bezüglich der für sich betrachteten 
Prädikatklassen und prädikativen Systeme als auch bezüglich des 
Vergleichs der m od eil beschreibenden mit der zugehörigen original- 



334 Maßbestimmungen 

beschreibenden Prädikatklasse. Hier wären nun im schrittweise spe- 
zialisierenden Anschluß an die Begriff sbestimmungen der Allgemeinen 
Modelltheorie die zahlreichen prädikativen Objektbeschreibungen 
der nach Methodologien unterschiedenen wissenschaftlichen und 
technischen Fachbereiche, Disziplinen und Unterdisziplinen zu cha- 
rakterisieren und, wo es f Order lieh scheint, spezielle strukturelle und 
materiale Adäquations -Maßfunktionen für den Original-Modell- Ver- 
gleich einzuführen. 

Aber auch auf der Betrachtungs ebene der Allgemeinen Modell- 
theorie sind weitere, in den vorangegangenen beiden Unterabschnitten 
nicht berücksichtigte Maßbestimmungen möglich, die sich besonders 
für allgemeine Systewtcharakterisierungen als fruchtbar erweisen kön- 
nen. Es sind dies vornehmlich Maßbestimmungen im Explikarions- 
bereich der Begriffe der Komplexität und des Informa ti onsgehalts * 
^Üerzu seien einige abschließende Bemerkungen zum Abschnitt 3.4 
angeführt, mit denen lediglich eine mögliche Richtung für weiter- 
führende Untersuchungen angedeutet werden soll. 

Einem Vorschlag von Moles und Schutzenberger 22 folgend, 
könnte man der statistisch (-syntaktischen) Informationstheorie ent- 
nommene Begriffsbildungen auf Attribut- bzw. Prädikatklassen und 
Modell -Original- Vergleiche anwenden, wo immer nämlich "Wieder- 
holungen „einander gleicher" Attribute (Prädikate) mit angebbaren 
Häufigkeiten stattfinden (vgl. die entsprechende Bemerkung auf 
S. 307 f.). Dies sei zunächst für die im Sinne der Theorie der semanti- 
schen Stufen nicht-semantischen {natürlichen oder technischen) Mo- 
delle angedeutet, und zwar der Einfachheit halber für Modelle, die 
sich strukturell durch Prädikatklassen der ersten prädikatenlogi sehen 
Stufe beschreiben lassen. Hat eine solche Prädikatklasse die allge- 
meine Gestalt P {1 ' n * ^aul« 1 ^ . . . ul« n , so läßt sich ihr {und damit 
dem beschriebenen Modell) als individuenbezogener syntaktischer 
Informationsgehalt der Maßwert 

j ( f U.*>) .__|«|. £p„-Up K 

zuordnen. Dabei bezeichnen f«J die Gesamtzahl der als Sequenz dar- 
gestellt gedachten durchnumerierten einander gleichen und von- 
einander verschiedenen Individuen der Attribut- bzw. Prädikatklasse, 
k die Mächtigkeit der Klasse der voneinander verschiedenen Indivi- 



22 A. A. Moles und A. Schutz ENB ERG er, 1955; vgl. auch A. A. 
Moles, 1958, i960, 1962, 



Ausbilde auf weitere Maßbestimmungen 335 

duen, d. h. der zufälligen „Individuen-Ereignisse" Ei, . . . , Et, und 
p„~p (E*) die auf ja| bezogenen relativen Häufigkeiten, mit denen 
die zufälligen Ereignisse in der Sequenz der Länge ja] auftreten 33 . 

23 Ohne zu große Weitschweifigkeit seien hier einige Grundlagen der 
Informationstheorie von C. E. Shannon u. W. Weaver, 1949, in wahrschein- 
lichkeitstheoretischer Fassung rekapituliert: X sei eine Grundmenge irgend- 
welcher Objekte und P (X) die Potenzmenge von X (die Menge aller Teil- 
mengen von X), Dann wird eine nicht leere Teilmenge S von P (X) eine a~ 
Algebra genannt, wenn 1. 5 abgeschlossen ist gegenüber der Differenz bildung 
und der Vereinigung abzählbar vieler Elemente aus S und 2, X s S ist. Sei auf 
5 eine Funktion p definiert, die die Eigenschaft der Total additi vi tat besitzt, 
für die also gesichert ist, daß für jedes System {Ei, E% . . .} paarweise dis- 
junkter Elemente Ex e S die Beziehung 

p{ U E»}= £p{Em) 

x — 1 x= 1 

erfüllt ist, und gelte schließlich: p(tj>} = und p (X) < +qo. Die Eh werden 
als zufällige Ereignisse, das geordnete Tripel [X, S, p] wird als Maßraum 
bezeichnet. Ist p durch die spezielle Normierung p (X) = 1 als "Wahrschein- 
lichkeitsmaß festgesetzt, so wird der Maßraum [X, S, p] zum Wahrschein- 
lichkeitsraum. 

Werde nun abkürzend p (Eh) =p*{x = 1,2,, ..} gesetzt, px ist interpretier- 
bar als die Waluscheinlichkeit für das Eintreten des zufälligen Ereignisses £*. 
Ist diese Wahrscheinlichkeit, etwa als relative Häufigkeit gedacht, sehr groß, 
so ist für ein die Nachricht „E* wird eintreten" empfangendes Subjekt nor- 
malerweise die mit dem Nachrichtenempfang verbundene Überraschung sehr 
gering, und umgekehrt. Das einfachste Maß dieser Überraschung, das offen- 
sichtlich gleichzeitig ein Maß der Unbestimmtheit des Eintretens von Ex ist, 
ist bekanntlich — log px und für den Logarithmus mit kleinster natüriieh- 
zahliger Basis —■ ld px. Es läßt sich sinnvoll auffassen als ein Maß des J«for- 
mationsgehaltes der {vor Eintreten von Ex empfangenen wahren) Nachricht 
„Ex wird eintreten". (Daß mit der Einbeziehung der Begriffe „Subjekt", 
„Überraschung" usw. die rein strukturell-syntaktische Ebene vorübergehend 
verlassen wurde, mag aus Verdeudichungsgründen gestattet sein.) 

Sei jetzt weiter Si eine endliche cr-Unteralgebra von S mit den zufälligen 
Ereignissen Ei, E%, , E*. Es werde dann eine Folge von V Elementen be- 
trachtet, die aus gleichen oder verschiedenen zufälligen Ereignissen von St 
aufgebaut sind; und zwar komme Ex genau px*U-mal {x = l,, . ,,k) vor. 
Damit ist der Informationsgehalt L der endlichen Ereignisse der Länge U 
definiert als k 

L = U-H mit H=- £ px • ld p*, 

wobei für px=0 per definitionern p**ld px=0 gesetzt wird. 

H liefert den mittleren Informationsgehalt je Zeichen. Dieser mittlere In- 
formationsgehalt je Zeichen und damit auch der Informationsgehalt der 
ganzen Zeichenreihe der Länge U ist am größten, wenn die px einander 



336 Mitbestimmungen 

Moles verwendet dieses Maß zur Quantifizierung der strukturel- 
len Komplexität eines technischen Objekts, etwa einer Maschine 24 . 
In der Tat kann die angegebene Formel, wie man sich überzeugt, 
einmal als Informationsmaß, zum anderen als Komplexitätsmaß inter- 
pretiert werden, da die informationstheoretische (Neg-) Entropie einer 
Nachricht der Länge j«| strukturell mit der Komplexität dieser Nach- 
richt bezüglich ihres Grundrepertoixes {Ei, . . . , Ek} zusammenfällt. 

Analog ließen sich für die zwei-, drei-, usw. stelligen Reationen 
zwischen den Individuen einer Prädikatklasse pi 1 < n > Inf or marlons- 



gleich, also alle Ereignisse gleichwahrscheinlich sind; und H sowie L 
sind am kleinsten, nämlich 0, wenn genau eines der p — 1 ist, mithin alle 
übrigen p verschwinden, wenn also Gewißheit über das Eintreten genau 
eines bestimmten Ereignisses besteht. 

24 Hierzu das von T. Maldonado u. G. Bonsiepe, 1964, p. 16 ff. an- 
gegebene Beispiel, hier mitsamt des Rechenganges entwickelt: Ein Gerät 
bestehe aus U=|a| =65 Einzelteilen, die einem Grundrepertoire von & = 37 
voneinander verschiedenen Elementen Ei, . . . ,Es7 entnommen sind. Es gelten 
die folgenden Häufigkeiten: Pi = l, Pe=4, P3=2, Fi=p5=Pe-=P7=Ps = l, 

P9 = 4, Pl0 = 2, Pu = Pl2 = Pl3 = Pl4 = l, Pl5 = Pl6 = Pl7 = Pl8 = PlS=2, PjS0 = 

Pai =Pas =F23 = Pm =Pas = F2« = P27 = 1, Pas= Päb =2, P3tt= Psi = Psss = P33= 1, 
P34=Ps5=2, Pa«=4, P37 = 8. 

P P 

Es ist pH = -77- = -£* Daher ergibt sich als individuenbezogenes struktu- 

relies Informationsmaß des Gerätes: 

37 
Io=-|*| • £ p*- ldp« 

v 65 65 65 65 65 65 65 65 

= 21 ■ (ld 65 -Id 1) +24- (Id 65 -Id 2) + 12- (ld 65 -ld 4)4-8- (Id 65-ld8) 
= 65 • Id 65 - 72 W 65 • 6,023 - 72 a 39 1,5 - 72 = 319,5. 

Verdeutlichende Extremalbetrachtu ngen : 

Unterer GrenzfalL Angenommen, eines der Einzelteüe des Repertoires, 

etwa Ei, kommt genau 65mal in dem Gerät vor, dann ist pi = -£=- =1 und 
p2=ps...=p37=0. Wegenpi-Inpi=l-lnl = istIo-=0. 

Oberer GrenzfalL Angenommen, sämtliche p* sind einander gleich, näm- 
lich pH — -=- (in diesem Fall ist p* allerdings nicht mehr als relative Häufig- 

37 ! l 

keit deutbar). Dann ist Jo = - 65 • E p*-ldp*= —65*37 ■ --=-'ld-r=- = 65 - 

Id 37 « 65 - 5,21 = 338,65. Diesem Wert kommt der für das ursprünglich vor- 
gegebene Gerät errechnete ziemlich nahe. 



Ausblick auf weitere Maßbestimmungen 337 

maße definieren. Man erhielte dann die relationenbezogenen syntak- 
tischen Informationsmaße von P (1 >">, in Zeichen: I v {P a > n >), wo 
v = 1, . - . , n die Stellenzahl des Relationentypus angibt. Wieder wäre 
natürlich, hier für jedes v, zu unterscheiden zwischen der Gesamt- 
zahl der durchnumerierten Prädikate und dem zugehörigen Reper- 
toire, hier dem jeweiligen Repertoire der zufälligen „Relationen-Er- 
eignisse". Schließlich könnte man in geeigneter, etwa additiver oder 
multiplikativer Form die Ein zelfor mein für I, {r = 0, 1, . . . , ») zusam- 
menfassen, um ein Gesamtinjormationsmaß von P* 1 -") zu erhalten. 

Von hier aus werden nun die Verhältnisse, auch bei Verbleiben 
auf der syntaktischen Ebene, rasch ziemlich verwickelt. Zum einen 
steht man vor der Frage des informations bezogenen M odeU- Original - 
Vergleichs. Wie soll der durch die Operationen Opf des Modell- 
Explikats (S. 323) erreichte Zuwachs an Modell-Information gegen- 
über dem Original formelmäßig erfaßt werden? Wie soll die Modell- 
Information mit der Original -Information verglichen werden, zumal 
für den Fall etwa der nicht-semantischen Modellierung semantischer 
Originale? Ferner wäre die Maßfunktion auf beliebige prädikaten- 
logische Stufenzahl zu verallgemeinern. Diese und weitere in diesem 
Zusammenhang auftretenden Probleme mögen sinnvoller Bearbeitung 
zugänglich sein. In dem vorliegenden Buch kann nur die Problematik 
als solche aufgezeigt werden. 

Dann weiter natürlich: Welche Möglichkeiten der Informations- 
maßbestimmung für Modelte und Modell-Original- Vergleiche erge- 
ben sich auf der semantischen und auf der pragmatischen Ebene ? Die 
semiotische Erweiterung über die syntaktische Ebene hinaus scheint 
auch schon für nicht-semantische Modelle sinnvoll; denn die Nach- 
richt, als die etwa ein technisches Modell betrachtet werden kann, ist 
selbstverständlich intetpretierbar mit Rücksicht auf inhaltliche Refe- 
renda der Zeichen und Zeichenklassen der Modellbeschreibung sowie 
mit Rücksicht auf den Empfänger der Nachricht und weitere prag- 
matische Momente. 

Natürlich gewinnen der semantische und der pragmatische Aspekt 
der Informationsmaßbestimmung von Modellen besondere Bedeutung 
für die im Sinne der Allgemeinen Modelltheorie semantischen Mo- 
delle 25 . Man kann auf derartige Modelle, z. B. auf erfahrungswtssen- 



25 Das hierzu Anzuführende kann natürlich insofern auch für die im 
Sinne der Allgemeinen Modelltheorie nicht-semantischen Modelle zum Tra- 
gen kommen, als jedes solche Modell in Gestalt seiner prädikativen Be- 
schreibung in ein semantisches Modell übergeführt werden kann. 



338 Maßbe Stimmungen 

schaftliche Theorien, natürlich auch rein syntaktische, insbesondere 
Symbol- und sptachstatis tische Verfahren ansetzen, etwa die Shan- 
NONsche Theorie (durch Einführung bedingter Wahrscheinlichkeiten 
und dergleichen) auf Wörter, Sätze und Satzfolgen (Texte) anwenden. 
Ein diesbezügliches strukturelles Inform ations maß für semantische 
Modelle ginge dann auf einen ähnlichen Ausdruck hinaus, wie er oben 
für r o(P (1,B) ) angegeben wurde. Den relationsbezogeaen Informa- 
tionsmaßen würden Formeln über sogenannte Kontext-Entropien 
entsprechen, deren Entwicklung vor allem in die Theorie der 
MARKOFFketten fällt. 

Der semiotiscb-semantiscbe Informationsgehalt von im Sinne der 
Allgemeinen Modelltheorie semantischen Modellen wird bei solchem 
Vorgehen noch nicht erfaßt. Hierzu wären sp räch bezogene Maßbe- 
stimmungen erforderlich, für die noch kaum Ansätze vorliegen. Ge- 
gebenenfalls könnte für solche Informationsmaßbestimmungen von 
der Theorie der semantischen Information von Bar-Hillel und 
Carnap 3 6 ausgegangen werden. Die genannten Autoren haben in 
Gestalt der Formel 

k 

est {inf, H, e) := £ c (h n> e) • inf (h Mf e) 
k 

= - £ c {b x , e) • In c {h„ e) 

ein Maß der Schätzung der ducchsghnirtJirhHi Me nge an semantischer 
Inf ormation . angegeben , die durch eine Klasse H von Ereignis-Hypo- 
thesen hi,...,h t m bezug auf eine (empirische) Prämisse e vermittelt 
wird 27 . Dieser Ausdruck entspricht strukturell der Shannon sehen 
Entropie. Der Vergleich der Bestätigungsfunktion c {b x , e) mit p {£„), 
wo die zufälligen Ereignisse E x eines Wahrscheinlichkeitsraumes 



26 Y, Bar-Hillel u. R. Carnap, 1953/54, Die in dieser Arbeit vorge- 
legte Theorie bietet allerdings wegen des rein extcnsiou3len Charakters der 
ilir zugrunde gelegten CAR.XAFsehcn induktiven Logik im Grunde nur wieder 
ein statistisch-syntaktisches Informatiansmaß (jetzt allerdings nicht als Ob- 
jekt-, sondern als mecasprachliches Prädikat eingeführt). Die eigentlich se- 
mantische Ebene im Sinne der Theorie der semantischen Stufen ist damit 
noch nicht erreicht. Auf die hier beginnenden recht tief liegenden Probleme 
im Übergang von der strukturell-symbolstatistischeii zur bedeutungsbezoge- 
nen Betrachtungsweise kann in diesem Buch nicht eingegangen werden. — 
Zur induktiven Logik vgl. R, Carnap u. W. Stegmüller, 1959. 

27 Man kann auch sagen: est (inf, H, e) liefert den mittleren semanti- 
schen Informationsgehalt je Ereignis -Hypothese. 



"Wichtige Modellarten 339 

[Xj S, p] Zh Aussagen über (empirische) Sachverhalte sind, läßt den 
Ausdruck H-est {inf, H, e) als semantisches Informationsmaß wenig- 
stens solcher (im Sinne der Allgemeinen Modelkheorie) semantischer 
Modelle geeignet scheinen, für die gilt: 1. Sie bestehen aus einer Klasse 
sich gegenseitig ausschließender Aussagen, 2. diese Aussagen beschrei- 
ben Ereignisse, von denen man exakt nur weiß, daß genau eines von 
ihnen eintreten wird. 

Die starken Voraussetzungen der Schätzungsformel (z. B. muß H 
exhaustiv bezüglich e sein) sollen hier nicht näher diskutiert werden. 
Selbstverständlich tritt wesentlich die Problematik der Bestimmung 
der Wahrscheinlichkeits- bzw. Bestätigungsfuuktion über dem vor- 
gegebenen Feld von „zufälligen Ereignissen", d. h. hier von Hypothe- 
sen auf, ganz zu schweigen von der Begrenztheit des vorausgesetzten 
Modelltyps. Überdies steht man wieder vor der Frage des informatio- 
nellen Modell-Original- Vergleichs und vor der Aufgabe, die angege- 
bene Formel nach der Stellenzahl des Relationentyps zu verallge- 
meinern, was eng mit dem seinerseits noch keineswegs befriedigend 
gelösten Problem der sogenannten Bedeuningspostulate zusammen- 
hängt. Außerdem ist die Dürftigkeit der zugrunde gelegten Modell- 
sprache L* zu beachten. 

Bezüglich der Info rmations maß bestimrnungen auf der pragmati- 
schen Ebene sei abschließend auf einen bereits in anderen Zusammen- 
hängen erwähnten Ansatz zur Bestimmung eines pragmatischen Inf or- 
mationsmaßes von Nachrichten auf motivations-, nutzen- und spiel- 
theoretischer Grundlage hingewiesen 2ä . Dieses Informationsmaß ist 
auf den Nachrichten empfänger und seine motivationsbedingte Ziel- 
außenwelt bezogen und stellt eine Verallgemeinerung des vorangehend 
angedeuteten „semantischen" und des syntaktischen Informations- 
maßes dar. 

3.5 "Wichtige Modellarten 

Auch die Ausführungen dieses Abschnitts müssen sich im vorlie- 
genden Rahmen auf einige kurze Andeutungen beschränken. Diese 
betreffen lediglich die zu den 12 Explikationsbestimmungen des Mo- 



28 In C arn aps induktiver Logik entspricht die Menge der Basissätze 
des Sprachsystems L" der Grundmenge X, die Menge aller konjunktiven 
Verknüpfungen von Elementen aus X, also die Menge aller Sätze von L", 
dem Mengensystem S und die c-Funktion der Wahrscheinlichkeitsfunktion p, 

23 P. Gang, 1967 (Anm. 21, S. 326). 

22 Stachüwuk, Modtlltheoritf 



340 Wichtige ModeUatten 

dellbegriffs hinzutretenden Speztalisierttngsbedingungen, die den all- 
gemeinen Modellbegriff auf die jeweils zu charakterisierende Modell- 
art einengen. Damit soll in einer ersten Näherung das Bindeglied 
zwischen der Allgemeinen Modelltheorie und den aus verschiedenen 
wissenschaftlichen und technischen Gründen wünschenswerten spe- 
ziellen Modelltheorien hergestellt und dazu angeregt werden, den 
Auf- und Ausbau solcher spezieller Modelltheorien, zu denen es der- 
zeit nur sporadische Ansätze gibtj zu intensivieren, 

3.5.1 Dynamische Modelle 

Unter einem dynamischen Modell wird ein zeitabhängiges niebt- 
setniotischesy d. h. der nullten semiotischen Stufe O (S. 316) ange- 
hörendes Objekt O2 verstanden, das ein Modell eines gleichfalls zu O 
gehörigen zeitabhängigen Originals Oi ist. Die Oi und O2 erstellenden 
Attributklassen sind attributive Systeme, die nur aus Attributen null- 
ter und erster Stufe bestehen. Die Oi und O2 beschreibenden Prädikat- 
klassen sind daher prädikative Systeme erster Stufe, beziehungsweise 
mit Si ll * B i> und Sa* 1 '*«' bezeichnet. Dabei heißt ein attributives Sy- 
stem (erster Stufe) zeitabhängig (oder dynamisch), wenn wenigstens 
ein Element aus der Gesamtklasse seiner Individuen, Eigenschaften 
und Relationen zeitabhängig ist, also Veränderungen in der Zeit er- 
fährt, die sich auf seine Struktur und/ oder sein Input- Output- Verhal- 
ten beziehen. Für die beschreibenden Systeme Si (l,1, i' und Sa tl,fl i) be- 
deutet dies, daß in mindestens einem Prädikat pi von Si (1 - n i l und in 
mindestens einem Prädikat p% = F (pi) von Sa (1 >"i> mit 

ein Zeitparameter auftritt. 

Modelle komplexer dynamischer Systeme mit nicht zu geringer 
struktureller Originalverkürzung werden durch prädikative Systeme 
mit zumeist zahlreichen zeitparametrigen Prädikaten beschrieben. 
Diese letzteren können oft in wohlabgrenzbare Unters yste nie zusam- 
mengefaßt werden. 

"Weitere Begriffsbestimmungen innerhalb des dynamischen Sy- 
stem- bzw. Modelltyps spezifizieren vor allem die offenen Systeme 
und ihre dynamischen Modelle, Hier setzen z. B. Untersuchungen im 
Rahmen der General System Theory (L. VON Bertalanffy 30 ) ein, die 



30 Vgl. die Veröffentlichungen in dem von L. von Bertalanffy ü. 
A. RapopoRT herausgegebenen Yearbook (Anm. 5, S. 310), 



SimulaüonsmodeHe 341 

sich mit Fragen der Finalität und Äquifinalitat, der Anpassung, Inte- 
gration und Differenzierung, der Zentralisation und Dezentralisation, 
des Wachstums, des Verfalls usw. von Systemen beschäftigen. 

3.5.2 Kybernetische Modelle 

Unter einem kybernetischen Modell {im engeren Sinne) wird ein dy- 
namisches Modell eines kybernetischen attributiven Systems verstan- 
den. Dabei heißt ein attributives System Oi kybernetisch, wenn 1. 
wenigstens eine {nicht leere) Teilmenge der Individuenmenge von Oi 
aus Individuen besteht, die zeitaktive Elemente sind, denen also zeit- 
abhängiges Input-Output-Verhalten zukommt, und 2. Oi ein stabiles 
— ergodisches — System ist, d. h. ein solches, das, wenn es sich nicht 
bereits im Gleichgewicht befindet, mit jeder {innerhalb seines Stabili- 
tätsbereichs beginnenden) Zustandsfolge einem Gleichgewicht zu- 
strebt. 

Notwendige Bedingung für die Stabilität von Oi ist die Existenz 
wenigstens einer Rückkopplung in Oi, d. h. wenigstens einer ge- 
schlossenen Kette von zeitaktiven Elementen derart, daß Outputs 
eines Elements dieser Kette Inputs eines in derselben Kette vor ihm 
hegenden Elements sind. Bei stabilen Systemen müssen die Rück- 
kopplungen störungskompensatorisch sein 31 . 

Kybernetische Modelle attributiver kybernetischer Systeme sind 
häufig physikotechnische kybernetische Modelle, die ihre Originale 
beträchtlich verkürzen. {In einem weiteren Sinne könnten natürlich 
auch semantische und graphische Modelle von attributiven kyberne- 
tischen Systemen zu den kybernetischen Modellen gerechnet werden, 
wenn sie wesendiche kybernetische Original- Beschaffenheiten adäquat 
repräsentieren. Da es jedoch schwierig und wenig ergiebig scheint, 
Kriterien der Ausgrenzung der „kybernetischen" unter den semanti- 
schen bzw. graphischen Modellen aufzustellen, sollte der engere 
Sprachgebrauch bevorzugt weiden.) 

3.5.3 Simulationsmodelle 

Simulation im weiteren Sinne ist die im allgemeinen stark verkürzende 
Nachbildung eines (dynamischen) Originals unter Änderung wenig- 
stens eines Teils seiner materialen Beschaffenheiten. Simulation im 



31 Näheres bei O. Lange {1962, 1965, 1969), dem eine mathematische 
Theorie der dynamischen, speziell der kybernetischen Systeme zu danken ist. 



22« 



342 Wichtige Modellarten 

engeren Sinne ist auf kybernetische Originalsysteme {vgl. 3.5.2) be- 
schränkt. Dementsprechend wird unter einem Simulationsmodell im 
engeren Sinne ein — im allgemeinen sein Original stark verkürzendes 
— (kybernetisches) Modell eines kybernetischen Originals verstanden, 
das zumindest teilkodiert {S. 332) ist und eine nur geringe Kodead- 
äquation zum Original aufweist. Von einem Simulationsmodell im 
engsten Sinne mag gesprochen werden, wenn die üihaltlich-analogi- 
sierende Bedeutungsübertragung von den Original- zu den Modell- 
attributen bei den original- bzw. modellbeschreibenden prädikativen 
Systemen ihren formalen Ausdruck in der Umkodierung aller kodier- 
ten Prädikate des Vorbereichs der zugehörigen ikostrukturellen Ori- 
ginal-Modell-Abbildung findet, wenn es sich bei dem Modell also um 
ein Analogmodell seines Originals handelt. 

Die Erzeugung von Simulationsmodellen und das Operieren an 
solchen Modellen werden häufig nicht unmittelbar von den modellie- 
renden K-Organismen, sondern von zwischengeschalreten automati- 
schen Simulatoren geleistet, Analogsimulatoren erzeugen Simulations- 
modell-Fo/gew, die kontinuierlich sich ändernde Originalsysteme ab- 
bilden. Digitalsimulatoren leisten die Abbildung ihrer Originale (die 
selbst z. B. pbysikotechnische kybernetische Funktionsmodelle bio- 
kybernetischer Systeme sein können) mit Hilfe von Digital-Com- 
puter-Programmen. 

Eine andere Einteilung der Simulatoren richtet sich nach den 
verschiedenen Werten des Zeitmaßstabes mt bezüglich des simulierten 
und des simulierenden Systems. Für na = 1 spricht man von Echtzeit- 
Simulatoren, für ntt $ 1 kann von Zeitraffer- bzw. Zeitlupen-Simula- 
toren gesprochen werden. 

Unter den auf der Grundlage der Allgemeinen Modelltheorie auf- 
zubauenden speziellen Modelltheorien dürfte besonders eine Theorie 
der Simulation zu den dringendsten methodologischen Desiderata 
der gegenwärtigen Forschung gehören. Zahlreiche diesbezügliche 
Einzelarbeiten drängen auf vereinheitlichende Zusammenfassung 
strukturell miteinander zusammenhängender Erfahrungs- und Unter- 
suchungsergebnisse. Von hier aus könnten regionale Theorien der 
Simulation im engeren, kybernetischen Sinne entwickelt und mit 
zugehörigen Entscheidungstheorien unter applikativ-werttheoreti- 
schen Gesichtspunkten verknüpft werden 32 . 



32 Beispielsweise rindet man Ansätze zu einer Theorie Politohgischer 
Simulation (mit einer Subtheorie der Simulation internationaler Prozesse) 
bei L. Kern und H.-D. RÖnsch, 1972. 



Anhang I 

zu Abschnitt 1.4 

Glossarium zum K-Modell 
(Verweisungszeichen: -*) 

Die folgenden 18 Stichwort-Erklärungen schließen sich eng an die Stich - 
wortbearbeitungen des Verfassers im Lexikon der kybernetischen Pädago- 
gik, hrsg. von L. Englert et a!., 1966, an. Zu den angegebenen Schriften 
vgl. das Literaturverzeichnis S. 363 — 383, 



Außenwelt 

Die von einem Menschen oder all- 
gemeiner einem ** K-Organismus 
aus der diesem überhaupt zugäng- 
lichen Gesamtheit materieller Infor- 
mation (-*■ Information, materielle) 
jeweils perzipierte Signal- Konstella- 
tion im Gegensatz zur Innenwelt" 
des Organismus, die aus dem Ope- 
rationsbereich der „Gegenw'ärü- 
gung" dieses Organismus, zuzüglich 
seiner Speichersysteme (Kurzzeit- 
gedächtnis; Langzeitgedächtnis: -> 
Speichertheorie des Gedächtnisses) 
und seines Steuertmgssystems der 
Motive (-*■ Motsvator), besteht. 

Informationspsychologisch setzt 
sich die A. eines K-Organismus aus 
einer subjektiven und einer objek- 
tiven oder „meta subjektiven" Kom- 
ponente zusammen. Die subjektive 
Komponente stellt sich dar als die 
Gesamtheit der von dem Organis- 
mus in jedem Zeitpunkt (hinrei- 
chend kleinen Zeitintervall) perzi- 
pierten (-*■ Petzeptor) Signale der 
Form F (<j„ q t , <? s , t), wo die q t 
(i = 1, 2, 3} drei voneinander unab- 



hängige Ortskoordinaten und t die 
Zeitkoordinate bezeichnen. Als ob- 
jektive oder „metasubjekrive" A.- 
Komponente gilt „die" hypothetisch 
angenommene umfassende Signal- 
quelle der dem Perzipienten „gegen- 
überstehenden" und insofern „ge- 
genständ! ichen u 3 „objektiven" Welt, 
welcher die einzelnen, jetzt und hier 
perzipierten Signal-Konstellationen 
entstammen. 

Die Ergänzung des subjektiv-per- 
zeptuellen Aspekts der A. durch 
Hinzunahme eines metasubjektiven 
Gesichtspunktes empfiehlt sich im 
Hinblick auf die Aktionen, mit de- 
nen der K-Organismus auf Grund 
vorangegangener -*■ Handlungsanri- 
zipationen seine A. ändert. Diese 
erscheint somit (etwa im Blick auf 
die Widerstände, die sie den Aktio- 
nen des Organismus entgegensetzt) 
als „Wirklichkeit", d h. als zum 
Teil von dem betrachteten Organis- 
mus unabhängige und zum Teil 
eigenen Ordnungen folgende Signal- 
quelle. Mit dieser kommuniziert in- 
des der K-Organismus informatio- 
nell und energetisch in einer Weise, 



344 



Glossarium zum K-Modeli 



welche die den meisten Erkenntnis- 
theorien eigentümliche Subjekt-Ob- 
jekt-Diehotoraie als künstlich er- 
scheinen läßt. Die Kommunikation 
des K" Organismus mit seiner A. 
kann durch ein Regelkreis-Modell 
mit der A. als Rückkopplungsglied 
simuliert werden. 

Außen weltmodell, internes 
Vom —>■ Perzeptor eines ~> IC-Orga- 
nismus in jedem Perzeptionsmo- 
ment (subjektivem Zeitquant) auf- 
gebautes und ständigen Korrektu- 
ren unterworfenes, dabei motivatio- 
nal f-* Motivator) bedingtes und 
von Operatorfunktionen (—*■ Ope- 
rator) abhängiges Modell der -*■ 
Außenwelt dieses Organismus. 

Das i, A. setzt sich aus internen 
Partialmodellen oder Perzeptions- 
formen (H. Frank, K. Steinbuch) 
zusammen, die der Organismus in 
Lernprozessen aufgebaut und ge- 
speichert hat. Die Parti almodelle 
der Außenwelt sind im Modell 
sensorische Elementarinvarianten 
der Perzeption und gleichzeitig die 
(irreduziblen) Bedeutungselemente, 
aus denen sich die semantische 
Sphäre (-*■ Sphäre, semantische) des 
K- Organismus konstituiert. 

Der Aufbau von i. A. läßt sich im 
(n achrichten-) technischen Modell 
mittels Steinbuchs eher Lernmatri- 
zen simulieren. 

Denken, operationaies 

Prozeß der an das Operieren mit 
Zeichen (für etwas) gebundenen, 
sich also in der semantischen Sphä- 
re (— *■ Sphäre, semantische) vollzie- 
henden Informationsverarbeitung 
innerhalb „höherer" (denkender, 
lernender und handlungsmotivierter) 
Organismen (-* K-Organismus) 
zwecks Gewinnung von -#• Hand- 



lungsantizipationen zur zielgerichte- 
ten eigenaktiven Außenweltverände- 
rung (-*■ Außenwelt). 

In kybernetisch -informarionstheo- 
retischer Betrachtung besteht das 
ope rationale (problemiö sende, pro- 
duktive) Denken eines Menschen in 
Operationen (-*- Operator) seines 
Gegen wärtigungsbereidis, die nach 
„pragma"- bzw. „infraiogi sehen" 
Regeln (zur „Pragmalogik" vgl. 
Eichhorn, G., 1961; zur „Infra- 
logik" vgl. Moles, A. A., 1964) ge- 
wisse problemadäquat vorbereitete 
Semantemenfelder (Moles) durch 
kombinatorische Neuverknüpfung, 
Umstrukturierung und „Superie- 
rung" (vgl. Frank, H., 1964) der 
Feldelemente nach einem motivatio- 
nalen -+- Superprogramm umgestal- 
ten. Die dem Gegenwärtigem gs- 
b ereich zugeleitete Information ent- 
springt teils der Außenwelt des 
Menschen (exterozeptive, aber auch 
propriozeptive und enterozeptive 
Information), teils seinem Gedächt- 
nis (Kurzzeitgedächtnis; Langzeit- 
gedächtnis; -» Information, memo- 
riale) und teils dem Steuerungs- 
system der Motive (-*■ Information, 
motiozeptive). Ziel der motivgesteu- 
erten Semantemenfeld -Operationen, 
insbesondere der Operationen an 
internen Außenweltmodellen (-^ 
Außenweltmodell, internes), ist die 
Gewinnung von Voraussagen und 
Handlungsart rizipationen. 

Die strukturfunktionale und quan- 
titative Analyse von Denkprozessen 
bereits auf der gegenwärtig mög- 
lichen Stufe wissenschaftlicher Mo- 
dellbildungen legt die maschinelle 
Simulation wenigstens bestimmter 
einfacher Arten des o. D. nahe. In 
diesem Sinne lassen sich die für 
Menschen geprägten informations- 
psydiologischen Begriffe so verall- 



Glossarium zum K-Modell 



345 



gemeinem, daß sie für natürliche 
und künstliche (insbesondere physi- 
kotechnisdie) Organismen der K- 
Klasse gelten. 

Effektor 

Allgemein bei höheren Lebewesen 
ein Teilsystem des von den motori- 
sehen Zentren des Großhirns her 
über "Nervenbahnen gesteuerten 
Muskelapparates. 

Im Sinne des psychokyberneü- 
schen Modells eine Funktionsein- 
heit des —*■ JC-Organismus, mittels 
welcher die Gesamtheit der vom 
->- Operator als -* Handlungsanli- 
zipationen aufgebauten motorischen 
Programme (-*■ Programm, motori- 
sches) zum Zwecke der zielgerichte- 
ten Veränderung der •* Außenwelt 
des Organismus realisiert wird. 

Beim Menschen ist unter dem 
funktionellen Begriff des E. die Ge- 
samtheit derjenigen Muskeltätigkei- 
ten zusammengefaßt, welche der 
motiverfüllenden („motivdruckredu- 
zierenden"} Außen wel [Veränderung 
dienen. Gewisse der über die soge- 
nannten Pyramidenbahnen des Ner- 
vensystems willkürlich gesteuerten 
Aktionen können im Verlaufe von 
Lernprozessen zu unwillkürlichen 
Muskel tatigkeiten (Bewegungsab- 
läufen) werden, deren Steuerung 
über die extrapyramidalen Bahnen 
erfolgt. Das extrapyramidale Sy- 
stem führt so zur Entlastung des 
mit ihm aufs engste korrespondie- 
renden pyramidalen Systems. 

Im technischen SimulationsmodeU 
des mit seiner Außenwelt kommu- 
nizierenden JC-Organismus wird der 
E. durch Energie- und/oder Mate- 
rialmaschinen dargestellt, deren 
außenweltverändernde Wirkungen 
vom Operator her programmiert 
sind. 



Handlungsantizipation 

Vorentwurf einer bestimmten moti- 
vational bedingten (-*■ Moüvator) 
Zielaußenwelt (-*■ Außenwelt) eines 
K-Organismus durch den {-*■ Ope- 
rator dieses) Organismus und Fixie- 
rung eines motorischen Programms 
(-*■ Programm, motorisches), durch 
dessen Realisierung der -* Effektor 
des Organismus diese Zielaußen- 
welt herzustellen sucht. 

Der Begriff der Antizipation spielt 
in der allgemeinen Denkpsychologie 
eine grundlegende Rolle, „Antizi- 
pation" bedeutet hier die „Vor- 
wegnahme" einer das Denken (und 
bereits auch das Wahrnehmen} 
orientierenden Zielvorstellungj ge- 
nauer: den Aufbau eines Systems 
notwendiger Bedingungen, denen 
das dann speziell erarbeitete Denk- 
resultat zu genügen hat. Dieses Sy- 
stem von Bedingungen oder Krite- 
rien, welches dem Denken im all- 
gemeinen große Freiheits spiel räume 
beläßt, kann als operatives (und 
prospektives) Rahmenmodell für 
die jeweilige Klasse „äquif malet" 
Denkprozesse betrachtet werden. 

Information, materielle 

Die Gesamtheit der von einem -* 
MoLESschen Organismus in jedem 
Zeitelement der -* Perzeption emp- 
fangenen (noch nicht als semantisch 
belegt gedachten) Signale und Signal- 
konstellationen aus der -*■ Außen- 
welt des Organismus. 

Diese Signale und Signal kons tel- 
lationen der m. I,, nach W. Meyer - 
Eppler: der Substanz der Informa- 
tion, gelten als Träger der semanti- 
schen Information, nach W. Meyer- 
EppLERr der Form der Information, 
Durch semantische Belegung, d. h. 
Zeichenbesetzung, der Einheiten der 
m. I. konsumiert ein Perzipient sei- 



14* 



Glossarium zum K-Modell 



ne semantische Sphäre [** Sphäre, 
semantische). Vgl. Meyer-Eppler, 
W., 1959. 

Information, memoriale 

Die dem Gedächtnis (Kurzzeitge- 
dächtnis; Langzeitgedächtnis) eines 
Menschen oder allgemeiner dem 
Informationsspeicher des -*■ Opera- 
tors eines K-Organismus entstam- 
mende, vom Gegenwärt'tgungsbe- 
reick des Menschen bzw. des K-Or- 
ganismtts abgerufene und im Ge- 
genwärtigungsbereich verarbeitete 
Information. 

Entsprechend dem K-Modell des 
operationalen Denkens [-+■ Denken, 
operarionales) ist die der obigen 
Erklärung zugrunde liegende Vor- 
stellung funktionell zum Teil am 
Aufbau digitaler Informationsverar- 
beitungsanlagen orientiert. Das in- 
formationelle Zusammenspiel zwi- 
schen Rechen- und Speicherwerk 
einer Digitalanlage wird dem Zu- 
sammenspiel analog gesetzt, das 
zwischen dem operativen (Denk-) 
Zentrum ( Gegen wärtigungsbereich) 
des Menschen und seinem Gedächt- 
nis besteht. 

Information, motiozeptive 

Die vom motivationalen Steue- 
rungszentrum des Zentralnerven- 
systems eines Menschen oder all- 
gemeiner vom -*■ Motivator eines 
*■*« K-Organismus an den Gegen- 
wärtigungsbereich des Menschen 
bzw. des K-Organismus geleitete 
(in bezug auf den Gegenu/ärtigungs- 
bereich afferente) und operational 
verarbeitete Information. 

Der Gegenwärtigungsbereich als 
operatives Zentrum des K-Organis- 
mus wird aus drei Quellen mit In- 
formation versorgt: (1) aus der 
(subjektiven Komponente der) -*- 



Außenwelt des Organismus, (2) aus 
dem -*- Gedächtnis (Kurzzeitge- 
dächtnis; Langzeitgedächtnis) und 
(3) aus dem Steuerungssystem der 
Motive. Entsprechend sind die fol- 
genden, bezüglich des Gegenwärti- 
glingsbereichs afferenten Inform a- 
rionsübertragungskanäle zu unter- 
scheiden: (1) die über den •*■ Per- 
zeptor geleiteten (la) exterozepti- 
ven, (lb) propriozeptiven und (lc) 
enterozepriven Ubertragungskanäk, 
ferner (2) der memoriale Übertra- 
gungskanal und (3) der motiozepti- 
ve Übertragungskanal, sämtlich als 
funktionelle Systemeinbdten aufge- 
faßt. 

Die m. I, beinhaltet die Program- 
me, meist ~* Superprogramme, für 
die Operatorfunktionen (-*- Opera- 
tor). 

K-Organismus 

Ein -*■ MoLESscher Organis mus s der 
die Funktionseinheiten-* Perzeptor, 
«■» Motivator, <•* Operator und -*■ 
Effektor umfaßt (ausführlicher auch 
MoLESsefcer Organismus der K- 
Klasse genannt). 

Das Zusammenspiel der angege- 
benen, der Reihe nach mit P, M, O 
und £ bezeichneten Funktionsein- 
heiten sowie die Kommunikation 
des aus diesen Funktionseinheiten 
aufgebauten K-O. mit seiner -*• 
Außenwelt A beschreibt in einer 
ersten Näherung Schaubild 1, S. 73. 

Jeder erwachsene Mensch, des- 
sen psychische Eigenschaften nicht 
wesentlich von der statistischen 
Norm abweichen, ist hiernach ein 
K-O., desgleichen jedes strukturell 
hinreichend dem Original adäquate 
physiko technische Simulationsmo- 
dell natürlicher Organismen, soweit 
deren Verhalten durch Motivation 
und Denken bestimmt ist. 



Glossarium zum K-Modell 



347 



Molesst her Organismus 

Von A. A.Moles eingeführter Ober- 
begriff für natürliche und künst- 
liche informationelle Systeme hoher 
struktureller und/ oder funktioneller 
Komplexität. 

Vgl. Moles, A. A., 1960, 1962, 

Motivator 

Aus der quantitativen Motivations- 
Psychologie einerseits und der infor- 
mationstheoreliscb-kybemetischen 
Nachrichtentechnik andererseits ent- 
wickelte Funktionseinheit des -* K- 
Orgamsmus, Im Zusammenwirken 
mit den Funktionseinheiten des -*■ 
Ferzeptors und des -*■ Operators er- 
möglicht der M, die zielgerichtete 
Verarbeitung der perzeptuellen Em- 
gangsinformation des Organismus 
zu -*■ Handlungsantizipationen, die 
von dem Organismus in motorische 
Programme (-*■ Programm, motori- 
sches; -*> Effektor) zur Veränderung 
der -*■ Außenwelt umgesetzt wer- 
den. 

Der M- ist bei natürlichen Orga- 
nismen der K-Stufe ein natürliches, 



bei künstlichen Organismen dieser 
Stufe ein künstliches (technisches) 
System. Es spezifiziert im ersten 
Falle die Reiz-Reaktion -Beziehung 
R = f(0, S), in der „O" für «Orga- 
nismus", „S" für „Stimulus -Situa- 
tion" und „R" für „Reaktion" 
steht, und im zweiten Falle die In- 
put-Ourput-Beziehung des zugehö- 
rigen pbysikotechnischen Modells. 
In Anlehnung an die quantitative 
Motivationstheorie R. B. Catteixs 
ist der M. aus dynamischen Struk- 
tur faktoren (Ergs und Engrammen} 
aufgebaut, die vom Perzeptor her 
durch eine Serie situationsbedingter 
Stimulus -Indizes aufgeladen wer- 
den. Der hierdurch erzeugte La- 
dungsvektor (das Motivationsereig- 
nis) wird in einen Motivations vek- 
tor (eine Motivationsform) trans- 
formiert, der seinerseits ein Opera- 
torprogramm auslöst. Das folgende 
Blockdiagramm veranschaulicht nä- 
herungs weise den informationellen 
Zusammenhang des homöostati- 
schen Systems, das der M. mit 
dem Perzeptor und dem Operator 
bildet: 



m 



— Aßifi-jmk 



r ^.sj i -Aii-iT 



w »%«fär 



\i'fj f/Vf/zmm \ 



AfcflMtü," 



M A t 



m **..■. 



m ■»..: 



W) 



Erklärungenr 
1: Aus der Außenwelt stammende 
materielle Eingangsinforma- 
tion (-*- Information, materiel- 
le) für den Perzeptor. 



Aufbau von internen Perzep- 
tions-Außenweltmodellen (F.- 
AWM.; ~+ Außen weltmodeU, 
internes) im Perzeptor. 






Glossarium zum K -Modell 



3: Bj bezeichnet die Serie der In- 
dizes, welche die zum P.- 
AWM. gehörige Stimulus-Si- 
tuation charakterisieren und 
die Aktualisierung („Aufla- 
dung") der dem K- Organismus 
eigentümlichen (motlv-)dyna- 
mischenen Strukturfaktoren lei- 
sten. 

4: Ai bezeichnet das Spektrum 
der (motiv-) dynamischen Struk- 
turfaktoren des K-Organismus, 
die beim Menschen dessen 
„Persönlichkeitsprofil" bilden. 

5: in/i bezeichnet das durch „Auf- 
ladung" der Aj mittels einer 
Serie Bi entstandene Motiva- 
tionsereignis, auch Ladungs- 
vektor genannt. 

6: n/i bezeichnet diejenige je spe- 
zielle Motivationsform (aus 
dem lernend aufgebauten und 
im M. gespeicherten Repertoire 
von unterscheidbaren Motiva- 
tionsklassen des K-Organis- 
mus), welcher in einem wohl- 
definierbaren Sinn das Motiva- 
tionsereignis am ähnlichsten 
ist. 

7: Auslosung eines bestimmten 
Operation alen Programms (aus 
einem lernend aufgebauten und 
gespeicherten Gnindrepertoire 
von Operationsprogrammen), 
das zumeist ein -*■ Superpro- 
gramm ist und als solches den 
Operationen heuristische Frei- 
heitsspielräume bietet. 

8: Das eigentliche operative 
(Denk-) Zentrum, funktionell 
verstanden als Gesamtheit der 
„Manipulationen" an den vom 
Perzeptor durchgemeldeten 
Außenweltmodellen. 

9: Die Gesamtheit der mit dem 
Operation alen Programm ver- 



koppelten Kriterien, die das 
Ziel- Außenweltmodell (Z.- 
AWM.) zu erfüllen hat, um 
die motivationsadäquate Hand- 
lungsantiziparion „abzuwer- 
fen". 

10: Handlungsantizipatorische Ein- 
gan gsinformation für den Ef- 
fektor zur Auslösung von mo- 
torischen Programmen mittels 
deren die Außenweit zielgerich- 
tet verändert wird. 

Die sich eng an das von K. Stein- 
buch und H. Frank entwickelte 
Perzeptionsmodell anlehnende nach- 
richten technische Realisation der 
M, -Funktionen ist mittels Stein - 
BUCHscher Lernmatrizen möglich. 
Vgl. Cattell, R. B., 1957; Stein- 
buch. K., und Frank, H., 1961; 
Steinbuch, K., 1961. 

Operator 

Funktionseinheit des -*- K-Organis- 
mus, zu welcher die Gesamtheit der 
Prozesse des operationalen Denkens 
(-*■ Denken, Operationales) dieses 
Organismus zusammengefaßt wird. 

Der O. bildet zusammen mit den 
Funktionseinheiten des -*■ Perzep- 
tors und des -*■ Motivators ein 
wechselseitig adaptives Informa- 
tionsverarbeitungssystem. Funktio- 
nell fällt der O. mit dem Gegen - 
wärrigungsbe reich zuzüglich eines 
Systems von Informationsspeichern 
£-*■ Speichertheorie des Gedächtnis- 
ses) des K-Organismus zusammen. 
Der O. leistet die von der Motiva- 
tion des Organismus abhängige 
„Manipulation" der vom Perzeptor 
aufgebauten internen Außenwelt* 
modelle (-*■ Außenweltmodell, in- 
ternes) zum Zwecke der Gewin- 
nung von Voraussagen und -*■ Hand- 
lungsantizipationen, die durch mo- 



Glossarium zum IC-Modell 



349 



torische Programme (-*- Programm, 
motorisches} vom Effektor verwirk- 
licht werden. Jene „Manipulatio- 
nen" umfassen dabei alle Arten des 
operationalen Denkens einschließ- 
lich derjenigen des induktiven und 
des deduktiven Schließens. Die Er- 
setzung und „Verstärkung" zahl- 
reicher Arten menschlicher O. -Funk- 
tionen durch entsprechende Funk- 
tionen technischer Datenverarbei- 
tungsanlagen ist ein mit wachsen- 
dem Erfolg praktiziertes Hauptpro- 
gramm der Automationstechnik. 
Hinreichend universell konstruierte 
(digitale) Information sveraibeitungs- 
anlagen lassen sich als technische 
Siraulationsmodelle menschlicher 
operationaler Denkprozesse auffas- 
sen. Zu unterscheiden sind dabei 
deterministische und stochastische 
Frozesse. Während bei den erste ren 
die von der Eingangsinformation 
abhängige Operationenges amiheit 
stets zu eindeutigen Resultaten 
führt, folgen die Operationen der 
letzteren "Wahrscheinüchkeitsgeset- 
zen (z. B, bei Komponier maschinen). 

Perzeptor 

Funktionseinheit des -*■ K-Organis- 
mus, zu der die Gesamtheit der 
perzeptuellen Prozesse dieses Orga- 
nismus zusammengefaßt wird. 

Der P. als eines der beiden Rand- 
organe des IC- Organismus leistet 
den von Morivator- und Operator- 
funktionen (-*■ Morivator; ■=» Ope- 
rator) abhängigen Aufbau der inter- 
nen Außenweltmodelle (-*■ Außen- 
weltmodel!, internes) des Organis- 
mus und deren Durchmeldung zur 
weiteren Verarbeitung an den Ope- 
rator. Die drei Funktionseinheiten 
bilden zusammen ein wechselseitig 
adaptives Informationsverarbei- 
rungssystem. Die menschlichen Per- 



zeptionsprozesse lassen sich, wie 
H. Frank und K. Steinbuch ge- 
zeigt haben, mittels Lernmatrizen 
im (nachrichten-) technischen Modell 
nachbilden. 

Vgl. Steinbuch, K„ und Frank, 
H, 1961. 

Programm, motorisches 

Eine endliche Folge von Befehlen 
(Instruktionen), die der •» Opera- 
tor eines -* K-Organismus gespei- 
chert hat und deren schrittweise 
Eingabe in den -*■ Effektor dieses 
Organismus zur zielgerichteten 
Außenweltveränderung des Orga- 
nismus führt. 

Durch das m. P. wird die vom 
Operator des K- Organismus auf- 
gebaute -*■ Handlungsantiztpation 
operativ fixiert. Bei Realisierung 
des m. P. führen die einzelnen Pro- 
grammschritte zu Tcilaktionen, die 
insgesamt die außen weltverändern- 
de, der Handlungsantizipation ent- 
sprechende Gesamtaktion bewirken. 

Speichertheorie (des Gedächtnisses) 

Inbegriff solcher theoretischen Mo- 
dellvorstellungen und technischen 
Realisationen derselben, welche das 
-» Gedächtnis und seine Funktio- 
nen mit informationspsychologi- 
schen Methoden sowie unter Ver- 
wendung des kybernetischen Rück- 
koppelungsprinzips als Gesamt- 
system von Informationsspeichern 
innerhalb eines nach richtenverar- 
beitenden ( Super- )Sy stems darstel- 
len. 

Über die physiologischen Korre- 
late menschlicher (und tierischer) 
Gedächtnisleistungen und -funktio- 
nen ist noch wenig bekannt. Indes 
sind im Zuge des Aufstiegs der 
Kybernetik in den letzten fünfzehn 
Jahren zahlreiche theoretische und 



350 



Glossarium zum K-ModeU 



technische Analogiemodelle dieser 
Funktionen entwickelt worden. Das 
menschliche Gedächtnis wird dabei 
funktionell oft auf ein hierarchi- 
sches System von Informationsspei- 
chern abgebildet, die der Aufbe- 
wahrung von Nachrichten dienen. 
Das Speichersystem tauscht mit 
dem Gegenwärtigungsbereich „Kurz- 
Speicher" metnoriale Information 
(-*- Information, memortale) aus 
und liefert dem letzteren insbeson- 
dere solche Nachrichten, die die 
zielgerichtete Manipulation der per- 
zepru eilen Außenweltmodelle im 
■H» Operator des -*■ K-Organismus 
zum Zwecke des Entwurfs moriva- 
tionsgerechter prospektiver Außen- 
wejfmodelle und des Aufbaus mo- 
torischer Programme (-*■ Programm, 
motorisches) zur Realisierung der- 
selben ermöglichen. 

Das dem Gegenwärtigungsbereich 
als dem operativen Zentrum am 
engsten angeschlossene („vorbe- 
wußte" Untersystem ist nach H, 
Frank der Kurzspeicher { Kurzzeit- 
gedächtnis), dem seinerseits, vom 
Gegenwärtigungsbereidb aus be- 
trachtet, das io hierarchisch geord- 
nete Subsysteme auf strukturierbare 
Untersystem des Langzeitspeichers 
(Langzeitgedächtnis) nachgeschaltet 
ist. Dieses Modell entspricht weit- 
gehend dem Aufbau und der Funk- 
tionsweise des Speicherwerks einer 
digitalen Informationsverarbeitung?- 
anläge, deren wichtigste Zustands- 
parameter die Speieberkapazität 
(Maximalzahl der speicherbaren 
Bits) und die Zugriffszeit (Zeit zum 
Ansteuern einer Speicherzelle) sind. 

Da größere Speicherkapazität län- 
gere Zugriffszeit bedeutet, und um- 
gekehrt, wird das Hierarchiesystem 
so eingerichtet, daß derjenige Spei- 
cher, der die kürzeste Zugriffszeit 



und dementsprechend die kleinste 
Kapazität besitzt, am engsten an 
das Rechenwerk und damit an 
das operative Zentrum angeschlos- 
sen ist. Mit diesem Schnell Speicher 
kommuniziert unmittelbar der Spei- 
cher der nächstgrößeren Zugriffs- 
zeit usw. bis hin zu dem (bei hoch- 
leistungsfähigen Digital anlagen .10' 
und mehr Bits aufnehmenden) 
Massenspeicher mit vergleichsweise 
selten abzurufenden Informationen. 

Nach dem K-Motivationsmodell 
(— Motivator; -*■ Information, mo- 
tiozeptive scheint es zweckmäßig 
zu sein, außer dem zum Operator 
gehörigen Speichersystem des Ge- 
dächtnisses noch einen zum Moti- 
vator gehörigen Speicher anzuneh- 
men, der das dem K-Organismus 
zur Verfügung stehende Repertoire 
von unterscheidbaren Morivations- 
klassen beinhaltet, Beide Speicher- 
systeme werden bei natürlichen 
K-Organismen in Lernprozessen 
aufgebaut und sind im allgemeinen 
dauernden Veränderungen unter- 
worfen. 

Vgl. Frank, R, 1961a. 

Sphäre, semantische 

Die Gesamtheit der durch semanti- 
sehe Belegung {Zeichenbesetzung) 
materieller Information (-*■ J«for- 
mation, materielle) von einem Per- 
zipienten in jedem Zeitelement sei- 
ner Perzeption aufgebauten seman- 
tischen Information. 

Superprogramm 

Für ein (künstliches oder auch na- 
türliches) datenverarbeitendes Sy- 
stem ein Programm (bei -*■ K-Or- 
ganismen ein Operatorprogramm), 
das aus nicht detaillierten Opera- 
tionsanweisungen besteht, aufgrund 
deren das Datenverarbeitungssystem 



Glossarium zum K-Modell 



351 



(bei K-Organismen der -» Opera- 
tor) selbsttätig, gegebenenfalls un- 
ter Verwendung von Zufallsorga- 
nen { Zufallszahlengenerator) . die 
tatsächliche Gesamtfolge der zur 
Zielerreichung (Problemlösung) er- 
forderlichen Primitiv- oder Elemen- 
taroperationen herstellt , 

Im Zusammenhang größerer 
Aufgaben kl assen treten Mutig 
gleiche Parti alfolgen von Primitiv- 
operationen aui. Diese Folgen wer- 
den zweckmäßig aJs Unterprogram- 
me der 1. Hierarchiestufe gespei- 
chert. Entsprechende Parti alfolgen 
von Unterprogrammen der 1. Hie* 
rarchiestuie sind in gleicher Weise 
als Untetprogramme der 2. Hierar- 
chiestufe speicherbar usf. Innerhalb 
der so aufgebauten Frogrammhie- 
rarchie sorgen Sprungbefehle für 
den Übergang von einer Hierarchie- 
stufe zu einer anderen. Das Daten- 
verarbeiturigs System vermag dann 
aufgrund eines Hauptprogramms 
der obersten Hierarchiestufe, eben 
des S.j automatisch sein detailliertes 
Programm aufzubauen und zu reali- 
sieren, wobei etwaige Operationale 
FreiheksspieUäume die Erzeugung 
von Zufallsoperationen nötig ma- 
chen. Für die letzteren können ge- 
wisse einschränkende Bedingungen 
vorgesehen weiden. 

Durch Verwendung von Unter- 
programmen im Rahmen von 
Haupt- oder Superprogrammen 
kann die am Schaltungsaufwand 
gemessene Ökonomie des Daten - 
verarbeitungssy stems wesentlich er- 
höht werden. Eine besonders wich- 
tige Art der S. bilden die heuristi- 
schen Programme, bei denen das 

Informationsverarbeitungssystem 
zielansieuernde Verfahren des me- 
thodischen Probieren? anwendet. 



Eine bedeutende Aufgabe der Theo- 
rie und Technik der Datenverar- 
beitungsanlagen besteht in der Kon- 
struktion künstlicher Systeme, die 
sich auf Grund allgemeiner Aufga- 
benstellungen automatisch ihre heu- 
ristischen Programme aufbauen. 

Vgl. Hoffmann, W., 1962. 

System, homöostatisches 

Ein zumeist hochkomplexes Mehr- 
fachregelungssystem, bei dem be- 
stimmte funktionswiebtige Variable 
gegen Störeinflüsse (quasi-)konstant 
gehalten werden. 

Wird ein bestimmtes Regelungs- 
unrersystem S, eines hömöos tati- 
schen Systems S infolge äußerer 
Störeinflüsse dergestalt belastet, daß 
die Parameter-Istwerte von 5 t stark 
von ihren optimalen Sollwetten ab- 
weichen, und gelingt es innerhalb 
von Si nicht, diese Störungen aus- 
zuregeln, so wird ein zweites Rege- 
lungsuntersystem 5 S von 5 in Rich- 
tung auf Restabilisierung von 5( 
und damit auch von S wirksam, in- 
dem die Regelgrößen-Istwerte von 
S s sich in bestimmter Richtung 
und bestimmtem Grade von ihren 
unter Normalbedingungen optima- 
len Sollwerten entfernen. Die so 
zwischen Regelungsuntersystemen 
eines Gesamtsystems mögliche 
wechselseitig kompensatorische Ent- 
lastung bewirkt bei natürlichen ho- 
moosta tischen Systemen, daß im 
Gesamtsystem bestimmte lebens- 
wichtige Grundparamter konstant 
oder doch in für das Weitetbes te- 
ilen des Systems zulässigen Grenzen 
gehalten werden. Homöostatische 
Systeme besitzen mithin die Fähig- 
keit det Anpassung an Außenwelt- 
veränderangen durch Selbs [Stabili- 
sierung. 



Anhang II 

zu den Abschnitten 2.1.2 und 3.2.1 

Eine Korrespondenz zur Attributenabschätzung 

Der vorliegende Anhang enthält Auszüge aus einer Korrespondenz, die ich 
im Jahre 1967 mit Herrn Prof. Dr. C. F. Frhr. von Weizsäcker und sei- 
nem Mitarbeiter Dipl.-Phys. Dr. M. Drieschner hatte. Sie bezog sich auf 
die Frage nach einer möglichen Abschätzung der Attributen- Maximalzahl 
des Systems „Welt" auf der Grundlage der von Weizsäckers chen Theorie 
der Uralternativen, die ihrerseits auf quanten theoretischen Grundannahmen 
aufbaut. Eine eng mit den von WEizsÄCKERschen Überlegungen zusam- 
menhängende finitisrische Axiomatik der Quantentheorie hat Drieschner 
in seiner Hamburger Dissertation „Quantum meebanics as a general 
theory o{ objeetwe prediction" 1970 vorgelegt. Der an dem angedeuteten 
Fragenkreis interessierte Leser findet in von Weizsäckers Buch „Die Ein- 
heit der Natur" (1971 im Carl-Hanser- Verlag, München, erschienen), 
p. 249 — 275, eine umgangssprachliche Darstellung der DaiESCHNERschen 
PostuJäte und Axiome im Zusammenhang mit kosmologischen Überle- 
gungen, wie sie Herr von Weizsäcker erstmals in seinem bekannten Vor- 
trag auf der Münchener Physiker-Tagung 1966 dargelegt und bald darauf 
in einer mir freundlicherweise zur Verfügung gestellten umfassenden Pro- 
gramm Studie „Arbeitsnotizen über Uralternativen* festgehalten hat. Be- 
züglich der theoretischen Voraussetzungen der in dem Briefwechsel ge- 
äußerten Gedanken muß auf die genannten Veröffentlichungen verwiesen 
werden. 

Schreiben des Verfassers an von Weizsäcker vom 4. Februar 1967: 

Mir geht es im Zusammenhang mit Ihrem Weltmodell -Entwurf um 

folgendes. Angenommen, es könne sinnvoll von der Gesamtheit %w aller 
überhaupt möglichen Attribute der phänomenalen Weit gesprochen wer- 
den, und vorausgesetzt, diese Anzahl, \%p\, sei endlich. Ich decke mir dann 
die Gesamtheit Stp aller solcher Attribute, die sich auf den physikalischen 
Aspekt der phänomenalen Welt beziehen, durch die also diese Welt in 
ihrer (materiell-)energetiscben Erscheinungsweise vollständig dargestellt 
werden kann (zu den Attributen seien auch Individuen als Attribute nullter 
Stufe gezählt). 

Könnte vielleicht folgende Abschätzung von %p gewagt werden? Sie be- 
rechnen auf der Grundlage des Heisenbergschen Unschärfeprinzips die Ge- 



Eine Korrespondenz zur Attributenabschätzung 353 

samtheit der überhaupt experimentell unterscheidbaren Ja-Nein- Alternativen 
zu 10 1M (die wahrscheinliche Zeitabhängigkeit dieser Zahl sei im Augen- 
blick vernachlässigt). Die vollständige Lokalisierung der physikalischen 
Welt in einem endüchdirnerisionalen elementaren Zustandsraum würde 
hiernach 10 12D , diejenige z. B. eines Protons oder Elektrons IQ 4 " solcher 
Altern ariventsch ei düngen erfordern. Die physikalische Welt als Ganzes 
„besteht aus" 10 lä0 , das Proton aus t0*° Ur-Bausteinen, wobei Sie natür- 
lich diese „Uren" nicht als materielle Entitäten, sondern — und hier kann 
ich nur Vermutungen aussprechen, weil mir die Informationen fehlen — 
wohl als physikalische Attribute nullter Stufe, d. h. als physikalische Indi- 
viduen, betrachten. 

Sollte diese Vermutung richtig sein, ließe sich dann folgendes sagen? 
Läßt man auch ein-, zwei-, drei- usw. bis n- stellige Attribute (also Eigen- 
schaften der Individuen und Relationen zwischen Individuen) der ersten 
(prädikatenlogischen) Stufe zu, so ergibt sich als Attributenzahl 

2 = a+2°+2<* , >+2< a ')+ . . . +ÄW* 

mit a = IQ 11 ". Läßt man schließlich Attribute auch der zweiten, dritten 
usw. Stufe zu, so gehen ersichtlich die Zahlen, obgleich bei endlicher Stu- 
fenzahl finit bleibend, ins Phantastische. Man könnte dann sagen, daß 
die tatsächliche „attributive Erstellung" der physikalischen Welt auf dem 
äußerst selektiven Verhalten des Menschen beruht, und zwar in Verbin- 
dung mit einer enormen Fähigkeit zur Bildung von Abstraktionsklassen 
und zur Herstellung logisch (-deduktiver) Zusammenhänge zwischen sol- 
chen A nri huck lassen. 

Schreiben von Weizsäckers an den Verfasser vom H. Februar 1967: 
(mit Zusendung der „Arbeitsnotizen") 

. , . Ich nehme an, daß sich eine Schätzung von der Art, wie Sie sie machen, 
darauf (auf dem Uralternativenkonzept, H. St.) in der Tat aufbauen läßt, 
muß aber zwei Einschränkungen machen. 

1. Die Quantentheorie läßt sich nicht mit einem Booleschen Verband 
von Grundaussagen formulieren (Quantenlogik). Das mag auch auf Ab- 
schätzungen der von Ihnen vorgeschlagenen Art zurückwirken. Ich habe mir 
das Problem aber selbst bisher nicht überlegt. 

2. Meiner philosophischen Einstellung würde es entsprechen, nur sol- 
che Attribute einzuführen, für welche grundsätzlich ein Entscheidungs- 
verfahren über ihr Vorliegen oder NichtVorliegen angegeben werden kann. 
Daraus wird vermutlich folgen, daß die Menge der mehrstelligen Attribute 
die der einstelligen nullter Stufe nicht übersteigen kann, weil letztere bei 
der Entscheidung unentbehrlich sind. Dieser Gedanke greift aber offen- 
sichtlich tief in die Logik ein. Er ist dem Intuitionismus näher benachbart 
als der klassischen Logik. Auch hier habe ich die Konsequenzen bisher 
nicht zu Ende zu denken vermocht, möchte aber den Hinweis geben. . . . 



354 Eine Korrespondenz zur Attributenabschätzung 

Schreiben des Verfassers an vonWeizsäcker vorn 1. März 1967: 

(mit dem nachstehend im Auszug wiedergegebenen Februar-Manuskript 
1967 als Anlage) 

. . . Das, was ich auf S. 2 meines Manuskripts die „Immanenzvorausset- 
zung" nenne, ist bei einem Ab seh ätzungs versuch naturgemäß von zentraler 
Stellung. Ich bin mir allerdings nicht ganz klar darüber geworden, ob 
und inwieweit Sie tatsächlich von dieser Voraussetzung ausgehen. Ihre 
Bemerkung S. 8 der „Arbeitsnotizen": „daß wir die Semantik nicht außer- 
halb der Welt der Objekte (in einer cartesi sehen res cogitans) zu lokali- 
sieren brauchen" scheint für einen solchen Ausgangspunkt zu sprechen, 
aber ich möchte wegen der logischen Folgen, wie ich sie jedenfalls sehen 
zu müssen glaube, doch nicht dahin interpretieren. . . . 

Aas dem Vebruar-Manuskript 1967 des Verfassers „Bemerkungen 
zu den von Weizsä'ckerschen Arbeitsnotizen über JJ r alternativ en" : 

... Als handelndes, aber auch bereits als erkennendes Ich erlebe ich mich 
wesentlich als etwas, das entscheidet (Entscheidungen trifft). Ich erlebe 
dabei die Verläßlichkeit und Ordnung meines Entscheidens als notwendig 
für die Verläßlichkeit und Ordnung meines (Weh-)Erkennens und damit 
für dieses Erkennen seihst. Die Ordnung meines Entscheidens aber fordert 
Eindeutigkeit und •unmißverständliche Ubersehbarke.it meinet Entscheidun- 
gen, Diese müssen mithin von hinreichend einfacher Form sein oder sich 
in eindeutiger und übersehbarer Weise auf Entscheidungen hinreichend 
einfacher Form zurückführen lassen. 

Die denkbar einfachste Entscheidungsform ist diejenige, die in der Wahl 
einer der beiden Möglichkeiten einer einfachen Alternative oder Ja- Nein - 
Alternative besteht. Diese Wahl heiße eine einfache Wahl, und zwar ent- 
weder eine (einfache) Ja-Wahl oder eine (einfache) Nein-Wahl. Steht ein 
Etwas, p, zur einfachen Wahl, so sei die auf p bezogene einfache Alter- 
native durch (p + , p~) symbolisiert, wo die Wahl von p + mit der Ja-Wahl 
(dementsprechend die Wahl von p~ mit der Nein-Wahl) von p zusammen- 
fällt. 

Nun ist mit (dem frühen) Wittgenstein die empirische Welt alles, was 
der Fall ist. Was der Fall ist, das ist der bestehende Sachverhalt, die Tat- 
sache. Diese aber ist meine Ja-Wahl bezüglich einer auf einen möglichen 
Sachverhalt bezogenen Alternative, die entweder eine einfache Alternative 
ist oder auf eine solche zurückgeführt werden kann. Dem Bestehen von 
Sachverhalten geht also logisch die Möglichkeit dieses Bestehens voran. 
„Welt" als Gesamtheit aller bestehenden Sachverhalte, aller Tatsachen, ist 
daher logisch immer bezogen auf einen MÖglicbkeitsraum. Dessen Dimen- 
sionszahl bei w verschiedenen Sachverhalten ist 2™. 

Kann ich bezüglich der empirischen Welt genau w mögliche Sachverhalte 
je einer einfachen Wahl unterwerfen, so beträgt die diesbezüglich der empi- 
rischen Welt durch mich entscheidbate Information genau w bit (vgl. die 
„Arbeitsnotizen", p. 4; dort ist für die derzeitige empirische Welt w = 
N^lQ t! ° ermittelt). 



Eine Korrespondenz zur Artrib Utenabschätzung 355 

Es werde folgende noch zu kritisierende „Immanenzvoraussetzung" for- 
muliert: Die bezüglich der "Welt als Objekt durch mich enrscheidbare Infor- 
mation sei die überhaupt in der Welt durch mich entscheidbare Informa- 
tion; in ihr soll sich mithin alle mir verfügbare Information erschöpfen. 

Die zentrale Frage; Wie viele Attribute können auf der Grundlage des 
von Weizsäckerschen Weltmodellentwurfs maximal der Welt zugesprochen 
werden? 

Vorbemerkungen zum Attributbegriff: Zu den Attributen der Welt 
gehören einmal die sämtlichen Individuen der Welt als Attribute nulher 
artributen- bzw. prädlkatertlogischer Stufe. Die sich hierin äußernde ato- 
mistische Erkenntnisposition wird durch die Argumente der „Arbeits- 
notizen" gestützt. Die im Sinne v. Weizsäckers „freien" Ur-Objekte kön- 
nen als die Welt-Individuen aufgefaßt werden. Zu den Attributen der 
Welt gehören ferner alle im noch anzugebenden Sinne strukturellen ein- 
und hö herstelligen Attribute (vorerst) der 1. attributen- bzw. prädikaten- 
logischen Stufe, die der Welt „sinnvoll", d. h. auf Grund empirischer 
Argumente, zugesprochen werden können (die hierin enthaltene erkennt- 
nis theoretische Problematik wird nicht übersehen; für die oben formu- 
lierte Hauptfrage darf sie vernachlässigt werden). 

Ein n-stelliges Attribut a (der 1 . Stufe) über einer Menge 9t von Indi- 
viduen jj, a it ...,ay ist dabei erklärt als eine Abbildung der Menge aller 
geordneten K-Tupel von 9t in die Menge {Ja, Nein} der beiden einfachen 
Wahlen oder Altemativwerte. Wie üblich werde für n = 1 von einer Eigen- 
schaft über 9t und für n > 1 von einer {«-steiligen) Relation über 9t ge- 
sprochen. Die Attribure sind also formale „Belegungen" der Gesamtmenge 
9t mit der Menge {Ja, Nein}. Die Frage nach der größtmöglichen Anzahl 
der Attribute der Welt ist damit identisch mit der Frage nach der Maximal- 
zahl der formalen Belegungen der Menge aller Ur- Objekte mit der Menge 
{Ja, Nein}, und zwar zuzüglich der Ur-Objekte selbst. 

Zunächst zwei Beispiele (von Strukturen) einfachster künstlicher 
„Weiten"; 

We/r,: Meine „Welt" bestehe aus genau einem einfachst möglichen 
oder Ur-Objekr, der „mit sich selbst durch die Zeit" identischen Ur-Alter- 
native a (die auch als „Elementarvolumen" im Sinne der „Arbeitsnotizen", 
p. 4, gedeutet werden kann). Zur „Entscheidung" 1 von a wird genau eine 
einfache Wahl benötigt, durch welche die als faktisch oder empirisch an- 
genommene We!t ; aus ihrem 2-dimensionalen Möglichkeitsraum M t = 
\{<a* ),(a~)\ „realisiert" wird. Gilt nun die Immanenzvoraussetzung (s.o.), 
d. h, erschöpft sich alle mir überhaupt verfügbare Information in dem 
einen Bit, so muß ich jedes mögliche neue Attribut 0, das ich der Welt, 
in der durch mich ja nur 1 bit entscheidbar ist, zuerkennen will, mit der 
schon vorliegenden Alternative (a^^a'") identifizieren. Mithin kann unter 
der Immanenzvoraussetzung die Zahl der Attribute der hier vorgestellten 
(kleinstmöglichen) „Welt" nicht größer sein als diejenige Zahl, die angibt, 
wie oft das Individuum a der Welt in unterscheidbarer Weise zukommen 
kann; und diese Zahl ist für Welt l gleich 1. 

Zi Stacbowiak, Möddlrheorir 




356 Eine Korrespondenz zur Artributenabschärzung 

We/(j: Meine „Welt" bestehe jetzt aus genau 2 Ur-Objekten a, und a t . 
Unter der Immanenzvoraussetzung sind dann durch mich genau 2 bit ent- 
scheidbar; der Möglichkeitsraum von Wek s läßt sich schreiben als M g == 
[(«i",«2"), {a+,ai), {a^,a}), (a^,a^)]. Es soll wieder geprüft werden, ob 
unter der Immanenzvoraussetzung ein mögliches neues Attribut der 
„Welt" zuerkannt werden kann. Zwei Fälle seien unterschieden: 

1. a ist ein Individuum. Dann ist a ein Ur-Objekt von Welt 2 . Da Welt* 
nur die Ur- Objekte a t , a% besitzt, muß a entweder mit a x oder mit a 2 zu- 
sammenfallen, oder a kann der Welt* nicht zukommen. 

2. a ist ein n-stelUges Attribut über 9t E = {a u a^} {n ^ 1), z. B. unter 
den 16 überhaupt möglichen 2 -stell igen Relationen übet 31» die Relation 

(Ol Hl 
nn 

Dann erfordert die Entscheidung zwischen (Rgj a 13 )+ und (R|j a t3 ) - in je- 
dem Fall mindestens 1 bit. Die beiden mir bezüglich Wek E überhaupt ver- 
fügbaren Bit sind jedoch bereits für (af,a^) und {a^,a^) „verbraucht". 
a kann daher nicht Welt B zukommen. 

Mithin ist auch für Welt* unter der Immanenzvoraussetzung kein 
neues Attribut „er stellbar" . Beide Ergebnisse (sie mögen trivial erscheinen 
oder nicht) dürfen wahrscheinlich (evidentermaßen?) auf den Fall beliebiger 
künstlich als „faktisch" angenommener Welten (genauer Weltstrukturen) 
verallgemeinert werden bis hin zu der einen derzeitigen natürlichen WeltA". 

Im Blick auf die Abschätzung der größtmöglichen Attributen zahl der 
natürlichen Welt kommt es also offenbar entscheidend darauf an, ob die 
Immanenzvoraussetzung haltbar ist, ob mir, anders gesagt, nicht etwa 
noch Information von „außerhalb" der Welt verfügbar ist, ob ich nicht 
z, B. einfache Entscheidungen über einfache Entscheidungen, d. h. Entschei- 
dungen der Art^a + , a~)rait ot.—(a + 7 a~) treffen kann (vielleicht in gewis- 
sem Sinne treffen muß), so daß durch mich mehr als N bit Information 
bezüglich der Welt entscheidbar sind — entgegen der Immanenzvoraus- 
setzung. 

Zweifel gegen die letztere melden sich nun in der Tat bereits aus 
logischen Gründen an. Wollte man nämlich höhersnifige Entscheidungen 
der vorgenannten Art bezüglich der Welt ausschließen, so würde dies 
schwerwiegende Widersprüche nach sich ziehen. Es wäre mir dann erlaubt, 
die Klasse aller durch mich in der Welt entscheid baten Alternativen selbst 
als entscheidbare Alternative zu betrachten, nämlich als die Alternative, 
deren Ja-Wahl ich benötige, um überhaupt Alternativentscheidungen tref- 
fen zu können. Wie soll ich über auch nur 1 bit Information verfügen 
können, wenn ich nicht vorgängig die Information höheren logischen Ty- 
pus" darüber gewinnen kann, daß ich über 1 bit Information verfügen 



Eine Korrespondenz zur Attributenabschätzung 357 

kann. Dieser Einwand hat keineswegs nur eine psychologische Seite. Er 
stützt sich nicht etwa nur darauf, daß es bei der Informationsausschöpfung 
durch midi kritischer Reflexion über meine Operationen bedarf. Denn 
grundsätzlich können die in form arion sausschöpfen den und -wählenden 
Operationen an Maschinen delegiert werden. Im Falle solcher Delegation 
liegt das notwendige Mehr an Information in derjenigen Information, die 
ia die Maschine „gesteckt" werden mußte, damit diese „Entscheidungen 
treffen" kann (und seien es nur Entscheidungen mittels Zufallsgenerator). 
Wollte man jedoch alle diese „semantikgebundene Information", wie es 
von Weizsäcker („Arbeitsnotizen", p. 9) vorschlägt, zu der (damit quanten- 
theoretisch statistisch gemischten) Welt zählen, so wäre die Welt — oder 
vielmehr mein sprachliches oder gedankliches Modell der Welr — seman- 
tisch abgeschlossen (Tarski). Die aus logischer Sprachanalyse erwachsene 
Grundforderung lautet aber, keine semantisch abgeschlossenen Systeme 
zuzulassen, diese seien Sprach- oder (hinzugefügt ohne Affront gegen logi- 
schen Purismus!) Denksysreme. Semantisch abgeschlossene Systeme sind 
anti nomisch. 

Erst dann, wenn die Immanenz Voraussetzung, welche empirischen Ar- 
gumente diese immer für sich beansprucht, fallengelassen ist, dürfte der 
Weg frei sein für die notwendige Unterscheidung der Welt -Altern ad ven 
und damit der Welt-Attribute nach logischen Typen, und erst auf diesem 
Weg dürfte eine semantisch konsistente „Attribuierung" der empirisch er- 
schlossenen Welr überhaupt anvisiert werden können. Die von Weizsäcker- 
sche Zahl NäjIG 180 scheint mithin ausschließlich Welt-Attribute nulltet 
Stufe zu betreffen, d. h. lediglich die Individuen-Basis eines semantisch 
hierarchisierten, nach oben unbegrenzten Systems von Welt-Attributen zu 
quantifizieren. 

Erst die Aufhebung der Immanenzforderung gestattet die beliebige 
Erweiterbarkjs.it der Menge der Ur-Alternativen. Dies jedoch vorbehaltlich 
eines Einwandes, den von Weizsäcker angedeutet hat (Schreiben vom 
8. Februar 1967). Hiernach ist jene Erweite rbarkeit möglicherweise dadurch 
in Frage gestellt, daß die Attribute nullter Stufe (also die Ur-Alrernativen 
bzw. Ur-Objekte) bei der Entscheidung darüber, ob ein ein- oder mehr- 
stelliges Attribut det Welt zukommt oder nicht, unentbehrlich sind (sofern 
nämlich nur Attribute zugelassen werden, für die „grundsätzlich ein Ent- 
sdieidungs verfahren über ihr Vorliegen oder Nicbrvo fliegen angegeben 
werden kann" (p. 1 des Schreibens). 

Tatsächlich scheint solche Unentbehrlichkeit mit der attributiven Er- 
weiterbarkeir der Ur- Objekt-Menge nicht unverträglich. Dies sei am Bei- 
spiel Weltj verdeutlicht: Sei Rm wieder eine 2-srellige Relation übet 91™ = 
{a u a?}. Sicherlich muß ich, um die einfache Alternative ((R^) + , (Rcr e )~) 
entscheiden zu können (auf die Angabe der Nummer der Relation sei ver- 
zichtet), vorangehend über die Ur-Objekte a 1; a t entschieden haben; letztere 
sind in diesem Sinne unentbehrlich. Hieraus kann aber nicht {«„ a t , Rcr.) 
£ {a lt 3 S } folgen. (Bei den zuletzt angestellten Überlegungen habe ich 
allerdings das ungute Gefühl, den im Schreiben vom S. Februar 1967 gege- 

13* 



358 Eine Korrespondenz zur Attributen abschätz ung 

benen quaatenlogischen Hinweis noch nicht genügend berücksichtigt zu 
haben,) 

Vorbehaltlich weiterer Überlegungen darf vielleicht zusammenfassend 
die Berechtigung der folgenden allgemeinen Abscbätzungsformel für die 
Attributenmaxi malzahl der aus N Ur-Objekten basal aufgebauten tatsäch- 
lichen Welt bei der höchsten Stetlenzahl n der Attribute über der Menge 
dieser Ur-Objekte vermutet werden: 

2^=N+2^+2W«) + , . . +2 <*">. 

Ein aus empirischen Gründen begrenztes n ist nicht zu vermuten. Läßt man 
n die Folge der natürlichen Zahlen durchlaufen, so ergibt sich z = K a . 
Durchläuft überdies (unter der Annahme eines unendlichen Alters der — 
expandierenden — Welt) auch N die Folge der natürlichen Zahlen, so 
wird z über abzählbar unendlich. (Die Beweise sind leicht durch vollständige 
Induktion zu erbringen; zur Attributentheorie vgl. etwa H. Scholz' und 
G. Hasenjaegers „Grundzüge der mathematischen Logik", Berlin — Göttin- 
gen — Heidelberg 1961, insbes. p. 131.) 

Wie hängen schließlich die für die Welt bestehenden Sachverhalte (die 
„Tatsachen" Wittgensteins) mit den der Welt zukommenden Attributen 
zusammen? 

Unter einem möglichen Sachverhalt war alles sinnvoll Denkbare, näm- 
lich: alles innerhalb eines logisch konsistenten „coneeptuat framework" 
Ausdrückbare, was für mich bezüglich der Welt einfach-alternativ ent- 
scheidbar isr (was ich bezüglich der Welt einer einfachen Ward unterwerfen 
kann), zu verstehen; und ein bestehender Sachverhalt war in ebendiesem 
Sinne als Ja- Wahl einet einfachen Alternative aufgefaßt worden. 

Nun gibt es elementare („atomare") und zusammengesetzte („moleku- 
lare") Sachverhalte. Nut die ersteren sind formal (logisch) irreduzibel. Sie 
sind bezüglich der wirklichen Wek dadurch charakterisiert, daß keine zwei 
elementaren Sachverhalte det gleichen Dimension des Welt-Möglichkeits- 
raumes angehören, alle elementaren Sachverhalte also (in diesem Sinne) 
voneinander unabhängig sind. Zwei elementare Sachverhalte, die der glei- 
chen Dimension des Welt-Möglichkeitsraumes angehören, sind, anders 
gesagt, miteinander unverträglich (vgl. Wittgensteins „Tractatus" sowie 
E. Stenius' „Wittgenstein' s Tractatus. A CTttical exposilion of the main 
lines of thought"; Oxford 1960). 

Ihrer logischen Form nach sind elementare Sachverhalte aus sogenann- 
ten einfachen Dingen zusammengesetzt. Dinge sind hier: Nicht-Tatsachen, 
logisches Baumaterial für Sachverhalte. Die einfachen Dinge sind 1. die 
allen möglichen Welten zugesprochenen Individuen als potentielle Eigen- 
schafts- und Relationen träger, 2. die allen diesen Welten zusprecht) aren 
Eigenschaften und Relationen über jener Individuenmenge. Diese Indivi- 
duen, Eigenschaften und Relationen bilden nach Wittgenstein die „Sub- 
stanz" der (faktischen wie jeder anderen möglichen) Welt, und aus dieser 
Substanz konstituieren die sämtlichen möglichen elementaren Sachverhalte 
den logischen Fundamentalraum der Gesamtheit der möglichen Welten. 



Eine Korrespondenz zur Attributenabschärzüng 359 

Jeder elementare Sachverhalt wird dabei durch einen Elementarsatz aus- 
gedrückt (einen Satz, der aus einem w-stelligen Prädikat und n Individuen 
besteht). Der logische Fundamentalraum besitzt bei w verschiedenen ele- 
mentaren Sachverhalten genau halb so viele Dimensionen wie der Z^-di- 
mensionale Möglichkeitsraum, ist also 2 13 " 1 -dimensional, da im logischen 
Fundamentalraum bezüglich eines jeden Sachverhalts dessen Nichtbestehen 
als Negation des sein Bestehen ausdrückenden Elementarsatzes formuliert 
und damit auf jene „atomare" Bestehens aussage reduziert Wlfii 

Betrachtet man gemäß dem Modeilansarz von Weizsäckers anstelle 
„aller möglichen Welten" enger „alle möglichen Welten mit genau (maxi- 
mal und minimal) NäsIO 120 Uralternativen" — kurz N- Welten genannt — , 
so dürfte z die Maximalzahl der Wittgenstemschen Dinge angeben, 6it 
verfügbare „Weltsubstanz" (Einzeldinge, Eigenschaften und Relationen), 
woraus alle möglichen elementaren Sachverhalte einer beliebigen unter den 
N- Welten aufgebaut werden können. 

Die so aufgebauten, auf die eine empirische oder faktische N-Welt 
(deren Einzigkeit vorausgesetzt) bezogenen, für diese Welt bestehenden 
sämtlichen elementaren Sachverhalte bilden dann jedenfalls einen Unter- 
raum des (auf jede N-Welt bezogenen) l^-dimensionalen Möglichkeits- 
raumes, Dieser „faktische" Unterraum stellt weiter die Basis dar für den 
(wahrscheinlich nicht eindeutigen) Aufbau der Gesamtheit der zusammen- 
gesetzten Tatsachen, d, h. sprachlich; der „molekularen" Verknüpfungen 
der die bestehenden Sachverhalte ausdrückenden (in einer zweiwertigen 
Logik „wahren") Elementarsätze (wobei ich wie schon im Falle der elemen- 
taren Sachverhalte auch hier etwaige quantenlogische, nicht-Boolesche Kor- 
rekturen außer acht lasse). 

Camaps Theorie der logischen Spielräume könnte prinzipiell zur nähe- 
ren Beschreibung der faktischen N-Welt benutzt werden. Das letztlich auf 
Wirtgenstein zurückgehende Camapsche Konzept bietet sich jedenfalls an. 
Nicht nur die Schwierigkeiten der induktiven Logik im Zusammenhang 
mit der Problematik der Kemeny-Carnapschen Bedeumngspostulate zei- 
gen jedoch, wie weit die Bemühungen det Logiker noch davon entfernr 
sind, im Sinne Wittgensteins genügend reichhaltige Sprachen aufzubauen, 
die also etwa ein quantenmechanisches Objekt, z.B. ein Fermion, über der 
Gesamtheit der Uralternativen der Welt mittels pünktlich übersehbarer 
Zusrandsbeschreibungen darzustellen vermögen, Entsprechendes gilt erst 
recht für die im Grundsatz gleichfalls zuständige Theorie der semantischen 
Information Camaps und rvar-Hillels. Eine Informationstheorie dieser Art 
wäre jedenfalls, strenggenommen, nötig, um die Welt als informationelles 
System wie auch jedes ihrer Teilsysteme exakt, d. h, „sprachkritisch in 
Fragen der Semantik", quantifizieren zu können. 

Endlich sei daran erinnert, daß die im Schlußteil dieser „Bemerkun- 
gen" zur Frage des Verhältnisses zwischen Sachverhalten und Attributen 
angestellten Überlegungen noch nicht die zweite oder eine höhere attribu- 
ten- bzw. prädikaten theoretische Stufe berühren. Eine der angegebenen 
Formel für z entsprechende, stufenlogisch verallgemeinerte Abschätzungs- 
fortnel würde für endliches N und endliches n zwar immer noch finita. 



36"0 Eine Korrespondenz zur Attributenabschätzujig 

jedoch phantastische Größenordnungen liefern. Die zugehörigen transfini- 
ten Fälle bedürften besonderer Untersuchung. 

Es liegt auf der Hand, daß erkenntnistheoretisch gerade die Wek- 
attribute höherer Stufen größtes Interesse verdienen, und mir scheint, 
1. daß es sinnvoll ist, auch in Ansehung einer von Weizsäckerstilen N-Weit 
von höherstufigen Attributen zu sprechen, und 2. daß es ungerechtfertigt 
ist, die Atmbutenbit düng höherer Stufen (über dem elementaren Baumate- 
rial dieser Welt) „nach oben" zu begrenzen. 

Vielleicht setzt erst von der zweiten Stufe der Attributenbildung an 
dasjenige überhaupt ein, was man vielleicht als eine Art „Welrweisheic" 
des Erkenn nnssubjekts nennen könnte. Dann wäre es vielleicht nicht ab- 
surd, die auf einen bestimmten oder auch auf den je im geschichtlichen 
Zeitstrom stehenden erkennenden Menschen bezogene durchschnitdiche 
Stufenzahl bzw. -höhe theoretischer Modellbildung in eine Maßbestim- 
mung, zumindest Schätzung der „Weltweisheit" dieses Menschen einzu- 
beziehen. , . . 

Schreiben Driescbners an den Verfasser vom 26. September 1967: 

. . . zur Terminologie: Eine «-fache Alternative ist eine Menge von n (empi- 
rischen) Aussagen, für die gilt: Ist eine von ihnen wahr, dann sind alle 
anderen falsch; sind alle bis auf eine falsch, dann ist diese eine wahr. Es 
handelt sich hier also um eine Erweiterung des üblichen Begriffs „Alter- 
native" mit zwei Möglichkeiten; in diesem Spezialfall (n = 2) soll die 
Alternative „ ein fach" heißen. 

Es sollen nur Alternativen betrachtet werden, die prinzipiell empirisch 
entscheidbar sind. „Entscheidung" bedeutet dabei nicht einen Willens akt, 
die Wahl zwischen verschiedenen Möglichkeiten, sondern für unsere 
Zwecke kann man „Entscheidung einer Alternative" ersetzen durch „Mes- 
sung einer Größe". Besonders in der klassischen Physik, die Sie vor allem 
im Auge zu haben scheinen, ist das Ergebnis einer solchen Entscheidung 
vom Willen des Entscheidenden ganz unabhängig; er kann die Messung als 
ganz passives Zur-Kenntnis-nehmen verstehen. 

Vielleicht ist der wichtigste Zug der Theorie der Aufbau auf letzten 
Aussagen: Eine letzte Aussage ist eine, die von keiner anderen über das- 
selbe Objekt impliziert wird. Den Überlegungen wird zugrunde gelegt, daß 
es zu jedem Objekt endliche letzte Alternativen gibt, also Alternativen, die 
nut aus endlich vielen letzten Aussagen bestehen. Außerdem gilt für die 
Zusammensetzung von Objekten: Die letzten Alternativen eines aus den 
Teilobjekten A und S zusammengesetzten Objekts sind die direkten Pro- 
dukte aus je einer letzten Alternative der Objekte A und B. (Sei z, B, 
/ a t , a t } eine letzte Alternative von A, {b u b?,b$} eine von S, dann ist 
{ff, fr,, ff, fr E , a , fr S i ffi fr,, a t bt, <h b 9 } eine letzte Alternative des Gesamt- 
objekts (A + B); hat A M-fache, B m-fache letzte Alternativen, dann hat 
(A 4- B) (n • m) -fache letzte Alterna rJvai.) 

Damit kann man die Zahl der möglichen (empirischen, physikalischen) 
Attribute schon angeben. Nehmen wir an, eine n-stellige Relation sei eine 



Eine Korrespondenz zur Attributenabschätzung 361 

Aussage, die man zusätzlich zu allen anderen Aussagen über die n in der 
Relation stehenden Objekte machen kann. Dann müßte, wenn a* eine 
letzte Aussage über das aus den ti Objekten bestehende Gesamtobjekt ist, 
zusätzlich die Relation R„ entweder wahr oder falsch sein können; es müß- 
ten also 3^ A R^ und fljt A R^ zwei mögliche Aussagen über das Gesamt- 
objekt sein. Diese implizieren aber beide &%, im Widerspruch zur Voraus- 
setzung, daß dfc eine letzte Aussage sei (also eine, die von keiner anderen 
Aussage über dasselbe Objekr impliziert wird). Die formulierte Annahme 
war also falsch. 

Das bedeutet nur, daß eine letzte Aussage sämtliche überhaupt mög- 
liche Information über ihr Objekt enthält. Letzte Aussagen über „klassische 
Dinge" sind also immer Idealisierungen; kein Ding kann vollständig be- 
grifflich erfaßt werden. In der Quantenmechanik sind letzte Aussagen aber 
exakt. 

Außerdem gilt, daß jede Aussage über ein Teilobjekt als Aussage 
über das Gesamtobjekt form ulierb ar ist. Da jedes Objekt Teilobjekt des 
Gesamtobjekrs „Welt" ist, wird also jede empirisch prüfbare Aussage von 
einer letzten Aussage über die Welt impliziert. 

Nun zur Abschätzung der Zahl der möglichen Aussagen: Das „Ende 
der Welt" ist heute vielleicht 10 e * km von hier entfernt. Die kleinste Länge, 
die man mit normalem Aufwand noch auflösen kann, ist 10"" cm (Radius 
des Nukleons), Die Welt besrehr also aus (10 4o ) s solchen Elementarzellen, 
und vielleicht ist es nicht unvernünftig, anzunehmen, daß deshalb in ihr 
10 1W) bits entscheidbar sind, und das so auszusprechen, daß sie aus 10 1M 
Ur- Objekten bestehe, . . , 

Eine letzte Alternative der Welt ist dann 2( '"'"'-fach, und jedes Element 
des über ihr errichteten Booleschen Verbandes ist auch eine mögliche Aus- 
sage. In der Quantenmechanik gibt es sogar immer mehrere lerzre Alter- 
nativen [nämlich inkommensurable Größen wie etwa Ort und Impuls], 
nach der üblichen Theorie sogar unendlich viele. Der Gesamtverband aller 
möglichen Aussagen ist dem Verband der Unrerräume eines 2''" l "'-dimen- 
sionalen Vekiorraums isomorph, also kein Boolescher Verband. Daher 
müßte man sich überlegen, ob man die Gesamtzahl aller formal möglichen 
Aussagen (Attribute) abschätzen will (die hier unendlich ist, was aber eine 
sehr formale Eigenschaft der „Welt" wäre) oder die Maximaizahl derer, 
zwischen denen man enrscheiden kann — also 2" '** , . 

Jedenfalls kommt man durch Bildung von «-stelligen Attributen nicht 
über diese Zahl hinaus, und auch die höherstufigen kann man nur ent- 
scheiden, indem man diejenigen erster Stufe entscheidet. Die Beschränkung 
auf (prinzipiell) empirisch prüfbare Aussagen scheint mir also gerade Ihre 
„Immanenzvoraussetzung" zu implizieren, ..." 

Zu der Korrespondenz, die mit diesem Schreiben abbrach, hatte Herr 
von Weizsäcker kurz zuvor, in einem Brief vom 22. Juni 1967, bemerkt: 
„Ich habe das Empfinden, daß wir nicht genau zusammentreffen, weil für 
meine Überlegungen der quantentheorerische Charakter fundamental ist." 
In det Tat sind die unterschiedlichen Ansatzpunkte und die sich hieraus 



3Ä2 Eine Korrespondenz zur Attributenabschärzung 

ergebenden Divergenzen nicht zu übersehen. Vom Standpunkt einer allge- 
meinen, srufentheoretisch angelegten Attributendieorie aus dürfte sich da- 
bei vor allem die „Immanenzvoraussetzung" der Uraltemativeutheorie als 
deren Hauptbelastungsmoment erweisen. Mir scheint, daß diese fundamen- 
tale Prämisse wesentlich äquivalent ist der Annahme eines Subjekts gegen- 
über dem Objekt „"Welt", das sich gleichwohl als seinem eigenen Objekt- 
bereich angehörend zu betrachten hat. Herr von Weizsäcker geht p. 265 
seines letzterwähnten Buches selbst auf die Schwierigkeiten einer „torat- 
kosmo logischen" Subjekt-Objckt-Relatiön ein („Es scheint philosophisch 
absurd, die Welt auf etwas zu reduzieren, was nur in einer Welt möglich 
ist"), sucht ihnen jedoch, orientiert an Grundannahmen der Quanten- 
theorie, durch teils iiberalisierende, teils restringierende Annahmen zu be- 
gegnen. Letzthin mündet die Problematik der „Immanenzvoraussetzung" 
in meralogische Fragen, die vielleicht primär mit der (Aristotelischen) Aus- 
klammerung von Reflexionsstrukturen oder ihrer noch kaum exakt gelei- 
steten expliziten Einbeziehung zusammenhängen. 

Mir schien es reizvoll, die gedankenreichen, höchst anregenden und 
empirisch begründeten Abschätzungen des Entseheiilungs- bzw. Informa- 
tionsgehalts der in ein Modell vom System typ 5'^"' (S. 310) abgebildeten 
„Welt" einer srufenlogisch generalisierten Maximalbestimmung möglicher 
Attribuierungen zugrunde zu legen. Vielleichr bieren die hier vorgelegten 
Korrespondenzauszüge dem einen oder anderen Leser instruktive Aspckre. 
Ich möchte an dieser Stelle den Herren von Weizsäcker und Drieschner 
für das freundliche Einverständnis mit der vorliegenden Veröffentlichung 
herzlich danken. 



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